Belgorod: Russlands Krieg kehrt heim (1/2)

Das Bild zeigt die teils beschädigte Glasfront des Kaufhauses Belgorod in der gleichnamigen russischen Stadt.
Durch einen ukrainischen Gegen-Luftangriff auf das frontnahe russische Belgorod kommen am 30. Dezember 2023 im Zentrum der Stadt 14 Menschen ums Leben, mehr als 100 werden verletzt. Russland beschuldigte die Ukraine, gezielt Zivilist:innen angegriffen zu haben. Die Ukraine weist den Vorwurf zurück und macht die russische Flugabwehr für die Einschläge an nicht-militärischen Orten verantwortlich. Am Tag zuvor hatte Russland mit seinen bis dato heftigsten Luftangriffen auf mehrere ukrainischen Städte mehr als 50 Personen getötet und 160 verletzt. / Foto © Anadolu Agency/Imago

Die südrussische Oblast-Hauptstadt Belgorod ist ein bedeutsames Militärzentrum in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine seit 2022. Hier sammeln sich russische Truppen, werden ausgebildet und in den Kampf auf ukrainischem Staatsgebiet geschickt. Von hier aus starten seit Jahren Raketen und Drohnen zu ihren andauernden und massiven Luftangriffen auf die Ukraine. Besonders und von Anfang an auf die zweitgrößte ukrainische Stadt Charkiw. Von den dortigen nördlichen Randbezirken kann man bei klarer Sicht die russischen Raketen in Belgorod starten sehen. Zwischen den zwei Städten liegen weniger als 70 Kilometer. Und vor dem Krieg gab es regen Austausch: Familien und Freundschaften, Ausflüge zum Einkaufen oder zur Unterhaltung.

Das alles zerstört Russlands Krieg, der sich seit 2023 auch immer heftiger ins eigene Land auswirkt. Seltener durch Landattacken ukrainischer Kämpfer, aber immer häufiger durch Luftangriffe mit Drohnen und Raketen, mit denen sich die Ukraine gegen Russlands Angriffskrieg wehrt. Was passiert nun in dieser russischen Frontstadt zwischen den Behörden und Einwohnern, die sich doch laut Kreml-Narrativ nicht einmal im Krieg befinden?

Das russischsprachige Online-Medium Sewer Realii aus dem Netzwerk von Radio Swoboda hat die Auswirkungen des Russisch-Ukrainischen Krieges auf den Alltag in der Oblast Belgorod recherchiert und die betroffenen Menschen nach ihrer Wahrnehmung des Krieges gefragt. Dekoder veröffentlicht die Reportage in zwei Teilen: Am 23. April erscheint Teil zwei – ein Interview mit dem Chefredakteur des führenden regionalen Telegram-Kanals, der über das Kriegsgeschehen in und um Belgorod informiert.


Als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff, galt die Oblast Belgorod (mit einer Bevölkerung von fast eineinhalb Millionen) als Hinterland. Vier Jahre später werden Bewohner evakuiert, Wehrpflichtige fallen im Kampf, hunderte Häuser und zahlreiche Objekte der kritischen Infrastruktur sind beschädigt, und wirtschaftlich steckt die Region in einer Krise. Der Krieg hat hier alles verändert.

Im Januar 2026 bezeichnete der Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow die Situation in den grenznahen Bezirken seiner der Oblast Belgorod als „extrem schwierig“ und bezifferte die Verluste in der Zivilbevölkerung seit Anfang 2026: 21 Tote und 98 Verletzte, darunter auch Kinder. Das sind zehnmal so viele wie im gesamten Jahr 2025. Im Mai letzten Jahres sagte Gladkow, seit Kriegsbeginn seien mehr als 320 Bewohner der Oblast Belgorod durch Angriffe getötet und über 2500 verletzt worden. Im Juli 2024 sprach Gladkow noch von mehr als 200 Toten und 1100 Verletzten. Derzeit sollen in der Region Belgorod vor allem Schüler, kinderreiche Familien und alleinstehende Rentnerinnen evakuiert werden.

Grenzkämpfe, Beschuss und erste Evakuierungen

Dass der Krieg de facto in ihrer Oblast angekommen ist, spüren die Belgoroder seit 2023. Am Morgen des 22. Mai drang eine bewaffnete Gruppe von der Ukraine her in ihr Gebiet ein. Die Kämpfe im Bezirk Graiworon dauerten länger als 24 Stunden. Für den Vorstoß verantwortlich zeichneten Vertreter des Russischen Freiwilligenkorps RDK. In der Nacht auf den 23. Mai folgten dann Angriffe auf Verwaltungsgebäude des FSB und MWD für die Oblast Belgorod.

In den ersten Junitagen 2023 unternahmen ukrainische Einheiten erneute Angriffe auf das Gebiet Belgorod und brachten vorübergehend das Dorf Nishnjaja Tawolshanka unter ihre Kontrolle. Schebekino, eine 40.000-Einwohner-Stadt sieben Kilometer von der russisch-ukrainischen Grenze entfernt, war permanent unter Beschuss. Gouverneur Gladkow verkündete damals die Evakuierung der Bewohner grenznaher Bezirke.

Seitdem gehören [ukrainische – dek] Vorstöße und Drohnenangriffe in der Region zum Alltag. Bereits im März 2024 gab es in der Oblast Belgorod neuerliche Kämpfe an der Grenze, auch das RDK griff wieder an. Die russischen Behörden vermeldeten dann die „Abwehr eines Durchbruchsversuchs“ und die „Liquidierung von Sabotagetrupps“.

„Wo das Internet über Leben und Tod entscheidet, einfach abschalten!“

Im November 2025 wurde zum ersten Mal in der gesamten Oblast Belgorod flächendeckend das Internet abgeschaltet. Später stellte sich heraus, dass dieser Shutdown sogar für Gouverneur Gladkow eine Überraschung war.

„Natürlich geschah das im Rahmen einer Maßnahme zur Gewährleistung zusätzlicher Sicherheit. Andererseits wurden dadurch abgestimmte Abläufe gestört, die sich in der Region bereits etabliert hatten“, sagte Gladkow am 27. November in einer Videobotschaft. Auf VKontakte folgten darauf sofort erboste Kommentare von Personen, die ohne Internet ja auch keine Drohnenwarnungen mehr bekamen: „Wjatscheslaw Wladimirowitsch, wem so ein Blödsinn einfällt, der soll mal nach Schebekino kommen und hier ohne Internet sitzen! Ich habe mein Kind morgens in den Kindergarten gebracht und wusste nicht, ob was geflogen kommt oder nicht! Wie die blinden Kätzchen! Darauf muss man erst mal kommen, so nah an der Grenze, wo das Internet über Leben und Tod entscheidet, einfach hergehen und abschalten! Und die Drohnen fliegen weiter wie bisher! Hirnloser geht’s nicht! Gebt uns das Internet zurück!!!“

„Zu Hause müssen wir uns selbst helfen” 

Laut den Belgoroder Behörden gibt es in der Region mittlerweile täglich bis zu 150 Drohnenangriffe. Nach einem Raketenbeschuss auf Objekte der technischen Infrastruktur durch die ukrainischen Streitkräfte im Januar 2026 hatten über 550.000 Einwohner keine Heizung, weder Strom noch kein Gas und fast 200.000 kein Wasser, teilte Gouverneur Gladkow mit und empfahl der Bevölkerung, sich Stromgeneratoren zu kaufen. Am 13. Februar erfuhr man, dass die zentral beheizten Belgoroder Wohnblöcke bis zum Ende der Heizperiode ohne Warmwasser auskommen müssen.

„Alle Notdienste sind vor Ort im Einsatz, aber leider sind die Schäden nach dem Angriff der ukrainischen Streitkräfte sehr schwer. Die Wasserversorgung und Kanalisation sowie die Zuleitung von Gas, Wärme und Strom können mithilfe von ständigen Energieversorgungsquellen oder aus der Reserve aufrechterhalten werden“, so Gladkow.

Swetlana aus Belgorod kommentiert: „Nach dem erneuten Beschuss vom 18. Februar verkündete Gladkow, man werde das ‚Schadensausmaß‘ feststellen. Aber ich seh’s schon in meinem Bezirk – kein Strom, keine Heizung seit Anfang Februar. Der Gouverneur hat Heizstrahler aus Sankt Petersburg versprochen, aber die kriegen letztlich nur Schulen und Kindergärten. Zu Hause müssen wir uns selber helfen, sonst macht das keiner. Ich hab’ ja noch Glück, dass mein Mann Angler ist und sofort einen Generator aus der Garage geholt hat. Aber was sollen alleinstehende Rentnerinnen tun?“ Laut Swetlana haben die Heizprobleme schon lange vor den Angriffen auf das Kraftwerk begonnen.

Wo gibt’s denn so was, im Jahr 2026 in der eigenen Wohnung erfrieren?!

Swetlana aus Belgorod

„Schon im Januar haben wir uns über die Heizung beschwert, es wurde deutlich kälter in den Wohnungen. Meine Freundin hatte in der Tschumitschowa-Straße gar keine Heizung! Und das mit zwei Kindern. Der Kindergarten war zu, weil auch da die Heizkörper eiskalt waren. Die ist ja fast erfroren mit ihren Kleinen zu Hause. Wo gibt’s denn so was, im Jahr 2026 in der eigenen Wohnung erfrieren?! Jetzt wohnt sie bei ihrer Mutter in Woronesh, aber sie befürchtet, dass sie in ein paar Monaten auch da [vom Krieg] erwischt werden. Sie überlegen, weiter weg zu gehen. Aber wohin? In Sibirien ist es halbwegs sicher, aber auch dort, hab ich gehört, hocken die Leute wochen- und sogar monatelang ohne Heizung zu Hause. Wo soll man hin, ist die Frage“, sagt Swetlana und räumt ein, dass sie selbst momentan gar nicht wegkönnte.

„Mein Mann hat hier noch seine Eltern, wir müssten zuerst alle einsammeln, aber das ist mit alten Leuten nicht so leicht – die bleiben im Bombenhagel sitzen und rühren sich nicht vom Fleck. Zusätzlich haben wir für die Nachbarin von oben eine Art Patenschaft übernommen, bei ihr ist es noch kälter, wir haben ihr im Januar zwei Heizstrahler raufgebracht. Aber die sind jetzt sinnlos ohne Strom. Wir müssen sie wohl bei uns aufnehmen, aber alle kriegen wir ja auch nicht unter.“

hromadske

Das kalte Haus

Russland zerstört seit Herbst gezielt die ukrainische Energieinfrastruktur: Wärme- und Stromversorgung. Das Onlinemedium hromadske besucht einen besonderen Wohnblock in Kyjiw und berichtet, wie die Bewohner:innen selbst ihr Haus retten, bis die Behörden tätig werden.

In Gesellschaft

384 Wohnungen auf 17 Etagen: Bewohner:innen müssen ihr Haus retten, bis Kommunaldienste und Energieversorger weiter darum kämpfen, dass dieser Kyjiwer Wohnblock in Folge der russischen Luftangriffe auf die ukrainische Infrastruktur nicht erfriert. / Foto © Natalija Masina/hromadske

Fluchtbewegungen und bürokratische Hürden

Massenhafte Umsiedelungen sind in der Region zum Alltag geworden. Im Frühjahr 2023 mussten die Bewohner des Bezirks Graiworon ihre Häuser verlassen und nach Belgorod oder weiter ins Landesinnere ziehen. Ein Jahr später, im Frühjahr 2024, vermeldeten die Behörden die beschussbedingte Unterbringung von rund 9000 Kindern in anderen Regionen Russlands. Anfang Februar 2026 informierte Gladkow über das Registrierungsprozedere zur Evakuierung und versprach Müttern mit vielen Kindern, Eltern behinderter Kinder und alleinstehenden Rentnern Vorrang.

Die 78-jährige Alla Iwanowna schaffte es trotzdem nicht in die „Bevorzugtenliste“. Also holte ihre Tochter sie nach Moskau: „Ich habe meine Mutter selbst rausgeholt. Davor hat sie bei der Hotline angerufen, kam aber nicht durch. Am nächsten Tag habe ich telefoniert, habe ihre Daten angegeben, Namen und Adresse. Dann verging fast eine Woche – kein Muh und kein Mäh. Da bin ich los, sie selbst abzuholen, die Bahn fuhr ja zum Glück noch“, erzählt Olga.

Sie selbst war schon 2023 von ihrer Heimatstadt Graiworon nach Moskau gezogen: „Mein Gott, dann hat das noch so lang gedauert. Sind ja keine hundert Kilometer von uns bis nach Sumy in der Ukraine. Ständig wurde geschossen, mal war das Umspannwerk beschädigt, mal die Fabrik. Als das 2022 alles anfing, war sofort klar, dass man dort keine Ruhe mehr hat. Ich hab’ ja lang genug durchgehalten. Im Frühjahr 2023 wurde es einfach unerträglich, da bin ich zuerst nach Woronesh gegangen. Und jetzt von Woronesh nach Moskau geflüchtet. Der Belgoroder Flughafen ist schon lange geschlossen, und ständig wird die Heizung abgedreht. Meine Mutter wollte ich schon 2023 zum Wegfahren überreden, aber sie fand lauter Ausflüchte und tat so, als gäb’s diesen Krieg gar nicht.“

Sie hat nun mal nicht auf dem Schirm, wer 2022 den Krieg begonnen hat, und ist jetzt hochgradig erstaunt, dass er auch Belgorod erreicht.

Olga aus Graiworon, jetzt Moskau

„‚Oj, wieso greifen sie nur auf einmal unser Heizkraftwerk an?!‘ – Ja wirklich, Charkiw und Kyjiw hatten schon vor Neujahr keine Heizung mehr, aber warum auf einmal wir? Am Anfang bin ich immer in den Ring gestiegen, wenn sie ihre WhatsApp-Gruppe mit den Nachbarn zitierte: ‚Die ukrainische Armee lässt unseren Bezirk ohne Strom sitzen‘ – so was Kindisches. Aber dann hab’ ich aufgegeben: Sie hat nun mal nicht auf dem Schirm, wer 2022 den Krieg begonnen hat, und ist jetzt hochgradig erstaunt, dass er auch Belgorod erreicht. Insofern hab’ ich meine Mutter zwar gerettet, aber sozusagen nicht endgültig. Jetzt reden wir einfach nicht mehr über dieses Thema, weil wir ja irgendwie miteinander auskommen müssen, zusammen in einer Wohnung“, gibt Olga zu. Die Einmalzahlungen, die die regionalen Behörden schon im Sommer 2023 versprochen hatten, habe sie noch immer nicht bekommen.

„Läppische 10.000 [Rubel, etwas mehr als 100 Euro – dek] rücken sie nicht raus! Da bin ich nicht die Einzige, ich kenne auch Leute aus Schebekino, die sich beschweren, dass sie ihr Geld nicht kriegen. Dabei waren wir dort alle nicht nur gemeldet, sondern haben sogar Wohneigentum“, sagt Olga. „Im Endeffekt steht meine Wohnung in Graiworon einfach leer (die interessiert jetzt keine Sau), und die meiner Mutter in Belgorod ebenfalls. So sieht’s aus mit ‚in drei Tagen bis Kiew‘.“

Novaya Gazeta Europe

Der Zielaufklärer

Die russische Grenzregion Belgorod ist ein logistischer Knotenpunkt für Kriegswaffen und Truppen – und deshalb Zielscheibe der ukrainischen Verteidigungsstrategie gegen die Invasoren. Auch Partisanen betreiben dabei Zielaufklärung. Mit einem von ihnen hat Viktoria Litwin für Novaya Gazeta Europe gesprochen. 

In Politik von

Streit um Entschädigungen

Theoretisch besteht in der Region ein System von Entschädigungszahlungen für beschädigten Wohnraum und Eigentumsverluste, doch in der Praxis erhalten diese Kompensationen bei Weitem nicht alle. Im Frühjahr 2024 beschwerten sich die Bewohner eines zerstörten Wohnhauses in Belgorod, dass ihnen keine Entschädigung zugestanden worden sei. Per Gesetz haben Personen keinen Anspruch, wenn sie an den betreffenden Adressen nicht gemeldet sind, selbst wenn sie Eigentümer der Wohnungen sind und tatsächlich dort gewohnt haben.

Bis 2025 wandelte sich die Rhetorik der lokalen Beamten von Versprechungen, alles wiederherzustellen, allmählich hin zu Missbrauchsverdächtigungen: Gouverneur Gladkow sprach von überzogenen Forderungen, zudem drangen Vorwürfe an die Öffentlichkeit, es gäbe Versuche, an den Entschädigungen „zu verdienen“. Darüber berichtete insbesondere die Nowaja gaseta Jewropa im November 2025.

Natalja aus der Oblast Belgorod erzählt, wie sie Malomichajlowka (Bezirk Schebekino) Anfang 2023 auf eigene Faust verlassen hat. Seitdem hat sie keine amtlichen Zahlungen erhalten: „Ich bin gleich nach Sibirien gegangen, hier habe ich immerhin eine Freundin. Meine Verwandten sind alle nicht in Russland, aber ins Ausland traue ich mich nicht – ohne richtigen Beruf, ohne Fremdsprachen. Es fiel mir schon schwer genug, in Krasnojarsk Fuß zu fassen, das sagt schon alles“, erzählt Natalja.

Die haben einfach bis zum Schluss nicht kapiert, dass das ein richtiger Krieg ist.

Natalja aus Oblast Belgorod, jetzt Krasnojarsk

„Ich war mein Leben lang eine einfache Verkäuferin, dann musste ich Arbeit und Wohnung zurücklassen. Hier bin ich ein paar Monate bei meiner Freundin untergekommen, dann habe ich einen Job gefunden und begriffen, dass ich mir mit meinem Gehalt keine Wohnung in Krasnojarsk leisten kann. Jetzt wohne ich in Shelesnogorsk und fahre 64 km zur Arbeit. Neun Stunden Arbeit und drei Stunden Fahrt. Ich halte mich über Wasser, sagen wir mal so. Trotzdem, ohne die Freundin hätte ich nicht mal das hingekriegt. Mein Glück ist, dass ich überhaupt noch am Leben bin – ein paar meiner Nachbarn sind verschollen, die wollten nicht weg. Die haben einfach bis zum Schluss nicht kapiert, dass das ein richtiger Krieg ist: ‚Militäroperation hat’s doch geheißen …‘“

Der Wiederaufbau beschädigter Wohnungen, die Entschädigungen für Betroffene, Notfallmaßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit und Unterstützung für Evakuierte – all das verlangt dem Budget der Oblast immer mehr Ausgaben ab. Die Jahresbilanz 2025 ergab für die Region bei Einnahmen von 178,7 Milliarden und Ausgaben von 193,1 Milliarden ein Defizit von 14,4 Milliarden Rubel. Das Budget für 2026 wurde mit einem ähnlichen Defizit beschlossen. Wobei die Behörden keinen Hehl daraus machen, dass die Einnahmen aus Steuern und anderen Quellen nicht wachsen und nur durch den Finanzausgleich eine gewisse Balance erzielt wird.

„Er hat nicht unterschrieben“

Seit den ersten Tagen des Einmarschs in der Ukraine verspricht die russische Regierung, keine Grundwehrdienstleistenden im Kampf einzusetzen. Und doch erreichen die Oblast Belgorod ständig Nachrichten über den Tod von Wehrpflichtigen. Formuliert wird das nicht als Teilnahme am Krieg, sondern als „Bewachung der Grenze“, obwohl die Bedingungen eines Grenzeinsatzes dieselben sind wie im Kampf.

2025 wurde der Tod von fünf Wehrpflichtigen bei Nechotejewka im Bezirk Schebekino gemeldet. Journalisten zufolge war die Todesursache die Explosion eines Sprengsatzes; offiziell wurde es als Vorkommnis während der Grenzbewachung dargestellt.

Am 11. Januar 2026 kamen fünf Wehrpflichtige aus der Garnison Tschebarkul (Oblast Tscheljabinsk) ums Leben. Ihren Angehörigen zufolge hatten sie keinen Vertrag unterschrieben, waren aber „zur Erledigung militärischer Aufgaben“ in die Grenzregion beordert worden.

„Uns nannten sie als Todesursache die Explosion einer Lenkwaffe. Sie haben bestätigt, dass Artjom nach wie vor in der Grundausbildung war und keinen Vertrag unterschrieben hat. Dass Wehrpflichtige ‚militärische Aufgaben‘ in der Grenzregion erledigen, begründeten sie damit, dass das offiziell nicht hinter der Frontlinie und somit gesetzlich erlaubt sei“, sagt Roman, ein Verwandter von Artjom Sherebzow, einem der Opfer. „Tjoma war erst 20. In vier Monaten hätte er heimkommen sollen.“

Special

Märchen von der Angst

1000 Tage führt Russland großen Krieg gegen die Ukraine. 1000 Tage kämpfen die Menschen in der Ukraine gegen den Riesen-Nachbarn – und ihre eigene Angst. Von ihr erzählt das gar nicht so sehr fiktive Märchen des Dramaturgen Oleg Michajlow und der Illustratorin Julja Piljulja aus Charkiw. 

Sherebzow ist am 7. Juli 2024 eingerückt. Seine Familie wurde nervös, als er im Herbst plötzlich aus Tschebarkul in die Oblast Swerdlowsk verlegt wurde, um „zum Scharfschützen ausgebildet zu werden“: „Das war ein zweiwöchiger Kurs, dann kam er sofort in die Oblast Belgorod. Wir saßen wie auf heißen Kohlen, weil es so oft vorkommt, dass Wehrpflichtige zu Verträgen gezwungen werden oder für sie unterschrieben wird. Auch ihm haben die Kommandeure Verträge angeboten. Es war Erpressung – wenn ihr unterschreibt, schicken wir euch nicht an gefährliche Orte. Aber Artjom wusste genau, dass das gelogen war, er sah ja, wie Kameraden, die unterschrieben, sofort an die Front mussten. Er hat nicht unterschrieben. Aber dann schickten sie ihn doch in den Bombenhagel“, sagt Roman.

Nach Angaben der Verwandten hatten sich die Familien darum bemüht, die Wehrpflichtigen aus den grenznahen Gebieten herauszuholen, aber vergeblich. An der Grenze, sagten die Angehörigen, seien die Soldaten schutzlos im Stich gelassen worden: „Sie haben selbst für Deckung gesorgt, einen Graben geschaufelt und einen Bunker gebaut. Doch als dieser am 11. Januar von einer Rakete getroffen wurde, ist er eingestürzt und hat alle neun verschüttet“, sagt Roman. „Alle sind tot. Vier von ihnen waren definitiv noch Wehrdienstleistende, so wie Artjom.“