Wie Belarus aus der Geschichte verschwand

Timothy Snyder unterrichtet an der University of Toronto. / Foto © privat

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre begann Timothy Snyder, sich intensiver mit Belarus zu beschäftigen. Für seine Studie The Reconstruction of Nations (2003) untersuchte er die vierhundertjährige Entwicklung der Nationsbildung in Polen, der Ukraine, Litauen und Belarus. In seinem internationalen Bestseller Bloodlands (2010) widmete sich der US-Historiker Belarus als einer Region, die vom Terror der Nazis und des Stalinismus geprägt wurde. Seit 2020 greift Snyder die Geschichte von Belarus und das Lukaschenko-Regime regelmäßig in Vorträgen und Essays auf. 

Dieser Text ist Teil von unserem Special: Warum ist Belarus so unsichtbar?


Ich möchte vorausschicken: Für mich persönlich ist Belarus nicht unsichtbar. Ich bin Osteuropahistoriker, und mein Forschungsschwerpunkt ist die Region der alten polnisch-litauischen Adelsrepublik, in deren Zentrum das heutige Belarus lag. Es war das territoriale Kernland des Großfürstentums Litauen und ist für die Geschichte Mitteleuropas seit vielen Jahrhunderten sehr wichtig. Für mich ist Belarus also keineswegs unsichtbar. 

Die polnisch-litauische Adelsrepublik um 1620 und die Länder, die sie nach heutigem Stand umfasste / Karte ©  CC BY-SA 3.0, WikiCommons  

Ich werde auch gefragt, wie ich dazu kam, mich mit Belarus zu beschäftigen. Also gehe ich zunächst auf die Entwicklung meiner eigenen Forschungsinteressen ein. Ich begann meinen Weg als Historiker für polnische Geschichte. Mein Interesse galt dem Verständnis der polnischen Geschichte, jenseits der gängigen Klischees über das Mitteleuropa des 20.  Jahrhunderts. Darüber stieß ich auf die Auseinandersetzungen um Vilnius und um Galizien. Und so befasste ich mich mit dem Polen der Zwischenkriegszeit und im Weiteren auch mit der Adelsrepublik Polen-Litauen.  

Diese Republik war ein Staatsgebilde mit einer eigenen Würde, einem eigenen Zentrum und eigenen Spielregeln, und das wiederum führt direkt zu Belarus. Als ich versuchte, nachzuvollziehen, wie aus der alten Adelsrepublik eine Reihe von neuen Nationen entstand, bezog ich neben den Juden, Deutschen und Russen auch die vier nationalen Traditionen ein, die unmittelbar aus dem polnisch-litauischen Staat hervorgingen: Litauen, Belarus, Polen und die Ukraine.  

Obwohl diese Nationen individuelle Besonderheiten aufweisen, verbindet sie eine strukturelle Ähnlichkeit. Auf ihrem Weg zur modernen Nation mussten sie sich von den Traditionen lösen, die sie einmal verbunden hatten. Und damit komme ich zur grundlegenden Frage, warum Belarus so unsichtbar ist. Um das zu beantworten, führe ich im Folgenden vier historische Momente an.


Belarus in der Früh- und Vorgeschichte und in der Adelsrepublik 

Der erste Moment ist unser allgemeines, auf Westeuropa ausgerichtetes Geschichtsbild. Wenn wir an die Vergangenheit denken, orientieren wir uns gern an der vertrauten Linie von Mesopotamien über Griechenland und Rom, die Renaissance und hin zur Erforschung der Welt. Übersehen werden dabei oft die Länder Osteuropas, etwa Polen, die Ukraine, die baltischen Staaten und vielleicht ganz besonders Belarus, obwohl sie an sehr gewichtigen und bedeutsamen Phasen der europäischen Geschichte beteiligt waren.  

Die Regionen des heutigen Belarus spielten in der europäischen Früh- und Vorgeschichte eine entscheidende Rolle. Sie waren Schauplatz wichtiger Prozesse wie der Globalisierung der Wikingerzeit, der Herausbildung des osteuropäischen Christentums und des Aufeinandertreffens von nomadischen Hirtenvölkern und sesshaften Ackerbauvölkern. Mein erster Punkt ist also, dass die Regionen des heutigen Belarus trotz dieser enormen Bedeutung für die europäische Geschichte im gängigen historischen Narrativ oft außen vor bleiben. 

Für die polnische Bevölkerung mögen die Teilungen Polens, schlimm gewesen sein. Paradoxerweise waren sie jedoch für die Entwicklung einer polnischen Nationalkultur in gewisser Hinsicht durchaus förderlich.  Nach dem Ende der polnisch-litauischen Adelsrepublik war Polen rund 123 Jahre lang zwischen drei Mächten aufgeteilt: einer preußisch-deutschen und einer österreichisch-ungarischen Macht und dem Russischen Reich. Damit gab es zwar kein Polen, aber glücklicherweise waren einige Regionen weniger illiberal als andere. Und so konnten Kommunikation und Austausch immer bis zu einem gewissen Grad stattfinden. 

Das galt auch für die Ukraine. Die Teilung des Landes zwischen dem Russischen Reich und der Habsburgermonarchie war furchtbar, aber zumindest herrschten in Galizien, dem von Österreich kontrollierten Westteil, etwa vierzig Jahre lang deutlich liberalere Verhältnisse als im russisch kontrollierten Osten. So gelangten Impulse vom russischen Teil in die österreichische Westukraine und beeinflussten die auch dort nötige Entwicklung ukrainischer Nationalideen . 

Belarus hingegen lag vollständig im Russischen Reich, weshalb es weitaus weniger zu einem Zusammenwirken unterschiedlicher imperialer Politikstile und Erfahrungen kam. Das hat die Entwicklung der belarussischen Nationalbewegung gehemmt und zu einer engeren Bindung an Russland geführt. 

Im Zweiten Weltkrieg wurde Belarus zu dem zentralen Schauplatz von Tod und Zerstörung in Europa. 

Der dritte erwähnenswerte Punkt ist die Auswirkung des Großen Terrors in der sowjetischen Zeit.  In den 1920er und 1930er Jahren waren die Gebiete des heutigen Belarus zwischen Polen und der Sowjetunion aufgeteilt. Die polnische Regierung war zwar mit dem totalitären sowjetischen Regime nicht vergleichbar, aber sie schloss belarussischsprachige Schulen und stand der belarussischen Nationalkultur grundsätzlich ablehnend gegenüber.  

In der Sowjetunion gab es dagegen in den 1920er Jahren zunächst die Wiederbelebung der belarussischen Nationalkultur. In den 1930ern fiel diese nationale Erneuerung dann jedoch einem mörderischen Angriff zum Opfer. Die Verfolgung erreichte solche Ausmaße, dass danach von einer belarussischen nationalen Intelligenz oder Nationalkultur eigentlich keine Rede mehr sein konnte. Diese Tragödie wurde durch den deutschen Einmarsch in die Sowjetunion noch verschlimmert. Im Zweiten Weltkrieg wurde Belarus zu dem zentralen Schauplatz von Tod und Zerstörung in Europa. Nirgendwo war die Sterberate höher, nirgendwo wurden mehr Dörfer zerstört, und nirgendwo wurden die Städte so sehr verwüstet. 

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Wie die belarussische Nation entstand

Auch unter den Belarussen entstand im 19. Jahrhundert eine nationale Bewegung – allerdings unter schwierigen Bedingungen. Der Historiker Viktor Schadurski führt durch die verzweigte Geschichte dieser „Wiedergeburt“, erklärt ihre Wurzeln und stellt die wichtigsten Akteure der belarussischen Nationsbildung vor.

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Dieses Ausmaß an Verheerung war das Ergebnis des Holocaust an den europäischen Juden, sogenannter Operationen zur Partisanenbekämpfung und des Umstands, dass Belarus auf dem direkten Weg zwischen dem Deutschen Reich, den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten und Moskau lag. Dem stalinistischen Terror und dem auf ihn folgenden NS-Terror fiel ein großer Teil der belarussischen Intelligenzija zum Opfer, und die Bevölkerung wurde hier stärker dezimiert als in irgendeinem anderen europäischen Land. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen Menschen aus der ganzen Sowjetunion nach Belarus. Das war im Grunde genommen nicht schlecht für das Land, erschwerte es aber, die belarussische Nationalkultur neu aufzubauen und zu entwickeln. Es musste eine neue Gesellschaft gebildet werden, die sich auf die gemeinsamen Erfahrungen nach 1945 stützte. Und das geschah dann auch.  

Und damit komme ich zu meinem vierten und letzten Punkt: Dass Belarus unsichtbar geblieben ist, hat auch damit zu tun, dass die Menschen dort die demokratischen Spielregeln einhielten, als der Moment kam, in dem sie sich einem antidemokratischen und autoritären Regime hätten widersetzen können. Sie protestierten friedlich und bemühten sich um internationale Unterstützung. 

Leider hatten autoritäre Regime zu diesem Zeitpunkt bereits gelernt, solchen Protesten mit hemmungsloser Gewalt und Propaganda zu begegnen. Zudem war es eine historische Situation, in der die russische Führung nach einem Vorwand suchte, um eine direktere Vorherrschaft über Belarus zu erlangen, und Lukaschenko bot ihr die Gelegenheit. 

Belarus lädt dazu ein, die europäische Geschichte und die Weltgeschichte in ihren antiken, neuzeitlichen und zeitgenössischen Dimensionen zu verstehen. 

Dies also ist ein weiterer Grund dafür, dass Belarus unsichtbar geworden ist: Die demokratische Bewegung des Landes, die so jung und so inspirierend war, wurde mit Hilfe des faschistischen Russlands zum Schweigen gebracht. Und Belarus, das nun von zwei Diktatoren in einer Art Verbund beherrscht wird, war einer der Orte, von denen die Invasion der Ukraine ihren Ausgang nahm. Auch diese Entwicklung trägt dazu bei, dass Belarus nicht in Erscheinung tritt. Es ist schwierig, ein Land als eigenständig wahrzunehmen, wenn eine größere Macht es als bloßen Stützpunkt für eine Invasion nutzt. 

Dies sind einige der Gründe dafür, dass Belarus unsichtbar wirkt. Aber wenn wir uns näher damit befassen, wird auch klar, wie interessant das Land eigentlich ist.  Es lädt dazu ein, die europäische Geschichte und die Weltgeschichte in ihren antiken, neuzeitlichen und zeitgenössischen Dimensionen zu verstehen. Und es gibt uns Anlass zu der Annahme, dass Belarus bald wieder sichtbar werden könnte. 

Warum ist Belarus so unsichtbar?

Experten und Expertinnen, die ihr Leben und ihre Arbeit Belarus gewidmet haben, erklären, warum das osteuropäische Land für viele weiterhin im Nebel der Unwissenheit liegt und warum wir alle mehr Belarus brauchen.

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