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Im Griff der Macht

Der belarussische Fußball ist mit seinen Vereinen, Verbänden und Sportfunktionären tief in das politische System des autoritären Staates verstrickt. Ein System, das in den vergangenen zwei Jahren wiederholt sowohl Fans als auch die Sportler selbst repressiert hat. 

Im Gegensatz zu den russischen Fußballvereinen, die von der UEFA wegen des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine suspendiert wurden, können die belarussischen Vereine an den Qualifikationsrunden der europäischen Wettbewerbe teilnehmen. Übrig geblieben ist allerdings nur noch der aktuelle belarussische Meister Schachzjor Salihorsk, der in der dritten Qualifikationsrunde der Conference League am heutigen Donnerstag ein Heimspiel gegen den rumänischen Verein CFR Cluj bestreitet. Allerdings hat der europäische Fußballverband den Belarussen untersagt, ihre Heimspiele in Belarus auszutragen, also findet das Spiel im türkischen Adazpan statt. In der Gruppenphase könnte Salihorsk auf den 1. FC Köln treffen. Die Klubführung des Fußball-Bundesligisten hatte kürzlich in einem Brief an UEFA-Präsident Aleksander Čeferin den Ausschluss aller belarussischen Teams gefordert, weil die belarussischen Machthaber den russischen Angriffskrieg unterstützten.

Der Sportjournalist Jegor Chawanski analysiert in diesem Beitrag die politische Verstrickung, dazu den aktuellen Zustand des belarussischen Fußballs und seine sportlichen Missstände, die zu einer historischen Krise geführt haben.

Dieser Artikel gehört zu unserer Reihe „Exiljournalismus, in der russische, belarussische oder auch ukrainische Journalistinnen und Journalisten schreiben und Einblick in aktuelle Debatten und Entwicklungen zu osteuropäischen Themen liefern. Die Texte werden weitgehend von Journalistinnen und Journalisten geschrieben, die sich gezwungen sahen, aufgrund der Repressionen in ihren Ländern ins Exil zu gehen.

РУССКАЯ ВЕРСИЯ

Quelle dekoder

„Man könnte denken, dass ich die Nationalmannschaft Brasiliens trainiere.“ So lautete die Reaktion von Georgi Kondratjew, dem Cheftrainer der belarussischen Fußballnationalmannschaft, auf die Kritik nach einer weiteren Pleite seines Teams. Vor zehn Jahren noch hatte Kondratjew die belarussische U-21 zum dritten Platz bei der Europameisterschaft geführt und das Ticket zu den Olympischen Spielen geholt. Jetzt ist er ein passives Element in einem System, das die Nationalmannschaft in Europa zu einem Außenseiter werden ließ, und durch das der belarussische Fußball jetzt geächtet ist. Wie ist es dazu gekommen?

Eine Pyramide der Loyalität

Seit 28 Jahren schon ist es Alexander Lukaschenko, der in Belarus praktisch jeden ernennt, vom Premierminister bis zu den Landräten. In dieser Nomenklatur-Pyramide ist für Illoyalität kein Platz: Die Bürokraten sind nicht den Bürgern gegenüber verantwortlich, sondern dem, der sie auf ihren Posten gesetzt hat.

Auch im Sport werden die wichtigsten Posten nicht ohne Absegnung von ganz oben besetzt. Von 1997 bis 2021 war Lukaschenko höchstpersönlich Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, bis er mit Sanktionen belegt wurde und den Posten abgab – an seinen ältesten Sohn Viktor. Im Sessel des Sportministers sitzt ein ehemaliger Sicherheitsbeamter Lukaschenkos, und die formal unabhängigen Sportverbände werden von Funktionären geleitet. Nahezu alles im belarussischen Sport wird vom Staat finanziert. Viele Einzelsportler gehören den Sicherheitsbehörden an und dienen offiziell in der Armee, in der Miliz oder im KGB

Der Fußball ist in dieser Pyramide keine Ausnahme: Der belarussische Fußballverband ABFF ist noch nie von Sportlern geleitet worden. Sein aktueller Vorsitzender, Oberst Wladimir Basanow, war zuvor Militärkommissar und Abgeordneter des belarussischen Parlaments. Basanow hatte versprochen, dass die Nationalmannschaften unter seiner Führung in die Endrunden der großen internationalen Turniere einziehen und die Klubs regelmäßig die Gruppenphase der Europapokale erreichen würden. Diese Vorgabe wurde bald korrigiert: Die Nationalmannschaft solle sich erst 2028 für die EM qualifizieren. Unterdessen macht der belarussische Fußball, der ohnehin keine Höhenflüge erlebt, unter Basanows Führung auch noch durch ständige Pleiten und Skandale von sich Reden.

Sonderweg während der Corona-Pandemie 

Die Startbedingungen für die neue Führung des ABFF waren 2019 nicht schlecht. Das Image des belarussischen Fußballs hatte sich gebessert, die Spiele wurden jetzt live übertragen, die Nationalmannschaft erhielt mit den „Weißen Flügeln“ ein Markenzeichen und schöne neue Trikots mit nationalem Ornament. Auch sportlich gab es Anlass zur Freude: Die Nationalmannschaft erreichte die Playoff-Spiele der Nations League und hatte eine realistische Chance, sich erstmals für die EM zu qualifizieren. Und der einstige Dauermeister BATE Baryssau erreichte in der Saison 2018/19 das Playoff der Europaliga. Von Wladimir Basanow wurde erwartet, dass er diese Lage nicht verspielt, und tatsächlich besuchte er anfangs viele Spiele und demonstrierte sein Engagement als Verbandschef.

Das alles änderte sich im März 2020. Die Führung des ABFF ließ während der Corona-Pandemie die belarussische Meisterschaft beginnen, und so wurde Belarus zum einzigen Land in Europa, in dem noch Fußballspiele stattfanden. Auf staatlicher Ebene wurden die Gefahren durch das Coronavirus geleugnet, und so war es die Aufgabe des Funktionärs Basanow, eines zu zeigen: Der belarussische Weg bei der Bekämpfung des Virus ist derart effektiv, dass das gewohnte Leben weitergehen kann. Also mussten die Fußballer Fußball spielen und die Fans ins Stadion kommen.

Die Fans der meisten belarussischen Klubs erklärten allerdings einen Boykott der Spiele und die Besucherzahlen brachen um 70 Prozent ein. Dieser „Sonderweg“ hatte allerdings auch etwas Positives: In Russland, der Ukraine, in Israel und anderen Ländern wurden die Übertragungsrechte für Spiele der höchsten belarussischen Spielklasse, der Wyscheischaja Liha, gekauft (um wenigstens irgendwas zu zeigen). Medien schrieben weltweit über den belarussischen Fußball, und es bildeten sich internationale Fanklubs. Als der Sport in die europäischen Stadien zurückkehrte, erlosch das Interesse an der Wyscheischaja Liha jedoch wieder.

Spieler von Krumkatschy Minsk in Trikots mit der Aufschrift „My supraz gwaltu“ (dt. „Wir sind gegen Gewalt“). Alexander Iwulin, ein Spieler des Teams und zugleich Blogger, wurde wegen Beteiligung an der Protestaktion zu zwei Jahren Strafkolonie verurteilt. / Foto © nashaniva.com

Die Wahlen 2020, die Proteste und der Fußball

Im August 2020, wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl, tauchte in Social-Media-Kanälen des ABFF ein Werbeclip für Alexander Lukaschenko auf, und Basanow wurde bei Veranstaltungen zur Unterstützung des Regimes aktiv. Politik war nun gefährlicher als das Coronavirus: Aus Angst, dass die Fans die Stadien zu Protesten nutzen könnten, fanden die Spiele ohne Zuschauer statt oder wurden verlegt.

Nach der Wahl und der brutalen Unterdrückung der Proteste blieben die Fans den Stadien endgültig fern, während Hunderte belarussische Fußballer, Trainer und Schiedsrichter sich gegen die Gewalt aussprachen. „Ich weigere mich, die Interessen der Nationalmannschaft zu vertreten, solange das Regime Lukaschenko herrscht“, schrieb der junge Stürmer Ilja Schkurin auf Instagram. Seitdem spielt er nicht mehr für die Nationalmannschaft und ist nicht mehr nach Belarus zurückgekehrt.

Basanow hatte anfangs versprochen, dass Spieler oder Vereine nicht für ihre Haltung bestraft würden. Als die Proteste jedoch immer weiter unterdrückt wurden, erreichten die Repressionen auch den Fußball. In die Nationalmannschaft wurden keine Spieler mehr berufen, die sich gegen die Gewalt geäußert hatten. Um der ideologischen Reinheit Willen opferte der Verbandschef sogar die Chance, sich für die EM zu qualifizieren.

Die Säuberungen erfassten auch die Sportpresse, und Klubs wurde empfohlen, keine Verträge mit unliebsamen Spielern und Trainern abzuschließen. Die Verträge werden letztendlich im Sportministerium bestätigt, und viele Profis, die eine „falsche“ Meinung haben, erhalten dort eine Absage. Dem Fußballclub Krumkatschy Minsk, der sich offen gegen die Gewalt ausgesprochen hatte, wurde erst der Weg in die Wyscheischaja Liha verwehrt, dann folgte der erzwungene Abstieg in die dritte Liga.

Im Herbst 2020 kam Wladimir Basanow auf die Sanktionslisten von Litauen, Lettland und Estland. Die Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) hatte die UEFA mehrfach auf Fälle von Diskriminierung im belarussischen Fußball hingewiesen, was allerdings ergebnislos blieb. Dabei wird die Tätigkeit Basanows, der sich superloyal gibt, sogar vom Regime und der Propaganda nicht sonderlich hoch geschätzt. Sportminister Sergej Kowaltschuk bezeichnete das Niveau des belarussischen Fußballs als „Saustall und Sumpf“ und auch Lukaschenko hat den Fußball kritisiert.

„Herzensangelegenheit auf Pause gestellt“. Die Lage der Fans

Die Fußballfans in Belarus waren früher keine relevante politische Kraft. Die Ereignisse in der Ukraine 2014 haben jedoch alles verändert. Die Fans, von denen ein Teil früher mit russischen imperialen Vorstellungen sympathisierte, interessierten sich nun für die nationale Kultur und pflegten verstärkt das Belarussische. Sowohl beim Euromaidan wie auch im Donbass-Krieg spielten ukrainische Ultras eine wichtige Rolle. Das inspirierte die belarussischen „Kollegen“ und alarmierte die Sicherheitsbehörden im Nachbarland.

Bereits bei der Präsidentschaftswahl 2015 hatte es immer mehr Meldungen über Festnahmen junger Menschen gegeben, bei denen eine Zugehörigkeit zur Ultra-Kultur hervorgehoben wurde. Mit diesen „Säuberungen“ war die Hauptverwaltung für den Kampf gegen organisierte Kriminalität und Korruption (GUBOPiK) des Innenministeriums befasst. Gegen Ultras wurden Strafverfahren angestrengt, die zum Teil absurd waren: Vitali, Pseudonym „Puma“, ein bekannter Fan von Dynamo Minsk, wurde 2017 zu zwei Jahren und vier Monaten verurteilt, weil er im Internet eine Kondomwerbung geteilt hatte – das Gericht hatte hierin Pornographie ausgemacht.

2020 hat sich die GUBOPiK endgültig in eine politische Polizei verwandelt und stand bei der Unterdrückung der friedlichen Proteste gegen die gefälschte Wahl an vorderster Front. Die Sicherheitsbeamten bliesen zur Jagd auf Ultras, Anarchisten und Anhänger anderer Subkulturen, auf alle, die ihrer Ansicht nach dem Regime Lukaschenko gegenüber nicht loyal waren. Am 22. August 2020 wurde in Minsk Nikita Kriwzow, ein Fan des FK Maladsetschna, erhängt aufgefunden. Am Tag der Präsidentschaftswahl war er vor einer Kette von Milizionären mit der weiß-rot-weißen Protestflagge gesehen worden. Die Ermittlungen kamen zu dem Schluss, dass Kriwzow Selbstmord begangen habe, doch glaubt das kaum jemand.

Nach Einschätzung von Menschenrechtlern gab es in Belarus mit Stand vom 10. Juli 1236 politische Gefangene. Unter ihnen sind Dutzende Ultras, wobei in Mosyr, Soligorsk, Molodetschno, Minsk und Orscha besonders viele verhaftet wurden. Muss da noch erwähnt werden, warum die Fans den Stadien fernblieben? „Ohne aktive Unterstützung ist es nur ein Spiel mit einem Ball. Wir haben unsere Herzensangelegenheit auf Pause gestellt. Für einen echten Fan, für jemanden, der mit der Mentalität eines Ultras lebt, ist das sehr hart“, lautet die Analyse eines Ultras.

Auch gewöhnliche Anhänger haben es nicht leicht. Die Kontrollen der Miliz beim Einlass sind überaus streng; sie wurden nach der Wahl weiter verschärft. Die Klubs arbeiten schlecht und auch die Qualität des Fußballs kann einen kaum ins Stadion locken. 2012 kamen durchschnittlich 2014 Zuschauer ins Stadion, 2021 waren es nur noch 1422.

Wie steht es um die belarussische Meisterliga und die Nationalmannschaft?

In der aktuellen belarussischen Wyscheischaja Liha spielen 16 Teams. Viel zu viele. Jahr für Jahr haben viele Teams mitten in der Saison finanzielle Schwierigkeiten, weswegen einige dann die Saison nicht zu Ende spielen können. Die jüngsten Ereignisse haben zusätzlich Wirkung gezeigt. Wegen der Sanktionen, von denen die Besitzer der Klubs direkt betroffen sind, können diese sich keine hochklassigen Legionäre mehr leisten; es wurde eine Obergrenze für die Gehälter eingeführt und ein bestimmtes Kontingent an jungen Spielern, das auf dem Platz stehen muss.

Die 13-jährige Vorherrschaft von BATE Baryssau wurde zunächst von Dynamo Brest durchbrochen, das von Alexander Saizew finanziert wird. Saizew, ein Lukaschenko nahestehender Unternehmer, holte Diego Maradona nach Brest und machte ihn zum Vorstandsvorsitzenden des Klubs. Er geriet jedoch auf die Sanktionsliste und musste sich sowie sein Kapital aus dem belarussischen Fußball zurückziehen und seine Ambitionen aufgeben. Dynamo Brest gehört seit 2021 wieder dem belarussischen Staat, der Verein Ruch Brest wurde liquidiert.

Die letzten zwei Meistertitel errang der FK Schachzjor Salihorsk. Doch auch dieser Verein, der von dem sanktionierten Konzern Belaruskali finanziert wird, hat es nicht leicht. All das schlug sich in den Ergebnissen der Vereine nieder: In den letzten drei Saisons konnte sich keines der Teams in einem europäischen Wettbewerb für die Gruppenphase qualifizieren, 2021 war sogar spätestens in der zweiten Qualifikationsrunde Schluss. Hinzu kam, dass die Klubs und die Nationalmannschaft nach der erzwungenen Landung der Ryanair-Maschine im Mai 2021 und dem Beginn des Krieges in der Ukraine ihre internationalen Spiele nicht mehr in Belarus austragen dürfen.

Die Krise der Nationalmannschaft ist sogar noch heftiger. Trainer, die etwas auf sich halten, weigern sich, ein angeschlagenes Team zu übernehmen. Und die Führungsspieler weigern sich, zurückzukommen. Die Folge sind Negativrekorde wie das historische 0:8 gegen Belgien oder lange Serien von Niederlagen bei offiziellen Spielen, die Belarus in die unterste Etage des europäischen Fußballs abrutschen ließen. Im neuesten Ranking der UEFA belegt Belarus sogar den letzten Platz.

Die Stagnation im Fußball ist ein Spiegelbild der Lage im Land

Der belarussische Fußball steckt eindeutig in einer Krise. Doch den Verantwortlichen ist sehr bewusst, dass ihre Karriere nicht von Ergebnissen abhängt, sondern von ihrer Loyalität gegenüber dem Regime. Sie bleiben trotz aller Pleiten, die den belarussischen Fußball auf das Niveau der 1990er Jahre zurückwarfen, auf ihren Posten. Damals konnten junge ambitionierte Manager und Trainer die Karre aus dem postsowjetischen Loch ziehen; heute jedoch ist es gefährlich, Initiative zu zeigen. Der Fußball in Belarus schmort im eigenen Saft: Belarussische Spieler streben keine Karriere im Ausland an und Legionäre aus dem Ausland haben kein Verlangen nach einer toxischen Liga mit leeren Stadien. Das Niveau sinkt generell. Es wachsen keine neuen Stars heran – trotz der Pflichtkontingente von jungen Spielern in der Startaufstellung.

Die Stagnation im Fußball ist ein Spiegelbild der Lage im Land. Der belarussische Fußball wird sich nur dann aus dieser Lage befreien können, wenn sich auch das Land ändert – ein Umbruch im Sport wird erst mit einem politischen Wandel möglich.

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Soligorsk

„Zu neuen Erfolgen, zu neuen Siegen“ titelte die Erstausgabe der Soligorsker Zeitung Sa kommunistitscheski trud am 7. November 1959, dem 42. Jahrestag der sogenannten großen Oktoberrevolution. Nicht zufällig erhielt die Stadt Soligorsk ihr erstes Presseorgan ausgerechnet an diesem symbolträchtigen Tag: Als sowjetische Planstadt sollte sie dazu beitragen, die Ideale der Revolution in der Belarusischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR) zu verwirklichen. Sie stand für die industriellen und architektonischen Ambitionen des Kommunismus. Doch für was steht Soligorsk heute?

1949 wurden etwa 140 Kilometer südlich von Minsk reiche Kalisalzvorkommen entdeckt. Da der Rohstoff ein wichtiger Bestandteil von Kunstdünger ist und die sowjetische Landwirtschaft darauf angewiesen war, wurde umgehend der Abbau der Kalisalze sowie die Errichtung eines neuen Rajons samt Rajonzentrum beschlossen. 1958 begann man mit dem Bau einer Stadt für die Arbeiter des neuen Kalibergwerks, dem heutigen Soligorsk. Ab 1963 wurde schließlich das Sylvinitgestein abgebaut und bis 1979 entstanden in der Nähe der Stadt drei weitere Kalibergwerke, die schließlich im Kalikombinat Belaruskali zusammengefasst wurden. Mit den Expansionen des Betriebs wuchs auch die junge Stadt – von 211 Menschen zu Beginn der Bauarbeiten auf etwa 65.000 Einwohner in den späten 1970er Jahren bis hin zu den 106.000 Einwohnern der letzten Volkszählung von 2019.

Monostadt Soligorsk

Bis heute ist die Stadt vom Kalibergbau abhängig. Damit zählt Soligorsk zu den sogenannten Monostädten, die in ihrer wirtschaftlichen Grundlage von einem Unternehmen oder einem Industriezweig abhängig sind. Hunderte dieser Städte und Siedlungen bildeten, verteilt über alle Unionsrepubliken, das wirtschaftliche Rückgrat der Sowjetunion. 

Auch auf dem Gebiet der ehemaligen BSSR, die durch den zweiten Weltkrieg besonders stark zerstört worden war, entstanden zahlreiche Monostädte unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen industriellen Profils.1 In der Republik Belarus existieren heute noch 49 Monostädte, bei insgesamt 115 als Stadt klassifizierten Siedlungen.2 Allerdings waren die Landschaften der Belarus in höherer Dichte von alten Siedlungen durchzogen, weshalb es den sowjetischen Planern vielerorts schwerer fiel, das Konzept einer Neugründung auf freiem Feld auf diese Unionsrepublik zu übertragen. Lediglich vier Städte – Soligorsk, Nowalukoml, Beloosjorsk und Nowopolozk – entstanden von Null auf der „grünen Wiese“.

Eine Produktionsstätte des Kalikombinats, heute OAO Belaruskali, am Rande von Soligorsk, 1974 / Foto © U. Iwanow/sputnikimages

Anders als die zeitgenössische kommunistische Propaganda betonte, waren Monostädte keinesfalls das Ergebnis von spontanen Gründungen durch ‚die Arbeiterklasse‘. Eine Vielzahl von Instituten und Behörden waren an den langwierigen Planungen, Zeichnungen und Kartierungen beteiligt. 

Planung der Stadt

Zwischen 1949 und 1950 wurde der erste Plan einer „Wohnsiedlung des Starobiner Kalikombinats“3 erarbeitet. Er umfasste die Konzeption und Ausgestaltung der gesamten Stadt sowie einzelner Viertel und Gebäude(typen). 

Um zu überzeugen, musste er die vorherrschenden städtebaulichen Paradigmen berücksichtigen. Entsprechend grünflächig und herrschaftlich kam der erste grobe Entwurf der Arbeitersiedlung daher. Er reproduzierte alle Kernelemente stalinzeitlicher Stadtplanung: Komfortable Stalinkas mit reich verzierten Prunkfassaden, eine breite Magistrale mit Plätzen als Fluchtpunkten, ein zentraler Platz mit Denkmal in der geometrischen Mitte und eine Hauptchaussee, die auf das Haus sozialistischer Kultur hinführt – auf ein Gebäude, das die Schnittstelle von Parteiarbeit, Agitation und Freizeitgestaltung symbolisiert.4 Im baulichen Bild der geplanten Stadt manifestierte sich der stalinistisch-sowjetische Herrschaftsanspruch.

Da jedoch noch bis 1957 Probebohrungen und Qualitätsbestimmungen der Kalisalzvorkommen durchgeführt wurden, konnte nicht sofort mit dem Bau der Stadt begonnen werden. Als schließlich 1958 der erste Spatenstich gesetzt wurde, war Stalin bereits tot. Mit seinem Ableben verloren auch bestimmte ideologische Paradigmen des Städtebaus ihre Gültigkeit.

Der Generalplan des Jahres 1950 / © Belorusski gosudarstvenny archiw nautschno-technitscheskoi dokumentacii (BGANTD), Signatur f3, o4, d144, 1950

Dies zeigt sich besonders deutlich an Ergänzungen, die der Wirtschaftsrat der BSSR an dem überarbeiteten Plan des Jahres 1958 vornahm. Ein handschriftlicher Vermerk lautet etwa „Das Unternehmen soll dem Volk dienen“5, die vorgenommenen Änderungen folgten Chruschtschows Motto des „schneller, besser und billiger“- Bauens. Architektur sollte nun pragmatisch sein und nicht mehr vor allem Macht und Größe demonstrieren.

Errichtung der Stadt

In diesem Sinne wurden die ersten Quartiere der Stadt großflächig mit den heute als „Chruschtschowkas“ bekannten drei- bis fünfgeschössigen Wohngebäuden bebaut. Die stalinistischen Säulen und Prunkfassaden der 1950er-Planung wurden in der Chruschtschow’schen Umsetzung ab 1958 durch Waschbeton und Flachdach ersetzt. Ein westdeutscher Besucher urteilte 1968: „Es herrscht große Einfachheit in der Ausstattung der Gebäude, wenn nicht Primitivität, dazu aber bemerkenswerte Sauberkeit und Ordnung.“6

Der Großteil der Stadt wurde jedoch erst in den Breshnew-Jahren errichtet und trägt auch den architektonischen Stempel jener Zeit. Es entstanden dicht aneinandergereihte Mikrorajone, bestehend aus vielgeschossigen Wohnblöcken in Plattenbauweise.

Abgesehen von der höheren Geschosszahl und anderen Baumaterialien, die durch den technischen Fortschritt verfügbar waren, wurde jedoch in grundsätzlicher Form, Ausgestaltung und Konzeption der Planstadt an den ersten Entwürfen der 1950er Jahre festgehalten. So wurden die aufwändigen stalinzeitlichen Planungen zwar sowohl unter Chruschtschow als auch unter Breshnew überformt und modifiziert, jedoch nie völlig aufgegeben.Ein Schild mit der Losung „All-Unions Schwerpunktgroßbaustelle“ erinnert an die Wichtigkeit des Bauvorhabens, Soligorsk 1971 / Foto © U. Iwanow/sputnikimages

Nachdem die Siedlung zuerst den Namen Nowо-Starobinsk trug, erhielt sie 1959 schließlich ihren heutigen Namen Soligorsk, wobei „Soli-“ für Salz und „-gorsk“ für Berg beziehungsweise den Bergbau stehen.7 Da Soligorsk eine „All-Unions Schwerpunktgroßbaustelle“ (wsessojusnaja udarnaja komsomolskaja stroika) war, wurden ab 1958 Tausende Komsomolzen als Arbeitskräfte zur „Baustellen-Stadt“ gesendet. Die ursprüngliche Bevölkerung Soligorsks stammte aus sämtlichen Unionsrepubliken der Sowjetunion, sodass bis heute neben Belarusen, Russen und Ukrainern auch Tschuwaschen, Deutsche, Aserbaidshaner, Armenier und Angehörige anderer Nationalitäten in Soligorsk leben.8

Gestaltung der Stadt

Die Architekten der Breshnew-Jahre waren darauf bedacht, dass sich die Identität der Bergbaustadt auch in der Gestaltung der Häuser und Gebäudeensembles widerspiegeln sollte. So wurden die Außenfassaden vieler Treppenhäuser mit stilisierten Ähren versehen – ein Symbol dafür, dass das abgebaute Kalisalz als Dünger in der Landwirtschaft Verwendung findet. Zudem werden im Stadtraum immer wieder die weiß-rötliche Farbe des Kalisalzes und die Struktur des Minerals als architektonisches und gestalterisches Stilelement aufgegriffen.

Allein die Dichte der Bebauung während der Breshnew-Zeit verwundert, steht die Stadt doch auf „grüner Wiese“ und wird von nichts begrenzt als Feldern und den Abraumhalden der Kalisalzförderung in der Ferne. Diese Art der Bebauung war jedoch Ausdruck der vorherrschenden Stadtplanung jener Zeit. So war etwa nicht vorgesehen, dass jeder Bürger ein eigenes Auto besitzen sollte, was heute ein grundsätzliches Problem auf den Straßen der Stadt darstellt.

Soligorsk heute

Der politische und gesellschaftliche Wandel der Perestroika-Jahre erschütterte auch Soligorsk. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren kam es zu Protesten. Die Arbeiter forderten höhere Gehälter, organisierten Hungerstreiks und legten die Arbeit nieder.

Heute sticht Soligorsk aus der Masse der Monostädte auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sowie auch im heutigen Belarus hervor. Diese hatten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion häufig an Einwohnern und Wirtschaftskraft verloren, nachdem die Staatsbetriebe, von denen sie abhängig waren, wegen Unrentabilität geschlossen oder stark verkleinert worden waren.9 Soligorsk hingegen ist wirtschaftlich stabil, die Löhne liegen über dem Landesdurchschnitt.10 In der Stadt wird unablässig renoviert, gebaut und die Stadtfläche durch neue Viertel und Wohnkomplexe vergrößert. So bietet allein das von 2016 bis 2017 errichtete Nabereshny kwartal verteilt auf drei Gebäude insgesamt 16.300 Quadratmeter neue Wohnfläche.

Dieser Aufschwung ist eng mit einem Namen verbunden: OAO Belaruskali. Das Nachfolgeunternehmen des sowjetischen Kalikombinats Belaruskali hat etwa 20.000 Angestellte. Es zählt zu den größten Förderern und Exporteuren von Kali weltweit und ist eine zentrale Stütze des belarusischen Staatshaushalts. In den frühen 2000er Jahren wurde das Werk um zwei weitere Bergwerke in der Nähe von Soligorsk erweitert, 2017 um eine weitere Gewinnungsanlage, sodass es heute über insgesamt sechs Standorte verfügt.

Arbeiter des Kalikombinats, 1968 / Foto © U. Iwanow unter CC BY-SA 3.0

Belaruskali

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sollte auch in Soligorsk das örtliche Staatsunternehmen privatisiert werden. Die vollständige Umsetzung solcher Pläne wurde jedoch auch durch den Amtsantritt von Alexander Lukaschenko 1994 vereitelt, der sich strikt gegen eine Privatisierung aussprach. Belaruskali fand seinen Platz schließlich im 1997 gegründeten staatlichen Mischkonzern Belneftechim, aus dem es 2014 jedoch wieder ausgegliedert wurde. Grund dafür war der sogenannte „Kalikrieg“ mit dem russischen Unternehmen Uralkali im Jahr 2013. Seit spätestens 2011 nimmt Alexander Lukaschenko persönlich die Ernennung der Vorstandsmitglieder vor, das Unternehmen ist somit ein Beispiel für den belarusischen Sonderweg in der Wirtschaftspolitik.

Durch stetiges Wachstum und anhaltend große Investitionen in die Stadt Soligorsk sowie einen hohen Jahresumsatz von Belaruskali – allein im Geschäftsjahr 2019 betrug er etwa 1,63 Milliarden Euro – stehen die Stadt und das Unternehmen heute wirtschaftlich sehr gut dar. Ein Prestigeprojekt ist auch der lokale Fußballverein Schachtjor Soligorsk, der von Belaruskali gesponsert wird und zuletzt 2020 die belarusische Meisterschaft gewann.

Im Herbst 2020 geriet Belaruskali in die Schlagzeilen, als Arbeiter des Staatskonzerns aus Protest gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahl für zwei Wochen ihre Arbeit niederlegten. Nach der Festnahme von Streikführer Anatoli Bokun und auf Druck seitens des KGB nahmen sie ihre Arbeit jedoch wieder auf.11

Welchen Stellenwert Belaruskali für die politische Elite des Landes und ihr Überleben hat, lässt sich auch daran ablesen, dass das Unternehmen bereits seit einigen Jahren als potenzielles Objekt westlicher Wirtschaftssanktionen galt. Im Sommer 2021 wurde es schließlich tatsächlich auf die Liste sanktionswürdiger Unternehmen und Organisationen der USA sowie der Europäischen Union gesetzt.12

So zeigt sich, dass Soligorsk heute mehr ist als eine postsowjetische Planstadt unter vielen: Sie ist Sitz jenes Unternehmens, das Lukaschenko vor der Wahl 2020 als „unser nationales Eigentum und Stolz“ sowie „Säule des belarusischen Exports“13 bezeichnete. Von der engen Bindung an das System Lukaschenko profitiert die Stadt, sie trägt jedoch auch die negativen Konsequenzen.


Anmerkung der Redaktion:

Weißrussland oder Belarus? Belarussisch oder belarusisch? Die Belarus oder das Belarus? Nicht ganz leicht zu beantworten. Da es im Deutschen keine einheitlich kodifizierten Schreibweisen für diese Bezeichnungen und deren Adjektive gibt, überlassen wir es den Autorinnen und Autoren der Gnosen, welche Schreibweise sie verwenden. Die Schreibweise in redaktionellen Inhalten (wie Titel und Erklärtexte) wird von der dekoder-Redaktion verantwortet.


1.vgl. naviny.by: Monogoroda Belarusi — potencial'nye točki bol'šich problem 
2.vgl. Antipova, E./Titov, A. (2016): The Single-Industry Towns of Belarus: Differences in Demographic and Economic Development, in: Journal of Settlement and Spatial Planning 7, no. 2 (2016), S. 127-128 sowie Nacional'nyj statističeskij komitet Respubliki Belarus' (Hrsg., 2019): Demografičeskij ežegodnik Respubliki Belarus': Statističeskij sbornik, S. 34 
3.Belorusskij gosudarstvennyj archiv naučno-techničeskoj dokumentacii (BGANTD), f3, o4, d836 
4.vgl. Habeck, J. O. (2011): Introduction: Cultivation, Collective, and the Self, in: Donahoe, B./Habeck, J. O. (Hrsg.): Reconstructing the House of Culture: Community, Self, and the Makings of Culture in Russia and Beyond, S. 5-6 
5.vgl. Belorusskij gosudarstvennyj archiv naučno-techničeskoj dokumentacii (BGANTD), f3, o4, d835, b. 25 
6.Der westdeutsche Bergwerksdirektor Achim Eberhardt bekam 1968 die Gelegenheit die junge Stadt und die Kalikombinate zu besuchen. Für das Zitat vgl. Eberhardt, Achim (1968): Eine Befahrung des weißrussischen Kalikombinats Soligorsk 1, in: Kali und Steinsalz 5, Nr. 1 (1968), S. 11 
7.vgl. Bursa, G. R. F. (1985): Political Changes of Names of Soviet Towns, in: The Slavonic and East European Review 63, 2 (1985), S. 162 
8.vgl. Nacional'nyj statističeskij komitet Respubliki Belarus' (Hrsg., 2009): Perepis' naselenija 2009. Naselenie Respubliki Belarus': ego čislennost' i sostav. Tom 2 
9.vgl. Antipova, E./Titov, A. (2016):  The Single-Industry Towns of Belarus: Differences in Demographic and Economic Development, in: Journal of Settlement and Spatial Planning 7, no. 2 (2016), S. 127 
10.vgl. belarusdigest.com: What Life is Like in Belarus’ Small Towns 
11.vgl. naviny.by: Odin iz liderov stačkoma «Belarus'kalija» Anatolij Bokun perestal vychodit' na svjaz' 
12.vgl. U.S. Department of the Treasury: Treasury Holds the Belarusian Regime to Account on Anniversary of Fraudulent Election und agrarheute.com: EU verhängt Einfuhrverbot für Kalidünger aus Weißrussland 
13.esoligorsk.by: Lukašenko o "Belarus'kalii": v svoe vremja predlagali prodat' ego, no ja rad, čto my ėtogo ne sdelali 
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