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„Wer traurig ist, gehört zu mir“

Zehntausende Belarussen hat Alexander Lukaschenko seit den Protesten 2020 mit brutalen Repressionen außer Landes getrieben. Viele gingen zunächst auch in die Ukraine, von wo sie vor dem russischen Angriffskrieg ein zweites Mal fliehen mussten. Die Eltern oder die Großeltern blieben zurück in der Heimat, Familien wurden entzweit, ohne Hoffnung, sich in naher Zukunft wiedersehen zu können. In der Fremde warten neue Herausforderungen: eine Arbeit finden, eine Wohnung, Plätze in Schulen für die Kinder, durchkommen, kämpfen. Und doch bleiben die Sorgen um die Zurückgebliebenen, um die Heimat. 

Für die Rubrik Schmerz des belarussischen Online-Mediums KYKY hat die belarussische Autorin und Redakteurin der Plattform OstWestMonitoring Sabina Brilo aufgeschrieben, was viele Belarussen im erzwungenen Exil umtreibt. Auch sie musste Belarus verlassen und ist „seit fast zwei Jahren im Nirgendwo“, wie sie schreibt.

Quelle KYKY

Menschliche Anpassungsfähigkeit ist etwas, was mich verblüfft und bei mir fast schon so etwas wie Neid hervorruft. Sich einleben, heimisch werden, gedeihen ... Ich kann das nicht.

Fast zwei Jahre schon bin ich nicht zu Hause, und die ganze Zeit nirgendwo. Ich bin in Not, in riesiger menschlicher Not.

Was meine ich mit der Unmöglichkeit, mich an ein Leben jenseits meines Zuhauses anzupassen? Für mich geht es weniger um Fragen der persönlichen, physischen Existenz (Wohnort, Essen, Gesundheit, Arbeit und Erholung), sondern vielmehr um eine emotionale Unstimmigkeit und mentale Dissonanzen. Die gehen einher mit einem Gefühl der Absurdität darüber, was mit uns (unseren Familien, den Völkern, der Menschheit) geschieht und sogar von uns zur Norm gemacht wird. Die vielen trostbringenden Aktionen, die Hilfe durch wohlhabende Menschen, die Industrie psychologischer Teilhabe, die Förderprogramme und Solidaritätsaktionen ermöglichen – das alles ist eher die Bestätigung eines abnormen Zustands, der jetzt die Norm ist, als dass es helfen würde, diesen Zustand zu begreifen und nach Wegen zu suchen, ihn tatsächlich und nicht nur imaginär zu überwinden.

„Beschreibe, entwirf deine persönlichen Grenzen und gestalte deinen Raum“, sagen diplomierte Fachleute. Dieser Rat klingt (methodo)logisch, und er wird gern eingesetzt, um das Leben zu erleichtern. Ich selbst stelle mir diese Grenzen wie ein Schneckenhaus vor: Innen drin ist es wie zu Hause, draußen aber kannst du jederzeit unter einen groben Stiefel geraten.

Der Staat, in dem ich lebte und der mich eigentlich schützen sollte, drohte mir mit einer echten Hölle

Die Welt ist heute voller grober Stiefel, die vollkommen ungestraft (und das sogar gegen Geld!) Blumen, Sträucher und Schnecken zertrampeln, darunter solche, die wie ich ohne Haus sind. 

Dabei hatte es ja ein Haus gegeben, aber das hat nicht geholfen. Seit über anderthalb Jahren schlafe ich in einem fremden Bett. Und zwar nicht, weil ich mein Land verlassen habe, um ein besseres Leben, ein leckeres Stück Kuchen oder einen Platz an der Sonne zu haben ... Nein, ich bin ausgereist und habe alles zurückgelassen, was mir lieb und teuer war, um mich vor dem nahezu Schrecklichsten zu bewahren, was einem Menschen durch Seinesgleichen geschehen kann: einer ungerechten Gefängnishaft. 

Der Staat, in dem ich lebte und der mich eigentlich schützen sollte, drohte mir mit einer echten Hölle, obwohl ich mir nichts hatte zu Schulden kommen lassen. Dieser Gedanke an ein Loch im Rechtssystem, ein Vakuum, das systematisch menschliche Leben aufsaugt, lässt mir auch im fremden Bett keine Ruhe. In einer Welt, in der ein gesetzestreuer Mensch nicht vor der Willkür der Machthabenden geschützt ist (sie können dich ins Gefängnis werfen, in den Krieg schicken, deine Menschenwürde im Fernsehen mit Füßen treten), kann ich nicht ruhig schlafen und nachdenken, wie ich damit umgehen soll.

Schon lustig: Eine Schnecke ohne Haus überlegt, wie sie die Welt retten kann.

Ich habe kaum gemerkt, wie schnell fern der Heimat anderthalb Jahre verflogen sind. Ich erinnere mich, wie ich kurz nach der Ankunft eine Bekannte aus Minsk traf. „Bist du schon lange hier?“, fragte ich. „Ja, schon ein Jahr.“ Damals kam mir das wie eine Ewigkeit vor. Innerhalb eines Jahres kann man sich einrichten, sich einleben, dachte ich damals. Und ich dachte auch, dass uns beide ein ganzes Jahr eines unterschiedlichen Lebens und vollkommen unterschiedlicher Erfahrungen trennt.

Jetzt weiß ich, dass man auch über mich so denkt: „Du bist jetzt in Sicherheit, dich treiben jetzt ganz andere Probleme um.“ Aber nein. Meine Gedanken, meine Liebsten, meine Sorgen, all das ist immer noch mit dem verbunden, was zu Hause geblieben ist.

Mein Gott! Der Täter verlangt vom Opfer, dass es um Entschuldigung bittet!

Ich weiß sehr wohl, was hilft und was eine Vertriebene daran hindert, sich einzuleben. Welche Praktiken vonnöten sind und was man lieber unterlassen sollte, wenn man versucht, sein Leben zu einem vollwertigen zu machen.

Zum Beispiel sollte man sich nicht jeden Abend, beim Versuch einzuschlafen sein Zuhause vorstellen. Wie man in die Küche geht, Geschirr spült, Staub vom Küchenschrank wischt. Und auch nicht an die alte Katze denken, die man bei Verwandten gelassen hat (meine Finger erinnern sich an jeden ihrer Knochen, an jeden Ballen ihrer Pfote).

Stell dir lieber nicht vor, dass du jetzt die Augen öffnest und dann vor dir das Nachttischchen steht, mit den Büchern darauf und den Notizblöcken in der Schublade. Hüte dich, dir vorzustellen, wie du deine Verwandten umarmst. Und denke nicht an Großmutters Grab, wenn du Frühlingsblumen siehst.

Aber was soll man dann tun? Viel in der Stadt herumlaufen, in der du gerade lebst, um all ihre Ecken zu entdecken. Sich leckeres Essen holen. Die Sprache lernen, Sport treiben. Sich mit Freunden treffen, Leute kennenlernen. Ins Theater oder ins Kino gehen. An die Zukunft denken ... 

Die Psychologen raten einem, das alles im Rahmen der persönlichen Grenzen zu tun. Doch an meinen Grenzen stehen irgendwelche Amateur-Grenzschützer. Mich will ein gewisser Kummer nicht verlassen, ein eigener und allgemeiner, ein anhaltender und zunehmender, weil eine Katastrophe droht.

Mich wundert schon gar nichts mehr, aber wenn in Belarus ein Erlass ergeht, dass Geflüchtete zurückkehren können, wenn sie sich gegenüber dem Regime entschuldigen, dann stockt mir der Atem: Mein Gott! Der Täter verlangt vom Opfer, dass es um Entschuldigung bittet!

Da gibt es folgende Geschichte: Ein Mann isst vor den Augen eines anderen ein Stück Kuchen auf und fragt ihn: „Warum hast du das Stück Kuchen aufgegessen?“ Der antwortet verwundert: „Ich war das doch gar nicht, du warst es. Du hast doch noch die Krümel auf den Lippen!“ Und der Kuchenesser wischt sich die Lippen ab, schaut seinen Kumpel in die Augen und sagt: „Was bist du nur für ein Halunke! Du hast Krümel auf den Lippen!!!“ Und da ist sie, die Linie, hinter der der gesunde Menschenverstand endet. Und was beginnt dort? Was entwickelt sich dort, wo es kein Instrument gibt, um sich zu wehren? Wo es kein Gesetz gibt? Wo es nicht einmal eine Sprache gibt, um Argumente zu formulieren, weil es niemanden gibt, für den man sie formulieren könnte – der Kuchenesser hat ja keine Ohren, um dich zu hören. Wir können das Absurde feststellen, aber nichts unternehmen. Sollen wir uns irgendwie einrichten, uns einleben?

Hier wäre wohl am ehesten ratsam eine Strategie, mit der man „die persönlichen Grenzen ziehen“ kann. Sich dem Buddhismus zuwenden. Hygge praktizieren. Sich sagen, dass man in Sicherheit ist und dass mit der Zeit alles in Ordnung kommt.

Ich bin aber nicht fähig zu einem solchen Selbstbetrug. Um bei Verstand zu bleiben, muss ich das, was mich umgibt, in all seinem Schrecken erfassen und in dieser Hölle einen kühlen Kopf bewahren. Mein Trauern ist ein Prozess, eine Anstrengung, eine Energieverschwendung. 

Oh je, ich habe wohl keinerlei Instrumente, um die Situation anzufechten, in der sich Zehntausende (oder gar Hunderttausende?) meiner verurteilten, beraubten, erniedrigten und vertriebenen Landsleute befinden. Meine Empörung kann sich nirgendwo hin Luft machen, ich kann meine Wut nicht in Taten umsetzen. Es ist niemand da, bei dem ich mich beschweren könnte. Vielleicht ist das auch gut so. Ich habe nur mein Trauern, meinen persönlichen, ethischen Indikator. Solange er leuchtet, ist mit klar, dass die Welt verrückt ist, und ich noch nicht. 

Zu Beginn von Putins Krieg in der Ukraine sagte mir eine Freundin, eine Regisseurin aus Moskau, unter Tränen am Telefon: „Ich gehe durch die Straßen und schaue mir die Leute an. Wer traurig ist, gehört zu mir.“ Auch ich erkenne meine Leute an diesem Merkmal.

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Die belarussische Diaspora: Erneuerte Solidarität

Die politische Krise, die mit den Protesten vom Sommer 2020 begann, hat zu einer neuen Welle der Massenmigration aus Belarus beigetragen und die  Politisierung der belarusischen Diaspora gefördert. Den vorliegenden Daten zufolge haben innerhalb des ersten Jahres seit den Ereignissen schätzungsweise 100.000 bis 150.000 Menschen das Land verlassen. Bei einer erwerbstätigen Bevölkerung von insgesamt rund 4,3 Millionen Menschen ist dies eine sehr hohe Zahl. Zugleich ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Angesichts der anhaltenden Repressionen im Land planen oder erwägen weiterhin viele Menschen die Ausreise. Auch im Zuge des Krieges in der Ukraine sind viele Belarusen wieder auf der Flucht, denn viele hatten in Kiew oder anderen ukrainischen Städten neu angefangen. 
Die neuen Migranten treffen auf eine Diaspora, die aus einer langen Geschichte mehrerer Auswanderungswellen hervorgegangen und in zahlreichen Ländern organisiert und politisch aktiv ist. Die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Swjatlana Zichanouskaja gibt der Demokratiebewegung im Ausland ein neues, international bekanntes Gesicht mit politischem Gewicht.

Bereits die Wahlkampagne im Frühjahr 2020 in Belarus, in der Kandidaten nicht zugelassen, verhaftet oder ins Exil getrieben wurden, und die friedlichen Massenproteste nach der gefälschten Präsidentenwahl  gaben der Diaspora bemerkenswerten Aufschwung: Bestehende Auslandsorganisationen (unter anderem in den USA, Schweden, Großbritannien und Polen) wurden so gestärkt und neue Organisationen (unter anderem in Italien, Deutschland und der Tschechischen Republik sowie in den USA) registriert. 

Diese neue Solidarität lässt sich an der hohen Beteiligung der belarusischen Diaspora an kontinuierlichen politischen Aktivitäten ablesen, mit denen auf Ungerechtigkeiten in Belarus aufmerksam gemacht wird. Daran zeigt sich auch, dass die außerhalb des Landes organisierte belarusische Demokratiebewegung eine wichtige Rolle spielt. Für Aljaxsandr Lukaschenka erschwert das ein neuerliches Lavieren zwischen dem Westen und Russland. Das ist mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine allerdings mehr denn je in den Bereich des Undenkbaren gerückt, da Lukaschenka der russischen Führung gewährt, Belarus  als Aufmarschgebiet für russische Truppen zu nutzen. In einer Zeit, in der die Opposition im Land selbst zunehmend unterdrückt wird, dient die Diaspora dabei als Stimme von außen, um demokratische Veränderungen einzufordern.

Vor der politischen Krise von 2020

Die Geschichte der Auswanderung aus der Region des heutigen Belarus beginnt zur Zeit des Großfürstentums Litauen: Damals studierten Hunderte junger Belarusen an Universitäten in West- und Mitteleuropa. Emigranten wie Francysk Skaryna, Ilja Kapijewitsch und andere berühmte Persönlichkeiten der belarusischen Kultur haben im Ausland prägend gewirkt. 

Die Massenauswanderung setzt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Zu dieser Zeit wurden Migranten nicht als Belarusen erfasst, weil die zaristische Regierung diese Nationalitätsbezeichnung offiziell nicht zuließ und es ablehnte, das ethnografisch belarusische Gebiet unter eine einheitliche Verwaltung zu stellen. Obwohl die Zahlenangaben schwanken, liegen sie überwiegend in derselben Größenordnung: Zwischen 1860 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs verließen etwa 1,5 Millionen Belarusen ihre Heimat. Die meisten gingen nach Sibirien, der Rest wanderte in Richtung Westen aus – nach Europa und in die USA. Diese Migrationswelle hatte einen vorwiegend wirtschaftlichen, teils aber auch politischen Hintergrund. Belarusische Juden wanderten in den 1850er Jahren aufgrund religiöser Verfolgung durch die Obrigkeiten aus.

Die Entstehung der belarusischen Diaspora

Die zweite Welle der belarusischen Emigration wurde durch den Ersten Weltkrieg und die revolutionären Ereignisse von 1917 ausgelöst. In den folgenden Jahren gab es in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) über zwei Millionen Flüchtlinge aus dem Gebiet des heutigen Belarus, mehr als 100.000 Menschen gingen in andere Länder. Mit der Proklamation der Belarusischen Volksrepublik (BNR) 1918 und der Gründung der Belarusischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR) im Jahr 1919 erhielt das erwachende Nationalbewusstsein einen Schub. Die Belarusen sahen sich zunehmend als eigenständige Gruppe. 

Die Politisierung der belarusischen Diaspora begann in den 1920er Jahren in den USA: Zu dieser Zeit nahm die Führung der Rada BNR Kontakt zu neu gegründeten belarusischen Organisationen in New York, New Jersey, Chicago, Michigan und Pennsylvania auf und begann, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Archivdokumente zeigen, dass die kommunistischen Führungen in Moskau und Minsk sogar Versuche unternahmen, belarusische Emigranten über die Schaffung pseudo-nationaler belarusischer Organisationen für die kommunistische Bewegung zu mobilisieren – um die Weltrevolution voranzutreiben. In seinem Buch Belarusians in the United States liefert Vitaut Kipel mit Gershan Duo-Bogen ein Beispiel eines kommunistischen Agenten, der daran beteiligt war, die kommunistische Bewegung auf der anderen Seite des Ozeans zu aktivieren.

Belarusen engagieren sich von den USA aus für nationale Selbstbestimmung

Der Zweite Weltkrieg führte zur dritten Auswanderungswelle. Bei Kriegsende zählte die belarusische Diaspora in Europa etwa eine Million Menschen, von denen es viele weiter in die USA zog. Die politischen Emigranten der 1950er Jahre und ihre Nachkommen bildeten die Basis der modernen belarusischen Diaspora. Diese nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA eingewanderten Belarusen waren nationalbewusst. Sie setzten sich bei der US-Regierung mit Nachdruck dafür ein, den belarusischen Staat als nationale und ethnische Einheit mit dem Recht auf Freiheit und nationale Selbstbestimmung anzuerkennen. So hielten beispielsweise belarusische Priester laut Protokoll des US-Kongresses in den 1960er bis 1980er Jahren fast an jedem Jahrestag der Proklamation der BNR Eröffnungsgebete für den Kongress ab. Zum 50. Jahrestag der BNR-Gründung im Jahr 1968 verzeichnet das Protokoll 23 Redebeiträge im US-Kongress, die die Unabhängigkeit von Belarus unterstützten.

Von 1960 bis 1989 war kaum Auswanderung möglich

In den 1960er bis und 1980er Jahren wuchs die belarusische Diaspora nicht nennenswert an, weil die Emigration aus der Sowjetunion rechtlich nicht möglich war. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR, der massiven Verschlechterung der sozialen und wirtschaftlichen Lage in der Republik Belarus sowie den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 erhöhte sich die Zahl der Ausreisen wieder deutlich. Im Jahr 1989 erlaubte die Sowjetrepublik dem Innenministerium zufolge 14.700 Menschen auszureisen. 1990 lag diese Zahl bei 34.100 Menschen und war damit mehr als doppelt so hoch. 

Feierlichkeiten der kanadischen Diaspora zum 50. Jahrestag der Ausrufung der Belarussischen Volksrepublik / Foto © Rada BNR

Nachdem Aljaxandr Lukaschenka im Jahr 1994 an die Macht gekommen war, schwand die anfängliche Hoffnung der belarusischen Diaspora auf eine demokratische Zukunft. An ihre Stelle traten politische Aktivitäten, die von dem Gedanken geleitet waren, Belarus als unabhängigen demokratischen Staat zu erneuern. Die neuen belarusischen Migranten konnten sich im Laufe der Zeit mit der älteren organisierten Diaspora in den USA, Kanada, Europa und anderen demokratischen Ländern auf gemeinsame Positionen verständigen. So wurde in den USA nach erheblichem Engagement der belarusischen Diaspora der Belarus Democracy Act von 2004 verabschiedet – ein US-Bundesgesetz, das erlaubte, politische Organisationen, NGOs und unabhängige Medien zu unterstützen, die sich für die Förderung von Demokratie und Menschenrechte in Belarus einsetzen. Diese Bewilligung wurde in den Jahren 2006, 2011 und 2020 erneuert.

Neue Migrationswelle nach den Repressionen in Belarus

Seit der Jahrtausendwende bis zum Jahr 2019 emigrierten jährlich schätzungsweise zwischen 10.000 und 20.000 Menschen aus Belarus. Das brutale Vorgehen gegen die Opposition nach den größten Protesten in der Geschichte des unabhängigen Belarus 2020/2021 löste dagegen eine beispiellose Migrationswelle aus. Im ersten Jahr nach August 2020 haben etwa 100.000 bis 150.000 Menschen Belarus verlassen. Viele gingen nach Lettland, Estland und noch weiter weg. 

Nicht eingerechnet sind diejenigen, die nach Russland oder in die Ukraine übersiedelten, weil es kein Visum braucht, um in diese Länder zu reisen. Mit präzisen Zahlen ist es dort daher schwierig. Trotzdem lässt sich die Vorstellung einer Größenordnung bekommen: Laut den Zahlen, die der Staatliche Migrationsdienst der Ukraine herausgibt, stiegen die befristeten Aufenthaltsgenehmigungen für belarusische Staatsbürger dort beispielsweise um 39 Prozent (von 2175 im Jahr 2019 auf 3042 im Jahr 2021). Im Oktober 2020 unterzeichnete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky zudem ein Dekret, das es Unternehmern und hochqualifizierten Fachkräften mit belarusischer Staatsangehörigkeit sowie deren Familienangehörigen erleichtert, eine Aufenthaltserlaubnis für die Ukraine zu erhalten. Infolgedessen sind seit der Protestwelle nach der Präsidentschaftswahl bis zu 1500 belarusische IT-Spezialisten aus politischen Gründen in die Ukraine emigriert. 

Doch die meisten Belarusen gingen nach Polen. Laut Eurostat sind dort zwischen August 2020 und November 2021 knapp 2000 Asylanträge von belarusischen Staatsbürgern eingegangen – mehr als in jedem anderen EU-Land. Das ist ein eindrucksvoller Zuwachs, denn zwischen  Anfang 2019 und  September 2020 hatten Belarusen in Polen nur 165 Asylanträge gestellt. Nach Angaben des polnischen Außenministeriums hat das Nachbarland im Zeitraum von Juni 2020 bis Ende Juli 2021 zudem 178.711 Visa an Personen aus Belarus erteilt, darunter mehr als 20.000 „Poland.Business Harbour“-Visa, etwa für Programmierer und Unternehmer im IT-Bereich.

Das EU-Land mit der zweithöchsten Zahl von Asylanträgen aus Belarus ist Litauen: Dort beantragten 235 belarusische Bürger Asyl – von Anfang 2019 bis zum Beginn der Proteste waren es dagegen nur 35. Nach den Zahlen der litauischen Migrationsbehörde hat das Land von September 2020 bis November 2021 zudem 26.200 nationale Visa an belarusische Bürger ausgestellt. 

Die Politisierung der Diaspora nach den Protesten in Belarus

Nach dem Ausbruch der Krise hat sich die belarusische Diaspora innerhalb weniger Monate weltweit zu einer ernstzunehmenden Kraft mit politischem Einfluss entwickelt. Ihre Aktivitäten sind jetzt eng mit neuen politischen Kräften verknüpft, etwa dem Koordinationsrat von Belarus, dem Büro der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Swjatlana Zichanouskaja und dem NAM (Nationales Antikrisen-Management).

Der Koordinationsrat von Belarus wurde im August 2020 von Zichanouskaja im litauischen Exil ins Leben gerufen, um auf eine friedliche Machtübergabe hinzuarbeiten und die Krise im Land zu überwinden. Er versteht sich als das ausschließliche Repräsentativorgan der demokratischen belarusischen Gesellschaft. Die Arbeitsgruppen des Rats befassen sich unter anderem damit, Bildungsinitiativen zu entwickeln, Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und über Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen zu informieren, die ihren Arbeitsplatz verloren haben.

Das Büro von Swjatlana Zichanouskaja ist eine separate Einrichtung. Es besteht aus ihr selbst, acht Beratern für nationale und internationale Angelegenheiten sowie Kommunikationsmitarbeitern.

Die von Pawel Latuschka im Oktober 2020 gegründete Organisation NAM (Nationales Antikrisen-Management) in Warschau arbeitet mit dem Koordinationsrat und Zichanouskajas Büro zusammen. Zudem gibt es zahlreiche Initiativen, darunter ByPol, das von ehemaligen Sicherheitskräften gegründet wurde, und BySol für Sportler, ein Projekt von Sportfunktionären und Athleten.

Die belarusische Diaspora hat viele Anstrengungen unternommen, um sich weltweit zu vernetzen und sich in das Ringen um ein künftiges Belarus einzubringen. Ein Beispiel dafür ist die neu gegründete Organisation Association of Belarusians in America (ABA), die Repräsentanten belarusischer Communitys aus 25 Städten in 18 US-Staaten verbindet. Das Büro von Swjatlana Zichanouskaja organisierte im September 2021 eine Konferenz der Belarusen der Welt in Vilnius und brachte Vertreter belarusischer Communitys aus über 27 Ländern und 40 Organisationen zusammen. 

Durch die Repressionen sind die Proteste 2021 abgeebbt. Infolge der brutalen Unterdrückung durch die belarusische Regierung und mit der Rückendeckung durch Russland bestand kaum noch Aussicht, etwas zu erreichen. Gleichwohl ist zu erwarten, dass die neu erstarkte und vereinte Diaspora sowie die organisierten demokratischen Kräfte von außen weiter und stärker als vor dem Krisenjahr 2020 eine demokratische Zukunft für Belarus einfordern und denjenigen helfen werden, die unter den Repressionen des Lukaschenka-Regimes leiden. 

ANMERKUNG DER REDAKTION:

Weißrussland oder Belarus? Belarussisch oder belarusisch? Die Belarus oder das Belarus? Nicht ganz leicht zu beantworten. Da es im Deutschen keine einheitlich kodifizierten Schreibweisen für diese Bezeichnungen und deren Adjektive gibt, überlassen wir es den Autorinnen und Autoren der Gnosen, welche Schreibweise sie verwenden. Die Schreibweise in redaktionellen Inhalten (wie Titel und Erklärtexte) wird von der dekoder-Redaktion verantwortet.

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