Gnose (Was ist das?)

Nepotismus: Russlands mächtige Familien-Netzwerke

Wladimir Putin 2002 im Sommerurlaub mit seiner Familie: Zu sehen sind Putin von vorn und mit freiem Oberkörper sowie drei blinde Frauen unterschiedlichen Alters von hinten an einem steinigen Meeresstrand. / Foto © Imago/ITAR-TASS
Wladimir Putin 2002 im Sommerurlaub mit seiner Familie / Foto © Imago/ITAR-TASS

Journalist:innen hören oft vom Kreml: „Wir äußern uns nicht zu Putins Privatleben.“ Aber das ist keine privacy protection im westlichen Sinne, sondern eine Strategie, die Fundamente des russischen Machtsystems zu verschleiern.

Was ist eigentlich bekannt über die Familie und das nahe Umfeld von Wladimir Putin? Dass er seit Jahren offiziell geschieden ist und zwei Töchter hat, mit denen er nie öffentlich auftritt. Seit den 2000er Jahren gilt außerdem die einstige Europa- und Weltmeisterin in rhythmischer Sportgymnastik, Alina Kabajewa, als seine geheime zweite Frau und die beiden haben vermutlich zwei Söhne, die aber unter absoluter Geheimhaltung leben.

Der Kreml kommentiert Fragen zu Putins Familie selten und knapp, das Privatleben von Putin nach der Scheidung nie. Die meisten bekannten Informationen stammen aus Recherchen unabhängiger Medien, von Journalist:innen und Aktivist:innen. Die haben beispielsweise herausgefunden, dass Putins Ex-Frau Ljudmila Millionärin ist, seine Tochter Maria den Nachname Woronzowa trägt und immer häufiger als Wissenschaftsfunktionärin öffentlich auftritt. Und dass er noch eine Tochter hat, Jelisawjeta Kriwonogich, die jetzt in Paris wohnt.

Die Recherche der Investigativplattform Projekt Media zeigt nun auf, wie groß und weit verzweigt die „Familie“ Putin ist — und wie tief sie im heutigen russischen Machtsystem inkorporiert ist. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Erkenntnisse umstritten.

Dekoder-Redakteur Dmitry Kartsev entschlüsselt den russischen Nepotismus detailliert im Exklusiv-Newsletter Wissen+, hier veröffentlichen wir eine gekürzte Version mit den wichtigsten Fakten.


Ende der 1990er Jahre tauchte in Russland der Begriff „die Familie“ (semja) für mafia-ähnliche Klüngel einflussreicher Personen auf und verbreitete sich: Er bezog sich auf den engsten Kreis um den damaligen Präsidenten Boris Jelzin: seine Tochter Tatjana, seine Frau Naina, einige seiner Berater sowie Oligarchen, darunter Boris Beresowski, Roman Abramowitsch und Oleg Deripaska.

Nicht alle dieser Personen, die als semja bezeichnet wurden, waren tatsächlich Familienmitglieder Jelzins. Doch traf wohl diese Personengruppe die wichtigsten Entscheidungen, während Jelzin selbst, abgelenkt durch seine Alkoholsucht, kaum mehr handlungsfähig zu sein schien. 

Putins große, starke „Familie“ 

Auch Putin galt in oppositionellen Medien als ein Protegé der semja. Zu Beginn seiner Präsidentschaft wurde er ambivalent wahrgenommen: Einerseits als Nachfolger Jelzins, andererseits als dessen Gegenpol.

Dank der Recherche von Projekt Media erfahren wir nun, wie Putins „Familie“ heute aufgebaut ist: 26 seiner unmittelbaren Verwandten hatten in den vergangenen 25 Jahren verschiedene Regierungsämter sowie Führungspositionen in staatsnahen Unternehmen inne. Gezählt sind dabei noch nicht Personen aus seinem Freundeskreis oder Leibwächter.

Wissen+: Nepotismus

Noch tiefer eintauchen in Russlands semja-Vetternwirtschaft

In Wissen+ erläutern wir noch tiefer gehend die umfangreiche Nepotismus-Recherche von Projekt Media, erklären mehrere Zahlen und geben einen Überblick über wissenschaftliche Studien und Debatten dazu.

Zum Beispiel ist die Tochter eines Cousins von Putin, Anna Ziwiljowa, seit 17. Juni 2024 stellvertretende Verteidigungsministerin. Ihr Mann Seregej Ziwiljow war vier Jahre Gouverneur der Oblast Kemerowo, seit Mai 2024 ist er russischer Energieminister. Der Enkel des Bruders von Putins Großvater, Michail Putin, ist seit 2018 stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Gazprom. Michails Sohn Denis ist wiederum seit Mai 2025 Co-Besitzer des großen Scheremetjewo-Businesszentrums in der Nähe des gleichnamigen Moskauer Flughafens. 

Insgesamt untersuchte Projekt Media die Biografien von 1329 Männern und Frauen, die die höchsten Stellen in obersten Verwaltungsbehörden Russlands innehaben: von Ministerien bis Staatsmuseen.

Fazit: Mit 26 Verwandten beherrscht Putin den zweitgrößten Clan der russischen Elite.  

Der Rekordhalter ist der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow mit 95 Verwandten an entscheidenden Stellen, überwiegend in Tschetschenien. Weitere einflussreiche Familiennetzwerke bestehen aus zehn bis 15 Mitgliedern.

Die sowjetischen Wurzeln von Putins „Familie“ 

Das Special von Projekt Media heißt „Väter und Großväter“, russisch: Otzy i dedy — ein Verweis auf Iwan Turgenjews Roman „Väter und Söhne“, russisch: Otzy i deti. Die Hauptthese der Autor:innen lautet: Wir, die russischen Bürger:innen, werden einfach weitervererbt. In Zahlen zeigen sie:

58 % der Entscheidungstragenden in Russlands Machtelite heute haben Vorfahren, die früher zur sowjetischen Nomenklatura gehörten.

Diese Zahl wird in der russischen Öffentlichkeit und Wissenschaft besonders aktiv kritisiert und diskutiert.

Bereits 2022 erschien ein Artikel von Maria Snegovoya vom Kellogg Center for Philosophy, Politics, and Economics der Virginia Tech University und Kirill Petrov (damals Moskauer MGIMO Universität): 2020 hatten demnach 55 bis 57 Prozent der Vertreter:innen des aktuellen russischen Establishments einen „sowjetischen Hintergrund“. 2010 lag dieser Anteil sogar noch bei 74 Prozent.

Dies entspricht zwar weitgehend den Ergebnissen von Projekt Media 2025. Doch es bleibt unklar, ob dieser Faktor nachweislich Auswirkungen auf die aktuellen Entwicklungen und die politische Dynamik im heutigen Russland hat. 

Dossier

Wlast – Russlands Machteliten

Das „anarchischste“, ja das „staatsloseste Volk“ überhaupt seien die Russen, schrieb der Philosoph Nikolaj Berdjajew Anfang des 20. Jahrhunderts. Es sei aber zugleich auch ein Volk, das sich willig dem Bürokratieapparat unterwerfe und eine sehr „mächtige Staatlichkeit“ schaffe, fügte er hinzu. Glaubt man manchen…

Denn: Die Verwandtschaft der höchsten Putin-Beamten zu Mitgliedern der sowjetischen Nomenklatura ist größtenteils eine Verbindung zu niedrigeren sowjetischen Beamten, etwa Fabrikdirektoren oder Bezirksbürokraten, schreibt Journalist Sergej Schelin. Und noch häufiger zu mittleren Geheimdienstmitarbeitern, von denen es in der UdSSR Hunderttausende gegeben habe. Nur ein Mann, der heute eine der höchsten Positionen in der Machthierarchie innehat, hat einen Verwandten, der einst dem Zentralkomitee der KPdSU angehörte: und zwar Anton Vaino, der Vorsitzende der Präsidialverwaltung. Sein Großvater Karl war in den 1980er Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Estlands.

Nach den Berechnungen von Snegovaya und Petrov stammten im Jahr 2020 nur sieben Prozent der untersuchten Personen aus Familien mit Positionen in der obersten sowjetischen Führungsebene, zehn Jahre zuvor waren es noch acht Prozent. 47 und 50 Prozent entstammten jeweils mittleren oder niedrigeren Positionen. Zur ersten Kategorie zählen sie beispielsweise Jurij Luschkow, den ehemaligen Bürgermeister von Moskau. Gleichwohl übernahm der seinen hohen Posten erst am Ende der sowjetischen Zeit, ohne dabei politischen Einfluss damals zu besitzen.

Eine Studie von Ion Marandici aus dem Jahr 2024 zeigt wiederum, dass nur 19 Prozent der heutigen russischen Oligarchen früher Teil der sowjetischen Nomenklatura waren.

„Familiäre“ Karrierechancen in Russland

Familienbande und ihre Rolle für den Karriereaufbau werden weltweit mehrmals thematisiert, nicht nur in autoritären Kontexten. Im Fall Russlands lässt sich die zentrale Frage so formulieren: Inwiefern ist die Familienzugehörigkeit entscheidend, um Höchstpositionen zu besetzen? Anders gesagt: Wie häufig schlägt soziales Kapital in politischen Einfluss um?

Dass Familienmitglieder von Spitzenfunktionären hohe Positionen einnehmen, bleibt eher ein Einzelfall, wie im Fall von Dmitri Patruschew, dem Sohn von Nikolaj Patruschew, einem der engsten Vertrauten und seit Mai 2024 Berater Putins, ehemaliger FSB-Direktor und Vorsitzender des Sicherheitsrats. Dmitri war 2018 bis 2024 Landwirtschaftsminister, seit Mai 2024 ist er Vize-Premierminister. Medial wird bereits intensiv darüber diskutiert, ob er in Zukunft sogar Nachfolger von Putin werden könnte.

Dennoch argumentiert Nikolaj Petrow, ein prominenter Forscher zur russischen Elite, dass Dmitri Patruschews Perspektive nach wie vor von seinem Vater abhängig ist:

Und nur die wenigsten „Söhne“ und „Töchter“ überlebten ihre „Eltern“ politisch.

Einer von ihnen ist Pawel Fradkow, der jüngere Sohn von Michail Fradkow, hochrangiger Beamter im sowjetischen Außenhandel, von 2004 bis 2007 Premierminister und später Direktor des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR. Pawel Fradkow wurde im Juni 2024 zum stellvertretenden Verteidigungsminister ernannt. Sein älterer Bruder Pjotr ist seit 2018 Vorsitzender der Promsvjasbank PSB, die die russische Rüstungsindustrie bedient und zu den ersten Finanzinstituten gehört, die nach der Vollinvasion 2022 unter westlichen Sanktionen geriet. Vater Fradkow ist seit 2016 praktisch im Ruhestand.

Putins „Familienaufstellung“ seit 2024

Mit zwei bereits erwähnten Ausnahmen, nämlich der Cousine ersten Grades und deren Ehemann, bekleiden keine direkten Familienmitglieder Putins hochrangige Positionen in föderalen Exekutivbehörden. Es gibt lediglich wage Berichte, wonach manche von ihnen politische Ambitionen verfolgten oder Einfluss auf politische Entscheidungen ausübten.

Dennoch stellt Petrow fest, dass 40 Prozent aller neu ernannten Amtsträger seit den Präsidentschaftswahlen 2024 der „großen Familie von Putin“ angehörten: entweder Putins eigene Verwandte wie Anna Ziwiljowa, Kinder von Freunden wie Dmitri Patruschew oder Adjutanten und Offiziere der Sicherheitsdienste.

Meduza

Gegen Putin, aber für wen?

Verstreut in alle Welt und zerstritten untereinander – drei Jahre nach ihrer Flucht ins Exil und ein Jahr nach dem Tod von Alexej Nawalny gibt die russische Opposition ein bedauernswertes Bild ab. Ihre Anführer belagern einander in Grabenkämpfen und verlieren dabei zunehmend den Kontakt zum Volk. Meduza hat sich unter Aktivistinnen und Politikern umgehört.

In Politik von

Petrow zufolge zeige das vor allem, dass sich Putins Machtsystem in einer Übergangsphase befinde: Spitzenposten würden innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre von einer neuen Funktionärsgeneration übernommen, die von Putin zuvor in die Regionen entsandt wurden, um dort politische Erfahrungen zu sammeln.

Bisher sieht es jedoch anders aus: Fabian Burkhardt, Maiia Guseva und Maria Zheleznova verweisen auf eine Studie, die zeigt, dass sich in der russischen Nomenklatura altersbezogen folgende Tendenz beobachten lässt: Je näher eine staatliche Institution dem Präsidenten steht, desto älter sind im Durchschnitt ihre Staatsdiener:innen. Das bedeute:

Auf den höchsten Ebenen wird persönliche Loyalität gegenüber Putin über alles andere gestellt.

Die personalistische Herrschaft stelle eine signifikante Einschränkung für den Familismus dar, zumindest in den russischen Oberschichten.

Dabei könne Putin die Zusammensetzung „seiner“ Elite jedoch nur in geringem Maße beeinflussen. Ende Februar 2024 erklärte er, dass mehr Veteranen des Krieges gegen die Ukraine Führungspositionen in der russischen Exekutive übernehmen sollten. Fabian Burkhardt und seine Co-Autorinnen argumentieren jedoch, dass die derzeitige Nomenklatura alles daransetze, eine solche Zirkulation zu verhindern. Auf den mittleren und unteren Ebenen verfügten sie dafür über ausreichende Ressourcen.