
Ob inhaltsleere Worthülsen zwielichtiger, doch einflussreicher Politikfiguren oder digitale Fake-News-Kampagnen: Die ukrainische Gesellschaft und speziell ukrainische Journalist:innen haben für solchen Unfug wie Desinformationskampagnen gern nur Scherze oder Missachtung übrig, während man sich anderswo in der Welt noch energieraubend über jede Trump-Zitat-Schlagzeile echauffiert.
Lieselotte Hasselhoff berichtet in ihrer aktuellen dekoder-Kolumne Popry wse*, wie anders ihre ukrainischen Kolleg:innen mit Fehlinformationen und Psychologischer Kriegsführung umgehen. Und wie ihnen Humor hilft, vor lauter empörungswerter Meldungen nicht den Blick auf die Tatsachen zu verlieren.
*ukr. trotz alledem
Als der US-Sondergesandte Jared Kushner von der Leinwand spricht, bricht im Press Room des Kyjiwer Konferenzhotels Gelächter aus. Im Arbeitszimmer für die — großenteils ukrainischen — Journalist:innen werden die Diskussionen aus dem wenige Türen entfernten Saal live übertragen. Kushner spricht dort per Video-Schalte zu Teilnehmenden aus ganz Europa.
„Das ist gar nicht Kushner, das ist eine KI“, witzelt eine ukrainische Journalistin angesichts Kushners Aneinanderreihung wohlklingender, inhaltsloser Phrasen über seine ergebnislosen Besuche bei Russlands Machthaber Wladimir Putin, die die Ukraine auch nach bald fünf Jahren Krieg keiner Waffenruhe nähergebracht haben.
Dieses Lachen steht im Kontrast zu den Reaktionen einiger Berliner Tagungsteilnehmenden: Kushner wirke doch weniger roboterhaft, als von dem sonst so glatten, emotionslosen Kushner gewöhnt, sagt eine beim anschließenden Buffet. Eine andere antwortet empört: Ob man überhaupt wisse, wer Kushner sei — ein Geschäftsmann, der mit fragwürdigen Immobiliendeals viel Geld gemacht habe, und unqualifiziert für seine Aufgabe, die er nur der Tatsache zu verdanken habe, dass er Präsident Donald Trumps Schwiegersohn ist.
Inhaltlich denken ukrainische und deutsche Tagungsteilnehmer ähnlich über diesen seltsamen Auftritt Kushners. Aber während sich am Tisch der Deutschen wortreich geärgert wird, wird der Gegenstand dieses Ärgers von den ukrainischen Journalistinnen im Press Room nur mit Witzen bedacht.
Die ukrainische Öffentlichkeit debattiert viele Themen anders als die deutsche.
Ein schwarzer Humor, der den Irrsinn auf Distanz hält, den die ukrainischen Journalist:innen später dennoch in ihren Berichten zusammenfassen müssen: den Irrsinn etwa, dass ein angeblicher Friedensvermittler behauptet, eine Friedenslösung läge praktisch auf dem Tisch, sie scheitere lediglich an der fehlenden Bereitschaft der Ukraine, Teile ihres Staatsgebiets an Russland abzugeben. Letztlich werden diese Berichte nicht mehr Worte als nötig über Kushners Auftritt verlieren, denn schließlich hat er außer Halbwahrheiten nicht viel gesagt.
Die ukrainische Öffentlichkeit debattiert viele Themen anders als die deutsche. Besonders auffällig war das im vergangenen Jahr, das man mit Blick auf die häufigsten Nachrichten-Schlagzeilen in vielen westlichen Medien auch als „Trump-Jahr“ bezeichnen könnte. „Trump sagt“ lautete über Monate gefühlt jede zweite Schlagzeile — meist begleitet von einer gewissen Aufregung.
Als dann Trump im August 2025 sein Alaska-Treffen mit Putin hatte, rangen viele Ukraine-Korrespondent:innen die Hände über die erwartungsvoll drängenden Fragen deutscher Redaktionen, wie die Ukrainer:innen denn nun über dieses Ereignis debattieren würden. Schließlich war es doch das erste Treffen eines US-Präsidenten mit Putin seit Russlands Großangriff auf die Ukraine — und Trump hatte versprochen, den Krieg zu beenden.
Doch die Wahrheit war: Kaum jemand in der Ukraine debattierte ernsthaft über Trumps äußerlich pompösen Auftritt, weil niemand glaubte, dass das Treffen inhaltliche Fortschritte bringen würde. Die vorangegangenen Gespräche hatten eher gezeigt, dass Putin seine Position weiter verfestigte.
Anstatt Putin echte Gesprächsbereitschaft abzuringen, tendierte Trump schon damals dazu, Putins Falschbehauptungen und überzogenen Forderungen im westlichen Debattenraum zu normalisieren und damit allmählich die Öffentlichkeit zu entmutigen und zu ermüden. Eine Ermüdung, die auch Ziel der russischen Psychologischen Kriegsführung ist. Durch das Fluten des Informationsraums mit Falschinformationen werden Gesellschaften verunsichert und der Wille zur sachlichen Meinungsbildung erschüttert.
Beim Alaska-Gipfel protokollierten die meisten ukrainischen Medien daher lediglich minutiös, was vor, während und nach dem Treffen verlautbart wurde. In meinem ukrainischen Freundeskreis endete jede Frage zum Thema sofort mit der sinngemäßen Antwort: „Was genau soll ich da kommentieren? Es ist ja nichts Neues geschehen.“ Sich auf die Debatte einzulassen, hätte lediglich bedeutet, auf Putins rhetorische Manöver einzugehen.
Zurückhaltung hilft nicht nur dabei, den Irrsinn persönlich nicht an sich heranzulassen, sondern auch, sich gesellschaftlich gegen den Psycho-Krieg zu schützen, den Russland gegen die Ukraine und ihre Unterstützer führt.
Diese Zurückhaltung hilft nicht nur dabei, den Irrsinn — beziehungsweise die durch Putin über Trump und seine Leute provozierte Verwirrung — persönlich nicht so nahe an sich heranzulassen, sondern auch, sich gesellschaftlich gegen den Psycho-Krieg zu schützen, den Russland gegen die Ukraine und ihre Unterstützer führt. Denn psychologische Kriegsführung setzt an den Spaltpunkten der Gesellschaft an und versucht, diese zu vertiefen und zu polarisieren. Was passiert, wenn Gesellschaften sich polarisieren, hat besonders deutlich die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gezeigt, wo die rechtsextreme AfD 43,8 Prozent der Stimmen geholt hat.
Die AfD hat bei dieser Wahl genau von jenen gesellschaftlichen Konflikten profitiert, die seit Jahren von russischen Fake-Nachrichten-Seiten, Social-Media-Bots und sogar konkreten Sabotage-Aktionen, befeuert werden: zum Beispiel Themen wie Migration, Energiewende oder wirtschaftliche und soziale Sicherheit.
Das bedeutet nicht, dass die Partei nur aufgrund von Russlands Einfluss so viele Stimmen bekommen hat. Wie gesagt: Die meisten PsyOps (Psychological Operations) bestehen darin, bestehende Ängste oder politische Tendenzen in einer Gesellschaft weiter zu befeuern und deren Fronten zu verhärten. Aber Russland hat sich definitiv über das Wahlergebnis gefreut, wie unter anderem die Aussage von Putins Verhandler Kirill Dmitrijew zeigt, der den AfD-Erfolg schadenfroh als „Demütigung für die Regierungskoalition“ bezeichnete. Klar, freut sich die russische Seite über Aussagen wie die von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund am Wahlabend, das Ziel, die deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine zu stoppen, sei jetzt sogar gemeinsamer Nenner mit dem BSW für eine Koalition – jener Partei, deren Chefin Sarah Wagenknecht seit Jahren Putins verzerrte Narrative vertritt.
Natürlich gib es auch in der Ukraine potenzielle Spaltpunkte: Was in Unterstützer-Ländern wie Deutschland die Auseinandersetzungen über die Energiewende, innere Sicherheit oder Wirtschaft sind, ist in der Ukraine zum Beispiel die Debatte um die Mobilisierung. Aktuellen Umfragen nach besteht in der Gesellschaft ein hohes Misstrauen gegenüber der Mobilisierungsbehörde TZK. Zugleich registrierte das unabhängige ukrainische Analyse-Zentrum Ukrainian Security and Cooperation Centre (USCC) allein über einen Zeitraum von eineinhalb Monaten 1,6 Millionen Erwähnungen von 695.000 Autoren in Postings und Kommentaren, die die negative Wahrnehmung der Behörde weiter schüren sollen – sowohl durch die Weiterverbreitung realer Vorfälle, als auch durch Fake-Kommentare und -Videos. Ob und inwieweit das eine das andere verstärkt, lässt sich nicht mit Zahlen belegen. Fakt ist, dass Probleme bei der Mobilisierung kritisch wahrgenommen werden.
In der Ukraine ist nicht nur das Stresslevel höher als in Vergleichsländern, sondern auch das Level an Hoffnung.
Fakt ist aber auch, dass in der Ukraine trotz allem der gesamtgesellschaftliche Verteidigungswille weiterhin hoch bleibt. Laut Umfragen wollen derzeit 86 Prozent der Befragten weiterkämpfen, davon mehr als zwei Drittel „so lange wie nötig“.
Eine internationale Studie vom April letzten Jahres hat untersucht, wie sich der Krieg in der Ukraine auf die mentale Gesundheit von Menschen in der Ukraine und anderer, überwiegend angrenzender Länder auswirkt. Interessant ist: In der Ukraine ist nicht nur wie zu erwarten das Stresslevel höher als in den Vergleichsländern, sondern auch das Level an Hoffnung. Die Autoren erklären das mit einer Zunahme der nationalen Einheit und des Willens zur Selbstbestimmung, die gerade durch Russlands äußere Aggression verstärkt werden.
Vielleicht speist sich gerade daraus auch das verstärkte Bewusstsein für gesellschaftliche Zersetzungsversuche von außen im Alltag, denen man statt mit Empörung lieber mit kühlem Kopf und Humor begegnet.