„Es ist nicht Ziel des Haftsystems, Menschen zu resozialisieren“

Sona, die Zone, ist ein russisches Synonym für Gefängnis, Lager. Der Jargon-Begriff geht zurück bis in die Zeit der Stalinschen Gulags. Er steht für die Abgeschlossenheit der Gefängniswelt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und sozialen Dynamiken, abgekoppelt vom restlichen Leben der Gesellschaft / Illustration © Ljalja Bulanowa

Irpin, Butscha, Mariupol – die beispiellose Gewalt Russlands in der Ukraine, so schrieb der Historiker Sergej Medwedew 2022, sei weder Exzess noch Pathologie: „Das Problem ist das russische System selbst.“

Vieles wurde in den vergangenen vier Jahren über eine Gewaltdurchtränkung der russischen Gesellschaft geschrieben. Oft wurde sie mit der zunehmend gewaltverherrlichenden politischen Kultur erklärt, und diese wiederum aus der Gefängniskultur. Die Zusammenhänge sind vielschichtig: Manche argumentieren etwa mit der kleptokratischen Führungsclique, andere verweisen auf die jahrzehntelange Romantisierung Krimineller in der Popkultur. Einig sind sich die meisten darin, dass die zentrale Logik des russischen Strafvollzugs heute auch gesellschaftliche Norm ist: Amoralismus und das Recht des Stärkeren bestimmen die Ideologie des Putinismus und das russische Wertesystem.

Kaum jemand außerhalb der Straflager kennt das russische Haftsystem so gut wie Olga Romanowa. Im Interview mit 7×7 liefert die Leiterin der Gefangenen-Hilfsorganisation Rus Sidjaschtschaja Hintergrundwissen und beantwortet nur scheinbar „naive“ Fragen.


Stimmt es, dass das russische Haftsystem ein Nachfolger des Gulags ist?

Nicht ganz. Es ist genaugenommen ein Nachfolger des Systems von Konzentrationslagern, das die Briten während des Zweiten Burenkriegs in Südafrika erfunden haben. Der Gulag hat nicht die Zuchthäuser der Zarenzeit übernommen, sondern dieses Modell. Aber das heutige russische Gefängnis ist wiederum ein Nachfolger des Gulag.

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts sahen die Gefängnisse anders aus. Angeblich durften Häftlinge sogar mal nach Hause. Wann hat sich das geändert?

Das hing alles vom Stand ab. Adelige und Bürger wurden milder behandelt, denken wir nur an Lenin, der in die Verbannung seine Verlobte, deren Mutter und ein Klavier mitnehmen durfte, Geld bekam und sich in einem begrenzten Gebiet frei bewegen durfte.

Bauern und einfache Leute mussten ins Zuchthaus – wie in Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus oder in Tschechows Die Insel Sachalin. Adelige begingen seltener schwere Verbrechen, und wenn, dann versuchten „sozial Nahestehende“, das zu vertuschen.

Insgesamt waren nicht die Gefängnisse humaner, sondern die gesellschaftliche Haltung. Dass die Häftlinge damals ausgerechnet an Sonntagen in Richtung Sibirien getrieben wurden, hatte einen Grund: Leute liefen herbei, um Essen und Kleidung zu bringen. Bei Adeligen gehörte es zum guten Ton, für Inhaftierte zu spenden.

Was ist im heutigen Strafvollzugssystem FSIN noch wie im Gulag?

Fast alles. Erstens die Geografie: Die Lager befinden sich noch immer abseits der Zivilisation. Dann die Wirtschaft: Immer noch Sklavenarbeit, aber während sie früher „der Volkswirtschaft diente“, verschwindet der Ertrag heute in den Taschen der Gefängnisleitung und nahestehender Personen, meistens aus der Staatsanwaltschaft, seltener beim FSB. Auch die Verwaltungslogik ist die gleiche geblieben.

Neu ist das Gefängnis als Unternehmen. Während die Arbeit in den Strafkolonien früher „dem Land“ gewidmet war, ist das heutige Gefängnis eigentlich ein Privatunternehmen, das Gewinne erzielt.

Und keiner fordert vom russischen Strafvollzugssystem, die Verurteilten zu resozialisieren.

Wer arbeitet in russischen Gefängnissen und mit welcher Motivation?

Die Arbeit im Gefängnis ist keine Berufung, sondern ein Akt der Verzweiflung. In der Hierarchie der Silowiki ist der FSIN der niedrigste Rang. Die Hierarchie geht so: FSB-Akademie, Auslandsgeheimdienst, Hauptverwaltung der Aufklärung, dann der normale FSB, die Unterabteilungen zur Terrorbekämpfung, Armee, Polizei, Gerichtsvollzieher … und ganz am Schluss der Strafvollzug, der FSIN.    

Was Gehalt, Prestige und soziales Ansehen betrifft, ist das das Allerletzte. Wenn du zu gar nichts taugst, gehst du zum FSIN.

Hinzu kommt der territoriale Faktor: In Russland sind Straflager sehr häufig stadt- und siedlungsbildende Institutionen – auch da lässt der Gulag grüßen. Um die Straflager entstehen kleine Städte oder Dörfer, in denen es kaum andere Arbeitsplätze gibt. Daher kommen diese „ruhmreichen Arbeiterdynastien“, wie etwa in der Ortschaft Charp.  

Bezüglich Gefängnispersonal möchte ich nachfragen: Warum werden viele schon nach kurzer Zeit im FSIN so gehässig, gehen sogar so weit zu foltern? Was passiert da hinter den Mauern?

Das passiert nicht nach kurzer Zeit, sondern sofort: Erstens wegen der Arbeiterdynastien, die das von Generation zu Generation weitergeben. In Komi wurde noch vor dem Krieg ein Gedenkstein gesetzt: „Hier haben unsere Vorfahren 1937 die erste Strafkolonie gegründet.“ Damals gab es einen Aufschrei, heute ist das normal. Und in diesen Dynastien hat Folter Tradition, sie können gar nicht anders.

Zweitens ist die Grundeinstellung der Angestellten: „Ein Knast ist kein Sanatorium, das sind lauter Verbrecher.“

Drittens ist es erlaubt. Als das Gesetz gegen Folter verabschiedet wurde, war ich entsetzt: Ein solches Gesetz kann in unserem System diese Praxis nicht verbieten, sondern nur erst recht legitimieren. So kam es auch.

Ein neuer Mitarbeiter kann mit edlen Absichten beginnen, bekommt aber schnell eins auf den Deckel: „Unsere jahrhundertelangen Traditionen wirst du nicht brechen“. Und dehnt sein moralisches Raster in Richtung Folter aus.

In normalen Systemen steht Professionalität an erster Stelle, an zweiter Stelle Menschlichkeit, gefolgt von den Menschenrechten und den Nelson-Mandela-Regeln. Aber bei uns? „Sei Patriot, liebe deine Heimat.“ Und in der Praxis bringen sie dir bei, wie du prügelst, ohne Spuren zu hinterlassen.

„Und in der Praxis bringen sie dir bei, wie du prügelst, ohne Spuren zu hinterlassen.“ / Illustration © Ljalja Bulanowa, 7×7

Was macht ein Gefängniszensor, wenn er die Häftlingspost kontrolliert?

Das hängt von der jeweiligen Person ab: Welche Schicht, wie er oder sie aufgelegt ist, sogar das Wetter spielt eine Rolle. Die Zensoren bekommen keine spezielle Ausbildung, und oft sind es Ehefrauen, Schwestern oder Neffen von Angestellten. Meistens Frauen – so ganz gewöhnliche „Tantchen“.

Die sitzen da einfach und lesen die Briefe, und alles hängt von ihrem Ehrgeiz ab oder davon, ob sie kontrolliert werden. Manchmal schwärzen sie ganz Unschuldiges, manchmal lassen sie alles durchgehen – auch Sachen, bei denen die Inhaftierten unvorsichtig waren.

Gibt es eine vollständige Liste, was man alles nicht schreiben darf?

Formell gibt es eine Anstaltsordnung: Man darf vor allem nichts über seine Strafakte schreiben. Verboten sind auch Landkarten, Fotos der Gegend rund um das Gefängnis, Geheimschriften, Fremdsprachen und alles, was zu einer Flucht verhelfen könnte. Mit manchmal lachhafter Absurdität, wenn etwa Die Schatzinsel (Abenteuerroman von Roman Robert Louis Stevenson – dek) nicht durchgeht, weil darin eine Landkarte abgedruckt ist.

Signierte Bücher sind auch ein Risiko: Womöglich sei darin „die Frequenz und Wellenlänge des Nato-Senders“ verschlüsselt.   

Überhaupt gibt es im Gefängnis seltsame Verbote en masse: Keine Spielkarten, kein Alkohol, nichts Spitzes, nichts Scharfes, keine Drogen – das leuchtet ja ein. Gleichzeitig sind Zigaretten erlaubt, dafür Erotik und Porno wiederum ganz streng verboten. Seit 17 Jahren befasse ich mich mit dem Thema Gefängnis, aber das ist mir bis heute schleierhaft.

Wird in den Straflagern über Politik diskutiert?

Natürlich.

Kann man wegen solcher Gespräche bestraft werden?

Kommt darauf an, was man sagt. Aber ja, dafür kann man sowohl von der Gefängnisleitung bestraft als auch vor Gericht gestellt werden. Erinnern wir uns an Alexej Gorinow oder Asat Miftachow: Sie sprachen mit Zellengenossen über die Sendung Wremja. Gorinow wurde aufgenommen, Miftachow von seinem „besten Knastfreund“ verraten, mit dem er zusammen einsaß. Das war alles provoziert.

Es gibt da ziemlich kuriose Geschichten. In einem Straflager in der Wolgaregion wollte ein ganz normaler Häftling unbedingt wegen guter Führung vorzeitig entlassen werden. Er nahm an allen Kreativgruppen teil, malte Plakate und Wandzeitungen, dachte sich ein Lied aus – zum 1. Mai oder Tag des Sieges, irgendwas in die Richtung. Das Lied handelte von zwei Wladimirs, die sich raufen: Einer ist gut, der andere böse. Keine Nachnamen, keine Länder. Und dafür bekam er vier Jahre zusätzlich aufgebrummt, wegen „Fakes über die russische Armee“.

Stimmt es, dass Gespräche über Politik manchmal von der Gefängnisleitung provoziert werden?

Nicht von der Leitung, sondern vom Ermittlungsdienst. Das ist der wichtigste Dienst im System. Wenn ich das im Ausland erzähle, glaubt man mir nicht, hält mich für verrückt. In anderen Ländern stehen an ersten Stellen die medizinischen, sozialen, psychologischen Dienste. Bei uns sind es die Ermittler. Und ihre Aufgabe ist es, die Häftlinge zu Gesprächen zu verleiten, „Material“ zu erbeuten, um Haftstrafen zu verlängern und „Komplotte aufzudecken“.

Auch das wirkt manchmal absurd: Drei Häftlinge nehmen sich angeblich vor, in 28 Jahren zusammen eine Bank auszurauben. Und schon ist „ein Verbrechen aufgedeckt“.

Ende der 1980er und in den 1990er Jahren wurde viel über rote und schwarze Zonen gesprochen. Gibt es die in Russland immer noch?

Rote Zonen, schwarze Zonen

Inoffiziell gab es in der Terminologie des 20. Jahrhunderts zwei Arten von Lagern und Kolonien:

In den roten Zonen hatte die Verwaltung das Sagen. FSIN-Mitarbeiter stellten die Regeln auf, und die Häftlinge unterlagen ihrer absoluten Kontrolle.

Die schwarzen Zonen wurden von kriminellen Autoritäten regiert. Sogenannte Aufseher bestimmten das Leben der Inhaftierten.

Nein, das ist längst Geschichte. Es gibt nur mehr Legenden. Vor dem Krieg kämpfte man noch gegen die grünen Zonen an, die von radikalen Islamisten beherrscht wurden. Aber das hat sich von selbst erledigt, nicht wegen der Bekämpfung. Heute sind alle Zonen gleich – grau.

Das hat sich alles ab dem Jahr 2000 allmählich aufgelöst. Wie weit das Zufall war, sei dahingestellt, jedenfalls kam damals Putin an die Macht. Die Privatwirtschaft war bereits gut entwickelt, und die Gefängnisleitungen gingen dazu über, die Gefängnisbetriebe als Gewerbe anzumelden: auf die Gattin, auf Verwandte, wen auch immer. Die Sklavenarbeit ist geblieben, nur den Gewinn streichen andere ein.

Wer sich beklagt, wird brutal bestraft.  

Die Insassen fingen an, sich zu beschweren, weil sie für einen Hungerlohn arbeiten müssen, in drei Schichten, ohne Wochenende und Urlaub. Die Leitung kann sich Kontrollen zwar immer vom Leib halten, aber auch nicht alle, weil das zu teuer würde. Die Lösung war, die Smotrjaschtschije [Spitzen der Insassenhierarchie – dek] einzusetzen, die dafür sorgen, dass es keine Beschwerden gibt. Wer sich bei Verwandten oder Anwälten beklagt, wird brutal bestraft.     

Für die „Ruhe“ werden die Smotrjaschtschije belohnt: Obschtschak, Spiele, Alkohol, Handys. So sind die rote und die schwarze Zone verschmolzen – durch die Kooperation der Verwaltung mit den Kriminellen.

Warum ist die medizinische Versorgung so katastrophal?

Alles ist katastrophal, somit auch die medizinische Versorgung. Das ist nur das, was das Leben am härtesten trifft.

In allen Haftanstalten gibt es medizinische Versorgungsräume, oft sehr gut ausgestattet. In Charp gab es zum Beispiel noch vor wenigen Jahren eine hervorragende Arztpraxis. Der FSIN kauft teure Medikamente, unter anderem zur Therapie von HIV. Aber wozu? Es gibt keine Ärzte. Sie sperren einen ein, und die Behandlung kriegt man erst ein halbes Jahr [nach der Diagnose – dek], wenn sich der Hormonhaushalt bereits komplett verändert hat. Was dann verschrieben wird, ist bestenfalls nutzlos, aber meistens schädlich.

Ärzte gibt es wegen der mickrigen Gehälter keine. Wer will schon in einem Straflager bei Kungur arbeiten, wenn es in den normalen Krankenhäusern an Ärzten mangelt. Deswegen arbeitet da ein ganz spezieller Menschenschlag.

Kann man sagen, dass die Gefängnisleitung gar nicht an guten Ärzten interessiert ist? Nach dem Motto: Ist doch egal, ob sie welche haben oder nicht, die Häftlinge sind sowieso „keine richtigen Menschen“?

Natürlich sind sie nicht interessiert. Sehen Sie sich die Statistik des FSIN an, da steht alles drin: die Anzahl der Fluchtversuche, die Versorgung mit Seife, der Gewinn. Die erste und wichtigste Zahl ist, wie viel Geld das Straflager einbringt.

Zahlen über Wiederholungstäter, also darüber, inwiefern eine Verbesserung stattgefunden hat, gibt es nicht. Es ist nicht Ziel des Systems, den Menschen zu helfen, sie zu resozialisieren. Deswegen macht es im Bericht auch keinen Unterschied, ob er überhaupt noch lebt.

In welchen Kolonien geht es strenger zu, bei den Männern oder bei den Frauen?

Natürlich bei den Frauen. Da sind die Bedingungen viel härter. Bei den Männern gibt es eine Insassenhierarchie, ein Blat-Komitee, eigene „Regeln“. Bei den Frauen gibt es das nicht, und jede will nur eins: möglichst bald nach Hause – zu den Kindern, zur Mutter, zu den Lieben. Daher gibt es in den Frauenkolonien fast nie Aufstände: Es ist unmöglich, sich zusammenzuschließen, jede erwartet einen Haken, hat Angst, reingelegt zu werden. Man kann für jede Kleinigkeit verpfiffen werden – daher eine Atmosphäre von Angst und Misstrauen.

In den Männerkolonien gibt es alles, was verboten ist, trotzdem: Handys, Internet, Alkohol, Drogen. Bei den Frauen gibt es fast nichts davon, sie riskieren es nicht, weil sich immer irgendeine Petze findet. Man hat nicht nur vor der Obrigkeit Angst, sondern auch vor den Zellengenossinnen. Sogar deine Semejniza, mit der du Pakete und Sorgen teilst, kann dir gefährlich werden.

Das heutige russische Gefängnis ist ein Nachfolger des Gulag. / Illustration © Ljalja Bulanowa

Wer sind in den russischen Haftanstalten die „Beleidigten“, und warum gibt es immer noch diese Kasten?

Die „Beleidigten“ – auch „Petuchi“, „Eckige“ oder „Gesonderte“ genannt – sind die unterste Kaste. Sie ist im Gulag entstanden. Davor gab es auch schon homosexuelle Häftlinge, aber das hat keinen sonderlich interessiert. 

Wichtig zu wissen: Wenn ein Mann Geschlechtsverkehr in der aktiven Rolle hat, gilt er als „Kerl“. Lässt er sich dominieren, wird er zum „Beleidigten“. Das ist überhaupt die zentrale Logik im russischen Gefängnis: Stärke, Macht und Dominanz. Deswegen landen in dieser untersten Kaste auch Männer, die mit Homosexualität gar nichts am Hut haben. Zum Beispiel „Ratten“, die ihren Mithäftlingen Bonbons klauen. Wirst du auch nur bei einem geringfügigen Diebstahl erwischt, bist du sofort in der untersten Kaste. Und kein Weg führt zurück, keiner nimmt was von dir, alle meiden dich. Auch Männer, die offen zugeben, dass sie eine Frau lecken, gelten als „Beleidigte“. Das wird als „Erniedrigung“ betrachtet, das heißt, du dominierst nicht.

Warum das heute noch Gültigkeit hat? Obwohl viele Gefängnistraditionen verschwunden sind – die „Schlampenkriege“, „Abend in die Bude“, AUE –, gibt es immer noch Kasten. Sie sind ein wichtiges Kulturgut, das auf Dominanz aufbaut.     

Wie viele Straflager gibt es heute in Russland, und was wird in den nächsten zehn Jahren damit passieren?

Das steht in den Sternen. Bekanntlich wurden Hunderte Gefängnisse geschlossen, aber wie viele genau dem Verteidigungsministerium übertragen wurden, ist unklar. Wenn in einem Lager Kriegsgefangene inhaftiert werden, wird es dem Verteidigungsministerium unterstellt, aber nicht immer. Jegliche Daten über Gefangene sind heute Staatsgeheimnis. Wenn wir die Zahl der Gefängnisse kennen, können wir die Zahl der Inhaftierten abschätzen, und die ist besonders geheim.

Nach der Mobilmachung und Anwerbung für die Söldnertruppe Wagner und andere private Militärkampagnen leerten sich die Gefängnisse, viele Insassen gingen an die Front. Deswegen wurde ein Teil der Kolonien geschlossen. Gleichzeitig kündigte die Regierung den Bau von 38 „Supergefängnissen“ an. Das Geld ist geflossen, aber nicht ein Grundstein wurde je gelegt.

Auch neue Ideen sind entstanden: Der FSB entwickelt ein Konzept „eigener“ Gefängnisse, unter anderem für Minderjährige. Mehr als 200 Teenager hat das Rosfinmonitoring bereits auf seiner Liste, allein im September sind 46 neue hinzugekommen. Der KGB hat früher von Kindern nach Möglichkeit die Finger gelassen, aber heute ist das eine ganze Politik. Es wird also eine neue FSB-Verwaltung für Gefängnisse geben und eine weitere für Kinder. Ein Klassiker: Erweiterung von Befugnissen und Budget.

Anstelle von Gummiknüppeln werden dort psychoaktive Substanzen eingesetzt. 

Aber in einer solchen Kolonie kann bei Weitem nicht jeder landen. Dort wird nur inhaftiert, wer den FSB ernsthaft interessiert. Zum Beispiel Lefortowo [Gefängnis in Moskau – dek]: Formal gehört es irgendwie zum FSB, irgendwie auch nicht, aber das Wesentliche ist, dass es sogar einen geheimen Gang direkt zum Verwaltungsgebäude gibt. Ins Lefortowo kann ein Anwalt noch kommen, aber wohl nicht mehr in ein neues FSB-Gefängnis. Und anstelle von Gummiknüppeln werden dort psychoaktive Substanzen eingesetzt.       

Schauen Sie mal, wer da sitzt: lauter reiche Leute, von denen sie Geld fordern können. Die schlägt man ja nicht einfach mit dem Stock. Da sind andere Methoden gefragt.

Eltern von jugendlichen Polithäftlingen in Russland berichten, wie ihre Kinder in die Fänge des staatlichen Haftsystems geraten sind. / Illustration © Ljalja Bulanowa
In Russland sitzen mehr als hundert Polithäftlinge unter 22 Jahren ein. Diese jugendlichen „Staatsfeinde“ sind etwa wegen „Terrorismus“ oder „Extremismus“ verurteilt worden. / Illustration © Ljalja Bulanowa

Kann es einen Staat ohne Gefängnis geben?

Natürlich. Aber man muss verstehen, dass Gefängnisse nicht für Verbrecher erfunden wurden, sondern für die Feinde des Staates. Ein Stamm überfiel einen anderen – wohin mit den Kriegsgefangenen? Sie wurden in Gruben geworfen. Im Mittelalter wurden Räuber und Mörder sofort umgebracht, sie wurden gebrandmarkt, ihnen wurde die Hand abgehackt. Keiner hat für ihre Unterbringung bezahlt. In der Bastille oder im Tower saßen vor allem politische Opponenten, „Feinde der Krone“.

Die Idee eines Gefängnisses für gewöhnliche Verbrecher hat sich erst ab dem 18. Jahrhundert etabliert. Davor mussten Diebe zur Armee oder wurden an Ort und Stelle bestraft. Wenn man sich die heutige Statistik (für Russland – dek) ansieht: 18 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer sitzen wegen Gewaltverbrechen. Alles andere ist keine Gewalt, das könnte man auch ohne Freiheitsentzug korrigieren.

Unter den Gewaltverbrechen gibt es außerdem viele Fälle von Notwehr. Da, wo es sich um wirklich gefährliche Menschen handelt, um Mörder, Vergewaltiger, Kannibalen, ist oft die Medizin gefragt. Wir brauchen psychiatrische Kliniken und keine Straflager. Isolierung? Ja, aber im Krankenhaus. Es gibt auch gesunde, aber trotzdem extrem gefährliche Täter – wie Anders Breivik. Die muss man natürlich isolieren, aber dafür würden kleine Gefängnisse mit einer besonderen Ordnung ausreichen, dafür braucht es kein gigantisches System. Alles andere ließe sich ohne Haftstrafen lösen.