Wohnungslosenhilfe in Kyjiw: Notversorgung unter russischen Luftangriffen

Ob Pandemie oder Krieg: Jeden Samstag bieten Ehrenamtliche am Kyjiwer Hauptbahnhof Essen und Unterstützung für Wohnungslose und Bedürftige an. / Foto © NGO Bes domu/Zmina
Ob Pandemie oder Krieg: Jeden Samstag bieten Ehrenamtliche am Kyjiwer Hauptbahnhof Essen und Unterstützung für Wohnungslose und Bedürftige an. / Foto © NGO Bes domu/Zmina

An der Südseite des Kyjiwer Hauptbahnhofes bieten Ehrenamtliche der Initiative Bes Domu jeden Samstag warme Mahlzeiten, medizinische und organisatorische Unterstützung in Krisensituationen. Die anhaltenden und eskalierenden russischen Luftangriffe speziell auf Wohngebäude und zivile Strukturen sorgen für immer mehr Hilfebedarf.

Der Krieg belastet die freiwilligen Helfer:innen und ihre Netzwerke enorm: Mahlzeiten für die Essensausgaben müssen manchmal unter Luftalarm zubereitet werden. Nach zerstörerischen Luftangriffen wird zusätzlich Hilfe bei Räum- und Bergungsarbeiten nötig. Neue Zielgruppen kommen hinzu, zum Beispiel Binnengeflüchtete oder auch Armeeeinheiten.

Laut einer aktuellen Studie der NGO Depaul Ukraine sind gegenwärtig mindestens 57.000 bis 121.000 Menschen in der Ukraine wohnungslos. Diese Zahlen übersteigen die jüngste Meldung vom ukrainischen Sozialministerium um ein Vielfaches: Offiziell bezifferte der Staat die Wohnungslosigkeit im Land zu Beginn des Jahres 2026 mit 12.451 Betroffenen. Dennoch betonen für die Depaul-Studie befragten Experten: Tatsächlich liegen die Zahlen sicher noch höher, gerade durch die andauernden russischen Luftangriffe könnten bis zu einer Million Menschen in der Ukraine wohnungslos sein, wobei nicht alle automatisch völlig ohne Obdach blieben. Von den befragten Wohnungslosen der Studie gab fast jede:r zweite an, dass der Krieg, also Beschuss oder Besatzung, den Wohnraumverlust verursacht habe.

Zmina-Autorin Jana Radtschenko porträtiert die Kyjiwer Wohnungslosenhilfe und deren wachsenden Aufgaben und Herausforderungen in Kriegszeiten.


Jeden Samstagnachmittag sammeln sich am Kyjiwer Hauptbahnhof hunderte Menschen, die gar nicht verreisen wollen. Manche kommen wegen einer warmen Mahlzeit, andere brauchen Medikamente. Wieder andere suchen Gespräche, ohne verurteilt zu werden. Hier werden weder Dokumente kontrolliert noch unnötige Fragen gestellt. Wer kommt, braucht Hilfe.

Nach diesem Prinzip arbeitet die Freiwilligeninitiative Bes Domu (dt. Ohne Zuhause – dek) seit 2019. Inzwischen verteilt sie nicht nur jede Woche warme Mahlzeiten, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs. Sie bietet auch Notunterkünfte, Unterstützung nach russischen Luftangriffen, die Gebäude beschädigten, für Binnenvertriebene und Militärangehörige und besucht regelmäßig Internatsschulen und Kinderheime. Getragen wird die Arbeit durch Freiwillige sowie hunderte Menschen, die die Arbeit der Initiative in den sozialen Medien verfolgen und für anfallenden Bedarfe spenden.

Hier werden weder Dokumente kontrolliert noch unnötige Fragen gestellt. Wer kommt, braucht Hilfe.

Seit der russischen Vollinvasion ist diese Arbeit noch belastender und unberechenbarer geworden. Die Freiwilligen sagen, ihre Tätigkeit gehe längst über klassische Wohltätigkeit hinaus: Sie bedeutet tägliche Koordination, Krisenreaktion und ständigen Austausch mit Menschen, die ums Überleben kämpfen.

Alles begann mit 150 Broten

Vor neun Jahren kehrte eine Gruppe ehrenamtlich engagierter Frauen an einem kalten Januarabend von einem ihrer regelmäßigen Hilfsbesuche in einem Kinderheim in der Kleistadt Bojarka zurück nach Kyjiw. Wie immer nach solchen Ausflügen setzten sie sich noch zum gemeinsamen Tee zusammen, um Gedanken zu ordnen und sich über das Erlebte auszutauschen. Dabei kam das Gespräch auf die Initiative Dopomoshy besdomnomu (dt. Hilf Obdachlosen – dek), die damals im Kyjiwer Stadtteil Podil Essen verteilte und zum Mitmachen aufrief. Die Frauen beschlossen, ebenfalls Menschen zu helfen, die auf der Straße lebten.

„Wir haben mit 150 belegten Wurst- und Käsebroten und einem Topf Suppe angefangen. In drei Jahren führte die gelegentliche Mithilfe bei der Essensausgabe zur Gründung einer eigenen Initiative mit einer für uns völlig neuen Aufgabe“, erinnert sich die Freiwillige Olena. „Wir lernten Ersatzdokumente für verlorene Papiere zu organisieren, erschlossen Finanzierungsmöglichkeiten und gewannen neue Freiwillige. Wir erlebten auch erste Misserfolge, wurden zum ersten Mal mit der Realität konfrontiert: dem Unterschied zwischen dem, wie es sein sollte, und dem, wie es tatsächlich läuft. Dann kamen die ersten Ärztinnen und Ärzte dazu, die in einem Zelt Hilfe anboten und Menschen fast unter freiem Himmel Verbände anlegten. Hier erlebten wir zum ersten Mal einen epileptischen Anfall aus nächster Nähe.“

Nach und nach weiteten sie ihre Arbeit aus. Als klar wurde, dass auch Menschen rund um den Hauptbahnhof Hilfe benötigten, engagierte sich ein Teil des Teams auch dort. Am 2. November 2019 fand die erste Essensausgabe an der Südseite des Bahnhofs statt. Dieses Datum gilt seitdem als „Geburtstag“ von Bes Domu.

Ob Pandemie oder Krieg: Jeden Samstag bieten Ehrenamtliche am Kyjiwer Hauptbahnhof Essen und Unterstützung für Wohnungslose und Bedürftige an. / Foto © NGO Bes domu/Zmina
Ob Pandemie oder Krieg: Jeden Samstag bieten Ehrenamtliche am Kyjiwer Hauptbahnhof Essen und Unterstützung für Wohnungslose und Bedürftige an. / Foto © NGO Bes domu/Zmina

Ein anderer Blick auf Wohnungslosigkeit

Zur ersten Essensausgabe am Bahnhof kamen etwa 50 Menschen. Nach einem Monat waren es bereits dreimal so viele, nach einem halben Jahr schon mehr als 250, darunter auch einige von der Essensausgabe in Podil. Hier begegneten den Frauen auch zum ersten Mal Kinder ohne ein Dach über dem Kopf: eine der für sie schwierigsten Erfahrungen.

Im Laufe der Jahre lernte das Team so ganz unterschiedliche Formen von Obdachlosigkeit kennen: Für manche Menschen sei das Leben auf der Straße zur Gewohnheit geworden. Und die Gründerinnen der Initiative räumen ein: Nicht alles lässt sich ändern. Andere wiederum verloren durch bestimmte Ereignisse ihr Zuhause – durch einen Brand, den Verlust von Dokumenten, Konflikte mit Angehörigen oder Betrug.

Am Bahnhof begegnen die Freiwilligen regelmäßig Menschen, denen Dokumente, Geld oder persönliche Dinge gestohlen wurden: „Menschen, die direkt am Bahnhof in eine solche Notlage geraten sind, helfen wir, Fahrkarten nach Hause zu bekommen. Wir kaufen ihnen Lebensmittel oder andere Dinge für die Reise. Das ist gewissermaßen eine Form der Obdachlosigkeitsprävention“, berichtet Olena.

Die Gründerinnen der Initiative räumen ein:
Nicht alles lässt sich ändern.

Die COVID-19-Pandemie stellte die Freiwilligen bald vor ganz neue Herausforderungen. Weil bei den Ausgaben viele Menschen zusammenkamen, verteilten sie nun auch Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel. Das Essen portionierten sie im Voraus, um die Ausgabe zu beschleunigen.

Und zu Beginn der russischen Vollinvasion am 24. Februar 2022 musste das Team seine Arbeit zunächst unterbrechen: Die Freiwilligen konzentrierten sich auf die Unterstützung von Militärangehörigen, sammelten Lebensmittel, kümmerten sich um konkrete Hilfsanfragen und kauften Ausrüstung.

Drei Monate später nahm Bes Domu seine eigentliche Arbeit wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch kaum Freiwillige vor Ort, denn viele hatten das Land verlassen. Alles musste von Grund auf neu aufgebaut werden: bisherige Freiwillige zusammenbringen und neue gewinnen; Ausrüstung, Thermobehälter und Geschirr beschaffen und Einkäufe organisieren. Bedürftige allerdings kamen schnell wieder zu den Ausgaben: erst etwa 150, inzwischen mehr als 500 pro Woche. So erhielt die Initiative neuen Auftrieb.

Heute sind rund 160 Engagierte im Gruppenchat der Initiative, während sechs Frauen von ihnen die Arbeit kontinuierlich koordinieren. Manche der Helfer:innen unterstützen mit Spenden, andere kommen zu den Ausgaben, wieder andere sorgen für einen geordneten Ablauf in der Warteschlange. Jeden Samstag verteilt das Team warme Mahlzeiten, Medikamente, Hygieneartikel und Dinge des täglichen Bedarfs.

Neue Formate, wachsende Bedarfe

Mittlerweile gibt das Team bei fast jedem Termin auch Medikamente aus. Das ist ein eigener, aufwendiger Prozess, der jeweils drei bis vier Stunden Arbeit extra erfordert. Hinzu kommen Bedarfe, die es früher kaum gab: Artikel für die Körper- und Intimhygiene sowie spezielle Medikamente für Menschen mit chronischen Erkrankungen.

Verändert hat sich aber nicht nur die Form der Hilfe, sondern auch der Kreis der Bedürftigen: Anfangs waren es überwiegend Menschen ohne feste Unterkunft, die auf der Straße oder am Bahnhof lebten. Mit der Zeit aber erfuhren durch Mundpropaganda auch ältere Menschen von der Ausgabe, deren Rente schlicht nicht zum Leben reicht. Sie stellen heute die Mehrheit. Die meisten von ihnen sind über 80 Jahre alt, viele von ihnen haben gesundheitliche Schwierigkeiten. Viele von ihnen kennen die Freiwilligen seit Jahren. Sie kennen die Lebensgeschichten und helfen in einzelnen Fällen gezielt, auch außerhalb der regulären Ausgabenzeiten.

Außerdem stehen inzwischen auch immer mehr Binnenvertriebene in der Warteschlange: Familien, die durch Angriffe ihr Zuhause verloren haben oder durch den Krieg mittellos nach Kyjiw gekommen sind.

Es kommen auch Familien mit Kindern. Einige von ihnen unterstützt das Team regelmäßig und hält über einen längeren Zeitraum Kontakt. Meist geht es um Dinge, die selbstverständlich erscheinen, aber für diese Familien unerschwinglich sind: teure Medikamente, für die keine staatlichen Programme die Kosten übernehmen, oder Kleidung, Schuhe, Lebensmittel.

Außerdem stehen inzwischen auch immer mehr Binnenvertriebene in der Warteschlange: Familien, die durch Angriffe ihr Zuhause verloren haben oder durch den Krieg mittellos nach Kyjiw gekommen sind. Und nach russischen Angriffen auf Kyjiw hilft ein Teil der Freiwilligen auch direkt an den Orten der Zerstörung.

So wie am 24. Mai in der Biloruska-Straße, wo in der Nacht mehrere Wohnhäuser beschädigt wurden: Die Freiwilligen richteten eine provisorische Hilfsstation in einem Zelt ein, organisierten Wasser, Tee, Kaffee und kleine Mahlzeiten für die Betroffenen, Rettungskräfte und Helfer:innen, die die Trümmer wegräumten. Die Lebensmittel wurden von Anwohner:innen und Unternehmen gespendet, von Wasser und Brot bis hin zu fertigen Gerichten.

Einige Engagierte beteiligten sich auch direkt an den Aufräumarbeiten in den Häusern, ersetzten zerstörte Fenster durch provisorische Sperrholzplatten und erledigten kleinere Reparaturen. Dabei trafen sie auf andere Freiwilligengruppen. So wächst das Netzwerk gegenseitiger Hilfe.

Entscheidungen ohne Alternativen

Olha, eine der Bes-Domu-Gründerinnen, engagiert sich seit mehr als zehn Jahren ehrenamtlich. Viele Fragen, die sie seit dieser Zeit begleiten, sind nicht einfacher geworden, im Gegenteil manche sind heute dringlicher denn je: „Ist es sinnvoll, Menschen zu helfen, die auf der Straße leben? Wollen sie wirklich ‚ihr Leben nicht verändern‘? Und wo verläuft die Grenze zwischen einer freien Entscheidung und dem Fehlen von Alternativen? Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Viele Menschen, die heute obdachlos sind, haben nicht immer auf der Straße gelebt. Viele von ihnen stammen aus Kinderheimen oder Internaten. Nach Abschluss ihrer Schulzeit stehen sie schon in jungen Jahren allein da, ohne Unterstützung durch den Staat.“

Im weniger schlimmen Fall führt ein ungeordnetes Leben in die Obdachlosigkeit. Im schlimmsten Fall folgen Gefängnis, Drogenabhängigkeit oder jahrelange Isolation. „Manche Menschen entwickeln schon in jungen Jahren verschiedene Abhängigkeiten. Es ist schwer, ihnen deshalb Vorwürfe zu machen, denn sie haben nie ein anderes Leben kennengelernt“, erklärt Olha.

„Ist es sinnvoll, Menschen zu helfen, die auf der Straße leben? Wo verläuft die Grenze zwischen einer freien Entscheidung und dem Fehlen von Alternativen?“

Olha von Bes domu

Olha kennt viele Lebensgeschichten, in denen bereits die Kindheit den weiteren Weg vorbestimmte: Menschen, die ohne Familie aufwuchsen, ohne die Erfahrung von Fürsorge und ohne eine Vorstellung davon, wie das Leben anders verlaufen könnte.

Olhas Team erinnert sich aber auch an Erfolgsgeschichten: Einer der ersten solcher Fälle begann mit einem Hilfeaufruf in Socialmedia für einen Mann, der unter einer Brücke lebte. Durch den geteilten Beitrag konnten Angehörige ihn wiedererkennen. Es stellte sich heraus, dass er kurz zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden war, eine Phase der Verwirrtheit durchlebt hatte und nicht selbstständig nach Hause zurückgefunden hatte. Schließlich wurden Vater und Tochter wieder zusammengeführt.

In diesem Zusammenhang spielen die ehrenamtlichen Initiativen eine wichtige Rolle, denn sie gehören zu den wenigen verlässlichen Anlaufstellen. In der Hauptstadt gibt es mehrere solcher Initiativen. Dazu zählen auch kirchliche Gruppen wie die Freiwilligen der Gemeinschaft Sant’Egidio, die schon seit den Protesten auf dem Maidan Mahlzeiten für Menschen auf der Straße organisierten sowie eben Bes Domu, deren Arbeit sich häufig überschneidet.

„Nicht nur Kontakte, sondern langjährige Beziehungen“

Der Umgang mit bedürftigen Menschen ist einfach und kompliziert zugleich. Einerseits geht es darum, Essen oder Dinge des täglichen Bedarfs zu verteilen. Andererseits geht es um Gespräche und darum, regelmäßig da zu sein und Menschen nicht in soziale Isolation abgleiten zu lassen.

„Wir kennen viele schon seit Jahren, verfolgen ihre Lebensgeschichten, ihre Rückschläge und ihre Versuche etwas zu verändern. Das sind nicht nur Kontakte, sondern langjährige Beziehungen“, erklärt Olha. Manchmal ähnelten diese Beziehungen fast Freundschaften. Manchmal sind sie jedoch auch komplizierter, geprägt von Konflikten, Spannungen und unterschiedlichen Erwartungen. Doch sie haben eine Grundlage: Beständigkeit.

„Wenn man anfängt, ihnen zuzuhören, merkt man, wie interessant die Menschen sind. Mit ihrem Leben, ihren Erfahrungen und allem, was sie durchgemacht haben.“

Olha von Bes domu

In der Arbeit mit Menschen, die seit Jahren auf der Straße leben, gebe es keine „angenehme Distanz“. Da sind Gerüche, das äußere Erscheinungsbild, schwierige Lebensgeschichten, Abhängigkeiten, Erschöpfung und Misstrauen. Doch nach und nach verändere sich nicht nur die Art der Hilfe, sondern auch der Blick auf diejenigen, die sie erhalten. Menschen, die gewöhnlich übersehen würden, erwiesen sich nicht als „abstrakte Gruppe“: Hinter ihnen stehen individuelle Lebensgeschichten – komplizierte, widersprüchliche, manchmal schmerzhafte, aber immer menschliche.

„Wenn man anfängt, ihnen zuzuhören, merkt man, wie interessant diese Menschen sind. Mit ihrem eigenen Leben, ihren Erfahrungen und allem, was sie durchgemacht haben“, sagt Olha.

Ob Pandemie oder Krieg: Jeden Samstag bieten Ehrenamtliche am Kyjiwer Hauptbahnhof Essen und Unterstützung für Wohnungslose und Bedürftige an. / Foto © NGO Bes domu/Zmina
Ob Pandemie oder Krieg: Jeden Samstag bieten Ehrenamtliche am Kyjiwer Hauptbahnhof Essen und Unterstützung für Wohnungslose und Bedürftige an. / Foto © NGO Bes domu/Zmina

„Die größte Herausforderung ist der Krieg“

Essen, Medikamente, Kleidung: Das sind nach wie vor die Grundbedürfnisse der meisten Menschen, die zu Bes Domu kommen. Daneben gibt es jedoch kompliziertere Fälle, vor allem, wenn es um Papiere geht.

Manche Menschen bitten darum, ihnen bei der Wiederbeschaffung ihres Passes oder anderer Dokumente zu helfen. Oft gehe es dabei um Menschen, die durch schwierige Umstände auf der Straße gelandet sind, aber versuchen, ihr Leben wieder aufzubauen. In diesen Fällen könne die Initiative die Kosten für die Wiederbeschaffung der Dokumente übernehmen und den Prozess begleiten.

Trotz des Arbeitsumfangs gibt es für Bes Domu keine unlösbaren Fälle. Im Gegenteil, so betonen die Ehrenamtlichen, liege ihre entscheidende Stärke in der Gemeinschaft, der aktiven Chatgruppe und der regelmäßigen Unterstützung durch Menschen, die auf Spendenaufrufe reagieren.

„Wir haben keine Herausforderungen, mit denen wir nicht zurechtkommen. Die größte Herausforderung ist der Krieg“, sagen die Freiwilligen.

Zaborona

Kampf zurück ins Leben

Der Verteidigungskampf um das Asow-Stahlwerk in Mariupol wurde zum Symbol für den Widerstandswillen der Ukraine. Wie aber finden Soldaten, die dort und anderswo gekämpft haben, zurück ins normale Leben? Das ukrainische Online-Medium Zaborona hat mit Veteranen und zivilgesellschaftlichen Organisation gesprochen.

In Gesellschaft von

Der Krieg hat nicht nur die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit verändert, sondern auch ihren Rhythmus und ihre Risiken. Gibt es beispielsweise Raketenangriffe auf Kyjiw, wenn bereits die Zubereitung großer Essensmengen mit Fleisch in kooperierenden Großküchen geplant ist, fährt das Team oft auch trotz Luftalarm zum Kochen. Der Grund ist einfach: Die Ausgabe muss zur festgelegten Zeit stattfinden, denn die Menschen werden da sein und warten. Solche Entscheidungen sind Teil der Arbeit als Ehrenamtliche geworden.

Zuflucht, Armee und Sinn

Seit 2023 betreibt Bes Domu gemeinsam mit der Initiative Dopomoshy besdomnomu außerdem eine spendenfinanzierte Notunterkunft. Sie bietet Platz für 25 bis 30 Menschen und ist ausdrücklich als vorübergehender Zufluchtsort gedacht. Die Grundidee ist, Menschen in schwierigen Situationen eine Atempause zu ermöglichen, um sich auszuruhen, Dokumente wiederzubeschaffen, sich um ihre Gesundheit zu kümmern und zu versuchen, Arbeit und Stabilität zu finden.

In der Praxis funktioniere dieses Modell jedoch nur teilweise. Einige Menschen nutzten diese „Übergangsphase“ und könnten anschließend ihren Weg weitergehen. Andere blieben länger. Unter den Bewohnerinnen und Bewohnern sind ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen, für die die Unterkunft faktisch zu einem dauerhaften Zuhause geworden ist.

Parallel unterstützt die Initiative nun auch Militärangehörige. Auch wenn das nicht ihr Haupttätigkeitsfeld ist, ist es den Freiwilligen doch besonders wichtig. Diese Unterstützung deckt unterschiedliche Bedürfnisse ab: Kleidung, Medikamente und spezielle Anfragen von Kampfeinheiten sowie Sanitätstrupps an Stabilisierungspunkten. Einen Teil der Hilfe überbringen die Freiwilligen persönlich. Dann fahren sie in frontnahe Gebiete, um die Hilfsgüter direkt an Soldaten oder Ärzte zu übergeben.

„Können wir die Wirkung unseres Engagements messen? Lässt sich die Würde eines Menschen messen, der Wert eines Lebens? Große Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen. Der Weg dahin entsteht durch kleine Schritte, jeden Tag, jede Woche, ein Problem nach dem anderen.“

Olena von Bes domu

All diese Arbeitsbereiche überschneiden sich, so die Engagierten, einerseits durch Menschen, mit denen die Freiwilligen über Jahre verbunden sind, und anderseits durch die Hilfe selbst, die sie von der Straße ins Krankenhaus, vom Bahnhof an die Front und auch in Einrichtungen für Kinder führt.

„Können wir die Wirkung unseres Engagements messen? In der sozialen Arbeit ist es grundsätzlich schwierig, Dinge zu messen. Das sage ich als studierte Soziologin“, so Olena. „Lässt sich die Würde eines Menschen messen, der Wert eines Lebens? Kann die Menge der eingesetzten Ressourcen, materieller wie immaterieller Art, die Wirkung beschreiben, die unser Handeln entfaltet? Große Durchbrüche oder Veränderungen passieren oft nicht von heute auf morgen. Der Weg dahin entsteht durch kleine Schritte, jeden Tag, jede Woche, ein Problem nach dem anderen, Schritt für Schritt. So wie viele Tropfen einen Ozean bilden, gestalten wir die Zukunft unseres Landes – eine Zukunft, in der wir leben möchten.“