Der Mensch, wie er rennt

Symboldbild zweier rennender ukrainischer Soldaten als Illustration für eine Kolumne über vier Jahre Kriegsdienst und Debatten um die Mobilisierung in der Ukraine.
Zwei Soldaten der ukrainischen 39. Brigade der Küstenwache beim jährlichen Gedenklauf I honour warriors – I run for the Heroes of Ukraine im August 2025 im Gebiet Cherson / Foto © Yuliia Ovsiannikova/ Ukrinform/Imago

Der große ukrainische Verteidigungskampf gegen Russlands vollumfänglichen Angriffskrieg geht bald ins fünfte Jahr. Die Mobilisierung läuft schleppend. Die eigentliche Frontlinie bewegt sich wenig. Dafür eskaliert Russland seine Luftangriffe gegen die zivile Infrastruktur der gesamten Ukraine und bombt das ganze Land eine humanitäre Krise. Der Mangel an Abwehrmunition von westlichen Verbündeten schwächt die ukrainische Flugabwehr. Die technologische Weiterentwicklung rast. Die ukrainische Armee leidet unter Personalmangel. In der westlichen, besonders der deutschen Berichterstattung, wird immer wieder das Nicht-kämpfen-Wollen ukrainischer junger Männer thematisiert.

In seiner bildstarken Kolumne für die Ukrajinska Prawda beschreibt der ukrainische Journalist Pawlo Kasarin seinen Armeedienst in diesem absehbar nicht endenden Krieg und seine Perspektive auf die für sein Land existenzielle Mobilisierungsfrage. Kasarin ist Autor des Buches „Der wilde Westen Ost-Europas. Der ukrainische Weg aus dem Imperium” und seit 2022 freiwillig Soldat der ukrainischen Streitkräfte.


Vor dem Krieg lief mein Freund Ultramarathons. 

Er erzählte mir, dass eigentlich niemand die 60 oder 80 Kilometer laufe, sondern immer nur „bis zur nächsten Kurve” oder „dort bis zum Hügel”. Ein Ultramarathon schreckt durch seine Länge ab, deshalb teilt man sich die Strecke in überschaubare Abschnitte und mit klaren Zwischenzielen ein. Als ich ihm so zuhörte, dachte ich, dass es sich mit unserem Dienst in der Armee doch genauso verhält. 

Zwischenziele helfen, die Unendlichkeit zu ordnen.

Wir alle müssen bis zum Sieg in der Armee dienen, doch eigentlich dient jeder nur „bis zum nächsten Fronturlaub”, „bis zur nächsten Rotation”, oder „dem nächsten Geburtstag”. Zwischenziele helfen, die Unendlichkeit zu ordnen. So wird sie greifbarer. Wenn man schon bis zum Horizont laufen muss, machen symbolische Zwischenstopps die Strecke etwas verständlicher. 

Mein erster Zwischenstopp in meinem Dienst war nach 14 Monaten. Genauso lange hatte ein Mobilisierungszyklus im Rahmen der ATO gedauert. Ich hatte damals nicht gedient und deshalb bis Februar 2022 ständig das Gefühl, auf Pump gelebt zu haben. Man baute seine Zukunft auf den Schultern derer auf, die bereits in der ersten Phase des Krieges ihr Leben riskiert haben. Am 24. Februar bot sich die Gelegenheit, diese Schuld zu begleichen. So dauerte meine erste symbolische Dienstetappe bis Mai 2023. 

Dann hofften wir ein bissen auf den dritten Jahrestag der Mobilisierung als nächstes Zwischenziel. Der Präsident deutete eine Begrenzung der Dienstzeit an und versprach Vorhersehbarkeit und Ablösung durch frische Kräfte. Der dritte Jahrestag der Vollinvasion weckte deshalb große Erwartungen. Später stellten sich diese Erwartungen als vergebens heraus. Die Frustration der Soldaten zog die Verbreitung des Begriffs uchyljant [dt. Drückeberger – dek] nach sich und führte zu einem Anstieg von Desertionen. Es wurde klar, dass wir unseren Lauf auf unbestimmte Zeit laufen würden. Das Einzige, was sich ändert, ist die Distanz zwischen den symbolischen Zwischenstopps, die mit jedem Mal kürzer wird. Vom „Hügel” bis zu nächsten „Kurve” auf meinem Weg vergeht jetzt im Durchschnitt weniger als ein Monat. 

Manchmal fühlen sich die letzten vier Jahre an wie eine Survival-Reality-Show. Am Ende jeder Staffel verlängert sich die Teilnahme um ein weiteres Jahr.

Unsere Kompanie soll verlegt werden. Vor uns liegen Kämpfe um den Donbas. Ich denke daran, dass ich zuletzt im Frühjahr 2023 in Kramatorsk war. Drei Jahre ist das schon her. Vor dem Krieg füllten einen solchen Zeitraum normalerweise Reisen in zwei oder drei Länder, mehrere Fotoalben, ein paar Liebesgeschichten und ein Arbeitsplatzwechsel. Die letzten drei Jahren haben mir lediglich Krämpfe und graue Haare gebracht. 

Manchmal fühlen sich die letzten vier Jahre an wie eine Survival-Reality-Show. Am Ende jeder Staffel verlängert sich die Teilnahme um ein weiteres Jahr. Alles um mich scheint wie eine Deformation der Realität, die sich erübrigt, sobald alles zur Vorkriegsnormalität zurückkehrt. Doch dann erinnert man sich, dass es diese Vorkriegsrealität nicht mehr gibt. Die Welt dreht sich weiter, auch ohne dich. Gespickt mit neuen Erfahrungen, verblassen deine Fähigkeiten aus dem zivilen Leben nach und nach. Das Leben nach dem Krieg wird anders sein. Und damit auch du. Alles, was du geleistet hast, wird zum Nebenschauplatz, den viele andere beschlossen haben zu überspringen. 

Soziologen sagen heute, dass die Schlangen im Februar 2022 vor den Einberufungsämtern aus Menschen bestanden, für die Selbstverwirklichung zählte; denen es wichtig war, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, nach Prinzipien zu handeln und nicht aufzugeben. Innerhalb der letzten vier Jahre haben sich diese Menschen freiwillig gemeldet.

Deshalb richten sich die Werbekampagnen einzelner Brigaden, die heute appellieren „sich zu beweisen” oder „sich zu verwirklichen” in Wirklichkeit an ein nicht mehr existierendes Publikum. Um jene zu erreichen, die heute noch nicht dienen, muss man mit rationalen Argumenten, attraktivem Gehalt und Vorhersehbarkeit aufwarten. Das ist keine einfache Aufgabe, wenn man gleichzeitig das anfängliche Bild all der Freiwilligen vor Augen hat, die die Freiheit am meisten schätzten und sie schließlich am meisten verloren. 

Wir können nur schwer beurteilen, wie gut wir uns schlagen. Denn um zu vergleichen, müssten wir wissen, wer es besser machen würde.

Unsere Gesellschaft diskutiert lebhaft darüber, wie sie sich sieht. Wir sprechen über das Verhältnis zwischen aktiven Staatsbürgern und einfachen Bewohnern und über die Balance zwischen Rechten und Pflichten. Wir reden über jene, die auf Kosten anderer leben, und all jene, die nicht nur für sich, sondern auch für andere sorgen. Aber für ein endgültiges Urteil fehlt uns ein „Land der Freundin unserer Mutter”, einfach ein Vorbild. 

Wir können nur schwer beurteilen, wie gut wir uns schlagen. Denn um zu vergleichen, müssten wir wissen, wer es besser machen würde. Wo ist das Land, in dem es mehr nicht gleichgültige Menschen gibt? Mehr Menschen, die bereit wären, ihr altes Leben aufzugeben und auf unbestimmte Zeit Uniform zu tragen. Umfragen unter Gesellschaften im alten Europa zeigen uns, dass wir hier keine Konkurrenz befürchten müssen. Dass wir riskieren, hier Spitzenreiter zu bleiben. Denn unser gelebter Widerstandsgeist wird zu einem unerreichbaren Traum für jene, die sich jahrzehntelang an garantierte Sicherheit gewöhnt haben. 

Keine Gesellschaft ist homogen und es wird immer eine Mehrheit geben, die sich primär auf das eigene Überleben konzentriert. Die Frage ist nur, wie viele es außerdem gibt, die sich um mehr kümmern. So könnte sich nämlich herausstellen, dass eben jenes Verhältnis, das wir für unzureichend halten, für unsere Nachbarn schon ein unerreichbares Ideal darstellt. Während wir uns weiter über die Zahl der Drückeberger beklagen, schauen andere anerkennend auf die Zahl der freiwillig Mobilisierten. 

All diese Überlegungen ergeben nur Sinn, wenn wir wirklich durchhalten.

Immer, wenn die Versuchung groß ist, von allem enttäuscht zu sein, denke ich genau daran: Daran, dass andere vielleicht nicht durchgehalten hätten. Dass unser Widerstand ein Grund ist, stolz zu sein und nicht zu verzweifeln. Natürlich würde ich mir wünschen, dass das Verhältnis von bewussten Staatsbürgern und einfachen Bewohnern bei uns ein anderes wäre, doch für unsere europäischen Nachbarn sind wir auch so schon ein Vorbild. 

Allerdings ergeben all diese Überlegungen nur Sinn, wenn wir wirklich durchhalten; nur wenn wir es bis zum Waffenstillstand schaffen, ohne dass die Front und unsere Verteidigung zusammenbrechen. 

Man ertappt sich gegen Ende des nun schon vierten Kriegsjahres immer öfter dabei, Fatalist zu sein. Man sieht, dass der Präsident mit der Nation weiter lieber über Frieden reden will statt über Krieg. Dass die Politiker weiter davon getrieben sind, wiedergewählt zu werden und nicht an erster Stelle die Front zu stützen. Dass die Drückeberger nicht zum Einberufungsamt gehen, aber die Wahlen mitbestimmen wollen. Dass die Heimatfront versucht, wo es nur geht, die Realitäten zu verdrängen.

Mein nächstes Zwischenziel war nun der vierte Jahrestag. Meine Teilnahme in dieser Reality-Show geht nun in die fünfte Runde.