
Für das dokumentarische Theaterstück Mii Dim schreiben Jugendliche aus dem südukrainischen Cherson Geschichten über ihre Erlebnisse während der russischen Besatzung ihrer Heimatstadt im Jahr 2022 auf. Regisseur Andriy May bringt diese mit professionellen Schauspieler:innen auf eine Kyjiwer Theaterbühne. Bei der Vorstellung verwandelt sich das Molodij Teatr in den Abschlussball, den die jungen Autor:innen des Stücks damals nicht feiern konnten, weil die russischen Besatzer das Stadtleben lahmlegten, ihre Schulgebäude zerschossen und Angehörige verschleppten.
Die Ukrajinska Prawda hat den Erarbeitungsprozess begleitet und dokumentiert die schmerzvoll detailreichen Besatzungserfahrungen der Jugendlichen.
Stille, Besatzung, Freiheit – in genau dieser Reihenfolge spricht Slata die Wörter aus. Sie ist 17 Jahre alt, stammt aus Cherson und ist während der russischen Besatzung 2022 in der Stadt geblieben.
Zum ersten Mal sehen wir Slata bei einem Zoom-Meeting der Teilnehmer:innen des Theaterprojekts Mii dim (dt. Mein Zuhause). Die Idee stammt von dem Regisseur Andriy May, auch er kommt aus Cherson.
Zehn Teenager aus Cherson und Wysokopillja, einem Dorf in der Oblast Cherson, sollen ein kurzes Stück über das Leben in ihrer Heimatstadt schreiben. Ohne sich abgesprochen zu haben, schreiben fast alle Teilnehmer:innen über die Besatzung, die sie im ersten Jahr des vollumfänglichen russischen Krieges gegen die Ukraine erlebten.
Die Jugendlichen sind heute zwischen 14 und 17 Jahren alt und leben noch immer in der Frontstadt. Durch die Stadt zu gehen ist gefährlich. Die Russen veranstalten hier sogenannte Menschen-Safaris, bei denen sie mit leichten FPV-Drohnen auf Menschen jagen. Schulunterricht findet meistens nur online statt. Und die Teenager verbringen seit nunmehr vier Jahren den Großteil ihrer Zeit zu Hause.
Besatzungsgrauen in Kinderstimmen
Sie erzählen von ihren Erfahrungen während der Besatzung, als wären die etwas Alltägliches. Auffällig ist der Kontrast zwischen den fast noch kindlichen Stimmen und dem, was sie berichten.
„Ich hatte Geburtstag. Vor unserem Haus hielt ein Ork-Panzer. Sie zwangen meinen Vater auf die Knie.“
„Ich hatte keinen Abschlussball, meine Schule wurde zerbombt. Ich habe meine Schule geliebt.“
„Sie haben in der Nacht Menschen abgeholt.“
„Die Autos, die vorne fuhren, wurden beschossen.“
„Ich fahre nach Mykolajiw, um mich vom Krieg auszuruhen.“
„Mein Vater ist Volunteer – ich will über meinen Vater schreiben. Geht das?“
Nur Slata verliert fast die Fassung, als sie den Namen ihres Taufpaten ausspricht. Sie sagt es nicht direkt, kann es nicht, aber man versteht, dass er umgekommen ist.
Mit der Zeit nimmt der Krieg einem die Angewohnheit, Einzelheiten zu erzählen, denn sie sind schmerzhaft und unaussprechlich. Stattdessen orientiert man sich an der Intonation. Alle, die im Bilde sind – und hier sind alle im Bilde – können sie sofort deuten.
Die Stimmen erzählen
Anders als Erwachsene halten die Jugendlichen ihre Deadlines ein. Fast alle neun Texte kommen pünktlich. Das Thema „Die Besatzung der Oblast Cherson“ bekommt eine eigene Stimme.
Slata beschreibt die ersten Tage der Besatzung. Den Tod ihres Taufpaten und dass ihre Mutter und sie sich in fremden Wohnungen verstecken mussten, weil sie von den Russen gesucht wurden. Gleichzeitig besuchte Slata den Online-Unterricht ihrer Schule. Eine Frage ihrer Lehrerin brachte sie endgültig aus der Fassung: „Warum hast du den Hasen aus Filz nicht gemacht?“
In Slatas Text gehen Tragödie und Absurdität Hand in Hand. Neben der Frage nach dem Filzhasen erschreckt der Satz: „Das Leichenhaus wurde zerbombt.“

Die Handlung von Marijas Monolog „Cherson aus der Zukunft“ spielt im Jahr 2052. Die Protagonistin ist Marija selbst in dreißig Jahren. Sie spaziert durch die Stadt und erinnert sich an den heutigen Krieg. Das zukünftige Cherson sieht aus wie eine Traumstadt, im Kontrast dazu stehen die völlig realen Erinnerungen der Autorin.
„… Damals erinnerte die Stadt an eine Ruine, überall, in jeder Straße gab es mindestens ein Haus, das getroffen worden war … In unserer Stadt gab es verschiedene Zonen. Die rote Zone war die gefährlichste. Dorthin fuhren weder Notarzt noch Feuerwehr, nur die Polizei, und die auch nur, wenn die Situation sicher war. Die nächste Zone war die gelbe. Sie war ein Mittelding: Hier konnte man leben, aber es gab Probleme. Am sichersten war die grüne Zone. Später dehnte sich die rote Zone aus und verschluckte mit der Zeit die gelbe und grüne Zone.“

In Marijas Text wird auch die völlig zerstörte Stadtbibliothek erwähnt, die nach Oles Hontschar benannt war. 1942 hatte er in sein Notizbuch geschrieben:
„Rundherum kreischt das Eisen
Todbringend zischt die Luft,
Ich kenne den Grad der Anspannung
Wenn einen nichts mehr erschreckt.“
2025 tippt die 13-jährige Anhelina in ein Google-Dokument:
„Wir stehen. Ein Checkpoint. Die Russen gehen langsam, ihre Waffen schlagen klirrend gegen das Metall ihrer Brust.“
Anhelina schreibt darüber, wie sehr sie sich fürchtete, dass ihr Vater von den Russen gefangen genommen würde, wenn diese erführen, dass er in der Armee gedient hatte. Über ihren Großvater, der am 24. Februar 2022 zur Arbeit fuhr und nicht nach Hause zurückkehren konnte. Sie nennt ihren Text „Weg durch die Angst“. Er hat einen metallischen Beigeschmack.
Wie eine Krankheit hat der Krieg Symptome, mit denen er die Texte aller kennzeichnet, die mit ihm in Berührung gekommen sind.

Im Krieg werden Kinder schnell erwachsen. Die Akteure in Polinas Stück „Als wir andere wurden“ sind zwischen neun und elf Jahre alt. Die gesamte Handlung findet draußen statt. Vier Freunde geben einander das Versprechen, „den Krieg gemeinsam zu überleben“. Doch am Ende sind nur noch zwei Freundinnen da, die Salzstangen knabbern.
Diese Salzstangen tönen als Refrain im gesamten Stück wieder – wie ein Symbol, das an das Leben in Frieden erinnert.

Die Protagonisten machen von denselben Kommunikationsstrategien Gebrauch wie Erwachsene – wenn man einen Menschen, der einem nahe steht, nicht entmutigen will, scherzt man oder redet über Alltägliches. Reflektieren vernichtet. Scherze retten. Und das yogische „Hier und Jetzt“ erlangt wieder seinen ursprünglichen Sinn.
Eleonoras Vater ist Freiwilliger. Er rettet Menschen und Tiere aus dem Frontgebiet. Während der Vater im Einsatz ist, finden Mutter und Tochter keine Ruhe. Über einen dieser Tage schreibt Eleonora in ihrem Stück.

Marija und Saschko – beide 14 – erzählen von ihrem Zusammentreffen mit den russischen Besatzern vor drei Jahren. Ihre Geschichten erinnern an Tagebucheinträge. Am Tag vor Marijas elftem Geburtstag wurde ihre Siedlung besetzt. Ihre Eltern sind Schweinebauern, am Morgen noch waren sie losgefahren, um die Bewohner des Dorfs mit frischem Fleisch zu versorgen.
„Gratis“, wie Marija schreibt. Dann erklärt sie: „Weil die Menschen nichts zu essen hatten.“
Ihr 15-jähriger Bruder war zum Holzhacken gegangen. Marija und ihre eineinhalb Jahre alte Schwester saßen in der Sommerküche, als Besatzer vor dem Hof hielten:
„Folgendes Bild: Da stehen drei, vier Besatzer, in dem Moment kommt mein Bruder mit der Axt in der Hand zurück. Die Besatzer betreten den Hof, als gerade meine Eltern gelaufen kommen. Zwischen Sommerküche und Haus stehen – der Größe nach – mein Bruder, meine Schwester und ich. Bei der Haustür stehen die Besatzer, sie haben meinen Vater in die Knie gezwungen und das Gewehr auf ihn gerichtet, ihnen gegenüber steht meine Mutter. Sie forderten den Wehrpass meines Vaters …“

Saschkos Eltern konnten sich lange nicht dazu durchringen, die Stadt zu verlassen. Die Mutter war dagegen, der Vater drängte dazu. Eines Morgens ging der Vater fort, kam etwas später aufgeregt zurück und sagte zur Mutter, dass sie sofort packen und nach Krywyj Rih fahren müssten. Die Mutter begann zu weinen, packte aber die Sachen und Dokumente zusammen.
„In der Garage schloss Papa Mamas silbernen Daewoo Matiz auf. Wir hängten weiße Tücher an die Spiegel und schrieben mit Zahnpasta KINDER an die Autotüren. Papa sagte, wir sollten einsteigen. Selbst setzte er sich ans Steuer und brachte uns zur Ausfahrt von Wysokopillja.“
Beim Checkpoint schoss ein Bärtiger in einem schmutzigen Mantel in die Luft und befahl ihnen, mit erhobenen Händen auszusteigen. Saschko nahm er das Handy weg. Der Vater musste in einen schwarzen Bus steigen, der Mutter befahlen sie weiterzufahren. Die Kolonne aus Autos bewegte sich durch die Steppe. Und dann geschah etwas Schreckliches.
Saschko schreibt:
„Ich bemerkte, dass in einem Wäldchen etwas aufblitzte, beachtete es aber nicht weiter. Ein paar Minuten später fuhr ein Schützenpanzer aufs Feld hinaus. Wir blieben stehen, die anderen Autos fuhren weiter – auf sie wurde das Feuer eröffnet.“
Saschkos Vater wurde einen Monat später freigelassen.

Iwan schreibt darüber, wie er zum ersten Mal begriff, dass der Tod ganz in seiner Nähe ist. Seit Beginn des vollumfänglichen Kriegs gibt es in seiner Familie eine Tradition: Zur Erholung fahren sie nach Mykolajiw, das 50 Kilometer von Cherson entfernt liegt. Eine Stunde Autofahrt und man ist in einer Stadt, in der eine Illusion von Frieden herrscht: Auf der Straße spielen Kinder, Paare gehen spazieren.
In den letzten Jahren galt die Straße Cherson–Mykolajiw als relativ sicher. Aber im Sommer des vergangenen Jahres sah Iwan ein brennendes Auto am Straßenrand, das eben von einer Drohne getroffen worden war. An diesem Tag begriff er, dass an der Stelle der Menschen in dem brennenden Auto genauso gut er und seine Familie hätten sein können.
Abgesehen von all den anderen Gräueln macht der Krieg etwas ganz Fieses: Er nimmt der Jugend die Illusion der Unsterblichkeit. Nimmt ihr das Gefühl zu fliegen.

Nachdem ich Iwans Text fertiggelesen habe, gebe ich bei YouTube „Straße Cherson – Mykolajiw“ ein. Gleich im ersten Video, das mir vorgeschlagen wird, sehe ich die Chersoner Steppe, die der Junge so stimmungsvoll beschrieben hat, und brennende Autos von Zivilisten am Straßenrand.
Ein erstes Glück seit Februar 2022
Im Dezember 2025 wurde Mii Dim im Molodyji Teatr in Kyjiw aufgeführt. Regisseur Andriy May lud die Jugendlichen in die Hauptstadt ein. Auf der Straße Cherson-Mykolajiw fuhren sie in Polizeibegleitung und unter dem Schutz Elektronischer Kampfführung.
Andriy erzählt, dass die erste Probe sehr schwierig war – die Schauspieler weinten, als sie die Texte lasen.
„Für mich ist das Wichtigste an diesem Projekt, dass die Stimmen der Kinder hörbar werden. Dass sie Unterstützung spüren und begreifen, dass ihre Erfahrungen wichtig sind. Abgesehen von diesen Jugendlichen gibt es Tausende andere Kinder in Cherson, die schweigen. Weil es so schmerzhaft für sie ist, über ihre Erfahrungen zu sprechen“, erklärt May.

Violetta hatte ein Stück über ihren Schulabschlussball geschrieben, der 2024 stattfinden sollte. Aber nicht stattfand. Es gelang, den Ball auf der Bühne des Molodyj Teatr zu inszenieren.
In dem Stück findet der Abschlussball im Traum der Protagonistin statt. Dort tanzen alle zu einem bekannten Hit einer koreanischen Band. Und im Molodyj Teatr tanzten dann sowohl Zuschauer als auch Schauspieler zu K-Pop durch den Saal.

Als die Kinder wieder zu Hause waren, sagten die Eltern zu Andriy, weswegen das Projekt genau auf diese Weise hatte stattfinden müssen: „Wir sind glücklich, denn zum ersten Mal seit dem russischen Überfall auf die Ukraine sehen wir leuchtende Kinderaugen.“