
Russlands Krieg vertreibt seit über zwölf Jahren schon Millionen Menschen aus ihren Wohnungen und Häusern. Aktuell sind laut ukrainischem Sozialministerium knapp 4,7 Millionen Menschen als Binnenvertriebene registriert, davon mehr als 800.000 Minderjährige.
Während das Pendeln und Reisen über die Frontlinie hinweg zwischen 2014 und Anfang 2022 für einige Bevölkerungsgruppen, wenn auch unter erhöhtem Sicherheitsrisiko, zeitweise möglich war, sind seit der russischen Vollinvasion bis heute fast alle Grenzübergänge zwischen dem Aggressor Russland und der Ukraine dicht. Die Frontlinie ist ein durch den Drohneneinsatz wachsendes Schlachtfeld.
Dennoch kehren immer wieder ukrainische Binnenvertriebene in ihr Zuhause unter russische Besatzung zurück. Und längst nicht alle, weil sie das diktatorische Kreml-Regime gut finden. Vielmehr sind es meist ganz persönliche, familiäre Gründe und Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung an neuen Orten.
Das ukrainische Onlinemedium Texty hat vier Lebensgeschichten und Rückkehrgründe in russische Besatzung zusammengetragen. Da ein direkter Kontakt zu Menschen in den zeitweise besetzten Gebieten mit großen Risiken verbunden ist, muss die Recherche mit Nacherzählungen enger Vertrauter und der Anonymisierung von Informationsquellen arbeiten, um die betreffenden Personen nicht in Gefahr zu bringen.
Vier Geschichten, fünf Gründe
Familie
Oxana Petrjajewa stammt aus der Region Luhansk. Dort ist sie in einem Dorf nahe der Grenze geboren und aufgewachsen. Fast jeden Sommer fuhr sie mit den Kindern ihre Mutter besuchen. Sie half bei Arbeiten im Haus und auf dem Hof, beackerte den Gemüsegarten, während ihr Sohn und ihre Tochter draußen an der frischen Luft spielten. Ihr Mann fuhr währenddessen mit seinem Bruder zum Arbeiten nach Russland. Die Familie besaß keine eigene Wohnung, wohnte zur Miete in Pokrowsk in der Region Donezk. Kurz vor der Vollinvasion kauften sie dort ein Haus. Oxanas Luhansker Heimatdorf geriet schnell unter russische Besatzung. Bis nach Pokrowsk drangen sie erst vier Jahre später vor.
Wie es mit der Familie Petrjajew danach weiterging, erzählt heute Wolodymyr, ein langjähriger Nachbar: „Unsere Kinder waren befreundet und gingen zusammen zur Schule. Nach dem Abschluss hielten sie Kontakt, unternahmen etwas zusammen und machten gemeinsam Sport. Die Jungen blieben bis zuletzt in Kontakt, bis wir Pokrowsk im September 2024 verlassen mussten. Die Petrjajews aber blieben. Sie wollten ihr Haus nicht aufgeben. Selbst die Pflichtevakuierung von Familien mit Kindern ignorierten sie.“

Nachdem eine gelenkte Fliegerbombe ein Nachbarhaus getroffen hatte, brachten freiwillige Helfer Oxana Petrjajewa und ihre jüngere Tochter aus der Stadt. Auf eigene Faust auszureisen war zu diesem Zeitpunkt bereits zu gefährlich. Der Vater und der ältere Sohn blieben in Pokrowsk.
Oxana brachte ihre Tochter nach Deutschland, wohin schon ihre Schwiegermutter geflüchtet war. Dann kehrte sie selbst über die Ukraine in das inzwischen fast vollständig besetzte Pokrowsk zurück.
„Vermutlich wollten die Petrjajews wieder in der Nähe von Oxanas Mutter sein“, sagt Wolodymyr. „Außerdem war Oxanas Schwager schon damals, als er zum Arbeiten nach Russland fuhr, dortgeblieben. Für mich liegt der Grund für diese Entscheidung deshalb auf der Hand: Sie wollten mit ihrer Familie zusammen sein. Mir tun die Kinder leid, die all das durchmachen mussten.“
Inzwischen haben die Petrjajews in einem der Punkte für vorübergehende Unterbringung auf dem Gebiet der sogenannten „Volksrepublik Donezk“ (DNR) russische Pässe erhalten. Anschließend zogen sie zu Oxanas Mutter in die Region Luhansk. Dort lebt die Familie bis heute.
Sprache
Wadym lebte mit seiner Frau und seiner Tochter in Donezk. Auch nach 2014 blieb er in der Stadt und pflegte noch anderthalb Jahre seine schwerkranke Mutter. Als die Tochter die Schule abgeschlossen hatte, schickte die Familie sie zum Studium aufs „Festland“ – in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet. Nach dem Studium dort fand sie dort auch Arbeit.
Davon erzählt Julija, eine enge Bekannte Wadyms. Die beiden waren seit ihrer Studienzeit befreundet, hatten zur selben Zeit Familien gegründet und einander durchs Leben begleitet. Ihre Freundschaft währte dreißig Jahre. Die Betonung liegt auf „währte“.
„Nach 2014 zogen mein Mann und ich nach Kyjiw, doch unsere Freunde blieben in Donezk. Wadyms Frau arrangierte sich schnell mit den neuen Machthabern“, sagt Julija. „Beruflich blieb bei ihr alles stabil, ihr Gehalt wurde sogar deutlich erhöht. Bei Wadym sah es anders aus: Während er seine Mutter pflegte, verlor er praktisch den Anschluss an seinen Beruf. Nach ihrem Tod lag er seiner Frau noch Jahre lang auf der Tasche. Schließlich zog er weg.“
Zunächst ging Wadym nach Polen und arbeitete in einer Fabrik. Doch ohne Sprachkenntnisse fiel es ihm schwer, sich zurechtzufinden. Das Geld reichte nicht, denn er war einen ganz anderen Lebensstandard gewohnt. Also zog er zu seiner Tochter nach Kyjiw. Das war ein Jahr vor Beginn der Vollinvasion.
„In Kyjiw fand er schnell Arbeit und mietete eine Wohnung. Seine Frau kam sogar für kurze Zeit zu Besuch. Sie schmiedeten Zukunftspläne und wollten in der Nähe der Tochter bleiben. Sie überlegten sogar, eine Wohnung zu kaufen“, erzählt Julija.
Vielleicht wäre es auch so gekommen. Doch nach Beginn des großen Krieges beharrte Wadym immer nachdrücklicher darauf, ausschließlich Russisch zu sprechen. Laut Julija lehnte er alles Ukrainische kategorisch ab: Er las russische Fantasyliteratur, spielte russische Computerspiele, sprach mit Freunden grundsätzlich Russisch und ärgerte sich, wenn er in offiziellen Kontexten Ukrainisch sprechen musste.
„Ich vermute, dass ihn gerade die Sprachenfrage dazu gebracht hat, über eine Rückkehr nachzudenken. Er war weder bereit, dem Polnischen, noch dem Ukrainischen einen Platz in seinem Leben einzuräumen. Nichts außer Russisch. Außerdem hatte er das Leben allein satt. Er sehnte sich nach Familie, nach weiblicher Fürsorge und einem geregelten Alltag. Selbst die Angst, seine Tochter erneut zurückzulassen, hielt ihn nicht auf“, sagt Julija.
Julija und ihr Mann versuchten, ihren Freund zu unterstützen. Sie luden ihn zu Festen ein und kochten eigens seine Lieblingsspeise: Warenyky mit Kirschen. Einfach als Anlass sich zu treffen, miteinander zu reden und Zeit zusammen zu verbringen. Als die Streitereien über den Krieg aber immer schmerzhafter wurden, „vergaß“ Julija einfach, Wadym zum Warenyky-Essen einzuladen.
„Später erfuhren wir, dass er genau zu dieser Zeit illegal die ukrainische Grenze überquert hatte. Er hatte sich monatelang darauf vorbereitet, Telegram-Kanäle verfolgt und nach möglichen Routen gesucht. Schließlich gelangte er über Europa und Russland nach Donezk. Soweit ich weiß, fand er schnell eine gute Stelle, war als Fachmann gefragt und verdiente wieder gut“, schließt Julija ihre Erzählung ab.
Den sozialen Medien nach zu urteilen, reisten Wadym und seine Frau nun durch die „Weiten Russlands“. Wie es ihren Verwandten und Freunden in der Ukraine gehe, scheine sie kaum mehr zu beschäftigen.
Immobilien
Lilija wurde in Donezk geboren, zog aber lange vor der Vollinvasion in von der Ukraine kontrolliertes Gebiet. Die folgende Geschichte hörte Lilija von einer Frau, die ebenfalls aus Donezk stammte und die sie im März dieses Jahres zufällig am Flughafen in Chișinău kennenlernte:
„Ich wartete auf meinen Flug und kam mit einer Frau ins Gespräch, die neben mir saß. Schnell stellte sich heraus, dass wir vieles gemeinsam hatten: Wir kamen beide aus Donezk und waren beide als Binnenvertriebene registriert. Wir flogen sogar mit derselben Verbindung nach Istanbul. Dort musste ich nach Georgien umsteigen, und meine Gesprächspartnerin war auf dem Weg nach Moskau. Ich fragte sie, ob sie die Filtration durchlaufen müsse oder bereits einen russischen Pass habe“, erinnert sich Lilija.
Seit einigen Jahren führt der Weg in die russische Besatzung für Menschen mit ukrainischem Pass ausschließlich über den Moskauer Flughafen Scheremetjewo. Dort führen russische Geheimdienste die sogenannte Filtration durch: Sie kontrollieren Dokumente, Mobiltelefone und persönliche Daten und fragen nach den Gründen und Umständen der Reise. Das Verfahren kann einen ganzen Tag dauern. Nicht selten wird die Einreise in die Russische Föderation verweigert.
Die Frau, nennen wir sie Tetjana, antwortete, sie besitze nur einen ukrainischen Pass. Es sei ihr erster Versuch, in die Gebiete unter russischer Besatzung zu reisen. Die ganze Zeit über hatte sie in Kyjiw gelebt: hatte dort ihre Kinder großgezogen, als Verkäuferin gearbeitet und zur Miete gewohnt – wie Tausende andere Binnenvertriebene der ersten Welle (mit Beginn des Krieges im Osten der Ukraine 2014 – dekoder).
„Tetjana erzählte offen, dass ihre Mutter in Donezk gestorben sei und dort eine Wohnung hinterlassen habe. Deshalb habe sie sich zu dieser Reise entschlossen. Sie wolle die Erbschaft regeln und die Immobilie später vielleicht verkaufen. Eine Wohnung in Kyjiw zu mieten werde immer schwieriger, sagte sie: Die Preise stiegen, und ihr Gehalt reiche kaum aus“, berichtet Lilija.
Tetjanas Kinder hatten ihr Hilfe angeboten. Doch sie lehnte ab, denn sie wollte ihnen nicht zur Last fallen.
„Die Frau machte auf mich keineswegs den Eindruck, als sei ihr der Krieg egal oder als sympathisiere sie mit Russland. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, dass ihr die Entscheidung schwergefallen war. Wie die Geschichte ausgegangen ist, weiß ich nicht. Aber Tetjana setzte große Hoffnungen auf die Erfahrungen eines Bekannten, der schon mehrfach in die besetzten Gebiete gereist war und die Filtration am Flughafen Scheremetjewo jedes Mal erfolgreich durchlaufen hatte“, sagt Lilija.
Propaganda
Jaroslaw arbeitete bis 2014 bei den Sicherheitsorganen in der Region Donezk. Nach der Besetzung landete er „im Keller“ – in dem Menschen ohne Gerichtsbeschluss und ohne offizielles Ermittlungsverfahren festgehalten wurden. Seine Verwandten und Freunde unternahmen große Anstrengungen, damit er freikam und die „DNR“ verlassen konnte.
Wie es mit Jaroslaw weiterging, erzählt seine Cousine zweiten Grades, Olha: „Mein Cousin stand auf einer schwarzen Liste der DNR. Eine Rückkehr konnte er vergessen. Im ukrainisch kontrollierten Gebiet halfen ihm seine Freunde aus Studienzeiten: Sie machten ihn zum Businesspartner in ihrem Unternehmen, fanden eine Unterkunft für ihn und unterstützten ihn finanziell. Das war ein echter Zusammenhalt unter ehemaligen Kommilitonen, der verhinderte, dass er nach allem, was er erlebt hatte, den Halt verlor.“
Doch weder Jaroslaw noch seine Frau machten je einen Hehl aus ihrer Ablehnung gegenüber dem Maidan und dem pro-europäischen Kurs des Landes. Mit diesen Ansichten lebten sie fast zehn Jahre in Kyjiw. Dort erlebten sie Luftalarm, Raketenangriffe und Stromausfälle.
„Nach Beginn des großen Krieges ließ sich mein Cousin eine Behinderung anerkennen und reiste nach Deutschland aus. Knapp ein halbes Jahr später kam seine Frau nach. Sie fanden jemanden, der das Auto der Familie mit einem Teil ihrer Sachen ins Ausland brachte. Alles andere, was sie sich über die Jahre angeschafft hatten, ließen sie zurück“, erzählt Olha.
Das Ehepaar lebte etwa ein Jahr in Deutschland. Nach Angaben der Cousine machten die beiden keine Anstalten, die Sprache zu lernen. „Europa war für sie nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Russland“, meint Olha.
Ein Grund für diese Entscheidung könnten familiäre Umstände gewesen sein. Jaroslaws Schwiegereltern lebten in einer Stadt, die 2022 besetzt wurde. Außerdem war ihr Sohn früher zum Studium nach Russland gegangen und war dann dort geblieben.

„Sie haben ihren Sohn bewusst nach Russland geschickt, als sie selbst noch in Kyjiw lebten. Jetzt hat er dort ein großes Problem: Er will die russische Staatsangehörigkeit nicht annehmen, um nicht in der Armee dienen und an der ‚militärischen Spezialoperation‘ teilnehmen zu müssen. Deshalb kann er aber auch nicht offiziell heiraten, findet keine gute Arbeit und hat keine soziale Absicherung“, erklärt Olha.
Wie genau Jaroslaw und seine Frau nach Russland gelangt sind, weiß Olha nicht.
„Sie erzählen es mir nicht. Aber ich weiß, dass es mehrere Versuche gab. Beim ersten Mal wurde mein Cousin definitiv nicht reingelassen. Später versuchten er und seine Frau erneut, die Filtration zu durchlaufen, und konnten schließlich einreisen“, sagt Olha.
Danach konnte das Ehepaar regelmäßig in die besetzten Gebiete fahren und Verwandte besuchen. Nicht einmal seine Erfahrungen im Donezker „Keller“ schreckten Jaroslaw davor ab.
„Ich glaube, dass die Entscheidung meines Cousins und seiner Frau maßgeblich durch die russische Propaganda beeinflusst wurde. Sie schauten ständig russische Nachrichten, interessierten sich nicht für ukrainische Kultur, lasen keine ukrainischen Bücher und weigerten sich aus Prinzip, Ukrainisch zu sprechen. Im Grunde lebten sie in ihrer eigenen Informationsblase. Dabei verdienten sie in der Ukraine nicht schlecht und konnten um die Welt reisen. Meinem Eindruck nach sind sie nun zu Bürgern zweiter Klasse geworden, da sie ihren Wohnsitz in Russlands ‚neuen Gebieten‘ haben“, fasst Olha zusammen.
Zuhause
Es gibt viele solche Geschichten: unter Verwandten, Freunden, Bekannten und Nachbarn, die unmittelbar an der Frontlinie oder unter der Besatzung gelebt haben oder noch immer leben. Fast jede:r hat ihre oder seine eigenen Gründe, Geheimnisse oder eine persönliche Erklärung.
An einem gewöhnlichen Tag in Dnipro, eine zufällige Begegnung auf der Straße:
„Guten Tag, Sie sind doch aus Pokrowsk?“ – „Ja. Sie vermutlich auch“, antworte ich lächelnd.
Solche Begegnungen wärmen mir noch immer das Herz. Weil es meine Leute sind. Aus Pokrowsk. Ein Wort gibt das andere, ein Gespräch entsteht. Sehr schnell läuft es auf eines hinaus: Man will nach Hause.
Jurij hatte die Stadt ungefähr zur selben Zeit wie ich verlassen: Damals waren besonders viele Menschen aus der Stadt geflogen. Die Front war nur fünf Kilometer entfernt, die Brücken waren zerstört, jeden Tag gab es Beschuss.
Früher arbeitete Jurij bei der Eisenbahn, heute bei einer Bank. Die Mietwohnung teilen sich inzwischen drei Generationen, weil es so günstiger ist.
Jurij erzählt, dass er am Vortag im Rahmen des staatlichen Programms jeWidnowlennja einen Wohnschein als Entschädigung für seine zerstörte Wohnung in Pokrowsk erhalten habe.
„Aber ich konnte mich nicht darüber freuen, obwohl wir uns mehr als ein Jahr darum bemüht haben. Ich habe keine Ahnung, wo ich eine Wohnung kaufen soll. Dnipro gefällt mir nicht, das ist nicht meine Stadt. Überhaupt will ich nirgendwo anders leben als in Pokrowsk. Was meinen Sie, das wird doch nicht für immer bleiben? Irgendwann werden wir doch zurückkönnen, oder?“, fragt Jurij. „Ich habe viel Werkzeug und andere Sachen im Garten meiner Datscha vergraben. Ich will zurück. Auch wenn es nur noch Ruinen sind.“
Ich weiß nicht, was ich ihm antworten soll. Denn die Worte „niemals“, „unmöglich“, „nie mehr zurückkommen“ schmerzen zu sehr.
Trotz aller Umstände, schwierigen Entscheidungen, politischen Ansichten oder Pässen bleibt vielen Menschen auf beiden Seiten der Front ein gemeinsamer Traum: eines Tages wieder Zuhause anzukommen.