
Ob Ausländer oder russische Staatsbürger:innen im Ausland, die trotz aller Risiken und Reisewarnungen nach Russland reisen (müssen), Ukrainer:innen in den besetzten Gebieten oder Belaruss:innen, die im Alltag willkürlichen Überprüfungen ausgesetzt sind – sie alle müssen mit Handykontrollen rechnen. Die russischen und belarussischen Behörden verfügen über weitreichende technische Mittel, private Smartphones zu durchleuchten und Daten abzugreifen.
Wie Betroffene ihr Handy für solche Kontrollen von potenziell gefährlichen Inhalten säubern können, hat Meduza als Checkliste zusammengetragen.
(Spoiler: Es ist ziemlich kompliziert und verspricht dennoch keine garantierte Sicherheit. Vor Reisen nach Russland und nach Belarus wird gewarnt.)
Wenn die Zeit bis zur Reise zu knapp ist oder wenn Sie einfach überprüfen möchten, ob Sie gut vorbereitetet sind – sehen Sie sich die Checkliste für Eilige an. Sollte davon etwas unklar sein, lesen Sie bitte in den folgenden Abschnitten nach – dort erklären wir alles ausführlich.
Checkliste für Eilige
- Besorgen Sie sich am besten ein Zweithandy für die Reise; Ihr Hauptgerät werden Sie vermutlich nicht ganz „sauber“ bekommen.
- Kaufen Sie eine zweite SIM-Karte speziell für die Reise.
- Versuchen Sie, Ihr neues Handy gebraucht aussehen zu lassen – nutzen Sie es ein paar Wochen, damit der Akku mehrere Lade- und Entladezyklen durchläuft, machen Sie Fotos, zum Beispiel von Essen und Tieren, abonnieren Sie Unterhaltungskanäle und speichern Sie Ihre Angehörigen in den Kontakten.
- Achten Sie darauf, dass in Ihren Kontakten keine ukrainischen Nummern oder Nummern von Menschen sind, die in Russland oder Belarus verfolgt werden.
- Greifen Sie auf dem neuen Telefon nicht auf alte Accounts zu – E-Mail, Telegram usw. – und legen Sie für die Reise neue an.
- Installieren Sie auf keinen Fall ausländische Banking-Apps – die werden mit großer Sicherheit überprüft, falls es zu Kontrollen kommt.
- Sollte Ihnen keine Zeit bleiben, ein neues Handy zu bespielen, nehmen Sie es leer mit – es ist besser, sich eine Erklärung für die Mitarbeiter des FSB/KGB auszudenken, als zu riskieren, dass sie etwas auf Ihrem eigentlichen Gerät entdecken.
- Deaktivieren Sie vor der Reise Face und Touch ID.
- Wählen Sie ein Passwort aus Buchstaben und Ziffern statt der vierstelligen PIN und installieren Sie die neuste Version ihres Betriebssystems. Das sind die einzigen Maßnahmen, die die Arbeit der Forensik-Software erschweren können.
- Bedenken Sie, dass Kontrollen sowohl bei Ein- als auch bei Ausreise möglich sind. In beiden Fällen sollte ihr Mobiltelefon gründlich vorbereitet sein.
- Haben Sie keine Angst, Ihr Gerät einzubüßen. Es könnte beschlagnahmt werden, doch das ist nicht das größte Risiko. Angst machen sollte Ihnen die Gefahr, dass sie nicht mehr aus Russland rauskommen, weil man etwas „Falsches“ bei Ihnen findet.
- Schalten Sie ihr Handy vor der Grenzkontrolle aus. Bis zur ersten Passworteingabe nach dem Herunterfahren bleibt der Großteil der Daten verschlüsselt. Lassen Sie es ausgeschaltet, bis Sie alle Kontrollen hinter sich gebracht haben.
- Wenn Sie gebeten werden, Ihr Handy zu entsperren, tun Sie das. Laut Gesetz haben Sie zwar das Recht dazu, es nicht zu tun, aber in der Praxis erschwert das Ihre Situation nur. Diese Empfehlung gilt, wenn Sie ein präpariertes Handy dabei haben.
- Wenn Sie Ihr Hauptgerät mit Ihrer Korrespondenz, Ihren E-Mails und Bankdaten mit sich führen, gibt es keine einfache Lösung. Wenn Sie sich weigern, Ihr Handy zu entsperren, wird das mit ziemlicher Sicherheit zu einer Eskalation, einem langwierigen Gespräch und verstärkter Aufmerksamkeit Ihnen gegenüber in der Zukunft führen. Wenn Sie zustimmen, landet eine Kopie Ihres gesamten digitalen Fußabdrucks beim FSB und wird dort ohne Sie ausgewertet, vielleicht auch erst in einem Jahr – gemäß einer Gesetzgebung, die wir heute noch gar nicht kennen. Welche Variante schlimmer ist, hängt vom Inhalt Ihres Handys ab. Es lohnt sich, diese Risiken im Voraus mit einer/m Jurist:in abzuwägen und nicht erst bei der Kontrolle. Auch in diesem Fall haben Sie jedoch keine Garantien.
- Wenn Sie sicher sind, dass Ihnen persönlich nichts droht und Sie Ihr privates Gerät mitnehmen können, überlegen Sie gut: Es ist unmöglich, die Logik der Sicherheitskräfte vorherzusehen oder die eigenen digitalen Spuren vollständig zu verwischen.
- So schwierig das klingt, versuchen Sie, bei der Grenzkontrolle nicht nervös zu sein – das kann ein Grund sein, Sie zum „Verhör“ zu bitten. Fragen sollte man ruhig und möglichst kurz beantworten. Wenn Sie schon mit einer extra Überprüfung konfrontiert wurden, holen Sie sich unbedingt Unterstützung von Jurist:innen oder Menschenrechtsaktivist:innen.
Risikobewertung: Was erhöht die Chance auf ein „Verhör“?
Abgesehen von den offensichtlichen Risikogruppen – beispielsweise Personen, gegen die bereits ein Straf- oder Verwaltungsverfahren läuft, politische Aktivist:innen, Journalist:innen oder offene Regimekritiker:innen – lässt sich der Personenkreis, bei dem die Wahrscheinlichkeit einer extra Überprüfung am größten ist, grob in folgende Kategorien einteilen:
Das sind erstens Personen, die laut Pass in der Ukraine oder der Ukrainischen SSR geboren sind. Es betrifft auch Menschen, die auf der Krym oder in anderen okkupierten Gebieten leben und russische Pässe bekommen haben.
Wenn Sie eine ausländische Staatsbürgerschaft angegeben haben, ist die Wahrscheinlichkeit ebenfalls hoch. Zusätzliche Fragen können entstehen, wenn Sie ein nicht angegebenes ausländisches Konto besitzen.
Eine eigene Risikogruppe stellen die Personen dar, die Russland nach dem Beginn des großen Kriegs verlassen haben und lange nicht mehr dort waren. Das weist darauf hin, dass Sie politisch oder ideologisch nicht damit einverstanden sind, was in Russland passiert.
Welche Technologien kommen an der Grenze zum Einsatz?
Die russischen Sicherheitsbehörden verwenden unter anderem das israelische Cellebrite UFED und das russische System mobilny kriminalist (mobiler Kriminalist), das ähnlich funktioniert. Diese Geräte erstellen im Grunde einen vollständigen Klon des daran angeschlossenen Telefons, eine identische digitale Kopie. Mit dieser Kopie kann ein FSB-Mitarbeiter unabhängig von Ihrem Gerät arbeiten. Wie diese Arbeit verläuft, hängt jedoch davon ab, ob das Telefon entsperrt war oder nicht.
Im ersten Fall, wenn Sie es selbst entsperren, durchsucht die Software selbständig Ihre gesamten Daten: nach ukrainischen Nummern, Namen von konkreten Personen und Erwähnungen von Organisationen, überprüft den Anrufverlauf, Apps, Fotos, Dokumente und andere voreingestellte Kriterien (bis hin zu den Namen der WLAN-Netzwerke, in die sich das Telefon eingewählt hat). Das System spürt sogenannte Trigger in Ihrem Gerät auf, und Sie müssen dem FSB-Mitarbeiter zum Beispiel erklären, in welcher Beziehung Sie zu der Person stehen, die der FSB als verdächtig einstuft.
Wenn kein Trigger anspringt, ist das noch kein Grund zur Freude – der Abdruck Ihres Telefons wird zur weiteren Überprüfung eingeschickt. Das heißt, man gibt Ihnen zwar Ihr Handy wieder und lässt Sie gehen, aber irgendwann wird vielleicht doch etwas gefunden. Der weitere Verlauf hängt davon ab, was genau gefunden wurde.
Befindet sich das Gerät im BFU-Zustand (Before First Unlock) – das heißt, nach dem Neustart wurde noch kein Passwort eingegeben –, ist eine Kopie für die Sicherheitsbehörden praktisch nutzlos. In diesem Fall bleiben Ihre Daten verschlüsselt. Doch auch das bietet keinen garantierten Schutz: Man wird versuchen, das Passwort auf andere Weise zu ermitteln.
Damit die BFU-Strategie funktioniert, empfehlen wir Folgendes: Lassen Sie Ihr Telefon ausgeschaltet, bis Sie alle Kontrolletappen passiert haben. Wenn Sie bei der Sicherheitskontrolle aufgefordert werden, Ihren Handybildschirm zu zeigen (das kommt häufig vor), können Sie es einschalten, um zu zeigen, dass es angeht, aber Sie sind nicht verpflichtet, die PIN einzugeben.
Wie genau bereite ich mein sauberes Gerät vor:
- Kaufen Sie eine separate SIM-Karte und fangen Sie schon vor der Reise an, die Karte mit dem Zweithandy zu benutzen;
- Legen Sie eine neue Apple ID- oder Google-Account an (wichtig!).
- Speichern Sie die Nummern von Familie und Freunden in Russland/Belarus im Adressbuch.
- Gehen Sie sicher, dass in Ihren Kontakten keine ukrainischen Nummern sind (am besten überhaupt keine ausländischen).
- Installieren Sie russische/belarussische Services wie Yandex oder Gosuslugi.
- Erstellen Sie neue E-Mail- und Messenger-Accounts.
- Loggen Sie sich nicht, auch nicht nur kurz, in Ihre Hauptaccounts ein.
- Richten Sie neue Chats ein, zum Beispiel mit Familienangehörigen oder Freunden, in denen Sie nur alltägliche Fragen besprechen.
- Abonnieren Sie unverfängliche Unterhaltungskanäle (auf denen möglichst wenig Politik oder Nachrichten erscheinen).
- Machen Sie möglichst viele unverfängliche Fotos, zum Beispiel Selfies, Natur, Tiere, Essen.
- Lassen Sie das Gerät mehrmals vollständig ent- und wieder aufladen.
Wenn Sie mit den allgemeinen Vorbereitungen fertig sind, überprüfen Sie folgende Punkte (damit vermeiden Sie unvorhergesehene Schwierigkeiten):
- Achten Sie besonders auf die Installation der eSIM: Ihre Hauptnummer könnte dank eines virtuellen Profils, das oft vergessen wird, im Telefon verbleiben (sofern Sie diese auf dem Gerät eingerichtet haben, das Sie mitnehmen).
- Stellen Sie sicher, dass Sie bei Bedarf Zugang zu Ihrem persönlichen zweiten Authentifizierungsfaktor (2FA) haben. Die Authentifizierungs-App oder die SMS für Ihre wichtigsten Konten sollten nicht ausschließlich auf dem Handy gespeichert sein, das Sie mitnehmen (falls Sie sich doch entschieden haben, mit Ihrem Hauptgerät zu reisen) oder, umgekehrt, zu Hause lassen. Für die Dauer Ihrer Reise können Sie Ihre 2FA beispielsweise einer Ihnen nahestehenden Person anvertrauen.
- Sorgen Sie für die Sicherheit Ihres neuen Telegram-Kontos. Richten Sie im Voraus ein Cloud-Passwort ein, verbergen Sie Ihre Telefonnummer und aktivieren Sie die automatische Löschung des Profils nach einer bestimmten Zeit der Inaktivität.
- Lernen Sie die Nummer eines Rechtsbeistands in der Ankunftsstadt auswendig oder notieren Sie sie auf Papier, für den Fall, dass Ihr Gerät beschlagnahmt wird.
- Vereinbaren Sie einen Kontaktanruf mit einer nahestehenden Person, die Ihre Ankunftszeit kennt und weiß, wen sie anrufen muss, wenn Sie sich zu lange nicht melden.
- Wenn Sie mit Ihrer Familie oder anderen Personen reisen, beziehen Sie auch die Mitreisenden in die Vorbereitungen ein. Sie können ein noch so gut präpariertes Gerät haben – wenn Ihre Begleitung einen Chat mit Ihrem Hauptaccount auf dem Handy hat, nützt Ihnen das wenig.
- Denken Sie daran, Ihr Gerät aus allen Familienaccounts zu entfernen.
- Bitte beachten Sie: Wenn Sie auch einen Laptop mitnehmen müssen, sollten Sie auch diesen auf die Werkseinstellungen zurücksetzen und den Speicher so weit wie möglich leeren (Experten sind der Meinung, dass das Gerät beim Grenzübertritt lediglich eine „Schreibmaschine“ darstellen sollte). Für Smartwatches und Tablets gelten dieselben Empfehlungen – sie können genauso wie ein Smartphone kontrolliert werden.
Wie gehe ich vor, wenn mein Gerät doch in die Hände der FSB-Mitarbeiter gelangt ist?
Nach der Überprüfung sind zwei Szenarien denkbar: Entweder das Gerät wird beschlagnahmt oder Sie bekommen es zurück (was nicht sofort Entwarnung bedeutet).
Wenn Ihr Telefon in den Händen von FSB-Mitarbeitern war, sollten Sie die dringendsten Dinge von einem anderen vertrauenswürdigen Gerät aus erledigen, zum Beispiel einem Laptop oder dem Telefon einer nahestehenden Person. Ihr eigenes Telefon sollten Sie in dieser Zeit besser nicht in die Hand nehmen. Unser Experte für Cybersicherheit empfiehlt die folgenden ersten Schritte:
- Beenden Sie alle aktiven Sitzungen in Messengern, E-Mail-Programmen und Cloud-Diensten und überprüfen Sie anschließend die Liste der verknüpften Geräte auf unbekannte.
- Ändern Sie die Passwörter ihrer wichtigsten Accounts und aktualisieren Sie die Zweifaktorauthentifizierung, falls die Codes an das Gerät gesandt wurden, das überprüft wurde.
- Überprüfen Sie Ihre E-Mail-Einstellungen auf versteckte Weiterleitungen und neue Adressen zur Wiederherstellung des Zugriffs – dies ist die gängigste Methode, um nach einer Passwortänderung an Daten zu gelangen.
- Entziehen Sie Drittanbieter-Apps, die mit Ihren Konten verknüpft sind, die Berechtigungen.
- Informieren Sie die Personen, deren Kontaktdaten in Ihrem Telefon gespeichert sind und mit denen Sie Nachrichten ausgetauscht haben. Sie haben das Recht zu erfahren, dass ihre Daten möglicherweise in einer Kopie enthalten sind, insbesondere wenn diese Person sich in Russland befindet.
- Konsultieren Sie nach Möglichkeit eine:n Jurist:in oder Menschenrechtsaktivist:in, um weitere Risiken einzuschätzen.
Am besten wenden Sie sich an Stellen, die sich professionell mit solchen Diagnosen befassen. Bei Access Now beispielsweise gibt es eine kostenlose Digital Security Helpline, die rund um die Uhr erreichbar und auch auf Russisch verfügbar ist. Die Organisation hat sich unter anderem auf die Analyse der Geräte von Aktivist:innen und Journalist:innen spezialisiert.
War das Smartphone über längere Zeit (mehrere Stunden) in fremden Händen oder wenn Sie Grund zu der Annahme haben, dass es gezielt mit Malware infiziert worden sein könnte, es Ihnen aber aus irgendeinem Grund nicht möglich ist, das Gerät zu überprüfen, empfiehlt der Experte, von der weiteren Nutzung abzusehen.
Bitte beachten Sie: Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Ihr persönliches Risiko einzuschätzen, oder wenn Sie bereits Probleme an der russischen Grenze hatten, sollten Sie sich von Jurist:innen oder Menschenrechtsaktivist:innen beraten lassen. Wenden Sie sich an OVD-Info oder Perwy Otdel. Wenn Sie nach dem Grenzübertritt um Ihre Freiheit fürchten, wenden Sie sich an InTransit – diese Organisation hilft politisch Verfolgten. Bei Fragen zur digitalen Sicherheit wenden Sie sich bitte an Access Now.