
Über Jahre mussten sich Ukrainer:innen, denen nach einer Verwundung im Krieg Körperteile amputiert wurden, im fernen und teuren Ausland nach qualitativ hochwertigen und modernen Prothesen umsehen. Doch Kosten, Technologien und Wartezeiten passen nicht zum schnelllebigen ukrainischen Kriegsalltag und dem steigenden Bedarf.
Denn der moderne Drohnenkrieg verändert das Spektrum der Kriegsverletzungen für Militär und Zivilbevölkerung. Während Verwundungen für Soldat:innen an der Front häufiger tödlich sind, steigen die Zahlen der Verletzten durch Luftangriffe im Hinterland. Das Geschäft mit Prothesen boomt, wie im vergangenen Jahr auch der Skandal um den Börsengang des deutschen Herstellers Ottobock zeigte, der sowohl in die Ukraine als auch nach Russland liefert.
In der Ukraine entstehen nun mit der Zeit und oft ausländischer Unterstützung immer mehr auf Prothesierung spezialisierte Medizinzentren, zum Beispiel Superhumans, Human Titans und der Reha-Campus Unbroken. In Kyjiw wird ein kommunales Prothesenzentrum unterstützt vom Berliner Hilfsprojekt Life Bridge Ukraine.
Ebenfalls in der ukrainischen Hauptstadt eröffnete 2025 ein Ableger des US-amerikanischen Medical Center Orthotics & Prosthetics, das zuvor schon ukrainische Patient:innen in Washington behandelte. Das ukrainische Kriegsreportagen-Portal Frontliner stellt Patienten und Mitarbeitende des MCOP vor und zeigt, wie sich hier amerikanische und ukrainische Expertise verbinden.
Olexandr Tschaika: „In der Ukraine winkten alle ab“

Olexandr Tschaika war einer der ersten Patienten des Medical Center Orthotics & Prosthetics (MCOP). Vor der Vollinvasion machte er 13 Jahre lang Akrobatik und Parkour. 2022 meldete er sich freiwillig zur Armee. Noch im selben Jahr wurde er in Popasna (Oblast Luhansk) verwundet, als ein Panzergeschoss in seinem Unterstand einschlug. Doch wie durch ein Wunder detonierte das Geschoss an seinem Bein nicht.
Das Schwierigste für Olexandr war nicht die Amputation selbst, sondern die Bemühungen um Hilfe danach: „In der Ukraine winkten alle ab. Sie sagten, dass ich mit meiner Verletzung keine Prothese bekommen könnte, sondern bis zum Ende meines Lebens im Rollstuhl sitzen müsste. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, dass die staatliche Behandlungspauschale für meine Amputationshöhe geringer ist als für Amputationen mit tieferer Amputationshöhe. Die Prothesenbauer wollten einfach keine Verantwortung für einen Worst-Case übernehmen.“
Schließlich bekam er Hilfe durch die Stiftung Future for Ukraine und lernte Michael Corcoran kennen, den Leiter des amerikanischen MCOP. Als Michael die Aufnahmen von Olexandrs Bein sah, urteilte er knapp: „Der Mann wird wieder laufen können wie früher.“ In Washington erhielt Olexandr dann nicht nur eine Prothese, sondern überraschte die amerikanischen Spezialisten auch mit seinem Reha-Tempo. Während andere Monate brauchten, um sich einzugewöhnen, machte Olexandr bereits am ersten Tag sichere Schritte.


Bei seinem zweiten Besuch in den USA erhielt er ein Power-Knee – ein komplexes, neues Modell im Wert von rund 80.000 Dollar. Der Mechanismus der Prothese ist mit künstlicher Intelligenz ausgestattet: Sie „schwingt“ das Bein selbstständig nach vorne, was bei einer hohen Amputation, bei der es keinen eigenen Oberschenkelstumpf mehr gibt, von entscheidender Bedeutung ist. Einstellungen von der Schrittgeschwindigkeit bis zur Dämpfung lassen sich direkt über das Smartphone steuern.
Heute unterrichtet Olexandr Kinder in Akrobatik. Der Veteran sagt, dass die Kleinen ganz normal auf seine Prothese reagierten und ihn einfach Lehrer mit „Roboterbein“ nennen. Bei Erwachsenen bemerke er häufiger eine gewisse Unsicherheit: „Die Kinder nehmen mich nicht als irgendwie ‚anders‘ wahr. Aber Erwachsene sind zunächst manchmal wie gelähmt. Es kommt vor, dass sich ein Taxifahrer während der Fahrt normal mit mir unterhält, aber beim Blick auf meine Prothese erstarrt. Er sucht dann nach Worten oder sein Tonfall ändert sich. Ich lächle einfach darüber hinweg, denn ich bin ja immer noch derselbe Mensch, der ins Auto gestiegen ist.“
Ins MCOP-Zentrum kommt Olexandr nicht nur zur Wartung seiner Prothese, sondern auch, um seine Kameraden zu motivieren. Er möchte Veteranen auf ihrem Weg der Rehabilitation unterstützen und der Gesellschaft zeigen, dass man nach einer Verwundung kein Mitleid braucht. „Wenn ich auch nur ein oder zwei Kameraden dabei helfen kann, habe ich mein Leben nicht umsonst gelebt“, fasst Olexandr zusammen.
Iwan Mussijenko: „Die Leute hier wissen, was zu tun ist“

Im Nebenraum nimmt Iwan Mussijenko konzentriert Gegenstände vom Tisch und legt sie in eine Schale. Diese Übung, die normalerweise Kinder im Kindergarten machen, ist für jemanden mit einer bionischen Handprothese keine leichte Aufgabe. Gerade hat er Ergotherapie und lernt ganz neu, alltägliche Aufgaben mit seiner Prothese zu bewältigen. Manche Dinge wird er wohl nie wieder tun können, zum Beispiel Schnürsenkel binden oder Knöpfe und Reißverschlüsse schließen. An die neue Prothese muss er sich erst noch gewöhnen, und das gelingt am besten unter fachkundiger Anleitung.
Iwan diente als Kampfmittelbeseitiger in der Armee. Am 24. Juni 2024 erlitt er bei einem Luftangriff schwere Verletzungen, wodurch er beide Hände verlor. Während Iwan noch auf den Intensivstationen in Charkiw und in Kyjiw um sein Leben kämpfte, machte sich seine Freundin bereits auf die Suche nach Prothesenversorgung in Europa.
Drei Monate durchlief er eine Reha in den Niederlanden. Dabei stieß er auf ein für ihn unerwartetes Problem: Das europäische System erwies sich als zu langsam. „Das Zentrum dort ist nicht auf junge Soldaten ausgerichtet. Da sind überwiegend ältere Menschen, bei denen alles gemächlich abläuft. Mir war es zu ruhig und langweilig. Ich habe monatelang auf eine Prothese gewartet.“


Die größte Enttäuschung war jedoch die Technologie selbst: Die Prothese, die Iwan im Ausland bekam, erwies sich als veraltet: „Als ich meine Prothese hier im MCOP zeigte, sagten sie mir, dass die vielleicht noch vor 15 Jahren top gewesen war.“
Seine neue Prothese wurde bereits in der Ukraine angepasst. Ihr größter Vorteil: Sie lässt sich über eine App steuern. „Die Benutzeroberfläche ist wirklich toll und sogar auf Ukrainisch verfügbar. Die App der vorherigen Prothese stürzte ständig ab und war nicht für die Android-Nutzung optimiert. Jetzt schalte ich einfach Bluetooth ein, verbinde die Hand und sehe alles auf einen Blick: welche Griffart gerade eingestellt ist und wie man sie ändern kann. Man kann einstellen, wie stark sie greift, und die Empfindlichkeit der Sensoren anpassen. Das ist ein riesiger Vorteil.“
Iwan betont die im Vergleich schnelle Prothesenversorgung beim MCOP: „Hier geht alles schnell. Ich komme her, mache was nötig ist, und bin wieder weg. Die Leute hier wissen, was zu tun ist.“
Anatolii Kyrda: „Ich habe meinen Platz gefunden“

Veteranen, die eine Prothese im MCOP bekommen, bleiben später oft hier, um zu arbeiten und anderen zu helfen. Einer von ihnen ist Anatolii Kyrda, der nun als leitender Techniker des Zentrums tätig ist. Alle Schritte der Prothesenherstellung unterliegen seiner Kontrolle: von der Maßabnahme bis zur Anfertigung des Prüfschafts.
Arbeit wird es wohl leider bis zum Ende meines Lebens geben, deshalb habe ich mich ohne zu zögern für diesen Weg entschieden
Anatolii Kyrda
Vor Beginn der Vollinvasion war er Matrose bei internationalen Unternehmen, sodass er die meiste Zeit im Ausland verbrachte. Nach dem Überfall kehrte er in die Ukraine zurück und meldete sich zum Militärdienst. Zunächst kämpfte er in der Region Kyjiw, später dann im Osten, wo er verwundet wurde.
Nach der Amputation durchlief er die Prothesenversorgung und erhielt das Jobangebot. Die Entscheidung sei ihm leichtgefallen, denn eine Rückkehr zu seiner früheren Tätigkeit war nicht mehr möglich. Außerdem gab ihm die neue Arbeit das Gefühl, wieder nützlich zu sein. Für die Ausbildung ging er in die USA, wo er mit erfahrenen Fachleuten zusammenarbeitete und alles direkt in der Praxis lernte. „Arbeit wird es wohl leider bis zum Ende meines Lebens geben, deshalb habe ich mich ohne zu zögern für diesen Weg entschieden, um den Jungs dabei zu helfen, in ihr gewohntes Leben zurückzukehren“, sagt Anatolii.




Expertise der US-Prothesenbauer
Neben dem ukrainischen Team kommen auch amerikanische Spezialisten ins Prothesenzentrum. Schon seit über 20 Jahren unterstützen sie US-Soldaten bei der Rehabilitation. Ihre Aufgabe ist es heute nicht nur, ukrainische Patienten mit hochwertigen Prothesen zu versorgen, sondern auch ukrainische Physiotherapeuten und Orthopädietechniker in modernen Arbeitsmethoden zu schulen. Ihr besonderes Augenmerk liegt darauf, das gesamte Team in die Arbeit einzubeziehen: Physiotherapeuten und Orthopädietechniker arbeiten in jeder Phase zusammen, was den Prozess beschleunigt.
Aaron MacDonald ist am MCOP-Zentrum für die Schulung der Orthopädietechniker verantwortlich. Er sammelte Arbeitserfahrung in Militärkrankenhäusern im Irak, wo er lernte, schnell und effektiv Prothesen anzupassen. Seiner Meinung nach sind die ukrainischen Veteranen ähnlich motiviert wie die amerikanischen: „Alle sind aktiv und sehr entschlossen, wieder ein vollwertiges Leben zu führen. Ich bringe ihnen alles von A bis Z bei und zeige in der Praxis, wie man was macht. Das kann man nicht in einem Buch nachlesen, man muss sehen, wie es gemacht wird.“

Michael Corcoran, Mitbegründer und Geschäftsführer von MCOP in den USA, ist seit 30 Jahren Orthopädietechniker. Ihm zufolge hat sich die moderne Prothetik in den letzten 20 Jahren erheblich verändert: Die Kriege im Irak und in Afghanistan hätten die Entwicklung neuester Technologien wie mikroprozessorgesteuerter Kniegelenke und Karbonfüße vorangetrieben. Dank innovativerer Technik und Fachwissen erweiterten sich die Behandlungsoptionen stetig.
Ukrainische Soldaten mit Handamputationen betonten auch, wie wichtig die Entwicklung mechanischer Fingerprothesen ist. Doch im Rahmen der ukrainischen Prothesenprogramme sind diese bislang kaum verfügbar. Ihre Herstellung erfordert Spezialgeräte und besonderes Silikon. Das MCOP arbeitet nun daran, auch diese vor Ort anzufertigen.

US-Prothesenbau in Kyjiw
Das Medical Center Orthotics & Prosthetics Ukraine begann seine Arbeit in zwei Schritten: Im Frühjahr 2025 wurden das Team und die internen Abläufe aufgebaut. Außerdem wurden in dieser Zeit die Mitarbeiter des Zentrums nach amerikanischen Anforderungen geschult und versorgten gleichzeitig die ersten Patienten mit Beinamputationen.
Seit November 2025 ist das Zentrum für Patienten geöffnet. Dank staatlicher Förderprogramme und Zuschüsse können Veteranen auch hier Prothesen kostenlos erhalten. Um die Patienten kümmert sich dann ein großes Team aus Orthopädietechnikern, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten. Sie bekommen nicht nur eine Prothese, sondern auch Trainings – um zu laufen, alltägliche Aufgaben zu erledigen und wieder körperlich aktiv zu sein.
Derzeit werden im Zentrum mehr als 150 Patienten gleichzeitig betreut, täglich finden bis zu zehn Beratungen statt. In einfachen Fällen kann bereits am nächsten Tag mit der Prothesenversorgung begonnen werden, in komplexeren Fällen muss man bis zu einem Monat warten.
Die US-Experten planen auch weiterhin regelmäßige Besuche in Kyjiw, um das Team zu schulen, Abläufe zu optimieren und die neuesten Methoden der Prothesenversorgung vorzustellen. Geschäftsführer Corcoran liegt die Arbeit mit den ukrainischen Soldaten besonders am Herzen, er bewundert ihren Mut und ihre Hingabe: „Wir hassen die Russen. Sie haben euer Land überfallen, sie töten eure Landsleute, und ihr leistet unglaublich heftigen Widerstand. Wenn wir helfen können, sind wir für euch da.“