Folgen des Iran-Kriegs für Russland

Wenige Monate vorm Iran-Krieg: Beim Summit der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) am 1. September 2025 im chinesischen Tianjin muss Wladimir Putin auf den iranischen Staatsführer warten. / Foto © Iranian Presidency/Zuma Press Wire/Imago
Beim Summit der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) am 1. September 2025 im chinesischen Tianjin muss Wladimir Putin auf den iranischen Staatsführer warten. / Foto © Iranian Presidency/Zuma Press Wire/Imago

Der aktuelle Iran-Krieg ist kaum zwei Wochen alt, da steht schon fest: Der Kreml kann mit steigenden Einnahmen für Öl- und Gas-Exporte rechnen. Vor allem China werde Rohstoffe künftig vermehrt aus Russland importieren, argumentiert der Sinologe Michail Korostikow auf Carnegie Politika. Denn Pipelines, Schienen und Straßen aus Russland dürften Peking verlässlicher erscheinen als störungsanfällige Seewege aus anderen Staaten.

Gleichzeitig erwarten Russland vielfältige negative Auswirkungen des Iran-Krieges: besonders die Schwächung der eigenen Staatsführung im In- und Ausland. Dies und andere Folgen nimmt der Orientalist Nikita Smagin in den Blick, ebenfalls auf Carnegie Politika.


Erstens unterbricht der Iran-Krieg den Nord-Süd-Transportkorridor, der für Moskau wichtig ist, weil er gleich mehrere internationale Transportrouten umfasst. Trotz bestehender Zweifel an seiner Rentabilität braucht die russische Wirtschaft solche neuen Zugänge auf den Weltmarkt, seit westliche Sanktionen die bisherigen Routen versperren.

Russland greift nach jedem Alternativen-Strohhalm

Zweitens wird die Zukunft des russischen Gas-Hubs im Iran unsicher, der eigentlich zur Rückkehr des russischen Gases auf den globalen Markt hätte beitragen sollen. Ähnlich wie beim Nord-Süd-Projekt ist zwar die Rentabilität des Unterfangens auf den ersten Blick nicht ersichtlich, doch Russland nutzt nun jede Gelegenheit, seine Lieferkanäle zu diversifizieren.

Auch etliche andere russische Projekte im Iran, in die schon viel Engagement und Mittel investiert wurden, sind durch den Krieg gefährdet. Russland ist mit der Firma ZN Wostok auf iranischem Staatsgebiet an der Erdölförderung beteiligt und plante auch Erdgasförderung. Rosatom erweitert aktuell das Kernkraftwerk Bushehr. 2025 beschlossen Russland und Iran per Vorvertrag außerdem ein neues Projekt über 25 Milliarden Dollar: den Bau des AKW Hormuz. Auch das Wärmekraftwerk Sirik bei Bandar Abbas wird von Russland gebaut.

Selbst ohne Regimewechsel droht Dauerkrise

Auch ohne einen Regimewechsel im Iran könnten all dieser Pläne scheitern. Der Krieg stürzt das Land womöglich in eine permanente Krise und Instabilität. Schlechte Regierbarkeit, möglicherweise Proteste, zerstörte Infrastruktur und allgemeine Unsicherheit würden jeglichen Investitionen im Iran, die ohnehin großenteils von Russland ausgingen, ihre Sinnhaftigkeit entziehen. Ganz zu schweigen davon, dass im Fall eines Regimewechsels in Teheran antirussisch gestimmte Kräfte an die Macht kommen könnten, die die Zusammenarbeit mit Moskau einschränken.

Genauso wichtig ist, dass der Kreml die Militärschläge der USA und Israel gegen den Iran und vor allem die Beseitigung des оbersten Führers als ernsten Präzedenzfall betrachtet. Weniger, weil Wladimir Putin persönlich befürchtet, Opfer solcher Angriffe zu werden – er fühlt sich in Russland sicher, wahrscheinlich dank seiner Atomwaffen und seinem militärischen Potenzial, das ungleich höher ist als das des Irans. Eher beunruhigt den Kreml die Transformation der bestehenden Normen: die Entweihung des Postens eines Staatsoberhaupts in der Welt. Das könnte nicht nur Auslandsbesuche Putins erschweren, wo kein Sicherheitsniveau wie im eigenen Land gewährleistet werden kann, sondern auch das Ansehen der Staatsmacht innerhalb Russlands schmälern.

Russland riskiert keine Konfrontation mit den USA oder Israel

Kein Wunder also, dass Russland das Vorgehen von USA und Israel sofort verurteilt, als „unprovozierten Akt der Aggression“ und „Verletzung des Völkerrechts“ bezeichnet hat. Aus dem russischen Föderationsrat hieß es sogar, der Iran habe jedes Recht gehabt, die Straße von Hormuz zu sperren. Kategorisch fiel auch die verurteilende Reaktion Putins persönlich auf die Ermordung von Ali Chamenei aus.

China und der Krieg

Peking kann nicht zulassen, dass Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine verliert, sagt der chinesische Außenminister. Warum nicht? „Es geht auch ums ‚Geschäft‘“, sagt der Historiker Sören Urbansky.

Doch trotz aller negativen Reaktionen sind Moskaus Einflussmöglichkeiten in dieser Situation beschränkt. Man kann sich schwer vorstellen, dass der Kreml für das iranische Regime eine Konfrontation mit den USA oder Israel riskieren würde, insofern ist eine direkte militärische Intervention ausgeschlossen. Moskau legt viel Wert auf seine Beziehungen zu Tel-Aviv, das die Beibehaltung russischer Militärstützpunkte in Syrien als Gegengewicht zur Türkei unterstützt. Auch sein Verhältnis zu Donald Trump will sich der Kreml nicht verderben – die Hoffnung auf gute Zusammenarbeit bei den Verhandlungen mit der Ukraine ist hier noch nicht begraben.

Insofern spricht Moskau von Ungerechtigkeit und fordert eine Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats, aber mehr nicht. Russland hat nicht vor, sich bis zum Letzten an seine Projekte im Iran zu klammern: Rosatom stellt seine Tätigkeit im Land ein und evakuiert sein Personal. Auch erste Evakuierungen russischer Diplomaten werden gemeldet.

Nach Iran-Krieg: Russland bleibt bei Teheran

Sollte das Regime der Islamischen Republik den aktuellen Krieg irgendwie überstehen, könnte Moskau die Geschehnisse zu seinen Gunsten nutzen. Sobald die Akteure ihre gegenseitigen Raketenangriffe einstellen, wird Russland weltweit eines der wenigen Länder bleiben, das zur weiteren Zusammenarbeit mit Teheran bereit ist. Andere traditionelle Partner Teherans wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar werden nach den iranischen Angriffen auf ihr Territorium wohl kaum zu früheren Handelsbeziehungen und politischem Dialog zurückkehren.

Juli 2022, Teheran: Putin trifft den iranischen Staatsführer Ali Chamenei (Mitte) und den iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi (rechts), um über den Krieg in Syrien zu sprechen, der von Russlands Krieg gegen die Ukraine überschattet wurde. / Foto © Zuma Press Wire/Imago

Das iranische Regime wird also in seiner Isolation kaum andere Möglichkeiten haben, als Russlands Hilfe anzunehmen. Und Moskau hat seine Bereitschaft, die militärisch-technische Kooperation mit dem Iran aufzustocken, bereits bewiesen. In den letzten Jahren wurde das Liefersortiment deutlich erweitert: Teheran hat mindestens eine Staffel Schul- und Kampfflugzeuge des Typs Jak-130 bekommen, ein paar Dutzend Panzerkraftwagen Spartak, Schusswaffen (Scharfschützengewehre Orsis T-5000M) und im Januar einige Kampfhubschrauber.

Bekannt wurde auch ein Vertrag über die Lieferung von bis zu 50 Abfangjägern des Typs Su-35 und mindestens 500 schultergestützten Flugabwehrraketen Werba. Die Waffen aus Russland können das Kräfteverhältnis zwischen dem Iran und Israel oder den USA natürlich nicht grundlegend ändern, dem Regime aber im Falle von bewaffneten Aufständen oder einem Bürgerkrieg nützen.

In einem solchen Szenario hätte Teheran wohl kaum die nötigen finanziellen Mittel, um Russland für seine Unterstützung zu bezahlen, doch Moskau hat viel Erfahrung mit Hilfe für „befreundete Staaten“ im Tausch gegen einen Teil ihrer Souveränität. Wie zum Beispiel in Syrien unter Baschar al-Assad.

Riddle

Lavieren in Nahost

Wie in Afghanistan, wo Russland früh Gespräche mit den Taliban führte, kann Moskau auch in Nahost mit vielen unterschiedlichen Seiten an einem Tisch zusammenkommen. Doch statt einer effektiven Nahost-Strategie betreibe der Kreml zu oft nur Effekthascherei, kritisieren die Nahost-Experten Anton Mardassow und Kirill Semjonow auf Riddle. Schuld daran sei auch die Islamophobie Moskaus.

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Russische Hilfe im zivilen Bereich

Vielleicht würde der russische Hebel auch nicht nur bei Waffenlieferungen ansetzen, sondern auch im zivilen Bereich. Derzeit haben die russischen Firmen aufgrund der Kampfhandlungen den Export von Getreide in den Iran ausgesetzt. Nach dem Krieg wird sich Teheran gut überlegen müssen, was es Moskau für die Wiederaufnahme dieser Lieferungen anbieten kann.

Der ausgebrochene Krieg stellt das Überleben vieler russischer Projekte im Iran in Frage, doch das allein wird nicht dazu führen, dass Moskau seine Aktivität Richtung Iran vermindert. Eher umgekehrt: Der Kreml kann die drohende Nachkriegsisolation des Irans nutzen, um Teheran in eine noch größere Abhängigkeit von Russland zu bringen.

Zum Weiterlesen:

The Council on Geostrategy über die Achse der CRINK-Staaten (China, Russland, Iran, Nordkorea)

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