Belarus – wider die Hoffnung

„Knoten der Hoffnung“ / Illustration © Antanina Slabodchykava     

Hoffnung ist ein trügerischer Anker, solange man nichts macht und tut, nicht widersteht – trotz aller Widrigkeiten, Unkenrufe und Gefahren. So trägt dieser Jubiläumsessay von Olga Bubich auch die Idee unseres Projektes Spurensuche in der Zukunft in sich, das wir im September 2021 zusammen mit der S. Fischer Stiftung auf den Weg gebracht haben. In über fünf Jahren sind 25 sehr unterschiedliche Essays entstanden, die aber eines gemeinsam haben: Sie geben nicht nur einen vielfältigen Einblick in die hierzulande immer noch unverstandene belarussische Diskurs- und Gedankenwelt. Und trotz Krieg, Exil und der nicht enden wollenden Repressionen haben sie den Mut und die Kraft, Zukunftsaussichten zu öffnen.

Die belarussische Autorin und Künstlerin Olga Bubich fragt in ihrem Essay, was Hoffnung angesichts von Gewalt, Repression und scheinbarer Aussichtslosigkeit überhaupt bedeuten kann. Denn von außen lässt sich kaum ermessen, welcher Gewalt die belarussische Gesellschaft ausgesetzt ist – und woher die Kraft für den fortwährenden Kampf kommt, wenn die Aussichten sehr düster sind.


Eine Frage, die mir in den letzten Jahren bei Podiumsdiskussionen, Festivals, Konferenzen und anderen Veranstaltungen zum Erfahrungs- und Meinungsaustausch immer wieder gestellt wird, ist die nach der Hoffnung. Die Moderator:innen hören sich die beunruhigende Statistik der Verhaftungen an, erkundigen sich nach den neuesten Titeln auf der Liste „extremistischer Bücher“, staunen höflich über die verschwindend geringe Zahl belarussischsprachiger Schulen und versuchen – als folgten sie einem ungeschriebenen Happy-End-Gesetz – das Gespräch in Dur zu beenden. Als könnte ein bisschen Smalltalk auf einer Bühne automatisch etwas bewirken – den aus dem Land vertriebenen politischen Gefangenen ihre Pässe zurückgeben, die Auflagen von Büchern in der belarussischen mowa erhöhen oder den Aufkauf belarussischer Immobilien durch Russ:innen stoppen. „Aber es gibt doch Hoffnung, oder?“, fragen Professor:innen, Autor:innen, Philosoph:innen und andere Osteuropa-Expert:innen mal in der einen, mal in der anderen Sprache. Das intellektuelle Publikum, das zehn Euro für den Eintritt bezahlt hat, wiegt nachdenklich die Köpfe in Erwartung einer magischen Formel, um mit einem Gefühl der Erleichterung zum Abendbrot im Kreise der Familie heimkehren zu können. Einige meiner Kolleg:innen im Exil akzeptieren diese Spielregeln und ziehen ihre mal mehr, mal weniger optimistischen Resümees. Sie sprechen von Solidarität, Demokratie und Unterstützung. Manchmal auch von einzigartigen Erfahrungen und Lehren aus der Geschichte. Ich kann das nicht.

Das belarussische nadseja, das ukrainische nadija, das polnische nadzieja und das russische nadeshda gehen auf eine urslawische Wurzel zurück, die etymologisch mit dem Verb naděti/nadějati zusammenhängt, das wörtlich legen oder stellen bedeutet. Interessant ist auch die sprachliche Ähnlichkeit von [im Russischen] nadeshda und odeshda (dt. Kleidung): Beide bezeichnen etwas, das gleichsam von außen angelegt wird. Der Hoffende erwartet etwas Wünschenswertes, legt sich einen emotionalen Zustand an – wie einen Mantel oder Hut, indem er an diese Möglichkeit glaubt. Dieselbe Wurzel steckt auch im Adjektiv nadeshny (dt. verlässlich) – die Eigenschaft einer Person, auf die man sich verlassen kann (auf die man die eigene Hoffnung überträgt?). In diesen Lexemen scheint nicht viel Platz für Subjekthaftigkeit. Die Passivität der Hoffenden spiegelt sich auch in der antiken römischen Kultur: Die Brüder von Spes, der Göttin der Hoffnung, waren die Götter des Schlafes und des Todes, und Hoffnung galt als eine Kraft, die von oben herabgesandt wurde – im Gegensatz zu den dem Menschen von Geburt an innewohnenden Gaben von Mens, Virtus und Fides, deren Wirkungsbereiche der Verstand, die Tugend und die Verantwortung waren.

Die Geschichte der Hoffnung in der griechischen Antike ist noch faszinierender. Tatsächlich bezeichnete das griechische Wort dafür – ἐλπίς (elpís) – nicht die Erwartung eines günstigen Ausgangs, wie sonst in allen mir bekannten Sprachen, sondern die Erwartung an sich (ähnlich dem englischen anticipation). Es gibt eine Deutung, der zufolge sich diese negative Bedeutung von Hoffnung auch im Mythos von der Büchse der Pandora zeigt: Als die Büchse geöffnet wird, dringt alles darin verwahrte Unheil in die Welt hinaus, darunter als Letztes … die Hoffnung. Man fragt sich, was sie dort überhaupt zu suchen hatte? Heißt das, im Weltbild der Griechen war Hoffnung genauso ein Übel wie Armut, Gewalt, Gier und sonstige Laster? Manche interpretieren das durchaus so. Weil ein Mensch, der blind auf ein gutes Ende vertraut, womöglich jahrhundertelang Ungerechtigkeit duldet, von Illusionen und Versprechungen lebt und sich weigert, den realen Sachverhalt zu sehen, statt zu versuchen, etwas zu verändern. Auf diese gefährliche Facette der Hoffnung bezog sich an einer Stelle auch Nietzsche.

Mir, mit meinen mehr als zehn Jahren Unterrichtserfahrung und meiner Promotion in Pädagogik, die sich um einen persönlichkeitsorientierten Ansatz in der Bildung drehte, war eine solche distanzierte Passivität im tiefsten Inneren immer fremd. Sind doch weder ein Studium noch irgendwelche anderen wertvollen Erfahrungen möglich, ohne dass wir uns unserer Subjekthaftigkeit bewusst werden, ins Handeln kommen, über die Grenzen des gewohnten Ich hinausstreben. Nach der Begegnung mit dem Anderen Fragen zu stellen, die Bedeutung vermeintlich wohlbekannter Begriffe zu hinterfragen und zu revidieren, was wir als gegeben annahmen, ist absolut normal. Zudem ist die aktuelle Weltlage heute so, dass jede Untätigkeit schwerwiegende Folgen nach sich ziehen kann.

Daher würde ich diesen „hoffnungsfrohen“ Bitten um ein Schlusswort mit Licht am Ende des Tunnels oft gern im Stil von Emmeline Pankhurst widersprechen: „Taten, nicht Worte!“ Eigentlich habe ich das auch schon ein paarmal gemacht und an das Publikum appelliert, Belarus öfter mal auf die Tagesordnung zu setzen, die Belaruss:innen nicht immer in Ausgewanderte und Gebliebene zu unterteilen und endlich das Gleichheitszeichen zwischen russischen und belarussischen Aktivist:innen wegzulassen. Auch die Proteste von 2020 haben, wie ich finde, sehr überzeugend die Priorität des wirksameren Verbs „fordern“ gegenüber dem „hoffen“ in unserer Rhetorik illustriert. Was soll denn das für eine Zukunft werden, wenn die Belaruss:innen auf die Einhaltung der Gesetze und das Ende der Repressionen „hoffen“ und die Europäer:innen „hoffen“, dass wir das hinkriegen?

Ausgehend von diesen Überlegungen ist eine weitere Frage anzuführen, die ich häufig während oder nach derartigen öffentlichen Diskussionen höre: Wie kann es sein, dass ein Präsident, der konsequent die Judikative ruiniert, die Zivilgesellschaft zerstört, eine Politik des Ethnozids an der belarussischen Sprache verfolgt und sich mit einem treu ergebenen Sicherheitsapparat umgibt, jahrzehntelang fest im Sattel sitzt? Und ob Duldsamkeit, „hoffnungsvolles“ Warten auf Veränderung und ein Leben im „Hütte am Rand“-Modus nicht vielleicht Besonderheiten der belarussischen Mentalität sind?

Meine Antwort ist: nein. Verhaltensmechanismen der Belaruss:innen, die man mit Begriffen wie Geduld, Anpassungsfähigkeit und Passivität beschreiben könnte, sind in erster Linie Überlebensstrategien. In jenen sprichwörtlichen „Hütten am Rand“ wurden allerdings einst Juden und Jüdinnen vor Pogromen versteckt, Flugblätter produziert, verbotene Bücher händisch gedruckt und gebunden, überlebte man unter unvorstellbaren, von Hunger geprägten Bedingungen die Besatzung. Diese und viele andere Beispiele schlicht unter dem Terminus „Hoffnung“ zusammenzufassen, wäre nicht richtig. Nach dem Verlust von rund 100.000 Menschen im stalinistischen Terror, mehreren Millionen im Zweiten Weltkrieg und einer Anzahl von Menschen, die wir nie genau erfahren werden, durch die Katastrophe in Tschernobyl, die ein Viertel unseres Staatsgebiets erfasste, sind wir immer noch hier, unabhängig von der Stelle oder Sprache, mit der unser Standort gerade auf der Karte im Handy angezeigt wird. Vielleicht sogar eher trotz als dank der Hoffnung.

Die Frauenrechtsaktivistin Emmeline Pankhurst starb im Juni 1928 – nur einen Monat, bevor in Großbritannien das Wahlrecht reformiert und allen Frauen über 21 die gleichen Rechte eingeräumt wurden wie Männern. Pankhurst war sieben Mal verhaftet und unter brutalen Bedingungen gefangen gehalten worden. Wenn sie oder ihre Mitstreiterinnen aus Protest in den Hungerstreik traten, wurden sie mit Zwangsernährung gefoltert. Hätte Emmeline hundert Jahre später in Belarus gelebt – ich weiß genau, was sie getan hätte.


Olga Bubich, geboren 1974 in Minsk, ist eine belarussische Autorin, Journalistin, Fotografin und Kunstkritikerin. In ihren literarischen und künstlerischen Arbeiten beschäftigt sie sich intensiv mit der Frage, wie persönliche und kollektive Erinnerungen entstehen, bewahrt und weitergegeben werden. Dabei interessiert sie besonders, was in einer autoritär geprägten Gesellschaft erinnert werden kann, was verdrängt oder ausgelöscht wird – und welche Rolle Kunst und Fotografie dabei spielen können. Ihre Texte und Bilder sind dabei immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Verlust von Vertrautem und der Suche nach neuen Perspektiven. Aufgrund der Repressionen musste sie Belarus verlassen, sie lebt und arbeitet in Berlin.