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Woina

Die Gruppe Woina führte in Russland in den Jahren 2007 bis 2010 spektakuläre Aktionen durch, die auch auf Internetforen rege diskutiert wurden. Woina griff aktuelle Themen der russischen Gesellschaft auf (zunehmend autoritäre Regierung, Fremdenhass, Homophobie)  und inszenierte sie als politische Konzeptkunst.

Die Künstlergruppe Woina (dt. Krieg) formierte sich im Atelier des Künstlers Oleg KulikOleg Kulik (geb. 1961) ist ein russischer Aktionskünstler ukrainischer Herkunft und einer der wichtigsten Vertreter des Moskauer Aktionismus. In einer seiner Performances aus den 90er Jahren trat er nackt in der Rolle eines Hundes auf, um die „Bodenperspektive“ des Daseins zu illustrieren. Kulik ist heute auch ein gefragter Kurator. , der während der neunziger Jahre in Performances als nackter bellender Hund Aufsehen erregt hatte.1 Später äußertе sich Kulik jedoch sehr skeptisch über die Gruppe Woina und beschuldigtе sie, durch ihre provozierenden Aktionen dem repressiven Regime Putins in die Hände zu spielen.2 In der Tat wurden die Stunts von Woina von den meist regierungskritischen Internet-Usern als mutige Ersatzhandlungen für die eigene politische Passivität begrüßt, in der breiten Öffentlichkeit hingegen überwog Unverständnis und Ablehnung.

Neben Kulik  war der Moskauer Konzeptualist Dimitri Prigow eine weitere wichtige Inspirationsquelle für Woina. Nachdem er am  am 16. Juli 2007 gestorben war, fand zu seinen Ehren am 25. August 2007 die Aktion „Das Leichenmahl“ statt: In einem Metrowaggon, der auf der Moskauer Ringlinie verkehrte, wurden Tische und Speisen aufgestellt. Zu Ehren des Verstorbenen rezitierten die Aktionskünstler inmitten der regulären Passagiere Gedichte, aßen und tranken. Damit sollte die Wertschätzung für Prigows revolutionäre Kunst direkt in die Mitte der Gesellschaft getragen werden.

Bald übernahm Oleg Worotnikow die Führungsrolle in der Gruppe Woina. Als Hauptziel der Aktionen nannte er die „Desakralisierung des Regimes“: Die quasi-religiöse Selbstinszenierung der Staatsmacht sollte durch karnevalistische Aktionen der Lächerlichkeit preisgegeben werden.  Allerdings wurde Worotnikows Autorität von den übrigen Mitgliedern immer wieder in Frage gestellt, weil Woina ja gerade einen Gegenentwurf zur hierarchischen russischen Gesellschaft präsentieren wollte.

Breite Aufmerksamkeit erhielt die Künstlergruppe mit der Aktion „Fick für einen Nachfolger des Bärchens“, die am 28. Februar 2008 in einem Moskauer Biologie-Museum stattfand. Nackte Paare vollzogen den Geschlechtsakt, während der Titel der Aktion auf einem Poster präsentiert wurde. Die Aktion spielte auf die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen an, die mit Dimitri MedwedewDimitri Medwedew ist seit 2012 Premierminister und bekleidete von 2008 bis 2012 das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation. Er gehört zu den engsten Vertrauten von Präsident Putin und nimmt, nicht zuletzt als Vorsitzender der Regierungspartei Einiges Russland, eine wichtige Rolle im politischen Systems Russlands ein. einen willfährigen Putin-Vertrauten an die Macht brachte („Bärchen“ ist ein Spitzname für Medwedew). Die Aktion, die in der russischen Öffentlichkeit schnell als pornographisch gebrandmarkt wurde, parodierte einerseits das nationale Programm zur Anhebung der niedrigen Geburtenzahl und kritisierte andererseits die bereits absehbare Ablösung Medwedews durch Putin in den Präsidentschaftswahlen 2012. Mit der umfassenden Dokumentation der Aktion auf seinem Blog etablierte sich Alexej Pluzer-Sarno als PR-Manager der Gruppe Woina.

In aller Deutlichkeit zeigte sich der politische Anspruch von Woina in den Aktionen „Sturm auf das Weiße HausGemeint ist das Regierungsgebäude der Russischen Föderation, in dem seit 1994 das Regierungskabinett seinen Sitz hat. Es wurde zwischen 1965 und 1979 erbaut und wird aufgrund seiner Farbe Weißes Haus genannt. “ (2008) und „Der FSB hat den Schwanz eingesperrt“ (2010).3 In der ersten Aktion wurde mit einem Beamer eine gigantische Piratenflagge auf das Weiße Haus, den Sitz der russischen Regierung in Moskau, projiziert. Die zweite Aktion fand in Sankt Petersburg statt. Auf eine der Zugbrücken wurde ein 65 Meter großer Penis gezeichnet, der erst beim Hochziehen der Brücke sichtbar wurde. Die Brücke befand sich direkt vor der Petersburger Zentrale des Geheimdienstes FSB. Mit dieser Aktion realisierte Woina eine derbe Metapher, die als Redewendung jedem Russen geläufig ist. In beiden Fällen schritt die Polizei schnell ein: Die Projektion auf dem Weißen Haus war für 22 Sekunden sichtbar, der Phallus immerhin für zwei Stunden.4 Mit beiden Aktionen führte Woina vor, wie man mit subversiven Zeichen das Monopol der Regierung auf die Inszenierung der eigenen Macht stören kann.

Sankt Petersburger fotografieren sich vor der Zugbrücke nach der Aktion „Der FSB hat den Schwanz eingesperrt“. Quelle - bigpicture

Die Konflikte mit der Justiz nahmen nach der Verhaftung der beiden Aktivisten Oleg Worotnikow und Leonid Nikolajew im November 2010 rasant zu. Nikolajew tauchte nach Verbüßung einer mehrmonatigen Haftstrafe unter und starb 2015 in Moskau nach einem Arbeitsunfall. Die beiden Woina-Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch engagierten sich in der Gruppe Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager. und wurden nach einer aufsehenerregenden Aktion in der Christ-Erlöser-KathedraleDie Christ-Erlöser-Kathedrale steht am linken Ufer der Moskwa in unmittelbarer Nähe zum Kreml. Sie wurde als Denkmal des Sieges über Napoleon konzipiert und entwickelte sich zum zentralen Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche. In den 1930ern wurde die Kathedrale gesprengt, in den 1990ern originalgetreu wieder aufgebaut. Ihre Rolle im heutigen Russland ist dabei weiter kontrovers: Den Status als Heiligtum der Orthodoxie hat die Christ-Erlöser-Kathedrale längst wiedererlangt – verkörpert jedoch zugleich das enge Band zwischen Staat und Kirche. zu einer zweijährigen Lagerstrafe verurteilt. Sie kamen erst nach einer Amnestie im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi wieder frei. Oleg Worotnikow setzte sich mit seiner Familie nach Italien ab. Heute existiert die Gruppe Woina nur noch im virtuellen Raum und betreibt einen eigenen Twitter-Account.

Die Aktionskünstler während der Aktion „Das Leichenmahl“ zu Ehren Dimitri Prigows in der Moskauer Metro. Quelle - bigpicture

1.Dieser Text beruht auf einem Kapitel meines Buchs: Schmid, Ulrich (2015): Technologien der Seele: Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur, Berlin, S. 258 ff.
2.Frankfurter Allgemeine Zeitung: Die russische Kunst-Guerilla
3.bigpicture.ru: Lučšie akcii skandalʼnoj moskovskoj art-gruppy „Vojna“
4.Ėpštejn, Alek (2012): Total’naja vojna: Art-aktivizm ėpochi tandemokratii, Jerusalem/Moskau/Riga, S. 62-192
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Pussy Riot

Pussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Internationales Aufsehen erregte ihr Punkgebet im Frühjahr 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale und vor allem der anschließende Prozess, bei dem zwei Mitglieder zur Haft im Straflager verurteilt worden waren. Seit diese wieder auf freiem Fuß sind, kam es zu diversen Interaktionen mit big politics, Musik- und Showbusiness. Pussy Riot indes beging virtuellen Selbstmord – die Gruppe hat sich aufgelöst.

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Boris Nemzow war einer der bekanntesten Politiker Russlands und galt als scharfer Kritiker Wladimir Putins. In zahlreichen Publikationen machte er auf Misswirtschaft und Korruption in Russland aufmerksam, was ihm viele einflussreiche Gegner einbrachte. Ende Februar 2015 wurde Nemzow in der Nähe des Kreml erschossen. Im Juni 2017 wurden fünf Tschetschenen wegen Mordes verurteilt. Das Urteil ist umstritten, da unklar bleibt, wer die Auftraggeber der Verurteilten sind.

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Für die einen sind seine Texte nichts als postmodernes Geschreibsel voller Zoten und Flucherei, für die anderen dagegen sind sie prophetische Meisterwerke. Dagmar Burkhart über den Autor Vladimir Sorokin, seine politischen Visionen und seine Ästhetik der Obszönität und Gewalt.

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Der Künstler Kasimir Malewitsch ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war.

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