Im Niemandsland sowjetischer Vergangenheit und europäischer Gegenwart 

Viktor bei einem Spaziergang mit seinen Kindern und seiner Nachbarin im Wald nahe Jokūbiškės. Dort markiert ein gelber Pfosten die Grenze zu Belarus. Jokūbiškės, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian

Gandras ist im Litauischen das Wort für Storch. Nach dem Zugvogel hat Jasper Walter Bastian sein Fotoprojekt benannt, in dem er sich mit der litauisch-belarussischen Grenzregion und ihren Menschen beschäftigt.

Wir haben mit ihm über diese faszinierende, aber vergessene Region an der EU-Grenze gesprochen und natürlich über seine Fotos, die wir in einer Auswahl zeigen.


dekoder: Wie ist die Idee für das Fotoprojekt Gandras entstanden?

Jasper Walter Bastian: Die Idee entstand aus einer längeren Auseinandersetzung mit europäischen Grenzregionen. 2013 hatte ich bereits mehrere Monate in Mitrovica im Norden des Kosovo gearbeitet, einer ethnisch geteilten Stadt. Dort begann ich mich intensiver damit auseinanderzusetzen, wie territoriale Grenzen sich auf Identität und Gemeinschaft auswirken.

Bei der Suche nach einem neuen Thema stieß ich auf einen Bericht über die EU-Außengrenze zwischen Litauen und Belarus, die direkt durch die Dörfer Sakalinė und Kulkischki verläuft. Ich begann das Projekt im Februar 2015 und kehrte einige Monate später dorthin zurück, um weitere abgelegene Orte entlang des 677 Kilometer langen Grenzabschnitts zu besuchen. Dabei interessierte mich besonders die multiethnische Zusammensetzung der Region, in der nationale Zugehörigkeit oft nicht eindeutig ist. In fast jedem Gespräch wurde deutlich, dass viele Menschen enge Familienangehörige auf der jeweils anderen Seite der Grenze haben, zu denen der Kontakt heute nur noch schwer aufrechtzuerhalten ist.


Der Storch ist titelgebend für das Projekt. Eine Metaphorik?

Der Weißstorch, auf Litauisch gandras, ist fester Bestandteil des ländlichen Lebens in der Grenzregion und gilt sowohl in Litauen als auch in Belarus als ein tief in der Kultur verwurzeltes Nationalsymbol. Für mich wurde der Storch zu einer Metapher für das Grenzland. Störche ziehen jedes Jahr tausende Kilometer über politische Grenzen hinweg, ohne sie wahrzunehmen. Während die Menschen durch Zäune, Visa und Grenzkontrollen getrennt sind, bewegen sich die Vögel frei über dieselben Landschaften hinweg.

Gleichzeitig stehen Störche traditionell für Heimkehr und ein harmonisches Familienleben – etwas, das vielen Bewohnern der Region verloren gegangen ist, seit ihre Dörfer durch die EU-Außengrenze getrennt wurden.


Wie sind Ihnen die Menschen dort begegnet?

Die meisten, die ich traf, waren älter und hatten den Großteil ihres Lebens noch in der Sowjetunion oder sogar in der Zweiten Polnischen Republik verbracht. Viele sind bis heute stark in jener Zeit verwurzelt. In vielen Orten war ein Gefühl von Stillstand und Perspektivlosigkeit spürbar. Der Übergang zur Marktwirtschaft bedeutete für viele den Verlust von Arbeit und Sicherheit und führte zu einer gewissen Nostalgie gegenüber der früheren Stabilität und dem Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen.

In vielen Gesprächen wurde deutlich, wie stark die politischen Veränderungen in den Alltag eingreifen. Ich habe beispielsweise mit Leokadija aus Norviliškės gesprochen, die ihren Mann und ihre beiden Schwestern auf der belarussischen Seite seit Jahren nicht mehr sehen kann. Oder mit dem Kartoffelbauern Stanislavas, dessen Feld von der Grenze zerschnitten wird und der bei der Ernte Gefahr läuft, eine Straftat zu begehen. Auch Galina aus Jurgionys erzählte mir, dass sie selbst im eigenen Dorf täglich ihren Ausweis vorzeigen muss – die Grenzbeamten kontrollieren sie regelmäßig, selbst wenn sie nur ihre Post holen möchte.


Über Litauen und Belarus und ihre ineinander verwobene Geschichte ist bei uns wenig bekannt. Was hat Sie daran besonders fasziniert?

Mich hat vor allem der fluide Grenzverlauf dieser Region fasziniert, ebenso wie die besondere geografische Lage der litauischen Region Dieveniškės, die wie eine „Träne“ in belarussisches Staatsgebiet hineinragt, nahezu wie eine Exklave. In der Grenzregion erzählt man sich scherzhaft die Geschichte, dass 1939, als im Kreml die Grenzen neu gezogen wurden, Stalin seine Pfeife auf die Landkarte legte. Da sich niemand traute, sie wegzunehmen, wurde die Grenze einfach um sie herum gezogen. Bis zum Zerfall der Sowjetunion spielte die Grenze jedoch im Alltag der Menschen kaum eine Rolle. Familien entstanden über nationale Zugehörigkeiten hinweg, Schulklassen waren ethnisch durchmischt und in den Kolchosen wurde Jahr für Jahr gemeinsam die Ernte eingeholt.

In den letzten hundert Jahren hat sich der Grenzverlauf zwischen Litauen und Belarus mehrfach verschoben. Viele ältere Bewohner, wie etwa Edvardas aus Sakalinė, erzählten mir, dass sie in Polen, unter deutscher Besatzung, in der Sowjetunion und schließlich in Litauen oder Belarus gelebt haben, ohne jemals ihr Dorf zu verlassen. Diese Gleichzeitigkeit von politischer Veränderung und persönlicher Kontinuität hat mich besonders interessiert.

Gleichzeitig ist die Region ethnisch stark gemischt. In der Gegend um Šalčininkai sind heute etwa 75Prozent der Bevölkerung polnischer Herkunft, gesprochen wird meist Russisch oder Polnisch. Erst mit der EU-Außengrenze entstand ein harter Schnitt. Heute trennt ein meterhoher Zaun Menschen, deren Häuser oft nur wenige Meter voneinander entfernt stehen.


Die Bilder wirken oft traumartig, wie aus einer vergessenen Welt. Wie ist diese Ästhetik entstanden?

Viele Orte wirken wie aus der Zeit gefallen: verlassene Kolchosegebäude, kaum Verkehr, weite Wälder und Siedlungen mit alten Holzhäusern, die zum Teil noch aus dem 19.Jahrhundert stammen. Gleichzeitig leben die Menschen, die in den Dörfern entlang der Grenze geblieben sind, oft in enger Verbundenheit mit der Natur und pflegen traditionelle Lebensweisen. Viele sind Selbstversorger, da städtische Infrastruktur und wirtschaftliche Perspektiven fehlen.

Besonders im Winter, wenn Schnee und dichter Nebel die Landschaft überziehen und die Wege schwer passierbar sind, entsteht eine fast unwirkliche Stille. Ich habe bewusst mit ruhigen, zurückhaltenden Bildern gearbeitet, um dieses Gefühl von Abgeschiedenheit und Stillstand zu vermitteln. Die Region wirkt wie ein Zwischenraum zwischen sowjetischer Vergangenheit und europäischer Gegenwart. Diese Schwebe wollte ich fotografisch erfahrbar machen, eher durch Atmosphäre als durch spektakuläre Motive.


Waren Sie nach 2016 nochmals vor Ort? Wie hat sich dort die Situation seit 2020 und 2022 verändert?

Nach meinem letzten Aufenthalt 2016 war ich selbst nicht mehr dort. Die beiden Übersetzer, mit denen ich damals zusammenarbeitete, verließen in den darauffolgenden Jahren die Region für ihr Studium und zogen später ins Ausland, sodass der Kontakt dorthin inzwischen weitgehend zum Stillstand gekommen ist.

Aus Berichten weiß ich jedoch, dass sich die Situation seit 2021/22 deutlich verändert hat. Die Grenzkontrollen wurden massiv verschärft, große Teile der Region um Dieveniškės und Šalčininkai gelten heute als Hochsicherheitszone, und der Grenzzaun, der damals nur in vereinzelten Dörfern existierte, wurde entlang nahezu der gesamten Grenzlinie ausgebaut. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist die Region zusätzlich stark militarisiert. Zuletzt sorgten auch Vorfälle wie belarussische Wetterballons, die zum Grenzschmuggel eingesetzt werden, für Schlagzeilen und verschärften die ohnehin angespannte Lage zwischen beiden Ländern.

Die Bewegungsfreiheit, die ich damals noch hatte, ist heute kaum vorstellbar. Für viele Bewohner ist es inzwischen deutlich schwieriger geworden, Verwandte auf der anderen Seite zu besuchen. Oft müssen sie Umwege von bis zu 200 Kilometern in Kauf nehmen, um die belarussischen Nachbardörfer auf der anderen Seite zu erreichen.

Eine Leiter lehnt an einem gekappten Baumstamm im Dorf Ažubenis nahe der Grenze. Ažubenis, Litauen, 2016. / Foto © Jasper Walter Bastian
Edward, 88, ist der älteste Bewohner von Sakalinė. Ohne sein Elternhaus jemals verlassen zu haben, wechselte im Laufe seines Lebens viermal die staatliche Zugehörigkeit seines Wohnortes: Polen, deutsche Besatzung, Sowjetunion und Litauen. Wie viele Bewohner der Grenzregion hat auch er polnische Wurzeln. Sakalinė, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Ein leerstehendes Haus auf der belarussischen Seite der Grenze in Kulkischki, Belarus, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Treffen der Familie Stankiewicz in Sakalinė, 1956. Wie es bei vielen Familien der Fall war, lebten Teile der Familie sowohl in Sakalinė als auch in Kulkischki. Heute haben die Familienmitglieder den Kontakt zu ihren Verwandten auf der jeweils anderen Seite verloren. / Foto © Jasper Walter Bastian
Ein zugefrorener Teich im beschaulichen litauischen Dorf Sakalinė, einem von mehreren „Geisterdörfern“ entlang der EU-Grenze. Abgelegen und überwiegend von älteren Menschen bewohnt, wirkt der Ort wie aus der Zeit gefallen. Sakalinė, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Vandas Eltern sind auf dem Friedhof der belarussischen Grenzstadt Heranjony begraben. Früher besuchte sie die Gräber regelmäßig, heute reist sie nur noch einmal im Jahr dorthin, da der Weg fast einen ganzen Tag in Anspruch nimmt. Kačėnai, Litauen, 2016 / Foto © Jasper Walter Bastian
Ikonen an den Wänden gehören zur typischen Ausstattung der Häuser. Obwohl das sowjetische System atheistisch geprägt war, hielten viele Dorfbewohner an ihrem katholischen Glauben fest. Sakalinė, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Mit 18 Jahren verließ Viktor sein Heimatdorf Jokūbiškės und schloss sich dem sowjetischen Militär an. Heute lebt er in Vilnius, kehrt aber jeden Sommer nach Jakubiskes zurück, um sich um das Haus seiner Eltern zu kümmern. Jokūbiškės, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Ein kleiner Fluss markiert die Grenze in Pašalčis. Zwei bemalte Steine kennzeichnen hier die Grenze zwischen litauischem und belarussischem Staatsgebiet. Pašalčis, Litauen, 2016 / Foto © Jasper Walter Bastian
Eine Vogelscheuche wacht über den Garten eines älteren Ehepaares in Stalgonys, Litauen, 2015. / Foto © Jasper Walter Bastian
Stanislava aus Jokūbiškės, rechts im Bild, bei der Hochzeit ihres Neffen Wladimir aus Kljawiza im Jahr 1980. Das letzte Mal sah sie ihren Neffen vor vielen Jahren bei der Beerdigung ihres Bruders in Belarus. / Foto © Jasper Walter Bastian
Ein stürmischer Abend in Norviliškės. Hinter den Bäumen liegt bereits das belarussische Dorf Pjazkuny. Norviliškės, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Stanislaw, 62, lebt alleine mit seinem Hund in dem letzten Haus vor der Grenze in Norviliskes. Seine Tante Yanina lebt vierhundert Meter von ihm entfernt, auf der der anderen Seite der Grenze. Norviliškės, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Ein typischer gemauerter Ofen in einem der letzten bewohnten Häuser in Norviliškės. Norviliškės, Litauen, 2016 / Foto © Jasper Walter Bastian
Galina spielt mit ihrem Hund in Jurgionys, wo sie seit ihrer Kindheit lebt. Die litauischen Grenzbeamten, die im Dorf patrouillieren, kontrollieren regelmäßig ihren Pass – selbst wenn sie nur die Post holt. Jurgionys, Litauen, 2016 / Foto © Jasper Walter Bastian
Daniel, 9, gehört zu den wenigen Kindern, die noch in den Grenzdörfern aufwachsen. Kužiai, Litauen, 2016 / Foto © Jasper Walter Bastian
Viele der älteren Bewohner schauen vor allem belarussisches oder russisches Fernsehen. Jokūbiškės, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Eine schlammige Straße nach Sakalinė. Bei schlechtem Wetter sind die Dörfer oft von der Außenwelt abgeschnitten. Sakalinė, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Leokadija, 56, lebt getrennt von ihrem Mann. Sie heirateten 1994. Ihr Mann Iwan arbeitete in Belarus und besaß einen belarussischen Pass. Als die Grenze geschlossen wurde, entschied er sich, dort zu bleiben. Zum letzten Mal sahen sie sich vor sieben Jahren. Norviliškės, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Eine Fotografie aus dem Jahr 1992 zeigt die beiden Belarussen Jonas und Arturas aus dem benachbarten Grenzort Kanbališkės. Seit dieser Aufnahme haben sie ihre litauische Verwandtschaft nicht mehr wiedergesehen. Stalgonys, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Wie viele Bewohner von Sakalinė wuchs Juzefa, 82, in Kulkischki auf. Mit zwanzig Jahren zog sie nach Sakalinė und arbeitete im örtlichen Kollektivbetrieb. Seit der litauischen Unabhängigkeit ist sie nicht mehr nach Belarus zurückgekehrt. Ihr Haus liegt nur wenige Meter vom Grenzzaun entfernt, doch sie möchte nicht dorthin zurückkehren. Sakalinė, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian
Stanislaws Haus, das letzte Haus vor der Grenze in Norviliškės. Norviliškės, Litauen, 2016 / Foto © Jasper Walter Bastian
Viktor und Leokadijas Liebe hat politischen Veränderungen und Grenzverschiebungen standgehalten. Seit fünfundfünfzig Jahren sind sie verheiratet. Viktor wuchs in der belarussischen Stadt Kusmitschy auf, nur einen Steinwurf von der litauischen Stadt Albertina entfernt, wo das Paar heute lebt. Albertina, Litauen, 2016 / Foto © Jasper Walter Bastian
Dieser Grenzzaun, der 2004 errichtet wurde, trennt die beiden Dörfer Sakalinė und Kulkischki. Zu Zeiten des Kalten Krieges hatten die Bewohner beider Seiten rege Kontakt. Sakalinė, Litauen, 2015 / Foto © Jasper Walter Bastian