Putins marktliberale Helfershelfer

Am 28. Februar 2022, vier Tage nach Russlands vollumfänglichen Überfall auf die Ukraine, lud Putin zu einem Wirtschaftstreffen. / Foto © kremlin.ru

Im vergangenen Jahr sind mehrere Bücher auf Russisch erschienen, die sich damit beschäftigen, wie Putin seine Entscheidung zur Vollinvasion in der Ukraine getroffen hat und warum es keinen sichtbaren Widerstand innerhalb der Elite gab. Eines dieser Bücher ist From Sovereigns to Servants. How the War Against Ukraine Reshaped Russia’s Elite bzw. auf Russisch Soutschastniki. Potschemu rossiskaja elita wybrala woinu über Putins „systemliberale Helfershelfer“ aus der Wirtschaftselite, verfasst von Alexandra Prokopenko, einer russischen Journalistin und Forscherin im Exil.

Prokopenko hatte zwischen 2017 und 2021 bei der Zentralbank Russlands, anschließend an der Higher School of Economics Moskau gearbeitet, die zu den führenden Forschungsuniversitäten und staatnahen Thinktanks Russlands zählte. Früher war sie außerdem bei der Zeitung Vedomosti tätig gewesen und hatte dort über Putin und die russische Regierung berichtet. Heute ist Prokopenko wissenschaftliche Mitarbeiterin am Carnegie Russia Eurasia Zentrum in Berlin. Sie verfügt neben ihren journalistischen und akademischen Kompetenzen über eigene Erfahrungen im russischen Machtapparat.

In ihrem Buch stützt sich Prokopenko auf Gespräche mit Beamten und Unternehmern, die sie aus soziologischer und politikwissenschaftlicher Perspektive reflektiert. Die meisten von ihnen gehören zu den sogenannten „Systemliberalen“ und nehmen ihre eigenen Ansichten als eher prowestlich und proeuropäisch wahr. Und trotzdem hat keiner von ihnen offen Einwände gegen den Krieg gegen die Ukraine erhoben. Wieso?

In diesem Beitrag stellt dekoder-Redakteur Dmitry Kartsev Prokopenkos Buch vor. Im Exklusiv-Newsletter Wissen+ erfahren Sie noch mehr über zwei weitere Bücher zu anderen Aspekten desselben Themas – vom Soziologen Konstantin Gaase und dem Historiker Ilja Wenjawkin.


Der Kernpunkt in Prokopenkos Buch über Putins „Helfershelfer“ ist, dass zwar niemand der Gesprächspartner:innen den Krieg wirklich unterstützt habe, sich aber auch niemand traute, sich offen dagegen auszusprechen. „Das würde eh nichts ändern und niemandem helfen. Außerdem habe ich Angst: Was, wenn ich dann verhaftet werde?“, zitiert sie einen von ihnen.  

Aber ist diese Erklärung wirklich plausibel?

Obwohl Prokopenko ihre Ansprechpartner:innen nicht namentlich nennt, lässt sich aufgrund ihres eigenen Hintergrunds annehmen, dass die meisten von ihnen entweder dem Business oder dem Wirtschaftsblock der Regierung angehörten. Angst vor Verhaftung ist also durchaus nachvollziehbar: Noch 2016 konnte sie der Fall Aleksej Uljukajew alarmiert haben, der zu den prominentesten Mitgliedern ihrer Zunft gehörte. 

2022 waren schon in jeder Behörde und jedem staatlichen Unternehmen halboffizielle Mitarbeiter des FSB installiert. Wer nach Russlands Vollinvasion seinen Job aufgeben wollte, musste sich in „Abschiedsgesprächen“ mit diesen FSB-Offizieren unangenehmen Fragen stellen, konnte von ihnen eingeschüchtert und unter Druck gesetzt werden.  

Putins Helfershelfer

Welche Rollen spielen die russischen Eliten in Russlands Krieg gegen die Ukraine? Gleich mehrere neue Bücher auf Russisch, teils auf Englisch, beschäftigen sich ausführlich damit, wie Putin damals wohl wirklich seine Entscheidung zum Angriff auf die Ukraine getroffen haben mag und warum es keinen sichtbaren Widerstand aus den Eliten gab. In dieser Ausgabe von Wissen+ stellen wir drei dieser Bücher vor.

Außerdem erregte damals gerade eine Serie mysteriöser Todesfälle hochrangiger Manager aus Energieunternehmen großes Aufsehen und vermittelte einem russischen Staatsdiener womöglich den Eindruck, dass das Regime Putin nun bereit sei, seine „Verräter“ zu töten. Zwar ist dies grundsätzlich wahr (siehe etwa Fall Skripal oder den Mord an Alexej Nawalny), doch traf diese Einschätzung in diesem Fall nicht zu, da keiner der verstorbenen Top-Manager gegen den Krieg aufgetreten war. Hinzu komme, wie Prokopenko schreibt, dass keine wirklichen Repressionen wegen mangelnder Loyalität erfolgten. Also kann diese angeführte Angst nur mehr Feigenblatt und Ausrede sein als eine tatsächliche Erklärung.

Der Krieg „nur eine weitere Krise“

Die eigentlichen Gründe, warum sich die Gesprächspartner:innen nicht gegen den Angriffskrieg ausgesprochen haben, sieht Prokopenko in deren langjähriger Routine: Sie hätten schon viele Krisen gemeistert, der Krieg sei bloß eine weitere. Es gehört zum Selbstverständnis der Technokraten, effizient zu sein. Einige beschreiben das sogar als eine Art Leidenschaft: „Ich denke, dass kein anderer Job attraktiver für einen Ökonomen sein könnte als der, den ich derzeit habe. Wir befinden uns im Zentrum einer riesengroßen Wirtschaftstransformation“, zitiert Prokopenko einen Gesprächspartner.

Prokopenko bezeichnet ihre Bekannten nicht als „Elite“, sondern als „Nobilität“ – Menschen mit hohem sozialem Status, jedoch ohne jeglichen politischen Einfluss

Warum versteifen sich diese Leute so auf „Wirtschaftstransformation“ und blenden alles andere aus? Ist das nur Zynismus oder mehr?

Schon 1995 hatte der oben genannte liberale Ökonom Uljukajew einen Beitrag veröffentlicht, in dem er für einen Entscheidungsprozess plädierte, der sich „auf Kompetenzen und Erfahrungen stützen würde und nicht auf den Wahlergebnissen“. Gemeint ist faktisch Demokratieabbau: Die wirtschaftsliberalen Staatsbeamten sollen von lästigen demokratischen Prozessen entbunden werden, um effektiv ihre Marktreformen durchführen zu können.

Unter Putin dann wurden sie tatsächlich von allen checks & balances entbunden, was jedoch auch potentielle neue Akteure und Gruppen vom politischen Prozess fernhielt – bis zu dem Moment, in dem ein einziger Mann allein historische Entscheidungen traf, und zwar Putin selbst.

Und so waren die Ansprechpartner:innen von Prokopenko, die Russlands Aggression gegen die Ukraine womöglich wirklich nicht unterstützen, doch zu deren Beginn schon keine wirkliche politische Kraft mehr, die Unzufriedenheit politisch zum Ausdruck hätte bringen können.

Gerade deshalb bezeichnet Prokopenko ihre Bekannten nicht mehr als „Elite“, sondern als „Nobilität“ – Menschen mit hohem sozialem Status, jedoch ohne jeglichen politischen Einfluss. Dabei sei deren selbstbekundetes Unvermögen, überhaupt etwas ändern zu können, vor allem die Folge früherer Entscheidungen der eigenen Zunft, die stets auf Entpolitisierung finanzpolitischer Entscheidungen gepocht hatte.  

Alexandra Prokopenko (2025): Helfershelfer: Warum russische Elite den Krieg gewählt hat (From Sovereigns to Servants. How the War Against Ukraine Reshaped Russia’s Elite, Soutschastniki. Potschemu rossiskaja elita wybrala woinu?)

Gnose

Technokratie

Als Technokraten werden üblicherweise unparteiische Experten in öffentlichen Ämtern bezeichnet. Sie gelten als Fachleute, deren Handlungen auf technischen und wissenschaftlichen Prinzipien aufbauen. In demokratischen Systemen übernehmen Technokraten meistens zu Krisenzeiten politische Verantwortung. In Russland ist seit einigen Jahren ein vermehrter Einsatz von Technokraten in öffentlichen Ämtern zu beobachten.

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