„Im Informationskrieg steht ihr an vorderster Front“

Manche halten Sergej Kirijenko für den „Technokraten des Informationsterrors“. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Bildung der nächsten Generation von „Informationskriegern“/ Foto © Alexey Maishev/IMAGO/ TASS

Sergej Kirijenko gilt als der zweitmächtigste Mann Russlands: In der Präsidialadministration verantwortet er eine „Integration“ der besetzten ukrainischen Gebiete und die Propaganda im Internet. Er formuliert die Ideologie des Putinismus, „kuriert“ die Indoktrination der Jugend, die „Wahlen“ und überhaupt die Innenpolitik. Dass die Menge an Kompetenzen Begehrlichkeiten bei den Gewaltbehörden weckt, ist länger bekannt; angesichts der Misserfolge an der Front und zunehmenden innenpolitischen Probleme nehmen die Konflikte nun sogar zu.

Eine Spaltung der politischen Elite ist derzeit kaum denkbar, das Rumoren hallt in den kriegsmüden Gesellschaftsteilen aber wider und kann die Risiken für das Regime vergrößern. Auch Kirijenkos Nimbus eines „effektiven Managers“ ist angekratzt: In der idealtypischen Unterscheidung zwischen personalisierten Diktaturen, die zu ihrer Selbsterhaltung entweder auf Täuschung setzen oder auf Angst, stand der Technokrat Kirijenko vor allem für Täuschung. Spätestens seit dem Beginn der Vollinvasion setzt Russland aber vermehrt auf die Angst. Die Gewaltbehörden haben hier naturgemäß Oberhand, Kirijenko muss sich also umorientieren und unabkömmlich machen. Mit seinem Programm zur Bildung der Kaderreserven will er die Zukunft des Putinismus sichern, mit dem Programm des „Informationskriegs“ gegen Europa auch die Angstkomponente der Diktatur bedienen. Zusammengenommen ergibt sich ein Profil, das manche als „Technokrat des Informationsterrors“ bezeichnen.

Der 63-jährige Kirijenko ist in der russischen Geronokratie relativ jung, mit der Bildung von Kaderreserven schafft er Abhängigkeiten und Netzwerke. Zu einem seiner Standbeine gehört dabei auch die Bildung der nächsten Generation von „Informationskriegern“. iStories hat sich Kirijenkos Propagandaschule genauer angeschaut.


Der Kreml träumt seit vielen Jahren davon, die Medien zu einem Propagandainstrument zur Unterstützung des Staates zu machen. Schon bald wurde diese Haltung im Regime zum Mainstream. Wenn die Medien vom Staat bezahlt werden – sei es direkt aus dem Haushalt oder über Staatsunternehmen –, dann sei ein Journalist verpflichtet, die Position des Staates zu vermitteln, erklärte vor einigen Jahren ein Funktionär des Kreml, der für Onlinemedien zuständig war.

Nach Beginn des vollumfänglichen Kriegs gegen die Ukraine und der Einführung der Kriegszensur, gab es faktisch nur noch dieses Modell: Unabhängige Redaktionen wurden aufgelöst oder aus dem Land vertrieben und die verbliebenen Medien in das System der staatlichen Propaganda integriert.

Woher aber soll man derart viele loyale Journalisten und Medienmanager nehmen? Mit dem Segen von Sergej Kirijenko, dem ersten stellvertretenden Leiter der Präsidialadministration, wird versucht, sie in einem eigens geschaffenen Meisterkurs für neue Medien (russ. Abk.: MNM, Masterskaja nowych medija) auszubilden, der für die besetzten Gebiete der Ukraine gegründet wurde, mittlerweile aber als Kaderschmiede für das gesamte russische Mediensystem agiert.

Auf eine Milliarde kommt es nicht an

Im Jahr 2022 hatte die russische Regierung das Problem, dass es in den „neuen Gebieten“ an Propagandisten fehlte. In den besetzten Regionen musste die „Medienarbeit mit einer Bevölkerung in Gang lanciert werden, die jahrelang dem Einfluss der ukrainischen Propaganda ausgesetzt war“.

Mit der Ausbildung neuer Kader befasste sich nun der Meisterkurs für neue Medien MNM, ein Projekt der GONGO Dialog und der Plattform Russland: Land der Möglichkeiten, das von Sergej Kirijenko ins Leben gerufen wurde. Das sind staatliche Strukturen mit einer milliardenschweren Finanzierung, die die Kremlpropaganda in den Medien und den sozialen Netzen fördern sollen. In den Jahren 2023 und 2024 hat die Regierung eine Milliarde Rubel für den MNM bereitgestellt (das entsprechende Dokument liegt bei Kremlin Leaks und wurde von iStories zusammen mit anderen Medien ausgewertet).

Während der Ausbildung „befassten sich die Teilnehmer des ersten Kurses mit der medialen Berichterstattung über die kulturelle und technologische Souveränität Russlands, mit der Unterstützung von Teilnehmern und Veteranen der militärischen Spezialoperation (SWO) sowie der Popularisierung der Wissenschaft“.

„Eigentlich eine normale junge Frau – aber irgendwie sowjetisch, komsomolzenhaft“

Zum Start des MNM erklärte Leonid Lewin: „Behörden müssen nicht nur Entscheidungen treffen; sehr wichtig ist auch, dass sie vermitteln, was für Entscheidungen das sind, worum es dabei geht.“ Lewin ist Erster stellvertretender Leiter des Regierungsapparats und Gründer der PR-Agentur Tajny sowetnik („Geheimrat“), die sich auf die Platzierung von Themen in den Medien spezialisiert und Staatsaufträge für die Präsidialadministration übernommen hat. „Dabei sind wir speziell an Fachleuten interessiert, die imstande sind, diese Informationen auf interessante Weise aufzubereiten und an die Wahrnehmung anzupassen“, erklärte Lewin.

An der Spitze von MNM stehen Leute, die nichts mit Journalismus zu tun haben:
Julia Ablez, die Gründerin von Dialog, hatte zuvor rund zehn Jahre in verschiedenen Firmen als Personalchefin gearbeitet. Dann gewann sie den Wettbewerb Russlands Leader und wurde Beraterin für Jugendpolitik des Gouverneurs von Sankt Petersburg. „Ablez gibt dort einfach irgendwelche auswendig gelernten Geschichten zum Besten“, erzählt ein Bekannter von ihr. „Früher war sie vielleicht nicht dumm, aber jetzt ist sie zu einer Bürokratin geworden, die nur noch in Floskeln redet. Eigentlich eine normale junge Frau, aber irgendwie sowjetisch, komsomolzenhaft.“

Michail Kanawzew, der Leiter von MNM, lehrte Informatik, arbeitete als Analyst und war stellvertretender Direktor des Instituts für innovatives Design und technologisches Unternehmertum an der Elektrotechnischen Universität Sankt Petersburg. Um zu verstehen, wie die modernen Medien funktionieren müssen, rät er den Studenten von MNM sich zu überlegen, „wie sehr sich die Denkweisen der Menschen unterscheiden“.

Fast wie in Amerika

Der MNM ignoriert zwar den Wesenskern des Journalismus – die Wahrheit zu suchen und sie den Menschen zu vermitteln, erinnert aber der Form nach an westliche Fellowship-Programme à la Harvard und Stanford, mit Vorlesungen von Medienstars und unterstützt durch ein Alumni-Netzwerk.

Teilnehmer der beiden US-amerikanischen Programme werden Teil einer internationalen Journalistengemeinschaft, die anschließend als Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung, für Karriereempfehlungen und professionelle Zusammenarbeit fungiert. Viele Absolventen starten eigene Projekte, zum Beispiel Pawel Kanygin (Prodolshenije sledujet – Fortsetzung folgt), Roman Anin (Washnyje istorii – Wichtige Geschichten), Roman Badanin (Projekt) und Jelisaweta Ossetinskaja (The Bell).

In den USA stärken solche Programme den unabhängigen Journalismus: Sowohl das Harvard-Stipendium wie auch das von Stanford werden von den Universitäten und von privaten Stiftungen finanziert. In Russland wird ein ähnliches Format genutzt, um loyale Medienmanager und Propagandisten auszubilden. Bei MNM gibt es Präsenzunterricht, der in Moskau stattfindet und aus drei bis fünf Modulen von jeweils fünf, sechs Tagen besteht. Die Teilnehmer wohnen während des Moduls zusammen auf dem Campus; insgesamt erstreckt sich der Unterricht über drei Monate.

Der Andrang ist groß: 2025 gab es 53 Bewerber pro Studienplatz. Für eine Teilnahme muss man eine kreative Aufgabe lösen, ein Motivationsschreiben anfertigen, einen Test bestehen und in der Branche Mentoren finden.

Die Module werden von „Meistern“ unterrichtet: „Medienkommunikation“ wird beispielsweise betreut von den Fernsehmoderatoren Wladimir Solowjow und Ernest Mazkjawitschjus, dem Generaldirektor von Dialog Wladimir Tabak, der Medientechnologin Kristina Potuptschik sowie dem Gründer der Holding News Media Aram Gabreljanow.

Zum MNM werden Beamte und Politologen als Lehrkräfte entsandt. Das Modul „Strategische Kommunikation“ wird direkt vom Leiter der Kremlverwaltung für gesellschaftliche Projekte Sergej Nowikow geleitet, einem ehemaligen Journalisten, der heute der wichtigste Zensor der russischen Kultur ist. Im Modul „Eventmanagement“ sind stellvertretende Gouverneure und Minister sowie Sportminister Degtjarjew persönlich zu finden. Beim Modul zur Öffentlichkeitsarbeit gehören die Pressesprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa, und die Generaldirektorin von VK video, Marianna Maksimowskaja, zu den Meisterinnen.

Das Modul „Hochschule für neue Medien“ wurde speziell für Führungskräfte im Medienbereich geschaffen. „Das Vertrauen der Menschen in die örtlichen, regionalen, lokalen Communities und Medien ist sehr groß. Angesichts des Informationskrieges wird das von unseren Gegnern ausgenutzt, indem sie versuchen, in die regionalen Netzwerke und Medien einzudringen. Daher ist es wichtig, dass wir uns in demselben Kontext in dieselbe Richtung bewegen“, gibt der stellvertretende Leiter der Kremlverwaltung für gesellschaftliche Projekte, Andrej Sharitsch, den Teilnehmern des Moduls mit auf den Weg.

Eine Tür zu Fördermitteln und zur Karriere

MNM-Absolventin Aljona Aleksejewa erzählt, dass der Meisterkurs für sie eine „umfassende Transformation“ bedeutete: „Du verlässt deine Komfortzone, glaubst an dich, gewinnst Freunde … Das Wichtigste aber ist, dass du nach dem Lehrgang nicht allein bleibst mit deinen Gedanken. Du gehst zusammen weiter voran mit einer Community von Medienleuten aus dem ganzen Land und den Kuratoren des Projekts, die dich auf jede Weise unterstützen und dir bei allen Fragen helfen.“

Für den Chefredakteur eines aus dem Haushalt finanzierten regionalen Mediums oder den Leiter des Pressedienstes einer staatlichen Struktur bedeutet der Meisterkurs bei MNM nicht nur einen Schritt zum Karrierelift. Er erleichtert auch den Zugang zu staatlichen Fördermitteln. Das Gesamtbudget des Instituts für die Förderung des Internets und der Präsidialstiftung für Kulturinitiativen, die oft im Zusammenhang mit MNM erwähnt werden, betrug 2025 rund 35 Milliarden Rubel. Formal stehen die Ausschreibungen für Fördermittel allen offen, doch Absolventen von MNM treten vorbereitet an: Sie kennen die Regeln zum Schreiben der Anträge, sind mit den Zuständigen bekannt und verstehen im Voraus, welche Inhalte Unterstützung bekommen werden. Einer der „Meister“ bei MNM ist der Direktor der Präsidialstiftung für Kulturinitiativen, Roman Karmanow.

Ein erheblicher Teil der Absolventen arbeitet in den besetzten Gebieten der Ukraine

Im Mai 2023 hatte die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor die Gründung von elf neuen Medien in den besetzten Gebieten der Ukraine bekannt gegeben. 2024 waren dort bereits Dutzende prorussischer Medien tätig: Internetportale, Fernsehkanäle, Radiosender und ein Netz von einigen hundert Telegram-Kanälen.

Absolventen von MNM sind dort aktiv dabei. Hier einige Beispiele:

– In der Oblast Cherson wird vom Jugendzentrum Patriot ein „Kurs für neue Medien“ für Jugendliche koordiniert.
– In der Oblast Donezk wurde ein Medienzentrum eröffnet, um Schülern Journalismus beizubringen. Dort „wird jungen Menschen das Wissen der besten russischen Medienexperten in Moskau vermittelt.“
– Die Chefradakteure der Fernsehanstalt Junion („Union“, besetzte Oblast Donezk) und der Zeitung Respublika (okkupierte Oblast Luhansk), Wiktorija Melnikowa und Alexandr Balwas haben MNM absolviert und staatliche Medienpreise erhalten, persönlich überreicht von Premierminister Michail Mischustin.
– In der besetzten Oblast Saporishshja leitet Aleksandr Borodawtschenko das Portal SaMedia, er befasst sich mit „Berichterstattung zur Entwicklung der neuen Territorien“.
– Iwan Kamenew aus Donezk hat einen Lehrgang bei dem „Meister“ Wladimir Solowjow absolviert und fand sofort eine Anstellung bei Solowjow live, wurde Dozent der Gesellschaft Snanije („Wissen“) und gründete den Preis Mediafront für junge Journalisten aus der „Volksrepublik Donezk“.

Kaderschmiede neben Kaderschmiede

MNM ist selbstverständlich nicht das einzige Medienprojekt des Kreml. Da gibt es zum Beispiel das allrussische Jugendforum Schum („Lärm“) für Medienleute aus dem ganzen Land. Alljährlich durchlaufen Tausende die Bildungsprogramme des Forums. Auch die neuen russischen Pioniere – die Bewegung der Ersten – haben eine Medienkomponente: Das Projekt MediaPritjashenije („MedienAnziehung“) „erzieht eine neue Generation von Journalisten, Bloggern und Rednern“; pro Jahr nehmen über 400.000 junge Menschen an den Veranstaltungen teil.

Auch Russia Today ist mit einer eigenen Talentschmiede am Start (Schkola RT). RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan formulierte den Kern des Projektes so: „Kommt zu uns […] wir erzählen euch, wie man auf die Seiten der CIA-Berichte kommt, und wir geben euch alle Geheimnisse der ausländischen Agenten preis.“ Es wird behauptet, dass in den letzten fünf Jahren über 3000 Journalisten die Online-Schule durchlaufen haben, über 100 Absolventen haben sich dem Team von RT angeschlossen.

„Der MNM wurde vor allem deswegen benötigt, um zu sehen, wer überhaupt auf dem Spielfeld ist. Außerdem dient es der Indoktrinierung“, sagt ein Gesprächspartner aus dem Umfeld der Präsidialadministration.

MNM sei Teil der Gesamtstrategie von Kirijenko, meint ein Bekannter von ihm: „Er bündelt diverse Ressourcen und hat schon sehr viele davon. Er hält alles für ein Instrument. Die [im Kreml] versuchen, überall dieses Narrativ zu etablieren: Der Journalismus muss den Interessen der Staatsmacht dienen. Lesen Sie bitte die Zeitschrift Gosudarstwo („Der Staat“).“

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