Belarus – ein Land zwischen Nichtsein und Sein 

„Knoten der Hoffnung“ / Illustration © Antanina Slabodchykava   

Volha Hapeyeva, geboren 1982 in Minsk, ist eine der auch international bekanntesten belarussischen Dichterinnen und Autorinnen. Seit 2019 lebt sie nicht mehr in ihrer Heimat, sondern zieht von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Mittlerweile schreibt die vielfach ausgezeichnete Autorin nicht mehr nur auf Belarussisch, sondern auch auf Deutsch. Ihre Existenz im Exil bezeichnet sie als Nomadentum, das sie mit den Mitteln von Sprache, Poesie, und Prosa auslotet. Wörtern auf ihren Wesensgrund zu gehen und damit Fragen von Identität, Fremdbildern und Perspektiven zu erkunden, ist für die promovierte Linguistin das Leitmotiv ihrer Kunst. Zuletzt erschien von ihr Wörterbuch einer Nomadin (2026).

In ihrem Essay für unser Projekt mit der S. Fischer Stiftung Spurensuche in der Zukunft kreist Volha Hapeyeva um die Frage, inwieweit belarussische Identität im Exil nicht nur überleben kann, sondern auch die Grundlage für ein lebenswertes Morgen sein kann.


Time present and time past 
Are both perhaps present in time future, 
And time future contained in time past. 
                                                        
Jetzige Zeit und vergangene Zeit  
Sind vielleicht gegenwärtig in künftiger Zeit 
Und die zukünftige Zeit enthalten in der vergangenen.  

T. S. Eliot  (Übersetzt von Nora Wydenbruck)1

Stellen wir uns vor, wir würden für „gestern“ und „morgen“ ein und dasselbe Wort verwenden. Kompliziert? Seltsam? Nicht, wenn man Hindi spricht, denn in dieser Sprache ist es genau so: „kal“ (कल) bedeutet sowohl gestern als auch morgen. Nur an der Form des Verbs erkennt man, welches von beiden gemeint ist. Dieser Blick auf die Welt stellt das Jetzt scheinbar allem anderen gegenüber, nicht wie im Belarusischen oder Deutschen, wo wir die Zeit in drei Bestandteile zerlegen: was war, was ist und was sein wird. Das hinduistische Denken betrachtet Zeit (काल, kаal) als ewigen, unendlichen und transformativen Prozess, als fundamentalen Faktor von Schöpfung, Bewahrung und Zerstörung. Im Unterschied zum westlichen linearen Konzept ist die Zeit hier nicht linear, sondern zyklisch.

All das erzählt mir der Dichter Mohan Rana, der schon 40 Jahre in der Nähe von London lebt, aber nach wie vor ausschließlich auf Hindi schreibt. Ich bin Mohan noch nie begegnet, aber wir schreiben uns seit 2017 nahezu täglich. Er hatte irgendwo im Internet meine Gedichte gelesen und so von mir erfahren. In unseren Gesprächen geht es meist um Poesie, Planeten und Sterne, manchmal um die Pflanzen in unseren Gärten, um Rotkehlchen, Eichhörnchen und Tauben. Über Politik sprechen wir auch, aber selten und auf einer anderen Ebene – der Poesie nämlich, auch wenn das seltsam klingen mag. Kommt die Sprache auf Belarus, sind Mohans Worte voller Hoffnung, und dann werde auch ich ein wenig fröhlicher.

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist meist die Analyse eines Wortes oder einer grammatischen Kategorie, eine Beobachtung, wie wir über ein Objekt oder ein Phänomen sprechen. So hat es mich die Linguistik gelehrt, der ich zwanzig Lebensjahre gewidmet habe. Die Poesie, mit der ich seit der Kindheit lebe, hilft, empathisch auf die Welt und die Menschen einzugehen. In meinen Texten stütze ich mich auf diese beiden Pfeiler und denke dabei, ausgehend von der Sprache.

Hypothetischen Situationen und relativen Ordnungen gegenüber bin ich eher skeptisch eingestellt. Prognosen anzustellen und die Zukunft vorauszusagen, ist keine dankbare Beschäftigung, es gibt zu viele Variablen, vor allem, wenn es um das Schicksal eines Landes geht. Menschen, die Chinesisch sprechen, nehmen die Verbindung zwischen Zeit und physischem Raum anders wahr, als es in den westlichen Kulturen der Fall ist. Wenn sie mit Gesten die Zeit zeigen, weisen ihre Hände für die Vergangenheit nach vorn und für die Zukunft nach hinten. Auch in der Sprache des Andenvolkes der Aymara bezeichnen die Wörter, die das räumliche Verhältnis „vor“ und „hinter“ beschreiben, auch „vergangen“ und „folgend“ (so ist das vergangene Jahr „vor“ und das kommende Jahr „hinter“)2. Darin liegt durchaus ein Sinn, denn die Zukunft ist das, was wir nicht sehen können, das Verborgene, im Unterschied zur Vergangenheit, die wir kennen und die vor uns liegt. Wobei dies ein ideales Szenario ist, denn im Fall von Belarus und auch vieler anderer Länder ist die Vergangenheit gar nicht so sichtbar und bekannt.

Die Perspektive des Hindi kann in gewisser Weise helfen. Morgen ist eine Art des Gestern, kennt man Letzteres, kann man in die Zukunft sehen. Andererseits beginnt unsere Zukunft heute und was wir jetzt begründen, wird wachsen und zu unserem Morgen werden. 

Gestern 

Schon in meiner Kindheit bin ich viel gereist, zumal an Orte, die weit entfernt und ganz anders waren als Belarus: Kirgistan, Dagestan, Abchasien, Irland, Georgien, Deutschland. Ich verstand mich gut mit einem irischen Mädchen, obwohl mein Englisch noch sehr brüchig war, oder auch mit einem deutschen Opa, dessen Sprache ich überhaupt nicht beherrschte. Gleichzeitig war ich einem belarusischen Klassenkameraden mitunter völlig fremd, weil er mit seinen Ansichten irgendwo im Mittelalter stehengeblieben war. Als ich noch in Minsk lebte, fühlte ich mich, wie auch viele andere, nicht zu Hause. Ich befand mich in der inneren Emigration und versuchte, mein eigenes Land zu erschaffen, in dem ich mich wohl und sicher fühlte. Bis zu einem gewissen Grad und Moment gelang das auch. Existierte dieses Land, in dem ich leben wollte? Wohl kaum, aber immerhin existierte es in meiner Phantasie.

Belarusische Weihnachtspostkarten aus dem Verlag Baćkaŭščyna, München, 1950er Jahre / Quelle: Budzma

Ich war seit 2019 nicht mehr in Belarus, seit Ende 2020 lese ich keine Nachrichten mehr. Seitdem habe ich acht Mal in Österreich und Deutschland die Anschrift gewechselt, was ohne Zweifel Spuren im Weltbild und Verhältnis zum Universum hinterlässt. Diese nomadische Lebensform lehrte mich, den Moment zu schätzen und nie zu vergessen, dass nichts für immer ist. Jetzt lebe ich in München und hätte nie gedacht, dass sich in dieser Stadt und ihrer Umgebung belarusische Geschichte abspielte, dass hier in den 1950er Jahren belarusische Postkarten mit Gedichten von Kanstancyja Bujlo und Janka Kupala gedruckt wurden und antisowjetische Kundgebungen stattfanden.

Belarusen bei einer antisowjetischen Kundgebung in München, 1950er Jahre. Auf dem vorderen Plakat steht auf Belarusisch: „Es lebe das unabhängige Belarus!“ / © Das Foto wird mit Genehmigung der Francis Skaryna Belarusian Library and Museum in London veröffentlicht.

Eher zufällig stieß ich auf die Information, dass Vasil Bykaŭs Novelle Die Toten haben keine Schmerzen3 im Jahr 1965 in klassischer Taraschkewiza-Rechtschreibung in München herausgegeben worden war4. Das fand ich interessant, und so vertiefte ich mich in das Thema, fand Aleś Vinickis Monographie über die belarusische Emigration in Deutschland5, aus der ich erfuhr, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein großer Teil der Belarusinnen und Belarusen in der amerikanischen Besatzungszone strandete und damit auch in Bayern (München, Regensburg, Augsburg unter anderem). Es waren Kriegsgefangene, Ostarbeiter, aber auch Geflüchtete aus Belarus, die nicht in die UdSSR zurückkehren wollten. Sie lebten in Lagern für sogenannte Displaced Persons (DP). Bayern wurde zu einem der Zentren der belarusischen Emigration, besonders dank der amerikanischen Verwaltung, die bei Kultur und Selbstorganisation relativ freie Hand ließ. Vor 80 Jahren gab es hier um die Ecke also Grundschulen, Gymnasien und Lehrerseminare mit Belarusisch als Unterrichtssprache. Es erschienen belarusische Zeitungen (zum Beispiel Baćkaŭščyna) und Zeitschriften (zum Beispiel Šypšyna), die über das Leben in der Emigration informierten und das Nationalbewusstsein förderten. Es gab belarusische Theatergruppen, Chöre und Bibliotheken. Heute ist kaum etwas darüber bekannt, Informationen findet man nur mit Mühe.

Eine breite Öffentlichkeit in Belarus erfuhr erst nach der Erlangung der Unabhängigkeit, dass diese Exilliteratur existierte und das Leben der Landsleute auch in der Emigration weitergegangen war, wo sie Sprache und Kultur gepflegt hatten. Im Jahr 2020 schien sich die Geschichte dann zu wiederholen. Viele Menschen waren gezwungen, das Land zu verlassen und ein neues Leben im Ausland zu beginnen. Könnte es so kommen, dass unsere Landsleute in Belarus erst nach einem halben Jahrhundert von uns erfahren, von jenen, die nicht mehr im Land sind? Ich möchte daran glauben, dass die Welt heute eine andere ist: Durch das Internet sind wir weniger voneinander getrennt und es gibt noch die Möglichkeit, wenngleich eingeschränkt, das Land für Reisen zu verlassen.

Auch heute bin ich viel unterwegs, trete in verschiedenen Ländern auf, und ab und an begegne ich bei den Lesungen Nachkommen von belarusischen Familien, die im 19. oder 20. Jahrhundert emigriert sind. Ich freue mich jedes Mal, wenn sie auf mich zukommen und erzählen, wie sie selbst oder ihre Großeltern an diesen Ort gelangt sind. Es gibt mir ein Gefühl der Zugehörigkeit und zeigt einmal mehr, dass man auch tausende Kilometer von der Heimat entfernt Belarusin bleiben kann.

Belarusische Flüchtlinge in Deutschland, 1950er Jahre / © Das Foto wird mit Genehmigung der Francis Skaryna Belarusian Library and Museum in London veröffentlicht.

Belarus ist Europa

Als ich in einer belarusischen Rezension zu meinem Roman Samota Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber einmal las, er sei „europäisch“, klang das weniger nach einem Kompliment, als nach einem Makel. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, weil ich nicht verstand, was mir vorgeworfen wurde. Für mich war und ist Belarus immer ein Teil Europas. Schade, dass das für einige Belarusinnen und Belarusen nach wie vor eine ungeklärte Frage darstellt. Ja, wir haben unsere Besonderheiten, so wie jedes Land, aber das nimmt uns nicht die Zugehörigkeit zu Europa. Ein anderes Problem ist Westeuropa, das in Bezug auf die Gebiete im Osten und Süden des Kontinents häufig eine gewisse Unwissenheit in historischen Fragen offenbart. Oft beschränkt man sich auf die Zeit der Sowjetunion. Timothy Garton Ash stellt zutreffend fest: „Ein monolithisches Osteuropa hatte es nie gegeben, außer in den Köpfen der Menschen im Westen“6. Westeuropa ist stolz auf seine Demokratie, dabei wurde dieser Teil Europas erst vor gar nicht allzu langer Zeit (sogar nach menschlichem, nicht nach historischem Maßstab) „demokratisch“: Spanien und Portugal waren bis in die 1970er Jahre autoritäre Regimes. Belgien, Deutschland und Portugal hatten Kolonien, Frankreich, Großbritannien, Dänemark und die Niederlande zählen bis heute externe Territorien (ehemalige Kolonien) zu ihrem Staatsgebiet. Man sollte also nicht denken, dass Freiheit und Recht hier schon immer herrschten, zumal auch in diesen Staaten für sehr lange Zeit nur die privilegierte Gruppe der reichen, weißen Männer über Rechte verfügte.

Um Europa geografisch zu erfassen, muss man ein paar Anstrengungen unternehmen, sich für Geschichte interessieren, und zwar oft die inoffizielle Version, denn wenn ein Land sich in den Fängen anderer geopolitischer Großnachbarn befindet, ist es schwierig, ermüdend und häufig unmöglich, Zugang zu alternativen Quellen zu finden. Belarus ist hierfür ein gutes Beispiel.

Denkt man über Zeit und Europa nach, muss man auch erwähnen, dass die Zeit hier nicht gleichmäßig fortschreitet. Damit meine ich nicht die Zeitzonen, sondern das, was der deutsche Philosoph Ernst Bloch als „Ungleichzeitigkeit“ bezeichnet, wenn innerhalb eines historischen Momentums Elemente, soziale Gruppen und Strukturen koexistieren, die verschiedenen Epochen angehören. Irgendwo kann 1937 sein, und nur 1000 Kilometer weiter – 2026. Das Wort Nationalismus illustriert dieses Phänomen sehr gut. Für die Menschen in Westeuropa ist Nationalismus heute ein verpöntes Wort, das mit rechten Parteien assoziiert wird, weshalb man jedes Mal erklären muss, dass für die Staaten, die früher zur Sowjetunion gehörten, Nationalismus und Nationalgefühl das Einzige war, was den Erhalt des Nationalbewusstseins ermöglichte und ein Verschmelzen mit dem „Sowjetmenschen“ verhinderte, nur so konnte man das kulturelle Erbe und die Sprache bewahren, alles, was die Sowjets auf jede nur erdenkliche Weise vernichten und an die russische Kultur und Sprache angleichen wollten.

In einem persönlichen Gespräch nannte eine deutsche Freundin die Belarusen einmal „unsichtbar“, weil man nichts von ihnen höre, sie kämpften nicht für ihre Rechte. Es war schmerzhaft und unangenehm, das zu hören. Diese Sichtweise einer privilegierten westeuropäischen Person, die nicht für das Recht kämpfen musste, in ihrer eigenen Sprache schreiben zu dürfen, oder nie erklären musste, dass ihre Sprache kein Dialekt ist oder dass ihr Land eine lange Geschichte hat und sich durch mehr auszeichnet als die jahrzehntelange Zugehörigkeit zu einem Imperium. Die Sicht einer Person, die für eine Auslandsreise nicht jedes Mal ein Visum beantragen und in einem Gespräch die Bindung an die Heimat bezeugen muss (nämlich Ehemann, Kinder, feste Arbeit und Eigentum), wobei im Fall der Ermangelung dieser Attribute in den Augen der westeuropäischen Botschaften der Status als verdächtiges Element droht und die Chance auf ein Visum erlischt. Wie viele andere Belarusinnen und Belarusen musste ich das erleben. Es zeugt von mangelndem Verständnis der Situation, wenn eine Person, die in einer demokratischen Umgebung aufgewachsen ist, die Normen der demokratischen Gesellschaft auf eine Gesellschaft anzuwenden sucht, die unter den Bedingungen von Autokratie oder Diktatur gelebt hat. Erstens gibt es in Belarus niemanden mehr, der oder die auf die Straße gehen könnte, zweitens ist diese Form des Widerstandes für Demokratien gedacht, mit geschützten Bürgerrechten und funktionierender Rechtsprechung und Zivilgesellschaft. Dieselbe Freundin rügte mich, als sie von meinen Plänen erfuhr, in die USA zu reisen. In ihren Augen bin ich eine Verräterin, weil ich zu Trump fahre. Für mich ist es aber die Möglichkeit, mit eigenen Augen zu sehen, was jetzt in diesem Land geschieht, zu hören, was Studierende und Intellektuelle bewegt. Da ich selbst aus einem Land komme, das lange nur eingeschränkten Zugang zu Informationen und Menschen aus anderen Ländern hatte, verstehe ich, wie wertvoll und bedeutsam es ist, Orte zu besuchen, wo nicht alles super ist. Vermutlich äußerte man ähnliches Misstrauen gegenüber Amerikanern und Westeuropäern, die es im vergangenen Jahrhundert wagten, in die UdSSR zu reisen.

Was ist gestern, was ist morgen … Manchmal scheint es, die Geschichte spräche Hindi.

Morgen

Ich konnte mir nie vorstellen, in einer anderen als der belarusischen Sprache zu schreiben, es erschien mir unmöglich. Aber: Sag niemals nie. Seit 2019 ist Deutsch zu meiner zweiten Arbeitssprache geworden. Es ist ein interessantes linguistisches Experiment für mich und in gewisser Weise auch eine praktische Frage, da es an Übersetzer:innen aus dem Belarusischen mangelt. Also erweitere ich meinen literarischen Horizont, sehe dadurch die Besonderheiten der eigenen und der deutschen Sprache deutlicher, erkenne gewisse Grenzen von Sprache überhaupt und begeistere mich an der Virtuosität oder Vielgestaltigkeit verschiedener Sprachen – und dadurch auch Kulturen.

Meine belarusische Identität lebt nicht nur durch die Sprache in mir, sondern auch durch kulturelle Codes, die in der Mehrzahl aus literarischen Werken der Kindheit und aus dem Lehrplan erwachsen sind. Wenn ich an einer Kiefer vorbeispaziere, sage ich im Stillen „Die Kiefer am Weg“ oder „Wind in den Kiefern“7, wenn etwas wehtut, lächele ich und murmele „Tote haben keine Schmerzen“, und wenn ich versuche, im Münchener Archiv eine unleserliche Handschrift zu entziffern, denke ich an die Zeilen von Jakub Kolas: „ein solch Gekritzel mit dem Griffel, dass selbst der Hund es nicht entziffert“. So entsteht eine Erinnerungskette: Da ist die Großmutter, die mich für meine schiefe Handschrift tadelt und die Zeile aus dem Poem des Klassikers zitiert. Da stehen im Haus der Großeltern die gesammelten Werke der Schriftsteller hinter der Glastür des Bücherschrankes. Und da bin ich im Garten, betrachte, statt das Kürbisbeet zu jäten, einen blauen Schmetterling, der im Laub des Pflaumenbaums flattert und singe einen Vers von Bahdanovič: „Über der Kirsche weißem Flaum“. Aus diesem Grund ist Literatur nicht nur „schönes Schrifttum“, sondern auch etwas, das Teil unserer Identität wird und mit uns reist, um gegen das Gefühl von Einsamkeit und Isolation zu helfen.

Wenn ich mir also trotz allem einen möglichen Entwicklungspfad auszumalen versuche, und zwar einen, den ich nicht nur für Belarus, sondern für die ganze Welt sehen möchte, dann wäre es die Ökologie. Denkt dabei nicht gleich an Umweltschutz, ökologisches Denken betrifft mehr als nur die Natur im engen Wortsinn, es geht um Koexistenz, denn jede Existenz ist Koexistenz. Ein absolut unabhängiges Lebewesen gibt es nicht, wir alle sind symbiotische Systeme und voneinander abhängig. Vielleicht ist das Schädlichste, was die westeuropäische Epoche der Aufklärung gebracht hat, die Idee des eigenständigen Subjektes, das unabhängig von anderen existiert und von Geburt an weder der Sorge noch des Schutzes bedarf. Die ökologische Herangehensweise lehrt ein Zusammenzuleben, das sich selbst und anderen keinen Schaden zufügt. Selbst blühen und andere beim Blühen unterstützen – das ist eine nützliche Fertigkeit für das zukünftige ökologische Denken, Paradigma, den neuen Lebensstil. Ökologie hat auch mit Sprachen und Kulturen zu tun, mit Wirtschaft und Politik, mit zwischenmenschlichen Beziehungen – wo Toxizität und Vernichtung, Krieg und Hass herrschen, dort müssen sie, als etwas, das weder Existenz noch Koexistenz befördert, überwunden werden. Doch als wolle ich nicht an das Gute glauben, mache ich mir bewusst, dass die Menschheit nicht bereit ist, sich von den Kriegen zu befreien, dass bewaffnete Konflikte fortdauern, neue Tragödien und traumatisierte Generationen folgen werden. Es ist daher essenziell zu lernen, den tristen Gedanken nicht nachzugeben und nie zu vergessen, dass wir mit Optimismus und Humor, mit Anteilnahme und dem unsterblichen Sinn für das Schöne im Herzen uns und andere retten werden – ohne laute Parolen, einfach tätig und täglich, gestern, heute und morgen.


Anmerkung der Redaktion: 

Weißrussland oder Belarus? Belarussisch oder belarusisch? Die Belarus oder das Belarus? Nicht ganz leicht zu beantworten. Da es im Deutschen keine einheitlich kodifizierten Schreibweisen für diese Bezeichnungen und deren Adjektive gibt, überlassen wir es den Autorinnen und Autoren der Gnosen, welche Schreibweise sie verwenden. Die Schreibweise in redaktionellen Inhalten (wie Titel und Erklärtexte) wird von der dekoder-Redaktion verantwortet. 

  1. Dies sind die ersten Zeilen aus T. S. Eliots philosophischem Gedicht „Burnt Norton“, dem ersten Teil seiner berühmten „Vier Quartette“, das 1936 erschien. Die deutsche Übersetzung stammt von Nora Wydenbruck. T.S. Eliot: Vier Quartette ↩︎
  2. Gu, Y., Zheng, Y., & Swerts, M. (2016). Which is in front of Chinese people: Past or Future? A study on Chinese people’s space-time mapping. In A. Papafragou, D. Grodner, D. Mirman, & J. C. Trueswell (Eds.), Proceedings of the 38th annual conference of the cognitive science society (pp. 2603-2608). Austin, TX: Cognitive Science Society. https://doi.org/10.1111/cogs.12804  ↩︎
  3. Original: Mjortwym ne baliz, dt. Übertragung (aus dem Russischen) 1967 von Rolf Ulbrich. ↩︎
  4. Das Nachschlagewerk von Vitaut und Zora Kipel zum belarusischen Druck in der Emigration [Vitaŭt Kipieĺ, Zora Kipieĺ: Bielaruski i bielarusaviedny druk na Zachadzie. Bielaruski Instytut Navuki j Mastactva. Minsk, New York, 2003] gibt an, das Buch sei in Detroit erschienen. Das Buch, dessen Cover bei Wikipedia zu sehen ist und das sich in London befindet, sieht wie ein Nachdruck aus, in dem nur das Jahr angegeben ist. ↩︎
  5. Vinicki, Ales‘. Mataryjaly da historyi belaruskaj ėmihracyi ŭ njameččyne ŭ 1939-1951 hadoch. Seryja Biblijatėka belaruskaj dyjaspary. Los Angeles 1968, Mensk: Tėchnalohija, 1994. ↩︎
  6. Timothy Garton Ash, Europa. Eine persönliche Geschichte. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Hanser, 2023. S. 240-41. ↩︎
  7. Beides Romane von Ivan Navumenka, 1962/67. ↩︎