Besatzung in Luhansk: Russland blockt Internet, trainiert Jugend für Krieg

Seit 2014 kontrollierte Russland bereits einen Teil der ostukrainischen Region Luhansk, mit seiner vollumfänglichen Invasion 2022 besetzte es schließlich den Großteil des noch verbliebenen, ukrainisch kontrollierten Gebiets der Oblast. Die Besatzer isolieren die Menschen vor Ort, indem sie die Funkverbindungen stören. Sie werfen die Bewohner in der Besatzung durch Blackouts und Wassermangel auf die schwierige alltägliche Organisation von Grundbedürfnissen zurück und investieren große Mühen in ihre ideologische Beeinflussung. Bis hin zur Vorbereitung der Jugend auf den Kriegseinsatz gegen die Ukraine.

Aktuelle und seltene Einblicke in den Alltag im von Russland besetzten Gebiet der ukrainischen Oblast Luhansk bieten ein neuer Bericht der Charkiwer Menschenrechtsgruppe KHPG und eine Recherche der Ukrajinska Prawda und des Reckoning Projects. Eine Leseempfehlung aus der dekoder-Redaktion.

Die Kharkiv Human Rights Protection Group (KHPG), registriert seit 1992, ist eine der ältesten ukrainischen Menschenrechtsorganisationen, hervorgegangen aus der Dissidentenbewegung der Sowjetzeit ab den 1970er Jahren. Ab 1988 war die KHPG eine Zweigstelle von Memorial. Die KHPG trägt Informationen zusammen und dokumentiert die Entwicklungen in den durch Russland kontrollierten ukrainischen Gebieten.  


Seit 2014 war bereits ein großer Teil der ukrainischen Oblast Luhansk unter russische Kontrolle geraten. Ab 2022 besetzte die russische Armee dann weitere Gebiete, darunter die Städte Rubishne (Mai 2022), Siwerskodonezk (Juni 2022) und Lysytschansk (Juli 2022). Die Besatzer versprachen damals Wiederaufbau und Wiederherstellung der Grundversorgung und Infrastruktur. KHPG berichtet nun detailliert, wie Russland diese Versprechen nicht einhält und so die Menschen in den besetzten Gebieten ohne Wasser- und Stromversorgung sowie ohne Mobilfunk- und Internetverbindung isoliert.  

Russlands Besatzung(en) der ostukrainischen Oblast Luhansk rund um den Ballungsraum Lysytschansk, Rubishne und Siwerskodonezk (bis 2024 Sjewjerodonezk)
Russlands Besatzung(en) der ostukrainischen Oblast Luhansk rund um den Ballungsraum Lysytschansk, Rubishne und Siwerskodonezk (bis 2024 Sjewjerodonezk) / Karte © deepstatemap

Internet und Mobilfunk gestört 

Einerseits blockiert Russland konkrete Socialmedia-Dienste wie Telegram und Meta-Produkte, um seinen eigenen Staatsmessenger Max als Kommunikationsmittel zu verbreiten. Andererseits wird besonders in den größeren Städten das mobile Internet komplett gesperrt. Die Besatzer begründen das als angebliche Bitte der Russischen Armee sowie des Geheimdienstes FSB als Sicherheitsmaßnahme in Frontnähe. 

Laut unabhängigen regionalen Medien, die mittlerweile aus ukrainisch kontrolliertem Gebiet über die Lage unter russischer Besatzung berichten und dafür auch intensiv lokale Socialmedia-Diskussionen verfolgen, ist die Blockade der Kommunikationskanäle die größte Sorge der Einwohner:innen. Denn ohne Telefonnetz und Internet können sie sich auch bei anderen Missständen nicht austauschen und gegenseitige Hilfe organisieren. In den Städten häuften sich Beschwerden, dass man ohne Mobilfunk in Notfällen nicht einmal den Notarzt oder die Feuerwehr rufen könne. Womöglich sterben bereits immobile Menschen wie Ältere oder Kinder in ihren Wohnungen, ohne dass jemand davon erfahre. 

Einzig vorrangig russische Militärs in der Region verfügten über Starlink-Satelliten-Internet. Mit den wenigen von Besatzungsbehörden aufgestellten Telefonzellen indes könne man nur innerhalb derselben Stadt telefonieren. Die Besatzer wollten damit aktiv verhindern, dass Informationen aus der russischen Besatzung gelangen und russland-kritische Menschen womöglich Widerstand formieren könnten. 

Kein Strom, keine Heizung, kein Wasser  

Weiter heißt es in dem Bericht: Die meisten Wohnblocks in der besetzten Region Luhansk könnten seit Februar 2022 nicht mehr zentral beheizt werden. Das gelte selbst für öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen. Nur etwa zehn Prozent der bewohnten Haushalte verfügten über eine funktionierende Heizung. Anonyme Informant:innen berichteten, dass sie seit Jahren in Mänteln schliefen und das Verwandte bereits an Unterkühlung gestorben seien.  

Medizin ohne Ärzte, Bau ohne Arbeiter 

Krankenhäuser und Polykliniken sind in den besetzten Städten offiziell geöffnet. Doch den Einrichtungen fehlten Ärzt:innen und Pflegepersonal. In den ersten Kriegsjahren zahlte Russland Mediziner:innen noch Extra-Boni, wenn sie eine Stelle in den besetzten Gebieten annahmen. Diese Extra-Zahlungen sind mittlerweile eingestellt. Ebenso seien die Bauarbeiter verschwunden, die früher noch für russische Propaganda-Videos zerstörte Hausfassaden reparierten.  

Ideologie statt Infrastruktur 

Statt Grundversorgung und Wiederaufbau investiert das russische Besatzerregime in Propaganda und Militarisierung der wenigen vor Ort verbliebenen Jugendlichen, denen außer paramilitärischen Trainingsangeboten kaum mehr Freizeitaktivitäten bleiben.  

Olexij Artjuch, Chefredakteur des ukrainischen Onlinemediums Trybun, kommt aus Rubishne und nutzt seine Kontakte in die Heimatstadt, um weiterhin über die Besatzung zu berichten. Er sagt, selbst diejenigen, die 2022 noch Russland unterstützten, seien mittlerweile desillusioniert und kritisch. Ein solcher Kontakt berichtete ihm: 

„Früher wurde in den Schulen wenigstens noch Zeit darauf verwendet, tatsächlich etwas zu lernen, heute ist es praktisch nur noch Propaganda. Es ist so weit gekommen, dass sogar in Kindergärten massenhaft für den Dienst in der russischen Armee geworben wird. Werbeplakate wurden aufgehängt. Klar, die richteten sich an die Eltern, nicht an die Kinder, aber dennoch – Werbeplakate für Kriegsdienst in Kindergärten! 

Die Kinder werden ständig dazu gezwungen sich anzupassen, müssen sogenannte Veteranen der Spezialoperation, ehemalige LNR-Kämpfer, im Unterricht treffen. Sie werden gezwungen, Postkarten für russische Soldaten zu malen und patriotische Lieder zu singen. Es werden Militärkadettenklassen eröffnet und Kinder aus den besetzten Gebieten in verschiedene militaristische Lager geschickt.“ 

Mobilisierung der Jugend

Mit der militärischen Ausbildung älterer Jugendlicher als Vorbereitung für den Wehrdienst in der russischen Besatzerarmee beschäftigt sich auch eine Recherche der Ukrajinska Prawda und The Reckoning Project, einem internationalen Team von Journalisten und Anwälten, das sich der Dokumentation, Berichterstattung und Sammlung von Beweisen für künftige Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen widmet. 

Anhand von mehreren Lehrkräften wie der ehemaligen Ukrainisch-Lehrerin Anastasija Safronowa, die sich nach Russlands Besetzung beruflich dem neuen Besatzerregime anschloss, rekonstruieren die Journalist:innen, wie das russische Schulsystem die ukrainischen Jugendlichen in den besetzten Gebieten russifiziert und militarisiert

Safronowa beispielsweise ließ sich ab 2015 in der von Russland kontrollierten sogenannten Lugansker Volksrepublik zur Russisch- und Geschichtslehrerin ausbilden und unterrichtet nun, wie ein gutes Dutzend weiterer ehemals ukrainischer Lehrer:innen, am sogenannten Republikanischen Kosaken-Kadettenkorps, benannt nach Luftmarschall Alexander Jefimow in Luhansk, eingerichtet im früheren ukrainischen Kadetten-Gymnasium. Nach ukrainischem Recht fällt ihre Entscheidung unter den Straftatbestand der Kollaboration. 

In den Klassenstufen fünf bis elf werden Schüler:innen im Alter von neun bis 17 Jahren dort verstärkt auf den Dienst im russischen Zivilschutz, an Militärakademien und der Armee vorbereitet. Das heißt: auch auf den Kriegseinsatz gegen die Ukraine. Russische Soldaten, die im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt waren, werden regelmäßig in den Schulbetrieb eingeladen.  

Dossier

Leseempfehlungen der dekoder-Redaktion

Über Russlands Krieg gegen die Ukraine sammelt dekoder hier als Leseempfehlungen unterschiedliche Analysen, Artikel und Hintergründe aus russischen, ukrainischen, belarussischen, deutschen und englischen Medien.

Wie Safronowa wechselte auch der ehemalige Sportlehrer Andrij Ustynskych nach 2014 in das russische Besatzersystem und wurde 2023 gar Direktor der russischen Jefimow-Kadettenschule. Als solcher organisiert er regelmäßig Jugend-Militär-Trainingslager. Ein ukrainisches Gericht befand ihn im Februar 2025 des Landesverrats und der Kollaboration für schuldig und verurteilte ihn in Abwesenheit zu 14 Jahren Haft. 

Unter Ustynskychs Leitung unterzeichnete die Kadettenschule einen Vertrag mit einzelnen Einheiten der russischen Armee, für die sie nun Nachwuchs trainiert. Außerdem bildet das Kosaken-Kadettenkorps die Jugendlichen in Drohnen-Steuerung aus, veranstaltet Treffen mit russischen Soldaten, Militärparaden und zusätzliche Aktivitäten, die die Kadetten auf den Dienst in den Besatzungstruppen vorbereiten. In einem Interview betonte Ustynskych, dass seine Kadetten auch gegen die Ukraine kämpften. Sie dienten nach seiner Schule in verschiedenen Militärstrukturen und studierten an Militärakademien. 

Anshelika Bowa, stellvertretende Direktorin der Kadettenschule, erklärte in einem Interview mit russischen Journalisten, dass der Kernlehrplan des Kadettenkorps aus Kampf- und Sporttraining sowie Militärtheorie bestehe. „Das Wichtigste ist, die Kinder 24 Stunden am Tag zu beschäftigen; sie haben keine Freizeit. Morgens haben sie Unterricht, dann haben sie Zusatzstunden – außerschulische Aktivitäten. Wir bieten eine sehr breite Palette an Sportarten an, vom Nahkampf der Armee bis zu Volleyball, Basketball und Fußball“, so Bowa. 

Die Militarisierung der Jugend unter Besatzung ist bislang kein gesonderter Punkt im internationalen Recht. Doch sie ist seit elf Jahren Realität unter Russlands Besatzung in der Ukraine. Dabei geht es nicht nur um die großen Militär-Bewegungen wie Junarmija oder Dwishenije Pjerwych (dt. Bewegung der Ersten). Ukrainische Kinder werden in gewöhnlichen Bildungseinrichtungen zu russischen Soldaten ausgebildet. 

Neue Kategorie für Kriegsverbrechen?

Laut Kateryna Raschewska, Rechtsanwältin beim Regionalen Menschenrechtszentrum, hat Russland seit 2015 drei Kosaken-Kadettenkorps im Gebiet Luhansk eingerichtet – in Altchewsk, Luhansk und Starobilsk.  

„Ich beobachte einen beunruhigenden Trend”, sagt Raschewska. „Luhansk entwickelt sich zu einer Art Drehscheibe, um Kinder aus den neu besetzten Gebieten anzulocken. So reisen Kadetten aus Luhansk oft in die Region Cherson und ermutigen andere Kinder dazu, zunächst in das besetzte Luhansk und dann weiter in die Russische Föderation zu ziehen.“ Kinder, die diese militarisierten Programme absolvierten, würden oft dazu gedrängt, im Krieg gegen die Ukraine zu kämpfen. Wenn sie überleben, wird von ihnen erwartet, dass sie die nächste Generation ausbilden. 

Die Lage im besetzten Luhansk sei schlimmer als in den seit 2022 besetzten Gebieten, denn hier wurde seit 2014 unter russischer Kontrolle das russische Bildungssystem eingeführt, einschließlich der Propaganda für den Militärdienst. 

Raschewska ist zuversichtlich, dass internationale Organisationen wie der Internationale Strafgerichtshof diese systematische Militarisierung als internationales Kriegsverbrechen anerkennen könnte. „Russland greift ukrainische Kinder in den besetzten Gebieten an, indem es sie zu russischen Patrioten macht, obwohl es sie nach dem humanitären Völkerrecht und der Konvention über die Rechte des Kindes als ausländische Staatsbürger behandeln und in Ruhe lassen sollte.“ 

Über das Kosaken-Kadettenkorps der russischen Besatzungsmacht in Luhansk schrieb ein russisches Medium, wie die Ukrajinska Prawda zitiert: „Über 90 Prozent der Absolventen des Kosaken-Kadettenkorps schreiben sich an militärischen Hochschulen oder Akademien ein, die vom FSB, dem Innenministerium und der Russischen Nationalgarde betrieben werden. Sie widmen ihr Leben dem Dienst für Russland.“ 

Detaillierter auf Englisch: