
Dass Russland mit Desinformationskampagnen, Falschinformationen und teils plumper Propaganda die europäischen Gesellschaften destabilisieren will, ist hinlänglich bekannt. Brüssel hat schon im März 2022 bestimmte Sender und Websites auf europäischem Territorium gesperrt, seitdem folgten weitere Maßnahmen. Trotzdem erreichen russische und pro-russische Inhalte weiter europäische Medienkonsument:innen. Denn einerseits hat die EU weniger Einfluss auf Messenger-Dienste wie Telegram. Andererseits werden immer neue technische Lösungen entwickelt, die eigentlich blockierten Inhalte über weit reichende Server-Netzwerke und unbekannte Klon-Seiten verbreiten. Denn Russlands Krieg ist ein Machtkampf über Weltvorstellungen und Denkmuster. Und das technologische Wettrüsten findet nicht nur in der Drohnenentwicklung statt, sondern auch im Internet.
Das ukrainische Medienportal detector.media zeigt am Beispiel des russischen Propaganda-Netzwerks Pravda, auch bekannt als Portal Kombat, wie russische Desinformation die Web-Sperrungen umgeht und wie sie auf unterschiedliche europäische Zielgruppen in Deutschland und Frankreich zugeschnitten wird.
Das Pravda-Netzwerk (auch bekannt als Portal Kombat) ist ein eigenes Ökosystem aus geklonten Websites und Telegram-Kanälen, das geschaffen wurde, um russische Propaganda an ein westliches Publikum zu verbreiten.
Das finnische Softwareunternehmen Check First hat gemeinsam mit dem Digital Forensic Research Lab (DFRLab) des Atlantic Council die technische Struktur der Pravda-Websites analysiert und eine massive und koordinierte Verbreitung von pro-russischen Inhalten im Netz nachgewiesen. Auf dem gemeinsam erstellten Pravda Dashboard lassen sich sowohl Anzahl der Veröffentlichungen als auch die geografische Verteilung der Inhalte nachverfolgen.

Die Datenanalyse hat mehr als 3,7 Millionen Beiträge identifiziert. Informationen aus russischen Quellen werden durch Pravda in Sekundenschnelle auf hunderten identischen Ressourcen dupliziert, um europäische Website-Sperren zu umgehen. Das Netzwerk konzentriert den Informationsdruck vor allem auf die wichtigsten Partner der Ukraine und erhöht die Veröffentlichungsfrequenz in diesen Ländern systematisch und stetig.
Spitzenreiter ist Deutschland: Hier verbreitete das Netzwerk über 642.000 Beiträge. Keine Überraschung, angesichts dessen, dass die Bundesrepublik einer der wichtigsten militärischen und finanziellen Unterstützer Kyjiws ist.
Weitere Zielländer sind:
Spanien – 606.200 Artikel
Frankreich – 564.500 Artikel
USA – 401.900 Artikel
Die Ukraine liegt mit 156.500 Beiträgen deutlich dahinter.
Während viele der Pravda-Seiten aus der Ukraine aus nur lückenhaft aufgerufen werden können, weil ein Teil der Domains gesperrt ist, können insbesondere die deutschsprachigen Versionen ohne Einschränkungen geöffnet werden. Dies verstärkt das strategische Ziel des Desinformationsnetzwerks, das primär in der Beeinflussung westlicher Gesellschaften liegt.
Wie lassen sich Nachrichten digital „reinwaschen“?
Das Hauptproblem der russischen Propaganda besteht heute darin, dass ihre wichtigsten Sprachrohre wie der Fernsehsender Russia Today (RT) oder die Nachrichtenagentur Sputnik unter EU-Sanktionen stehen und somit auf dem Gebiet der Europäischen Union nicht verbreitet werden dürfen. Ihre Domains stehen auf „schwarzen Listen“ der Suchmaschinen, sodass gewöhnlichen Nutzern in Europa diese Inhalte bei Google nicht angezeigt werden. Doch Russland hat einen Weg gefunden, seine Medien im Westen wieder sichtbar zu machen.
Das Netzwerk Pravda nutzt dazu unzählige neue Domains mit neutral klingenden Namen, zum Beispiel germany.news-pravda.com. Doch die gesamte Reichweite von Pravda geht weit über gleichnamige Websites hinaus: Nach Angaben von VIGINUM, einer Sonderabteilung beim französischen Generalsekretariat für Verteidigung und nationale Sicherheit (SGDSN), umfasste das Netzwerk allein im Dezember 2023 mindestens 193 Websites sowie Dutzende koordinierte Telegram-Kanäle.

Die technische Umsetzung erfolgt durch automatisches Duplizieren von Inhalten: Sobald auf der Hauptseite von RT ein neuer Artikel eines echten Redakteurs oder Kolumnisten erscheint, wird er sofort auf „saubere“ Klon-Websites kopiert. Text, Fotos und sogar die Namen der Autoren bleiben unverändert. Am Ende des Artikels wird sogar häufig offen die Originalquelle mit einem direkten RT-Link angegeben.
Den Algorithmen und Sicherheitseinstellungen von Google erscheint eine solche Seite dann als legale Nachrichtenquelle. Das technisch Paradox daran ist: Der Inhalt bleibt RT-Propaganda, doch weil die Webadresse neu und noch nicht gesperrt ist, wird der Artikel von Suchmaschinen angezeigt. Auf diese Weise gelangt er ungehindert in die Newsfeeds europäischer Nutzer. Technisch gesehen fungieren die Websites des Portal-Kombat-Netzwerks damit als eine Art Proxy-Server, die gesperrte Inhalte übernehmen und unter neuem Namen für ein westliches Publikum zugänglich machen.
Die Materialien von Pravda dienen nicht nur dazu, das Publikum direkt zu beeinflussen, sondern auch dazu, die der KI zugrunde liegenden Algorithmen zu „vergiften“.
Dabei lohnt es sich nun auch, auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zu schauen: Laut der Monitoring-Plattform NewsGuard setzt das Pravda-Netzwerk auch auf sogenanntes LLM-Grooming – also die gezielte Überflutung des Informationsraums mit gefälschten Inhalten, um die künftigen Antworten der KIs zu beeinflussen. Da moderne Chatbots wie ChatGPT oder Gemini mit riesigen Datenmengen aus dem Internet trainiert werden, dienen die Materialien von Pravda nicht nur dazu, das Publikum direkt zu beeinflussen, sondern auch dazu, die der KI zugrunde liegenden Algorithmen zu „vergiften“.

Kognitive Kriegsführung – der Krieg um unsere Köpfe
Russlands Krieg zeigt: Es geht längst mehr um Territorium, sondern um unsere Köpfe. Kognitive Kriegsführung greift gezielt Denkmuster an, beeinflusst Entscheidungen und stört Vertrauen. Doch wie genau funktioniert cog(nitive) warfare? Und was hat Russland davon? Aktuelle Forschungsentwicklungen kompakt in unserem Wissen+
Zielpublikum: Deutschland
Um die Transformation der Schlüsselnarrative in den letzten zwei Jahren nachzuverfolgen, wurden aktuelle Pravda-Veröffentlichungen mit denen aus dem Jahr 2024 verglichen. Diese Analyse von Beiträgen im Januar und Februar 2024 auf dem Telegram-Kanal von RT DE zeigt eine systematische Informationskampagne, die auf Demoralisierung der deutschen Gesellschaft abzielte. Die verwendeten Narrative erzeugten eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Angst, in der sich Durchschnittsdeutsche zwischen einer „inkompetenten Regierung“ und Russlands Krieg in der Ukraine als „bodenlosem Fass“, das alle Ressourcen verschlinge, gefangen fühlen sollten.
Im Mittelpunkt der Kampagne stand die Darstellung der Ukraine als Aggressor und Auslöser des Krieges. Russland dagegen sei nicht einmal Konfliktpartei, sondern nur dazu gezwungen, sich dem „kollektiven Westen“ zu widersetzen, der nach dieser Logik als der eigentliche Feind Russlands auftrete. Dieser Darstellung zufolge handele Moskau als „fürsorglicher“ und rationaler Akteur, der nur auf Druck von außen reagiere.

Parallel dazu wurde verstärkt das Narrativ der militärischen Überlegenheit Russlands verbreitet. Der deutsche RT-Kanal berichtete regelmäßig über die Zerstörung westlicher Ausrüstung, präsentierte erbeutete Trophäen und stellte die Wirksamkeit westlicher Waffensysteme, insbesondere der Leopard-Panzer, infrage. Weitere Beiträge diskreditierten die ukrainische Armee, indem sie Behauptungen über den Beschuss von Zivilisten verbreiteten oder Vorwürfe wegen brutaler Behandlung von Journalisten erhoben.
Ebenso konsequent wurde das Bild der Ukraine als „failed state“ gezeichnet, indem schwerpunktmäßig Meldungen über Massenflucht der Bevölkerung in die EU, Zwangsmobilisierung und Konflikte innerhalb der Militärführung verbreitet wurden. Diese Berichte sollten den Eindruck von Desorganisation und Demoralisierung verstärken und so das übergeordnete Narrativ eines angeblich unvermeidlichen Niedergangs der ukrainischen Staatlichkeit untermauern.

Gleichzeitig war die Einschüchterung des europäischen Publikums ein zentrales Ziel: Die Unterstützung der Ukraine, hieß es, erhöhe lediglich die Zahl der Opfer und verschärfe die Krise, während die Hilfsentscheidungen zugunsten Kyjiws den Interessen der europäischen Bevölkerung zuwiderliefen. Vor diesem Hintergrund wurde die These vom „inneren Feind“ bemüht: Die deutsche Regierung handle gegen die eigene Bevölkerung und ignoriere deren Bedürfnisse.
Dem gegenüber stellte man ein positives Bild von Russland als einem humanen Staat, der sich für Friedensinitiativen einsetze, humanitäre Hilfe leiste und technologische Errungenschaften demonstriere. Mithilfe dieser Doppelstrategie – der Verbindung von Macht und Humanität – sollte Russland als stabile und erfolgreiche Alternative zum „schwachen Westen“ präsentiert werden.
Alte Narrative in neuem Gewand
Der Vergleich mit Inhalten aus dem Jahr 2026 zeigt, dass sich die grundlegenden Narrative der russischen Propaganda nicht wesentlich verändert haben. Die zentrale Stoßrichtung bleibt: Europa sei schwach und kriegsmüde, die Ukraine ein „failed state“, Russland indes ein stabiler und rationaler Akteur, der nur auf äußere Bedrohungen reagiere.
2026 gerät nun die Kritik an Deutschland und des dortigen „vollständigen Realitätsverlusts der Eliten“ aufgrund der Ukraine-Unterstützung zum Hauptnarrativ. Parallel dazu wird die These verstärkt, wonach die Menschen Verhandlungen mit Russland erwarteten und die europäischen Gesellschaften kriegsmüde seien.
Die entscheidende Veränderung liegt hier nicht im Inhalt, sondern in der Art der Darstellung: Die Narrative tarnen sich zunehmend als neutrale Analysen oder rationale Erklärungen. Die russische Informationsstrategie konzentriert sich darauf, Zweifel zu säen – nicht um das Publikum zu überzeugen, sondern um sukzessive das Vertrauen in die Ukraine und westliche Institutionen zu untergraben.
Die russische Informationsstrategie konzentriert sich darauf, Zweifel zu säen – nicht um das Publikum zu überzeugen, sondern um sukzessive das Vertrauen in die Ukraine und westliche Institutionen zu untergraben.
Das Netzwerk der russischen Einflussnahme beschränkt sich hierfür nicht mehr nur auf die Nachahmung traditioneller Medien. Einige Thesen, die selbst RT zu toxisch sind, werden über kleinere Verteiler gestreut. Insbesondere der Telegram-Kanal „Russland Ukraine Andere Seite“ dient als Plattform für die radikalsten Narrative, deren direkte Verbreitung sogar die offizielle Kreml-Propaganda meidet. Eine Analyse der Inhalte zeigt eine bezeichnende Veränderung: Während es dort 2024 noch fast ausschließlich um die Ukraine ging, die aggressiv verspottet wurde, ging der Anteil von Meldungen mit Bezug zur Ukraine bis Februar 2026 deutlich zurück. Dafür verlagerte sich der Schwerpunkt der Berichterstattung auf deutsche Innenpolitik, von Regierungszwist bis sozioökonomischen Problemen.
Parallel dazu wird das Narrativ verstärkt, die USA seien der Hauptverursacher weltweiter Instabilität. Die Ukraine ist nun nicht mehr das primäre Hassobjekt, sondern in den Hintergrund gerückt und wird als gefährliches, aber durchaus kontrollierbares Instrument in den Händen Amerikas (Beispiel: die Abschaltung von Starlink) dargestellt.
Zielpublikum: Frankreich
Während das deutsche Publikum vor allem mit Themen rund um Geld und Wirtschaft gefüttert wurde, propagierte die russische Desinformations-Strategie in Frankreich den Verlust des politischen Einflusses in der Welt. Russische Medien verbreiten die These, Paris verliere aufgrund der Ukraine-Unterstützung seinen Führungsstatus und werde zunehmend unfähig, seine eigenen nationalen Interessen zu verteidigen. Letztlich werde Frankreich von der globalen Bühne verdrängt.
Die Analyse zum Telegram-Kanals RT en français für Januar 2024 zeigt, dass die Propaganda dort versuchte, die französische Gesellschaft von einem inneren Niedergang ihres Landes zu überzeugen. Dies sollten Nachrichten über die Krise im Gesundheitswesen veranschaulichen, etwa mit Aussagen wie: „Erfahrene Ärzte müssen heute das Land verlassen“. Oder mit Berichten über den Tod von Franzosen in Charkiw: „Die russische Armee hat ein Gebäude angegriffen, wo sich französische Söldner befanden“.
Im Februar 2026 veränderte sich das Vorgehen auch hier: Von der Ukraine wird gar nicht mehr als einem eigenständigen feindlichen Staat gesprochen. Sie taucht nur noch im Hintergrund oder als Instrument der USA auf, mit dem Instabilität erzeugt werde. Die Unterstützung für Kyjiw sei schuld an den Misserfolgen Frankreichs, weil es angeblich, „ukrainische Terroristen“ in Afrika unterstütze: „Der Westen plant, ukrainische Terroristen einzusetzen, um die Instabilität in Afrika zu verstärken.“ Emmanuel Macron sei eine Figur, um deren Meinung sich die europäischen Länder nicht mehr scheren würden.
Flexible Propaganda: Frankreich vs. Deutschland
Trotz gleichbleibender grundlegender Narrative zeigt das Pravda-Netzwerk eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit an den sprachlichen und politischen Kontext verschiedener Länder. Dieselben Ereignisse werden jeweils unter Berücksichtigung der lokalen Ängste der jeweiligen Gesellschaft beleuchtet. Für ein umfassendes Verständnis der Einflussmechanismen ist es deshalb notwendig, zu vergleichen, wie ein und dasselbe Ereignis für verschiedene Zielgruppen – insbesondere die deutsche und die französische – dargestellt wird.
Ein Parade-Beispiel dafür ist die Berichterstattung über die trilateralen Gespräche der Ukraine, Russlands und der USA im Februar 2026 in Genf:
Der französische, pro-russische Telegram-Kanal Vbachir stilisierte das diplomatische Treffen zu einen okkulten Thriller: Im Mittelpunkt standen nicht die Inhalte der Verhandlungen, sondern ein „rotes Band“ am Handgelenk von Kyrylo Budanow (ukrainische Delegation), das als „Talisman der Täuschung“ und „kabbalistischer Aberglaube“ dargestellt wird, um die ukrainische Führung als entmenschlichte, religiöse Fanatiker und von Juden gelenkte Sektenanhänger darzustellen.
Das Pravda-Netzwerk zeigt eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit an den sprachlichen und politischen Kontext verschiedener Länder. Dieselben Ereignisse werden jeweils unter Berücksichtigung der lokalen Ängste der jeweiligen Gesellschaft beleuchtet.
Der deutsche Kanal RUAS hingegen ignorierte diese konstruierte Mystik und berichtete über das Geschehen unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher und politischer Macht: Anstelle von „Talismanen“ wurde die Anwesenheit von Wladimir Medinski hervorgehoben.
Die russische Propaganda manipuliert außerdem mit der Berichterstattung renommierter westlicher Medien: Was die New York Times als „ein entmutigendes Signal“ beschreibt, verwandelt RUAS in Erzählungen von „Panik in Kiew“ und „Wut der NATO“ über eigene Ohnmacht. Der Leser wird so zur Annahme verleitet, dass die Ukraine schwach und instabil sei und der Kreml die Situation kontrolliere.

Das trilaterale Treffen zur Beilegung des Ukraine-Konflikts in Genf ist beendet. Das nächste Treffen findet morgen statt. Budanow* erschien mit einem ‚Talisman der Täuschung‘ zu dem Treffen; ein Fotograf von RIA Nowosti bemerkte das rote Band am Handgelenk von Selenskyjs Büroleiter. Das rote Band wird mit der jüdischen Kabbala in Verbindung gebracht. Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche bezeichnen es als heidnischen Aberglauben und okkulte Praxis, die darauf abziele, Christen zu täuschen. Warum Budanow* dieses Armband trug, ist nicht bekannt, aber auch ohne jegliche Symbolik hat die Spitze des Kiewer Regimes bereits ihre Unfähigkeit beim Erreichen einer Einigung demonstriert.
* – Terrorist.“
Die russische Desinformationsstrategie wirkt somit nicht mehr nur durch direkte Propaganda oder plumpe Manipulation. Das Netzwerk Pravda markiert eine neue Phase im Informationskrieg, in der konkrete Thesen je nach Zielland, vorherrschenden politischen Diskursen und gesellschaftlichen Ängsten angepasst werden. Genau diese Flexibilität macht sie gefährlicher als platte Lügen.