
Ales Bialiatski lacht viel und gerne, immer wieder blitzt eine feine Ironie während des Gesprächs auf. Wenn es etwas gibt, was dem belarussischen Menschenrechtsaktvisiten die Kraft gegeben hat, siebeinhalb Jahre im Gefängnis zu überstehen und die Hoffnung nicht zu verlieren, dann ist es sein Humor.
Der 64-jährige hat sein Leben den Menschenrechten und dem Kampf für ein unabhängiges und demokratisches Belarus gewidmet. 1996 gründete er die Organisation Wjasna (Frühling), die Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, analysiert und Opfer politischer Verfolgung unterstützt. Bialiatski hat für sein Engagement einen hohen Preis bezahlt. Zwischen 2011 und 2014 war er Gefangener des Lukaschenko-Regimes sowie zwischen 2021 und Ende 2025, als er infolge der Verhandlungen zwischen Belarus und den USA freigelassen wurde. Seitdem setzte er seine Arbeit aus dem Exil in Norwegen fort. 2022 wurde ihm für sein lebenslanges Engagement der Friedensnobelreis zuerkannt.
Ales Bialiatski wird am Freitag, 9. Oktober, bei der Eröffnung des belarussischen Kulturfestivals Minsk x Minga in München zur Lage der Repressionen in seiner Heimat diskutieren. dekoder ist Medienpartner der Eröffnungsveranstaltung „Der lange Arm der Diktatur“. Im Vorfeld hat dekoder-Redakteur Ingo Petz mit ihm ein Gespräch geführt – über Bialiatskis Zeit im Gefängnis, seinen Einsatz für ein eigenständiges Belarus und über die Herausforderungen der Demokratie in einer Zeit der Krisen und Kriege.
dekoder: Sie haben mehr als sieben Jahre in Gefängnissen verbracht. Im Dezember 2025 kamen Sie frei. Wann haben Sie sich zum ersten Mal wirklich frei gefühlt?
Ales Bialiatski: Das ist eine einfache und zugleich schwierige Frage. Ich fühle mich sofort in diesen Tag zurückversetzt. Er begann sehr früh, gegen vier Uhr morgens. Wir wurden mitten in der Nacht geweckt. Nach einer Durchsuchung nahmen sie mir alle meine Papiere weg. Ich hatte im Gefängnis zwei Bücher geschrieben – auch die wurden beschlagnahmt. Meine Briefe, alles, was ich besaß, nahmen sie ebenso mit. Dann wurde ich aus der Kolonie hinausgeführt.
Mir war klar, dass es sich um eine Art Verlegung handeln musste. Aber wohin? In eine andere Kolonie, in eine Untersuchungshaftanstalt, vielleicht erwartete mich ein neues Strafverfahren? Auch wir hatten mitbekommen, dass der US-amerikanische Sondergesandte John Coale nach Belarus reisen wollte, nur war uns war nicht klar, wann das sein würde. Deshalb packte ich alles zusammen, was ich nur konnte: Essen, Kleidung.
Man packte mich in ein Auto ohne Nummernschild. Darin saßen drei Männer in Zivil. Wer die waren, war mir nicht klar – vielleicht Geheimdienstmitarbeiter. Wir fuhren in Richtung Minsk. Die Stadt umfuhren wir, dann ging es weiter in Richtung Grenze. Und so begriff ich, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging.
An der Grenze warteten wir auf weitere Fahrzeuge. In jedem saß jeweils ein Gefangener. Dann wurden wir alle zusammen in einen Kleinbus verfrachtet, der uns schließlich über die belarussisch-litauische Grenze brachte. Im Schlepptau zahlreiche Diplomaten. In unseren Bus befanden sich zehn Personen. Insgesamt wurden an diesem Tag 123 Menschen freigelassen. Die meisten wurden in die Ukraine abgeschoben, während wir in Litauen landeten.
Als John Coale schließlich in unseren Bus kam und „Sie sind frei“ sagte, fühlte ich mich noch nicht frei. Dann stiegen wir aus und wurden von Diplomaten begrüßt, die uns applaudierten. Aber innerlich verspürte ich noch kein Gefühl von Freiheit.
Am nächsten Tag wachte ich in Vilnius auf. Über Nacht war meine Frau aus Oslo angereist. Nach viereinhalb Jahren war es unser zweites Treffen. Noch am Morgen ging ich hinaus und spazierte zum Büro von Wjasna. Überall lag frischer Schnee, und es war ziemlich still. Und in diesem Moment, als ich durch Vilnius ging, spürte ich: Ich bin frei.
Die Haft lässt einen nicht von einem Moment auf den anderen los. Die Gewohnheiten des Gefängnisalltags bleiben, ebenso die Ängste und Phobien. Ich träume bis heute von der Haft – dass ich wieder im Gefängnis bin, irgendwelche Probleme lösen muss und mich vor irgendetwas schützen muss. Das Gefängnis bleibt noch lange in einem stecken.

Hat sich Ihr Verständnis von Freiheit während der Jahre in Haft verändert? Oder ist es im Gegenteil einfacher und konkreter geworden?
Als ich noch zur Schule ging, schaute ich den Film Das süße Wort – Freiheit. Damals war das einfach eine schöne Redewendung. Und später erlebte ich dann selbst, was es bedeutet, aus einem Gefängnis freigelassen zu werden und plötzlich zu begreifen, dass man selbst entscheiden muss, was man tut, wohin man geht und mit wem man sich einlässt.
Überhaupt versteht man Freiheit wahrscheinlich erst wirklich, wenn man Unfreiheit selbst erlebt hat. Das Gefängnis ist dafür das extreme Beispiel. In einem belarussischen Gefängnis wird einem nicht nur die Freiheit genommen. Ständig wird versucht, einen als Persönlichkeit zu brechen. Man steht permanent unter Kontrolle und moralischem Druck, wird mit Provokationen und unmenschlicher Drangsalierung konfrontiert. Man muss jeden Tag auf neue Herausforderungen reagieren, Widerstand leisten und versuchen, sein eigenes Ich und seine Würde zu bewahren. Dieser Kampf dauert jeden Tag an.
In meiner Strafkolonie gab es bis zu fünfzig politische Gefangene auf tausend Häftlinge. Wir wurden absichtlich auf verschiedene Truppen verteilt. Trotzdem fanden wir Möglichkeiten, heimlich miteinander zu kommunizieren – in der Kantine, bei der Arbeit, im Krankenhaus, überall dort, wo es keine Überwachungskameras gab. Wir halfen einander, so gut wir konnten. Andere Gefangene wurden bestraft, wenn sie Kontakt zu politischen Gefangenen hatten. Dieses System ist noch in der Stalinzeit entstanden. In den vergangenen hundert Jahren wurde es vielfach umgebaut, aber die grundlegenden Prinzipien der Unterdrückung sind geblieben.
Welche Jahre haben Sie in Bezug auf den Freiheitsbegriff besonders geprägt?
Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre haben wir das Aufblühen der Freiheit tatsächlich erlebt. In dem Sinn, dass ein Mensch über sein eigenes Leben bestimmen kann, eine eigene Meinung hat, sagen kann, was er denkt, sich mit anderen Menschen zusammenschließen und am politischen Leben teilnehmen kann. Belarus wurde unabhängig. Demokratische Institutionen entstanden, Nichtregierungsorganisationen wurden gegründet, ebenso entstanden unabhängiger Journalismus und freie Gewerkschaften. Materiell war es eine schwierige Zeit, wir lebten in Armut. Aber wir hatten das Gefühl, dass eine gute Zukunft vor uns lag.
Die sowjetische Herrschaft zerstörte die Geschichte und Kultur zahlreicher Völker
Damals unterschieden wir uns kaum von den Litauern, Polen oder Ukrainern. Wir befanden uns wirtschaftlich ungefähr auf dem gleichen Entwicklungsstand. Dann aber wurde der Raum der Freiheit in Belarus allmählich wieder eingeengt.
Wann hatten Sie das Gefühl, dass diese Einengung unumkehrbar wurde?
Nach dem Machtantritt Lukaschenkas und nachdem er die Verfassung zu seinen Gunsten verändert hatte. Er war übrigens in einer vergleichsweise demokratischen Wahl gewählt worden – er war der erste Präsident von Belarus. Doch er begann zügig, die demokratischen Institutionen abzubauen.
Zunächst wurden die Handlungsmöglichkeiten politischer Parteien eingeschränkt, dann die von gesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften und unabhängigen Medien. Freiräume wurden immer kleiner, bis sie ein kritisches Ausmaß erreicht hatten.
Die Krise von 2020 spitzte die Lage zu. Ein Großteil der Gesellschaft ging auf die Straße – Hunderttausende, insgesamt waren zeitweise über eine Million Menschen an den Protesten beteiligt. Sie forderten vor allem faire Wahlen und demokratische Veränderungen im Land. Der populärste Slogan lautete: „Lukaschenka, hau ab!“ Es war eine friedliche Revolution. Die Menschen wollten die politische Macht auf demokratischem Weg verändern. Gleichzeitig besannen sie sich auf ihre nationalen Wurzeln. Die sowjetische Herrschaft hatte eine Russifizierung betrieben, und Lukaschenka setzte viele dieser Prozesse fort. Die belarussische Staatlichkeit, Kultur und Identität wurden so sukzessive zerstört.
Lukaschenka verlor die Wahl, entschied sich aber, um jeden Preis an der Macht zu bleiben. Er wählte den Weg der Massenrepression und der gewaltsamen Sicherung seiner Herrschaft.
Bereits zu Sowjetzeiten begriffen Sie die Gefahr, ins Gefängnis zu kommen. 1982, als Sie zwanzig Jahre alt waren, schlossen Sie sich einer Untergrundgruppe an. Warum gingen Sie dieses Risiko ein?
Mir war bewusst, dass dies ein sehr ernster Schritt war. In der Sowjetunion gab es einen mächtigen KGB, die Kommunistische Partei, der Staat kontrollierte die Gesellschaft vollständig. Mir war vollkommen klar, dass der Kampf gegen den Autoritarismus ins Gefängnis führen konnte. Der blinden Gewalt konnten wir nur unsere Überzeugungen entgegensetzen.
Schon damals begriff ich, dass die sowjetische Herrschaft unmenschlich war. Sie zerstörte die Geschichte und Kultur zahlreicher Völker und verwandelte alle in eine einzige Masse – das Sowjetvolk. Ich wollte nicht, dass Belarus verschwindet, dass die Belarussen als Volk verschwinden. Das war die wesentliche Motivation, die mich antrieb.

Als man mir anbot, mich dieser Untergrundgruppe anzuschließen, wusste ich, dass dies ein Rubikon war. Einmal überschritten, würde es schwer werden zurückzukehren. Aber ich hatte das Gefühl, Teil von etwas Großem und Wahrem zu werden. Meine Entscheidung habe ich keine einzige Minute bereut.
Wir versuchten auch, legale Formen für unsere Arbeit zu finden. Wir gründeten Jugend- und Kulturorganisationen. 1986 entstand beim Schriftstellerverband von Belarus der Zusammenschluss junger Literaten Tuteischyja. 1987 entstand ein Zusammenschluss von Jugendorganisationen, mit politischen Forderungen im Programm: die Unabhängigkeit von Belarus, ein Mehrparteiensystem und politischer Pluralismus, unabhängige Gewerkschaften, die Wiederbelebung der belarussischen Kultur und Sprache, eine eigene Armee, ein eigener Grenzschutz und eine eigene Post.
Wir unterhielten Kontakte zu demokratischen Jugendorganisationen in der Ukraine, in Litauen und Lettland, die genauso dachten und handelten wie wir.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion setzten Sie Ihr Engagement im unabhängigen Belarus fort. So wurde das Gefängnis wieder zu einer realen Perspektive.
Ich wurde viele Male festgenommen. 1990 wurde nach einer der antisowjetischen Demonstrationen ein Strafverfahren gegen mich eingeleitet. 2003 entzogen die Autoritäten dem Menschenrechtszentrum Wjasna die Registrierung. Meine jüngeren Kollegen waren damals ratlos: Was sollen wir ohne Registrierung tun? Ich sagte: Leute, wir haben schon in den 1980er-Jahren im Untergrund gearbeitet, wir brauchen keine Registrierung. Lasst uns genauso weitermachen. Also setzten wir unsere Arbeit fort.
Dann führten die Behörden die Strafbarkeit für die Tätigkeit bei einer nicht registrierten Organisation ein. Einige junge Menschen wurden verurteilt. Damals scheuten die Behörden noch davor zurück, gegen uns vorzugehen, weil Wjasna bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad und Einfluss erlangt hatte.
Nach den Wahlen von 2010 wurde ich schließlich verhaftet. Ich kam 2014 frei. 2015 wurden weitere politische Gefangene freigelassen. Damals begann eine Phase relativer Entspannung. Heute, wenn wir zurückblicken, verstehen wir, dass dies lediglich verschiedene Phasen desselben Prozesses waren.

Die massiven Repressionen nach 2020 sind also nicht aus dem Nichts entstanden?
Natürlich nicht. Der Repressionsapparat existiert schon lange. Er wurde nur zu verschiedenen Zeiten mit unterschiedlicher Intensität eingesetzt. Vor 2020 pflegte Lukaschenko jahrelang das Image eines friedliebenden Herrschers, einer Art „Landesvater“. Als aber Hunderttausende Belarussen Veränderungen forderten, fielen die Masken, und es begann eine Zeit der Grausamkeit und Gewalt. Er hätte nicht unbedingt zu diesen Massenrepressionen greifen müssen, aber nun hat er alle Brücken hinter sich abgebrochen. Das Ergebnis: Demonstranten wurden getötet, Zehntausende waren Folter, Festnahmen und Inhaftierung ausgesetzt. Hunderttausende mussten aus Belarus fliehen.
Die belarussische Gesellschaft hat sich in einem Vierteljahrhundert dramatisch verändert, doch Lukaschenkos Ansichten sind dieselben geblieben.
Ihnen muss 2020 klar gewesen sein, dass Sie wieder im Gefängnis landen könnten. Warum haben Sie das Land nicht verlassen?
Wir wussten sehr genau, dass wir zur Risikogruppe gehörten. Wir sammelten Informationen über Menschenrechtsverletzungen, dokumentierten Folter und befragten hunderte Menschen. Nach der Wahl liefen die Massenverhaftungen rund um die Uhr.
Ein Teil unserer Organisation zog nach Vilnius. Ich war aber der Meinung, dass ich in Belarus bleiben musste. Die Menschen leisteten Widerstand gegen die Diktatur und brauchten unsere Hilfe. Mir war bewusst, dass meine mögliche Verhaftung ein weiterer Beleg für die Rechtswidrigkeit des Vorgehens durch die Behörden sein würde. Klar, wir hatten die Möglichkeit, das Land zu verlassen. Aber wir blieben.
Am Ende wurden meine Kollegen und ich ins Gefängnis gesteckt. Meine Haft dauerte viereinhalb Jahre.
Hatten Sie irgendwann, insbesondere nach Beginn des umfassenden Einmarsches Russlands in die Ukraine, das Gefühl, dass Ihr Kampf praktisch aussichtslos geworden war?
Als die Vollinvasion begann, befand ich mich in Isolationshaft im Minsker Untersuchungsgefängnis. Natürlich gab es sehr schwierige Momente. Belarus war faktisch zu einem Aggressorstaat, zu einem Helfer Russlands geworden. Die Probleme der politischen Gefangenen in Belarus gerieten auf der internationalen Agenda in den Hintergrund. Belarus stand nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil ein großer Krieg begonnen hatte. Unsere Kontakte zur Außenwelt brachen praktisch vollständig ab. Wir erhielten nur noch sehr wenige Briefe. Wir saßen dort wie Kriegsgefangene.
Wie erging es Ihnen in der Haft?
Politische Gefangene wie ich wurden zur Arbeit gezwungen, gedemütigt und massivem moralischem und psychischem Druck ausgesetzt. Die medizinische Versorgung war sehr schlecht. Einige Menschen starben bekanntlich im Gefängnis. Auch ich wurde nicht angemessen behandelt, obwohl ich kein junger Mann mehr bin und gesundheitliche Probleme hatte.
Wenn noch zehn Jahre Haft vor dir liegen, begreifst du, dass du möglicherweise überhaupt nicht mehr erleben wirst, wofür du diesen Kampf begonnen hast. Aber ein Entrinnen gab es nicht.
Haben Sie in schwachen Momenten an Ihrem Weg gezweifelt?
Nein. Menschenrechtsarbeit ist für mich nicht einfach ein Hobby oder ein Beruf. Sie ist mein Leben. Man kann sein Leben auf unterschiedliche Weise verbringen. Für mich war es wichtig, Belarus als demokratisches, unabhängiges, europäisches Land zu sehen. Und ich habe alles dafür getan, was ich konnte.
Meine Mission ist noch nicht beendet. Nachdem ich mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, kamen zusätzliche Verpflichtungen hinzu. Ich habe eine eigene Stiftung gegründet, die in Warschau registriert ist. Ihr Hauptziel ist es, die Wahrung und Förderung der Menschenrechte sowie die Friedenssicherung in Osteuropa und weltweit voranzutreiben. In den letzten Jahren ist der Frieden fragiler geworden und bedarf eines aktiveren Schutzes.
Ich bin überzeugt, dass das, was wir getan haben, nicht vergeblich war. Es waren richtige und wichtige Dinge. Sie werden der nächsten Generation erhalten bleiben.

Derzeit gibt es Verhandlungen zwischen der Trump-Administration und Lukaschenka, in dessen Folge politische Gefangene freigelassen wurden. Wie beurteilen Sie diesen Ansatz?
Ich sehe das zunächst als Verhandlungsstrategie: Menschen werden freigelassen und dafür gibt es wirtschaftliche oder politische Zugeständnisse. Dass Menschen dadurch in Freiheit kommen, unterstütze ich. Für mich ist das zunächst eine humanitäre Frage.
Europa muss sich vor allem diese Frage stellen: Was ist Belarus?
Aber es besteht die Gefahr, dass politische Gefangene zu einer dauerhaften Handelsware werden. Einige werden freigelassen, anschließend nimmt das Regime neue Geislen. So entsteht ein endloser Kreislauf. Deshalb darf es nicht nur darum gehen, Menschen freizulassen, sondern auch darum, die Repressionen zu beenden. Da ich Lukaschenka seit mehr als dreißig Jahren kenne, bin ich überzeugt, dass er als Diktator nur die Position der Stärke versteht.
Aber können Verhandlungen nicht auch selbst zur Legitimierung des Regimes führen?
Genau deshalb ist Vorsicht geboten. Die Freilassung politischer Gefangener ist das eine. Die politische und wirtschaftliche Legitimierung des Regimes ist etwas völlig anderes. EU-Politikern sage ich deshalb: Man sollte nicht vorschnell die Sanktionen aufheben. Denn das Regime wird dies als eigenen Sieg und als Zeichen europäischer Schwäche werten.
Europa muss sich vor allem diese Frage stellen: Was ist Belarus? Ist es ein europäisches Land oder nicht? Hat das belarussische Volk das Recht, Teil des europäischen demokratischen Raums zu sein?
Sie sprechen davon, den Druck auf das Regime aufrechtzuerhalten. Braucht es gleichzeitig Kanäle des Austauschs mit ihm?
Verhandlungen können sinnvoll sein, wenn sie dazu beitragen, Menschen freizulassen oder humanitäre Probleme zu lösen. Aber man darf sich keinen Illusionen hingeben. Das Hauptziel Lukaschenkas ist es, an der Macht zu bleiben. Man darf seinen Versprechen nicht glauben, solange ihnen keine konkreten Taten folgen.
Wir haben bereits Phasen des Dialogs und der Entspannung zwischen dem Regime und dem Westen erlebt. Und am Ende mündete alles wieder in Repressionen. Deshalb muss man vor allem mit den demokratischen Kräften arbeiten, die belarussische Zivilgesellschaft unterstützen und dabei helfen, die belarussische Identität zu bewahren. Sonst wird sich das imperiale Russland vollends in Belarus durchsetzen.
Viele im Westen scheinen diese Dimension nicht zu sehen.
Es geht um eine zivilisatorische Entscheidung. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat gezeigt, wie brisant diese Frage für unsere Region ist. Die Ukrainer zahlen heute einen enormen Preis. Sie kämpfen für die Möglichkeit, ein europäisches, demokratisches Volk zu sein und in einem unabhängigen Land zu leben.
Auch die Belarussen zahlen einen hohen Preis. In den Gefängnissen des Lukaschenka-Regimes sitzen weiterhin etwa tausend politische Gefangene. Millionen Menschen im Land müssen in Angst leben. In Belarus sind unabhängige Medien, gesellschaftliche Organisationen und Gewerkschaften praktisch zerstört. Jede von den Behörden unabhängige Initiative wird unterdrückt. Ein solches Ausmaß an Repression hat das Land seit Stalins Tod nicht mehr erlebt. Hinzu kommt eine weitere Form der Repression: die transnationale Repression. Druck wird auch auf Aktivisten, Studenten, Journalisten oder Politiker ausgeübt, die im Ausland leben. Gegen mich beispielsweise wurde in Belarus vor Kurzem erneut ein Strafverfahren eingeleitet.
Sie haben Ihr ganzes Leben für die Demokratie gekämpft. In westlichen Gesellschaften betrachten viele Menschen Demokratie als etwas Selbstverständliches. Was würden Sie ihnen entgegnen?
Demokratie und Freiheit sind wie Luft. Solange genug davon da ist, nimmt man sie nicht wahr. Wenn die Luft knapp wird, beginnt man zu verstehen, was los ist. Dann aber ist es bereits schwierig, noch etwas zu verändern.
Wir haben das in Belarus erlebt. Anfang der 1990er Jahre hatten wir diese Luft der Freiheit. Dann wurde sie immer knapper. Und schließlich war sie praktisch verschwunden. Der Demokratie reicht es nicht, sie einfach wertzuschätzen. Man muss sie pflegen und weiterentwickeln.
Wenn man einem Kind von klein auf nicht erklärt, was Demokratie, Menschenrechte, Toleranz und Solidarität mit anderen Menschen bedeuten, wenn es nicht selbst an gesellschaftlichem Handeln beteiligt wird, kann es zu einem Menschen heranwachsen, der den Wert dieser Dinge nicht versteht. Dann können Populisten und Zyniker leicht die Initiative übernehmen. Sie versprechen einen einfachen Weg zur Lösung komplizierter Probleme. Aber in der Regel ist das eine Täuschung.
Der Schutz der Demokratie muss also schon im Kindesalter beginnen?
Schon in der frühkindlichen Erziehung. Und in der Bildung auf allen Ebenen. Heute werden wir von Informationen überflutet, praktisch alles ist verfügbar. Wenn man nicht gelernt hat, diese Informationen kritisch zu bewerten, wird man sehr verletzlich. Medienkompetenz, die Fähigkeit, Fakten von Manipulationen zu unterscheiden, das Verständnis moralischer Werte und demokratischer Prinzipien in der Gesellschaft – all das muss von Kindesbeinen an gefördert werden. Wichtig ist auch, was außerhalb der Schule geschieht. Menschen müssen die Möglichkeit haben, gesellschaftlich aktiv zu sein, am Leben der Gesellschaft teilzunehmen, sich zusammenzuschließen und einander zu helfen. Demokratie existiert nicht nur im Parlament. Sie existiert durch die Gesellschaft.
Müssen Demokratien heute mehr denn je auf ihre eigenen Probleme schauen?
Natürlich. Das ist nicht nur ein Problem von Belarus. Es ist ein Problem Norwegens, Deutschlands, Polens – eines jeden demokratischen Landes. Wir dürfen nicht denken: Hier ist alles in Ordnung, die Demokratie ist etabliert, und das wird auch immer so bleiben. Demokratie kann sehr schnell verloren gehen.
Europa ist unser gemeinsames Haus. Was in irgendeinem Teil Europas geschieht, betrifft uns alle.
Warum sind Sie trotzdem davon überzeugt, dass Belarus eines Tages eine demokratische Gesellschaft werden wird? Nach allem, was geschehen ist, klingt das ziemlich optimistisch.
Weil ich Veränderungen in der belarussischen Gesellschaft selbst sehe. Das Jahr 2020 hat gezeigt: Die Belarussen wollen nach demokratischen Prinzipien leben. In dreißig Jahren hat sich Belarus sehr stark verändert. Es ist eine völlig andere Gesellschaft als in den 1990er Jahren. Die alte sowjetische Generation verschwindet allmählich, und eine neue Generation einer jungen, proeuropäischen Jugend ist herangewachsen.
Natürlich haben auch diese Menschen unterschiedliche Ansichten. Aber insgesamt handelt es sich um eine Gesellschaft, die ein demokratisches Belarus aufbauen will. Die entscheidende Frage ist heute die internationale und geopolitische Situation.
Sie spielen auf die russische Abhängigkeit an, die Lukaschenka immer schon selbst gefördert hat und die sich seit 2020 enorm verstärkt hat.
Wenn es die Unterstützung Lukaschenkas durch Putin nicht gäbe, hätte sich die Situation in Belarus längst verändert. Das imperiale, autoritäre Regime in Russland bleibt einer der wichtigsten Faktoren, die es Lukaschenka ermöglichen, an der Macht zu bleiben. Auch Diktatoren schließen sich zusammen.
Deshalb ist es so wichtig, was in der Ukraine geschieht. Wenn es der Ukraine gelingt, sich als demokratischer Staat zu behaupten, unabhängig zu bleiben und ihren europäischen Weg fortzusetzen, wird das auch für Belarus von enormer Bedeutung sein. Wir werden uns unweigerlich Europa anschließen.
Dann ist der Kampf für Demokratie in Belarus heute zugleich ein Kampf um den Erhalt der belarussischen Eigenständigkeit?
Genau. Demokratie, Unabhängigkeit und nationale Identität sind hier sehr eng miteinander verbunden. Belarus ist ein europäisches Land. Die belarussische Gesellschaft will die Möglichkeit haben, sich selbstständig zu entwickeln.
Russland stellt dem europäischen Weg das Konzept der Russki Mir entgegen, in der für die Belarussen als eigenständiges Volk kein Platz vorgesehen ist. Deshalb liegt es im Interesse ganz Europas, die belarussischen demokratischen Aktivisten, gesellschaftlichen Organisationen und kulturellen Initiativen zu unterstützen. Wir selbst sind Teil der belarussischen Gesellschaft und verstehen, was dort geschieht. Aber wir brauchen die Instrumente, um diese Arbeit fortsetzen zu können.
Und dabei geht es nicht nur um den guten Willen Europas. Es geht auch um moralische und politische Verantwortung. Europa ist unser gemeinsames Haus. Was in irgendeinem Teil Europas geschieht, betrifft uns alle.