
Der Kreml macht Jagd auf Fremdwörter und -schriften. Ein neues „Verbraucherschutz“-Gesetz wendet sich gegen Anglizismen im öffentlichen Leben: Für die Verwendung von Begriffen wie „Sale“ oder „Barbershop“ drohen seit dem 1. März Geldstrafen; gegen den kriegspatriotischen Z-Pop-Sänger Shaman liegen bei der Staatsanwaltschaft Beschwerden vor – er solle seinen Künstlernamen gefälligst kyrillisch schreiben. Dass die Kriegssymbolik aus Zs und Vs auch russifiziert wird, ist jedoch unwahrscheinlich.
Was sich wie Realsatire liest, hat einen ernsten Hintergrund: Die Geschichte ist reich an Beispielen, wie Fremdwörterhatz und Fremdvölkerhass einhergehen. Sprachreinigungsversuche sind oft Ausdruck eines militanten Nationalismus.
Handfester für die Menschen in Russland selbst dürften indes wohl die unmittelbaren Folgen des Gesetzes werden. The Bell hat sie skizziert.
Aus Sale werden „Glückliche Stunden“, aus Barbershop wird „Herrenfriseur“. Wie die Geschäftswelt mit der Russifizierung umgeht.
Am 1. März 2026 trat das Gesetz Nr. 168-F3 in Kraft: Es schreibt die zwingende Verwendung der russischen Sprache für alle Verbraucherinformationen vor – auf Werbetafeln, Speisekarten, Wegweisern, Websites, Bannern usw. Der ausländische Text darf nur dann beibehalten werden, wenn daneben ein russisches Äquivalent in gleicher Größe und Schriftart steht. Eine Ausnahme bilden eingetragene Markenzeichen. Zwischen 100.000 und 300.000 Unternehmen sind im ganzen Land von diesem Gesetz betroffen.
Einkaufszentren: Sale wird zu „Glückliche Stunden“ oder „Liquidierung der Winterkollektion“, Women/Men heißt jetzt „Frauen“/„Männer“. Manche Geschäfte setzen auf Doppelschilder: das Russische groß, die alte Bezeichnung kleiner gedruckt. Kleinere Cafés und Geschäfte zögern die Umstellung hinaus und klagen über plötzliche Zusatzkosten. Designer bemängeln, es gebe „zu wenig hochwertige russische Schriftarten“.
Speisekarten und Verpackungen. Die Firma Grow Food verzichtet auf Übersetzungen und greift auf Zahlen zurück: Statt Fit Express, Power und Super Fit gibt es jetzt 1200, 1500 und 2000, je nach Kalorienmenge. Der Sportriegel-Hersteller Protein Rex gestaltet seine Verpackungen neu: Brownie – „Brauni“ in kyrillischen Buchstaben, Protein Bar – „Eiweißriegel“ auch kyrillisch. Die Restaurantkette Family Garden mit über 100 Filialen russifiziert die Speisekarten: Bubble tea heißt jetzt „eisgekühlter Minztee“. Die Modegeschäfte MAAD und ECRU benennen die Schnitte in ihren Katalogen um: Flare heißt jetzt „breit“, Bootcut heißt „Schlaghose“. Fresh Nail Bar oder Dolce Vita sind eingetragene Marken, sonst hießen sie jetzt wohl „Frischnagelbar“ und „Süßes Leben“ (Juristen berichten von derartigen Fällen).
Coaches fordern, den Begriff Coach offiziell in den russischen Wortschatz einzuführen. Der Verband der Berufstätigen im Bereich Coaching hat sich an die Regierungskommission für russische Sprache, das Bildungsministerium und das Winogradow-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften gewendet und gebeten, die Begriffe „Coach” und „Coaching” in die normgebenden Wörterbücher aufzunehmen. Bisher gibt es die Wörter nicht in den gültigen Listen – das heißt, der Beruf muss rein formell jetzt als „Mentor für persönliche Effektivität“ bezeichnet werden. Ein Sprachwissenschaftler vom Winogradow-Institut fügte hinzu, dass das Gesetz keine Aktualisierung von Wörterbüchern vorsehe.
Was der Spaß kostet. Ein normales Café in Kursk muss im Durchschnitt 200.000 Rubel [rund 2200 Euro – dek] in die Umgestaltung investieren, in größeren Städten sind die Kosten teilweise doppelt so hoch. Restaurant- und Cafébetreiber kündigen bereits Preissteigerungen um mindestens fünf Prozent an – die ungeplanten Kosten müssten wieder reingeholt werden. Für große Ketten geht es um hunderte Millionen Rubel.
Das wichtigste Schlupfloch: Markenzeichen. Marken, die beim russischen Patentamt Rospatent registriert sind, sind von dem Gesetz nicht betroffen. Wildberries, Ozon, Fix Price und bekannte Café-Ketten dürfen die lateinische Schrift beibehalten. Das japanische Unternehmen Uniqlo hatte bereits Ende 2025 neben dem ursprünglichen Namen die russische Umschrift für „Juniklo“ registrieren lassen und ist nun von beiden Seiten geschützt. Die Registrierung dauert 10 bis 18 Monate und kostet zwischen 35.000 und 180.000 Rubel [rund 400 bis 2000 Euro – dek] – deshalb leiden unter dem neuen Gesetz nun vor allem kleine Unternehmen, die es verpasst haben, den Antrag rechtzeitig zu stellen.