
Tausende Menschen kamen am 15. November 2020 zum sogenannten Platz des Wandels, einem Minsker Hinterhof, der sich während der Proteste zu einem wichtigen Versammlungsort entwickelt hatte. Sie trauerten um Roman Bondarenko, der dort vier Tage zuvor von maskierten Männern zusammengeschlagen worden und im Krankenhaus verstorben war. Kazjaryna Andrejewa berichtete damals für Belsat live von der Trauer- und Protestveranstaltung, die OMON-Kräfte schließlich mit brutaler Gewalt auflösten. Hunderte Menschen wurden festgenommen, auch die damals 27-jährige Journalistin selbst.
Der Fall erregte europaweit Empörung und Aufsehen. Andrejewa wurde erst zu zwei, schließlich zu acht Jahren Haft verurteilt. Am 19. April 2026 kam sie infolge der Verhandlungen zwischen der Trump-Administration und dem Lukaschenko-Regime vorzeitig frei.
Das belarussische Online-Medium Nasha Niva hat Kazjaryna Andrejewa interviewt.
Nasha Niva: Wie hast du dich direkt nach der Freilassung gefühlt?
Kazjaryna Andrejewa: Zuerst war da so etwas wie eine leichte Panikattacke. Viele Autos, viele Menschen, viele Radfahrer, Krach. In der ersten Woche konnte ich die Straße nur in Begleitung überqueren, jemand musste meine Hand halten. Dann versuchte ich es allein, lernte wieder, mit dem Taxi zu fahren. Erst danach kamen die öffentlichen Verkehrsmittel, davor hatte ich die größte Angst.
An viele Alltagsdinge habe ich mich jetzt mehr oder weniger gewöhnt. Aber so richtig ist es noch nicht wieder in meinem Bewusstsein, dass ich frei bin. Gestern bin ich zum Beispiel am Bahnhof Warszawa Centralna vorbeigekommen, dort stehen viele Polizeibeamte in Grüppchen herum. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, ihnen „Guten Tag“ sagen zu wollen. Denn wenn du im Gefängnis einen Mitarbeiter nicht grüßt, dich ihm nicht zuwendest, gibt das eine Meldung und eine Strafe. Es sind also noch starke Trigger geblieben, ich fühle mich unwohl in Menschenmengen oder wenn ein Kleinbus an mir vorbeifährt. Es kann ein ganz normaler Kleintransporter sein. In meinem Inneren erscheint sofort ein Stopp-Zeichen. Wenn ich etwas sehe, das an die Strafkolonie erinnert, reagiert mein Organismus schneller als mein Verstand.
Aber ich stehe nicht mehr um 6 Uhr morgens auf. Ich habe keine Lust mehr, die Hände auf dem Rücken zu halten. Im Großen und Ganzen bin ich also angekommen, vor allem, wenn man sich überlegt, wo ich vor einem Monat noch war – das hier ist ja kein Straflager in Homel.
Wo warst du zuletzt interniert?
Mehr als einen Monat vor der Freilassung wurde ich im Untersuchungsgefängnis des KGB in Minsk festgehalten. Erst jetzt fange ich an, darüber zu sprechen. Vielleicht wollten sie einfach Zeit schinden, weil sie selbst nicht wussten, wann die Verhandlungen stattfinden würden, wann [der US-Sondergesandte für Belarus – dek.] John Coale wieder herkommt. Vielleicht wollten sie, dass die medienwirksameren Personen in der Nähe sind, und gleichzeitig Zeit schinden. Ich verstehe deren Logik nicht.
Vom 7. bis zum 19. März, dem Tag der Freilassung, hielten sie mich in einer Einzelzelle in der Amerykanka fest. Als sie mich aus der Strafkolonie holten, dachte ich zunächst: ‚Vielleicht bringen sie mich einfach zur Grenze?‘ Sie zogen mir eine Mütze übers Gesicht und brachten mich von Homel nach Minsk. Als ich fragte, wohin und wozu, bekam ich zur Antwort: „Stillsitzen. Keine Fragen stellen.“ Als sie mir die Mütze abnahmen, sah ich, dass ich im Untersuchungsgefängnis Amerykanka bin. Am nächsten Tag war die erste Frage, die sie mir stellten: „Was halten Sie von einer dritten Haftstrafe?“ Lustig, oder?
Gab es irgendeinen Hinweis darauf, dass es auf eine Freilassung hinausläuft?
Überhaupt nicht. Niemand sagte mir, dass ich freigelassen werden soll. Niemand wusste, dass ich außer Landes gebracht werde. Ich habe kein einziges Dokument, das meine Begnadigung bestätigt. Auch mündlich hat es uns niemand mitgeteilt. Erst an der litauischen Grenze erfuhr ich, dass wir frei sind. Bis dahin wussten wir nicht einmal, in Richtung welcher Landesgrenze wir fahren.
Das heißt also, du besitzt keinerlei Dokumente oder Unterlagen über deine Freilassung?
Gar nichts, auch keinen Reisepass. Es ist alles dortgeblieben. Als sie mich aus dem Straflager holten, durfte ich keine Briefe mitnehmen. Fünf Jahre Korrespondenz haben sie mir weggenommen. Wirklich alles. Briefe, Notizbücher, Tagebuchaufzeichnungen, persönliche Notizen. Einfach weg.

Hast du das bei der Liveübertragung vom Platz des Wandels hinter dir gelassen? Viele haben nach der Freilassung berichtet, dass mit der Festnahme für sie die Zeit stehengeblieben sei. 2020 inhaftiert, 2025 freigelassen – doch mental waren sie immer noch in der Vergangenheit. Warst du die ganze Zeit dort?
Ich habe das definitiv hinter mir gelassen. Ich habe verstanden, dass ich meinen Beitrag geleistet habe, und mehr noch: Ich war bereit, für diesen Livestream die zwei Jahre abzusitzen, zu denen sie Dascha [Darja Tschulzowa] und mich gleich am Anfang verurteilt haben. Ich hatte sogar das Gefühl, dass ich Erfahrungen sammle, dass mir das mehr Gewicht im journalistischen Feld verleiht. Und es war wirklich ein guter Beitrag, ich muss mich nicht schämen. Weil im Untersuchungsgefängnis jeder Tag anderthalbfach zählt, schien es auch gar nicht so viel Zeit zu sein.
Im Prinzip hätte ich mit 27 verstehen können, dass es doch eine ganze Menge Zeit ist, aber wir hofften natürlich auch, dass es auf eine andere Strafe hinausläuft. Hausarrest zum Beispiel. Das wäre diese Arbeit allemal wert, dachten wir. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es verschwendete Lebenszeit war. Aber alles brach in sich zusammen, als sie mich ein halbes Jahr vor Ende der Haftzeit wegen Hochverrats anklagten. Sie sagten von Anfang an: „Das werden 15 Jahre. Bereite dich auf das Maximum vor.“ Darauf war ich moralisch nicht vorbereitet, ich war darauf eingestellt rauszukommen.
Hattest du keine Vorahnung, dass diese neue Anklage vorbereitet wurde?
Es gab keinerlei Anzeichen. Ich hatte es zweifellos schwer in der Strafkolonie, während der ersten Haftzeit gab es ständig Druck vonseiten der Verwaltung. Ich würde es Mobbing und sogar psychologische Folter nennen. Ich sollte meine Schuld bekennen, die Aktion auf dem Platz des Wandels organisiert zu haben. Ich sollte nicht weiterhin behaupten, dass ich dort nur meinen Job gemacht habe. Aber es gab keine Anzeichen dafür, dass ich nach dem Ende der Haftzeit nicht freikommen würde. Ich denke, sie haben von der neuen Anklage auch erst sehr kurzfristig erfahren.
Im Februar 2022 tauchte dann dieser Ermittler auf. Ein ganz normaler Tag, wir standen nach dem Mittagessen am Ausgang und wollten gerade zurück zur Werkhalle gehen. Da riefen sie mich zur Seite und alles nahm seinen Lauf.
Es war lange Zeit ein Thema, dass der Inhalt deiner zweiten Anklage nicht einmal deinen Verwandten vorgelegt wurde. Kann man denn jetzt über die konkreten Anschuldigungen sprechen?
So ist es, der Inhalt war meinen Angehörigen nicht bekannt. Die gesamte Akte steht unter Geheimhaltung. Ich habe unterschrieben, dass bei einem Bruch dieser Vertraulichkeitsvereinbarung automatisch ein neues Strafverfahren wegen Verrats von Staatsgeheimnissen gegen mich beginnen würde. Und der belarussische Staat hat eine Geisel – meinen Mann Ihar Iljasch.
Ich kann sagen, dass die Gerichtsverhandlung völlig geschlossen stattfand, nur eine Zusammenfassung wurde öffentlich vorgetragen, die keinen Aufschluss über Einzelheiten zuließ. Ihar kam in den Gerichtssaal, wir tauschten Luftküsse aus – und das war alles. Den Inhalt der Anklage kennen nur der Richter, der Staatsanwalt und der Verteidiger.

Ich habe gesehen, wie Ihar über all das berichtet hat. Ich bewundere ihn dafür, aber gleichzeitig wünschte ich auch, er würde verstehen, dass diese heftigen Kommentare und Verlautbarungen im Gefängnis sehr schnell Wirkung zeigen. Entweder sie bestrafen dich, oder sie quälen dich einfach. Wenn du ohnehin eine bekannte Person bist, stehst du auch so die ganze Zeit im Visier. Deshalb wäge ich jedes Wort, das ich öffentlich und sogar privat über Ihar sage, sorgfältig ab.
Über meine zweite Anklage kann ich daher nur sagen, dass es um journalistisches Material ging. Und ich kann die offizielle Formulierung vorlesen, denn ich habe Glück – zwar habe ich keinen Pass, aber dafür beide Gerichtsurteile, meine Widersprüche und den Haftbefehl. Darin steht: „Ohne journalistische Akkreditierung für Medien auf dem Gebiet der Republik Belarus und als Vertreterin einer ausländischen Organisation organisierte sie die Erhebung und Speicherung von Daten, die Staatsgeheimnisse der Republik Belarus darstellen, mit dem Ziel, sie in der Folge vorsätzlich dem ausländischen Staat Republik Polen preiszugeben.“
Preisgabe von Staatsgeheimnissen?
Ja, zuerst haben sie mir Preisgabe vorgeworfen, dann haben sie wohl verstanden, dass man nur etwas preisgeben kann, was einem im Rahmen eines Dienstverhältnisses anvertraut wurde. Mir hat ja aber, versteht sich, niemand vertraut (lacht). Ich bin Journalistin. Deshalb änderten sie in der Berufung dann das Urteil. Die Haftstrafe blieb gleich, aber als Grund schrieben sie: „Die Schuldige wurde wegen Spionage verurteilt.“
Eine polnische Spionin also?
Wenn man so will, bin ich die erste „polnische Spionin“ unter den belarussischen Journalisten.
Wusste man in der Strafkolonie, dass in Polen ein Spielfilm über deine und Ihars Geschichte gedreht worden war: Mara Tamkovichs Under the Grey Sky?
Ihar hatte mir davon erzählt, aber die Mehrzahl der Leute dort wusste vermutlich nichts von dem Film. Ich möchte betonen, dass die Anstaltsleitung wirklich permanent herauskehrte, dass wir alle, auch die Bekanntesten, vor allem ich, von allen vergessen worden seien, auch von Journalistenkollegen. Sie sagten Dinge wie: „Was denken Sie denn, niemand wird Sie wie eine Heldin empfangen, niemand braucht Sie, finden Sie sich damit ab, akzeptieren Sie es.“
Im ersten Jahr glaubst du es nicht, auch im zweiten Jahr noch nicht, aber im dritten Jahr kommen dir Zweifel, und du beginnst zu denken: ‚Mist, ich bin schon vier Jahr hier drin, wie lange denn noch?‘ Und am Ende des fünften Jahres denkst du: ‚Vielleicht haben uns da draußen wirklich schon alle vergessen.‘
Ja, Ende 2025 glaubte ich wohl wirklich, dass nur noch meine Familie an mich denkt und alle anderen einfach ihr Leben leben. Ich verurteilte niemanden dafür, es ist ganz normal. Die Menschen hatten mit dem Krieg zu tun, sie mussten zwei Mal emigrieren, zuerst gingen sie nach Kyjiw, dann mussten sie noch einmal flüchten. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte, deshalb urteilte ich nicht, sondern dachte einfach: ‚So ist es dann wohl.‘ Als dann die amerikanischen Freilassungen begannen, wurde es wirklich schwer. Mir war klar, dass ich auf diesen Listen stehen musste, sie mich aber durchgestrichen hatten.
Deine Annahme, dass du vergessen wurdest, hat sich aber nicht bewahrheitet, oder?
Richtig, ich war nicht vergessen worden. Trotz allem, was auf der Welt inzwischen geschehen ist. Die Menschen haben die ganze Zeit über an mich gedacht und mich unterstützt. Ich habe Gedichte von mir gefunden, die mithilfe von KI vertont wurden, auch viele Videos, und mein Porträt an einer Fassade in Warschau. Nein, niemand hat mich vergessen. So wie wir jetzt diejenigen nicht vergessen, die noch in Haft sind.
Hilft der Ruf nach weltweiter Aufmerksamkeit bei der Verbreitung von Informationen und der Sichtbarmachung von Solidarität?
Ehrlich gesagt, wenn du in dieser Geiselhaft bist, kann sich die mediale Aufmerksamkeit auf kurze Sicht negativ auswirken. Sie kann Anlass für Bestrafung oder sogar für Isolierung sein. Wir wissen, dass zahlreiche medial bekannte Personen von der Incommunicado-Praxis betroffen waren. Zu meinem großen Glück ist das an mir vorübergegangen. Das ist wie ein kleines Wunder.
Manchmal hat es also geschadet, ehrlich gesagt. Aber langfristig betrachtet muss man sich fragen: Woher kannte die amerikanische Seite die detaillierten Listen und Fälle, den Gesundheitszustand, die Haftzeiten der Menschen, die sie dann bei den Verhandlungen vorlegen konnten?
Die Rolle der Belarussischen Demokratischen Kräfte ist nicht zu unterschätzen, selbst wenn sie nur beratende Funktion haben, sind sie doch sehr wichtig, weil sie den Amerikanern ermöglichen, diese Listen zu erstellen. Das ist nicht von der Hand zu weisen, oder? Sie [die Amerikaner] wüssten kaum etwas, wenn es nicht das Medienecho gäbe, das Interesse der internationalen Gemeinschaft an den politischen Gefangenen in Belarus, ohne die Arbeit der Belarussischen Demokratischen Kräfte und der Institutionen im Exil. Wenn es all die Menschen nicht gäbe, denen das Thema der politischen Gefangenen all die Jahre bis heute unter den Nägeln brennt.
Langfristig denke ich, dass die Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit für das Problem und das andauernde Interesse der amerikanischen und europäischen Politiker – der Zentren politischer Entscheidungsfindung, wie man sagt – enorm bedeutsam sind.
Du hast über Bestrafungen in der Kolonie gesprochen – kam das häufig vor?
Seltener, als ich erwartet hatte. Ich wurde fast nie in die Isolationszelle gesteckt. Sie sagten: „Wir wissen, wie wir dir noch mehr wehtun können.“ Sie verboten mir Treffen mit meinen Verwandten, manchmal verging ein Jahr bis zum nächsten Besuch. Sie wussten, wohin sie schlagen mussten.
Siehst du dich nach all dem, was du erlebt hast, noch in deinem Beruf arbeiten?
Ja, ich werde in den Journalismus zurückkehren. Nicht mit ganzer Kraft, zunächst stehen noch Arztbesuche, Untersuchungen und Reha an. Aber ich werde zurückkehren. Ich möchte Schritt für Schritt wieder in den Job einsteigen und mich selbst austesten. Nach so einer langen Pause fragt man sich natürlich, ob man nicht einen Teil der Fertigkeiten verloren hat. Aber ich will unbedingt wieder arbeiten. Das erste Angebot erhielt ich übrigens schon, als ich im Bus von der belarussischen Grenze nach Vilnius saß – weißt du, von wem? Von Nasta Lojka, die mit mir im Bus saß und sagte, sie sei bereit, mir ihr erstes Interview nach der Freilassung zu geben. Deshalb werdet ihr schon bald auf Belsat meine Rückkehr in den Journalismus sehen können.
Was hat dich nach der Freilassung am meisten überrascht?
Die Welt hat sich stark verändert. Ich habe zum Beispiel gesehen, was KI ist, das hat mich erstaunt. Zudem verstehe ich jetzt, was die Leute meinten, die neu ins Lager kamen und sagten: „Belarus ist nicht mehr das Gleiche. Minsk ist ganz anders.“
Ich bin ein Mensch jener fünf Jahre Tauwetter, 2014 bis 2019, in dieser Zeit bin ich auch zum Journalismus gekommen. Wenn ich innerlich irgendwo hängengeblieben bin – wie du das über den Livestream gesagt hast – dann eher in dieser Zeit, nicht 2020.
Wenn ich sage, dass ich Sehnsucht nach Belarus habe, dann in erster Linie nach diesen fünf Jahren. Natürlich erinnere ich mich auch an die Menschenrechtsverletzungen, die Festnahmen, aber das Leben atmete, wir konnten arbeiten, reisen, filmen, Reportagen im Feld aufnehmen. All das gibt es jetzt nicht mehr.
Darüber habe ich mit Kollegen gesprochen, sie sagten: „Wie soll man in den Beruf zurückkehren, wenn man den Großteil des Berufslebens als Reporter im Feld gearbeitet hat – wohin soll man da zurückkehren?“
Und wie kann man Redakteur sein, wenn es keine Korrespondenten mehr vor Ort gibt? Du siehst auf Social Media, dass sich etwas ereignet hat, aber du kannst es nicht verifizieren, weil du kein Instrument hast. Es war immer mein Lieblingsteil der Arbeit, irgendwohin zu fahren und von vor Ort zu berichten. Das kann keine Künstliche Intelligenz erledigen. Genau das fehlt dem belarussischen Journalismus jetzt so sehr, finde ich, weil er komplett im Exil stattfindet. Alles, was in Belarus geblieben ist, kann man kaum freien Journalismus nennen, teilweise ist es nicht einmal Journalismus.
Wir haben damals unseren eigenen Content produziert, er basierte sehr selten auf Informationen aus den Sozialen Netzwerken. Jetzt ist das nicht nur technisch durch den Mangel an Korrespondenten erschwert, sondern auch durch die Gefahr für die Menschen, die selbst für das einmalige Übermitteln von Informationen oder das anonyme Verfassen von Kommentaren belangt werden können.
Im Straflager konnte ich mit den anderen Frauen beobachten, wie manchmal ganze Gruppen gebracht wurden, Verhaftungswellen. Zum Beispiel die Welle derer, die wegen Päckchen an politische Häftlinge festgenommen wurden, oder die Welle der Schreiber von Posts und Kommentaren 2022-23, oder die Welle nach dem sogenannten Referendum. Oder diejenigen, die für ein Interview und Kommentare zugunsten von „Extremisten“ verhaftet wurden, wie Darja Losik oder später auch mein Mann. Alles ist gefährlich, alles technisch und ethisch komplizierter geworden. Wie macht man unter diesen Bedingungen Journalismus?
Du sagtest kürzlich, dass dein wahrer Tag der Befreiung erst dann kommt, wenn auch Ihar freigelassen wird.
Ja, so ist es. Das sage ich auch jetzt. Mich freizulassen und Ihar in Geiselhaft zu behalten entspricht genau der Praxis des belarussischen Regimes, die es schon die ganze Zeit auf uns angewandt hat. Sie wissen, wie sie einem wehtun können. Wenn sie über ein Instrument verfügen, über eine Möglichkeit, dann nutzen sie das. Die erzwungene Trennung von Ihar passt genau zu dieser Taktik, mit der sie fünf Jahre lang Druck auf mich ausgeübt haben.
Dabei nützt das dem belarussischen Regime nicht einmal, sie wissen ja genau, dass ich über Ihar sprechen werde, und dass ich sogar weiß, wie das geht. Ich werde es so erzählen, dass das Thema Gehör findet, dass sein Name Gehör findet. Ich lasse weder die amerikanischen noch die europäischen Politiker noch die Belarussen vergessen, dass es Ihar gibt. Wir hören nicht auf, ehe nicht alle unsere Kollegen, überhaupt alle politischen Gefangenen am Ende in Freiheit sind.
Ich hoffe sehr, dass die Amerikaner sich dafür einsetzen, dass die repressive Praxis in unserem Land insgesamt aufhört, dass nicht zehn Leute freigelassen und noch am selben Tag zehn neue Geiseln genommen werden. Dass die Menschen in Belarus bleiben und ein normales Leben führen können, nicht unter Bedingungen der Unterdrückung. Dann wird man schon über nächste Schritte nachdenken können, sogar über Rückkehr. Im Grunde bin ich Optimistin, aber an schnelle Veränderungen glaube ich nicht. Ich kehre erst einmal zurück in mein Leben, in meinen Beruf, zu mir selbst.