
Im Juli 2025 hat der Kreml eine „Internationale Satanismus-Bewegung“ als extremistisch eingestuft und damit verboten. Wie im Fall der „LGBT-Bewegung“ existiert eine solche Organisation de facto aber nicht. Doch nun beginnen Repressionen gegen Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen okkulte Symbole verwenden. Der Staat gibt dabei vor, auch gegen politisch extremistische Bands und vorzugehen. Dabei werden gerade neonazistische Gruppierungen auf unterschiedliche Weise vom russischen Staat gefördert.
Der staatliche Kampf gegen imaginäre Organisationen dient als Freibrief für Willkür und als Vorwand, um unliebsame Subkulturen zu bekämpfen. Warum? Subkulturen sind Diktaturen seit jeher ein Dorn im Auge, weil sie oft Non-Konformismus und Selbstverwirklichung abseits der staatlichen Kontrolle pflegen. Da sich das russische Regime vor allem durch die Verschwörungserzählung legitimiert, dass der Westen an einer „Endlösung der Russenfrage“ (Sergej Lawrow) arbeite, muss das Feindschema immer neu bedient werden: Subkulturen können dabei leicht als Erfüllungsgehilfen des Westens dargestellt werden, so wie nun im Fall Heavy Metal.
Von Konzertverboten und Repressionen sind nicht nur russische Bands und Veranstalter betroffen, sondern auch internationale Acts. Das russische Medienprojekt Veter hat sich für einen Recherchebeitrag (der von Novaya Gazeta Europe übernommen wurde) die Repressionen gegen die Szene genauer angeschaut.
Am 14. März fand im Jaroslawler Club Territorija ein Festival statt: Es hieß Winterbestattung. Geplant war der Auftritt von vier Bands aus verschiedenen Regionen Russlands, die Extreme Metal mit heidnischen Motiven spielen. Zweiter Programmpunkt war die Pagan-Black Metal-Band Garmskrik. Dann platzten uniformierte Silowiki in den Saal.
Ein Konzertbesucher, den wir hier Wladimir nennen (der Name ist aus Sicherheitsgründen geändert), stand zu dem Zeitpunkt gerade draußen vor der Tür, sie haben ihn jedoch, wie er erzählt, als einen der ersten geschnappt und zurück in den Club befördert. Auch aus dem Geschäft Magnit, das sich im selben Gebäude befindet, seien Leute hergebracht worden.
Alle mussten sich auf den Boden legen, Gesicht nach unten – und an die sechs Stunden in dieser Haltung ausharren. Die Uniformierten gingen durch die Reihen und schlugen wahllos mit ihren Knüppeln zu. Wladimir zufolge schnitten sie mehreren Männern die langen Haare und Bärte ab, einigen ritzen sie mit Messern. Das Medium RusNews berichtet, dass einige, die den Polizisten verdächtig vorkamen, mit einem Filzstift als „Pädo“ oder „Fascho“ markiert wurden. Sie nahmen allen die Handys ab und kontrollierten Chats und Abos auf Telegram, bevor sie sie zurückgaben und sie laufen ließen. Wladimir sagt, er sei verletzt worden: „Rippen geprellt.“ Es war tiefe Nacht, als er endlich den Club verließ – mit Schrammen, blauen Flecken und einer Beule am Kopf. „Sie sind mit uns umgegangen, als wären wir keine Konzertbesucher, sondern Terroristen und Extremisten“, erzählt er im Interview mit Veter. „Sie haben nichts erklärt, nur rumgebrüllt, wir seien eine Faschistenversammlung …“
Ein anderer Besucher der Winterbestattung war Konstantin (Name geändert), ein prominentes Mitglied der Pagan Metal-Szene. Er erzählt Veter, er sei mit Elektroschockern gefoltert worden. Alle mussten sich ausziehen, und die Silowiki suchten nach „verbotenen“ Tattoos. Frauen wurden hinter die Bühne gebracht, wo sie sich ebenfalls ausziehen mussten. Konstantin bestätigt, dass die Polizei Verbindungen zur Nazi-Szene suchte und unter anderem Tätowierungen mit slawischer Symbolik in diese Richtung interpretierte. „Die Leute wurden so geprügelt, dass sie sich in die Hosen pinkelten. Manche schissen sich sogar ein“, berichtet Konstantin.
Laut Wladimir waren auch Mitarbeiter des Einberufungsamtes und Offiziersanwärter dabei. Sie hätten versucht, manchen Festgenommenen Verträge mit dem Verteidigungsministerium aufzudrängen. Konstantin fügt hinzu, dass alle, die auf die Polizeidienststelle mitgenommen wurden, solche Verträge vorgelegt bekamen. RIA Nowosti berichtete von 23 Festnahmen, bei 20 Personen seien „Neonazi-Tätowierungen“ gefunden worden.
„Da sind sie bei vielen fündig geworden. Per Gesetz sind zwar alle Tattoos erlaubt, aber es gibt welche, die man nicht offen zeigen darf. Aber es hat sie ja auch keiner offen gezeigt! Die Polizei hat die Leute ausgezogen und fotografiert und dann wegen ‚Offenen Zeigens’ Anklage erhoben!“, empört sich Konstantin. „Das ist, als würde man jemanden dazu zwingen, auf einen anderen zu schießen, und ihn dann wegen Schusswaffengebrauchs anzeigen.“
Konstantin ist über das Verhalten der Silowiki bei diesem Konzert bestürzt und entmutigt. Auf dem Programm stand auch die Band Nebokraj, die er „äußerst patriotisch“ nennt: In ihren Songs geht es um Heldentaten des russischen Volkes. „Aber in solchen Momenten vergeht einem jeglicher Patriotismus, das ist echt frustrierend“, sagt Konstantin. „Die Silowiki machen genau das, was patriotische Gefühle vernichtet!“

Der Kampf um den sakralen Raum
Dass der Staat auf radikale Subkulturen heftig reagiert, ist ein Phänomen, das weit über die Grenzen des heutigen Russlands hinausgeht. „Solche Kampagnen sind oft eine Methode, um politische oder moralische Karrieren zu begründen – indem man ‚für alles Gute und gegen alles Schlechte‘ kämpft“, erklärt der Journalist und Verleger Felix Sandalow gegenüber Veter. Der hat schon viel über die Metal-Szene geschrieben und spielt selbst in der Band Wsue.
In den 2010er Jahren protestierten vor allem religiöse Aktivisten und „besorgte Bürger“ gegen harte Musik in Russland. Insbesondere die Death Metal-Bands Belphegor (Österreich) und Nile (USA) sahen sich 2016 erheblichem Widerstand orthodoxer Aktivisten ausgesetzt. Konzerte der polnischen Black Metal-Band Batushka wurden 2016 aus ähnlichen Gründen abgesagt. Christliche Organisationen gingen in St. Petersburg, Moskau und Minsk gegen die Musiker vor: Bei einer Kundgebung mit 5000 Teilnehmern vor einem Club in Moskau riefen ihre Anhänger dazu auf, die Musiker „vom Angesicht der Erde zu tilgen“. Der Konflikt entstand, weil die Batushka-Musiker parodistische religiöse Bilder verwenden: in Form von Liturgie-Gewändern, Ikonographie und Kirchenutensilien.
Diverse Gruppen initiierten moralische Panik, heizten über ihre Netzwerke die Stimmung an, verfassten Beschwerden und sorgten für die Absage von Konzerten oder torpedierten sie. Die Silowiki schritten in der Regel nicht ein.
Eine neue Verbotsära
Ein großer Einschnitt war im Juli 2025 die Erklärung der „internationalen Bewegung des Satanismus“ zur „extremistischen Organisation“. Ignat (Name geändert), der die Metal-Szene wissenschaftlich erforscht, sieht hier für russischen Heavy Metal den Beginn einer neuen Etappe: Während früher nur mit verwaltungsrechtlichen oder organisatorischen Maßnahmen Druck ausgeübt wurde, passiert dies heute direkter und gewaltsamer. Und die Beispiele werden immer zahlreicher.
Metal-Forscher Ignat erklärt, dass bei Repressionen gegen Musiker oft das Prinzip der „assoziativ begründeten Verantwortung“ zur Anwendung kommt. Bands wie Behemoth [polnischer Black Metal – dek.], Belphegor, Todestriebe [russischer Black Metal – dek.] oder Netschist [russischer Sludge/Doom – dek.] würden tatsächlich okkulte Symbolik verwenden, aber auch Nile haben, trotz anderer Ästhetik, immer wieder Probleme. Auch der Razzia beim Festival Winterbestattung seien nach diesem Prinzip gleich vier Bands zum Opfer gefallen.
Ignat meint, die Repressionen gegen Metal-Musiker folgen weniger der Devise „wen wir erwischen“ als „wer uns auffällt“. Die norwegische Band Mayhem, berühmt-berüchtigt für den Suizid ihres Sängers Dead und dem ermordeten Bandmitglied Euronymous, konnte in den 2010er Jahren ungestört in Russland auftreten. Auch russische Bands wie Grima [Black Metal – dek.], Morokh [Atmospheric Black Metal/Hardcore – dek.] und Uratsakidogi [Black Hop – dek.] wurden trotz ihrer zappendusteren Ästhetik bisher nicht belangt.
Für Felix Sandalow war die Zusammenführung der Begriffe „Satanismus“ und „Extremismus“ in der offiziellen Rhetorik vorhersehbar. Das ganze Thema sei der russisch-orthodoxen Kirche schon lange ein Dorn im Auge gewesen und da der Staat und religiöse Institute immer näher aneinanderrückten, sei die Problemlösung mittels Ordnungsstrafen nur eine Frage der Zeit gewesen. Black Metal ist ein leichtes Ziel, allein schon durch seinen visuellen Code: Pentagramme, Baphomet, okkulte Symbole – darauf lässt sich leicht mit dem Finger zeigen und sagen: Seht her, lauter Satanisten. Sandalow erklärt, dass diese Anschuldigungen meist nichts mit der Realität zu tun hätten:
„Natürlich gibt es in jedem Umfeld Einzelfälle, aber insgesamt ist das keine gefährlichere Bevölkerungsgruppe als jede andere. Es gibt Studien, die umgekehrt nachweisen, dass Heavy Metal das Aggressionsniveau senken kann.“
„Zu euch kommen irgendwelche Satanisten und ausländische Agenten“
Wie sich der politische Druck auf die Szene selbst auswirkt, wissen die Organisatoren von Konzerten am besten. Igor (Name geändert), Manager eines Moskauer Metal-Labels, organisiert seit fünf Jahren Gigs – so nennt man in der Musikszene kleinere Sammelkonzerte. Normalerweise kommen zu Igors Events 150 bis 250 Menschen, meistens hat er es mit Genres wie Screamo, Scramz und Blackened-Stilen zu tun. Er meint, das Publikum solcher Konzerte sei in letzter Zeit allmählich geschrumpft.
Igor ist offen für alle möglichen Stile und findet es vor allem schade, dass Black Metal noch immer durch die Brille alter Vorurteile betrachtet wird – als Musik mit okkulter Symbolik, rituellen Opferungen, schwarz-weißer Schminke (Corpspaint) und so weiter. Ihm zufolge zieht das jene in Mitleidenschaft, die Black Metal als eigenständige, anspruchsvolle und vielfältige Musikrichtung verstehen: Die Behörden kennen sich mit den Unterschieden innerhalb der Szene nicht aus und versuchen, alles über einen Kamm zu scheren. So landen Black-Metal-Fans genauso auf der Polizei wie NSBM [Nationalsozialistischer Black Metal – dek.] oder einfache Hardcore-Fans.
Damit, wie diese Stereotypen konkret wirken, war Igor konfrontiert, als er im Februar 2026 ein Festival mit Bands organisieren wollte, die vor allem experimentelle Musik machen und sich abseits der Kanons von herkömmlichem Black Metal bewegen (auf Bitte unseres Gesprächspartners nennt Veter keine Bandnamen). Igor und sein Team haben dieses Festival in den letzten zwei Jahren durchgeführt, ohne je die Aufmerksamkeit der Silowiki auf sich zu ziehen: Sie achteten darauf, keine Bands einzuladen, die aufgrund ihrer Symbolik und ihrer Texte Fragen aufwerfen könnten.
„Alles Kreative und konkret Heavy Metal wird es immer schwerer haben.“
„Und da schreibt mir auf einmal der Club einen Monat vor der Veranstaltung: ‚Es kam ein Anruf aus der Stadtverwaltung, dass da irgendwelche Satanisten, ausländische Agenten und sonstige merkwürdige Typen zu euch kommen‘“, klagt Igor. „Das hat mich aus der Bahn geworfen. Da wurde ich beschuldigt — als wären die Organisatoren schuld. Das war höllisch unangenehm.“ Dann rief später „einer von der Behörde“ bei ihnen an, schlug ein Treffen in Moskau vor und gab ihnen zu verstehen, dass sie das Festival besser verschieben sollten. Statt Igor ging sein Kollege aus dem Organisationsteam zu dem Treffen. Er unterhielt sich mit dem Beamten in einem informellen Umfeld, konkrete Beschwerden gab es jedoch nicht. „Die große Frage für uns ist das Publikum. Womöglich stimmt damit etwas nicht oder damit, oder sonst noch was“, gibt Igor den Inhalt des Gesprächs wieder.
Danach rief Igors Mitverantalter beim Innenministerium an, wo man ihm geradeheraus sagte, dass sie von dem Konzert wüssten und im Fall eines Befehls „von oben“ der OMON jederzeit die Veranstaltung stürmen könne. Dann würde es damit enden, dass alle mit Gesicht nach unten auf dem Boden lägen. Also mussten sie das Festival verschieben und an einen anderen Ort verlegen. Der Raum, in dem das Konzert ursprünglich geplant war, stand schon zu sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit: Einige Razzien hatten bereits stattgefunden. Igor zufolge habe sich daraufhin das ganze Line-Up „verdünnisiert”, das ganze Programm musste neu zusammengestellt werden. Doch er bekam auch andere Probleme: Nicht jede Location will mit einer Veranstaltung zu tun haben, die de facto unter dem Druck der Silowiki verhindert wurde. Er versteht diese Vorsicht: Clubs werden ebenfalls drangsaliert, und die Moskauer Kulturszene schrumpft rapide. „Alles Kreative und konkret Heavy Metal wird es immer schwerer haben.“
Er versteht nicht, nach welchen Kriterien das eine oder andere Projekt ins Visier der Silowiki gerät: Mainstream-tauglichere und visuell aggressivere Projekte touren manchmal seelenruhig durch Russland. Igor glaubt, dass nur Moskau von diesem „Wahnsinn“ betroffen sei: Zeitgleich mit seinem verhinderten Festival sei ein Metal-Gig in der Oblast Moskau ungestört über die Bühne gegangen. Fast hundert Fans seien gekommen – ziemlich viele für eine Kleinstadt auf dem Land. Das unterstreiche, dass der Druck nicht gleichmäßig verteilt und nicht immer vom Inhalt des Konzerts abhängig sei. Trotzdem ist das aktuelle Geschehen für Igor gefühlsmäßig schwierig. „Man hat den Eindruck, wir bewegen uns einfach auf ‚1984‘ zu, dessen Handlung einst frei erfunden war, aber jetzt zur Realität wird.“

„Die Kryscha zuckt mit den Schultern“
Igor gibt zu: Beim heutigen Zustand der Szene spielen nicht nur Bedrohungen von oben, sondern auch die Befürchtungen des Publikums eine wichtige Rolle. „Ein einziger Faktor kann uns jetzt [vom Weitermachen] abhalten – die Angst des Publikums“, sagt er. „[Angesichts der Umstände] werden alle zu Hause bleiben.“
Dass die Angst in der Szene zum Teil des Systems wird, sagen auch andere, die in dieser Sparte beschäftigt sind. Konstantin, der bereits erwähnte Besucher der Winterbestattung, kennt viele Organisatoren von Metal-Konzerten persönlich. Nach mehreren Razzien 2025 bekamen sie zunehmend Angst, Musik-Events zu veranstalten. „Wenn das so weitergeht, wird es die russische Metal-Szene nicht mehr lang geben“, gibt Konstantin zu bedenken.
„Für die Black Metal-nahen Bands wird es immer schwieriger, sich zu zeigen und ihre Bildsprache rüberzubringen.“
Diese Weltuntergangsstimmung hat allerdings nicht alle erfasst. Lisa, die ebenfalls in Moskau Metal-Konzerte organisiert, erzählt Veter, dass die Besucherzahlen nach Aufsehen erregenden Razzien manchmal zurückgehen, aber meistens nicht für lange. „Für die Heavy-Metal-Szene ist eine eingefleischte Community typisch, die sich nicht so schnell von ihrem Weg abbringen lässt“, erklärt sie.
In letzter Zeit habe sich auch die Infrastruktur der Konzerte verändert: Ein Teil der Veranstaltungen finden nur noch gegen Barzahlung statt, es kämen „Undercover-Gäste“, und Kommentare seien nicht mehr öffentlich, sondern würden sich in geschlossene Chats der Veranstalter zurückziehen. Allmählich würde sich das auch in der Musik niederschlagen: „Die Texte enthalten jetzt ein bisschen mehr Allegorien. Schwerwiegende Veränderungen gibt es bisher noch nicht, aber man hat das Gefühl, für die Black Metal-nahen Bands wird es immer schwieriger, sich zu zeigen und ihre Bildsprache rüberzubringen.“
Der Journalist Felix Sandalow glaubt auch nicht, dass man die Metal-Szene in Russland vollständig vernichten kann. „Musik dringt durch Mauern“, fasst er zusammen. „Sie hat das Potenzial, auch die finstersten Zeiten zu überstehen.“