Galgenhumor im Putinismus

Galgenhumor verbindet, sagt Anthropologin Alexandra Archipowa.
Der russische Künstler Semjon Skrepezki demonstriert am 12. Juni 2026 vor der russischen Botschaft in Berlin. Drei Tage später ist er getötet worden. / Foto: © Vasily Krestyaninov/SOPA Images/Imago

Anfang 2026 wurde der russische Standup-Comedian Artemi Ostanin wegen eines Witzes für fast sechs Jahre in ein Straflager gesteckt, ein Mann aus der Oblast Astrachan bekam für seinen Humor mehrere Monate Haft. Anekdoten über Putin sind also gefährlich; manche Beobachter ziehen gar Parallelen zu Stalin-Zeiten, als Tausende für Witze ins Gulag gesperrt wurden.

Doch ist wirklich Angst der Grund, warum Putin aus den gängigen Witzen verschwunden ist? Und was hat es mit den Stalin-Vergleichen auf sich? Der russische Exil-Journalist Ilja Asar hat für das Projekt Pamjat (dt. Erinnerung) und das Online-Medium Cherta mit der Exil-Sozialanthropologin Alexandra Archipowa gesprochen, die zu politischen Witzen, Gerüchten und Legenden sowie zur Anthropologie des Protests forscht.  


Ilja Asar: Im Januar 2026 ist ein Mann aus der Oblast Astrachan wegen „Diskreditierung der Armee“ verurteilt worden, weil er einen politischen Witz erzählt hat. Er saß damals bereits im Gefängnis und bekam drei Monate Strafkolonie zusätzlich. Aber im Grunde wurde wegen eines Witzes die Haftstrafe verhängt. Das riecht nach Stalinzeit, doch inwiefern ist das derzeit einfach gängige Praxis?

Alexandra Archipowa: Noch sind das eher Einzelfälle als ein Massenphänomen, dass man wegen des Texts eines Witzes strafrechtlich verfolgt wird. Außer diesem Fall ist uns noch ein anderes Urteil bekannt, das wegen eines klassischen Kriegswitzes verhängt wurde – ein ziemlich brutaler, der auf beiden Seiten der Front kursiert:

Sagen die Artilleriesoldaten zum Kommandanten: „Lass mal über den Dnepr ballern.“ Sagt der: „Nein, da hat, sagen wir mal, Tkatschow sein Anwesen.“ Also schlagen die Soldaten vor: „Dann lass doch das Umland von Brjansk bombardieren.“ „Nein“, sagt der Kommandant, „da hat Medwedew seinen Landsitz.“ Da fragt ein Soldat: „Wo können wir denn dann angreifen?“ Der Kommandant überlegt lange, dann sagt er: „Nimm den Kreml ins Visier, da ist niemand von unseren Leuten.“

Dafür bekommt man tatsächlich eine Haftstrafe bzw. Haft-Verlängerung. Abgesehen davon gibt es zum Glück kaum solche Fälle.    

Heutzutage werden wegen ihrer öffentlichen Auftritte vor allem Stand-up-Comedians verfolgt. Die haben es wirklich schwer. Gegen sie wird eine ganze Front von außergerichtlichen Repressionen aufgefahren: Man schickt ihnen Einberufungsbescheide, verweist sie des Landes, leitet Strafverfahren ein und verdrängt sie auf jede erdenkliche Weise aus dem öffentlichen Leben.

Scherze über Putin oder den Krieg sind in der Öffentlichkeit verboten. Daheim am Küchentisch zwar nicht, aber wenn sie doch jemand hört und es gut in die Anklage passt, dann zählen sogar Küchengespräche.

Dann unterscheiden sich Witze ja gar nicht mehr von Nachrichten. Sie dürfen genauso wenig etwas enthalten, was das Regime als „Diskreditierung der Armee“ betrachtet. Ein Witz über Butscha würde in einem Strafverfahren dann genauso behandelt wie ein ernsthafter Post darüber.

Ja, ohne Akteneinsicht kann man praktisch gar nicht sagen, ob es um einen Witz geht oder nicht. Dass man in der Sowjetunion wegen eines Witzes eingesperrt werden konnte, ist ja allgemein bekannt, die Parallele drängt sich förmlich auf. Dazu gibt es sogar einen ganz aktuellen hübschen Zweizeiler:

Mein Opa saß für einen Witz – die Zeiten waren finster!

Der heutigen Zensur sei Dank sitz ich nun für mein Insta.

Formell wurde man natürlich nicht wegen eines Witzes eingesperrt, sondern wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda. Der Paragraf hatte starke Ähnlichkeit mit seiner heutigen Version, der „Diskreditierung der Armee“. Beides sind Gummiparagrafen, die die Entscheidung darüber, ob etwas als antisowjetische Agitation und Propaganda oder eben heute als „Diskreditierung der Armee“ ausgelegt wird, den Ermittlern überlassen.

Gnose

Gulag

Der Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst.

Von

In der Sowjetunion saßen viele wegen Witzen im Gefängnis. So viele, dass selbst die Staatsanwaltschaft zu Stalins Zeiten das NKWD immer wieder zur Räson zu rufen versuchte und dafür plädierte, Tschastuschki und Witze gesondert zu behandeln. Doch das NKWD ließ sich nicht erweichen.

In Ihrem Artikel Russischer Galgenhumor schrieben Sie im Dezember 2022, die Wiedergeburt des politischen Witzes sei eine Folge des Schocks, den die russische Bevölkerung angesichts der Invasion ihrer Armee in der Ukraine erlitten habe. Gab es denn vor Kriegsbeginn etwa keine politischen Witze? Ich kann mich zum Beispiel gut an den Witz mit Putin und dem Gemüse erinnern:

Kommen Putin, Gryslow und Mironow ins Restaurant. Der Kellner fragt Putin: „Wladimir Wladimirowitsch, was darf ich Ihnen bringen?“ – „Ich nehme Fleisch.“
„Und das Gemüse?“ – „Die nehmen auch Fleisch.“

Das waren allerdings die 2000er Jahre. Kam danach eine Zeit, in der der politische Witz verschwunden war?

Der Witz mit Putin und dem Gemüse kam ungefähr Mitte der 2000er Jahre auf, ja. Auch der mit der Sülze, die im Kühlschrank steht, und Putin sagt zu ihr: „Zitter‘ nicht, ich hol mir nur Ketchup. Zumindest vorerst.“ So wie diese ganzen Witze über Chodorkowski und Putin, zum Beispiel:

„Na, Michail Borissowitsch, kurz noch mal sitzen vor der weiten Reise?“

Das Problem ist, dass sich die Form verändert hat: Witze werden heute schriftlich verbreitet, wir hören sie immer seltener. Und weil wir sie seltener hören, glauben wir, es wären weniger geworden.

Dazu kommen visuelle Formen, die immer beliebter werden – Memes, also eine Kombination aus Bild und Text. Der Text ist simpler, die Bilder sind mehr geworden.

Special

„Russisches Kriegsschiff – fick dich!“

Die Kriegsfront hat sich auch in die Welt der Zeichen und Symbole verlagert – in Russland wie in der Ukraine. Elisabeth Bauer und Yelizaveta Landenberger stellen Symbole, Zeichen und Begriffe der ukrainischen Subversion und Gegenwehr vor.

Der politische Humor ist also nicht tot, sondern hat ein neues Gesicht bekommen. Seit 2022 gibt allerdings tatsächlich ein Revival des politischen Witzes in seiner klassischen dialogischen Struktur des Street Joke, also so, dass man ihn auf der Straße weitererzählen kann.

Zum Beispiel dieser furchtbare Witz:

Ruft ein russischer Soldat aus der Ukraine zu Hause an:

„Hallo Mama, ich bin in der Ukraine. Es ist so schlimm, ich sitz im Verschlag, es wird geschossen, der reinste Fleischwolf!“

Sagt die Mutter: „Den Fleischwolf lass stehen, nimm lieber den Blender!“

Solche Witze spiegeln diese neue Idee, dass die Russen nicht mehr über den bösen Putin und seine Denkweise lachen. In den Witzen, die Sie erwähnt haben, ist Putin ein schlechter Mensch, der seine Mitstreiter verächtlich als „Gemüse“ bezeichnet. Man nimmt seine innere Logik auf die Schippe.

In den neuen Witzen kommt Putin praktisch gar nicht vor. Er ist uninteressant geworden. Heute lacht man meistens über die hippen Großstädter, die bisher ganz zufrieden waren mit dem Leben um sich herum, die ihre heile Welt aufgebaut haben und nicht glauben wollten, dass wirklich ein Krieg kommt.

Zum Beispiel:

„Verzeihung, könnten Sie mir vielleicht sagen, in welches Konzentrationslager wir gebracht werden?“ „Keine Ahnung, Politik interessiert mich nicht.“

Plan B.

„Das ist doch nicht mein Krieg!“

Bin ich schuld, dass Putin die Ukraine bombardiert? Was habe ich damit zu tun, dass Lukaschenko Menschen wegsperrt? In einem scharfen Kommentar bringt Olga Loiko ihren Verdruss darüber zum Ausdruck, dass sich viele aus der Verantwortung stehlen wollen.

In Politik von

Aber warum ist denn Putin aus den Witzen verschwunden?

Man kann verschiedene Hypothesen aufstellen, aber ich glaube, im sowjetischen und postsowjetischen politischen Humor geht es immer darum, für das Volk die innere Logik des Herrschers zu rekonstruieren.

Wenn wir uns die Witze über Stalin näher ansehen, dann wird er immer als klug und grausam dargestellt. Breshnew ist in den Witzen nicht streng, sondern dumm und komplett abhängig von seinem Umfeld, das ihm einflüstert, was er sagen soll. 

Und Putin ist grausam und zynisch. Das sind seine beiden Charakterzüge. 

Aber noch mal, in der heutigen Scherzkultur hat sich das Hassobjekt verschoben. Die Witze, die sich die Oppositionellen erzählen, nehmen nicht Putin aufs Korn, sondern die, die ihrer Ansicht nach schuld an dem sind, was passiert: die Russen, die sich nur um ihr [Privat-]Leben kümmern.

Mein Lieblingswitz aus dieser Serie:

Ein Russe trifft seine Freunde und erzählt von seiner neuen Smart-Home-Wohnung. Das Licht geht von selbst an, sobald er nur daran denkt, das Essen wärmt sich von selbst auf, sobald er Hunger verspürt. Einfach toll! Da fragen ihn seine Freunde: „Und wieso bist du dann so schlecht drauf?“ – „Naja, gestern hat mein Smart-Home von selbst alle Sachen gepackt und ist ausgewandert.“

Ein Witz über den typischen Russen, einen ganz normalen Bürger. So was gab es in der ganzen Geschichte des sowjetischen Witzes noch nie.

Wo erzählt man sich denn solche Witze, wenn nicht auf der Straße?

Erstaunlicherweise auf Instagram. In den letzten Monaten, seit Herbst 2025, beobachte ich eine Tendenz, dass lustige Videos eine halbe Million Klicks erzielen und 200.000 Likes. Sehr populär sind Reels, in denen eine Person zwei Rollen spielt. In der Regel ist das ein Russe, der völlig ahnungslos ist, und einer, der Bescheid weiß.

Ein Riesenhit war folgendes Reel:

Eine einfache Russin, die ein bequemes Leben gewöhnt ist, ohne sich je Gedanken über Politik zu machen, fragt am Telefon: „Sagen Sie mal, Sie beschatten mich doch, oder?“ „Ja“, sagt der Major am anderen Ende der Leitung, „ich beschatte Sie.“ „Könnten Sie mir vielleicht sagen, wann heute meine letzte Kundin zur Maniküre kommt, ich hab’s vergessen.“ Sagt der FSBler: „Ihre letzte Kundin haben Sie um 17:00 Uhr. Aber sie kommt nicht, sie hat Probleme mit ihrem Mann. Der macht Verluste mit seiner Firma und will auswandern.“ Dann fügt er hinzu: „Und mach den Rücken gerade, das kann sich ja keiner ansehen!“ 

Verstehe, Big Brother is watching you.

Ja, genau. Solche Reels gibt es zu Hunderten, von den diversesten Berufsgruppen – Hair Stylisten, Models, allen möglichen Beauty-Bloggern. Also von Leuten, die nicht gerade den Ruf haben, politisch aktiv zu sein, sagen wir mal.

Warum machen die Leute diese Reels?

Die Fähigkeit, sich über Politik lustig zu machen, ist eine Konsequenz aus dem Frust über die aktuellen Geschehnisse. Warum ist das wichtig? Wenn man total frustriert ist über das, was rundherum geschieht, dann wünscht man sich Verbündete, oder?

Der Wunsch nach Gleichgesinnten ist ein menschliches Grundbedürfnis. Als Einzelkämpfer hat man’s schwer. Übrigens ist es auch aus wissenschaftlicher Sicht eine Basisfunktion der Propaganda, den Menschen ein Gefühl von Einsamkeit und Angst zu vermitteln.

Special

Die Schaltzentrale der Propaganda

Täglich erhalten russische Medien Leitfäden, wie Nachrichten präsentiert werden und welche Emotionen sie wecken sollen. Für diese Vorgaben sind zwei Männer aus der Präsidialadministration zuständig: Sergej Kirijenko und Alexej Gromow.

Aber Verbündete zu finden ist nicht leicht, und da kommt der Humor zu Hilfe. Wenn man etwas sagt oder schreibt, und alle lachen, liken und reposten, dann hat man offenbar ins Schwarze getroffen. Die Leute lachen ja nur über das, was sie triggert. Je schlimmer die Lage, desto mehr floriert daher der Humor, weil man sich auf diese Weise Verbündete sucht.

Ein zweites beliebtes Motiv zeigt einen Durchschnittsrussen, der gemütlich Kaffee trinkt, und eine Stimme im Off erzählt, was an dem Tag alles in Russland verboten wurde. Witze über Verbote sind momentan ein Megatrend, gerade in den letzten Monaten. Zum Beispiel:

Ein Mann ruft beim Finanzamt an und sagt: „Hier spricht Kleinunternehmer Smirnow. Ich bezahle [Steuern] für die Luft, die ich atme, aber ich habe nicht genug Geld. Darf ich die Luft auch als Privatperson atmen?“ Es folgt ein absurdes Gespräch mit dem Amt, das darauf hinausläuft, dass er weiterzahlen muss. Und für Luftanhalten gibt es einen eigenen Paragrafen.

Solche Sketche gibt es viele, und auch hier geht es letztlich um Repressionen.

Nicht umsonst soll es einen neuen Leitfaden geben, laut dem man das Wort „Verbot“ vermeiden soll, weil zu viele Russen von den Verboten genervt sind.

So ähnlich, wie man statt „Explosion“ jetzt „Knall“ sagt. Das ist so eine äsopische Sprache, die zu Sowjetzeiten geblüht hat, aber im heutigen Journalismus weitgehend fehlt, wie mir scheint.

Du meinst, sie fehlt im Exiljournalismus?

Nein, was sollen wir denn damit … Ich meine die russischen Medien, die einfach gewisse Themen aussparen und fertig. Aber ich verfolge das nicht so genau.

Da hast du die Nähe zum Volk verloren. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Schlagzeile von 2023 – ich sage lieber nicht, aus welcher Region –  auf das Dach eines Kuhstalls sei ein UFO gestürzt.

Ich dachte erst, ich spinne, aber der Text machte deutlich, dass es um eine Drohne ging. Über Ecken erfuhr ich, dass man den Journalisten dort natürlich verboten hatte, über Drohneneinschläge zu berichten, deswegen griffen sie zu solchen Tricks.

So eine UFO-Schlagzeile klickt jeder, sinngemäß passt es sogar, und der Artikel bringt alle Einzelheiten, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen.

Oder zum Beispiel Fontanka – wenn man näher hinsieht, sind die Headlines voller Nekrosprech, aber aus den Texten selbst wird halbwegs klar, worum es eigentlich geht. Das ist eine Mutation der modernen Medien.

Die äsopische Sprache blüht und gedeiht also.

Gnose

Schwanensee – Ballett, Requiem und Protestsong

Pjotr Tschaikowskis Ballett Schwanensee ist in Russland eine historische Referenz – Requiem für sowjetische Staatsmänner und Begleitmusik zum Untergang der Sowjetunion selbst. Mahnung an die Endlichkeit des Regimes und Erinnerung daran, dass am Ende das Gute über das Böse siegt. 

Von

Instagram ist ein öffentlicher Raum. Sie haben bereits die Stand-Up-Comedians angesprochen; letztens wurde Artemi Ostanin wegen seiner Witze verhaftet, die eigentlich ganz harmlos wirken. Warum sitzt er im Gefängnis, während es auf Instagram massenhaft brisantere Dinge gibt und man die Urheber relativ leicht finden kann, wenn man will?

Ich glaube, es geht nicht so sehr um den einzelnen Komiker, sondern um sein Publikum. Ein Stand-up-Comedian, denkt sich das Repressionshirn in der Lubjanka, muss ein Publikum haben, das seine Shows besucht und ihm in den sozialen Netzwerken folgt. So einen muss man einschüchtern oder eliminieren, jedenfalls am Auftreten hindern.

Instagram ist schwieriger, da gibt es nur sehr wenige Verfahren. Das liegt daran, dass die [Silowiki] so schwer mit Videos arbeiten können. Versetzen Sie sich mal in die Lage eines Bullen, dem eine Beschwerde wegen eines Clips vorliegt. Er muss feststellen, wer der Urheber ist, was an sich schon schwer ist, weil Meta nicht preisgibt, wer hinter dem Nickname steckt. Selbst wenn er den Urheber ausforschen kann, braucht es noch ein Gutachten, das den Verstoß bestätigt, und dann noch den Beweis, dass jemand Schaden genommen hat – genau dafür braucht man Denunzianten.

Es ist also nicht unmöglich, aber schwer.

Somit gibt es heute zwei Vorgehensweisen: Entweder die Silowiki gehen gezielt gegen bestimmte Personen vor – Aktivisten, Journalisten, Komiker –, die sie wegen dem, was sie machen, aus dem Weg räumen oder zum Schweigen bringen wollen.

Oder es sind willkürliche Repressionen ausgehend von der Überwachung durch das Zentrum E und Denunziationen aus der Bevölkerung. Das Zentrum E kann nur Plattformen scannen, die ihre Daten zur Verfügung stellen. So wie Telegram und VKontakte, das weltweit immer noch Spitzenreiter bei Verhaftungen ist. Videos lassen sich nur sehr schlecht überwachen, deshalb verdanken Instagram-User ihre Anzeigen immer „engagierten“ Bürgern, die Screenshots sammeln und sie der Polizei vorlegen.

Vielleicht ist das subjektiv, aber die Witze über Stalin kamen mir lustiger vor.

Wenn ein Witz lange mündlich kursiert, wird er immer besser, er durchläuft eine natürliche Auslese, indem er mit ähnlichen Witzen konkurrieren und ums Überleben kämpfen muss. Jedes Wort muss sitzen, auch die Länge muss perfekt sein, sonst erzählt man ihn nicht.

Manche Witze sind in Wahrheit tausend Jahre alt. Der Ausdruck „Dann beweis mal, dass du kein Kamel bist“ geht zum Beispiel auf einen Witz aus der frühen Sowjetzeit zurück:

Die Tscheka hält an der Grenze zu Finnland ein paar Füchse an und fragt: „Wo rennt ihr denn hin?“ Die antworten: „Wir fliehen, die Tscheka verhaftet alle Kamele“ „Aber ihr seid doch Füchse!“ „Na dann beweis das mal der Tscheka!“

Wenn man tiefer gräbt, stellt sich heraus, dass dieser Witz schon in den Midraschim, den Auslegungstexten zur Tora, auftaucht, und die früheste Erwähnung findet sich im 11. Jahrhundert in Persien. Seitdem passt er sich an jede politische Situation an.

Bei Reels müssen wir zwar laut lachen, können sie aber schwer nacherzählen, weil es eben Videos sind.

Witze über den Krieg oder Putin gibt es sehr wenige. Auch nicht auf Instagram. Und hier liegt der Hund begraben. Jeder Form von Humor liegt ein Verstoß zugrunde, eine kognitive Dissonanz, das Zusammenprallen von Widersprüchen.

2022 war der Krieg ein solcher Verstoß, deshalb gab es darüber Witze und Anekdoten, böse Sprüche und so weiter. Aber irgendwann wurde er zur Normalität, über die man nicht einmal spricht, weil alle wissen, was einem dafür blüht. Besonders denen, die noch in Russland sind.

Humor entsteht, wenn man mit etwas Neuem konfrontiert ist, das unvorstellbar ist und deshalb verlacht werden muss. Jetzt sind das neue Internetsperren, Messenger-Verbote, die ewigen Verbote überhaupt, die hohen Preise, die kriminellen Steuern, die es überall hagelt, und so weiter und so fort.

Das bedeutet nicht, dass die User von Instagram und TikTok nichts von Repressionen, politischen Gefangenen und Krieg wissen. Sie wissen das alles. Aber das ist nun mal die Normalität, die bereits Einzug gehalten hat.

Ist in den Kriegsjahren beim KWN irgendetwas Lustiges passiert?

Der KWN ist politisch gebilligter Humor. Aus einer studentischen Bewegung hat sich der KWN zu einem mittelalterlichen Spektakel entwickelt, wo Hofnarren vor den König treten und seine Entourage verspotten. Sie werden nicht hingerichtet, weil sie genau dafür da sind.

So ein Karnevalshumor existiert natürlich auch. Man zieht die herrschende Klasse durch den Kakao, und dann geht’s weiter wie gewohnt. Das wird es immer geben.

Sie haben sich außerdem mit dem Genre der Horrorstories beschäftigt. Findet der Krieg dort denn Eingang?

Die sind wiederum ein Mittel der direkten Reaktion. Nehmen wir zum Beispiel den Drohnenangriff auf Moskau in der Nacht auf den 17. Mai 2026. Schon am nächsten Morgen machte in diversen Chats die Geschichte von einem Jungen die Runde, der im Kindergarten erzählte, dass seine Eltern nachts mit Flugzeugen spielen und er nicht mitmachen darf.

Die Erzieherin meldete das pflichtbewusst dem FSB. Der fand heraus, dass die Eltern Drohnen basteln. Diese Geschichte erzählte man sich in Moskau gern zum Thema, woher die Drohnen kamen.

Seit in Russland Großstädte beschossen werden, besonders in den letzten ein, zwei Monaten, erzählen sich die Leute ja, dass die Drohnen aus nächster Nähe kommen: von ethnischen Minderheiten, Obdachlosen oder, wie in dieser Geschichte, einfach irgendwelchen inneren Feinden.

Der Grund dafür ist ebenfalls die besagte kognitive Dissonanz. Einerseits sagt das Regime: Die Ukraine ist schwach, der Sieg ist nah, ihr seid sicher, ihr könnt ruhig schlafen. Das war von Anfang an der Gesellschaftsvertrag: Es gibt keinen Krieg, ihr könnt im Bett bleiben, im Restaurant sitzen, alles ist gut.

Und plötzlich schlägt im Nachbarhaus eine Drohne ein. Wie kann das sein? Das ist eine kognitive Dissonanz, die man irgendwie auflösen muss. Jemand mit oppositionellen Ansichten hat es da leichter, aber bei einem, der regierungstreu denkt, muss das Gehirn ganz schön ackern, um diese Dinge irgendwie miteinander zu vereinbaren.

Das tut es, indem es sich einredet, dass die Drohnen nicht aus der Ukraine kommen, sondern von inneren Feinden. Und dann fängt im Moskauer Umland die eine Stadt an, die andere zu beschuldigen. Das ist extrem verbreitet, so entstehen Urban Legends.

In Ihrem Buch habe ich außerdem gelesen, dass der Ausdruck „Erzähler sowjetischer Witze“ in der Sowjetunion ein ähnliches Klischee war wie „schädliches Element“ oder „Handlanger der Faschisten“, und dass das heute anders ist.

Dafür haben wir ein anderes Klischee: Blogger. Wenn die Regierungskanäle sagen: „Diese Blogger schreiben xy“, ist das genauso ein Klischee, oder? Sie produzieren Texte, die wir nicht mögen, sie verleumden uns, malen schwarz, sie sind unsere Feinde. Das gibt es durchaus.

Man will so gerne damals mit heute vergleichen, weil es so viele Parallelen zu geben scheint, aber irgendwie ist es doch nicht ganz dasselbe.

Das hätten Sie gerne, dass es dasselbe ist, und 90 Prozent Ihrer Zuschauer und Leser wollen das auch, weil man leichter verstehen kann, was rundherum passiert, wenn man sagt: „Wir leben 1937.“ Dann weiß man, was einen erwartet. Die Menschen lassen sich ständig dazu verführen, sich in bestimmte historische Zeiten zurückzuversetzen und sich mit ihnen zu vergleichen.

Aber nein, das hier ist nicht 1937. Manches ist ähnlich, anderes nicht. Die soziale Evolution hat niemand abgeschafft. Und immerhin hat man uns beide noch nicht erschossen.