Der Fall „Hajun“: den Widerstandsgeist brechen

Illustration © Mediazona Belarus

Am 5. Februar 2025 verschafften sich die belarussischen Gewaltbehörden Zugang zum Telegram-Kanal Belaruski Hajun, in dem Nutzer Fotos und Videos von russischer Kriegstechnik in belarussischen Städten geteilt haben. Nach diesem Zugriff setzte eine Welle von Verhaftungen ein: Derzeit laufen Gerichtsprozesse, Hunderte sitzen in U-Haft, einige haben ihre Strafe bereits verbüßt. Im Winter 2026 wurden immer noch Belarussen wegen Beiträgen verurteilt, die sie 2022 auf Telegram gepostet hatten.

Mediazona Belarus hat Daten des Innenministeriums und von Menschenrechtlern ausgewertet, mit Anwälten und Insidern gesprochen und berichtet, was ein Jahr nach dem Datenleck über den Fall bekannt ist.


Hajun sorgt für Ordnung im Wald

Das Projekt Belaruski Hajun entstand 2022, kurz vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Der Name stammt aus der belarussischen Mythologie: Hajun ist ein Geist, ein mächtiges Wesen, das in seinem Wald für Ordnung sorgt. Vögel und andere Tiere sind ihm zu Diensten.

Ab Januar 2022 beobachtete die Monitoring-Gruppe, wie die Russen zu „Übungszwecken“ technisches Gerät nach Belarus verlegt hatten. Man befürchtete, dass die Russische Föderation einen Militärstützpunkt in Belarus errichten würde. Aber es kam noch viel schlimmer.

Nach Ausbruch des Krieges arbeitete das Team von Hajun wochenlang ohne Unterbrechungen. Die Belarussen schickten Foto- und Videoaufnahmen von russischer Kriegstechnik an den Chatbot, teilten Informationen über ihre Verlegung.

„Wenn Raketen gezündet wurden, dauerte es maximal drei Minuten, bis die Information über den Start im Chat erschien“, erzählte Hajun-Gründer Anton Motolko 2023 in einem Interview mit Mediazona. Bald begannen auch die Ukrainer, sich diese Informationen zunutze zu machen.

„Die Daten aus Belarus waren extrem wichtig und nützlich für die Ukraine, sowohl für die Armee als auch für die Behörden, die die Lage in den Regionen analysierten und beobachteten. Wichtig waren die Daten auch für die einfache ukrainische Bürger, die den Kanal Belaruski Hajun als Warnsystem nutzten, noch bevor die Sirenen in der Ukraine losgingen.“

30.000 Menschen teilten Informationen über die russische Armee

Am 5. Februar 2025 veröffentlichte der Kanal eine Nachricht im Namen von Anton Motolko:

„Infolge eines unbefugten Zugriffs haben sich heute Morgen Dritte Zugang zum Chatbot Hajun verschafft, der von Nutzern eingesandte Informationen sammelte. Wir wissen nicht, wie viele Daten heruntergeladen wurden, während das fremde Konto Zugriff hatte. Ich möchte vorwegnehmen, dass hier ein menschlicher Fehler vorlag, und dieser Fehler war meiner. Wenn Sie Informationen gesendet haben, die Sie identifizieren könnten, oder von Konten aus geschrieben haben, die Sie identifizieren könnten, befinden Sie sich in Gefahr.“

Einen Tag später stellte das Projekt seine Arbeit ein.

In einem früheren Interview hatte Motolko von rund 30.000 Menschen gesprochen, die Nachrichten an Hajun geschickt hätten.

Die Silowiki bekamen Zugang zu dem Chat, an den der Kanalbot Nachrichten von Nutzern weiterleitete. Vermutlich hatten sie den Link nach der Festnahme einer Aktivistin bekommen, die lange Zeit in Belarus geblieben war. Motolko bestätigte gegenüber Mediazona, dass sie diesen Link gehabt haben könnte, obwohl sie seit 2023 nichts mehr im Chat gepostet hatte. Zu den Daten, die aus dem Bot geleakt wurden, gehörten auch die persönlichen IDs der Telegram-Nutzer.

Diese IDs werden den Nutzern bei der Erstellung eines Kontos zugewiesen. Anhand dieser Nummer lassen sich Informationen über offene Chats, an denen der Nutzer teilnimmt, die Telefonnummer, sofern diese nicht aktiv in den Einstellungen verborgen wurde, und der Verlauf der Umbenennungen des Kontos abrufen.

Die ersten Festnahmen wurden dann am 6. Februar gemeldet, einen Tag nach dem Hackerangriff. Der Telegram-Kanal GU Baza, der den Sicherheitskreisen nahesteht, veröffentlichte das Foto eines Verhafteten. Sein Gesicht war mit dem Logo von Hajun verdeckt. Laut Angaben von Digital Intelligence Team soll es sich bei dem Festgenommenen um den 42-jährigen Maxim Nikitenko gehandelt haben, einen Mitarbeiter der Ölraffinerie in Mozyr. Er wurde wegen Beihilfe zu „extremistischen Aktivitäten“ zu einer Haftstrafe mit Zwangsarbeit in einer Strafkolonie verurteilt; das genaue Strafmaß ist nicht bekannt. In die vom Innenministerium geführte „Liste der Extremisten“ wurde er am 16. Januar 2026 aufgenommen. Anhand dieser Liste lässt sich die ungefähre Anzahl der Verurteilten ermitteln.

335 Hajun-Urteile in knapp einem Jahr

Das Übermitteln von Nachrichten an Hajun behandelt das belarussische Gericht nach Paragraf 361-4 des Strafgesetzes, „Beihilfe zu Extremismus“. Als „Beihilfe zum Extremismus“ kann zum Beispiel die Unterstützung von Politgefangenen und deren Angehörigen gewertet werden, darunter das Senden von Hilfspaketen. Auch ein Interview mit einem unabhängigen Medium, wie im Fall des Analytikers Jegor Lebedok, zählt unter Umständen zu dieser Kategorie. Oder Fotos und Videos von Kriegstechnik, die an andere Medien übermittelt wurden – dafür stand zum Beispiel Anna Pyschnik aus Mozyr vor Gericht. Als „Beihilfe zum Extremismus“ kann sogar die Unterstützung von Menschenrechtlern gelten: Witali Tschopik aus Brest wurde verurteilt, weil er öffentliche Gerichtsverhandlungen besuchte und dort Protokoll führte.

Von 2022 bis 2024 landeten aufgrund dieses Paragrafen pro Jahr ein Dutzende neue Namen auf der „Extremisten-Liste“ – zwischen 23 und 86. 2025 waren es über 300.

Unsere Analyse umfasst keine Belarussen, die in Abwesenheit – wie der Angehörige des Kalinouski-Regiments, Jan Melnik – oder zwar nach diesem Artikel, aber wegen eines ganz anderen Sachverhalts verurteilt wurden, zum Beispiel der Militärexperte Andrej Porotnikow.

Des Weiteren wurde berücksichtigt, dass die Gerichtsverfahren im Fall Hajun nicht vor Ende März 2025 aufgenommen wurden. Jene, die vorher auf der Liste landeten, wurden aus anderen Gründen verurteilt. Dazugezählt werden auch Daten, die für 2026 vorliegen – aus dem Januar.

Mit diesen Einschränkungen geht aus unserer Analyse hervor, dass zwischen März 2025 und Januar 2026 mutmaßlich 335 Personen im Fall Hajun verurteilt wurden. 175 dieser Personen sind der Menschenrechtsorganisation Wjasna namentlich bekannt.

142 Menschen wurden zu Zwangsarbeit im offenen Strafvollzug oder einer Strafkolonie verurteilt. Die übrigen 193 zu Hausarrest.

Das Durchschnittsalter der Frauen, die nach diesem Paragrafen verurteilt wurden, liegt bei 41 Jahren. Die älteste ist 76, die jüngste 21 Jahre alt. Die Männer sind im Schnitt 39 Jahre alt, wobei der älteste 67 und der jüngste 19 ist.

Die „Extremisten-Liste“ enthält keine Angaben zum genauen Wortlaut des Rechtsspruchs. Der Paragraf sieht bis zu fünf Jahre Freiheitseinschränkung (Zwangsarbeit) bzw. bis zu sieben Jahre Freiheitsentzug vor.

So wurde zum Beispiel der Mozyrsol-Mitarbeiter Alexander Gerassimenko zu viereinhalb Jahren Strafkolonie verurteilt. Witali Kowalenko aus Jelsk und Game-Designer Walentin Tolkatsch aus Minsk zu je drei Jahren Kolonie.

Die Strafdauer wird von Angehörigen der Betroffenen in Themen-Chats geteilt. Im Januar zum Beispiel beantragte der Staatsanwalt für jemanden in fünf Anklagepunkten vier Jahre Hausarrest – und das Gericht folgte ihm in seinem Urteil. In zwei weiteren Fällen wurden je zweieinhalb Jahre Hausarrest verhängt: Bei einem der Verurteilten ging es um einen Anklagepunkt, beim zweiten um drei.

Meistens kommen gleich zwei Teile des Paragrafen zur Anwendung. Wie ein Anwalt, der anonym bleiben möchte, gegenüber Mediazona erklärte, spiele die Anzahl der an den Bot gesendeten Nachrichten eine wichtige Rolle.

„Sie werten jede Nachricht im Chat als einen einzelnen Straftatbestand. Deshalb ist jede weitere Nachricht eine Wiederholungstat“, erklärt der Jurist. Selbst eine einzige Nachricht an Hajun könne mehrere Anklagepunkte umfassen, wenn darin von mehreren Militärtransporten die Rede ist.

Die Masse der Gerichtsverfahren in diesem Fall wird an der „Liste der Extremisten“ deutlich, auf die die nach Artikel 361-4 Verurteilten gesetzt werden und die jeden Freitag aktualisiert wird: Im März [2025] waren es drei Verurteilte mehr, im Juli zehn, im September 37, im Oktober bereits 40, im November 66 und im Dezember 75 Personen. Im Januar 2026 wurden 66 Personen in die Liste aufgenommen.

„Täglich kamen Dutzende in die Strafisolatoren“

Im April 2025 wurde Nikita Lossik festgenommen, der Bruder des ehemaligen Politgefangenen und Journalisten Igor Lossik. Nikita berichtete aus seiner Zeit in U-Haft, dass in jeder Zelle zwei bis drei Personen wegen an Hajun übermittelter Fotos von Kriegstechnik gesessen hätten.

„Man hatte das Gefühl, sie würden schnell Platz schaffen, damit sie neue Leute einbuchten konnten, denn das Untersuchungsgefängnis war überfüllt.“

Ein anderer Verurteilter berichtete der Menschenrechtsorganisation Wjasna, dass „im Herbst täglich Dutzende von Menschen wegen Hajun in die U-Haft gebracht wurden“: „In der U-Haft gingen Gerüchte um, die Hälfte der Häftlinge wären politische. Erst waren es die ‚Fußgänger‘ [Demonstranten – dek], und als deren Gerichtsprozesse abgeschlossen waren (so im September/Oktober), blieben nur Hajuns übrig. Wir hatten alle nicht viele Anklagepunkte. Einer, der seit April wegen Hajun saß, hat eine Gefängnisstrafe bekommen, die anderen Hausarrest. Jetzt sieht man, dass sich die Tendenz ändert: Am Anfang haben die meisten Kolonie bekommen, mittlerweile eher Hausarrest.“

Er sagt gegenüber den Menschenrechtlern aus, er sei in fünf Monaten U-Haft nur drei Mal verhört worden – bei der Verhaftung, bei der Anklage und der Urteilsverkündung.

„In der U-Haft gab es verschiedene Gerüchte. Die letzten Verhafteten, die ich noch mitbekommen habe, sprachen von 30.000 Menschen. Das würde mich nicht wundern – im Herbst kamen alle wegen Hajun. An einem einzigen Tag brachten sie 40 Leute aus Okrestina deswegen. An einem Tag! So viele Strafsachen. Es gab gar keinen Platz mehr. Deshalb ließen sie die Leute gegen Kaution frei, oder mit Bürgschaft. Als ich verhaftet wurde, gab es diese Möglichkeiten nicht. Eine Zeitlang saßen in der Zelle nebenan acht Leute, alle wegen Hajun. Ich habe auch Frauen gesehen.“

In Brest sollen laut Aussage eines anderen Informanten mindestens 800 Menschen deswegen angeklagt worden sein.

Illustration © Mediazona Belarus

Beltelekom-Busse und riesige Strafen

Der ehemalige politische Gefangene Alexej Kaplitsch, der im Sommer 2025 im Untersuchungsgefängnis Koljaditschi saß, berichtet, er habe in den 2,5 Monaten drei Hajun-Angeklagte kennengelernt und einen weiteren in der U-Haft in Mogiljow.

„Alle, mit denen ich gesprochen habe, wurden vom GUBOPiK eingebuchtet, mit allem Drum und Dran, und alle mit Bussen von Beltelekom transportiert. Einer hat sogar nur Hausarrest bekommen, obwohl alle mit riesigen Strafen gerechnet haben“, erinnert er sich.

Wegen Hajun wurden enorm viele Menschen eingesperrt und aus Platzgründen auf die Regionen verteilt. Den Verurteilten wurden in diesem Fall neben Hausarrest oder Zwangsarbeit in der Kolonie auch Geldstrafen [in Höhe von bis zu umgerechnet 25.000€] auferlegt.

Eine ehemalige politische Gefangene, die im Frühjahr 2025 in U-Haft war und später begnadigt wurde, berichtete, dass nicht alle Gerichtsverfahren gegen die Angeklagten im Fall Hajun im Schnelldurchlauf verhandelt wurden. Mindestens eine Frau wurde im März 2025 festgenommen und kam erst im Januar 2026 nach dem Prozess in eine Strafkolonie.

„Alle, mit denen ich gesprochen habe, waren sich des Risikos bewusst“

Keiner der ehemaligen Politgefangenen habe gehört, dass Mitgefangene Anton Motolko angegangen seien oder beschuldigt hätten.

„Alle, mit denen ich gesprochen habe, waren sich des Risikos bewusst. Das waren bewusste Handlungen, den Leuten war klar, es ist Krieg, unschuldige Menschen werden getötet. Ich erinnere mich nicht, dass jemand die Macher von Hajun beschuldigt hätte. Es war, als sei der Krieg der letzte Tropfen“, sagt Alexej Kaplitsch.

„Von den Mädels habe ich nie gehört, dass sie bereuten, was sie getan haben“, bestätigte auch eine begnadigte Politgefangene. „Auch nicht von den Hajun-Frauen. Niemand hat je Motolko die Schuld gegeben, alle waren sich des Risikos bewusst, dass man dafür eingebuchtet werden könnte. Die Menschen waren im Gegenteil überzeugt, dass sie etwas Gutes tun, aber ungerecht behandelt werden – sie halfen ihren Nachbarn, aber wurden dafür eingesperrt.“

Mehr als 40 Anträge auf Evakuierung

Es ist nicht bekannt, wie viele Menschen Belarus aufgrund des Hajun-Datenlecks verlassen haben. Im Februar 2025 berichtete Andrej Strishak, der damalige Leiter der Stiftung BYSOL, von 50 Anträgen, die beim Evakuierungsdienst des Fonds eingegangen waren.

BYSOL führt keine Statistik darüber, aufgrund von welchen Paragrafen jene Personen verfolgt werden, die sie bei der Ausreise unterstützen. Im Lauf des Jahres seien allerdings mindestens 40 Anfragen im Zusammenhang mit Hajun eingegangen. In einigen Fällen handelte es sich um eine vollwertige Begleitung, in anderen um eine einfache Beratung. Die meisten derjenigen, die sich im ersten Monat gemeldet hätten, seien in Belarus geblieben. Bestätigte Evakuierungen im Fall Hajun gab es mindestens zehn.