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Der Krieg ist abgesagt

Die Spannungen der letzten Wochen waren groß: zwischen Russland und den USA nach Abbruch der Syrien-Gespräche und zwischen Russland und Europa wegen des weiter schwelenden Kriegs im Donbass. Auf dem internationalen Parkett herrschte Eiszeit, die Verlegung von russischen Iskander-RaketenIskander sind taktische Boden-Boden-Raketen, die zur Klasse der Kurzstreckenraketen gehören. Sie können mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden. nach Kaliningrad löste zusätzlich Verunsicherung aus, ebenso die von Raketenabwehrsystemen von Russland nach Syrien. An die internationale Gemeinschaft gerichtet, sagte Präsident Putin nun am Donnerstag im Waldai-KlubDer Internationale Diskussions-Klub „Valdai“  ist eine jährlich im Herbst stattfindende Tagung russischer und ausländischer Journalisten, Wissenschaftler und Politiker, die international große Beachtung findet. Thema der Tagung ist die Außen- und Innenpolitik Russlands, feste Tagesordnungspunkte sind eine Ansprache und eine Pressekonferenz des russischen Präsidenten. , Russland wolle niemanden angreifen und stelle keine Bedrohung für Nato-Länder dar.

Was ist von der Lage zu halten, wenn innerhalb Russlands eine groß angelegte Zivilschutzübung für einen möglichen Ernstfall abgehalten wird, während sich die Fronten international zunehmend verhärten, und der Gouverneur von St. Petersburg beginnt, Brotrationen festzulegen? Wäre man in Russland wirklich bereit für das Schlimmste? Der Schriftsteller Dimitri Gluchowski meint ganz klar: „Nein.“ Mit spitzer Feder pfeift er bei snob die Hysteriker eines neuen großen Krieges zurück.

Quelle Snob

Das Ministerium für Katastrophenschutz meldet gehorsamst, dass die Moskauer LuftschutzkellerDie Moskauer Bevölkerung beträgt nach offiziellen Angaben rund zwölf Millionen Menschen. Laut Ministerium für Zivilverteidigung und Katastrophenschutz aus dem Jahr 2014 gibt es in Moskau 114 Luftschutzbunker. Der größte davon bietet 8.000 Menschen Platz. Außerdem wird ein Teil des Moskauer U-Bahnnetzes zu Luftschutzeinrichtungen gezählt. Neben der Bereitstellung von diesen Einrichtungen hat die Moskauer Regierung im September 2016 angekündigt, die Rechtsbasis für Zivilverteidigung anzupassen, Strukturen des Katastrophenschutzes weiter zu entwickeln und Frühwarnsysteme zu modernisieren. bereit sind, im Fall einer Bombardierung der Hauptstadt die ganze Stadtbevölkerung aufzunehmen. Für die LeningraderDie Stadt Sankt Petersburg hieß zwischen 1924 und 1991 Leningrad. Mit der Bezeichnung Leningrader möchte der Autor auf den Zweiten Weltkrieg anspielen. Die Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht kostete hunderttausenden Bewohnern der Stadt das Leben. Die meisten davon verhungerten. hat man eine neue LebensmittelrationAm 6. Oktober 2016 hat der Gouverneur St. Petersburgs Georgi Poltawtschenko (geb. 1953) mit seiner Unterschrift ein Gesetz zur Bildung einer eisernen Reserve von Lebensmitteln in Kraft gesetzt. Diese Reserve soll im Katastrophenfall 20 Tage lang alle Notrationen für die Bürger St. Petersburgs abdecken. berechnet: täglich dreihundert Gramm Brot. Die StaatsdumaAls Staatsduma wird das 450 Abgeordnete umfassende Unterhaus der Föderalen Versammlung Russlands bezeichnet. Im Verhältnis zu Präsident und Regierung nimmt die Duma verfassungsmäßig im internationalen Vergleich eine schwache Stellung ein. Insbesondere das Aufkommen der pro-präsidentiellen Partei Einiges Russland führte dazu, dass die parlamentarische Tätigkeit zunehmend von Präsident und Regierung bestimmt wurde. führt Evakuierungsübungen durch und macht sich mit den Bunkern vertraut, die man zur Rettung der Eliten in Kriegszeiten gebaut hat. Die ZentralbankDie Russische Zentralbank ist die Hüterin der Währungsstabilität. War die vorrangige Aufgabe der Zentralbank in den 1990ern, die Inflation des Rubels zu begrenzen,so konnte sie im letzten Jahrzehnt dank steigender Rohstoffexporte große Währungsreserven anhäufen. Ende 2014 musste die Zentralbank einen Teil der Reserven jedoch verkaufen, um den drastischen Kursverfall des Rubels zu verhindern. übt, wie man unter Kriegsbedingungen arbeitet. Auf allen Kanälen diskutiert man über Krieg – man zeigt die Verlegung von Iskander-Raketensystemen nach KaliningradKaliningrad (bis 1946 Königsberg) ist eine russische Exklave zwischen Polen und Litauen. Die geografische Lage des Gebiets ermöglicht den Einsatz von Kurzstreckenraketen, zu deren Wirkungskreis unter bestimmten Voraussetzungen Warschau und Berlin gezählt werden können., macht in Syrien eine Live-Reportage aus einem Kampfflugzeug im Sturzflug, ist mit der Kamera bei allen Manövern dabei, beschleckt dabei fast  schwere Mehrfachraketenwerfer, diskutiert genüsslich über einen nuklearen Schlagabtausch, sehnt sich nach dem Krieg wie eine Jungfrau nach der Enthüllung des Mysteriums der Schlafstatt.

Bürger, spendet für Luftschutzkeller!

Die Bevölkerung verzieht deprimiert das Gesicht und findet sich damit ab, dass ein Dritter Weltkrieg unausweichlich scheint: Wenn im Fernsehen gesagt wird, dass er kommt, dann kommt er auch. Man muss sich also vorbereiten. Einen Erdbunker ausheben und im Garten Opas PPSchGemeint ist PPSch-41 – die Standardmaschinenpistole der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. hervorkramen, Buchweizenvorräte anlegen. Sollte man auch Pilze einmachen? Selbst die Bevölkerung klopft sich auf die Brust – pah, ziehen wir halt noch einmal bis nach BerlinSowjetische Propaganda-Losung aus dem Zweiten Weltkrieg. Viele Panzer wurden während der sowjetischen Offensive mit diesem Slogan beschriftet. Heute wird die Losung als Schriftzug auf Autos oder Fenstern aktualisiert., und auch bis nach Washington. Naja, wir werden sie nicht auffressen, sondern nur ein wenig an ihnen knabbern, hört doch, wie überzeugend die Rede von der radioaktiven Asche aus KisseljowDer Journalist Dimitri Kisseljow spielt in dem gelenkten russischen Staatsjournalismus eine zentrale Rolle. 2008 wurde er Vizedirektor der staatlichen Medienholding WGTRK. Seit 2014 leitet er die staatliche Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja. heraussprudelt.

Ist morgen also Krieg?

Liebe Mitbürger, machen Sie sich nicht in die Hose! Es wird keinen Krieg geben.

Unsere Regierung hat keineswegs vor, gegen Europa oder Amerika Krieg zu führen, was auch immer sie über die Münder der Hypnose-Kröten vom Fernsehen mitteilen lässt. Natürlich denken auch weder Amerika noch Europa daran, gegen uns Krieg zu führen.

Erstens, weil es unmöglich ist, einen Weltkrieg zu gewinnen. Es gibt keine zuverlässigen Raketenabwehrsysteme, und es wird sie in nächster Zeit auch niemand haben. Ein jeder Atomkonflikt würde also unweigerlich zur planetaren Katastrophe und dem Tod der ganzen Menschheit führen. Das nennt man „Prinzip sicherer wechselseitiger Zerstörung” [aus dem Engl. mutually assured destruction - dek] und genau diesem Prinzip verdanken wir es, dass es nie zu einem Weltkrieg gekommen ist, seit die UdSSR die Atombombe hat.

Jede Zusammenarbeit bringt beiden Seiten viel größeren Nutzen

Zweitens gibt es keinen Grund für einen Weltkrieg. Durch die heutige Welt verlaufen keine ideologischen Gräben. Russland wird trotz seines plakativen imperialen Revanchismus nicht von Ideologen regiert, sondern von zynischen Geschäftsleuten und reinen Pragmatikern, die nicht im Geringsten an das glauben, was der Bevölkerung über die Mattscheibe vermittelt wird. Amerika wirkt zwar oft so, als wäre es von einer Ideologie gesteuert, aber auf dem internationalen Parkett lässt es sich von nationalen Interessen leiten, das heißt vom Nutzen, und nicht von Prinzipien. In der heutigen globalisierten, durch Myriaden ökonomischer Transaktionen verbundenen Welt, in der nur Staaten wie etwa Bhutan unabhängig sind, gibt es nichts, was man mit dem Westen aufteilen müsste, jede Zusammenarbeit bringt beiden Seiten viel größeren Nutzen als irgendeine Eroberung.

Eine Zerstörung, ein Auseinanderfallen Russlands, endlose Bürgerkriege auf unserem FlickenteppichAnspielung auf die frühen 1990er Jahre, in denen interethnische Konflikte, und verschiedenen Umfragen zufolge auch ein Bürgerkrieg, zu den größten Ängsten der jungen postsowjetischen Gesellschaft gehörten. von Staat, die unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen, dass diese in die Hände irgendwelcher Lokalfürsten gelangen könnten – das ist sowohl für Europa als auch die USA und China ein Alptraum. Deswegen kann es keine kriegerischen Lösungen geben, ganz unabhängig davon, was man dort über die Vergangenheit unserer Regierung weiß und wie das Verhältnis zu ihr ist.

Der Westen will Russland gar nicht unterwerfen. Alles, was sie von uns brauchen, ist Konsistenz und Berechenbarkeit – das heutige Russland reizt den Westen gerade durch seine hysterische Unberechenbarkeit. Aber das ist keine Unberechenbarkeit, die zu einem globalen Krieg führen könnte.

Nordkorea provoziert den Westen seit vielen Jahren: Es entwickelt Atomwaffen und ballistische Raketen, unterstützt Terroristen, druckt falsche Dollars, produziert und exportiert Amphetamine in industriellen Mengen, droht Amerika mit präventiven Atomschlägen – na, und? Man reagiert auf diese ständigen Anfälle vorsichtig und mit der Milde und Umsicht eines Arztes. Man weiß, dass Pjöngjang sich damit nicht an Amerika richtet, sondern an die eigenen Bürger. Man weiß, dass das nicht Besessenheit ist, sondern Epilepsie.

Wie das Regime von Kim Jong Un verfolgt auch das unsere im Grunde nur zwei wichtige Ziele: Es will sicherstellen, dass die Bevölkerung gehorsam bleibt, und dass sich niemand in unsere innere Angelegenheiten einmischt. Auch unsere inneren Angelegenheiten weisen Parallelen zu Nordkorea auf: Es gilt, die Leute möglichst geschickt zu unterdrücken und für dumm zu verkaufen, um ewig an der Macht zu bleiben. Nur sind die Methoden bisher noch andere.

Noch. Denn die Methode der ewigen Vorbereitung auf den Krieg gegen Amerika wurde nirgends so gut erprobt wie in Nordkorea. Das Land lebt seit sechzig Jahren im Kriegszustand. Beinahe wöchentlich gibt es dort Probealarme: Die amerikanischen Kampfflugzeuge könnten jeden Moment angeflogen kommen. Damit wird die Spannung in der Bevölkerung hochgehalten. Und wenn Amerika die Diktatur einmal vergessen sollte, bringt man sich eifersüchtig in Erinnerung: He, und wir? Oder wenn die Reisernte schlecht ausfällt und es nichts zu fressen gibt. Wenn Pjöngjang die UNO kokett um humanitäre Hilfe bitten will, dann macht es Atomwaffenversuche und schreit, dass man für sich nicht verantwortlich ist.

Eine Wonne, Amerika wieder den Fehdehandschuh hinzuwerfen

Der Magen beginnt jetzt auch bei uns zu knurren. Auch wir müssen jetzt in die Luftschutzkeller laufen, müssen für den Fall einer BlockadeBlokadniki ist eine Bezeichnung für die Opfer und die Überlebenden der Leningrader Blockade. Während der Belagerung der Stadt vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 durch die deutsche Wehrmacht kamen über eine Million Leningrader ums Leben. Die meisten Menschen verhungerten oder erfroren, viele starben im Bomben- und Artilleriebeschuss. unsere Brotration berechnen und schon in der ersten Klasse lernen, wie man sich eine GasmaskeAnspielung auf die Zeit der Sowjetunion, in der es zum Schulprogramm gehörte, Übungen mit Gasmasken durchzuführen und beispielsweise Handgranaten-Attrappen zu werfen. überstülpt. Der Krieg soll sich ständig am Horizont abzeichnen, und wir werden uns resigniert auf ihn vorbereiten, und zugleich Lieder vom friedlichen Himmel über unseren Köpfen singen und jeden Augenblick unseres heutigen unblutigen Lebens schätzen. Diese Methode hat sich in der UdSSR bestens bewährt und wird auch heute funktionieren. Die Menschen sind ja die gleichen geblieben.

Auch wir werden fortan immer einen Feind brauchen. Die Ukrainer waren eine Zeitlang unsere Feinde, ebenso die Türken, aber das alles ist irgendwie nicht das Richtige. Wir wollen ja nicht Goliath sein, sondern David.

Was für eine Wonne ist es da, dem mächtigen Amerika mit seinen scharfen Zähnen wieder den Fehdehandschuh hinzuwerfen! Mein Gott, wie herrlich ist das! Es ist so einfach, das von SadornowMichail Sadornow (geb. 1948) ist ein russischer Stand-Up-Comedian und Schriftsteller. In seinen Texten macht er sich über nationale Mentalitäten und Stereotype lustig und vergleicht den russischen Lebensstil mit dem der westlichen Staaten, insbesondere mit den USA. so treffend beschriebene Amerika zu hassen! Wir haben es so sehr vermisst!

Es liegt ja an den amerikanischen SanktionenAls Reaktion auf die Angliederung der Krim beschlossen sowohl die USA als auch die EU im März 2014 wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland. Diese umfassen Einreiseverbote für unmittelbar in den Konflikt involvierte russische Politiker und Wirtschaftsführer sowie das Einfrieren von Vermögenswerten. Wegen russischer Unterstützung für die in der Ostukraine kämpfenden Milizen erließ die EU Ende Juli und im September 2014 ein separates Sanktionenpaket. Es besteht aus dem Finanzierungsstopp russischer Staatsbanken, Öl- und Rüstungskonzernen, sowie aus verschiedenen Handelsbeschränkungen. Im Juli 2017 beschlossen die USA zudem, Russland für die Angliederung der Krim, die mutmaßliche Einmischung in den US- Präsidentschaftswahlkampf und für die Unterstützung Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg zu bestrafen. Die neuen beziehungsweise modifizierten Sanktionen können bei voller Umsetzung nachhaltig Russlands Rohstoffgeschäft schädigen  (das einen großen Teil des Staatshaushalts ausmacht)., dass unser Käse scheiße ist, der Buchweizen immer teurer wird und der Sparanteil der RentenInfolge einer großen Reform 2002 stiegen die Renten deutlich an, sind jedoch noch immer auf niedrigem Niveau. Das Rentensystem umfasst seit der Reform eine staatlich finanzierte Basisrente, einen umlagefinanzierten und einen kapitalgedeckten Teil. Da dieses Modell aktuell die Renten nicht vollständig finanzieren kann, steigen die Zuschüsse des staatlichen Pensionsfonds an. Eine erneute Reform wird seit 2012 diskutiert. seit mehreren Jahren eingefroren ist! Wegen all ihrer Rockefellers hat uns unsere Ukraine verlassen! Auch bei uns haben diese Dreckskerle alles zunichte gemacht! Gott, segne Amerika dafür, dass es für uns ein so ewiger, bequemer, zuverlässiger Feind ist! Für uns und überhaupt für jede beliebige Diktatur.

Wir selbst sind ja nie an irgendetwas schuld, das ist klar. Wir werden nie an etwas schuld sein, weil in einem imaginierten Krieg genauso wie in einem tatsächlich stattfindenden all diejenigen, die nicht für uns sind, gegen uns sind – und die Zweifler gehören vors Feldgericht.

An die Waffen!

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Dimitri Kisseljow

Der Journalist Dimitri Kisseljow spielt in dem gelenkten russischen Staatsjournalismus eine zentrale Rolle. 2008 wurde er Vizedirektor der staatlichen Medienholding WGTRKDie Allrussische Staatliche Fernseh- und Radiogesellschaft WGTRK ist eine staatlich kontrollierte Medienholding. Sie besitzt mehrere landesweit empfangbare Fernseh- und Radiosender sowie Internetmedien, ausserdem 89 regionale Medienanstalten in allen Föderationssubjekten der Russischen Föderation.. Seit 2014 leitet er die staatliche Nachrichtenagentur Rossija SewodnjaRossija Sewodnja (dt. „Russland Heute“) ist staatliche Nachrichtenagentur und Medienunternehmen mit Sitz in Moskau. Das Unternehmen ging 2013 aus der Nachrichtenagentur RIA Novosti hervor. Unter der Dachmarke Sputnik betreibt es außerdem ein Internetportal, das nach eigener Angabe Nachrichten in über 30 Sprachen bietet. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung RBCdaily bekam Rossija Sewodnja im Jahr 2015 rund 263 Millionen Euro zum Ausbau des Programms. .

Nach seinem Studium der Skandinavistik an der Universität Leningrad begann Dimitri Kisseljow (geb. 1954) seine journalistische Karriere beim sowjetischen Staatsfernsehen. In den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. galt er als Sprachrohr der liberalen Post-PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.-Bewegung und moderierte die populäre Talkshow Tschas Pik (Rushhour). Wie viele andere enttäuschte Liberale„Liberal“ kann in der russischen Sprache heute vieles bedeuten. Der Begriff hat mehrere Wandlungen durchgemacht und ist nun zumeist negativ besetzt. Oft wird er verwendet, um Menschen vorzuwerfen, sie seien unfähig, schwach und widersetzten sich dem Staat nur, weil sie zu nichts anderem in der Lage seien. Das liberale Credo vom Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte, so heißt es oft, lenke davon ab, dass unter liberaler Führung der Staat zugrunde gehen würde. auch, wandte er sich nach den wilden 1990ernDas Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war von tiefgreifenden Umbrüchen gezeichnet, aufgrund derer es in das kollektive Gedächtnis als die wilden 1990er eingegangen ist. Mit dem Begriff werden weniger die neu erlangten Freiheiten, sondern eher negative Erscheinungen wie Armut und Kriminalität assoziiert. zunehmend von der Vorstellung eines demokratischen Russlands ab. Inzwischen vertritt er eine konservative, orthodoxe und autokratische Ideologie.

Seine patriotische Weltanschauung trägt Kisseljow vor allem über den Sender Rossija 1 ins Volk, wo er seit 2012 den sonntäglichen Nachrichtenrückblick Westi nedeli moderiert. Dort verkörpert Kisseljow die neue Art der schrillen Propaganda: Aussagen wie die, dass man die Herzen von Homosexuellen „vergraben und verbrennen“ solle, oder die Drohung, dass Russland die USA jederzeit in „radioaktive Asche verwandeln“Gemeint ist eine Sendung vom 16. März 2014 – dem Tag, an dem das sogenannte Referendum über den Status der Krim stattfand. Der Moderator Kisseljow präsentierte dabei eine (aus dem Zusammenhang gerissene) US-amerikanische Meinungsumfrage, laut der ein großer Teil der US-Amerikaner Putin für einen stärkeren Leader hält als Obama. Kisseljow fügte hinzu, dass Russland das einzige Land der Welt sei, das „die USA in radioaktive Asche verwandeln“ könne. Der Ausspruch Kisseljows wurde alsbald zu einem Mem. Im Oktober 2016 kritisierte Präsident Wladimir Putin indirekt die Wortwahl Kisseljows. könne. Die russische Opposition diskreditiert er ebenso regelmäßig wie die ukrainische Maidan-Bewegung, die er als faschistische Verschwörung des Westens darstellt.

Gleichzeitig lobt Kisseljow besonders Wladimir Putin: So hielt er zum Beispiel an dessen Geburtstag 2012 eine zwölfminütige Eloge auf den Präsidenten, in der er Putin positiv mit Stalin verglich1. Kisseljow beurteilte bei einem Treffen mit den Mitarbeitern der staatlichen Nachrichtenagentur RIA NowostiBis zu ihrer Auflösung im Dezember 2013 auf Erlass des Präsidenten galt RIA Nowosti als die unabhängigste der großen russischen Nachrichtenagenturen. Sie wurde 2013 in den neu gegründeten staatlichen Medienkonzern Rossija Segondnja integriert. RIA Nowosti war auch für die Berichterstattung im Ausland zuständig. Diese Rolle übernahm 2014 der ebenfalls zu Rossija Segodnja gehörende Sender Sputnik. Innerhalb Russlands wird der Name RIA Nowosti noch für eine Nachrichtenplattform verwendet, die von Rossija Segodnja betrieben wird. die Idee der Objektivität im Journalismus als einen „Mythos“ und stellte dem entgegen, dass gerade staatliche Medienagenturen und ihre Redaktionspolitik der „Liebe zum Vaterland“ verpflichtet sein müssten.2

Nach der Angliederung der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. und der Eskalation des Ukraine-KonfliktsDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden.   , hat die EU Kisseljow, als einzigen Journalisten, auf ihre SanktionslisteAls Reaktion auf die Angliederung der Krim beschlossen sowohl die USA als auch die EU im März 2014 wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland. Diese umfassen Einreiseverbote für unmittelbar in den Konflikt involvierte russische Politiker und Wirtschaftsführer sowie das Einfrieren von Vermögenswerten. Wegen russischer Unterstützung für die in der Ostukraine kämpfenden Milizen erließ die EU Ende Juli und im September 2014 ein separates Sanktionenpaket. Es besteht aus dem Finanzierungsstopp russischer Staatsbanken, Öl- und Rüstungskonzernen, sowie aus verschiedenen Handelsbeschränkungen. Im Juli 2017 beschlossen die USA zudem, Russland für die Angliederung der Krim, die mutmaßliche Einmischung in den US- Präsidentschaftswahlkampf und für die Unterstützung Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg zu bestrafen. Die neuen beziehungsweise modifizierten Sanktionen können bei voller Umsetzung nachhaltig Russlands Rohstoffgeschäft schädigen  (das einen großen Teil des Staatshaushalts ausmacht). gesetzt.

Kisseljow in der Sendung „Der direkte Draht mit Wladimir Putin“ 2014 - Foto © Kremlin.ru

Der einst mit Kisseljow befreundete Schriftsteller Viktor Jerofejew schrieb Ende 2013: „Kisseljow hatte sich in letzter Zeit hervorgetan durch schonungslose und bewusst provokative Kritik an allem, was der Kreml bekämpft.“3 Im Jahr 2014 wurde Kisseljow zum Leiter der staatlichen Nachrichtenagentur Rossija SewodnjaRossija Sewodnja (dt. „Russland Heute“) ist staatliche Nachrichtenagentur und Medienunternehmen mit Sitz in Moskau. Das Unternehmen ging 2013 aus der Nachrichtenagentur RIA Novosti hervor. Unter der Dachmarke Sputnik betreibt es außerdem ein Internetportal, das nach eigener Angabe Nachrichten in über 30 Sprachen bietet. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung RBCdaily bekam Rossija Sewodnja im Jahr 2015 rund 263 Millionen Euro zum Ausbau des Programms. ernannt, die für eine kremlfreundliche Medienberichterstattung auch über Russlands Grenzen hinaus sorgen soll. Somit ist Kisseljow nicht nur zu einem der bekanntesten Fernsehgesichter in Russland geworden, sondern auch zu einem der einflussreichsten Akteure in der kreml-finanzierten Berichterstattung. Deswegen und aufgrund seiner umstrittenen Aussagen wird Kisseljow in westlichen Medien oft als „Chefpropagandist des Kreml“ bezeichnet.


1:Kommersant.ru: Wladimira Putina pozdrawili po telewisoru
2:Rbc.ru: D. Kisseljow nautschit Rossiju segodnja ljubit Rodinu
3:Faz.net: Russland in der Offensive
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Allrussische Staatliche Fernseh- und Radiogesellschaft / WGTRK

Die Allrussische Staatliche Fernseh- und Radiogesellschaft WGTRK ist eine staatlich kontrollierte Medienholding. Sie besitzt mehrere landesweit empfangbare Fernseh- und Radiosender sowie Internetmedien, ausserdem 89 regionale Medienanstalten in allen Föderationssubjekten der Russischen Föderation.

Präsidialadministration

Die Präsidialadministration (PA) ist ein Staatsorgan, das die Tätigkeit des Präsidenten sicherstellt und die Implementierung seiner Anweisungen kontrolliert. Sie ist mit beträchtlichen Ressourcen ausgestattet und macht ihren Steuerungs- und Kontrollanspruch in der politischen Praxis geltend.

Dimitri Peskow

Dimitri Peskow ist seit dem Machtantritt Putins für dessen Pressearbeit zuständig und gilt als offizielles Sprachrohr des Kreml. Üblicherweise für die Krisen-PR verantwortlich, sorgte er mehrfach selbst für negative Schlagzeigen, unter anderem im Rahmen der Panama Papers.

Krim

Die Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus.

Ermittlungskomitee

Das Ermittlungskomitee (Sledstwenny komitet/SK) ist eine russische Strafverfolgungsbehörde. Sie gilt als politisch überaus einflussreich und wird häufig mit dem US-amerikanischen FBI verglichen.

Osero (Datschenkooperative)

Osero (dt. See), wird eine Datschenkooperative genannt, die Mitte der 1990er Jahre in der Nähe von St. Petersburg gegründet wurde. Einer der Bewohner, Wladimir Putin, wurde wenige Jahre später Präsident. Heute zählen viele aus dem Osero-Kreis zu den wohlhabensten und einflussreichsten Personen in Russland. Da viele von ihnen keinen bestimmten politischen Flügeln zugerechnet werden, wird die Kooperative häufig als eine eigene Fraktion innerhalb der wirtschaftspolitischen Elite Russlands bezeichnet.

St. Georgs-Band

Das St. Georgs-Band ist ein schwarz-orange gestreiftes Band, das auf eine militärische Auszeichnung im zaristischen Russland zurückgeht. Heute gilt es als Erinnerungssymbol an den Sieg über den Hitler-Faschismus, besitzt neben dieser historischen aber auch eine politische Bedeutung.

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)