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Maly Trostenez

Sie war der größte Tatort nationalsozialistischen Mordens in den von Deutschen besetzten Gebieten der Sowjetunion: die NS-Vernichtungsstätte Maly Trostenez in Belarus. Zehntausende Jüdinnen und Juden wurden dort ermordet. Ihren Ausgangspunkt nahm die organisierte Massengewalt vor 80 Jahren im Minsker Ghetto.

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Der Russische Impressionismus

Kaum ein Stil der Kunstgeschichte erfreut sich einer so ungebrochenen Beliebtheit wie der Impressionismus. Mit ihm verbindet man die luftig-heiteren Szenen der Pariser Straßencafés und die subjektive Wiedergabe flüchtiger Naturphänomene von Malern wie Claude Monet, Pierre-August Renoir und Éduard Manet. Die russische Ausprägung des Impressionismus wird dagegen nur selten in den Blick genommen, wohl auch, weil die Bewegung in Russland keine institutionelle Form fand. Dabei war der Impressionismus um 1900 als Schwellenstadium im Werk vieler bedeutender russischer Künstler wirksam – von Ilja Repin bis Michail Larionow. Genreszenen, Portraits und vor allem die russische Landschaftsmalerei erhielten durch die Sprache des Impressionismus mit ihrem gestisch-spontanen Pinselstrich, den intimen Bildausschnitten und der tageslichtdurchfluteten Atmosphäre eine Erweiterung des Ausdrucks.

Trotz einiger „heimischer Vorboten“ in Russland liegt die Wiege des Impressionismus im Frankreich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die vielen russischen Künstler, die sich zu dieser Zeit in Paris aufhielten, kamen als erste mit dieser neuen malerischen Wiedergabe der Welt in Berührung. Ilja Repin etwa, der Großmeister des russischen Realismus, traf Anfang der 1870er Jahre in der französische Metropole auf Éduard Manet. Repins Gemälde Pariser Café (1875, Christie’s 2011) bezieht sich denn auch deutlich auf Manets La Musique aux Tuileries (1862, National Gallery, London/Dublin City Gallery The Hugh Lane).

Ilja Repin, Pariser Café (1875, Christie’s 2011)

Zurück in Russland schuf der Repin-Schüler Walentin Serow mit dem Portrait Mädchen mit Pfirsichen (1887, Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau) eine erste Ikone des russischen Impressionismus, die ganz die lockere, den Moment beschreibende Malweise des Impressionismus bezeugt. Das Gemälde gewann 1888 den Preis der Moskauer Gesellschaft der Kunstliebhaber. Damit erhielt der russische Impressionismus seine erste offizielle Auszeichnung.

Inhaltliche Neuakzentuierung

Zur gleichen Zeit wurden auch die Werke der französischen Impressionisten in Russland populär. Die Moskauer Kunstmäzene Iwan Morosow und Sergej Schtschukin trugen mit ihren Sammlungen moderner französischer Kunst maßgeblich zur Verbreitung des Stils bei. Viele russische Künstler zeigten sich tief beeindruckt von Werken wie Claude Monets Kathedrale von Rouen (1894, Staatliches Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin, Moskau), die sie an den Samstagnachmittagen in Schtschukins geräumigem Moskauer Haus besichtigen konnten.

Walentin Serow, Mädchen mit Pfirsichen (1887, Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau)

Trotzdem wurde der Impressionismus nicht einfach nach Russland importiert, sondern erfuhr eine – inhaltliche – Neuakzentuierung. Während die französischen Maler zu Chronisten des modernen Großstadtlebens wurden, hielt man sich in Russland vermehrt an Stillleben, Interieurs, die russische Landschaft sowie ländliche Genreszenen, die den Müßiggang der Moskauer und St. Petersburger Upperclass auf ihren Landsitzen zeigen.

Szenen des städtischen Lebens finden sich bei den russischen Impressionisten nur dann, wenn auch sie die Pariser Cafés und Boulevards zu ihrem Motiv machten. Bestes Beispiel dafür ist Konstantin Korowins Zyklus Pariser Lichter, den der bedeutende Vertreter des russischen Impressionismus in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts in Frankreich schuf.

Konstantin Korowin, Paris. Café de la Paix (1906, Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau)

Malewitschs „missing link“

Korowins Paris-Bilder entstanden in einer Zeit, in der sich in Russland immer deutlicher eine neue Garde in der Kunst formierte. Doch auch die kommenden Avantgardisten wie Michail Larionow durchliefen zunächst eine impressionistische Phase, die ihnen den befreiten Umgang mit den malerischen Mitteln eröffnete. Und sogar Kasimir Malewitsch, der Spiritus rector des gegenstandslosen Suprematismus kam nicht ohne den Impressionismus aus. So rekonstruierte er Ende der 1920er Jahre selbst das „missing link“1 in seiner künstlerischen Evolution, indem er die dann entstandenen, impressionistisch anmutenden Landschaftsdarstellungen kurzerhand auf 1903/04 vordatierte.

In der Forschung stiefmütterlich behandelt

In der kunsthistorischen Forschung der Sowjetunion wurde der russische Impressionismus stiefmütterlich behandelt, da dessen – vermeintlich – sorgenfrei-heitere und vom subjektiven Empfinden geprägte Grundhaltung als dekadent verfemt wurde.

Doch auch in der Staatskunst, dem Sozialistischen Realismus, lässt sich das Nachwirken des Impressionismus spüren, etwa bei Juri Pimenows Gemälde Neues Moskau (1937, Staatliche Tretjakow Galerie, Moskau), das mit dem städtischen Sujet, dem schnappschusshaften Bildausschnitt, der hellen Palette und dem spontanen Pinselstrich dem Impressionismus verpflichtet bleibt.


1.Kruglow W. (2010): Impressionism in Russia, in: Russian impressionism: Paintings from the collection of the Russian Museum 1870s - 1970s, Ausst.-Kat., Staatliches Russisches Museum St. Petersburg, S.39
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Kasimir Malewitsch

Sein Name ist untrennbar mit seinem größten Coup verbunden – dem Schwarzen Quadrat (1915, Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau). Sein im doppelten Sinn ikonisches Gemälde stellt eine Tabula rasa für das Medium Malerei dar und bildet gleichzeitig den Ausgangspunkt für die Entwicklung einer gegenstandslosen Abstraktion, die bis heute andauert. Malewitsch verstarb am 15. Mai 1935.

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Vor 110 Jahren ist der gefeierte Porträtist des späten Zarenreichs gestorben. Die bürgerlichen Mäzene der Moskauer und Sankt Petersburger High Society ließen sich von ihm genauso malen wie der Adel und die Zarenfamilie. Sein Stil ist vielseitig und reicht vom lichten Impressionismus zum düsteren Symbolismus. Miriam Leimer über den wichtigen Vertreter einer russischen Kunstszene, die sich um die Jahrhundertwende in regem Austausch mit dem Westen befand: Valentin Serow.

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Nikolaj Leskow (1831–95) ist der vielleicht eigentümlichste Autor unter den großen russischen Realisten. Maxim Gorki hielt seine Bücher für geschriebene Ikonen, Tolstoi sah in ihm den russischsten aller Schriftsteller. Seine Geschichten hörte er dem Volk ab und verarbeitete sie in kühnen, mitunter schwer verständlichen Sprachexperimenten. Am 16. Februar ist sein 190. Geburtstag.

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Landschaft der Trauer, © Valery Vedrenko (All rights reserved)