
Mikhail Kaluzhsky ist als Theaterschaffender, Prosaautor und Podcaster zentraler Teil des russischsprachigen kulturellen Berlin. Er führt uns mit seinen Fragen durch die russischsprachige Literaturlandschaft im Exil, an Orte, an denen die Literaturszene sich trifft und wo sich Möglichkeiten auftun, dass diese Literatur ihren Weg aus Exilverlagen in internationale Verlage findet. Diese Übersicht rundet das dekoder-Dossier Russischsprachige Literatur im Exil ab, das durch den Dar-Literaturpreis und seine Preisträger:innen 2026 angestoßen wurde.
Man entkommt diesem Gespräch einfach nicht: Mindestens einmal im Monat passiert es, dass einer meiner europäischen Freunde mich begeistert fragt:
„Das heutige ‚russische Berlin‘ ist doch wahrscheinlich dem sehr ähnlich, was hier vor hundert Jahren los war? So viele Ereignisse, solch eine Blüte der russischen Exilliteratur!“
Meistens würde ich am liebsten nur mit einem kurzen, müden Nein antworten. Aber das wäre nicht richtig. Der nachvollziehbare Irrglaube „genau wie vor 100 Jahren“, der nicht auf Faktenwissen beruht, sondern lediglich auf Analogien, verdient es, besprochen zu werden – nicht nur, um ihn zu vertreiben.
Auch mir persönlich ist dieses Thema wichtig. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wo ich die Grenzen des Begriffs „russische Literatur des Exils“ ziehen soll, weil jeder Bestandteil dieses Begriffs immer wieder neu definiert werden muss. Das ist typisch für den aktuellen Zeitgeist: Jede Formulierung erfordert eine zusätzliche Erklärung. Weswegen es heute auch viel wichtiger ist, Fragen zu stellen als Antworten anzubieten.
Bestimmt dein Status als Emigrant:in dein literarisches Schaffen?
Was ist wichtiger: die Stadt, in der du lebst, oder der Verlag, in dem deine Bücher erscheinen?
Inwiefern können Autor:innen, die auf Russisch schreiben und nicht in Russland leben, als eine Gemeinschaft betrachtet werden? Jene, die seit 2022 aus Russland gekommen sind, jene, die in den 1970er Jahren die Sowjetunion verlassen haben, und jene, die in Kasachstan, Lettland, den USA oder Israel geboren und nie von dort weggegangen sind?
Gehört zu dieser Gemeinschaft dazu, wer – so wie ich – die Bezeichnung „russisch“ oder auch „russländisch“ strikt ablehnt und auf „russischsprachig“ oder „russophon“ besteht?
Solche Fragen gibt es eine Menge.
Um über Literatur zu sprechen, muss man sich außerdem auf eine zeitliche Abfolge einigen (manchmal gelingt nicht einmal das).
Die meisten Menschen in Deutschland sowie der Großteil der Bevölkerung Russlands, einschließlich der überzeugtesten Gegner:innen des Putin-Regimes, betrachten als Kriegsbeginn, als Wendepunkt, den 24. Februar 2022 – als der vollumfängliche Angriffskrieg begann. Doch Russland hat den Krieg gegen die Ukraine bereits 2014 begonnen: die Annexion der Krym, der Krieg im Donbas, tausende Tote, lange bevor die Welt anfing, von einer neuen sicherheitspolitischen Realität zu sprechen. Diese unterschiedliche Wahrnehmung ist nicht bloß ein Streit über die zeitliche Abfolge. Sie beschreibt etwas viel Größeres, erfordert eine Auseinandersetzung mit Verantwortung, moralischen Entscheidungen, mit der abgegriffenen „Unwissenheit“ und dem Eskapismus.
Für die russischsprachige Literatur ist das eine grundlegende Frage. Viele Russländer, die nach 2022 ihr Land verlassen haben, darunter viele Kulturschaffende, halten sich aufrichtig für Opfer unvorhersehbarer Verhältnisse. Andere geben immerhin zu, dass sie die Warnzeichen auch schon früher gesehen haben. Für mich war der Wendepunkt, als Russland im August 2008 in Georgien einmarschiert ist. Die kontinuierliche, systematische Wiedergeburt einer imperialistischen und aggressiven Staatsmentalität in allen Lebensbereichen, die letztlich zu dem großen Krieg gegen die Ukraine geführt hat, begann also schon in den 2000er Jahren.
Die Frage nach der Chronologie zieht eine weitere Frage nach sich, nämlich die nach der Haltung zum Krieg. Wer sind die russischen Kriegsgegner:innen? Die Forderung, die Kampfhandlungen an der aktuellen Frontlinie im Osten der Ukraine zu beenden, und der Wunsch nach einer vollständigen, rückhaltlosen Niederlage Russlands – das sind zwei entgegengesetzte Positionen. Doch zwischen ihnen wird oft nicht differenziert, wodurch eine gefährliche Vermischung von Ideen entsteht.
Solche langen Erklärungen sind unbedingt notwendig, bevor man sich zur russischsprachigen Literatur äußert, die sich außerhalb der russischen Staatsgrenzen so lebhaft entwickelt. Kehren wir nun zur Analogie mit der postrevolutionären Emigration zurück, die bei mir auf ein so klares Nein stößt.
Genau vor 100 Jahren veröffentlichte Joseph Roth im September 1926 in der Frankfurter Zeitung seinen Essay Die zaristischen Emigranten. Er schrieb:
„Das anonyme Leben der Emigranten wurde eine öffentliche Produktion. Wie erst, wenn sie sich selbst zur Schau stellten. Hunderte gründeten Theater, Sängerchöre, Tanzgruppen und Balalaika-Orchester. […] Sie entfernten sich immer mehr von Rußland – und Rußland noch mehr von ihnen. Europa kannte schon Meyerhold – sie hielten immer noch bei Stanislawsky.“
Auch heute driften die russischsprachigen Literaturen im Exil und innerhalb Russlands komplett auseinander. Doch wenn wir Joseph Roths bissige und scharfsinnige Metapher weiterdenken wollen, dann ist es heute die Exilkultur, die quasi „Meyerhold“ praktiziert, indem sie in den verschiedensten ästhetischen, ideellen und sprachlichen Feldern experimentiert.
In Russland entsteht alles mit Blick auf die repressive Gesetzgebung und die ungeschriebenen und damit umso gefährlicheren Regeln der Zensur.
Die russische Literatur innerhalb der Russischen Föderation fügt sich in ein System der offiziell auferlegten „geistig-moralischen Werte“, der gesetzlich verankerten Homophobie und der strafrechtlichen Verfolgung Andersdenkender. Erst kürzlich, Ende Mai 2026, verabschiedete die russische Regierung den Maßnahmenplan zur Umsetzung der Grundlagen der staatlichen Sprachpolitik. In Russland wird die russische Sprache nun kodifiziert, nicht-russische Sprachen anderer Ethnien Russlands werden immer mehr an den Rand gedrängt, und die Verlagsarbeit hängt immer stärker von staatlicher Unterstützung ab. Der Kinderbuchautor Alexej Olejnikow fasst das neue Gesetz so zusammen:
„Der Plan umfasst praktisch alle Bereiche der Arbeit mit Sprache. Er schreibt eine einheitliche Linie aller Schulbücher vor, eine totale Umstellung aller Sprachlehrer:innen, die Aktualisierung von Standard-Wörterbüchern, die Beschränkung fremdsprachlicher Lexik im öffentlichen Raum. Einige Abschnitte widmen sich der Erstellung eines Verzeichnisses ‚patriotischer‘ Literatur für Kinder und der zweckgebundenen Förderung von Buchprojekten mit sozialer Relevanz.
Im Grunde versucht man mit diesem Gesetz, nicht nur die Sprache zu kontrollieren, sondern die ganze Infrastruktur ihrer Reproduktion: von der Kinderbibliothek und der Unterrichtsstunde bis zum Werbeplakat.“
Das gilt jedoch nur innerhalb der russischen Grenzen.
Was aber prägt die Welt der zeitgenössischen russischsprachigen Literatur außerhalb von Russland?
Da wirken zwei verschiedene Faktoren: Zum einen Russlands Krieg gegen die Ukraine, der tausende Schriftsteller:innen ins Exil schickte, zum anderen die über die letzten zehn Jahre entstandene leistungsstarke Infrastruktur im Bereich der Kultur.
Ich sage absichtlich „Kultur“ und nicht „Literatur“, weil ich damit nicht nur Buchläden, Verlage, Festivals und Schriftsteller:innenverbände meine. Es geht auch um neue Medien, Clubs (die meisten nennen sich „Raum“, so wie zum Beispiel Reforum Space) und extrem populäre Vorträge und Diskussionsveranstaltungen: Armen Zakharyan spricht nicht über zeitgenössische Literatur [sondern eher über Klassiker – dek] , und doch gehören seine Auftritte zweifellos zur aktuellen literarischen Szene. Die absolute Mehrheit der russischsprachigen gesellschaftspolitischen Medien, die im Exil gegründet wurden oder aus Russland ausgewandert sind, beschäftigen sich ja leider nicht mit Literatur. Aber es gibt neue Publikationen wie zum Beispiel die Zeitschrift Pjataja wolna (dt. Fünfte Welle) oder Slowa wne sebja (dt. Worte außer sich), das sich selbst als „Medium über den Literaturprozess in russischer Sprache außerhalb Russlands, aber nicht nur“ beschreibt. Ein wichtiger Beitrag zu dieser Infrastruktur ist schließlich der Literaturpreis Dar, der 2024 ins Leben gerufen wurde, um „Autor:innen, die auf Russisch schreiben, ungeachtet ihres Lebensmittelpunkts und ihrer Staatsbürgerschaft“ zu unterstützen und zu fördern.
Es scheint, als wäre diese kulturelle Infrastruktur des russischsprachigen Auslands in den letzten drei Jahren überraschend dynamisch gewachsen. Doch in Wahrheit verdankt sie ihre Existenz all dem, was frühere Emigrationswellen geschaffen haben.
Wo findet die russischsprachige Literatur statt?
Schon vor dieser aktuellen, kriegsbedingten Emigrationswelle gab es und gibt es immer noch zahlreiche literarische Publikationen, sowohl online als auch gedruckt: Nowy shurnal (dt. Neue Zeitschrift) schon seit 1942 in New York, Wosduch (dt. Luft) in Riga, Serkalo (dt. Spiegel) in Tel-Aviv, Daktil (dt. Daktylus) in Almaty und viele andere mehr.
Eine der wichtigsten Bühnen in Berlin, auf der (nicht nur, aber auch) russischsprachige Literat:innen auftreten, ist die 2009 eröffnete Panda Platforma. Einige wichtige Projekte sind von Kulturschaffenden ins Leben gerufen worden, die Russland schon vor 2022 verlassen haben. Sie haben grundlegend andere Erfahrungen und Kenntnisse des neuen Kontexts: Den Dar-Preis hat Michail Schischkin erdacht und organisiert, der seit Jahrzehnten in der Schweiz lebt, und eine ganz neue Initiative, den PEN Sprachen Russlands, leiten Dinara Rasuleva und Sergej Lebedew, die schon lange vor 2022 nach Berlin gezogen sind.
Eine enorm wichtige Rolle spielen Buchläden, die heute von Lissabon bis London, von Tbilissi bis Jerewan russischsprachige Bücher verkaufen, sowie neue Verlage. Pionier war hier Babel, den Jewgeni und Lena Kogan 2015 in Tel-Aviv eröffnet haben. Seit 2020 ist Babel auch ein Verlag, in dem bis heute 82 Bücher erschienen sind. Er hat damit einen Trend für Buchhandlungen gesetzt, die weit mehr sind als nur Verkaufsorte. Buchläden im Exil haben dieselbe Funktion wie Kaffeehäuser in der Epoche der Aufklärung: Es sind Orte, an denen die Gesellschaft sich selbst entdeckt. Man kommt zu Präsentationen und Lesungen, man kommt nicht nur, um Bücher zu kaufen, sondern auch für den Austausch, für gemeinsame Gespräche in der Muttersprache. Seit ich in Berlin lebe, weiß ich, wovon ich rede – ich verbringe viel Zeit bei Babel Books Berlin. Diese Läden tragen eine wichtige Botschaft: Noch ist der Eiserne Vorhang, den die russische Staatsmacht errichtet hat, durchlässig, und Bücher, die in Russland erscheinen, sind auch im Ausland erhältlich.
Umgekehrt gelangen auch russischsprachige Bücher von außen nach Russland, wenn auch in viel geringerem Ausmaß. Sie stammen aus alten und neuen Exilverlagen. Deren massenhafte Gründung nach 2022 (Vidim Books, Freedom Letters, Éditions Tourgueneff, Shell(f), Echo Knigi etc.) brachte einen kolossalen intellektuellen und emotionalen Schwung: Das russischsprachige Buch ist heute weniger als je zuvor ein Produkt, das ausschließlich aus Russland kommt.
Aber in welchem Umfang erfahren auch nicht-russischsprachige Verlage von russischsprachigen Büchern aus Exilverlagen? Bisher wohl nur in sehr geringem Ausmaß: Zu nennen ist hier etwa die Straightforward Foundation, eine gemeinnützige Organisation, die russischsprachige Sachbuchautor:innen dabei unterstützt, in verschiedenen Sprachen auf den internationalen Markt zu kommen. Und der Gewinn des bereits erwähnten Dar-Literaturpreises besteht darin, dass die Übersetzungskosten der Gewinnertexte ins Englische, Französische und Deutsche finanziert werden, was wiederum Veröffentlichungen in den jeweiligen Ländern erleichtert. Der französische exilrussische Verlag Éditions Tourgueneff verlegt seine modernen russischsprachigen Schriftstellerinnen mittlerweile auch auf Französisch.
Heute gibt es in mehreren europäischen Städten außerdem Buchmessen und Literaturfestivals mit russischsprachigem Programm – von Buchpräsentationen im kleinen Kreis bis zu mehrtägigen Events mit Diskussionsrunden und Lesungen von Theatertexten. Sie ziehen ein Publikum an, das nicht nur Informationen sucht, sondern auch die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Geschehen. An der Spitze steht hier die 2024 erstmals veranstaltete Prashskaja knishnaja baschnja (dt. Prager Bücherturm, gefolgt von der Berliner Buchmesse für russischsprachige Literatur.
Das ist eine große Welt, die sich ständig verändert. Ein Teil ihrer Bewohner:innen lernt, sich in völlig neuen künstlerischen Räumen zurechtzufinden, ein anderer bleibt mit sich selbst und den eigenen Traumata beschäftigt – was nur allzu verständlich ist, immerhin verbreiten sie als Künstler:innen nicht nur kulturelle Codes, sondern erleben all die Erfahrungen von Angst, Macht, Schmerz, Körper, Tod, Abwesenheit in verdichteter Form und Intensität. Als einer, der selbst in der UdSSR aufgewachsen ist und den Großteil seines Lebens in Russland verbracht hat, bin auch ich nicht frei von Vorstellungen und Stereotypen, die in der so genannten „russischen Kultur“ verwurzelt sind. Sonst würde ich mich nicht fragen, ob man Exilschriftsteller:innen, die auf Russisch schreiben, als eine Gemeinschaft betrachten kann. Doch bin ich fest davon überzeugt, dass ich als einer dieser Autoren eine große Offenheit gegenüber jener neuen Welt an den Tag legen muss, in der ich bereits seit zwölf Jahren lebe.
Epilog
Ende April wurde in der Berliner Panda Platforma das Buch Kak wygljadit smert (dt. Wie der Tod aussieht) von Dmitri Strozew vorgestellt. Strozew kommt aus Minsk, schreibt vorwiegend auf Russisch, und sein neues Buch ist ein Gemeinschaftsprojekt des Warschauer Verlags Mjane njama mit dem Verlag des Buchladens Babel in Tel-Aviv.
Die Panda Platforma war gesteckt voll, Strozew wurde von Kolleg:innen, Gleichgesinnten und Verleger:innen beglückwünscht, aber mir fiel eines auf: Im Saal war kein einziger Schriftsteller, den man als russländisch bezeichnen könnte, und Alexander Smirnov (Delphinov) nennt sich selbst gar „Berliner Lyriker, der russisch schreibt“. Strozew selbst ist unbestritten ein belarusischer Autor, genau wie Mjane njama ein belarusischer Exilverlag ist, auch wenn da viele Bücher auf Russisch erscheinen.
Beim Schreiben des letzten Absatzes fand ich mich sofort auf dem dünnen Eis zweifelhafter Definitionen und politisch aufgeladener Rechtschreibung wieder. „Belorusski“, „belarusski“ oder „belaruski“? Ich weiß, dass die aktuelle Regel „belarusski“ vorschreibt, und doch schreibe ich „belaruski“. Weil das die belarusischen Intellektuellen in meinem Bekanntenkreis für richtig befinden, und das übernehme ich. Vielleicht könnte die Dekolonisierung, von der alle reden, damit anfangen, dass alle, die auf Russisch schreiben, anerkennen, dass jenes Russisch, in dem zum Teil die belarus(s)ische Literatur geschrieben wird, eine etwas andere, gleichberechtigte Norm darstellt? Wir haben ja schließlich auch gelernt „in der Ukraine“ zu sagen.