Kaliningrad: „Bei uns ist es viel ruhiger als im großen Russland“

Kaliningrad, Sportpalast
Nirgendwo sonst in Russland hatten die Menschen so viel Europa-Erfahrung / Foto: Kaliningrad, Sportpalast Junost (Jugend) / © Mira Braunitz für 7×7

Kaliningrad: „die europäischste Stadt Russlands“. Vor dem russischen Großüberfall auf die Ukraine galt dieses Etikett für die Bewohner der gesamten Exklave-Region: Während im Durchschnitt nur rund 30 Prozent der russischen Staatsbürger einen gültigen Reisepass hatten, waren es in der Oblast Kaliningrad etwa drei Mal so viele. 2012 bis 2016 gab es hier sogar einen Kleinen Grenzverkehr mit Polen, nirgendwo sonst in Russland hatten die Menschen so viel Europa-Erfahrung.

Auch heute hat die Exklave eine Sonderstellung: Es ist das einzige Gebiet Russlands, das von NATO-Mitgliedsstaaten umgeben ist, und die einzige nennenswert bewohnte Region im europäischen Teil des Landes, die nicht von ukrainischen Drohnen, Raketen oder Marschflugkörpern angeflogen wird.

„Ruhig“ sei es hier, und dennoch habe sich der Alltag dieser „russischsprachigen Europäer“ seit der russischen Vollinvasion stark verändert: Die Grenze zur EU ist geschlossen, gleichzeitig wird die Stadt selbst zum Tourismus-Magnet für Menschen aus dem Kernland. Die Lebenshaltungskosten steigen, auch der erschwerte Gütertransport in die Exklave heizt die Inflation an. Hinzu kommt das Damoklesschwert der Suwałki-Lücke, wo der Kreml in der Region einen neuen Kriegsschauplatz aufmachen könnte.

Die Journalistin Mira Braunitz hat eineinhalb Wochen in der Region Kaliningrad verbracht, um zu verstehen, wie die Menschen hier zum Krieg stehen.


„Bei uns ist es viel ruhiger als im großen Russland“, meint der Taxifahrer Igor (Name geändert). „Hier fliegen keine Drohnen, hier sind Atomwaffenstützpunkte.“

Igor ist vierzig plus. Vor 14 Jahren ist er aus einem postsowjetischen Land nach Kaliningrad gezogen. Er erzählt, dass manche nervös werden und überlegen wegzugehen, weil die Oblast Kaliningrad das Erste sei, was Europa [bei einem Angriff] erwische. Igor selbst bleibt entspannt: „Es kommt, wie’s kommt.“

Als im Frühjahr 2020 die Coronapandemie begann, verhängten Litauen und Polen Einreiseverbote für die meisten Ausländer:innen und machten auch die Grenzen zur Oblast Kaliningrad dicht. Zwei Jahre später verloren diese Schutzmaßnahmen gegen Covid ihre Notwendigkeit, doch wie früher wurde es nicht mehr: Russland marschierte in der Ukraine ein, und es kamen neue Einreisebeschränkungen für russische Staatsbürger:innen.

Der Großteil der Kaliningrader:innen kann nicht mehr nach Litauen oder Polen fahren.

„Wir vermissen das“, seufzt Igor. „In der heutigen Zeit sind wir bei denen nicht willkommen.“ Nach kurzer Überlegung fügt er hinzu: „Wobei ich nicht sagen würde, wir hätten das alles nicht anfangen sollen oder wir sollten [mit dem Krieg] aufhören. Jetzt heißt es Durchziehen bis zum Ende.“

„Was wollen die?“

In Selenogradsk schneidet ein älterer Herr die Bäume im Garten eines einhundert Jahre alten Hauses mit verblasstem Putz und Ziegeldach. Nikolaj Timoschenko ist sein Leben lang wissenschaftlicher Mitarbeiter am Allrussischen Wissenschafts- und Forschungsinstitut für Fischerei und Meereskunde gewesen. Früher tingelte er von Konferenz zu Konferenz durch ganz Europa, seit Kriegsbeginn nimmt er vor allem online teil.

„Seien wir ehrlich, in den 1990er Jahren hatten wir ein Versorgungsproblem. Da sind wir nach Litauen gefahren und haben uns für zwei Wochen mit Lebensmitteln eingedeckt, bis hin zu Quarkriegeln, Frischkäse und Fleisch“, erzählt Tatjana Timoschenko, die viele Jahre im Museum der Weltmeere angestellt war.

Tatjana und Nikolaj sind seit 50 Jahren ein Paar. Sie laden mich in ihr Haus ein, Tatjana setzt gleich Kaffee auf. In ihrer Freizeit spielt sie Tennis, und seit Kriegsbeginn engagiert sie sich freiwillig – beim Knüpfen von Tarnnetzen.

Haus von Tatjana und Nikolaj Timoschenko / Foto: © Mira Braunitz für 7×7

Nikolaj verdiente sich nach dem Zerfall der Sowjetunion als Dolmetscher ein Zubrot – für Deutsche, die sich die Gegend ansahen, in der sie selbst oder ihre Familien einst gelebt hatten. Mit einer dieser Familien schlossen die Timoschenkos Freundschaft und hielten 20 Jahre lang Kontakt. Zum Siebzigsten des Familienvaters fuhren sie mit ihrem Wolga nach Wiesbaden, und nach seinem Tod pflegten sie die Freundschaft mit dem Sohn weiter. 2022 riss der Kontakt ab.      

„Wir waren überall im ganzen Baltikum, hatten vor nichts Angst, alles war gut. Dann fing [in den baltischen Ländern] diese Politik an – alle gegen die Russen, die Russen sind unsere Feinde. Was wollen die denn, diese Kläffer“, empört sich Tatjana.

In ihrer Jugend wollten die Timoschenkos durch Russland reisen. Sie schafften es immerhin bis Kostroma und Jaroslawl.

„Ich schau so, und auf einmal: Huch, ein Dorf! Die Straße war katastrophal, lauter Sand und Schlaglöcher, es war unmöglich. Und ich dachte: Wahnsinn, wie können die hier leben! Bei uns gab es so was nie“, schildert sie diese Erfahrung.       

Im Fernsehen habe Tatjana gehört, dass die Deutschen massenhaft Deutschland verließen, weil man den Kindern dort schon im Kindergarten beibringe, dass man „aus einem Mädchen einen Jungen machen“ könne und umgekehrt – zumal ohne Einwilligung der Eltern. In Finnland – auch darüber habe sie eine Sendung gesehen – dürfe sich ein Kind alles erlauben, beim kleinsten Anlass würde es den Eltern abgenommen und komme in eine Pflegefamilie.

„Unser Ritual ist: Rossija 1, 24. Kanal. Die Stimmen des Feindes hören wir nicht“, sagt Nikolaj. „Wir wissen ja, dass die lügen, haben wir x-mal erlebt. Und wenn sie vielleicht auch die Wahrheit sagen, die ganze berichten sie jedenfalls nicht.“

Special

Die Schaltzentrale der Propaganda

Täglich erhalten russische Medien Leitfäden, wie Nachrichten präsentiert werden und welche Emotionen sie wecken sollen. Für diese Vorgaben sind zwei Männer aus der Präsidialadministration zuständig: Sergej Kirijenko und Alexej Gromow.

„Moskau ist weit weg, im Ausland“ 

Galina Iwanowna (Name geändert) war mit ihren Kindern und Enkelkindern oft in den grenznahen europäischen Städten unterwegs. Vor der Covid-Pandemie und dem Krieg war es für die Kaliningrader:innen ganz alltäglich, in die Nachbarländer zu fahren. Dafür reichte sogar die bescheidene Rente.

Reisen in die EU kamen den Kaliningrader:innen billiger als nach Russland. Um Ausgleich zu schaffen, rief die Stiftung von George Soros in Kooperation mit der Regionalverwaltung der Oblast Kaliningrad Anfang der 2000er-Jahre die Aktion „Russlands Kinder reisen durch Russland“ ins Leben, die drei Jahre lang lief.

Abgelöst wurde dieses Programm 2006 von einer staatlichen Initiative, über deren Entstehung in Kaliningrad folgende Legende kursiert: Eine Beamtin des Bildungsministeriums besuchte Kaliningrader Kinder und fragte, wo sie schon gewesen seien und was sie gesehen hätten. Sie erzählten von ihren Wochenenden im Aquapark im litauischen Klaipėda und im polnischen Mikołajki. Die Beamtin fragte weiter: „Aber wart ihr auch mal in Moskau?“ Die Kinder sagten: „Natürlich nicht, das ist ja voll weit weg, im Ausland.“ 

Ob diese Geschichte stimmt, konnte 7×7 nicht überprüfen, das Programm My – rossijane! (dt. Wir sind Russen!) gibt es bis heute.

Galina Iwanowna kann sich gut daran erinnern, wie sie den Fernseher lauter drehte und Wladimir Putins Kriegserklärung sah. Am ersten Kriegstag traf sie auf der Straße zwei Frauen, die sie kannte. Die fragten sie, warum sie so „finster dreinschaue“. Galina Iwanowa sagte: „Na was denn, die Spezialoperation.“ Sie gingen im Streit auseinander:

„Wie die mich runtergeputzt haben! Ich hab gedacht, gleich bringen sie mich um, mitten auf der Straße.“

Ogonjok

Russlandphobie-ologie

Alle gegen Russland? Das Kulturministerium schreibt einen Forschungswettbewerb zu „Technologien der Russlandphobie“ aus. Nur schade, dass es die Antworten schon zu kennen meint, findet Olga Filina.

In Gesellschaft von

Kakerlaken in der Flasche

Tilsiter-Käse, den es in Russland überall zu kaufen gibt, ist nach der ostpreußischen Stadt Tilsit benannt, dem heutigen Sowetsk. Sie liegt direkt an der Grenze zu Litauen und hat weniger als 40.000 Einwohner:innen.

In der Stadt sind stellenweise deutsche Gebäude erhalten geblieben, doch auch sie sind verwahrlost – der bröckelnde Putz legt Ziegel frei, in den Innenhöfen wuchert das Gras, dazwischen parken alte Mercedes und BMW – russische Marken sind hier eine Seltenheit. Vor dem Krieg in der Ukraine und den Sanktionen bekam man leichter und billiger Autos aus Deutschland als einen Shiguli.

Vor einem Ersatzteilhandel in Sowetsk spreche ich mit Andrej und Wolodja, beide um die fünfzig.

„Die haben uns hier reingestopft und die Flasche verkorkt“, sagt Wolodja und schwenkt seinen Schraubenschlüssel. „Wie Kakerlaken in der Flasche. Früher konnten wir zu Fuß nach Litauen eine Wurst holen gehen.“

Die beiden glauben, dass ausländische Politiker:innen die einfache Bevölkerung in Europa gegen Russ:innen aufhetzen. Eine ähnliche Ansicht ist mir auf der Fahrt schon mehrmals untergekommen. Ein Kaliningrader sagte zum Beispiel:

„Ich hab noch nie gehört, dass [in Russland] jemand schreibt, dass Russen in Europa schlecht behandelt werden. Vielleicht unterscheiden sich unsere ersten Fernsehprogramme? Das machen alles die da oben, das Volk ist überhaupt nicht so. Aber bald wird alles anders, dann gibt es keine Probleme mehr zwischen den Völkern.“   

„Ich persönlich glaube ja, dass all diese Schwierigkeiten schnell vorbeigehen werden. Die Europäer kriegen ordentlich den Kopf gewaschen, bleiben ein oder zwei Winter ohne Gas sitzen …“, fasst Wolodja es zusammen. 

Keiner will was kaufen

Wjatscheslaw, Unternehmer aus Kaliningrad, und sein Geschäftspartner haben vor dem Krieg Baumaterial aus Deutschland importiert. Heute stehen sie vor dem Bankrott.

„Es lag nicht daran, dass die Grenzen geschlossen wurden. Da haben wir schon Umwege gefunden und trotzdem Waren importiert, aber keiner kauft sie uns ab. Die Leute haben kein Geld, keinen Planungshorizont.“

Neubauten in Lastadie, historischem Handelszentrum von Königsberg / Foto © Mira Braunitz für 7×7

Wie alle meine Gesprächspartner:innen erwähnt auch Wjatscheslaw den enormen Preisanstieg seit 2022. Die Inflation ist in der Oblast Kaliningrad höher als im russischen Durchschnitt. Aufgrund von logistischen Problemen erfolgt der Transport von Lebensmitteln in die Exklave mit einer Fähre.         

Laut offizieller Statistik sind die Preise von Lebensmitteln in Kaliningrad allein im Jahr 2025 um 14,4 Prozent gestiegen, manche sogar noch stärker. Die Bevölkerung kauft immer weniger Brot, Obst, Kuchen und Pflanzenöl.

„Früher kamen bei uns die Lebensmittel aus Europa, sogar die Milch, und das Preisniveau war niedriger als in Moskau“, erzählt Wjatscheslaw. „Die ganze Wirtschaft wurde komplett umgekrempelt.“

Fast allen meinen Gesprächspartner:innen zufolge kommen seit 2020 sehr viele Tourist:innen aus Russland in die Region. Manche Einheimische sagen, sie haben den Tourismus satt.  

„Die Leute verstehen nicht, was los ist“

In Baltijsk, dem ehemaligen Pillau, ist die Kriegsstimmung am deutlichsten zu spüren. In der westlichsten Stadt der Russischen Föderation befindet sich einer ihrer wichtigsten Marinestützpunkte, ein riesiger Hafen mit der Baltischen Flotte. Uniformierte prägen das Straßenbild.

In der größten Kirche der Baltischen Flotte, die früher mal eine deutsche Kirche war, erfüllt Olga Pilezkaja ihre heiligen Pflichten. Sie ist 65 und unter den von mir Befragten eine der wenigen, die über die Grenzschließungen froh ist:

„Unsere Exklave lernt das eigene Land besser kennen. Endlich sehen wir die Schönheit von Mütterchen Russland!“

Vor der Grenzschließung war Olga mit ihrer Familie nicht nur in den Nachbarländern, sondern auch in Spanien, Portugal, Italien und Deutschland. In den letzten paar Jahren fuhr sie mit Verwandten immer wieder auf die Krym, ins Ausland ziehe es sie derzeit gar nicht, sagt sie.

Als ich sie frage, wie sich die Kriegszeiten in ihrer Stadt bemerkbar machen, braust sie auf: „Was heißt denn das Ihrer Meinung nach: Kriegszeiten?“

„Wir [in der Oblast Kaliningrad] unterstützen natürlich das, was passiert. Und wünschen uns den baldigen Sieg. Dieser Faschismus … Nie hätten wir gedacht, dass sich das Jahr 41 wiederholen kann. Wir beten für die Soldaten an der Front, für die, die kein Zuhause mehr haben, nichts zu essen, die krank sind oder verzweifelt. Wir haben ihnen Tarnnetze geknüpft und Kerzen [für den Schützengraben] gemacht. Schade um die Menschen und um die, die so auf Abwege geraten sind – in diesem Europa. Die Eröffnung der Olympiade in Paris – das war doch alles des Teufels!“, setzt sie hinzu.

Wenige Augenblicke, nachdem ich die Kirche verlassen habe, donnert ein Kampfjet über meinen Kopf hinweg. An diesem Tag starten sie in Baltijsk alle paar Minuten. Die Leute auf der Straße reagieren anscheinend gar nicht darauf.

„Ich glaube, hier [in der Oblast Kaliningrad] verstehen nicht alle so richtig, was los ist“, erklärt der Unternehmer Wjatscheslaw. „In Russland setzt wegen der Drohnen und Explosionen vielleicht eine Ernüchterung ein. Bei uns gibt es das alles nicht.“

An meinem ersten Abend in Kaliningrad schalte ich den Hotelfernseher ein und lande sogleich auf dem ersten Programm Perwy kanal. Der Moderator Dmitri Sajms hat das Wort: „Die baltischen Staaten verdanken ihre Unabhängigkeit Russland […] Sie haben sich ohne jede Notwendigkeit dem inoffiziellen Krieg gegen uns angeschlossen. Ich bin der Meinung, Krieg ist Krieg, da gelten andere Regeln.“

Dann fügt er hinzu, Finnland und die Baltischen Staaten seien Russlands Feinde, und schließt die Sendung mit den Worten: „Wir wollten ihre Freunde sein, aber sie haben beschlossen, mit uns umzugehen, als wären wir Feinde […] Sie sind Feinde, und für Feinde gilt, was Jossif Wissarionowitsch Stalin sagte: Wer sich nicht ergibt, wird vernichtet.“  

„Hier beginnt Russland“: Leuchtturm von Baltijsk (Pillau) / Foto © Mira Braunitz für 7×7

Knast oder „Spezialoperation“

Sweta spielt Gitarre, Olja singt. Serjosha hat ihnen das Equipment geliehen. Die jungen Leute glauben, dass man in ihrer Stadt freier leben kann als generell in Russland – zum Beispiel, weil man hier nicht festgenommen wird, wenn man die Songs „ausländischer Agenten“ singt.

Wenn Sweta und Olja auf der Straße musizieren, werden sie oft von Militärbediensteten angesprochen, die aus der Ukraine zurückkommen.

„Manche benehmen sich ganz unauffällig, aber es gab auch schon unangenehme Begegnungen“, erzählt Sweta. „Meistens fangen sie an: ‚Ich war bei der Spezialoperation (SWO), was willst du mit diesem Scheiß …‘ und kriegen sich dann nicht mehr ein.“

Ihre Altersgenossen ziehen in den Krieg. Ein Freund von ihr, erzählt Sweta, sei beim Dealen erwischt worden, und die Polizei habe ihm ein Ultimatum gestellt: Knast oder SWO. Sie weiß nicht, wie lange er an der Front war, bevor er gefallen ist. Er war 24.

Viele von Oljas Kommilitonen an der Sowetsker Fachschule wurden mobilisiert. Einige sind ihr zufolge bereits gefallen. Sie war bei der Bestattung zweier Kollegen, die Freundin von einem war schwanger – das Kind kam erst nach seinem Tod zur Welt.

Mediazonas Daten zufolge sind bereits 1752 Bewohner:innen der Oblast Kaliningrad im Krieg in der Ukraine getötet worden (Stichtag 28. September 2026). 104 von ihnen lebten in Sowetsk.

Serjosha, der mit seiner kindlichen Art bisher jedes ernsthafte Gespräch vermieden hat, verstummt, als das Thema Krieg aufkommt. Und fügt dann hinzu:

„Das ist unfassbar schrecklich. Entweder es wird schlimm oder es wird ganz, ganz schlimm. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis totale Anarchie und Zerstörung einsetzen. Es fängt schon an, aber noch tun alle so, als wäre alles in Ordnung, versuchen, die Augen zu verschließen. Leider werden wir mit unseren Gesprächen nichts daran ändern. Das ist nur eine Diskussion darüber, wie alles den Bach runtergeht.“

Ljudi Baikala

Mord und Tod gehen um im sibirischen Dorf

Ein Dorf im sibirischen Burjatien muss schmerzlich das Wort „Mord“ lernen, weil zwei Familienväter ihre Ehefrauen getötet haben. Das Sibirien-Portal Ljudi Baikala hat den Ort besucht, um herauszufinden, wie die Menschen dort mit der Tragödie umgehen und warum jede Gräueltat heute mit Russlands Krieg in der Ukraine zu tun zu haben scheint. 

In Gesellschaft von

„Wir tun, was wir können“ 

Aljona (Name geändert) ist im Kaliningrader Wohnbezirk Tschkalowsk aufgewachsen, daneben waren ein Militärflugplatz und eine Luftwaffengarnison. Ihr Vater, von Beruf Militärarzt, wollte auch in die Ukraine, wurde aufgrund seines Alters jedoch abgelehnt.

„Die Siedler, die sich in dieser Gegend niederließen, hatten alle auf die eine oder andere Weise mit der Armee zu tun. Solche Leute haben wahrscheinlich bestimmte Programme im Kopf, die sie durch und durch prägen. Deshalb leben in Kaliningrad viele nach dem Prinzip: Sagt uns, was ihr von uns wollt, wir tun es. Es ist sehr schwierig, [die Leute] zum Selberdenken, Selbstentscheiden zu animieren.“

Sie arbeitet bei Feminitiv, einem unabhängigen feministischen Projekt in Kaliningrad, das öffentlicher Raum und Bildungsprojekt zugleich ist.

Maxim Makarow, Kaliningrader Anführer der ultranationalistischen Organisation Russkaja obschtschina (dt. Russische Vereinigung), erstattete 2024 Anzeige wegen „LGBT-Propaganda“. Ein Jahr später forderte die konservative Bewegung Sow naroda (dt. Ruf des Volkes), Feminitiv einer Prüfung zu unterziehen, weil man dort „Sodomie, Geschlechtsumwandlungen und Widerstand gegen den Staat“ propagiere. Trotz alledem konnte das Projekt seine Arbeit fortsetzen.          

„Die Leute fühlen sich angespannt und unter Druck. Ich weiß, es gibt Personen, die sich nicht zu uns trauen, weil wir ja verrückt sind und sie sich nicht so exponieren wollen. Obwohl wir gar keinen Status haben. Ich verstehe schon, die Situation ist beängstigend, und wir tun, was wir können, um nicht beängstigt zu sein“, meint Aljona.

Gleichzeitig achtet Feminitiv darauf, „sichtbar und aktiv zu bleiben“.

Gnose

Weiblicher Widerstand gegen den Krieg

In Russland protestieren vor allem Frauen gegen den Angriffskrieg auf die Ukraine. Allein oder in konspirativ organisierten Gruppen kämpfen sie gegen das Blutvergießen und für die Rückkehr ihrer Männer und Söhne.

Von

Kein Zurückschrecken vor dem Wort Feminismus

Die Oblast Kaliningrad war lange Zeit ein wichtiger Schauplatz für die Zusammenarbeit zwischen Russland und den Ländern Europas. „Die ausländische Kultur“ floss einigen Gesprächspartner:innen von 7×7 zufolge deutlich in das hiesige Leben ein.

Swetlana Wiktorowna (Name geändert), eine öffentlichkeitswirksame Kaliningrader Feministin, meint, dieser Einfluss habe sich auch auf die Beamten erstreckt. Diese wären „vor dem Wort ‚Feminismus‘ nicht zurückschreckt“, weil sie an internationalen Konferenzen mit Frauenquoten in den Delegationen teilgenommen hätten.

„Früher stand auf Konferenzen bei allen ‚Russland‘ auf dem Namensschild, nur auf unseren stand ‚Kaliningrad‘. Auf die Regionalentwicklung blickten die föderalen Behörden von zwei Seiten. Einerseits im Hinblick auf die Beziehung zwischen Europa und Russland, andererseits als militaristische Verteidigungsregion. Letztere muss wohl gewonnen haben.“

Wobei Swetlana Wiktorowna glaubt, dass die Region sich schon immer durch Freigeistigkeit ausgezeichnet habe.  

Die ehemalige Journalistin Katja Medwedewa mutmaßt, dass es vielleicht weniger um Freigeistigkeit ging als um Abgeschiedenheit – den Kaliningrader:innen war die Opposition immer genauso egal wie die, die an der Macht waren.

„Wenn du es immer gleichmäßig und ruhig hast, wirkt das entspannend – du steigst nicht auf die Barrikaden, beteiligst dich nicht an Politik und Zivilgesellschaft, weil es dir ja nicht schlecht geht.“

Dass man sich ohne „Polizeiwillkür“ versammeln kann, erklärt sich Katja ähnlich wie viele andere mit der Nähe zu Europa und damit, dass die Silowiki ja genauso hier geboren und aufgewachsen seien.

Ihr zufolge sei es hier bei Protesten gegen den Krieg nie vorgekommen, dass Demonstrant:innen brutal festgenommen oder verprügelt oder Schwangere in Gefangenentransporter gestopft worden seien.

„Wir [Kaliningrader] haben uns Russland gegenüber immer ein bisschen wie Außenseiter gefühlt“, fügt sie hinzu. „Unsere Probleme haben das große Russland nie wirklich interessiert, bis irgendwann auf einmal die Touristenmassen herüberschwappten.“

Bei einer Demo am 24. Februar 2022 wurden Menschenrechtsexpert:innen zufolge rund 20 Personen festgenommen, am 8. März waren es 58. An den Häusern mancher Demonstrant:innen klebten plötzlich Sticker mit „Hier wohnt ein Verräter“.

2023 ließ Katja ihren Beruf hinter sich und machte eine Bar auf.

Sie erzählt, dass es in letzter Zeit in der Stadt und in der Oblast viele Festnahmen wegen Staatsverrats gebe, doch würde darüber kaum in den Medien berichtet.

„Ich hatte Mitschüler, die jetzt beim FSB sind“, erzählt der Unternehmer Wjatscheslaw. „In ihren Augen hat die Bevölkerung der Oblast Kaliningrad gar nichts anderes im Sinn, als nach Europa abzuhauen. Also, wir stehen unter Sonderbeobachtung.“        

Themen