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Warum ist Belarus so unsichtbar?

(Und warum sich das ändern muss)

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Im Zuge der Massenproteste von 2020 erfuhr das Interesse an Belarus eine nie gekannte Konjunktur. Für eine gewisse Zeit schien es, als wäre das Land, seine Geschichte und seine Kultur endgültig auf der inneren Karte der Europäer gelandet und könnte seine jahrhundertelange Unsichtbarkeit durchbrechen. Für dekoder war dies die Motivation, den Wandlungsprozess in der belarussischen Gesellschaft mit Analysen und Hintergrundbeiträgen zu begleiten sowie insgesamt vertieftes Wissen zu Belarus zu liefern. Mittlerweile aber ist das Leiden der Belarussen im eigenen Land und der Kampf der Belarussen im Exil wieder fast vollständig aus der Berichterstattung und der öffentlichen Diskussion verschwunden. „Im Westen gibt es Belarus praktisch nicht”, konstatiert der Schriftsteller Alhierd Bacharevič.  

Warum ist das so: Warum ist Belarus für viele weiterhin derart unsichtbar? Wir fragen Expertinnen und Experten, die sich mitunter seit Jahrzehnten mit dem osteuropäischen Land beschäftigen und sich somit bemühen, Belarus verständlicher und sichtbarer zu machen. In einer Stimmen-Collage liefern sie Einschätzungen und Denkanstöße und sie erklären, warum Belarus mehr Beachtung verdient. 

Den Nebel lichten: die Personen und Figuren in der Titel-Collage  

Belarus eine Stimme geben

David R. Marples

Als junger Historiker kam David R. Marples 1992 das erste Mal nach Belarus, er nahm damals an einer Konferenz zur Katastrophe von Tschernobyl teil. „Das Land hat mich wahnsinnig fasziniert”, sagt der Kanadier, der heute zu den international bekanntesten wissenschaftlichen Stimmen zu Belarus gehört.  

„Warum bekommt Belarus, verglichen mit seinen Nachbarn, derart wenig Aufmerksamkeit in den Medien und auf Social Media? Dafür gibt es so einige Gründe. Zunächst einmal ist Belarus verhältnismäßig klein. Zweitens fehlt eine (verglichen mit der Ukraine) von der Größe her relevante Diaspora. Der dritte und vielleicht wichtigste Grund ist die Unfähigkeit der Menschen, zwischen Belarus und Russland zu unterscheiden. Ersteres wird vielmehr als Anhängsel oder Satellitenstaat des riesigen Nachbarn betrachtet, der dieselbe Sprache spricht und ähnliche kulturelle Interessen vertritt. Die großen Medienhäuser haben meistens Korrespondenten in Moskau, Kyjiw und Warschau, selten jedoch in Minsk. Mein eigenes Land, Kanada, hat weder ein Konsulat noch eine Botschaft in Minsk, hat aber kürzlich ein Konsulat in Nuuk in Grönland eröffnet.

Es bedarf vereinter Anstrengungen der westlichen Staaten, Interesse an Belarus zu wecken, einem mitteleuropäischen Land mit langer Geschichte, das täglich einer Flut russischer Propaganda ausgesetzt ist und dem es an alternativen Stimmen und Plattformen mangelt.”

Keine Sicherheit ohne ein eigenständiges Belarus

Astrid Sahm

Zufällig landete Astrid Sahm als Studentin in Belarus. Das war 1989. Ihre Mutter hatte zum 50. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs für die Evangelische Kirche eine politische Pilgerfahrt in die BSSR organisiert. Seitdem hat sie ihr Leben Belarus gewidmet, an der Schnittstelle von zivilgesellschaftlichem Engagement und wissenschaftlicher Analyse. 

„Als ich mich Anfang der 1990er Jahre entschied, zur belarussischen Nationalstaatsbildung zu forschen, stieß ich fast überall auf Verwunderung und Skepsis. Ob ich sicher sei, ausreichend Material zu finden, fragte mich beispielsweise ein Professor. Und ich solle mich mit der Arbeit beeilen, ehe sich mein Untersuchungsgegenstand wieder auflöse, unkte ein Kollege.

Mein Widerspruch überzeugte damals nur wenige. Vorherrschend war die Erwartung eines erneuten Verschwindens von Belarus in Russland. Dennoch zweifelte ich persönlich nie daran, dass Belarus als Nation bestehen und seinen Platz in Europa finden würde. Heute bin ich jedoch ernsthaft um die Zukunft von Belarus besorgt. Durch Russlands Vollinvasion in der Ukraine ist die belarussische Souveränität stark ausgehöhlt. In der EU mangelt es an proaktiven strategischen Ansätzen. Stattdessen haben viele Belarus bereits als eigenständiges Land abgeschrieben. Meine Befürchtung ist, dass sich dieses Mal hieraus eine selbsterfüllende Prophezeiung entwickeln könnte. Dabei ist eine Verbesserung der Sicherheitslage in Europa ohne ein eigenständiges Belarus kaum denkbar.” 

Hic sunt leones?

Thomas Weiler

Die pure Neugierde habe ihn nach Belarus getrieben, sagt der Übersetzer Thomas Weiler. 1996 nahm er dort als Schüler an einem Ökologie-Workcamp teil. Der Aufenthalt motivierte ihn, 1998/99 für fünfzehn Monate als Ersatzdienstleistender nach Belarus zu gehen und dabei Russisch zu lernen. Das Belarussische und seine Literatur entdeckte er erst später. 

„Als Übersetzer begegnet mir vor allem die Unsichtbarkeit belarussischer Literatur, selbst in der hiesigen Slavistik. „Die weißrussische Volksdichtung und Literaturgeschichte war bisher ein Stiefkind der Slavistik“, erklärten Reinhold Trautmann und Max Vasmer vor genau einhundert Jahren. Martin Pollack schrieb 2013 über Belarus: „Eine große Unbekannte. Hic sunt leones, hier sind Löwen, hätte man auf alten Landkarten geschrieben.“

Diese Unsichtbarkeit ist eine gemachte.
In
Kontaminierte Landschaften führte Pollack aus, man wollte die Gräber unsichtbar werden lassen, die Opfer für immer aus der Welt schaffen. Die kulturelle Elite wurde ausgelöscht, in Kurapaty verscharrt und aus der Literaturgeschichte getilgt. So wird (Literatur-)Geschichte zur Verfügungsmasse. Wer unsichtbar ist, hat keine Stimme, keine Identität, kann keine Rechte einklagen. Mit der Ukrainischen Klassikerbibliothek bei Wallstein ist ein bemerkenswerter Gegenimpuls gesetzt. Das Hinsehen wird uns niemand abnehmen.“

Wir brauchen mehr Kupala, Adamowitsch und Hapeyeva

Nina Frieß

2021 reiste Nina Frieß, wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS, erstmals nach Belarus. Bis 2024 lebte sie mit ihrer Familie in Minsk und war damit eine der wenigen westlichen Beobachterinnen, die das Geschehen nach den Protesten von 2020 und den nachfolgenden Repressionen vor Ort beobachten konnte.

„Als ich das erste Mal nach Belarus kam, fühlte ich mich als promovierte Slavistin mit reicher Russlanderfahrung gut vorbereitet: so wie Russland, nur eben kleiner, stellte ich mir dieses Land vor. Es dauerte nicht lange, bis ich meinen Irrtum bemerkte.

Mein Fall ist leider symptomatisch: Ich habe während meines Slavistikstudiums dutzende Texte von Puschkin gelesen, aber keine Zeile belarussischer Literatur. Statt umfassendem Wissen über eine ganze Region gab es kompaktes Russlandwissen. Von Belarus’ europäischer Geschichte, seinem bislang unvollendeten Freiheitskampf, den teils archaisch anmutenden, aber erstaunlich lebendigen belarussischen Traditionen und seinen faszinierenden Kunstformen erfuhr ich Jahre nach meinem Studium.

Seit 2022 bewegt sich aus traurigem Anlass etwas in meinem Fach. Bei der Umgestaltung der Curricula sollten wir darauf achten, dass auch Belarus mit seiner mit der gesamten Region verwobenen Kultur sichtbar wird. Wir brauchen mehr Kupala, Adamowitsch und Hapeyeva, weniger Puschkin.“


Anmerkung der Redaktion:
Weißrussland oder Belarus? Belarussisch oder belarusisch? Die Belarus oder das Belarus? Nicht ganz leicht zu beantworten. Da es im Deutschen keine einheitlich kodifizierten Schreibweisen für diese Bezeichnungen und deren Adjektive gibt, überlassen wir es den Autorinnen und Autoren der Gnosen, welche Schreibweise sie verwenden. Die Schreibweise in redaktionellen Inhalten (wie Titel und Erklärtexte) wird von der dekoder-Redaktion verantwortet.

Idee: Nina Frieß (ZOiS) und Ingo Petz (dekoder) 

Technische Umsetzung/Design: Philip Hoheisel (dekoder) 

Illustration/Collage: Caroline Poliakowa 

Die Veröffentlichung entstand in Zusammenarbeit und mit freundlicher Unterstützung des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS).