Medien

Historische Debattenschau: Friedensvertrag von Brest-Litowsk

Am 3. März 1918 schied Russland aus dem Großen Krieg aus, wie der Erste Weltkrieg damals genannt wurde. Der Krieg, in dem Russland an der Seite der Alliierten gegen die Mittelmächte – vor allem gegen Deutschland – seit August 1914 gekämpft hatte, überforderte das Land in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht. Und er ist einer der Auslöser der revolutionären Ereignisse 1917

Seit der Februarrevolution war die Friedensfrage von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung sagte den Alliierten zu, nicht aus dem Krieg auszuscheiden. Diese Entscheidung spaltete die Gesellschaft und führte zu einer Regierungskrise. 
Die Forderung nach Frieden war der wichtigste Programmpunkt der Bolschewiki, die seit dem Oktoberumsturz an der Macht waren. Tatsächlich war das Dekret über den Frieden das erste der neuen bolschewistischen Regierung. Es war gleich am Tag nach der Machtübernahme verabschiedet worden. Ende Dezember trafen sich die Vertreter der Bolschewiki und der Mittelmächte in Brest-Litowsk, um über die Friedensbedingungen zu verhandeln. Die Forderungen der Bolschewiki nach einem Frieden ohne Annexionen und Kontributionen waren jedoch unannehmbar für alle Beteiligten. Und so mündeten die Verhandlungen, die mehr als zwei Monate andauerten, in ein Abkommen, wonach Russland mehr als ein Viertel seines europäischen Territoriums verlor – und damit 60 Millionen Menschen, große Industriebetriebe und landwirtschaftliche Flächen.

War es ein taktischer Zug der bolschewistischen Regierung? Ein Selbstmord der Revolution? Ein Triumph der deutschen Armee oder eine gewaltige geschichtliche Tragödie?
Zum 100. Jahrestag des Friedensvertrags von Brest-Litowsk bringt dekoder in Kooperation mit dem Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin historische Debatten-Ausschnitte: Kontroverse Meinungsstücke, die in russischen und deutschen Medien in den ersten Tage nach der Vertragsunterzeichnung erschienen sind.

Quelle dekoder

Prawda: Ein unausweichlicher taktischer Zug 

In der Prawda, dem zentralen Organ der Bolschewiki, begründet der führende Parteifunktionär Karl Lander die Notwendigkeit, den schmählichen Friedensvertrag zu unterzeichnen. Es sei ein taktischer Zug, dem eine Offensive folgen soll:

Deutsch
Original
Schöne und laute Sätze ertönen, dass man an den Errungenschaften der letzten Revolution nicht um einen solchen Preis, einer möglichen nationalen Schande, festhalten dürfe, und es sei besser umzukommen. [...] Aber macht es Sinn – und sei es nur um eines heroischen Impulses willen – tausende hervorragende Kämpfer der Revolution, ihre Seele, in den sicheren Tod zu schicken und sie auszurotten? [...] Ist es nicht besser, dann den Kampf zu führen und in die Offensive zu gehen, wenn wir darauf vorbereitet sind [...]
Wir schließen diesen Vertrag, weil wir die Pflicht haben, den Feind [die deutsche Bourgeoisie] richtig einzuschätzen. [...] Der Vertrag ist ein unvermeidbarer taktischer Schritt,  [...], den die Interessen einer echten Klassenpolitik erfordern.
[...] раздаются красивые и громкие фразы, что нельзя ценою национального позора удерживать завоевания последней революции, что лучше погибнуть. [...] но есть ли смысл хотя бы ради самого героического порыва бросить на верную гибель, на истребление тысячи лучших борцов революции, её душу? [...] Не лучше ли принять бой и перейти в наступление, когда мы будем к этому подготовлены [...] Мы заключаем этот договор постольку, поскольку мы обязаны считать с этим врагом [германской буржуазией], [...]. Этот договор – неизбежный тактический ход, [...], раз того требуют интересы реальной классовой политики


erschienen am 5. März 1918, Nr. 41 (267)

Nowaja Shisn: Selbstmord der Revolution 

Diese offizielle Position der Bolschewiki kritisiert Nikolaj Suchanow in der Nowaya Shisn und meint, dass der Frieden mit Deutschland der Sowjetmacht im Gegenteil keine Atempause verschaffe:

Deutsch
Original
Unsere Herrscher haben erneut im Chor bestätigt, dass der Kampf mit den deutschen Schändern unmöglich und sinnlos ist und dass der einzige Ausweg für die sowjetische Regierung ist, die Revolution zum Selbstmord zu zwingen. […] 
Lenin und seine Gefährten beziehen sich in ihrer Arbeit als Desorganisatoren auf die Notwendigkeit einer „Atempause“ für die Revolution, um danach den Kampf wieder aufzunehmen. In Wahrheit ist dieses Argument ungeheuer naiv und unaufrichtig. Lenin geht davon aus, dass seine Berliner Kontrahenten, im Wissen um seine Absichten, ihm eine „Atempause“ gönnen und ihm gestatten werden, Waffen gegen sie zu schmieden. […] Nein, jede Atempause bedeutet den Tod. Nicht nur durch die deutsche Faust, sondern auch durch den Weltimperialismus.
Наши правители вновь затвердили хором, что борьба с немецкими насильниками невозможна и бессмысленна и что единственный выход для советской власти заставить революцию кончить самоубийством.  […] 
Ленин и его соратники, в своей дезорганизаторской работе, ссылаются на необходимость «передышки» для революции, чтобы потом возобновить борьбу. Наивность или неискренность этого аргумента, по истине, превышают всякое вероятие. Ленин полагает, что его берлинские контрагенты, зная его намерения, действительно дадут ему «передышку» и действительно позволят добровольно выковать оружие против себя. […] Нет, всякая передышка есть смерть. Не только от немецкого кулака, но и от мирового империализма.
 


erschienen in Petrograd am 5. März 1918, Nr. 34 (248)

Wetschernjaja Sarja: Russland ohne Verhandlung erschossen

Auch die Zeitung Wetschernjaja Sarja (dt. „Abendrot“), die von den Menschewiki in Samara herausgeben wird, kritisiert Lenins Regierung für die Unterzeichnung des Friedensvertrags: 

Deutsch
Original
Der Frieden ist unterzeichnet. Unterzeichnet, ohne dass die Bedingungen des Friedensvertrages diskutiert wurden. Das Dekret der Sowjetmacht über die Erschießung bei Ungehorsam ist in Kraft getreten.  
Russland, ungehorsam gegenüber dem Rat der Volkskommissare, wurde in Brest ohne Gerichtsverfahren erschossen. Allerdings ist die Erschießung noch nicht erfolgt, bisher wurde nur ein Todesurteil ohne Gerichtsverfahren unterzeichnet und genehmigt. Aber Russland war schließlich gar nicht in Brest, es wurde in Abwesenheit mit stummer Beteiligung zum Tode verurteilt, in Anwesenheit mehrerer ihm völlig unbekannter Personen, die Lenin jedoch wohl bekannt waren und die verräterisch ihre Hand nach dem Judasbrief ausgestreckt haben. Wer hat diesen abscheulichen Alptraum in eine reale Tatsache verwandelt? Wer hat diesen gemeinen Verrat, diese feige Heimtücke begangen? Sowjetrussland? Das stimmt nicht. Die große Mehrheit, eine überwältigende Anzahl der bolschewistischen Räte – und in den gegenwärtigen Räten sind die Bolschewiki fast ausschließlich in der Mehrheit – hat sich scharf gegen die Unterzeichnung des Friedens und gegen Lenin vorauseilenden Gehorsam ausgesprochen.
Мир подписан. Подписан без обсуждения условий мирного договора. Декрет советской власти о расстреле неповинующихся на месте без суда приведен в исполнение. 
Россия, неповинующаяся совету народных комиссаров, расстреляна в Бресте без суда. Расстрел, правда, еще не совершен, подписан и утвержден без суда только смертный приговор. Но ведь России не было в Бресте, ее заочно приговорили к казни при безмолвном участии и в присутствии нескольких, совершенно ей неизвестных, но зато хорошо известных Ленину, лиц, предательски приложивших руку к иудиной грамоте. Кто претворил этот гнусный кошмар в реальный факт? Кто совершил эту подлую измену, это трусливое вероломство? Советская Россия? Неправда. Огромное большинство, подавляющее количество большевистских советов, – а в нынешних советах почти сплошь преобладают большевики, – резко высказались против подписания мира и против ленинской услужливой расторопности.


erschienen am 4. März 1918, Nr. 40

Nasch Wek: Allumfassende Verzweiflung

Die liberale Zeitung Nasch Wek (dt. „Unser Jahrhundert“), die der Partei der Kadetten nahe stand, kritisiert das Abkommen genauso und meint, dass der Kampf gegen Deutschland noch nicht zu Ende ist:

Deutsch
Original
Wie fremd ist uns allen das Gefühl der Erleichterung, das die Nachricht vom Frieden hätte auslösen müssen! Neben der Verzweiflung, die jeden erfasst, der sein Heimatland liebt, herrscht bei dem Gedanken an das zukünftige Schicksal Russlands, wie es Deutschland zur Versklavung, anheimgegeben ist, auch die völlige Unsicherheit darüber, was die Delegation uns bringen wird, was die wahren Bedingungen des Friedensvertrages sind, der dem wehrlosen Russland von den Gewinnern diktiert wird. [...] Die durch den Brester Frieden entstandene Situation ist unannehmbar für ein Land, das die Idee, ein Staat zu sein, nicht aufgegeben hat, und Russland kann sich mit dem Brester-Vertrag nicht zufrieden geben. [...] 
Der große Kampf auf der Welt geht weiter, und noch ist Deutschland nicht überall Sieger.

Как чуждо нам всем то ощущение облегчения, которое должна была вызвать весть о мире! Наряду с отчаянием, охватывающим всех, любящих родную страну, при мысли о грядущих судьбах России, отдаваемой на порабощение Германии, царит еще и полная неопределенность того, что нам привезет делегация, каковы подлинные условия мирного трактата, продиктованного победителями беззащитной России. [...] Положение, созданное брестским миром, неприемлемо для страны, не отказавшейся от идеи государства, и Россия не может примириться с брестским договором. [...] 
Великая мировая борьба продолжается, и Германия еще не является победительницей везде и всюду


erschienen in Petrograd am 5. März 1918, Nr. 40 (64)

Zeitung der 10. Armee: Sonntagsgeschenk 

Die deutsche Zeitung der 10. Armee, die täglich in dem von deutschen Truppen besetzten Wilna erschien, ist begeistert vom Friedensvertrag und der Reichsvergrößerung, was ausschließlich der deutschen Armee zu verdanken sei: 

Deutsch
-
Nicht mehr überraschend, aber in seiner Weltgeschichtlichen Bedeutung Herz und Verstand noch immer packend, hat sich der deutsch-russische Friede als wahres Sonntagsgeschenk eingestellt. […] Jeder Geschichtsschreiber wird sich fortan vor dem unermeßlichen Dienst verbeugen, den die deutschen Siege im Osten dem Selbstbestimmungsrecht der Völker erwiesen haben.


erschienen am 5. März 1918, Nr. 509, 3. Jahrgang

Vossische Zeitung: Östliche Kriegszielpolitik vorläufig erledigt

Georg Bernhard, der deutsche Publizist und Chefredakteur der Vossischen Zeitung, die damals als eines der wichtigsten liberalen Blätter Berlins gilt, meint, mit dem Friedensvertrag handle es sich um eine Momentaufnahme. Und er nimmt die Möglichkeit eines erneuten Treffens der Verbündeten Russland, Frankreich und England  vorweg – was knapp zwei Jahrzehnte später während des Zweiten Weltkriegs Wirklichkeit wird:

Deutsch
-
Wer will heute am Tage nach dem Friedensschluss sagen, wohin die Dinge im Osten sich noch entwickeln werden? […] Und vollends in Ungewissheit getaucht bleibt es, ob die gleiche Koalition, die vor dem Krieg Deutschland gegenüberstand, und die jetzt als Kampforganisation im Augenblick gesprengt ist, sich nach dem Krieg nicht wieder zusammenfinden wird. […]
Die einzelnen Kriegsschauplätze stehen nicht nur militärisch in Verbindung, sondern sind auch politisch nicht gesondert zu betrachten. […] Der Krieg im Osten ist nun erledigt und damit vorläufig auch die von Deutschland betriebene östliche Kriegszielpolitik. Nun aber verlangen wir, dass man wenigstens nach dem Westen eine Friedenspolitik auf der Grundlage eines tieferen Erschaffens deutscher Lebensnotwendigkeiten treibt.


erschienen am 4. März 1918, Montags-Ausgabe Nr. 145

Berliner Tageblatt: Sicherungsfrieden statt Verständigungsfrieden 

Der deutsche Journalist Josef Schwab meint im Berliner Tageblatt, das damals eine der auflagenstärksten deutschen Zeitungen war, der Vertrag von Brest-Litowsk könne zur Grundlage für eine dauerhafte Friedensordnung im Osten werden:

Deutsch
-
Es wäre dem deutschen Volke in seiner grossen Mehrheit lieber gewesen, wenn ihm statt der Sonderfriedensschlüsse, die unsere Front im Osten entlasten, der allgemeine Friede beschert gewesen wäre. […] Für Deutschland ergab es sich unter solchen Umständen als eine natürliche Handlungsweise, die Schwäche Russlands, letzten Endes die Frucht unserer gewaltigen, mehrjährigen militärischen Arbeit, auszunutzen und ihm den Sonderfrieden, den es brauchte und doch nicht gewähren wollte, abzuringen. […] Aber es regen sich auch Zweifel und bleibt doch die Tatsache, dass wir den Frieden mit den Nachfolgern des Zarentums nicht als ‚Verständigungsfrieden‘, sondern als ‚Sicherungsfrieden‘ durchgesetzt haben. […] Sie machen die Brest-Litowsker Friedenskunde zu einem Dokument, das hinter gefährliche Entwicklungen der jüngsten Zeit einen ernsthaften Schlusspunkt zu setzen verspricht.


erschienen am 6. März 1918, Wochen-Ausgabe für Ausland und Übersee, Nr. 10, VII. Jahrgang

Vorwärts: Gewaltige geschichtliche Tragödie

Die Parteizeitung der SPD Vorwärts kritisiert das Abkommen als Gewaltfrieden, der die Nationen im Gefühle tödlicher Feindschaft voneinander trenne:

Deutsch
-
Es ist der letzte Akt einer gewaltigen geschichtlichen Tragödie, den uns das deutsche amtliche Bureau in schonungsvoller Form übermittelt. Wir erleben in diesem Bericht noch einmal das letzte Sichaufbäumen eines großen Volkes, von dem uns niemals Haß getrennt hat, gegen die drückenden Bestimmungen eines Vertrages, die wir selber aufs entschiedenste mißbilligen. […] Man hat Frieden geschlossen und sich im Gefühle tödlicher Feindschaft voneinander getrennt. Das ist ein tief beklagenswertes Ergebnis, das wir vorausgesehen und vor dem wir gewarnt haben. […] Die deutsche Sozialdemokratie vermochte trotz der redlichsten Absicht durch ihre Politik nicht zu verhindern, daß ein Frieden geschlossen wurde, den die Gegner als Verständigungsfrieden nicht anerkennen konnten, den sie vielmehr als einen Gewaltfrieden nur unter Protest unterzeichneten.


erschienen am 6. März 1918, Nr. 65, 35. Jahrgang

Volksstimme: Der Schwertfriede

Noch schärfere Kritik am Abkommen, aber auch ernste Besorgnis über die langfristigen Folgen äußert die sozialdemokratische Volksstimme aus Magdeburg:

Deutsch
-
Der Friede, der jetzt geschlossen worden ist, wird allmählich das russische Volk mit tiefster Erbitterung, mit allen Leidenschaften der Rachsucht erfüllen. Er wird den russischen Nationalismus, den der Sieg der russischen Arbeiter im Mai zu Boden geworfen hat, von neuem beleben. […] So groß die Bedeutung des Friedensschlusses für die Fortführung und Beendigung des augenblicklichen Krieges ist, in Rücksicht auf die Zukunft können wir seiner nicht froh sein.


erschienen am 5. März 1918, Nr. 54, 29. Jahrgang

zusammengestellt von Sofia Artemova & Maria Rupp


Diese historische Presseschau entstand im Rahmen eines Lehrprojekts am Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin unter der Leitung von Robert Kindler und Martin Lutz. Das Projekt wurde gefördert vom bologna.lab der HU Berlin.
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Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk

Lenin hatte hoch gepokert. Aber hatte er auch gewonnen? Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk am 3. März 1918 wusste dies zunächst niemand so genau. Der Krieg mit den Mittelmächten war beendet, und Russland schied als Kriegspartei aus dem Ersten Weltkrieg aus.

Scheinbar hatten die Bolschewiki damit eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht: Frieden. Ohne diesen Friedensschluss werde die Revolution scheitern, denn die zerfallende russische Armee könne dem überlegenen deutschen Militär nichts entgegensetzen, hatte Lenin seine zögernden Genossen zuvor wieder und wieder beschworen.

Doch besiegelte der Vertrag nicht zugleich auch das Ende der Bolschewiki? Schließlich verzichtete Russland auf mehr als ein Viertel seines europäischen Territoriums, 60 Millionen Menschen, einen großen Teil seiner Industriebetriebe, der agrarisch nutzbaren Flächen sowie wichtige Teile des Eisenbahnnetzes. Hinzu kam, dass die Ukraine bereits einige Wochen zuvor, am 9. Februar 1918, einem separaten Friedensvertrag mit den Mittelmächten, dem sogenannten Brotfrieden, zugestimmt hatte, durch den sich Deutschland und Österreich-Ungarn den Zugriff auf Getreide und andere Ressourcen gesichert hatten.

 Deutschland, seine Verbündeten und Russland unterzeichnen am 15.12.1917 in Brest-Litowsk ein Waffenstillstandsabkommen / Foto © Deutsches Bundesarchiv

Für die Mittelmächte bedeuteten die beiden Abkommen zunächst einen Triumph. Der Krieg im Osten war beendet, und in Ostmitteleuropa entstand 1918 ein ebenso gigantisches wie kurzlebiges Imperium unter vorwiegend deutscher Kontrolle. Die eroberten Territorien, Ressourcen und Menschen sollten es den Mittelmächten ermöglichen, den Krieg im Westen erfolgreich fortzusetzen.

Die Verhandlungen in Brest-Litowsk hatten bereits Ende 1917 begonnen und erstreckten sich mit Unterbrechungen bis Anfang März. Die Bolschewiki, die im Dezember 1917 erst wenige Wochen an der Macht waren, unternahmen hier ihre ersten diplomatischen Gehversuche. Ihnen gegenüber standen erfahrene Diplomaten und Militärs aus Deutschland und Österreich-Ungarn.

Schon äußerlich waren die Unterschiede erheblich: Hier trafen adlige Diplomaten und Offiziere in eleganten Uniformen und Anzügen, behängt mit Orden und Auszeichnungen, auf schlecht gekleidete Revolutionäre, die zum Teil erst vor Kurzem aus der Verbannung in Sibirien zurückgekehrt waren. Zur russischen Delegation gehörten zunächst auch „Repräsentanten“ der Revolution: jeweils ein Bauer, ein Soldat, ein Matrose und ein Arbeiter. Die Abgesandten aus Petrograd verweigerten sich allen diplomatischen Gepflogenheiten.

Verhandlungen möglichst in die Länge ziehen

So gegensätzlich wie die beteiligten Personen waren auch die Ziele, die sie in den Verhandlungen erreichen wollten: Den Mittelmächten ging es vor allem darum, so schnell wie möglich einen Siegfrieden zu schließen, der ihnen Territorien und Güter, vor allem Getreide, Kohle und Vieh, sichern sollte. Die Bolschewiki verfolgten hingegen andere Absichten. Als klar wurde, dass die Forderungen der Bolschewiki nach einem Frieden ohne Annexionen und Kontributionen für die Mittelmächte nicht annehmbar sind, sollte Brest-Litowsk als Propagandaplattform für den Revolutionsexport dienen. Aus diesem Grund bestand die sowjetrussische Delegation auch darauf, die internationale Öffentlichkeit ununterbrochen über die Gespräche zu informieren. Ihr Verhandlungsführer Leo Trotzki erinnerte sich später: „In die Friedensverhandlungen traten wir mit der Hoffnung ein, die Arbeitermassen Deutschlands und Österreich-Ungarns wie auch der Ententeländer aufzurütteln. Zu diesem Zweck war es nötig, die Verhandlungen möglichst in die Länge zu ziehen.“

Weder Krieg noch Frieden

Doch je länger die Verhandlungen andauerten, desto stärker wuchs die Ungeduld der deutschen Militärs, dem „Palaver“ der Diplomaten ein Ende zu setzen. Als der deutsche General Hoffmann im Januar 1918 erklärte, das russische Beharren auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker entbehre jeglicher Grundlage und ultimative Gebietsforderungen erhob, erbat Trotzki eine Verhandlungspause.

Bild © Furfur/wikimediaIn Petrograd traf er auf die Führung der Bolschewiki, die gespalten war zwischen jenen, die eine Fortsetzung und Ausweitung des Krieges zu einem revolutionären Bürgerkrieg forderten, und denjenigen, die für eine Annahme der Friedensbedingungen eintraten. Trotzki überzeugte seine Genossen, aus dem Krieg auszutreten, ohne einen Vertrag zu unterzeichnen: „Weder Krieg noch Frieden“ lautete seine Parole, als er im Februar an den Verhandlungstisch zurückkehrte.

Doch was im Kreise der führenden Bolschewiki wie ein geglückter Kompromiss zwischen streitenden Fraktionen ausgesehen hatte, erwies sich als strategischer Offenbarungseid. Nachdem sich die Unterhändler der Mittelmächte von ihrer ersten Überraschung erholt hatten, nahmen die Militärs die Einladung zum ungehinderten Vormarsch dankend an. Innerhalb weniger Tage drang die deutsche Armee immer weiter nach Osten vor und bedrohte schließlich Petrograd. In höchster Not unterzeichnete die sowjetrussische Seite schließlich einen Vertrag, dessen Bedingungen sie einige Wochen zuvor noch als unannehmbar zurückgewiesen hätte. Lenin setzte diese Entscheidung mit dem Argument durch, dass sich nur so die Revolution – und damit die Hoffnung auf ihre Ausbreitung nach Westen – retten lasse.

Perspektiven und Konsequenzen

Die Reaktionen auf den Friedensschluss fielen unterschiedlich aus. In Russland mochten nur wenige Lenins Deutung folgen, dass die Revolution den Frieden als „Atempause“ zwingend benötigt hatte. Zu schwer wogen in den Augen der meisten die Verluste. Die Linken Sozialrevolutionäre, die bis dahin mit den Bolschewiki eine Koalitionsregierung gebildet hatten, zogen ihre Volkskommissare unter Protest zurück. Und auch unter den Kommunisten zweifelten selbst führende Kader an der Richtigkeit der getroffenen Entscheidungen: Viele hätten es bevorzugt, einen „revolutionären Krieg“ zu entfesseln, was angesichts der militärischen Situation nichts anderes als Selbstmord bedeutet hätte.

Für die Gegner der Bolschewiki war die Sache ohnehin klar: Das Abkommen sei für Russland entehrend. In Deutschland waren die Meinungen gleichfalls geteilt. Während die Reichsleitung und konservative Schichten jubelten, da die Fortsetzung des Krieges gegen die Entente nun gesichert schien, warnten andere vor den unabsehbaren Konsequenzen des Abkommens: Was, wenn Russland künftig wieder erstarken und Revanche nehmen würde? Hätte man sich nicht mit Blick auf das von allen Vertragspartnern immer wieder betonte „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ entgegenkommender zeigen müssen?

Bereits kurz nach Unterzeichnung des Vertrags zeigte sich, dass der Triumph der Mittelmächte keineswegs so eindeutig war, wie zunächst angenommen: die – zumindest rudimentäre – Besatzung und Verwaltung der eroberten Gebiete erforderte einen hohen personellen Aufwand und die Hoffnungen, die insbesondere in den Vertrag mit der Ukraine gesetzt worden waren, erfüllten sich nur teilweise: Die Lieferungen von Getreide, Vieh und anderen Rohstoffen liefen allenfalls schleppend an. Nicht selten bedurfte es zunächst erheblicher Investitionen, um im Krieg zerstörte Infrastrukturen wieder in Gang zu bringen.

Momentaufnahme im dynamischen Prozess

Der Vertrag von Brest-Litowsk war eine Momentaufnahme in jenem gewaltsamen und dynamischen Prozess, der die politische Ordnung Osteuropas grundlegend veränderte. Zunächst einmal trug das Abkommen entscheidend zum Sieg der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg bei, der 1918 in vollem Umfang ausbrach. Ohne die Bedrohung aus dem Westen konnten sie ihre militärischen Ressourcen ausschließlich für den Kampf innerhalb des Landes einsetzen. Vor allem dafür hatte sich Lenins hoher Einsatz gelohnt. Hinzu kam, dass im Vertrag von Versailles vom Mai 1919 die Verpflichtungen des Brest-Litowsker Abkommens annulliert wurden.

Doch nicht nur für die Zukunft der Sowjetunion war der Vertrag entscheidend. Er trug wesentlich zur Entstehung unabhängiger Staaten bei: Polen, Lettland, Estland, Litauen und Finnland standen (zumindest für zwei Jahrzehnte) nicht länger unter russischer beziehungsweise sowjetischer Herrschaft. Anders verhielt es sich im Fall der Ukraine, die unter dem militärischen Schutz der Mittelmächte nur einige Monate formal unabhängig blieb.

Die sowjetische und auch die russische Historiographie folgten in ihren Bewertungen des Vertrags weitgehend der bereits von Lenin vorgegebenen Linie: Das Abkommen sei mit erheblichen Opfern verbunden gewesen, zu denen es keine Alternative gegeben habe, da andernfalls eine totale Niederlage gedroht hätte.

Deutsche Historiker haben sich neben einer minutiösen Rekonstruktion der Ereignisse am Verhandlungstisch unter anderem mit der Frage beschäftigt, ob Kontinuitätslinien zwischen dem Abkommen von 1918 und dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 bestanden.

In jüngster Zeit hat sich die Forschung verstärkt dem lange Zeit vernachlässigten Einfluss Brest-Litowsks auf die Staaten und Gesellschaften Ostmitteleuropas zugewandt und den Zusammenhang zwischen den Verhandlungen dort und jenen in Versailles betont. Damit wird deutlich: Die Geschichte des Vertrags von Brest-Litowsk ist nicht in erster Linie eine deutsch-russische, sondern eine europäische Geschichte. 


Zum Weiterlesen
Baumgart, Winfried (1966): Deutsche Ostpolitik 1918: Von Brest-Litowsk bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Wien
Chernev, Borislav (2017): Twilight of Empire: The Brest-Litovsk Conference and the Remaking of East-Central Europe, 1917-1918, Toronto
Haffner, Sebastian (1988): Der Teufelspakt: Die deutsch-russischen Beziehungen vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg, Zürich
Schattenberg, Susanne (2011): 1918 – Die Neuerfindung der Diplomatie und die Friedensverhandlungen in Brest-Litovsk, in: Stadelmann, Matthias/Antipow, Lilia (Hrsg.): Schlüsseljahre: Zentrale Konstellationen der mittel- und osteuropäischen Geschichte: Festschrift für Helmut Altrichter zum 65. Geburtstag, Stuttgart, S. 273-292
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