
Die meisten EU-Mitgliedstaaten warnen ihre Bürger:innen ausdrücklich vor Reisen nach Russland. Auch für Doppelstaater:innen besteht die Gefahr willkürlicher Festnahmen, warnt etwa das Auswärtige Amt. Der Kreml schränkt zunehmend die Rechte der im Ausland lebenden russischen Bürger:innen ein, außerdem laufen sie beim Grenzübertritt vermehrt Gefahr, verhaftet und zwangsrekrutiert zu werden.
Trotzdem fahren immer noch Menschen über die Grenze. Weil sie das Risiko falsch einschätzen – oder weil sie aus familiären Gründen gar keine andere Wahl haben. Viele wissen, welchen Gefahren sie sich aussetzen und bereiten sich vor: Vor allem Handys werden gefilzt, also müssen verfängliche Daten und Apps runter. Die Vernehmungen der Grenzbeamten sind mittlerweile berüchtigt, also muss man sich schon vorher Antworten überlegen. Trotz Vorbereitung bleiben Grenzkontrollen Zitterpartien. Meduza hat ihre Leser:innen gebeten, über ihre Erfahrungen bei der Überquerung der russischen Staatsgrenze zu berichten.
Wir haben damit gerechnet, vor allem Zuschriften von russischen Staatsbürger:innen zu bekommen, die im Ausland leben und manchmal nach Russland reisen, aber uns erreichten auch zahlreiche Nachrichten von Menschen mit Wohnsitz in Russland, die in andere Länder reisen. Auch sie sind oft mit Schwierigkeiten beim Grenzübertritt konfrontiert. Dabei gab es auch viele Briefe, die berichteten, dass die Reise ruhig verlaufen sei.
Shenja
Meine letzte Einreise war im Herbst 2024. Ich habe elf Stunden am Kontrollpunkt gewartet. Zum Glück hatte meine Frau meinen Laptop bei sich behalten und hatte noch Zeit, alles zu löschen. Das waren die schlimmsten elf Stunden meines Lebens, weil diese animalische Angst einen auf alle möglichen Gedanken bringt. Ich hatte sowohl Chats als auch Zahlungsvorgänge [, für die man belangt werden könnte].
Dimitri I
Seit ich vor vier Jahren aus Russland weg bin, war ich drei Mal dort. Ich fahre hin, um meine Geschäfte zu regeln und meine Eltern zu besuchen. Alle drei Mal lief alles glatt, ohne Zwischenfälle. Keine unnötigen Befragungen. Ich wurde nur jedes Mal gefragt, auf welcher rechtlichen Grundlage ich in Europa lebe. Dann zeige ich meinen Aufenthaltstitel. Erstaunlich, dass ich nichts Negatives berichten kann, merkwürdig. Außer vielleicht, dass ich mir immer wie ein Tourist im eigenen Land vorkomme.
Arkadi
Ich war im Dezember 2025 einmal [in Russland] – das einzige Mal, seit ich 2022 nach Israel gezogen bin.
Ich habe mich gründlich vorbereitet. Ich bin in Russland zwar nie festgenommen worden oder sonst irgendwie unter Druck geraten, aber es gibt viele Posts, Fotos und Spenden, die ich ungern russischen Behörden zeigen würde. Außerdem bin ich eine Transperson, psychisch belastet und das macht bei jeder Kontrolle zusätzliche Probleme.
Auf die Reise nach Russland habe ich das alte Handy von meinem Bruder mitgenommen und russische Apps installiert, die ich früher benutzt habe. Zog Musik in den Speicher, um sie unterwegs zu hören, lud ein paar Bilder runter, meine Flugtickets, suchte, ob ich auch ja keine ukrainischen Nummern in meinen Kontakten hatte, gab ein paar random Suchanfragen bei Google ein, klickte mich bei YouTube durch, erstellte einen Suchverlauf, damit da was war, und fuhr los.
Mein Flugzeug landete um sieben Uhr morgens in Domodedowo, die nächsten fünf Stunden verbrachte ich mit allen möglichen Kontrollen. Bei der Passkontrolle stellte man mir viele merkwürdige Fragen: Was haben Sie in Polen gemacht? Ist das Ihr Ausweis? Sie haben sich sehr verändert (in meinem russischen Pass ist ein Foto vor der Hormontherapie, im israelischen danach). Aber die Daten waren in beiden gleich (ich hatte den Pass noch vor den repressiven Gesetzen erneuert), das erleichterte die Situation.
Nach der Passkontrolle wurde ich zum Sicherheitscheck gebracht und saß vier Stunden in einem mit Sesseln abgetrennten Pferch, aus dem sie einen einzeln in ein Büro riefen, befragten und die Handys durchsuchten. Mein Gespräch mit dem Grenzer lief ungefähr so ab:
„Wo sind denn deine ganzen Messenger? Wie kommunizierst du denn? Per Telefon?“
„Ja, schon.“
„Und wo sind deine sozialen Netzwerke?“
„Benutze ich nicht.“
„Und du hast wirklich kein anderes Handy?“
„Wirklich nicht.“
„Und wenn ich eins finde?“
„Finden Sie nicht.“
Dann kam ein zweiter Mitarbeiter und sagte: „Bring das halt zu Igor, er soll das durch sein Dings jagen (irgendeine Abkürzung, weiß ich nicht mehr), dauert nur fünf Minuten.“
Mein Handy wurde in ein anderes Büro gebracht und durch irgendein Gerät gejagt, das man anschließen konnte. Ich saß ohne Handy und Papiere in dem Kabuff und unterhielt mich mit den Leuten – die meisten, die dort saßen, hatten irgendwelche Verbindungen zur Ukraine oder keine russische Staatsbürgerschaft. Ich erinnere mich noch an eine Mutter und ihre erwachsene Tochter, die 2010 von der Krym ausgereist sind. Die Mutter hatte ukrainische und israelische Papiere, die Tochter nur israelische. „Sie wollen wissen, warum wir keinen russischen Pass haben, wenn wir doch von der Krym sind. Aber wir sind ja weg, bevor die Krym russisch wurde, versuch das mal, denen zu erklären.“
Alexander
Ich lebe in Russland und reise mehrmals im Jahr ins Ausland. 2023 wurde ich wegen „Diskreditierung der Armee“ belangt, 40.000 Rubel Strafe. Als ich im Herbst 2025 nach Paris geflogen bin, verlief die Passkontrolle problemlos.
Im August 2026 wollten wir von Mineralnyje Wody aus für drei Tage nach Armenien, ein bisschen Urlaub machen. Bei der Passkontrolle sagte die Grenzbeamtin zu mir, ich soll auf eine zusätzliche Kontrolle warten, und behielt meinen Pass bei sich. Ich wurde in ein Büro gerufen und sollte zwei Mitarbeitern mein Handy geben, entsperrt. Einer scrollte darin herum, der andere stellte Fragen: Wozu ich fliege, was ich von Beruf bin, was meine Eltern machen, welche Länder ich seit 2014 bereist habe, ob ich vorbestraft bin und ob ich Zugang zu Staatsgeheimnissen habe.
Sie notierten die IMEI-Nummer meines Handys. Dann sollte ich unterschreiben, dass ich mich bei der ersten Aufforderung einem Lügendetektortest unterziehe. Wenn ich nicht unterschreiben würde, sagten sie, würde ich noch drei Stunden hier sitzen und meinen Flug verpassen. Ich unterschrieb. Dann schickten sie mich wieder raus, aber mein Handy blieb da. Ich nehme an, sie haben alle meine Daten kopiert, um sie später gründlich zu durchsuchen. Vielleicht haben sie auch irgendwas von sich da installiert … wer weiß.
Auf dem Rückweg (drei Tage später) gab es keine Fragen mehr, aber das Handy nahmen sie mir wieder für etwa 40 Minuten ab (entsperrt).
Iwan I
Ich lebe schon seit sieben Jahren in Deutschland, und besuche ungefähr einmal im Jahr in Russland meine Eltern. Eigentlich hatte ich nie Probleme an der Grenze, deshalb habe ich mich nicht besonders vorbereitet, nichts von meinem Handy gelöscht, hatte nicht das Gefühl, dass ich irgendwas verbergen müsste. Aber diesmal baten sie mich nach der Passkontrolle, einen Moment zu warten. Dann kam ein Mitarbeiter zu mir und fragte, ob ich ein zweites Telefon hätte. Ich sagte nein.
„Und alte Handys?“
Ich sagte, nur ein altes iPhone mit kaputtem Display zu Hause.
„Wo genau zu Hause?“, wollte er wissen.
Zuerst dachte ich mir nichts dabei und sagte, in der Schreibtischschublade. Sie brachten mich in einen Raum und wollten, dass ich mein jetziges Handy entsperre. Der Mitarbeiter blätterte ziemlich lange in meinen Fotos. Da war nichts Besonderes: Urlaub, Essen, Freunde, Screenshots. Er blieb bei einem Foto hängen, auf dem ich in Berlin vor ein paar Müllcontainern stehe.
„Warum lassen Sie sich mit Müllcontainern fotografieren?“
Ich erklärte, dass ein Kumpel mich zufällig auf dem Heimweg geknipst hätte.
„Zufällig?“
Er ließ mich das Aufnahmedatum öffnen. Dann den GPS-Standort. Dann zoomte er einen der Container heran. Da klebte ein Antikriegs-Sticker.
Der war mir vorher nicht aufgefallen. Der Beamte fragte: „Sind Sie auch dafür?“
Ich sagte, ja, ich sei auch für Mülltrennung.
„Wie meinen Sie das?“, wollte er wissen.
Also erklärte ich ihm das deutsche Mülltrennungssystem. Eine ganze Weile unterhielten wir uns über das Thema Plastik. Er fragte, warum die Deckel jetzt an den Flaschen festgemacht wären und ob mich das nicht nerven würde. Ich sagte, manchmal schon. Er notierte irgendwas. Dann fand er ein Frühstücksfoto. Brot, Käse, Kaffee und ein Glas Marmelade.
„Was ist das für Marmelade?“
Französische, sagte ich.
„Warum französische?“
Die war im Angebot, sagte ich. Er wollte, dass ich meine Banking-App öffne und den Beleg finde. Den fanden wir nicht, weil meine Freundin die Marmelade gekauft hatte. Der Beamte wollte ihren Nachnamen wissen. Ich nannte ihn.
„Ist sie deutsche Staatsbürgerin?“
„Ja.“
„Warum kauft sie Ihnen französische Marmelade?“
Ich wusste nicht mehr, wie ich das richtig beantworten soll, und sagte: „Weil wir zusammenleben.“
Daraufhin sah er mich zum ersten Mal ganz aufmerksam an.
„Sie haben also einen gemeinsamen Haushalt?“
Ich sagte, ja, wahrscheinlich schon. Er notierte wieder irgendwas. Dann öffnete er Telegram. Einer der obersten Chats war mit meiner Mutter. Sie schrieb: „Für deine Ankunft ist alles bereit.“
Der Beamte fragte: „Was genau ist bereit?“
Das Zimmer, sagte ich.
„Welches Zimmer?“
„Mein altes Zimmer.“
„Warum ist das immer noch Ihr Zimmer, wenn Sie seit sieben Jahren in Deutschland leben?“
Ich antwortete, die Eltern würden das eben so nennen. Er ließ mich meine Mutter anrufen.
Meine Mutter ging dran und fragte sofort: „Bist du durch?“
Der Beamte hob die Augenbrauen. „Wo sollen Sie durch sein?“
Meine Mutter erklärte, dass sie die Grenze meinte. Dann fügte sie noch hinzu: „Die Kartoffeln sind schon aufgesetzt.“
Der Beamte fragte: „Wozu denn Kartoffeln aufgesetzt?“
Meine Mutter sagte: „Um sie zu kochen.“
Daraufhin ließ er mich auf Lautsprecher stellen und unterhielt sich an die zehn Minuten mit meiner Mutter, wie viele Kartoffeln sie gekauft hatte und wo genau, und wieso sie die schon vor meiner Ankunft kochen wollte.
Irgendwann fragte meine Mutter: „Junger Mann, möchten Sie auch ein paar Kartoffeln?“
Iwan II
Zunächst sollte ich wohl sagen, dass ich kirgisischer Staatsbürger bin. Russisch hat bei uns den Status einer Amtssprache, Kirgistan war aufgrund seines Handels und seiner Wirtschaftsbeziehungen zu Russland bereits mehrfach von indirekten Sanktionen bedroht.
In Russland haben wir Verwandte, die fahren wir manchmal besuchen. Ich war 2021, 2023 und 2025 dort. Die ersten beiden Male gab es keinerlei Probleme an der Grenze. Alles lief ganz normal: Ich sagte Guten Tag, gab meinen Pass, bekam einen Stempel und ging weiter zum Anschlussflug. Aber 2025 war plötzlich alles anders.
Ich landete zusammen mit meiner Mutter in Scheremetjewo. Bei der Passkontrolle stellten wir uns in verschiedene Schlangen. Meine ging langsamer voran, also stellte ich mich irgendwann zu ihr. Dann kam sie an die Reihe. Sie hielt ihren Pass hin, der Grenzer stempelte ihn und ließ sie durch. Dann war ich dran. Meine Mutter lief ein Stück vor und wartete am Ausgang auf mich. Der Beamte nahm meinen Pass und sagte trocken, fast boshaft: „Warten Sie dort. Man ruft Sie auf.“ Das war’s. Keine Erklärung – wohin ich gehen soll, worauf ich warten soll, wie lange und warum überhaupt. Ich hatte kein Netz.
Als meine Mutter sah, dass ich nicht durchgelassen wurde, bat sie den Grenzbeamten, sie nicht weiter zu schicken und ihr zu erlauben, mit mir warten zu dürfen. Er antwortete gereizt: „Nein. Sie gehen durch, er bleibt hier.“ Die Tür ging zu. Meine Mutter war draußen, ich drinnen – ohne Verbindung, ohne jede Erklärung, ahnungslos. Besonders erniedrigend war das Gefühl, nicht zu wissen, was ich getan hatte.
Vor meinen Augen wurden russische und belarussische Staatsbürger ohne Probleme durchgelassen, während viele Menschen mit zentralasiatischen Pässen und entsprechendem Äußeren warten mussten. Ich erfuhr zum ersten Mal, dass es gesonderte Räume für zusätzliche Kontrollen gibt.
Vor diesen Räumen hatten sich bereits Leute versammelt, die meisten zentralasiatischer Abstammung. In diesem Moment war es besonders eigenartig, an das ganze Gerede von Zollunionen, Wirtschaftsintegration, Völkerfreundschaft und „Bündnisbeziehungen“ zu denken.
Man wurde einzeln hereingerufen. Von den Wartenden hörte ich, dass sie detaillierte Fragen zum Reisezweck stellen, dass sie wollen, dass man das Handy entsperrt, und dass sie den Inhalt kontrollieren. Ich selbst wurde am Ende gar nicht aufgerufen. Aber das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein – wenn dir dein Pass weggenommen wird, dir niemand etwas erklärt, dass du keinen Kontakt zu deinen Angehörigen aufnehmen kannst und nicht weißt, ob du deinen Flug bekommst – das werde ich nicht so schnell vergessen.
Als ich endlich gehen durfte, wartete meine Mutter auf mich – in Tränen aufgelöst. Das war wahrscheinlich der eindrücklichste Moment. Ich hatte sehr viel Wut in mir. Ich wollte, dass man bei uns irgendwann auch russische Staatsbürger derart „gastfreundlich“ empfängt.
Ich verstehe, dass in Russland die Situation um die Migration angespannt ist. Über das alles darf und muss man reden. Aber die Verantwortung für die Einwanderungspolitik liegt in erster Linie beim Staat. Wenn über Jahre hinweg ein System erschaffen wird, das einerseits Millionen von Gastarbeitern anwirbt, auf der anderen Seite die Migrationsprozesse schlecht kontrolliert und dadurch Missbrauch begünstigt und dann die eigenen Verfehlungen kompensieren will, indem man alle Menschen mit dem „falschen“ Pass oder Äußerem unter Generalverdacht stellt, dann löst das nicht das Problem.
Ein ganz normaler Mensch, der die Grenze überquert, darf nicht automatisch zum Verdächtigen werden, nur weil er in Duschanbe, Bischkek, Taschkent oder einer anderen Stadt in Zentralasien geboren wurde. Streng sein und jemanden demütigen sind zwei unterschiedliche Dinge. Sicherheit darf nicht auf Kosten elementarer Menschlichkeit gehen.
Dimitri II
Ich fahre alle sechs Monate meistens mit dem Auto über die Grenze von Belarus nach Litauen und weiter nach Kaliningrad. Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft und brauche kein Visum für den Schengenraum. Die Belarussen haben die Befragungen bei der Einreise nach Belarus immer sehr formell gehalten; bei der Ausreise gab es in der Regel keine Fragen, die Kontrolle war entweder minimal oder fand gar nicht statt.
Aber als ich im Juli von Litauen über Tschernjachowsk nach Kaliningrad eingereist bin, wurde ich dort einer äußerst unangenehmen Befragung unterzogen, eigentlich eher einem Verhör samt Fingerabdrücken, der Entnahme von Biomaterial und einem vierstündigen Gespräch, bei dem Grenzschutzbeamte des FSB meine gesamte Korrespondenz in den Messengern durchlasen, alle meine Kontakte und Fotos durchsahen und mein ganzes Leben detailliert auf vier Seiten Computertext protokollierten.
Sie befragten mich zu meinen politischen Überzeugungen, ob ich Mitglied in verbotenen Bewegungen sei, insbesondere in der LGBTQ-Bewegung, fragten mich nach meiner Arbeit und notierten die Kontaktdaten meiner Chefs. Mein Handy war nicht immer in meinem Blickfeld; die Mitarbeiter verließen mehrmals den Raum. Ich kann nicht garantieren, dass keine Fremdsoftware installiert wurde. Ich verließ sie demoralisiert und gedemütigt. Und war mir vollkommen im Klaren darüber, dass ich die russischen Grenzkontrollstellen nie wieder mit dem Auto passieren werde. Danach erschien mir die 12- bis 19-stündige Wartezeit am belarussischen Zoll mit den überraschend freundlichen Mitarbeitern gar nicht mehr so schwer.