Jakutien im Kohledunst: Wo Klimakrise auf Armut trifft

In Deutschland ist der geplante Kohleausstieg bis 2038 seit Jahrzehnten umstritten. In Russland dagegen ist eine solche Option überhaupt kein Thema: Das Land will seine Produktion vielmehr noch deutlich steigern – obwohl die Branche schwächelt und mehr als die Hälfte der russischen Kohleunternehmen schon im Jahr 2024 Verluste gemacht hat. Gründe dafür sind der Rückgang der weltweiten Nachfrage, Sanktionen sowie die damit verbundenen steigenden Transportkosten.

Trotzdem sieht der Kreml für viele Regionen eine noch stärkere Abgängigkeit vom Kohleabbau vor. Und damit vielerlei Umweltschäden, die die Kohleförderung mit sich bringt und langfristig weiter verstärkt.

In der fernöstlichen Republik Sacha (Jakutien) beispielsweise wirkt sich die Klimakrise schon jetzt stark auf das Leben der Menschen aus – besonders auf die indigenen Völker, die dort die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen.

Dem Zusammenhang zwischen Klimakrise und wirtschaftlicher Entwicklung tausende Kilometer östlich von Moskau widmet sich eine umfangreiche Analyse des Projekts Arctida.


In der Republik Sacha (Jakutien), dem flächenmäßig größten Föderationssubjekt Russlands mit einer Bevölkerung unter einer Million Menschen, ist das Monatsgehalt in der Kohleindustrie mit rund 143.000 Rubel (umgerechnet rund 1600 Euro) doppelt so hoch wie im landesweiten Durchschnitt. 98 Prozent der jakutischen Steinkohle wird im Kreis Nerjungri Ulus im Südosten von Sacha abgebaut. Von den knapp 70.000 Einwohnern hier sind gut 20.000 im Bergbau tätig.

Seit 2000 hat sich die Kohleförderung in Jakutien verfünffacht, was die regionale Regierung als großen Erfolg wertet. In nur wenigen Jahren habe sich Nerjungri Ulus von einer abgehängten, „depressiven“ Region zu einem der drei wirtschaftlich fortschrittlichsten Bezirke der Republik entwickelt, sagte Sachas Regierungsoberhaupt Andrei Nikolajew im Jahr 2024. Er bezeichnete das als „Arbeitsheldentum“. Laut Industrieministerium sichere die Kohleförderung nachhaltig die Wirtschaftskraft der Republik und gewährleiste damit ihre Zukunft.

Die Republik Sacha (Jakutien) ist das größte, aber am dünnsten besiedelte Gebiet der Russischen Föderation. / Karte © Screenshot wikicommons/Open Street Map

Doch alles hat seinen Preis. Und so verstärkt die Kohleindustrie maßgeblich die Klimakrise. Und die einschneidenden Klimaveränderungen bestimmen immer mehr das Leben der jakutischen Bevölkerung.

Einst war der gesamte Boden der Republik Sacha vom Permafrost durchzogen. Doch aufgrund der globalen Erwärmung taut der Boden immer weiter, häufiger und länger im Jahr auf. Eine der materiellen Folgen davon ist, dass Gebäude praktisch zerreißen und unbewohnbar werden, weil ihre Fundamente verrutschen, absinken und Wasser eindringt.

Und die Klimaerwärmung lässt sich in Sacha sehr genau messen: Zwischen 1966 und 2022 ist die durchschnittliche Jahrestemperatur um drei Grad gestiegen.

Gleichzeitig breiten sich seit 1984 auch Waldbrände von Jahr zu Jahr weiter aus. Die Feuer in Jakutien vom Jahr 2021 gelten als die größten der Weltgeschichte. Der Anteil dieser Brände an den russischen CO2-Emissionen lag damals bei rund 40 Prozent.

Die örtlichen Kohlekraftwerke belasten die Luft zusätzlich mit Ruß, Kohlenmonoxid sowie Stickstoff- und Schwefelverbindungen. In den Wintern, die immer kürzer werden, nimmt der Schnee in zahlreichen jakutischen Dörfern durch den Kohledunst und -staub einen schwarzen Farbton an.

Vor vier Jahren hat dаs Bergbauunternehmen Jakutugol für die Verschmutzung des Flusses Werchnije Nerjungri im Jahr 2019 ein Bußgeld von 84.000 Rubel (etwa 1000 Euro) zahlen müssen. Dieser Betrag entspricht etwa der Hälfte eines Monatsgehalts in der Kohleindustrie. Dabei überstieg die Schadstoffkonzentration im Wasser die Normwerte um das 800-Fache.

Ökozid: Die Umweltschäden des russischen Krieges in der Ukraine

Klar, Krieg schadet der Umwelt. Aber wie und was genau verschmutzt, verändert und zerstört Russlands Krieg in der Ukraine? Ist das ein Ökozid? Unser Exklusiv-Newsletter dekoder-Wissen+ stellt die wichtigsten Zahlen zu den kriegsbedingten Umweltschäden vor und erläutert im ausführlichen Experteninterview mit dem ukrainischen Umweltschützer Olexii Wasyljuk die vielfältigen Auswirkungen. Denn: „Russlands Krieg verändert das gesamte globale Klima.“

Die Giftstoffe im Kohlestaub können Krebs und Mutationen verursachen. Es gibt noch keine Daten aus Jakutien, aber Studien zum Kusbass im südlichen Teil Westsibiriens, wo ebenfalls seit Jahrhunderten Steinkohlenabbau betrieben wird, deuten darauf hin, dass dies unter anderem zu einem Anstieg der Geburten von Kindern mit angeborenen Anomalien führt.

Anton Lementujew, der zu Kohleindustrie und Umweltschutz in Russland forscht, kommt zu dem Schluss, dass die Überwindung extremer Armut in Sacha auf Kosten erheblicher Schädigungen von Natur und Gesundheit der Menschen erfolgte.

Original vom 05.05.2026 auf Russisch und auf Englisch