
Die Sanktionen, mit denen der Westen die Kriegsbeteiligung Lukaschenkos und die andauernden Menschenrechtsverletzungen bestraft, machen der belarussischen Wirtschaft schwer zu schaffen. Um die ökonomischen Folgen abzufedern, hatte sich das Regime an die russische Kriegswirtschaft gekettet, was zu einer kurzfristigen Stabilisierung führte. Mittelfristig aber brauche die belarussische Wirtschaft neue Investitionsspritzen und Absatzmärkte sowie frische Arbeitskräfte, an denen infolge von Repressionen und Flucht Mangel herrscht: In ihrer Analyse zeigt Olga Loiko außerdem, dass sich auch in den Machteliten Unruhe breit macht, weil sie mit ihrem Status Quo nicht mehr zufrieden seien.
Die Chefredakteurin des Online-Mediums Plan B. ist überzeugt: 2026 wird für Lukaschenko ein schweres und zutiefst herausforderndes Jahr, das sogar an den Festen des Regimes rütteln könnte.
In Belarus zeichneten sich bereits ab 2024 wirtschaftliche Turbulenzen ab, darum hatte man es wohl auch so eilig mit den Präsidentschaftswahlen. Sie fanden im Januar 2025 statt, obwohl es das Gesetz auch zugelassen hätte, bis Frühjahr oder Sommer zu warten.
Die Wirtschaft signalisierte Probleme auf ganzer Linie: Der russische Markt für nichtmilitärische Güter begann einzubrechen. Gerade der ist aber für Belarus von zentraler Bedeutung: Ein Jahr zuvor gingen noch 65 Prozent der belarussischen Exporte nach Russland. Lukaschenko räumte bereits selbst ein, dass die rückläufige Nachfrage aus Russland das Hauptproblem der belarussischen Wirtschaft sei. Es ist tatsächlich ein wesentliches Problem, aber nicht das einzige. Hinzu kommen die alten und neuen Sanktionen und die niedrigen Preise für Kalium, das wichtigste Exportgut. Außerdem die chronischen Probleme mit den Preisen für Öl und Ölprodukte. Viele Jahre waren sie der zweite Pfeiler der belarussischen Wirtschaft
All diese Probleme verlagern sich nun in das Jahr 2026 und erfordern komplexe und unkonventionelle Lösungen: Märkte zu finden, die gleichzeitig groß und zahlungskräftig, freundschaftlich gesinnt und erreichbar sind, ist eine Herkulesaufgabe, wenn man die eingeschränkte Logistik und entschiedene Haltung Litauens berücksichtigt, kein belarussisches Kalium über den Hafen von Klaipeda zu verschiffen. Die Aufhebung der Sanktionen seitens der USA war nur der erste Schritt. Endes des Jahres zeigte sich auch Litauen bereit, über den Kalium-Transit zu verhandeln, wenn dabei eine US-Militärpräsenz im eigenen Land herausspringt.
Die diplomatischen Anstrengungen Lukaschenkos und seiner Beamten in den „ferneren Regionen“ Asiens konnte noch nicht in reguläre Geldzuflüsse umgewandelt werden. Es sei denn, man betrachtet die kürzlich verkündeten Vertragsabschlüsse mit Myanmar in Höhe von neun Millionen US-Dollar oder die windigen 500 Millionen im Handelsabkommen mit Algerien als „realen Erfolg“. Doch hier geht es nicht einmal um konkrete Aufträge; Lukaschenko hat einfach ein solches Handelsvolumen vereinbart. Zum Vergleich: Der belarussische Export in die „feindliche“ Europäische Union beläuft sich selbst nach dem Einbruch auf ein Fünftel seit 2021 immer noch auf ein Volumen von 1,4 Milliarden US-Dollar.
Der Großteil der Sanktionen gegen das Lukaschenko-Regime wurden aufgrund des Status als Co-Aggressor im Krieg gegen die Ukraine verhängt, sie lassen sich also weder mit einem „großen Deal“ noch mit kleinen Zugeständnissen aufheben. Ohne ein Ende des Krieges Russlands gegen die Ukraine ist kein Durchbruch für die belarussische Wirtschaft zu erwarten.
Abhängig von Russland und seinem Krieg
Der Export nach Russland geht also weiter zurück. Genaue Zahlen werden in belarussischen und russischen Statistiken unter Verschluss gehalten. Die Investigativ-Organisation Belpol spielte Zerkalo Dokumente des Wirtschaftsministeriums für November 2025 zu und half so, das Ausmaß des Problems abzuschätzen: In allen Flaggschiffunternehmen wurde die Führungsriege abgestraft, weil die Pläne für Produktion und Export nicht erfüllt wurden: MAZ produzierte 28 Prozent zu wenige LKWs, MTZ 22 Prozent (der Rückgang im Export betrug 40 Prozent), Horizont und Vityaz ein Drittel weniger, als vorgegeben. Atlant lag mit seinen Waschmaschinen um 60 Prozent hinter dem Soll zurück. Viele große Hersteller fahren rote Zahlen ein, während die Lager überfüllt sind.
Im „Zapfsäulenstaat“ Russland herrscht Benzinmangel.
Betrachtet man die pessimistische Stimmung in Russland, so wird das Jahr 2026 auch für Maschinenbau, Metallverarbeitung, Kohle-, Gas- und Erdölindustrie nicht besser ausfallen. Hoffnung liegt noch auf der Erdölverarbeitung. Zwei Jahre lang fuhr sie aufgrund der Sanktionen, russischer Steuerpolitik und ungünstiger Preisentwicklung Verluste ein oder bewegte sich am Rand der Unrentabilität. Lukaschenko bat Putin das ganze Jahr über immer wieder um Hilfe: „Hör zu, mach irgendwas, damit die Fabriken keine Verluste einfahren.“ So gab der belarussische Machthaber im März 2025 den Inhalt eines Gesprächs wieder, in dem er bat, die Rentabilität wenigstens um sieben bis acht Prozent zu erhöhen.
Ende 2025 zeigte sich schließlich eine gewisse Verbesserung im Raffineriebereich, zu verdanken letztlich der Ukrainischen Armee, die die russische Erdölverarbeitung schwer getroffen hatte: im „Zapfsäulenstaat“ Russland herrscht Benzinmangel. „Zwei belarussische Raffinerien begannen im russischen Auftrag mit der Erdölverarbeitung. […] Mit diesen Aufträgen haben zwei Betriebe im vierten Quartal die stabile Gewinnspanne erreicht, die mit dem Energieministerium vereinbart war“, sagte im November Dmitri Krutoj, Chef der Präsidialverwaltung Lukaschenkos.
Welche Rendite man konkret erwartet, wird nicht spezifiziert, aber sicher nicht die, die Belarus in besseren Jahren hatte: keine Einnahmespitzen, wie sie 2011 auf halblegale Weise mit „Verdünnung-“ und „Lösungsmitteln“ erreicht wurden. Auch nicht wie um die Jahre seit 2018, in denen Belarus Ausgleichszahlungen für die russischen Steuermanöver erhielt. Damals hatte die Russische Föderation ihre Exportzölle auf Erdöl und Erdölprodukte schrittweise auf Null gesenkt und gleichzeitig die Steuer auf die Rohstoffförderung angehoben. Das nach Belarus gelieferte Erdöl stieg im Preis rasant an, aber Russland war bereit, diese Teuerung zu kompensieren. Ziel des russischen Manövers war die Erdölverarbeitung im eigenen Land anzukurbeln. Nach langen Verhandlungen wurden die Regelungen auf Belarus ausgeweitet.
Kaufte Belarus früher Erdöl, verarbeitete es und verkaufte dann selbst die Raffinerieprodukte weiter. Heute ist die Verarbeitung lediglich eine Dienstleistung belarussischer Unternehmen für die russischen Eigentümer des Erdöls, die Eigentümer des Endprodukts bleiben. Dabei verdient die belarussische Seite gerade genug, um ihre Arbeiter zu bezahlen. Der Gewinn fällt, wenn überhaupt, bescheiden aus.
Zunehmender Menschenmangel
2025 verzeichnete Belarus seine niedrigste Geburtenrate seit 1950, dem Beginn der statistischen Erfassung. Erstmals seit vier Jahren veröffentlichte das staatliche Statistikamt Belstat wieder offizielle Zahlen zu Geburten und Sterblichkeit. In vielen Ländern der Welt sinkt die Geburtenzahl, aber fast nirgends so rasant wie in Belarus. 2024 wurden 58.900 Kinder im Land geboren – ein Drittel weniger als 2019. Das sind 6,5 Geburten auf 1000 Einwohner, weniger hat nur die kriegsgeplagte Ukraine (sechs pro 1000, seit 2019 fast halbiert).
Das größte Problem, das die demografische Entwicklung verursacht, ist der Arbeitskräftemangel. Es gibt bereits jetzt weniger Menschen in arbeitsfähigem Alter, als die Wirtschaft benötigt, und ihre Zahl sinkt weiter: zum einen altersbedingt, zum anderen, weil die Arbeitsfähigsten ins Ausland abwandern, insbesondere seit 2020. Die niedrige Geburtenzahl hat zur Folge, dass dieser Mangel drastisch zunehmen wird und mit ihm die Belastung im sozialen Bereich.
Das demografische Problem wird von Minsk zwar benannt, ernsthafte Lösungsansätze sind für 2026 und die Folgejahre allerdings nicht in Sicht. Unpopuläre Maßnahmen wie die Anhebung des Rentenalters, was aktuell noch nicht öffentlich thematisiert wird, sind im Grunde unausweichlich. Die angekündigte Maßnahme „mehr Plätze im Krippenbereich“, die es Müttern ermöglichen soll, früher in die Arbeit zurückzukehren, ist ein notwendiges, aber kaum ausreichendes Vorhaben.
Die über 500.000 Belarussen, die das Land seit 2020 verlassen haben, ignoriert die Regierung vehement. Offensichtlich wäre es wirtschaftlich sinnvoll, die Repressionen zu beenden und den Belarussen die Rückkehr nach Hause zu ermöglichen, doch die Sorge um die Stabilität des Systems überwiegt.
Familienangelegenheiten
Auch Lukaschenkos wichtigste Entscheidung steht noch aus: Von seiner Ausgestaltung des Machttransits (oder eher Nichtgestaltung) hängt nicht nur ab, in welcher Rolle er in die Geschichte eingehen wird (was ohnehin viele Fragen aufwirft), sondern auch der künftige Status seiner ganzen Familie. Kein Gesetz – wie das, welches 2024 in Kraft trat – kann lebenslang oder gar über den Tod hinausreichend Garantien zusichern. Nasarbajews Beispiel in Kasachstan hat das deutlich gezeigt.
Zunächst einmal müsste die Saga von der Allbelarussischen Volksversammlung, deren Zweck und Zusammensetzung völlig unklar sind, fortgeschrieben werden. An der Spitze dieses einzigartigen Sammelsuriums sorgsam ausgewählter Belarussen steht nämlich Alexander Lukaschenko selbst und der plant offenbar, dort zu bleiben, auch wenn er einmal seinen präsidialen Sessel räumen muss.
Im Jahr 2025 mussten auch die finanzwirtschaftlichen Angelegenheiten seiner Familie geordnet werden: Die Investigativjournalisten von Buro Media fanden heraus, dass etwas lang Erwartetes eingetreten war: Eine Person namens Alexander Lukaschenko wurde Mitgründer eines Privatunternehmens – und zwar der Enkel des Noch-Präsidenten, Alexander Lukaschenko junior. Bis dahin war kein Familienmitglied des belarussischen Regenten je direkt an einem Unternehmen beteiligt gewesen.
Mehr über die Familie von Alexander Lukaschenko
Offiziell ist Lukaschenko seit 1975 mit Galina Rodionowna verheiratet. Sie haben zwei gemeinsame Söhne: Viktor und Dmitri. Tatsächlich lebt Lukaschenko aber seit 1994 nicht mehr mit seiner Ehefrau zusammen. Damals ließ er sich, zum Präsidenten gewählt, in Minsk nieder und seine Gattin blieb in Schklow. 2008 zeigte das belarussische Staatsfernsehen überraschend einen „Junge mit dem Präsidenten“, später gab Lukaschenko zu, dies sei sein jüngster Sohn Nikolaj. Es wird angenommen, dass Nikolajs Mutter die frühere persönliche Ärztin Lukaschenkos, Irina Abelskaja, ist.
Der Sohn Nikolaj wuchs beim Vater auf und begleitet ihn seit seiner frühesten Kindheit öffentlich. Die älteren Söhne haben eigene Familien: Viktor und seine Ehefrau Lilia haben vier Kinder (Viktoria, Alexander, Valeria, Jaroslaw), Dmitri und seine Frau Anna haben drei Kinder (Anastasia, Daria, Alexandra). Einer Recherche von Buro Media zufolge ist Lukaschenko bereits Urgroßvater. Seine älteste Enkelin Viktoria heiratete im Jahr 2021, davon berichtete die Presse. Im Jahr 2022 meldete sie sich bei ihrem Arbeitgeber, dem Sportrehabilitationszentrum NEO, in den Mutterschutz ab. Der Pressedienst des Staatsführers schweigt zum Thema eines Urenkels oder einer Urenkelin, auch auf der offiziellen Webseite gibt es dazu keine Informationen.
Alle Söhne Lukaschenkos reisten im vergangenen Jahr mit ihm oder auch allein an Orte, die, dem Rechercheteam zufolge, für die Familienfinanzen von Bedeutung sind. Gemeinsam mit Viktor (den die Gastgeber als Sondergesandten von Lukaschenko senior bezeichneten) und Nikolaj (ohne Sonderbezeichnung) flog Lukaschenko zwei Mal in den Oman. Mit diesem Land verbindet Belarus bislang nur ein geringfügiger Handelsumsatz von fünf Millionen US-Dollar im Jahr. Und die Absicht, 1,4 Milliarden US-Dollar in den Bau einer zweiten Zellulose- und Pappfabrik in Belarus zu investieren. Wie groß der Anteil Omans an dieser Investition sein wird, ist unbekannt.
Die Umverteilung von Besitztümern steht in Belarus nicht in den Sternen – sie läuft schon auf Hochtouren. Daher auch die jüngste Verhaftung von einflussreichen (und anderen) Unternehmern und Bankiers. Lukaschenko hat vielen, selbst in seinem engsten Kreis, nicht erlaubt, großes Geld zu machen und Boni aus Privatisierungen oder Anteile an Großunternehmen einzustreichen, nachdem sie aus dem Staatsdienst ausgeschieden waren. Zentraler Leistungsindikator eines belarussischen Staatsdieners oder Unternehmers ist es dagegen, nicht im Knast zu landen. Oder im Extremfall – sich schnell freikaufen zu können.
Viele dieser Leute haben also eher das Bedürfnis, ihren Anteil zu erhalten, der ihnen ihrer Meinung nach schon lange zusteht. Je länger der Machtwechsel verschleppt wird, desto mehr läuft Lukaschenko Gefahr, die Kontrolle über seine Familie zu verlieren. All die Versprechungen, nach der sechsten Amtszeit zu gehen (er schwor es einst seinen Kindern), seine Anspielungen auf einen Nachfolger (am höchsten wird der aktuelle Präsidialamtschef Krutoj gehandelt, aber sicher ist nichts) – all das frustriert und demotiviert die Nomenklatura.
Kein Ende von nichts
Nichts endet – weder Russlands Krieg noch die Repressionen noch Lukaschenko. Alle, die nicht nur nach dem Motto „Hauptsache, wir überstehen die Nacht“ agieren, sehen ihre Zukunft bedroht. Weder jetzt noch perspektivisch sind die Spielregeln bekannt.
Hinzu kommen harte Auseinandersetzungen innerhalb der Eliten, die nur auszugsweise an die Öffentlichkeit gelangen: Zuerst wurde der ehemalige Premierminister Roman Golowtschenko beauftragt, seinen Vorgänger Alexander Turtschin bloßzustellen. Darauf folgten öffentliche Sticheleien über das Entwicklungsprogramm für Belarus in den nächsten fünf Jahren.
Lukaschenko ist stärker mit dem eigenen Überleben beschäftigt als mit den wirtschaftlichen und politischen Belastungen.
Das dicke Ende kommt erst noch, wenn der Plan nicht erfüllt wird und man einen Schuldigen benennen muss. Die Vertikale hat gesunde Arbeitsanreize verloren, von denen die wichtigste die Vorstellung ist, dass der Machtwechsel nach einem halbwegs transparenten Szenario ablaufen wird. Die verbliebenen ungesunden Anreize zielen auf persönliches Überleben (und möglichst Bereicherung) in Zeiten großer Turbulenzen und maximaler Unklarheit in mittelfristiger Betrachtung.
Die Sanktionen und der Status als Co-Aggressor, das toxische Abhängigkeitsverhältnis zu Russland und die Ineffizienz der Staatsbetriebe, der demografische Einbruch und die Massenmigration sowie die Unzufriedenheit der Nomenklatura – all das sind Herausforderungen, die durchdachte, konsequente Entscheidungen verlangen. Aber Lukaschenko ist stärker mit dem eigenen Überleben beschäftigt als mit den wirtschaftlichen und politischen Belastungen. Sollten die sich verschärfen, droht das Land 2026 ins Straucheln zu geraten und seine Zukunftsaussichten enorm zu verschlechtern.