
Russlands Krieg gegen die Ukraine vernichtet ganze Städte mit Wohn- und Industriegebieten. Unzählige Menschen werden verletzt oder getötet, noch mehr verlieren ihr Zuhause. Riesige Landstriche sind vermint. Die Optionen für Wiederaufbau sind begrenzt durch Luftangriffe und Besatzung. Und zu den menschlichen Tragödien kommt noch eine ökologische Katastrophe: Denn die Explosionen und Brände in Wohnhäusern und Fabrikanlagen verschmutzen nachhaltig den Boden und das Grundwasser.
In einem Bericht der Novaya Gazeta erläutern ukrainische Naturschutzexperten, was Russlands Zerstörung ukrainischer Industriestädte für die Umwelt und für einen potenziellen Wiederaufbau bedeutet.
In einem Park, zwischen hohen Birken und Fichten, ist ein Rummelplatz aufgebaut. Mit Souvenirständen, Zuckerwatte und Straßenmalern. Es wird gesungen und getanzt, überall sind Menschen. Beim Springbrunnen gibt es eine Technikschau: Feuerwehrautos und Rettungswagen. Die Besucher machen Fotos, klettern in die Kabinen.
Das war am 11. September 2021. Die 450-Jahrfeier in Bachmut.
Eineinhalb Jahre später, im Februar 2023, gehen andere Bilder um die Welt: kaputte Häuser mit zerstörten Mauern, eingestürzten Dächern und leeren, schwarzen Fensterhöhlen. Verkohlte Bäume. Das war Bachmut in seinem 452. Jahr.
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine macht aus Wohngebieten Ruinen. Straßen, wo einst Menschen spazierten, einander trafen, sich verliebten, sind jetzt tot. Awdijiwka, Marjinka, Popasna, Soledar, Tschassiw Jar – Dutzende Städte, Dörfer, Ortschaft sind zu Schuttlandschaften geworden, überzogen mit Grauschleier, voll mit Schwermetallen und Geschosstrümmern.
Die menschlichen Tragödien bekommen eine ökologische Dimension, die mit dem Ende der Kampfhandlungen nicht verschwunden sein wird.

„Einfacher ist es, anderswo neue Städte zu bauen“
Der Wiederaufbau von Stalingrad [nach dem Zweiten Weltkrieg – dek] dauerte zehn Jahre, der von Warschau 21 Jahre, und in Dresden war die Erneuerung der letzten Ruine – der Frauenkirche – erst 2005 abgeschlossen. Doch damals bekam die Sowjetunion Reparationszahlungen aus Deutschland und Europa im Rahmen des Marshallplans Wirtschaftshilfe aus den USA. Heute, vor allem nach dem Amtsantritt von Donald Trump, erscheint die weltweite Solidarität nicht so unverwüstlich.
Außerdem ist nicht absehbar, welcher Staat am Schluss welche zerstörten Städte kontrollieren wird. Und so lässt sich auch der Aufwand nicht abschätzen, den ein Wiederaufbau kosten wird.
„Meiner Ansicht nach ist eine vollständige Wiederherstellung der Städte gar nicht mehr möglich“, sagt Olexii Wasyljuk von der Ukraine War Environmental Consequences Work Group (UWEC), die die Kriegsschäden auf die Umwelt dokumentiert. „Alle Siedlungsgebiete, durch die die Front verlaufen ist, sind vollständig oder fast komplett zerstört. Davon sind viele nicht nur Wohngegenden, sondern auch Städte mit großen Industriegebieten. Um die wieder aufzubauen, müsste man nicht nur die Reste der Mauern und Fundamente abtragen, sondern auch unterirdische Versorgungsnetze demontieren. Neben Kanalrohren und Wasserleitungen auch spezielle Vorrichtungen wie Ammoniak-Pipelines. Wie es momentan aussieht, wird es einfacher und billiger sein, anderswo neue Städte zu bauen.“

Ökozid: Die Umweltschäden des russischen Krieges in der Ukraine
Klar, Krieg schadet der Umwelt. Aber wie und was genau verschmutzt, verändert und zerstört Russlands Krieg in der Ukraine? Ist das ein Ökozid? Unser Exklusiv-Newsletter dekoder-Wissen+ stellt die wichtigsten Zahlen zu den kriegsbedingten Umweltschäden vor und erläutert im ausführlichen Experteninterview mit dem ukrainischen Umweltschützer Olexii Wasyljuk die vielfältigen Auswirkungen. Denn: „Russlands Krieg verändert das gesamte globale Klima.“
Minenräumung kann Jahrhunderte dauern
Wasyljuk weist auch darauf hin, dass die notwendige Entminung den Wiederaufbau verzögern wird. 2023 schätzte das slowakische Analysezentrum Globsec das verminte Territorium in der Ukraine auf 67.181 Quadratmeilen [rund 174.000 Quadratkilometer – dek] – das ist fast ein Drittel der gesamten ukrainischen Staatsfläche. Laut The Washington Post errechneten Experten auf Basis dieser Daten, dass eine vollständige Entminung sogar unter Einsatz von 500 Minenräum-Brigaden bis zu 757 Jahre dauern könnte.
„Natürlich wirkt diese Zahl übertrieben. Aber angenommen, es würde nur ein Zehntel der Zeit brauchen: Wer wartet 75 Jahre, um mit dem Wiederaufbau zu beginnen? Hinzukommt, dass die Minen jetzt in den Wiesen liegen und noch relativ leicht zu entschärfen sind. Aber was, wenn dort überall Bäume wachsen? Die für die Minenräumung veranschlagte Zeit wird mit jedem Jahr mehr und nicht weniger. Womöglich wird sie nie vollständig abgeschlossen sein. Wenn man bedenkt, dass es gerade die zerstörten Städte und deren Umland sind, die am stärksten vermint sind, erscheint ein Wiederaufbau noch unrealistischer.“
Wer braucht welchen Wiederaufbau?
2023 wurde in der Ukraine das staatliche Onlinesystem DREAM vorgestellt, das Projekte zur Wiederherstellung der im Krieg zerstörten Infrastruktur bündelt. Wasyljuk betont, dass die meisten dieser Projekte weitab der Kampfzonen geplant sind. So seien zwar 88 Projekte in der Oblast Donezk vorgesehen, in der Oblast Kyjiw indes über 400.
„Das heißt, dabei geht es eher um die Behebung punktueller Schäden, auch schwerwiegender wie in Mykolajiw oder Odesa, aber nicht um Fälle, in denen die ganze Stadt weg ist“, sagt der Ökologe. Außerdem enthält DREAM selbstverständlich keine Wiederaufbauprojekte in Siedlungsgebieten, die von der russischen Armee kontrolliert sind.
„Man weiß gar nicht, ob die Menschen, die diese Städte verlassen haben, deren Wiederaufbau überhaupt noch brauchen.“
„Ein Punkt noch: Man weiß ja gar nicht, ob die Menschen, die diese Städte verlassen haben, deren Wiederaufbau überhaupt noch brauchen. Wie viele andere hatte auch ich zu Beginn die Illusion, dass jene, die gegangen sind, nur auf eine Möglichkeit zur Rückkehr warteten “, sagt Wasyljuk. „Aber das ist nun vier Jahre her. Seitdem sind Millionen nach Europa gegangen, manche haben sich in anderen Regionen der Ukraine niedergelassen. Womöglich wollen gar nicht alle dahin zurück, wo sie herkommen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Wiederaufbau Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird.“
Jewhen Simonow, ebenfalls Experte der UWEC, erwartet dagegen durchaus Rückkehrer: „Und meiner Einschätzung nach gar nicht so wenige. Dafür gibt es emotionale Gründe wie Heimatgefühle, aber auch finanzielle: Die Leute besitzen auf dem Papier Immobilien in den verwüsteten Städten; das ist ihr Kapital. Und noch mehr Gewicht hat die Trägheit der Bürokratie, an dieser Stelle vertreten durch eine Stadt. Zudem haben schon auf der allerersten Wiederaufbaukonferenz Experten aus den Balkanländern [aus eigener Erfahrung in den Jugoslawien-Kriegen – dek] erklärt, dass es beim Thema Wiederaufbau zerstörter Städte sehr viele Interessenten gibt: aufgrund riesiger Verträge, dazu scharenweise Lobbyisten. Die teuersten Lösungen wären zum Teil gar nicht notwendig gewesen. Der Wiederaufbau ist gewissermaßen ein Riesenwettbewerb um Fördermittel. Auch das muss man bedenken.“
Toxische Ruinen
Bei der Entscheidung, ob man die zerstörten Städte wieder aufbaut oder lieber anderswo neue errichtet, stellen sich zwangsläufig zwei Fragen: Was passiert mit den Ruinen, und wie schädlich sind sie für die Umwelt?
Bereits 2017 erforschte Hennadij Drosd, Professor für Ingenieurwissenschaften der Staatlichen Universität Luhansk, Möglichkeiten zur Aufbereitung und Wiederverwertung von Bauschutt, der infolge der Kriegszerstörungen im Donbas [seit 2014 – dek] anfiel. Er stellte fest, dass Schutt zu Friedenszeiten einfach in der Erde vergraben wurde, es davon aber schon damals in den Oblasten Donezk und Luhansk so viel gegeben habe, dass man nicht mehr gewusst habe, wohin damit. Heute sind diese Mengen hundertmal, wenn nicht tausendmal größer.
Drosd berechnete damals, dass rund 15 Prozent des Schutts als nicht wiederverwertbarer Müll entsorgt werden müsse: Putz und Gips zum Beispiel. Dagegen könnten Bruchglas, Holz, Dachmaterial und vor allem Stahlbeton, Ziegel und dergleichen recycelt und wieder zum Bauen verwendet werden.
„Die Überflutung eines Bergwerks führt zur Überflutung der anderen. Das ist eine Kettenreaktion. Und alles fließt am Ende ins Asowsche Meer.“
„Aus ökologischer Sicht“, erläutert UWEC-Experte Wasyljuk, „sind die verbleibenden Beton- oder Ziegelwände nicht mehr nützlich, aber auch nicht ernsthaft schädlich. Eine Ausnahme ist Asbestschiefer.“ Dieser Giftstoff, der sowohl bei Menschen als auch bei Tieren bösartige Tumore verursachen kann, war in der Sowjetunion weit verbreitet, was sich durch unzureichende Forschung erklären lässt. Heute ist er in 50 Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation verboten.
„Bei uns gibt es diesen Asbestschiefer überall, sogar in kleinsten Dörfern. Wir wissen nicht, wie viel genau, aber offensichtlich unterschätzen wir noch immer sein Schadenspotenzial“, fährt Wasyljuk fort. „Was wir jedoch richtig einschätzen und was wesentlich schlimmer ist, ist die Zerstörung der industriellen Infrastruktur: Im Donbas sind die Kohleunternehmen fast vollständig zerstört. In den Bergwerken drohen Überflutung und der Austritt von verschmutztem Grubenwasser an die Oberfläche. Alle Bergwerke sind zur Entwässerung miteinander verbunden, das heißt die Überflutung eines Bergwerks führt zur Überflutung der anderen. Das ist eine Kettenreaktion. Und alles fließt am Ende ins Asowsche Meer.“
Kriegsverschmutzte Gewässer
„Und hier ist eins zu bedenken: Der Donbas ist ein Steppengebiet. Die Bevölkerung dort hat immer schon Probleme mit der Wasserversorgung. Sehr viele nehmen Grundwasser aus der Erde. Wie sollen wir ihnen erklären, dass ein Brunnen heute kein Lebensquell mehr ist, sondern eine Bedrohung? Eigentlich dürfte man die Bevölkerung nur noch mit angeliefertem Trinkwasser versorgen“, betont Olexii Wasyljuk.
„Nehmen wir als Beispiele die Städte Siwerskodonezk und Rubishne [Oblast Luhansk – dek]. Soweit ich weiß, wurden in diesen beiden Städten 36 Chemie-Betriebe teilweise oder vollständig zerstört. Sie alle müssen Rohstoff- und Produktionslager, Reinigungsanlagen und Deponien für nicht verwertbaren Müll gehabt haben. All das wurde durch Explosionen beschädigt. Weil wir keinen Zugang zu diesen Territorien haben, wissen wir aber nicht, welche Mengen an Schadstoffen in die Umwelt gelangt sind. Das betrifft auch Industriegiganten wie Asow-Stahl in Mariupol. Das Stahlwerk am Ufer des Asowschen Meeres liegt komplett in Trümmern, und die Abfälle wurden ins Meer gespült. Aus ökologischer Sicht ist die dadurch verursachte Umweltverschmutzung viel gefährlicher als die Zerstörung der Wohnhäuser im Rest der Stadt. Denn die Giftstoffe sind ins Wasser gelangt und werden dort von den Fischen aufgenommen – und die Menschen essen sie dann.“