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Republic

Republic (früher: Slon Magazine)

Republic ist im russischen Internet zu einem bedeutenden politischen Nachrichtenmagazin herangewachsen. Waren die Anfänge als reines Netzmedium noch ein Experimentierfeld für bekannte, enthusiastische Autoren, gibt es inzwischen auch eine klare Linie: Die Währung sind seriöse Kolumnen, analytisch, gemäßigt oppositionell und meinungsstark.
 

Der Schritt, den Chefredakteur Maxim Kaschulinski im Herbst 2016 ankündigt, wirkt radikal. „Liebe Freunde! Wir haben eine große Neuigkeit, die zu verkünden ein bisschen bange macht.“ Diese Neuigkeit lautete: Das Portal begräbt den bis dahin populär gewordenen Namen Slon (deutsch: „Elefant“) mitsamt dem Webdesign und wird zu Republic. Kommentare und Analysen namhafter Autoren gehören da längst zum Markenkern, doch werden sie seitdem noch stärker herausgehoben. Von renommierten politischen Experten wie Wladimir Frolow und Tatjana Stanowaja, von bekannten unabhängigen Journalisten wie Oleg Kaschin und Maxim Trudoljubow

Mit täglich ein bis zwei neuen Texten ist die „Meinung“ eines der wichtigsten Ressorts. Aus harten Fakten werden stark kommentierende Analysen generiert, die an aktuelle Diskurse aus Politik und Wirtschaft anknüpfen, Ereignisse einordnen und deuten. Das war schon länger der Kurs und sicher kein Schuss ins Blaue, sondern wohldurchdacht. Kaschulinski, früher Chefredakteur des russischen Forbes-Magazins, ist ein sachlich-nüchterner Typ, der auf kluge Köpfe mit guter Schreibe setzt, darunter auf Spezialisten und etablierte Wissenschaftler. 
Alle Inhalte sind hinter einer Paywall. Wenn Leser überhaupt bereit wären, für etwas regelmäßig zu zahlen, sagte Kaschulinski einmal in einem Interview, dann nur, weil sie sich für die Einschätzung ganz konkreter Autoren interessieren. Bereichert wird dieses Rezept bei Republic um Texte, Essays, Infografiken und Interviews zu  Themen von Technologie, Geschichte bis Literatur bei einer schlanken Ressortstruktur. Auffällig: Reine Nachrichten laufen nicht in Dauerschleife, sondern als handverlesene News in den Rubriken.
 
Nach Angaben von Republic zahlen rund 22.000 Abonnenten (Stand: April 2018) dafür. Internetaffine Leute, vielfach urban professionals auf der Suche nach unabhängigem Journalismus. Als seriöses Nachrichtenangebot, im Ton kremlkritisch und gemäßigt oppositionell, hat sich Republic in der unter Druck geratenen Nische des russischen Internets einen festen Platz erkämpft und gehört wie der kleine, unabhängige Fernsehkanal DoshdDoshd (TV Rain) ist ein unabhängiger TV-Sender, der zur gleichnamigen Medien-Holding mit Sitz in Moskau gehört. Die Doshd-Holding umfasst außerdem die Online-Zeitschriften Bolschoi Gorod und republic. Im Vorfeld des 70. Jahrestags der Leningrader Blockade durch die Wehrmacht stellte Doschd 2014 seinen Zuschauern die Frage, ob „es notwendig war, Leningrad aufzugeben, um hunderttausende Leben zu retten“ (während der Leningrader Blockade kamen über eine Million Menschen um). Die Frage löste einen landesweiten Skandal aus, die meisten Kabelnetzbetreiber sowie Provider von Satelliten-Fernsehen stellten daraufhin ihre Zusammenarbeit mit Doschd ein. Seitdem kann der kremlkritische Bezahlsender in großen Teilen des Landes nur noch über Internet empfangen werden.   zur Medienholding von Natalia Sindeeva und ihrem Ehemann, dem Unternehmer Alexander Vinokurov.
 
Als Slon wurde das Magazin bereits im Jahr 2009 von Journalist Leonid Berschidski gegründet und aufgebaut. Berschidski brachte Erfahrung aus US-amerikanischen sowie russischen Redaktionen mit, war unter anderem als Chefredakteur beim angesehenen Moskauer Businessblatt Vedomosti sowie bei der russischen Online-Ausgabe von Forbes. Er galt als Mann fürs Grobe, als gewiefter Manager für den Markteintritt. Mit Slon verfolgte er das Ziel, dem Wirtschaftsjournalismus im Netz eine eigene, hörbare Stimme zu geben und den Online-Ablegern großer Printmarken wie Vedomosti und Kommersant Konkurrenz zu machen. 
Dafür versammelte er bei Slon Profis, darunter mit der bekannten Journalistin Olga Romanova eine der profiliertesten Journalistinnen des Landes, die vor allem in den 1990er Jahren durch ihre Sendung im damals noch unabhängigen Sender NTWNTW ist einer der quotenstärksten TV-Kanäle Russlands. Er besteht seit 1993 und gehörte bis 2001 zur Holding des damaligen Medienmagnaten Wladimir Gussinski (geb. 1953). Dieser nutzte seine Medien auch zur politischen Einflussnahme. Vor allem NTW, das für viele als anspruchsvoll und innovativ galt, entwickelte sich zu einer Art Sprachrohr von Gussinksi, der damit auch die autoritäre Konsolidierung unter Putin kritisierte. Laut Beobachtern soll NTW 2001 vor allem wegen dieser Kritik von der staatsnahen Holding Gazprom-Media übernommen worden sein. bekannt geworden ist. Wobei Berschidski und Romanova nicht mehr am Projekt beteiligt sind.  Berschidski wandte sich nach der Krim-AngliederungAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. Mehr dazu in unserer Gnose 2014 von Russland ab, ging nach Berlin, nannte den Entschluss „Emigration aus Enttäuschung“. Auch Olga Romanova lebt mittlerweile in Berlin, wählte das Exil im Jahr 2017, nachdem sie sich mit ihrer NGO, einer Gefangenenhilfsorganisation, in ihrem Land unter Druck gesetzt sah.
 
In ihre beider Zeit bei Slon fiel bereits die größte Zerreißprobe: Im Jahr 2010, als  Slon in der Wahrnehmung der Konkurrenz noch als konturlos galt, entschied Berschidski, Nachrichtenartikel runterzufahren und als Geschäftsmodell stattdessen stärker bloggen zu lassen. Daraufhin kündigten Teile der Redaktion unter großem Protest die Zusammenarbeit auf, darunter Olga Romanova. Doch in den kommenden Jahren sollte die spitze Feder zu einer (von vielen) Spezialitäten bei Slon werden. Im Jahr 2011, Berschidski zog es da schon zu neuen Projekten, übernahm Maxim Kaschulinski eine Führungsrolle. Unter seiner Ägide erfolgte 2016 das Rebranding, das auf Leserseite, anders als noch beim Paywall-Start zwei Jahre zuvor, erstaunlich geräuschlos aufgenommen wurde.

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: 15.05.2018

 

Eckdaten

Gegründet: 2009
Chefredakteur: Maxim Kaschulinski
Inhaber: Medienholding Doshd von Natalia Sindeeva und Alexander Vinokurov
URL: www.republic.ru (zuvor: www.slon.ru)


Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaft, gefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
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Schafauftrieb in Dagestan, Foto © Jewgenija Shulanowa/Takie Dela (All rights reserved)