Das Dorf als immaterielles Kulturerbe in Belarus

„Knoten der Hoffnung“ / Illustration © Antanina Slabodchykava

15 Jahre hat Volha Kaściuk nicht geschrieben. 2005 hatte sie an einer an einer Masterclass des russischen Poeten Sergej Gandlewski teilgenommen, bei dem ihre Lyrik scharfe Kritik erfahren habe, sagt sie in einem Interview mit dem Online-Portal Nasha Niva. Stattdessen verschlug es sie nach Goa, wo sie einen Neuseeländer traf, der schließlich ihr Ehemann wurde. Seit 2016 lebt sie mit ihrer Familie in Aotearoa, wie die Maori den Inselstaat im Pazifik nennen. Die Massenproteste in ihrer Heimat im Jahr 2020 brachten sie zurück zum Schreiben. „Die Ereignisse in Belarus trieben mich um”, sagt sie. „Deshalb begann ich, diese Geschichten zu schreiben, weil ich die Situation auf keine andere Weise unterstützen konnte. Ich war ja nicht in Belarus, ich konnte nicht auf die Straße gehen.” So entstand ihr Prosadebüt Eichenäpfel (russ. Dubowyje jablotschkі), das sie auf Russisch und Belarusisch schrieb. Es erschien 2025.

In ihrem Essay für unser Projekt mit der S. Fischer Stiftung Spurensuche in der Zukunft macht sich Volha Kaściuk auf die Suche nach ihren Ursprüngen in dem Dorf, wo sie aufwuchs. So stellt sie sich auch dem Gefühl der Scham, das sie als Kind vom Dorf lange begleitete – obwohl die belarusische Kultur sozusagen aus dem Dörflichen geboren wurde.


Ich bin hier geboren. Auf dem Dorf. In Polesien. Früher war es peinlich zuzugeben, dass man vom Dorf kommt. Noch heute schreiben einige meiner Klassenkameraden in den sozialen Netzwerken, sie kämen aus Pinsk oder Slonim, manche sogar ganz dreist: aus Brest. Dass mein Dorf ziemlich unansehnlich war, förderte die Akzeptanz der dörflichen Identität auch nicht gerade. Bei uns gab es keinen Wald, keinen Fluss, keinen See, die Leute sprachen einen bizarren Dialekt und das traditionelle Gericht war Kryschany, eine wässrige Suppe mit Kartoffelstückchen und gebratenem Speck. Andere Dörfer waren da besser aufgestellt: Bei meiner Oma mütterlicherseits gab es eine riesige Sowchose mit Obstplantagen und sogar eine Weinfabrik, das Heimatdorf meiner Oma väterlicherseits war ein sagenhafter Fleck auf der Landkarte des Gebietes Hrodna: Alle sprachen Belarusisch, ganz in der Nähe war eine Kleinstadt und in der Gegend lebte ein Haufen Verwandter, von denen ich die meisten nie kennengelernt habe. Mein Radtschyzk dagegen war fast völlig verloren, ein Dorf, aus dem man so schnell wie möglich abhauen wollte. Ich weiß noch, wie ich früher mal Kartoffeln schälte fürs Abendessen. Ich schälte wie ein Kind: grob schnitt ich die Schale mit dem Messer herunter, und mit ihr für Dorfverhältnisse riesige Stücke von der Kartoffel. Als meine Mutter dieser Verluste gewahr wurde, schrie sie auf: „In der Stadt schält niemand so Kartoffeln!“ Und ich erschrak unheimlich, weil ich wegen dieser dicken Schalen den Traum vom Leben in einer Stadtwohnung mit Toilette und heißem Wasser für immer den Bach runtergehen sah.

An der Universität war ich eine der zwei Studentinnen meiner Gruppe, die offen zugaben, vom Dorf zu sein. Heute denke ich, dass es wahrscheinlich viele Kommilitoninnen gab, die ihre schändliche dörfliche Herkunft nicht offenbarten, und ich verstehe sie: Vom Dorf zu sein bedeutete, niedriger, schwächer, sogar ein bisschen beschränkt zu sein. Natürlich schämte auch ich mich Ende der 1990er, vom Dorf zu kommen, aber noch mehr schämte ich mich zu lügen, denn die Oma hatte immer gesagt, Gott liebe die Wahrheit. Deshalb schien mir, ich müsse nur einmal dieses Coming-out haben: „Ich komme vom Dorf!“ – und könne danach schon mein normales Leben leben. Damals litt ich unheimlich darunter, nicht in der Stadt geboren zu sein. Wie ein Filmstill ist mir im Gedächtnis geblieben, wie ich in der Dusche, die sich zwei Wohnheimzimmer teilten, nach dem Basketball-Training stumm heulte, warum ich nicht in Minsk geboren war und warum meine Eltern mich nicht mit neun Jahren zum Basketball geschickt hatten, so wie die anderen, gegen die ich hier spielte. Es war ein Weinen über verlorene Möglichkeiten: nicht gewonnene Olympiaden in belarusischer Geschichte, nicht gekaufte Jeans, die nicht gelesenen Bücher aus der Stadtbibliothek, das nicht gelernte Englisch, die nicht gegessenen Punschtörtchen „Bulba”.

Vielleicht kein Stolz, aber eine Art Freude, ein Dorfkind zu sein, erwachte in mir, als ich nach dem Studium nach Moskau abgehauen war, wo ich der belarusischen Tradition entsprechend hauptsächlich unsichtbar sein wollte, abwesend, inexistent. Auf die Frage „Woher kommst du?“ antwortete ich dort: „Aus Belarus.“

„Aus Minsk?“

„Nein, ich komme vom Dorf, Radtschyzk, Kreis Stolin.“

Diese Antwort ließ die russischen Gesprächspartner verstummen, ich aber freute mich, dass sie gar nichts über mein Dorf wussten, über mein Leben dort, nichts von den Kürbissamen, die Oma auf dem Ofen trocknete, oder von den Pfeifen, die Vater aus Weiden schnitzte, wenn er die Kühe hütete, oder über die Gasmaskentasche, in der ich die Fische sammelte, die die Jungs mit dem Netz aus dem Kanal holten. Ich freute mich, dass sie mir all das nicht nehmen konnten: diese Erfahrungen, meine Sprache, meine Erinnerungen, mein hässliches kleines Dorf. 

Als ich nach einigen Jahren der Abwesenheit zum ersten Mal wieder in meine Heimat kam, bog ich von der Landstraße auf die halb asphaltierte Dorfstraße, über die ich als Kind so gern mit Rollschuhen gefahren wäre. Wie in den amerikanischen Filmen in Mamas neuem HORIZONT-Fernseher, den sie für D-Mark gekauft hatte, die Oma von Deutschland ausbezahlt bekommen hatte, weil sie im Zweiten Weltkrieg zur Arbeit dorthin gebracht worden war. Aber damals in den Neunzigern konnte man auf dem Dorf keine Rollschuhe kaufen, selbst in der Kreisstadt gab es keine, und als später auf dem Markt im Pinsker Stadion welche auftauchten, reichte das Geld nur für Winter- oder Sommerschuhe, einen Trainingsanzug für den Sportunterricht und Hähnchenschenkel. Ich lief also über den weichen Asphalt und dachte: „Wie tief doch der Himmel hier hängt!“ Es musste wohl daran liegen, dass ich groß geworden war, aus Woljetschka war Olga geworden, eine hochgewachsene Frau, sichtbarer, präsenter, existenter. Ich hatte Arbeit und Geld, und sogar Rollschuhe. Erst später, als ich ohne die Möglichkeit, die Gräber zu besuchen in der Emigration festsaß, verstand ich, dass der Himmel in meinem Dorf nicht tiefer hing – Gott war dort einfach näher an mir dran.

Ich weiß nicht mehr, wann es plötzlich zum Trend wurde, aus dem belarusischen Dorf zu stammen oder zumindest die Sommerferien bei der Oma auf dem Land verbracht zu haben. Vielleicht war das Jahr 2020 ein Bruch, als die Menschen in den Kreisstädten auf die Straße gingen, weiß-rot-weiß entlang der löchrigen Straßen, saniert erst im Vorjahr anlässlich des offiziellen Erntedankfestes. Die Mehrheit dieser Menschen stammte aus den umliegenden Dörfern, und nachdem sie gelernt hatten, die Kartoffeln fein zu schälen, waren sie in die Stadt gezogen. Von den Dollars der Großeltern und den Jobs in Russland, später in Polen, Deutschland oder Norwegen, kauften sie Wohnungen, richteten sie mit modernen Möbeln ein, und als der Traum vom warmen Wasser aus dem Hahn verwirklicht war, verstanden sie mit ihrem dorfgenetischen Sensorium, dass Glück etwas Größeres ist. Glück ist das, wovon der Großvater gesprochen hatte, als er auf dem Schemel vor dem Ofen saß: „Man muss Gerechtigkeit üben, dann macht einen auch der Tod nicht bang.“

Oder hatte 2022 den Umbruch gebracht, als die Dorfbewohner hinter ihren Holzstößen und Schuppen hervorkamen und offen, sogar in aller Öffentlichkeit gegen den Krieg sprachen, russische Kriegstechnik fotografierten und die Bilder an extremistische Kanäle schickten? Als ob die hervorstechenden Buchstaben über der Schulaula „Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen“, die Großmutter auf dem Kanapee mit den Worten „Deren Befreiung kenne ich!“, und der stets ernste Wassil Bykau vom Schwarzweißfoto gleichzeitig im Gedächtnis des Volkes auftauchten und mit kindlicher Naivität von der Tribüne neben dem Dorfklubhaus riefen: „Krieg ist schlecht, Krieg – das sind nicht wir.“

Genau jetzt, während ihr diesen Text lest, stirbt mein Heimatdorf Radtschyzk.

Und so wachte ich eines Tages auf, sagte „Ich bin hier geboren und habe 17 Jahre lang auf dem Dorf gelebt“, und empfand eine Welle des Respekts und sogar Neid mir selbst gegenüber. Endlich erkannte ich an mir selbst das Ergebnis dessen, was meine Mutter stets gepredigt hatte: „Wenn du etwas erreichen willst, musst du hart arbeiten.“ Als ich an diesem Morgen aufstand als Stern des Dorfes, verstand ich, was die Mutter eigentlich gesagt hatte: Endlich hatten das Kartoffelsetzen, die Arbeit im Gewächshaus, das Jäten von Großmutters und unserem Gemüsegarten, der Verkauf der Kirschen, Erdbeeren, Aprikosen auf dem Markt Früchte getragen. Indem ich alle Dorfarbeiten erledigt hatte, gebührte mir schlicht dafür Respekt, dass ich einst Heu auf Haufen geworfen hatte. In dieser Zeit meiner Erleuchtung begegnete ich auch zum ersten Mal Belarusinnen, die das Dorf nicht kannten, die keine Oma, noch nicht einmal entfernte Familie auf dem belarusischen Land hatten. Diese Belarusen und Belarusinnen hatten nie frische Milch direkt aus der Kuh getrunken, nie auf Federn geschlafen, nie Kartoffelreibeauflauf gegessen, nie im Kolchos Mais gestohlen, sie hatten nicht mit zehn Jahren gelernt, auf Vaters Moped zu fahren, hatten nie das Dorfleben verflucht und von der Großstadt geträumt. Diese Menschen waren in der gelobten Stadt geboren und aufgewachsen. Sie waren neue Belarus:innen, die dich als Dorfbewohnerin anblickten, als gehörtest du zu einer anderen Nation, mit deiner Sprache, Kultur, deinen Traditionen. Für mich war das sehr seltsam: In nur zwanzig Jahren, die ich fern vom Dorf gelebt hatte, hatte Belarus sich verändert und war vom Agrarland, als das es die regierungstreuen Medien und Enzyklopädien so preisen, zu einem erzwungen urbanen Staat geworden.

Genau jetzt, während ihr diesen Text lest, stirbt mein Heimatdorf Radtschyzk. Die Häuser schrumpfen, verfallen und wenn keiner der Erben nach ihnen schaut, begräbt die Planierraupe aus dem Kolchos ihre Leiber bald neben dem gemauerten Skelett des Fundaments. Als ich das letzte Mal in Radtschyzk war, ging ich über diesen Häuserfriedhof und rief mir ins Gedächtnis, welches Haus einst an welchem Platz stand, welche Farbe es hatte, wer darin wohnte und ob ich je dort zu Besuch war. Schon damals erinnerte mich das Dorf an ein Klassenfoto, aufgenommen vor dreißig Jahren, das du anschaust und versuchst, dich an Namen und Vornamen des Klassenkameraden zu erinnern, der damals in Mathe bei dir abgeschrieben hat, bis dir einfällt, dass das Mädchen in der ersten Reihe schon gestorben ist, der Junge aus der zweiten auch tot, und der da nach einem Saufgelage erschlagen wurde. Ihre Gesichter verschwimmen und verschwinden, genau wie die Häuser in meinem Dorf. Damals, nicht nach dem Besuch in meinem sterbenden Dorf, sondern nachdem wegen Kindermangel meine belarusischsprachige Dorfschule geschlossen wurde und ich in irgendeinem sozialen Netzwerk gelesen hatte, dass ein Belarusse Google Translate benutzt, um belarusischsprachige Kommentare zu verstehen, begriff ich, dass etwas Furchtbares im Gange war: Wir verlieren nicht nur die Häuser, Schulen, Friedhöfe und Großmütter – wir verlieren unser immaterielles Kulturerbe – das Dorf.

Wir Dorfkinder wuchsen mit den Gebeten der Großmütter auf. Zuhause bei den Eltern durften wir schon vor dem Ostersonntag die Milchbrötchen essen, aber bei der Großmutter mussten wir fasten, wenigstens bis Mitternacht beim Ostergebet bleiben, das die ganze Nacht dauerte, und dann warten, bis am Morgen die Großmutter aus der Kirche kam und durchs ganze Haus rief: „Christus ist auferstanden!“ Bei der Großmutter sprachen wir Gebete vor dem Frühstück, vorm Mittag und vorm Abendessen. Begann eines der Enkelkinder schon vor dem Gebet zu essen, wurde es sofort „Jude“ genannt, was uns nicht deshalb zuwider war, weil das Wort an sich grässlich war, sondern weil wir nicht anders sein wollten, wir wollten für immer hier dazugehören. Gleichzeitig glaubten wir an alle guten und bösen Vorzeichen und daran, dass unsere toten Großmütter und Großväter uns in allem Handeln behilflich sind. Als wir klein waren, zeigte man uns lange nicht der Öffentlichkeit – damit niemand einen Fluch sprechen konnte. Wenn wir als Kinder weinten und nicht still sein wollten, trug man uns unter dem Tisch hindurch. Als mein Freund Anfang der 2000er in der Armee diente, bekam er einen schlimmen Ausschlag am Bein. Die Krankenstation fand keine Lösung, also brachte der Kommandeur ihn zu einer Alten im Dorf. Sie sprach ein Gebet, verbrannte ein Büschel Werg, und damit auch den Ausschlag. Wir wussten, dass wir niemandem erzählen durften, an welche Universität wir gehen wollen, weil die Leute uns sonst verhexen könnten und wir nirgendwo angenommen und in unserem hässlichen Dorf bleiben würden, für alle Ewigkeit. Gleichzeitig bestellte meine Klasse zum Schulabschluss einen Gottesdienst in der Kirche und der Priester schenkte jedem von uns eine persönliche Ikone, die uns Glück für die Unibewerbung bringen sollte. Diese Symbiose war unsere Religion. Nicht die Kirche mit ihren strengen Regeln, langen Röcken und einfarbigen Kopftüchern, sondern Gott, der auf der Ikone in Großmutters Haus am Tag der Prüfungen für uns betete.

Unser Dorfleben war nicht nur durch die körperliche Arbeit schwer, sondern auch durch den permanenten Kampf. Denn selbst in der Kreisstadt begegneten dir die meisten Leute, wenn du nicht gekleidet warst oder sprachst wie ein Städter, wie einem Menschen zweiter Klasse, aus einer anderen, niedrigeren Kaste. Ich weiß noch, wie ich nach der Katastrophe in Tschernobyl zur Erholung nach Spanien fahren durfte. Ein ganzes Flugzeug war mit „Tschernobylkindern“ gefüllt, die Eltern der meisten von ihnen hatten Führungspositionen auf Kreisebene. Wir lebten für einen Monat in Madrid und am Meeresufer der Biskaya. Jeder bekam eine gewisse Summe spanisches Geld, von dem wir uns, so hatte es die Mutter eines Jungen aus dem Nachbardorf vor dem Fenster des abfahrenden Busses in Minsk zugerufen, „Sachen“ kaufen sollten. Eine der Lehrerinnen, die uns betreuten, nahm mein Geld und kaufte in meinem Auftrag Lidschatten für die Mama und ein paar Kaugummis. Wenn wir zuhause im Dorf einkaufen gingen, hatte meine Mutter mir beigebracht, mich nicht zu fürchten, sondern an der Ladentheke stets das Wechselgeld nachzuzählen. Und so rechnete ich auch in Spanien nach und verstand, dass die Lehrerin einen recht großen Rest einbehalten hatte. Sie hatte es nicht vergessen, sich nicht geirrt, sie hatte es einfach nicht zurückgegeben, weil sie wusste, dass ich ein neunjähriges Mädchen aus dem hinterwäldlerischen Dorf Radtschyzk war, das sich fürchtete, die Lügen der Erwachsenen publik zu machen. Und ich fürchtete mich. Deshalb ergreifen wir jede Gelegenheit, geben uns alle Mühe, eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern und auf die asphaltierten Straßen der Kreisstädte zu gelangen, oder sogar in die Hauptstadt. Wenn wir eine Arbeit gefunden haben, arbeiten wir so, wie wir Rüben hacken oder Heu rechen: bis zur Dunkelheit, bis wir Schwielen haben, bis die Nachbarn sagen, was Kaściuk doch für fleißige Kinder hat.

Ich könnte lange darüber philosophieren, wie der mächtige Landesherr Lukaschenka und seine Regierung das Dorf zerstört und einer Menge Belarus:innen ihre Kindheit mit Heu, Gemüsebeet, Beeren und Pilzen genommen haben. Doch mir ist das Dorfleben so stark anerzogen worden, mit der Mutter, die mir einimpfte: „Nichts im Leben ist leicht“, „Wenn du etwas erreichen willst, musst du hart arbeiten“ und „Wenn ich euch hier tatenlos rumliegen sehe, wird mir ganz anders!“, dass ich parallel zu meiner abstrakten, aktivistischen und literarischen Tätigkeit, die man als langfristige Investition in ein freies, demokratisches und unbedingt glückliches Belarus betrachten kann, auch einen sehr konkreten Plan dafür entwickelt habe, wie man mein belarusisches Dorf wiederbeleben könnte. Dieser Plan steht, mit den Füßen in Großmutters Stiefeln, die die Spuren der Axt tragen, mit der sie die Kienspäne vorbereitete, auf den Grundfesten der Dorfreligion: Hoffe auf Gott, aber beweg dich auch selbst.

Im Dorf ist es erlaubt, den Namen eines Menschen zu vergessen, doch der Ort seiner Bestattung darf nicht in einer Ecke des Gedächtnisses verscharrt werden.

Bereits im Jahr 1863 gab es in meinem Dorf Radtschyzk eine Kirche aus Stein, benannt nach der Geburt der Gottesmutter. Mehr als ein Jahrhundert später ging ich manchmal mit der Großmutter zur Messe hin, und zu Sowjetzeiten patrouillierte hier zu Ostern mein Vater, der Lehrer, um seine Schüler vom Opium fürs Volk fernzuhalten. Im geschichtsträchtigen Jahr 1863 geschah auch in meinem Heimatdorf etwas Furchtbares: Für die Unterstützung des Kalinouski-Aufstandes töteten die Bauern den hiesigen Gutsbesitzer, löschten seinen Namen aus ihrem Gedächtnis, vielleicht, um das schreckliche Verbrechen vergessen zu machen: Vielleicht war es ja niemals geschehen? Bis heute ist unklar, wie sie ihn ermordeten: Mit den Händen oder mit einem Stein, erstickten sie ihn oder erstachen ihn mit der Heugabel? Aber man kann durchaus festhalten, dass der Hass auf den Gutsbesitzer wegen seines Freiheitswillens die Bauern auch dann nicht verließ, als seine blutüberströmte (oder nicht?) Leiche vor ihnen lag. Denn nach dem Mord geschah noch etwas viel Schlimmeres: Die Leiche des Gutsbesitzers wurde, wie das verfluchte Ei, das jemandem auf die Schwelle gelegt wird, um Unglück zu bringen, zur Wegkreuzung geschleppt und im Feld verscharrt.

Kein Kreuz wurde aufgestellt.

Im Dorf ist es erlaubt, den Namen eines Menschen zu vergessen, doch der Ort seiner Bestattung darf nicht in einer Ecke des Gedächtnisses verscharrt werden. Deshalb liefen die Dorfjungs auch ein Jahrhundert später noch zum „französischen Grab“, das die Mörder, oder jene, die schweigend gegen sie aufbegehrten, so nannten, um an seine Existenz zu erinnern, weil es so nicht nur das Grab eines Ortsansässigen war, sondern etwas Größeres, Bedeutenderes, wie Napoleons Marsch nach Moskau. Und so liefen die Jungen aus Radtschyzk zum französischen Grab, sammelten ringsum Pilze, hüteten Kühe und bewachten nachts die Pferde – lebten und erinnerten.

Einige Menschen in Radtschyzk denken, dass gerade diese Sünde, ein Mord wegen Freiheitsliebe und ein Begräbnis ohne Totenmesse, und, am allerschlimmsten, das Fehlen eines Kreuzes auf dem Grab des lokalen Märtyrers, die Ursache für das Sterben des ganzen Dorfes sind.

Selbstverständlich weiß ich nicht, wie man in die Zukunft von Belarus schauen kann, aber eines weiß ich: Wenn Belarus schließlich aufbricht, die aktuelle Riege der Machthaber in den Abgründen des Torfmoores verschwindet und wir den Ort ihres Grabes auf ewig vergessen, werde ich in mein Heimatdorf Radtschyzk fahren, das Grab des Menschen öffnen, der meinem Volk Freiheit wünschte, werde den Priester bestellen, der auch meine Söhne taufte, den heiligen Märtyrer Kastus auf Knien um Vergebung bitten und mit den anderen Dorfbewohnern ein Patriarchenkreuz auf seinem belarusischen Grab aufstellen.


Anmerkung der Redaktion 

Weißrussland oder Belarus? Belarussisch oder belarusisch? Die Belarus oder das Belarus? Nicht ganz leicht zu beantworten. Da es im Deutschen keine einheitlich kodifizierten Schreibweisen für diese Bezeichnungen und deren Adjektive gibt, überlassen wir es den Autorinnen und Autoren der Gnosen, welche Schreibweise sie verwenden. Die Schreibweise in redaktionellen Inhalten (wie Titel und Erklärtexte) wird von der dekoder-Redaktion verantwortet.