Von der Schule in den Krieg

Militarisierung in der Schule: Russland bereitet die Jugend auf den Kriegseinsatz vor. Avantgarde-Trainingslager im Sredneachtubinski rajon.
Militarisierung in der Schule: Russland bereitet die Jugend auf den Kriegseinsatz vor. Ein Avantgarde-Trainingslager in der Oblast Wolgograd, wohin auch ukrainische Kinder aus den besetzten Gebieten verschleppt werden. / Foto © IMAGO / Dmitry Rogulin TASS

Marschieren, Schießen, Exerzieren und Drohnensteuerung sind heute Pflichtunterricht für russische Schüler:innen. Seit einigen Jahren schon wird das Ideologie- und Drillprogramm von den militärisch-patriotischen Zentren Avantgarde umgesetzt, die gleichzeitig Jugendliche für die Armee rekrutieren. Ihre ersten Absolventen sind bereits im Krieg, mindestens einer ist schon in der Ukraine gefallen.

Wie solche Militär-Bootcamps russische Jugendliche anlocken, begeistern und vom Kriegseinsatz überzeugen und wie viel der Kreml in die Militarisierung der Jugend investiert, hat Andrej Satirko für Vot Tak recherchiert.


„Sie werden es nicht glauben, aber er war derart begeistert, als würde er in den Urlaub fahren. So mitgerissen war er von der Idee … Das Fernsehen ist doch voll davon, wie viele Jungs da sterben, sein Bruder ja auch. Ich verstehe seinen Eifer nicht, seinen Enthusiasmus. Ich fand das nicht gut, aber ich sagte zu ihm, dass es seine Entscheidung ist und ich ihn bis zum Schluss unterstützen werde“, erinnert sich Tatjana Jarowaja aus der Oblast Rjasan daran, wie sie bereits ihren zweiten Sohn Gleb an die Front verabschiedete. Genau wie sein älterer Bruder war er einige Monate später tot.

Tatjana ist Mutter von vier Söhnen. Der älteste, Kolja, hatte schon als Kind von der Armee geträumt. Er absolvierte die Kadettenschule und meldete sich mit 18 freiwillig zum Dienst. Danach unterschrieb er einen Vertrag und wurde Panzerschütze. Als die großangelegte Invasion in der Ukraine begann, war Kolja 21. Er nahm seit den ersten Tagen an Kampfhandlungen auf dem Gebiet der „Donezker Volksrepublik“ teil und kam am 7. April 2022 ums Leben.

„Gleb war völlig fertig … Seine Freunde erzählen, dass er am liebsten auch sofort hingegangen wäre, als Kolja starb, aber er war noch keine 18. Später versuchte er es immer wieder, aber die Jungs redeten es ihm aus … Er schrieb einen Artikel über seinen Bruder, der 2023 in den Sammelband Als Held wird man nicht geboren. Für die Heimat (ru. Sa rodinu) aufgenommen wurde“, erinnert sich seine Mutter.

Er war ein echter Star

Gleb war der Drittälteste. Im Gegensatz zu seinem großen Bruder habe er nicht von einer Militärkarriere geträumt, sondern von der Bühne, erzählt Tatjana. Im Frühjahr 2022 beendete er gerade das erste Jahr am Kulturcollege in Rjasan, wo er laut seiner Mutter ein „echter Star“ war – er habe regelmäßig Lesewettbewerbe und Lyrikpreise gewonnen.

Im September 2022, ein paar Monate nach dem Tod seines Bruders, besuchte der 17-jährige Gleb ein Trainingslager im militär-patriotischen Zentrum Avantgarde. Dort lernte er gemeinsam mit rund hundert weiteren jungen Menschen militärische Kartografie und moderne Waffensysteme kennen, sie trainierten ihre Schießfertigkeiten und simulierten mit Hilfe von Lasertag-Waffen echte Kampfhandlungen. So kann man es einem Bericht des Colleges über das Programm entnehmen.

Gleb Jarowoj im Trainingslager von Avantgarde / Foto © Avantgarde/Vot Tak

Obwohl Gleb schon früher gelegentlich an militärisch-patriotischen Veranstaltungen teilgenommen habe, hätten diese Übungen einen besonderen Eindruck auf ihn gemacht, erzählt Tatjana. Ihr zufolge könnte die Erfahrung dort mit dazu beigetragen haben, dass ihr Sohn später an die Front ging.
Die folgenden drei Jahre lebte Gleb sein normales Leben weiter, ging aufs College, trat im Haus der Kultur seiner Heimatstadt auf.

Im Sommer 2025 schloss er seine Ausbildung ab und ging gleich im Oktober als Freiwilliger an die Front. Zwei Monate später, im Dezember 2025, war der junge Mann tot.

„Gleb, wir werden dich als ehrlichen, hilfsbereiten und immer lebensfrohen Menschen in Erinnerung behalten. Die Momente, die wir gemeinsam verbracht haben, werden uns für immer begleiten … Flieg hoch, unser Held!“ – so verabschiedete sich von ihm im Januar das Rjasaner Kinderferienlager Lutschesarny [dt. etwa Ferienlager Sonnenstrahl], auf dessen Gelände die hiesige Militärausbildungsstelle Avantgarde ihren Standort hat.

„Ihr kommt sonst nicht in die 11. Klasse“

Die Trainingslager sind eine fünftägige militärische Grundausbildung, die Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren absolvieren, also Zehntklässler und College-Schüler im zweiten Jahr. Offiziell besteht ihr Hauptziel darin, Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, die für eine „schnellstmögliche Anpassung bei der Einberufung“ in die Armee oder bei der Aufnahme in Bildungseinrichtungen der Ministerien erforderlich sind. Die Jugendlichen lernen den Umgang mit Waffen, Erste Hilfe auf dem Schlachtfeld und wie man sich bei chemischer, biologischer oder radioaktiver Kontamination verhält.

Ursprünglich in der Sowjetunion eingeführt, wurde die militärische Grundausbildung nach deren Zerfall abgeschafft. Nach dem Beginn der vollumfänglichen Invasion der Ukraine trat die Wiederaufnahme dieser Praxis an den Schulen offiziell auf den Plan. Im September 2023 wurden die Militärübungen ins Fach Zivilschutz integriert. Ein Jahr später wurde das Schulfach in Grundlagen von Sicherheit und Landesverteidigung umbenannt. Außerdem sollten ab jetzt nicht nur die zehnten, sondern auch die achten Klassen an den Übungen teilnehmen.

Menschenrechtlern zufolge ist es zwar theoretisch möglich, die Teilnahme an den Trainingslagern zu verweigern, aber die Schulen versuchen, das zu verhindern, wenn nötig mit Druck.

„Kurz bevor es losging, sagten die Lehrer, ihr dürft das nicht verweigern, sonst fallt ihr in Zivilschutz durch und werdet schlicht nicht in die 11. Klasse versetzt. Die Kinder, die nicht mitfahren wollten, wurden direkt ins Visier genommen und unter Druck gesetzt. Die Eltern wurden zum Gespräch vorgeladen und die Kinder in einem separaten Raum befragt, warum sie nicht mitfahren wollen und welche Ansichten sie haben“, berichtet die Mutter eines Zehntklässlers aus der Region Swerdlowsk gegenüber Vot Tak.

Erst Freizeit dann Schule

Noch vor der Wiedereinführung der obligatorischen Militärübungen an Schulen hatten die russischen Behörden aktiv die nötige Infrastruktur dafür geschaffen. Bereits 2019 hatte der damalige Verteidigungsminister Sergej Schoigu die Idee, ein Netzwerk von militärisch-patriotischen Zentren namens Avantgarde zu gründen. Wladimir Putin unterstützte den Vorschlag.

Das erste Avantgarde wurde 2020 im Freizeitpark Patriot in der Nähe von Moskau eröffnet. Das 28,5 Hektar große Grundstück stellte das Verteidigungsministerium unentgeltlich dafür zur Verfügung, die Stadt und die Oblast Moskau legten je zwei Milliarden Rubel für die Infrastruktur zusammen [insgesamt rund 50 Millionen Euro – dek]. Mit dem Geld wurde ein Gebäudekomplex gebaut, in dem bis zu 600 Personen untergebracht und ausgebildet werden können. Nach und nach wurden die Kapazitäten erweitert, aktuell kann das Zentrum bis zu 1.800 Jugendliche gleichzeitig beherbergen.
Zusätzlich zu den im Lehrplan vorgesehenen Übungen in Schießen, Erster Hilfe, Steuerung von Drohnen und Militärtechnik werden im Moskauer Avantgarde Spezialkurse mit den Jugendlichen durchgeführt – je nachdem, zu welcher Kompanie ihre Einheit gehört: „Bodentruppen“, „Luft- und Raumfahrtstreitkräfte“, „Marine“, „Luftlandetruppen“ oder „Strategische Raketentruppen“.

Regelmäßig finden sogenannte „Treffen mit Helden“ statt. Meist sprechen Teilnehmer am Krieg gegen die Ukraine oder anderswo mit den Jugendlichen; manchmal kommen auch Propagandisten. Seit Anfang März [2026 – dek] müssen alle Kadetten außerdem den Film Predatelstwo (dt. Verrat) von Andrej Medwedew sehen, der von der Verfolgung junger Menschen wegen „Terroranschlägen“ und „Sabotageakten“ handelt.

Generalstochter

Der Hauptstandort des Avantgarde-Netzwerks wird von der 37-jährigen Darja Borissowa geleitet, die aus einer Generalsfamilie stammt.

Praktisch ihre gesamte berufliche Laufbahn ist mit militärnahen staatlichen Strukturen verbunden. Schon während des Studiums arbeitete Darja bei Rosoboronexport, wurde anschließend Assistentin der Leitung des Zentralen Armeesportklubs und erste stellvertretende Stabschefin der Junarmija. Von 2017 bis 2019 war Borissowa Beraterin des Leiters der Kulturabteilung beim Verteidigungsministerium.

Während ihrer Zeit im Ministerium begann Borissowa, an Sergej Schoigus militärisch-patriotischen Projekten mitzuwirken. Im Jahr 2018 wurde im besagten Park Patriot das Lager der wahren Helden ins Leben gerufen. Der Verteidigungsminister gilt als Urheber der Idee, Borissowa als Gründerin. 2020 war sie als Geschäftsführerin in Xenja Schoigus Projekt Gonka gerojew (dt. Heldenrennen) tätig und wechselte anschließend ins Zentrum Avantgarde.

Darja Borissowa im Avantgarde-Zentrum nahe Moskau / Foto © Avantgarde

Im September 2024 wurde Borissowa als Kandidatin der Partei Einiges Russland in die Moskauer Stadtduma gewählt. Und im Februar 2026 präsentierte sie mit großem Pomp das Handbuch Grundlagen des Militärdienstes, das für Lehrende der Fächer Zivilschutz und Sicherheitskunde, Leitende von militärisch-patriotischen Vereinen, Betreuende der Junarmija und den Organisatoren der Trainingslager bestimmt ist.

An der Militarisierung der Schüler verdient sich Borissowa eine goldene Nase, besonders seit Kriegsbeginn 2022. Hatte sie 2021 bei Avantgarde noch rund fünf Millionen Rubel [damals etwa 57.000 Euro – dek] verdient, beträgt ihr Jahreseinkommen seit 2022 mehr als das Doppelte.

Wie Vot Tak aus geleakten Daten der staatlichen Rentenkasse weiß, verdient sie im Durchschnitt etwa eine Million Rubel monatlich [derzeit rund 12.000 Euro – dek]. Damit liegt Borissowas Gehalt oft sogar noch über dem offiziellen Einkommen von Wladimir Putin, das laut seiner letzten öffentlichen Erklärung [2021] bei etwa 10,2 Millionen Rubel pro Jahr lag [rund 10.000 Euro im Monat].

Milliarden für Schoigus Idee

„Natürlich würden wir uns wünschen, dass solche Zentren in jeder Stadt entstehen, in der es mindestens eine Schule gibt“, sagte Schoigu im März 2021 anlässlich der feierlichen Eröffnung des ersten Trainingslagers im Moskauer Avantgarde.

Avantgarde-Zentrum im Park Patriot nahe Moskau / Foto © Avantgarde

Nur wenige Monate später informierte der Minister die Gouverneure über den Plan, in allen Städten mit über 100.000 Einwohnern Avantgarde-Zentren zu eröffnen. Im Oktober 2021 erteilte Putin dann einen entsprechenden Auftrag.
Die Beamten eilten zur Tat. Gab es im Mai 2021 landesweit nur 27 Zentren, so meldeten die Behörden im Juni 2023 bereits 104 und im September 2025 ganze 147 Standorte. Vot Tak konnte anhand von behördlichen Pressemitteilungen, Medienberichten und Angaben der Zentren selbst die Existenz von 119 solcher Zentren in 70 Regionen Russlands bestätigen; in mindestens zwei weiteren Regionen sind Eröffnungen geplant.

Das Gesamtbudget, das für die Avantgarde-Zentren aus verschiedenen Bereichen bereitgestellt wurde, wird nicht öffentlich bekannt gegeben. Nach Auswertung von öffentlichen Mitteilungen, regionalen Budgetplänen, Daten zu Staatsaufträgen und Jahresberichten der Zentren selbst konnte Vot Tak für 39 von 70 Regionen einen ungefähren Betrag ermitteln, den diese bereits für die Zentren ausgegeben haben oder noch ausgeben wollen. Demnach sind seit 2020 allein in den Bau und den Betrieb mindestens 36,5 Milliarden Rubel [rund 440 Millionen Euro – dek] geflossen. Der größte Brocken (fast 23 Milliarden Rubel) entfällt dabei auf Ausgaben für Infrastruktur und Ausstattung, der Rest sind Betriebskosten.

Das teuerste der Zentren, zu denen wir öffentlich zugängliche Informationen finden konnten, war das Avantgarde in der Nähe von Moskau. Wie die Haushaltsdaten der Stadt und der Region belegen, gaben die Behörden seit 2021 für dessen Betrieb bereits über 9,6 Milliarden Rubel [rund 110 Millionen Euro – dek] aus. Zusammen mit dem Bau beliefen sich die Gesamtkosten des Projekts somit auf mindestens 13,6 Milliarden Rubel [rund 160 Millionen Euro – dek].

Übungen in einem Avantgarde-Zentrum / Foto © Avantgarde

„Das Ziel ist, dass die Kinder zur Armee wollen“

Wie Vot Tak durch die Auswertung der sozialen Netzwerke von Avantgarde herausfand, handelt es sich bei der Geschichte von Gleb Jarowoj aus der Region Rjasan um den ersten Teilnehmer am Avantgarde-Programm, dessen Tod an der Front offiziell bestätigt wurde. Er war jedoch nicht der Einzige, der in den Krieg gezogen ist. Der 21-jährige Andrej Tschimil, der 2023 in Tula an dem Lehrgang teilgenommen hatte, kämpft momentan in den Reihen der Gruppe Sewer in der Ukraine.

Mindestens fünf weitere Avantgarde-Absolventen sind zwar noch nicht an der Front, haben sich aber bereits für eine Laufbahn bei der Armee entschieden. Zwei von ihnen besuchen militärische Bildungseinrichtungen, drei leisten ihren Dienst. Einer von ihnen bestätigte, dass ihm die Erfahrungen aus den Übungslehrgängen bei seinem Dienst in der Marineinfanterie zugutegekommen seien:
„Die Disziplin, die taktischen Grundlagen und der klare Tagesablauf bei Avantgarde waren für mich eine sehr gute Vorbereitung auf den echten Dienst. Dank unserer Ausbildung verlief die Eingewöhnung in der Eliteeinheit viel reibungsloser. Ihr tut das Richtige – aus kleinen Jungen macht ihr Männer und vermittelt ihnen ein Verständnis dafür, was militärische Pflicht bedeutet“, lobte der Absolvent Daniil Smirnow das Zentrum in Tula.

Tatsächlich könnte es bald weitaus mehr solcher Beispiele geben, denn die Avantgarde-Zentren animieren Jugendliche ganz gezielt, später einmal Soldat zu werden. Schüler, die an den Trainingslagern teilgenommen haben, berichten von Versuchen, sie für die Armee und die Sicherheitskräfte zu werben; auch die Zentren selbst veröffentlichen Berichte über entsprechende Veranstaltungen in den sozialen Netzwerken.

Die Generalstochter Darja Borissowa, Direktorin des Avantgarde-Zentrums in der Oblast Moskau, macht keinen Hehl daraus, dass die Kinder in diesen Zentren von der Armee und den Sicherheitsdiensten angeworben werden. Sie ist sogar stolz darauf, dass dort mehr rekrutiert wird als in anderen militärisch-patriotischen Strukturen.

„Zur Junarmija oder einem anderen Verein gehst du zum Spaß in deiner Freizeit. Aber das hier ist Teil des Lehrplans, an dem du nicht vorbeikommst. Und genau das ist der Knackpunkt, wo ein Kind, das zuvor von alldem ganz weit weg ist, anfängt nachzudenken ob es vielleicht einen militärischen Beruf ergreifen oder zum Sicherheitsblock gehen soll. Generell legen wir den Fokus auf Berufsorientierung. Wir gehen tiefer – wir laden Kollegen vom FSB, vom FSO, von Militärhochschulen ein, die uns erzählen, welche Ausbildungen man bei ihnen machen kann“, sagt sie im Interview mit dem TV-Sender Swesda.

Die regionalen Zentren stehen dem in der Hauptstadt um nichts nach. Vot Tak fand in deren Sozialen Medien Dutzende von Berichten über Besuche, die Militärkommissare und Vertreter diverser Strukturen und behördlicher Bildungseinrichtungen den Trainingslagern abstatteten.

In den vergangenen fünf Jahren haben allein am Avantgarde-Zentrum der Oblast Moskau 200.000 Jugendliche das Programm durchlaufen. Bei vielen von ihnen zeigen die Trainingslager und die pädagogischen Gespräche Wirkung, meint Borissowa und verweist auf Befragungen unter den Teilnehmenden. Ihr zufolge steige die Zahl jener, die den Militärdienst antreten wollen, innerhalb dieser fünf Tage ungefähr von 50 auf 90 Prozent.

Trainingslager in besetzten Gebieten

Noch hat das Avantgarde-Netz die besetzten ukrainischen Gebiete nicht erfasst, was die russischen Behörden jedoch nicht daran hindert, sich auch um die Militarisierung ukrainischer Jugendlicher aktiv zu kümmern. Man schickt sie dafür entweder nach Russland oder organisiert eigene militaristische Veranstaltungen vor Ort, erzählte Vot Tak Xenija Kornijenko, Juristin bei der ukrainischen Organisation Regionales Zentrum für Menschenrechte. Am besten sind solche Tätigkeiten auf der Krym dokumentiert, insbesondere in Sewastopol, wo sie beinah sofort nach der Annexion 2014 begonnen wurden.

Der „Regierungschef“ der annektierten Krym, Sergej Axjonow, bestätigt jährlich eine Liste mit den Austragungsorten der Trainingslager. Derzeit sind das [u.a.] sechs Garnisonen, darunter die 126. Sonderbrigade der Küstenverteidigung der Schwarzmeerflotte: Sie ist seit den ersten Tagen an der vollumfänglichen Invasion der Ukraine beteiligt, weswegen ihre Objekte auf der Krym Ziele von Angriffen der ukrainischen Streitkräfte sind.

In Sewastopol finden Trainingslager für Jugendliche in einzelnen Schulen und Colleges statt, das Kämpfen bringen ihnen allerdings Militärangehörige und Silowiki bei – Teilnehmer an der „Spezialoperation“, Mitarbeiter der Rosgwardija und Offiziere aus der Schwarzmeer-Marinehochschule. Dem von Russland ernannten Bürgermeister Michail Raswoshajew zufolge sind Jungen zur Teilnahme verpflichtet, doch auch Mädchen seien an diesen Trainings interessiert.

Die selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk blieben in Bezug auf solche Trainings auch vor der offiziellen Annexion nicht hinter der Krym zurück. Für Donezker Oberschüler waren militärische Trainingslager spätestens ab 2015 verpflichtender Teil des Lehrplans. In Luhansk arbeiteten die prorussischen Behörden ab Herbst 2014 in diese Richtung. Im Zuge dessen warfen sie der ukrainischen Regierung vor, dass derlei Aktivitäten sofort nach dem Zerfall der Sowjetunion eingestellt worden seien:

„Alle Materialien der [sowjetischen – dek] NWP (Natschalnaja wojennaja podgotowka, dt. Militärische Grundausbildung) wurden vernichtet, wobei es da ganz tolles Unterrichtsmaterial gab. Was 2014 in unserem Land passiert ist, hat gezeigt, dass man ohne militärische Grundausbildung unmöglich Patrioten großziehen kann, die ihre Heimat nicht nur lieben, sondern auch in der Lage sind, sie zu verteidigen. Bereits im Herbst 2014 wurden in unserer Republik die Lehrpläne und NWP-Stunden wiederaufgenommen“, sagte 2019 der „Bildungsminister“ der „Luhansker Volksrepublik“, Sergej Zemkalo.

Seit dem umfassenden Einmarsch in der Ukraine wurde diese Arbeit in den selbsternannten Republiken bereits im Rahmen des russischen Schulunterrichts fortgesetzt. In den annektierten Teilen der Oblaste Cherson und Saporischschja kam sie 2024/25 in Schwung.

Behördliche Publikationen lassen darauf schließen, dass die Trainingsprogramme in den besetzten Regionen direkt an den Schulen stattfinden. Durchgeführt werden sie unter anderem von Kriegsteilnehmern und Mitarbeitern der Rosgwardija und der Woin-Zentren, die erst nach Kriegsbeginn 2022 analog zu Avantgarde gegründet wurden.

Woin (dt. Krieger) ist ebenfalls ein Netz aus militär-patriotischen Zentren. Von seinen 21 Standorten befinden sich vier in besetzten Gebieten. Wladimir Putin ordnete die Gründung von Woin einen Tag vor der Mobilmachung im September 2022 an. Seitdem sind fast 15 Milliarden Rubel [rund 170 Millionen Euro – dek] aus dem Staatshaushalt in diese Organisation geflossen, wie Vot Tak anhand der Budgetverteilungsgesetze und der Jahresberichte von Woin feststellen konnte. Im September 2025 stimmte der Präsident einer Erweiterung des Netzes auf alle Regionen der Russischen Föderation bis 2030 zu.

14-jährige ukrainische Schüler aus der besetzten Oblast Cherson im Patriot-Trainingslager in der Region Krasnodar, März 2026 / Foto © patriot-kuban.ru/Avantgarde

Woin bietet nicht nur ein Programm für Jugendliche, sondern auch für Hunderte Lehrende, darüber hinaus vertiefende militär-patriotische Ferienlager über drei Wochen oder drei Monate. Neben den militärischen Standarddisziplinen stehen auch Sniping, Kommunikation und Grundlagen elektronischer Kriegsführung und nationaler Sicherheit auf dem Plan. In Zukunft wird es auch das Fach „Cybersecurity“ geben.

Kommandeur von Woin ist Oberst Andranik Gasparjan, Absolvent von Putins Kaderschmiede Wremja gerojew (dt. Zeit der Helden), dem für seine Rolle im Krieg gegen die Ukraine der Titel „Held Russlands“ verliehen wurde. Gasparjan leitete die 126. Brigade der Küstenverteidigung und wurde dann zum stellvertretenden Kommandeur der 42. motorisierten Schützendivision befördert. Beiden Einheiten werden in der Ukraine Kriegsverbrechen vorgeworfen: Ein Soldat der 126. Brigade steht in Abwesenheit wegen Vergewaltigung einer 15-Jährigen vor dem ukrainischen Gericht, vier Angehörigen der 42. Division wird die Tötung von Kriegsgefangenen vorgeworfen.

Gasparjan ist bei Weitem nicht der einzige Kriegsteilnehmer, der bei Woin arbeitet. Derzeit hat mehr als die Hälfte der 400 Trainer des Zentrums in der Ukraine gekämpft, und bis Ende 2027 werden auch alle anderen dort im Einsatz gewesen sein.

Die ukrainischen Regionen stehen bei Woin besonders im Fokus. Im besetzten Mariupol wird die „russlandweit größte“ Filiale aufgebaut. Vorstandsvorsitzender des Zentrums ist Wiktor Wodolazki, Abgeordneter der Staatsduma, der allein in den Jahren 2022 und 2023 mindestens 40 Mal dort war – das weiß Vot Tak aus Datenlecks des Grenzschutzes.

Die ukrainischen Kinder werden bei Woin nicht nur in den besetzten Gebieten innerhalb der Ukraine trainiert, sondern auch nach Russland verschleppt. Zwölf Mal seien im Jahr 2025 ukrainische Kinder zu militär-patriotischen Trainingslagern in die RF gebracht worden, teilt die Juristin Xenija Kornijenko Vot Tak mit. Ihr zufolge wurden sie in Großgruppen in den Woin-Zentren und im Verteidigungs- und Sportlager Avantgarde in Wolgograd betreut. Im April 2026 hätten erstmals Schüler aus der Oblast Cherson an Trainingsprogrammen im neuen Zentrum Patriot in der Region Krasnodar teilgenommen.

Genaue Daten über die Anzahl der Kinder, die auf diese Weise nach Russland kommen, gibt es nicht. Allein das Wolgograder Avantgarde habe seit 2024 bereits über 5500 Kinder trainiert, die aus ukrainischen Regionen genauso stammen wie aus den Oblasten Wolgograd und Belgorod, teilte im März 2026 Wiktor Wodolazki mit.

Avantgarde-Trainingslager in der Oblast Wolgograd, Mai 2025 / Foto © IMAGO / Dmitry Rogulin TASS

Vom Kinderlager zum Armeedienst

Die Bemühungen von Woin und Avantgarde zur Militarisierung und Assimilierung ukrainischer Kinder mögen zwar effektiv sein, räumt Dimitri Spafarow ein, Experte für nationale Interessen bei der ukrainischen Menschenrechtsorganisation KrymSOS. Aber eine Chance, diesen Einfluss unter bestimmten Bedingungen wieder zu verringern, bestehe seiner Einschätzung nach dennoch.

„Das Ziel ist es, das Kind von klein auf in eine gewisse Obhut zu stellen und es von militär-patriotischen Lagern, von Gesprächen über das Wichtige und so weiter Schritt für Schritt im Idealfall an den Dienst in der russischen Armee heranzuführen. Und es gibt ja auch wirklich solche Präzedenzfälle. […] Wenn ein Kind nicht isoliert lebt, wenn es in diesem besetzten Gebiet Kontakte hat und in seiner Familie nach humanistischen Werten oder proukrainisch erzogen wird, dann sinkt der Einfluss dieser Propaganda drastisch“, merkt Spafarow an.

Möglichkeiten, die Teilnahme an diesen militär-patriotischen Ausflügen zu verweigern, haben die ukrainischen Kinder praktisch keine. Menschenrechtler berichten von dem Druck, der vonseiten der Militärangehörigen auf Kinder, Eltern und Lehrpersonal ausgeübt wird.

„Wir haben Fälle dokumentiert, wo russische Armeebedienstete in die Schulen kamen und die Lehrenden dazu anhielten, einen Teil der Kinder in solche Trainingslager zu schicken. Sie kamen zu den Leuten nach Hause und sagten, wenn Sie Ihr Kind da nicht hinschicken, entziehen wir Ihnen das Sorgerecht oder stecken das Kind in ein Heim. So drängten sie die Eltern dazu, die Anmeldungen zu unterschreiben. Dieser Druck ist ein Indiz dafür, dass hier Kriegsverbrechen verübt werden – die gewaltsame Verschleppung von Kindern“, erklärt Xenija Kornijenko.

Zmina

Wie belarussische Staatsmedien ukrainische Kinder ausnutzen

Belarus holt immer wieder ukrainische Kinder aus den von Russland besetzten Gebieten zu sich ins Land – angeblich, um ihnen eine erholsame Auszeit vom Krieg zu ermöglichen. Staatsmedien instrumentalisieren diese Kinder für Propagandasendungen. Die ukrainische Menschenrechtsplattform Zmina hat sich diese Sendungen angeschaut und fasst die häufigsten Erzählstränge zusammen. 

In Gesellschaft von ,

Die Militarisierung in den Lagern verletzt ihr zufolge zahlreiche international verbriefte Rechte der ukrainischen Kinder. Darunter das Recht auf Identität und Entwicklung, auf Bildung und Erholung, auf freie Meinungsäußerung. Zu den Rechtsverletzungen zählt sie auch die Propaganda für den Dienst in der Armee der Besatzungsmacht und dass die Kinder dazu gezwungen werden, Loyalität mit dieser zu demonstrieren.

„Wichtig ist zu verstehen, dass all diese Rechtsverletzungen zur systematischen Praxis des Staates gehören. Sie stehen alle im Zusammenhang mit dem Alter und der nationalen Zugehörigkeit der Kinder. Oft sind das Kinder, die sich in einem Zustand höchster Verletzlichkeit befinden. Insofern haben wir es hier womöglich mit einem weiteren Verbrechen zu tun – gegen die Menschlichkeit“, fügte Kornijenko hinzu.

In den russischen militär-patriotischen Lagern erfolge auch eine Auslöschung der nationalen, kulturellen und sprachlichen Identität der ukrainischen Kinder. Das könne als Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrachtet werden, fasst die Juristin zusammen.

„Grabt mich ein und macht, was ihr wollt“

„Wir brauchen Trainingslager wie Avantgarde, um die Jugendlichen auf den richtigen Weg zu bringen. Weil es ja alle möglichen Organisationen gibt und sie so oder so unter irgendeinen Einfluss geraten. Da sollen sie lieber in diesen Lagern eine patriotische Prägung erfahren, als auf der Straße und keine Ahnung für was …“, meint heute Tatjana Jarowaja, die zwei ihrer vier Söhne im Krieg verloren hat.

Sie erzählt, dass auch ihr jüngster Sohn Kirill dieses Frühjahr ein Militärtrainingslager für Schüler besuchen will. Eigentlich ist er schon 19, deswegen fährt er nicht als Teilnehmender hin, sondern als Sportrichter – er wird die Leistungen der Teilnehmenden in den verschiedenen Disziplinen beurteilen.
Vot Tak fragte Tatjana, wie sie reagieren würde, wenn dieses Training womöglich auch Kirill dazu bewegen würde, an die Front zu gehen. Ihre Antwort passte nicht ganz zu dem, was sie davor gesagt hatte:

„Als ich die Nachricht bekam, dass Gleb umgekommen ist, sagte [mein anderer Sohn] Makar: ‚Wie kann das sein, Mama, dass aus unserer großen Familie nur noch wir drei übrig sind?‘ Ich sagte: ‚Wenn jetzt noch einer von euch loszieht [an die Front], dann grabt mich vorher ein und dann macht, was ihr wollt.‘ Verzeihen Sie meine Direktheit, aber ich bin nicht bereit, noch ein Kind zu verlieren.“

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In der oscarprämierten Dokumentation porträtiert der russische Lehrer Pawel Talankin sich selbst, wie er an seiner Schule patriotische Veranstaltungen organisiert.
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