Die geheimen Kämpfe des Kyrylo Budanow

Militärischer Tauchgang an der besetzten Krym, Razzien gegen russische Wagner-Söldner in Belarus, Anschläge auf seine Person und Familie: Vor kurzem noch war Kyrylo Budanow Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR, seit Januar 2026 ist er Leiter von Selenskyjs Präsidialamt und längst einer der beliebtesten Persönlichkeiten der ukrainischen Politik in Zeiten des russischen Angriffskrieges.

Eine Recherche des ukrainischen Mediums Babel bringt nun neue Details über Budanows Biografie und Leben an die Öffentlichkeit. Dafür sprach die Babel-Autorin Oxana Kowalenko mit Kyrylo Budanow selbst und seiner Frau Marianna Budanowa, mit ehemaligen Kollegen, Kommilitonen und Kameraden sowie einem Dutzend anonym gehaltenen Informant:innen aus Präsidialamt, Parlament und den Geheimdiensten.

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Kyrylo Budanow ist eine militärisch-politische Kultfigur in der Ukraine: „wortgewaltig“, wie ihn Denis Trubetskoy in seinem Porträt vom Herbst 2023 treffend bezeichnet, berufsbedingt ausgezeichnet informiert und vernetzt über die ukrainischen Grenzen hinaus. Obwohl er in manchen Prognosen in den ersten Jahren des vollumfänglichen russischen Krieges gegen die Ukraine falsch lag, ist er bis heute eine der beliebtesten Persönlichkeiten der ukrainischen Politik. So beliebt, dass er im Falle von Wahlen womöglich Selensky Konkurrenz machen könnte, wie immer wieder Medienberichte nahelegen. Doch diese Vermutungen sind längst nicht der einzige Grund, warum ihn Selensky zuletzt als neuen Chef in sein Präsidialbüro holte.

Dort am neuen und öffentlicheren Arbeitsplatz hat den ehemaligen Geheimdienstchef, über den außer beruflichen Ereignissen bislang wenig bekannt war, nun die Babel-Autorin besucht, um nach Dutzenden Gesprächen mit zahlreichen Weggefährt:innen auch direkt von Kyrylo Budanow selbst mehr zu erfahren.

Natürlich ist Budanow erfahren im Umgang mit Informationen und Symbolik. Natürlich umgibt ihn darum viel Inszenierung. Doch auch die verrät Interessantes über seine Person und Haltung.

„Die Menschen sollten die wahre Geschichte der Institution kennen“

Neben einem Schachspiel und Büchern schmückt nun auch eine „Gedenkwand“ mit den Präsidenten und deren Bürochefs seit 1991 Budanows Büro: Darunter sind auch noch Viktor Janukowytsch und Viktor Medwetschuk (beide mittlerweile in Russland). Budanows Intention mit dieser Darstellung: „Die Menschen sollten die wahre Geschichte der Institution kennen, für die sie arbeiten.“

Über seine Kindheit am linken Dnipro-Ufer Kyjiws hält sich Budanow wortkarg. Klar wird: Er wollte schon immer Soldat werden. Etwas mehr erfährt Babel dann über seine Anfänge in der ukrainischen Armee, die auch Anfang der 2000er Jahre (Budanow bewarb sich 2003 in Odesa, um zu den ukrainischen Fallschirmjägern zu kommen) noch geprägt war von post-sowjetischen Umgangsformen wie der brutalen Dedowschtschina. Einer von Budanows damaligen Kadettenkameraden, Olexandr Fazewytsch, ist heute Chef der ukrainischen Nationalpolizei.

Screenshot: Kyrylo Budanov is a man of peace who has been fighting all his life. A great story, told for the first time auf babel.ua

Nach der Ausbildung ging Budanow direkt zum Militärgeheimdienst HUR. HUR war damals die einzige ukrainische Militärbehörde, die Kampfeinsätze im Ausland durchführen konnte – im Irak und in Afghanistan zum Beispiel. Doch Budanow war vor Kriegsbeginn 2014 an keiner solchen Operationen beteiligt – er befand sich in Ausbildung und Vorbereitung.

Neue Ehe und Euromaidan

2013 lernt Budanow seine künftige (zweite) Ehefrau Marianna kennen. Nach mehreren vergeblichen Anträgen heiraten die beiden im Oktober 2014. Babel berichtet, dass sich Budanow im Interview nicht immer ganz richtig an einige „politische“ Daten erinnerte, aber sehr wohl an das Datum, an dem er Marianna kennenlernte. Im ukrainischen Klatsch und Tratsch wird er manchmal als „Pantoffelheld“ bezeichnet. Im Babel-Gespräch gibt er das praktisch zu: „Die meisten Leute sagen doch: Was die Frau sagt, das mache ich. Das ist mehr oder weniger wahr.“

Gleichzeitig ist Budanow auf dem Euromaidan aktiv, wird nach Russlands Annexion der Krym jedoch zunächst nicht zum Einsatz in den Süden oder Osten geschickt. Doch im Sommer 2014 geht er in seinen ersten Einsatz mit der „Gruppe 40“: Entlang der Front im Osten, zwischen Mariupol und Staniza Luhanska habe die Gruppe im russischen Hinterland aufgeklärt und Sabotageakte vorbereitet, erfährt Babel von einem weiteren Beteiligten.

Screenshot: Kyrylo Budanov is a man of peace who has been fighting all his life. A great story, told for the first time auf babel.ua

Budanow wird mehrmals verwundet und behandelt. 2015 löst sich die „Gruppe 40“ auf, CIA-Ausbilder übernehmen die weitere Ausbildung der HUR-Spezialeinheiten, darunter ist auch Budanow. Dies war als „Dankeschön“ der Amerikaner dafür vereinbart worden, dass der ukrainische Geheimdienst ihnen Proben russischer Waffen beschafft hatte.

Die Krym-Operation

2016 führt Budanow eine HUR-Operation zur Zerstörung russischer Waffen und Rüstungstechnik auf der besetzten Krym an. Russische FSB– und Militäreinheiten entdeckten das Manöver.

Screenshot: Kyrylo Budanov is a man of peace who has been fighting all his life. A great story, told for the first time auf babel.ua

Babel fasst das Finale der Aktion so zusammen:

„Budanow und sein Kamerad flohen in Richtung Meer. Als sie das Ufer erreichten, sprangen sie von einer Klippe ins Wasser. Dort untersuchten sie sich gegenseitig auf Verletzungen. Es stellte sich heraus, dass eine der Kugeln Budanows Satellitentelefon getroffen hatte.

Die Russen begannen eine Suchaktion, Hubschrauber flogen über Land und Meer. Budanow und sein Kamerad warteten einen Tag im Wasser und schwammen fast zehn Kilometer weiter durch die Landenge von Perekop zum Festland. Innerhalb weniger Tage hatte die gesamte Gruppe die Krym verlassen.

Zwei Russen wurden getötet, doch die Operation konnte nicht zu Ende geführt werden.

Diese gescheiterte Operation fand großen Widerhall. Putin verstärkte seine Truppenpräsenz auf der Krym, die Ukraine verstärkte ihre Streitkräfte in der Nähe der Landenge. Der Westen wies wie üblich auf die Eskalationsrisiken hin. Die Truppe war demoralisiert. Eine Zeit lang durfte sie keine Kampfeinsätze mehr übernehmen.“

Andauernde Lebensgefahr

2016 wird Budanow im Einsatz in der ATO erneut verwundet, behandelt dann in den USA. Die Budanows leben unter andauernder Anschlaggefahr, wie Babel beschreibt. 2017 tötet ein Sprengsatz am Auto den damaligen HUR-Chef Maxym Schapowal. 2019 scheitern russische Saboteure mit einem solchen Anschlag an Budanows Auto.

Nachdem Wolodymyr Selensky 2019 ukrainischer Präsident wird, ist es dessen neuer Präsidialamtsleiter Jermak, der Budanow als neuen Geheimdienstchef vorschlägt. Laut Babel-Informanten wurde er damals so charakterisiert: „fähig, keine destruktiven Handlungen gegen die Behörden bekannt, beteiligt sich an den gefährlichsten Operationen, verfügt jedoch noch nicht über eine strategische Weitsicht“.

Im August 2020 war die Entscheidung gefallen und Kyrylo Budanow neuer HUR-Chef. Und mit dem sogenannten Wagnergate“ in Belarus bekam er auch sofort zu tun:

Screenshot: Kyrylo Budanov is a man of peace who has been fighting all his life. A great story, told for the first time auf babel.ua

Russlands Voll-Invasion

Seit Herbst 2021 warnt Budanow vor den russischen Truppensammlungen und Angriffsvorbereitungen entlang der ukrainischen Grenzen. Im In- und Ausland wird ihm Panikmache vorgeworfen. Fast wird er kurz vor Russlands Überfall gefeuert, weil er die Staatsführung mit seinen Warnungen nervte.

Am 18. Februar 2022 bekommt Budanow von westlichen Partnern Informationen über den detaillierten Plan der Russen: auf dem Flugplatz Hostomel zu landen und von dort aus Kyjiw anzugreifen. Das ermöglichte eine teilweise Vorbereitung in letzter Minute.

Budanow erlebt mit seiner Frau den Kriegsbeginn im HUR-Hauptquartier, überlebt direkte russische Luftangriffe darauf. Im Herbst 2023 werden mehrere Geheimdienstler und seine Frau Marianna vergiftet.

Wie Babel weiter beschreibt, habe Budanow schon immer mehr nach Verbündeten denn nach Feinden gesucht und unterstützte dann einige kompetente Freunde dabei, angemessene Posten in der Verteidigung der Ukraine gegen Russland zu finden. Später wird er aktiver Teilnehmer der bi- und multilateralen Verhandlungen zu Gefangenenaustauschen und vermittelt sogar 2025 im Energiekorruptionsskandal, der Andrii Jermak aus dem Präsidialamt schmiss – und Budanow selbst, der eben auch zu den ukrainischen Antikorruptionsbehörden gute Kontakte pflegt, hineinholte.

Der gesamte Beitrag mit viel mehr Details auf babel.ua:

Original vom 27. April 2026
auf Ukrainisch
auf Englisch

Dossier

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