
„Ich schaue nicht nach einem bestimmten Papier. Ich schneide aus dem aus, was ich habe. Einmal habe ich eine Wyzinanka aus einer McDonald’s Tüte geschnitten.“ Während der Künstler Vital Nazarevič das erzählt1, sieht man, wie er mit einer kleinen Schere ein Stück Papier bearbeitet. Aus dem Papierchen entsteht eine Wyzinanka (vom belarussischen Wort wyzinaz – fein, filigran ausschneiden), ein ornamentreicher Scherenschnitt mit winzigen Details. Ursprünglich stammt diese Kunstform aus China, wo sie auf eine über 1000-jährige Geschichte blicken kann. In belarussischen Gebieten reicht ihre Tradition bis ins 16. Jahrhundert zurück. Sie ist als Wytynanki, Wycinanki und Karpiniai auch in der Ukraine, Polen und Litauen bekannt. Im Jahr 2024 wurde die belarussische Wyzinanka in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Mittlerweile steht sie anscheinend auch unter Beobachtung des Lukaschenko-Regimes. Denn im Januar 2026 wurde der Instagram-Account von Nazarevič als extremistisch eingestuft. Seiner Kunst auf Instagram zu folgen ist in Belarus damit strafbar geworden.
In ihrer Gnose erklärt Nina Frieß, was es mit der wundersamen Kunstform auf sich hat.
Im 15. Jahrhundert gelangten die Papierkunstwerke aus China über Persien und die Türkei zunächst nach Italien, bald darauf wurden sie in ganz West- und Mitteleuropa bekannt. Unter den europäischen Adeligen des 16. Jahrhunderts war es ein beliebter Zeitvertreib, Silhouetten aus Papier auszuschneiden, das damals noch ein Luxusartikel war. Über Frankreich gelangte diese Mode bis nach Russland, wo sich selbst Katherina die Große von einem französischen Silhouettenkünstler portraitiert haben lassen soll.2 Die Ähnlichkeiten zwischen dem Silhouettenschnitt und der Wyzinanka sind vom Werkzeug abgesehen überschaubar. Offensichtlicher sind die Gemeinsamkeiten zu den ebenfalls im 16. Jahrhundert aufkommenden Kustodien, aus Papier ausgeschnittene Rosetten oder Rhomben, die zum Schutz und zur Erweiterung von Amtssiegeln dienten, und vielen Menschen aus ihrem Alltag bekannt gewesen sein dürften. Auch in der jüdischen Kunst war der Papierschnitt um diese Zeit bereits präsent. Wie genau sich die Wyzinanka aber auf belarussischem Gebiet ausbreitete, ist Gegenstand anhaltender Diskussionen.3
Klar ist, dass sich der Scherenschnitt erst mit der Ausweitung der Papierproduktion im 19. und frühen 20. Jahrhundert zur Volkskunst entwickeln konnte. Papierschmuck wurde in Polen und der Ukraine seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in Belarus wohl erst etwas später genutzt, um die eigenen vier Wände zu dekorieren. Wyzinanki dienten als Rahmen für Ikonen oder die seltenen Portraitfotos, zum Schmuck der Fenster, des Mobiliars oder schlicht der Wände. Besonders religiöse Feiertage lieferten Anlass, zu Schere oder Messer zu greifen. Wyzinanki wurden zu einer Kunst der einfachen Leute, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Werkzeugen versuchten, sich selbst auszudrücken und ihre oft schlichten Wohnstätten ein wenig zu verschönern.
Ist es heute das ökologische Bewusstsein, das insbesondere jüngere Künstlerinnen und Künstler dazu bringt, ihre Wyzinanki aus Papiertüten, alten Rechnungen oder Werbeflyern auszuschneiden, war es in früheren Zeiten der Mangel, der die Menschen das Material verwenden ließ, das ihnen in die Hände fiel, das konnte dann auch eine Zeitung sein. Wegen der Materialbeschaffenheit, aber auch aufgrund fehlenden Bewusstseins für den künstlerischen Wert der Wyzinanka in Belarus, ist es allerdings schwer, ältere Scherenschnitte zu finden. Produziert wurde für einen konkreten Anlass, wenn der vorüber war, wurden die Papierkunstwerke durch neue ersetzt: „Papierspitzen wurden nicht aufbewahrt, wie etwa gemusterte Handtücher, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden”, heißt es im Buch Belaruskaja wyzynanka von Jauhen Sachuta. „Vor den Festtagen – gewöhnlich zu Ostern –, wenn das Haus geputzt, gereinigt und geweißt wurde, ersetzte man die alten Wyzinanki vollständig durch neue, da die alten im Laufe des Jahres ein unansehnliches Aussehen bekamen.“ Gut vorstellbar also, dass viele der filigranen Meisterwerke zum Anfeuern im Kamin landeten, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten.
Mit dem bescheidenen sowjetischen Wohlstand der 1960er Jahre kamen die Wyzinanki in Belarus vorübergehend aus der Mode. Doch bereits in den 1980er Jahren erlebten sie eine Renaissance, die sich in den 1990er Jahren fortsetzte. In Zeiten der Rückbesinnung auf kulturelle Eigenheiten und mit der Erlangung der belarussischen Eigenstaatlichkeit 1991 kehrte auch das Interesse am Scherenschnitt zurück. Von Vorteil war dabei sicherlich, dass Papier selbst in der wirtschaftlichen Mangellage der Transformationsjahre verhältnismäßig leicht zu beschaffen war. Vor allem Frauen belebten die Kunst neu und brachten sie in die Kunstschulen. Waren es zunächst Kinder, die dort das Ausschneiden filigraner Kunstwerke lernten und dadurch auch ihre Motorik schulten, schaffte es die Volkskunst durch engagierte Künstlerinnen bis an die Kunstakademien. Das Ausschneiden von Wyzinanki sei sehr „inklusiv“, konstatieren zwei Künstlerinnen im Interview mit der Autorin. Von der professionellen Meisterin bis hin zum Erstklässler würde man in Belarus begeisterte Anhänger der Kunstform finden, für die es nicht mehr als Schere (oder Messer) und Papier benötige. Dabei, so betont eine der beiden, sei „die Idee im Schaffensprozess das Wichtigste, nicht die technische Raffinesse.“4

Heute finden sich die Scheren- oder Messerschnitte im hippen Café ebenso wie im verstaubten Provinzmuseum, sie dienen als Buchillustrationen oder werden als Kühlschrankmagneten verkauft. Wichtigste Präsentationsplattform der jüngeren Künstlerinnen und Künstler ist Instagram, wo sie nicht nur ihre Schnitte, sondern auch sich selbst inszenieren. Häufig sieht man die Frauen, seltener Männer, in belarussischer Tracht gekleidet, in der Natur oder einer traditionellen belarussischen Holzhütte posierend. Auffällig ist, wie sehr die Volkskunst mit der belarussischen Sprache verbunden ist: das sonst in Belarus omnipräsente Russisch wird von den Meisterinnen und Meistern des Scherenschnitts selten genutzt. Wyzinanki sind eben auch eine Form, seine nationale Identität auszudrücken und sich gegenüber Russland abzugrenzen, wo Scherenschnitte nicht zu den traditionellen Formen der Volkskunst gehören.

Die Technik des Ausschnitts hat sich über die Zeit wenig verändert. Es gibt frei ausgeschnittene Wyzinanki und solche, die erst auf Papier skizziert und dann mit einer Schere oder einem Cutter ausgeschnitten werden. Bevor geschnitten wird, kann das Papier ein- oder mehrfach gefaltet werden. Die detailreichen Muster und Silhouetten werden dann entlang der Falzlinien und Faltungen ausgeschnitten. Die dadurch entstehenden Symmetrien machen den besonderen Zauber der Wyzinanka aus, denn „egal wie genau deine Skizze ist, das endgültige Resultat wird immer eine Überraschung sein“, betont eine der interviewten Künstlerinnen. Für sie sei „das Ausschneiden selbst ein Spiel mit der göttlichen Symmetrie“, sagt eine andere Meisterin des Scherenschnitts, „Ich spüre dabei stets die Sakralität des Geschehens. Aus psychologischer Sicht wirkt das symmetrische Ausschneiden beruhigend und ordnet Gefühle und Gedanken.“
Während man in Polen häufig Scherenschnitte aus buntem Papier findet, wird in Belarus meist mit einfarbigem Papier gearbeitet. Neben einem festen Repertoire traditioneller Motive wie Ornamente, Lebensbäume, Vögel und folkloristische Szenen, die teils seit Jahrhunderten verwendet und über andere Kunstformen wie Keramik oder Weberei in den Scherenschnitt eingeflossen sind, entstehen heute auch moderne Wyzinanki. Diese sind beispielsweise von der Grafikkunst oder der Pop-Art inspiriert und erweitern das Ausdrucksspektrum dieser Technik.
Wie andere traditionelle belarussische Kunstformen, beispielsweise Stickerei oder Teppichmalerei, hat auch die Wyzinanka ein kritisches Potenzial. Dieses reicht von der bewussten Verwendung umweltfreundlicher Materialien und dem Upcycling bis hin zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen. Im repressiven Belarus der Gegenwart versteht es sich von selbst, das letzteres nur zaghaft und über nicht von jedermann dechiffrierbare Codes erfolgen kann, sofern die Künstlerinnen und Künstler das Land nicht verlassen haben. Dennoch bleibt die Wyzinanka ein stilles, aber kraftvolles Ausdrucksmittel für gesellschaftliche Stimmungen und individuelle Haltungen. Gerade ihre scheinbar harmlose Ästhetik ermöglicht es, subversive Inhalte zu transportieren, ohne sofort als politische Botschaft erkannt zu werden. So bewahrt diese Kunstform nicht nur kulturelles Erbe, sondern entwickelt sich auch zu einem Medium leiser Widerständigkeit und künstlerischer Selbstbehauptung im autoritären Kontext.







- https://youtu.be/nOil7s2jTm4 ↩︎
- J. M. Sachuta: Belaruskaja wyzynanka. Minsk 2008, S. 10. ↩︎
- Ausführlicher dargestellt werden diese möglichen unterschiedlichen Entwicklungslinien in J. M. Sachuta: Belaruskaja wyzynanka. Minsk 2008. Die Monografie ist eines der wenigen Werke mit wissenschaftlichem Anspruch, das sich der Wyzinanka widmet. ↩︎
- Die Namen der Künstlerinnen liegen der Redaktion vor, aus Sicherheitsgründen bleiben sie in diesem Text anonym. ↩︎