Quelle

Republic

Republic (früher: Slon Magazine)

Republic ist im russischen Internet zu einem bedeutenden politischen Nachrichtenmagazin herangewachsen. Waren die Anfänge als reines Netzmedium noch ein Experimentierfeld für bekannte, enthusiastische Autoren, ist die Linie seit Mitte der 2010er Jahre klar: Die Währung sind seriöse Analysen und Kolumnen, gemäßigt oppositionell und meinungsstark. Wie viele weitere unabhängige Medien wurde Republic im Herbst 2021 auf die Liste der sogenannten „ausländischen Agenten“ gesetzt.

Auf Republic werden aus harten Fakten kommentierende Analysen generiert, die an aktuelle Diskussionen aus Politik und Wirtschaft anknüpfen, Ereignisse einordnen und deuten. Das ist der Markenkern, der über Jahre immer weiter herausgearbeitet wurde. Die stärkste Zäsur, um dahin zu kommen, hatte der frühere Chefredakteur Maxim Kaschulinski unternommen: Er begrub im Jahr 2016 den Gründungsnamen Slon (dt. Elefant). Seinerzeit ein radikaler Schritt, weil das Magazin unter diesem Titel sehr populär geworden war. Einen Website-Relaunch gab es obendrauf und so zeigt sich Republic bis heute in diesem Gewand. 

Seither hat das Portal stetig neue Leser gewonnen, und zwar zahlende Abonnenten: meist internetaffine Städter auf der Suche nach unabhängigem Journalismus. Als seriöses Nachrichtenangebot, im Ton kremlkritisch und gemäßigt oppositionell, gehört es wie der unabhängige Internetsender Doshd zur Medienholding von Natalia Sindeeva und ihrem Ehemann, dem Unternehmer Alexander Vinokurov. 
In der durch repressive Gesetze immer stärker bedrängten Nische der unabhängigen Medien sind Abonnenten eine wichtige Finanzierungsbasis. Waren es nach Angaben von Republic im April 2018 noch rund 22.000, hatte sich ihre Zahl mit mehr als 45.000 allein bis 20201 mehr als verdoppelt.

Noch wichtiger sind sie geworden, seit Republic im Herbst 2021 als „ausländischer Agent“ eingestuft wurde. Spätestens jetzt, mit dem Stempel „Agent“ wären Werbekunden ohnehin abgeschreckt. Das zeigt die Erfahrung anderer, schon zuvor gebrandmarkter Medien im Land. Dabei, das betonte Chefredakteur Dimitri Kolesew in einer Hausmitteilung2, mache Republic gar keine Werbung, und nehme keine Sponsoren- oder Fördergelder an, schon gar nicht aus dem Ausland. „Wir wissen nicht, auf welcher Grundlage und aus welchem Anlass das Justizministerium diese Entscheidung getroffen hat.“ Es werde schlicht versucht, schrieb Kolesew weiter, die unabhängigen Medien im Land zu zerstören. 

Wer hinter Republics Paywall schaut, liest regelmäßig kritische Kommentare und Analysen namhafter Autoren. Von renommierten politischen Experten und Wissenschaftlern wie Tatjana Stanowaja und Wladimir Frolow, ebenso wie von erfahrenen Journalisten wie Oleg Kaschin, Andrej Sinizyn und Iwan Dawydow. Auffällig: Reine Nachrichten laufen nicht in Dauerschleife, sondern als handverlesene News, zum Beispiel in Form von Newslettern. Bereichert wird dieses Rezept um Interviews, Podcasts und Betrachtungen zu Themen von Technologie bis Literatur und Kultur. 

Republic hat aus diesen starken Stimmen eine Magazinstruktur entwickelt, bei der sich sehr eigenständige Ressorts auf einem gemeinsamen Portal präsentieren. Dawydow etwa leitet das Ressort Wlast (dt. Staatsführung) und Sinizyn das Meinungs- und Politikressort. Dawydow ist außerdem stellvertretender Chefredakteur beim unabhängigen Magazin The New Times, Sinizyn war lange beim Moskauer Wirtschaftsblatt Vedomosti, das nach Besitzerwechsel aber an Unabhängigkeit eingebüßt hat.

Es war auch ein früherer Vedomosti-Mann, der Slon ursprünglich gegründet hat: Leonid Berschidski. Berschidski brachte Erfahrung aus US-amerikanischen sowie russischen Redaktionen mit und profilierte sich als gewiefter Manager für den Markteintritt. Mit Slon verfolgte er ursprünglich das Ziel, online den Wirtschaftsjournalismus gegen große Printmarken stark zu machen. Dafür holte er Profis ins Netz, darunter Olga Romanowa, damals eine der profiliertesten Journalistinnen des Landes, die vor allem in den 1990er Jahren durch ihre Sendung im damals noch unabhängigen Sender NTW bekannt geworden war. Beide sind heute nicht mehr am Projekt beteiligt. Berschidski wandte sich nach der Krim-Annexion 2014 von Russland ab, ging nach Berlin, nannte den Entschluss „Emigration aus Enttäuschung“3. Auch Olga Romanowa lebt mittlerweile in Berlin, wählte das Exil im Jahr 2017, nachdem sie sich mit ihrer NGO, einer Gefangenenhilfsorganisation, in ihrem Land unter Druck gesetzt sah.

Es war noch Berschidski, der die Weichen für den Erfolg gestellt hat. Schon 2010 entschied er, Nachrichtenartikel runterzufahren und als Geschäftsmodell stattdessen stärker bloggen zu lassen. Damals kündigten Teile der Redaktion unter großem Protest die Zusammenarbeit auf. Doch die spitze Feder sollte sich als eine Spezialität bei Slon erweisen – die Republic bis heute prägt.

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: 18.10.2021

Eckdaten

Gegründet: 2009
Chefredakteur: Dimitri Koselew
Inhaber: Medienholding Doshd von Natalia Sindeeva und Alexander Vinokurov
URL: www.republic.ru (zuvor: www.slon.ru)


Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaft, gefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
1.Znak: Glavnym redaktorom Republic naznačen Dmitrij Kolezev 
2.Republic: Minjust vnes Republic v reestr inostrannych agentov: Čto teper' budet? 
3.Echo Moskvy: Leonid Beršidskij: Ėmigracija razočarovanija 
Gnosen

im Gnosmos

als Text

im Gnosmos

als Text

Neueste Gnosen
Gnose Belarus

Maly Trostenez

Sie war der größte Tatort nationalsozialistischen Mordens in den von Deutschen besetzten Gebieten der Sowjetunion: die NS-Vernichtungsstätte Maly Trostenez in Belarus. Zehntausende Jüdinnen und Juden wurden dort ermordet. Ihren Ausgangspunkt nahm die organisierte Massengewalt vor 80 Jahren im Minsker Ghetto.

Gnose

Memorial

Seit der Perestroika setzt sich Memorial für die historische Aufarbeitung politischer Repressionen ein. Nun droht der international bekannten Organisation in Russland das Aus.

Gnose

Fjodor Dostojewski

Ein Genie, das dem menschlichen Geist wertvolle Offenbarungen brachte? Oder ein Krimi-Autor, der einen bei den Ohren packt und mit der Nase in geistige Kotze stößt? Wer ist Fjodor Michailowitsch Dostojewski?

Gnose

Erste Russische Kunstausstellung in Berlin

Am 15. Oktober 1922 eröffnete die Erste Russische Kunstausstellung in Berlin. Mit ihr gelingt der Galerie van Diemen ein echter Coup, die westliche Kritik spricht über die Werke von Malewitsch, El Lissitzki, Tatlin und anderen sowjetischen Avantgardisten. So war die Schau kurz nach Oktoberrevolution und Erstem Weltkrieg vor allem auch politisches Signal des jungen Sowjetrusslands – an die Weimarer Republik und an die Welt. 

Gnose Belarus

Die Beziehungen zwischen Belarus und der EU

Die Beziehungen zwischen der EU und Belarus gleichen seit ihrem Beginn vor 30 Jahren einer Achterbahnfahrt. Doch seit der Niederschlagung der Proteste im Herbst 2020 werden immer neue Tiefpunkte erreicht, Verträge gekündigt, Sanktionen verhängt. Fabian Burkhardt über ein kompliziertes Verhältnis.

Gnose

Bantiki – Haarschleifen

Je kleiner die Mädchen, desto größer die Haarschleife? Die riesigen weißen bantiki, die Haarschleifen sowjetischer Schülerinnen waren Ikonen einer idealisierten sowjetischen Kindheit. Wie die Blumensträuße für die Lehrerinnen gehören sie auch heute noch zu den Bildern des ersten Schultags, dem 1. September.

Gnose

Sowjetische Schuluniformen – Normierung und Eigensinn

Die sowjetische Schuluniform gab es nicht. Und neben dem Überstülpen staatlicher Werte eröffneten die Uniformen auch Möglichkeiten der Abgrenzung: nämlich das Spiel mit Varianten. Man konnte Uniformen aus anderen Republiken anziehen, die Accessoires variieren und die Uniform auf lässige Weise tragen, um Coolness zu demonstrieren und die Lehrer zu provozieren. 

Gnose Belarus

Soligorsk

Soligorsk ist eine der jüngsten belarussischen Städte. Und eine der reichsten. Lennart Petrikowski über eine Stadt, in deren Architektur und Wirtschaftsstruktur sich vergangene und gegenwärtige Ideologien besonders deutlich widerspiegeln.

Gnose Belarus

Die Brester Festung

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann auch die Schlacht um die Brester Festung. Der Widerstand der Besatzung ist in Russland und Belarus bis heute legendär und zentraler Bestandteil der Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg”. Doch es ist komplizierter. Christian Ganzer mit einer Gnose über selektive Erinnerung und verzerrte Fakten.

Landschaft der Trauer, © Valery Vedrenko (All rights reserved)