Belarussisches Kino – im Kampf um die Erinnerungskultur 

Die Filmkritikerin Irena Kazjalowitsch, Autorin des Textes, und das Kino Moskwa in Minsk / Collage © Iryna Arachouskaja 

Zu Sowjetzeiten war das Kino ein zentrales Propagandainstrument, um die Gesellschaft auf Mythen und Narrative im Sinne der herrschenden Ideologie einzuschwören.

In ihrer Analyse für das belarussischen Onlineportal Reform geht die Filmkritikerin Irena Kazjalowitsch der Frage nach, mit welchen filmischen Erzählungen die staatliche Kinoproduktion Belarusfilm heutzutage das kulturelle Gedächtnis des Landes prägt und wie viel „Sowjetunion” dabei noch in ihr steckt. Gleichzeitig zeigt sie, welche Rolle unabhängige Filmemacher in diesem Kulturkampf der Narrative spielen, wenn sie sie Folgen von Terror und Gewalt in einem diktatorischen Regime in ihren Spielfilmen verarbeiten. Entstanden ist so ein faszinierendes Kaleidoskop für die jüngere belarussische Filmgeschichte, in dem sich gesellschaftspolitische Entwicklungen der vergangenen Jahre widerspiegeln.

Der Text ist Teil des Projektes Kulturnaja Re:wisija (Kulturrevision), in dem Reform die zeitgenössische belarussische Kultur unter die Lupe nimmt. 


Wir sind Zeugen eines Kampfes um das kulturelle Gedächtnis der Nation – und die Visionen, die in diesem Kampf siegen, werden unsere Zukunft bestimmen. So wie einst Ernst Jüngers glorifizierte Tapferkeit über Erich Maria Remarques sinnloses Leiden siegte und damit nicht nur die Zukunft Deutschlands, sondern ganz Europas beeinflusste. Joseph Goebbels beförderte persönlich Jüngers In Stahlgewittern zum Bestseller, während er Remarques Im Westen nichts Neues unverhohlen hasste. Auch das Lukaschenka-Regime und seine Beamten arbeiten bewusst an unserem Erinnerungskonzept, nicht zuletzt mithilfe des Mediums Film, während die unabhängigen Filmschaffenden, unsystematisch und unbewusst, dagegenhalten.

Ich würde gern behaupten, dass die Produktionen des Monopolisten Belarusfilm aufgrund mangelnder Konkurrenzfähigkeit und schwindender Popularität bei der aktuellen Führung keine Chance haben, unterschwellig Einfluss auszuüben, allerdings gibt es keine statistischen Daten, die das belegen könnten. Die mit staatlichen Mitteln gedrehten Filme werden von tausenden Zuschauern gesehen und wenngleich viele davon zum Staatsapparat gehören, sind andererseits auch viele Kinder und Jugendliche darunter. Der alternative, unabhängige Film ist durch die Repressionsmaschinerie aus dem legalen Umlauf ausgeschlossen, wodurch der Zugang zum Publikum enorm eingeschränkt ist. Um sich schuldig zu machen und abgesetzt zu werden, genügt bereits ein ehemaliger Schauspieler des Kupala-Theaters im Cast – dann darf ein Film nicht einmal in einem Filmclub gezeigt werden, wo ein paar Rentnerinnen ihre Zeit verbringen. Schon auf der Ebene der Kontrolle von oben zeichnet sich eine bestimmte Sichtweise ab: Der Belarusse ist loyal, der Belarusse ist fügsam, der Belarusse protestiert nicht.

Staatliche Mythenproduktion: Im Film Batka Minaj. Partisanskaja legenda (Väterchen Minaj. Partisanenlegende) spielt auch der russische Schauspieler Alexej Krawtschenko (links), der schon die Hauptrolle in dem legendären Film Idi i smotri (Komm und sieh!) übernahm. / Screenshot YouTube 

Um zu analysieren, wie der staatliche und der unabhängige belarussische Filmbetrieb das kulturelle Gedächtnis prägen, fällt auf, dass im staatlichen Segment vorrangig russische Filmschaffende beschäftigt sind. Diese Tradition, oder besser, dieser Fluch unserer Filmindustrie kam nach 2020 noch stärker zum Tragen. Die Beteiligung russischer Partner, Regisseure und Schauspieler:innen wird häufig mit dem Wunsch begründet, Erfolg beim russischen Publikum zu haben, allerdings fällt auf, dass Filme mit nationaler Thematik, die sich mit Geschichte, nationalen Mythen und Identität beschäftigen, in den meisten Fällen in russische Hände gegeben werden. Bei dem antipolnischen Film Na drugom beregu (Am anderen Ufer) führte Andrej Chruljow Regie, bei Tschorny samok (Das schwarze Schloss) nach Uladsimir Karatkewitschs Roman Kirill Kusin, für die Belarussen ebenfalls ein Unbekannter. Den demnächst erscheinenden Film Batka Minaj. Partisanskaja legenda (Väterchen Minaj. Partisanenlegende) prägend für die staatliche Ideologie zum Partisanenmythos, drehte Igor Ugolnikow.

Zeitgenössische, kleinere Dramen, wie List tschakannja (Warteliste) über Ärzte, Klassnaja (Klassenlehrerin) über eine Lehrerin in der Provinz oder Peralomny momant (Augenblick des Umbruchs) über Selbstüberwindung im Sport vertraut man hingegen belarussischen Regisseuren an.

Im Independent-Bereich definiert man den belarussischen Film nicht nach dem Ort der Produktion, sondern nach Nationalität und Identifikation der Filmemacher. Filme über Belarus von ausländischen Regisseuren werden aktuell nicht der Kategorie „belarussischer Film“ zugerechnet. Mehr noch, der Versuch eines Russen, sich zum belarussischen Thema zu äußern – der Film Minsk des Regisseurs Boris Gutz – wurde von der belarussischen Filmcommunity kritisch bis ablehnend aufgenommen. Den belarussischen Filmemachern ist bewusst, dass der russische Blick auf Belarus nicht mehr zeitgemäß ist.

Förderung russischer Narrative 

Die staatliche Filmindustrie fördert aktuell hingegen offen die russische Perspektive und heroisiert die Sowjetära, was eher Russland nützt, das die Sowjetunion mit dem Russischen Imperium gleichsetzt und ihrem Zerfall nachtrauert. Durch die Zusammensetzung der Filmcrews, durch die Bezeichnung Belorussia im Abspann, durch ein positives, idealisiertes Bild der Sowjetmacht und der Sowjetarmee zieht das nationale Filmstudio zwischen den Zeilen Belarus an Russland und dessen Gefühlswelt heran. Dazu passt als trauriges Beispiel der Film Shisn posle shisni (Das Leben nach dem Leben) des russischen Regisseurs Dmitri Astrachan, produziert von Belarusfilm, in dem der Protagonist auf Kosten unser aller Steuergelder nicht einmal korrekt [den Namen des Nationalschriftstellers – dek] Jakub Kolas aussprechen kann.

Zum Konzept des kulturellen Gedächtnisses, das das staatliche Kino präsentiert, gehören:

Gleichzeitig wird die selbst zu Sowjetzeiten präsente Erinnerung an die Repressionen des GULAG-Systems und die Rolle der Belarussen darin nicht mehr thematisiert, die belarussische Geschichte jenseits der sowjetischen Ära fehlt fast vollkommen, vergessen sind die 1990er Jahre als Zeit der Freiheit und Entwicklung nach dem Erlangen der Unabhängigkeit. Und natürlich gibt es im staatlichen Kino auch keine Erinnerung an das Jahr 2020.

Diese Präsenzen und Leerstellen setzen einen bestehenden Trend fort, doch seit 2020 wurde der noch einmal deutlicher. Dass die Propaganda auf ein so dramatisch niedriges Niveau sank, begann wahrscheinlich mit dem Film Na drugom beregu (Am anderen Ufer), der den eifrigen Kampf der sowjetischen Aufklärung und der Partisanen gegen die „polnischen Besatzer“ in Westbelarus zeigt und dabei ein überspitzt negatives Bild der Polen und edelmütige sowjetische Anführer zeichnet. Hier wird der äußere Feind geschaffen, das belarussische Partisanenleben gepriesen und die Sowjetunion idealisiert.

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Verzerrte Geschichte: der Film Na drugom beregu (Am anderen Ufer) aus dem Jahr 2018. 

Militarisierung und Krieg in Dauerschleife 

Hervorzuheben ist auch die militärische Ausrichtung in der staatlichen Filmindustrie. Neben der Produktion belangloser Actionstreifen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs arbeitet Belarusfilm auch mit der aktuellen Kriegsthematik, etwa in Filmen über die belarussische Armee, durch die sich das Narrativ der Verteidigung des Volkes und des friedlichen Himmels zieht. Übliche Motive sind in diesen Filmen das heldenhafte Bild des belarussischen Soldaten und die herausragende Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet. Zum Glück müssen die Inhalte in der Regel an den Haaren herbeigezogen werden.

Wie etwa in dem Film Ne igra (Kein Spiel) von 2018, in dem ein belarussischer Programmierer, der Computerspiele spielt, zur Armee einberufen wird, an den Übungen teilnimmt und am Ende pathetisch feststellt, dass sei kein Spiel gewesen. Natürlich war da zuerst der Bedarf an Kriegsfilmen, dann wurden Ideen gesucht, was angesichts der mangelnden Tiefe und Aktualität dieser Produktionen durchaus die rhetorische Frage aufkommen lässt, wozu ein friedlicher Staat um jeden Preis Kriegsfilme entwickeln und finanzieren muss.

Während eines Probefluges lenkten im Jahr 2021 die Piloten Andrej Nitschyportschyk und Mikita Kukanenka ihr abstürzendes Flugzeug von Wohngebäuden weg und bezahlten dafür mit ihrem Leben. Ob es dieser Vorfall allein war oder die Tatsache, dass Alexander Lukaschenko den Piloten posthum die Auszeichnung „Helden Belarus‘“ verlieh, Belarusfilm nahm es jedenfalls zum Anlass, um umgehend einen weiteren Militärfilm zu drehen: Iwan Pawlows Odno na dwoich (Eins für zwei) kam am 30. April 2026 in die belarussischen Kinos.

Der Werbung zufolge zeigt der Film, „was es wirklich bedeutet, dem Eid, dem Volk und dem Beruf treu zu bleiben“. Vergleichbares Pathos – „Wir tun alles für unseren friedlichen Himmel“ – findet sich auch im neuesten Film des Staatsstudios, Duscha saschtschitnika (Die Seele des Verteidigers) von Grigori Asarjonok. Im Kontext des Militärdienstes an der belarussisch-ukrainischen Grenze und vor dem Hintergrund der voranschreitenden Militarisierung von Belarus als Koaggressor im russischen Angriffskrieg wirkt dieses Zitat mit dem bezeichnenden Motiv des friedlichen Himmels wie ein Relikt aus alten Zeiten oder eine sehr hartnäckige Halluzination.

Wahrhaftige Aufbereitung von Gewalt und Terror 

Die unabhängige Filmbranche zeigt dagegen ein ganz anderes Bild der belarussischen Sicherheitsstrukturen – statt edler Helden sehen wir die Auslöser von Terror und Angst. In Dokumentar- und Spielfilmen treten die Menschen in Uniform nicht als Verteidiger des Volkes auf, sondern als sein Widersacher. Die unabhängigen Filmschaffenden fingen mit viel größerem Augenmerk das Trauma des Jahres 2020 ein, das so zu einem bedeutsamen Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses wird, betrachtet im weiteren Kontext der Kontinuität des sowjetischen Terrors und der Diktatur im unabhängigen Belarus.

Dokumentationen des Widerstands und des Staatsterrors von 2020 wie Courage von Aliaksei Paluyan, Kali kwetki ne mautschaz (Wenn die Blumen nicht schweigen) von Andrei Kutsila und Mara (Traum) von Sasha Kulak vermitteln alle das fast physische Empfinden des Drucks, der Kontrolle und der Gewalt der Uniformierten. Dem entspricht auch das völlig andere Bild des belarussischen Staates, das in den letzten Jahren untrennbar mit dem Bild der Sicherheitskräfte verbunden ist. Da ist keine starke, weise und sorgende Macht unter rot-grüner Flagge, wie die staatliche Kinematographie sie darstellen will, sondern ein repressives und ungerechtes Regime.

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Trailer zum Film Mara (Traum) von Sasha Kulak aus dem Jahr 2022. 

Dieses Regime verursacht nicht nur Terror, sondern zieht auch gern andere mit hinein, wie in der Episode Patriotitscheskoje prosweschtschenie (Patriotismusübungen) der Serie Prozesy (Prozesse) von Andrei Kashpersky und Michail Zui demonstriert. Gleichzeitig ist das System durchdrungen von Angst und Paranoia, wie in der Episode Prisnilos (Ich hatte einen Traum) derselben Serie.

Die Kultur der Gewalt sowohl in der Armee als auch im Staat hält der Dokumentarfilm Radzima (Motherland) von Hanna Badziaka und Alexander Mihalkovich feinfühlig fest, die Belarus berechtigterweise ausschließlich aus dieser Perspektive betrachten.

Der unabhängige Film transportiert auch ein anderes Konzept des Heldentums, so frei von Pathos, dass man „Heldentum“ besser in Anführungsstriche setzt. Helden sind hier nicht die Vertreter der Macht und der Sicherheitskräfte, sondern alle, die sich gegen ihre Unterdrückung zur Wehr setzen. Der asketische Film Pad scherym nebam (Under the grey sky) von Mara Tamkovich zeigt, wie eine Journalistin in politischer Gefangenschaft Entscheidungen treffen muss, getreu ihren Werten, aber auch unter den Bedingungen von Haft und psychologischem Druck.

Die Stärke der Unabhängigen 

Die Leerstellen, die der staatliche Film im kulturellen Gedächtnis schafft, füllen die unabhängigen Filmschaffenden im Rahmen ihrer Möglichkeiten: 2024 erschien Maryja Bulawinskajas Film Les (Der Wald) über die Repressionen der Stalinzeit, Darya Zhuk thematisierte in ihrem Film Chrustal (Crystal Swan) die Zeit der 1990er. Durch die stark eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten und die hohen Kosten von Kostümfilmen kommt unsere vorsowjetische Geschichte zu kurz. Bei einigen Themen sprechen wir insgesamt nur von Einzelfällen und Ausnahmen.

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Trailer zum Film Chrustal (Crystal Swan) von Darya Zhuk aus dem Jahr 2018.

In seiner aktuellen Verfassung kann das unabhängige Kino den Mythen nichts entgegensetzen, die Belarusfilm zu kreieren in der Lage ist – etwa, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die Partisanen aus dem flachen, schwarzweißen Rahmen holen. Belarusfilm wiederum hat keine Chance, das Jahr 2020, die Rolle des Lukaschenka-Regimes und der Sicherheitsstrukturen im kulturellen Gedächtnis des Volkes umzudeuten, und jeder Versuch, sich zu diesem Thema zu äußern, wird in der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation auf Kritik stoßen und als unrichtig und manipulativ bezeichnet werden.

Dass unsere Filmbranche in den letzten Jahren die Erinnerung an den repressiven Staat bewahrt hat, ist bereits ein hohes Gut, das zum Bestandteil notwendiger Reflexion über Diktatur und Demokratie sowie die Kontinuität repressiver Praktiken werden kann. Die nächste Herausforderung für den belarussischen Film, die es zu bewältigen gilt, wird die reflektierte Darstellung der Ereignisse von 2022 sein.