
Mehr als 2300 Belarussen haben nach Angaben der ukrainischen Organisation Chotschu shit (dt. Ich will leben), die sich für Kriegsgefangene einsetzt, bisher auf Seiten Russlands in der Ukraine gekämpft. Radio Svaboda hat recherchiert, dass mindestens 300 von ihnen gefallen sind.
Belarussische Staatsbürger, die sich für die ukrainische Seite entschieden haben, kämpfen überwiegend im Kastus Kalinouski-Regiment. Ihre Motivation: ein von Russland unabhängiges Belarus.
Über die Belarussen in der russischen Armee dagegen ist wenig bekannt. Wieso entscheiden sie sich für den Kampf auf russischer Seite? Was erhoffen sie sich von ihrem Einsatz? Wjatscheslaw Lakomkin, Korrespondent von Vot Tak/Belsat, besuchte ein Kriegsgefangenenlager in der Ukraine und sprach dort mit Belarussen, die während ihres Einsatzes für Russland gefangengenommen wurden. Auch ein Reporter des Medienprojekts Ukrainian Witness hat dieses Lager besucht und mit belarussischen Gefangenen gesprochen. Das belarussische Online-Portal Zerkalo hat diese Gespräche protokolliert.
Das Kriegsgefangenenlager ist ein abgesperrtes Gelände, umgeben von hohen Mauern und Stacheldraht. Der Zugang ist streng reglementiert, ein Gesichtsscan obligatorisch. Rund um das Gelände sind Videokameras und Wachtürme installiert, man hört das Bellen von Wachhunden: Hier werden diejenigen festgehalten, die sich im Krieg gegen die Ukraine für die russische Seite entschieden haben.
Zu den Hunderten von Ausländern gehören auch Belarussen, die einen Vertrag mit dem russischen Verteidigungsministerium unterzeichnet haben. Einer von ihnen ist der 47-jährige Viktor Osemblowski aus Minsk. Vor dem Krieg arbeitete er als Straßenbauer in Russland. Er gibt zu, den Vertrag mit der russischen Armee unter Alkoholeinfluss unterschrieben zu haben – nachdem er eine Bankkarte gestohlen hatte.

„Ich hab die Karte geklaut und Geld abgehoben. Da hat mich einer angerufen und gesagt: Du hast da ein Problem. Also hab ich schnell einen Anwerber kontaktiert und den Vertrag unterschrieben“, sagt Osemblowski.
Er hatte mit einem Einsatz im Hinterland gerechnet: die Einheit überwachen, Munition transportieren oder Befestigungen anlegen. Nach einer einmonatigen Ausbildung in Russland wurde er jedoch schließlich an die Front bei Lyman geschickt. Gleich am ersten Tag nahmen ihn ukrainische Soldaten gefangen.
„Sie hatten mir gesagt, ich würde in eine Militäreinheit kommen. Als Wache oder beim Waffenstransport, oder sonst irgendwo was bauen“, fährt Viktor Osemblowski fort. Doch ihm sei dann zusammen mit anderen Soldaten befohlen worden, die Stellung zu sichern. „Wir verschanzten uns. Dann hörten wir: ‚Weiter!‘ Und da nahmen sie uns gefangen. ‚Geht weiter, es kommt euch jemand entgegen.‘ Und so war‘s“, berichtet er über die ukrainische Gefangennahme.
Ich bin in der UdSSR geboren, Russland und Belarus sind für mich ein Land, die Ukraine auch.
Viktor Osemblowski
Ein zweiter Belarusse im Lager ist der 53-jährige Sergej Tarassow aus Bobruisk. Er hat seinen Vertrag in Smolensk unterzeichnet, nachdem er zufällig in einer Moskauer Sauna Veteranen der Söldnergruppe Wagner kennengelernt hatte.
„Naja, ich habe paar Freunde getroffen. Also, nicht wirklich Freunde, ich hab Leute in Moskau in der Sauna kennengelernt, so ist es wohl richtig“, erzählt Tarassow. „Die haben mich auf die Idee gebracht, den Vertrag zu unterschreiben. Wir haben zusammengesessen, getrunken, sie haben von ihren Kampfeinsätzen erzählt. Sie waren schon mal dort gewesen. Einer bei der Söldnergruppe Wagner. Die Idee kam wohl vor allem von ihm.“

„Ich hab ja gesagt, ich bin in der UdSSR geboren, Russland und Belarus sind für mich ein Land, die Ukraine auch. Motiviert hat mich unter anderem das Geld. Ich sag’s ehrlich, das war ein Haufen Geld. In Smolensk sind das 3.700.000 Rubel [rund 38.000 Euro – dek]“, erklärt Tarassow.
Die Ausbildung absolvierte er in Woronesh, dann kam er in den Reihen der 1. Panzerarmee an die Front bei Kupjansk. Das Geld hat Sergej nie gesehen – im August 2025 wurde er von Kämpfern des Russischen Freiwilligenkorps gefangengenommen. Jetzt hofft er auf einen Gefangenenaustausch durch die belarussische Regierung.
„Ich denke mal, Alexander Grigorjewitsch [Lukaschenko – dek] hätte nichts dagegen, uns nach Hause zurückzuholen. Ich weiß nicht, wie das überhaupt abläuft, keine Ahnung, wie die Behörden entscheiden und so weiter. Aber ich glaube, das ist durchaus denkbar“, sagt Tarassow.
Viktors und Sergejs Tage im Lager unterliegen einem strengen Tagesablauf: Arbeit in der Werkstatt, Unterbringung in Achterzimmern, uneingeschränkter Zugang zu Duschen, Bibliothek, Kirche und dem großen Speisesaal.

Die ukrainische Seite betont, dass die Bedingungen dem Humanitären Völkerrecht entsprechen und dass Belarussen und andere Ausländer in der russischen Armee rechtlich als Soldaten Russlands gelten. Einige Belarussen befinden sich bereits seit mehreren Jahren im Lager. Sie warten darauf, dass die russische Seite sie in die Austauschlisten aufnimmt. Dabei hat die Ukraine keine offiziellen Anfragen zu diesen Personen vom Kreml erhalten.
Im Beitrag von Zerkalo kommen neben Tarassow zwei weitere belarussische Kriegsgefangene zu Wort.
Alle hier [im Krieg] sind nur zum Verbrauch da.
Iwan Schabunko
Der 49-jährige Iwan Schabunko aus Masty hatte sich in Sankt Petersburg mit zwei Polizisten eine Prügelei geliefert. Ihm drohten bis zu sieben Jahre Gefängnis, sagt er. Um dem zu entgehen, unterschrieb er einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium. Nach drei Tagen Ausbildung am Stützpunkt Schebekino in der Oblast Belgorod, wurde Schabunkos Gruppe in das ukrainische Wowtschansk [Grenzort zu Russland in der Oblast Charkiw – dek] verlegt.
„Anderthalb Tage war ich dort in der Fabrik für Maschinenkomponenten. Von den elf Leuten in unserer Gruppe sind vier noch am Leben; wir kamen in Gefangenschaft“, berichtet Schabunko.

Auf die Frage, welches Land ihm näher stehe, Russland oder Belarus, antwortet der Kriegsgefangene: „Ich unterscheide nicht zwischen Russland und Belarus. Für mich ist das ein und dasselbe. Ich bin in der UdSSR geboren. Seinerzeit habe ich ganz anders gedacht. In den Medien wurde klar gesagt, dass alles gut ist, dass sich trotzdem alle vereinigen wollen. Es würde nicht viel fehlen und die Ukraine wird wieder zu Russland kommen. Es stellte sich aber heraus, dass das völliger Quatsch ist. Als ich an vorderster Front ankam, konnte ich sehen, dass die Sache ganz anders läuft. Alles zerstört, alles kaputt. Rundum Tote. Alle hier [im Krieg] sind nur zum Verbrauch da. Wir werden alle verbraucht. Nicht nur ich. Alle, die hier landeten, werden verbraucht.“
Wenn du keinen russischen Pass hast, tauschen sie dich nicht aus.
Ruslan Kuprazewitsch
Der 24-jährige Ruslan Kuprazewitsch aus dem Kreis Shytkawitschy war als Drogenkurier in die russische Stadt Surgut gekommen. Er sagt, man habe ihm über Telegram dafür gutes Geld geboten. Bald darauf wurde er verhaftet und wegen Drogenhandels zu 14 Jahren unter verschärften Bedingungen verurteilt.
Kuprazewitsch sagt, er habe sich zunächst geweigert, den Armee-Vertrag zu unterschreiben, weil er hoffte, wegen guter Führung vorzeitig auf Bewährung freizukommen. Doch dann habe es starken Druck gegeben. Er sei ständig verwarnt und in eine Strafzelle gesteckt worden. Gleichzeitig kamen regelmäßig Anwerber in seine Strafkolonie und schließlich willigte er ein.
In seiner Stellung verbrachte er dann ganze neun Tage [wie Schabunko in Wowtschansk – dek].

„Sehr schwierig, ganz schrecklich. Darauf war ich nicht vorbereitet“, sagt Kuprazewitsch über das Erlebte. Rundum hätten viele verbrannte Leichen gelegen, erzählt er, in der Luft der Verwesungsgeruch; wegen der umherschwirrenden Drohnen habe man kaum den Kopf heben können. Die letzten vier Tage waren ihm Proviant und Wasser ausgegangen.
Am 4. September 2025 sei Kuprazewitsch dann selbst zu den Ukrainern gegangen und ließ sich gefangennehmen. Der junge Mann sagt, er habe keine Hoffnung, bald freizukommen: „Wenn du keinen russischen Pass hast, tauschen sie dich nicht aus“, meint er. Er könne nun nur „auf das Ende der militärischen Spezialoperation warten“.