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Wie ich zum Nazi wurde

Was halten Sie von der Idee „Russland den Russen“? Auf diese Frage des Lewada-Zentrums antwortet im August 2020 mehr als die Hälfte der Befragten positiv: Sie halten das für richtig (19 Prozent) oder schränken leicht ein „es wäre nicht schlecht, das umzusetzen, aber im angemessenen Rahmen“ (32 Prozent). Knapp ein Drittel der Befragten dagegen lehnt die Aussage ab.
Danach gefragt, wie eng sie sich das persönliche Verhältnis zu Zentralasiaten (gemeint sind auch die sogenannten Gastarbaitery) vorstellen könnten, antworten nur vier Prozent, dass Zentralasiaten als Mitglieder der eigenen Familie für sie denkbar seien. Die Mehrheit findet, man sollte sie gar nicht oder nur zeitlich begrenzt nach Russland lassen.

Auch wenn zahlreiche rechtsextreme Organisationen und Publikationen in Russland inzwischen verboten sind: Wie schmal ist der Grat zwischen einer weit verbreiteten Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremer Gewalt? Das Online-Medium Batenka fordert seine Leser regelmäßig auf, eigene Geschichten zu erzählen: ungewöhnliche, traurige oder lustige. In Wie ich zum Nazi wurde gibt ein junger Russe den Batenka-Journalisten Anastasia Sadowskaja und Konstantin Waljakin zu Protokoll, wie er als Jugendlicher zum Skinhead wurde – und schließlich aus der rechtsextremen Szene wieder herausfand. 

Der Text hat uns übrigens auf sprachliche Unterschiede im Russischen und Deutschen aufmerksam gemacht, die man beim Lesen wissen muss: „Faschisten“, faschisty, das sind im Russischen die deutschen Nationalsozialisten. „Nazis“, nazisty, dagegen sind nicht unbedingt deutsch, sondern das, was man im Deutschen mitunter als „Faschos“ oder „Rechtsextreme“ bezeichnet.
 

Source Batenka

Illustration © Julia Prokopowa/BatenkaAls Kind hörte ich die Geschichten der Erwachsenen über den Krieg und die bösen Faschisten, aber vom Respekt vor anderen Nationen hat mir ehrlich gesagt nie jemand was erzählt. Man hat mir nicht beigebracht, dass alle Menschen gleich sind. Im Gegenteil, im Fernsehen sah ich von klein auf Reportagen über Terroranschläge kaukasischer Rebellen, und dann lief der Comedian Sadornow: Zuerst riss er Witze über die dummen Amerikaner, dann fing er von der Bühne herunter davon an, dass die Protorussen – slawische Arier – alle europäischen Länder gegründet hätten.

Mein Vater war beim Militär und hatte immer ziemlich rechte Ansichten. Nein, er ist kein Hitler-Verehrer und schmiert sich nicht mit Hakenkreuzen voll, aber er glaubt an die Einzigartigkeit der russischen Nation. Er hat in Tschetschenien gekämpft und dann noch irgendwo und war fast nie zu Hause, als ich klein war. Mich hat meine herzensgute und gebildete Mutter aufgezogen. 

Meine Familie lebte in einem Moskauer Stadtteil mit vielen Armeniern und Aserbaidshanern. Und in der Nähe gab es tatsächlich vier Wohnheime für Vietnamesen. Von klein auf assoziierte ich sie mit Betrügereien und Dreck. Die nichtrussischen Kinder im Hof waren unverschämt, es gab immer wieder Konflikte. Ich erinnere mich, wie mich ein aserbaidshanischer Junge von der Schaukel schubsen wollte, und ich hab ihm eine reingehauen. Meine Großmutter, die bei mir war, hat mich damals sogar gelobt: Ich könne für mich einstehen.

Wenn man sich vorstellt, dass rechte Anschauungen ein Haus sind, dann ist die ganz alltägliche Fremdenfeindlichkeit sein Fundament. Wenn mein Alter von seinen Einsätzen nach Hause kam, dachte ich mir, es gibt auf der Welt keinen cooleren Menschen. Jedes seiner Worte war für mich eine Offenbarung. Als ich größer war, redeten wir oft über Politik. Manchmal kam ich in die Küche und blieb stundenlang dort und hörte mir an, was in unserem Land früher passiert war. Er erzählte mir, dass die Ukrainer und die Balten „Verräter“ seien und erklärte, wie wichtig es sei, stark zu sein und sein Volk und seine Heimat zu lieben. Oft lobte er Putin – dafür, dass er „es erlaubt hatte, nach Tschetschenien zurückzukehren und das Begonnene zu Ende zu bringen“. 

Mein Vater erzählte mir, dass die Ukrainer und die Balten ‚Verräter‘ seien und erklärte, wie wichtig es sei, sein Volk und seine Heimat zu lieben

Mein Vater ist kein dummer Mensch. Im Gegenteil. Er ist immerhin Oberstleutnant und hat in Spezialeinheiten gedient und in Hotspots gekämpft, ohne Köpfchen hätte er das nicht überlebt. Er ist einfach in der sowjetischen Einöde aufgewachsen, unter kriminellen Halbstarken, und ist daran gewöhnt, alles mit Gewalt zu lösen. 

Bis zur sechsten Klasse war ich ein lieber, aber schüchterner, verschlossener Junge. Ich habe Sport gemacht – Schwimmen und Boxen. In der Schule hatte ich nur Einsen. Habe Klavier gespielt. Doch dann kam ich auf eine neue Schule und kam mit niemandem mehr klar. Ich kam mit Gleichaltrigen überhaupt nicht zurecht, fühlte mich unsicher und wurde schnell zum Außenseiter. Bald entstanden Hass und Neid. Ich wollte, dass die anderen mich mochten, dass sie mich beachteten, besonders die Mädchen. Doch niemand wollte mich. 

Mit 16 habe ich zum ersten Mal von Extremisten gehört. In Russland hatte es damals gerade Proteste am Manegenplatz gegeben. Die Bewegung war im Aufschwung. Nazis, Skinheads, Hooligans gab es haufenweise. „Russische Märsche“ fanden statt, regelmäßig auch Massenschlägereien, und die Nachrichten meldeten nationalistisch motivierte Morde.

Ich war ein Teenager, Gewalt und Aufstand fand ich total geil. Solche Sachen imponieren, vor allem, wenn du beleidigt und aggressiv bist. Aber es war auch einfach ganz normaler Protest. Der Nazi ist der Gesellschaft schlimmster Feind. Wenn man in die Suchmaschine „Tätowierungen Häftlinge“ eingibt, findet man viele Tattoos mit Hakenkreuzen. Und das nicht, weil im Knast die Naziideologie beliebt wäre. Das Hakenkreuz ist ein Attribut des Protests gegen das System.  

Ich war einsam, wütend und voller Komplexe. Ich wollte was Besonderes sein, wie die durchtrainierten Schönlinge, die von allen gemocht wurden. Und ich glaubte, meine Probleme kämen davon, dass ich zu lieb war. Die tragende Säule für ein Haus aus Hass ist jugendliche Einsamkeit. Na, und die Schweißnähte an den Trägern sind die Komplexe.

Das Hakenkreuz ist ein Attribut des Protests gegen das System

Irgendwann ließ ich den Gedanken zu, dass der Nazismus vielleicht gar nicht so böse ist, wie ihn die Erwachsenen immer darstellen. 

Zuerst brachte ich nur symbolische Unterstützung zum Ausdruck: Ich zeichnete Hakenkreuze, hörte Nazimusik. Doch bald schon stand ich erstmals richtig dafür ein: Ich befestigte an der Armbinde des Pausenaufsehers ein rundes Stück Papier mit aufgemaltem Hakenkreuz. Dann ging ich zusammen mit einem Freund in der Schule herum, und wir machten den Hitlergruß – das fanden wir lustig. Aber bald erwischte uns eine Lehrerin, und ich bekam bei der Kinder- und Jugendstelle der Polizei einen Eintrag – wegen Rowdytums.  

Nach der Geschichte mit der Polizei flog ich von der angesehenen Schule im Zentrum von Moskau und kam in eine einfachere Schule, wo ich das Lernen komplett sein ließ. Ich ließ mir die Haare schneiden wie bei der Hitlerjugend und marschierte in Springerstiefeln, schwarzem Hemd und Hosenträgern durch die Korridore. Mehr und mehr faszinierte mich die Idee eines Rassenkrieges, davon erzählte ich in den Pausen ständig, und im Biologieunterricht hielt ich sogar mal ein Referat darüber, warum Mulatten schlechter seien als Reinrassige. Der Lehrer gab mir eine Eins, besser wäre gewesen, er hätte mich damals schon der Polizei ausgeliefert.     

Zu Hause war meine Mutter entsetzt über meine Anschauungen, sie schimpfte mit mir, konnte aber nichts tun. Mein Alter hingegen nahm das alles mit Wohlwollen auf, sagte, ich trete in seine Fußstapfen. Manchmal motzte er halt über die Hakenkreuze, wiederholte, ich bräuchte andere, russische Symbole: „Das Dritte Reich – das waren Schlappschwänze“, und „die Russen sind stärker als alle anderen“. Einmal hat sich die Geschichtslehrerin beim Elternsprechtag zu beschweren versucht, dass er einen Faschisten aufziehe. Er hörte ihr zu und sagte ruhig: „Keinen Faschisten, einen Nazi. Eine Geschichtslehrerin sollte den Unterschied kennen.“      

Im Biologieunterricht hielt ich mal ein Referat darüber, warum Mulatten schlechter seien als Reinrassige. Der Lehrer gab mir eine Eins

Auch unter meinen Altersgenossen wurden rechte Ideen immer beliebter. Die einen prügelten sich bei Fußballkrawallen, die anderen fanden sonstwo Anlässe, Stunk zu machen. 

Meine Mitschüler begannen mich zu beachten, ich hatte jetzt Freunde. Einer trug so wie ich schwarze Hemden, wir kauften uns gemeinsam Anstecker mit Keltenkreuzen. Ich fühlte mich selbstsicherer, doch das mit den Mädchen brachte ich nach wie vor nicht auf die Reihe. Da lief irgendwie nichts, und das belastete mich sehr. Mit der Zeit begann ich zu glauben, dass mit mir etwas nicht stimmt. Einmal ertappte ich mich in der Garderobe des Schwimmbads dabei, dass ich meinen Blick nicht losreißen konnte von den nackten Jungs, wobei es mich weiterhin zu Mädchen hinzog. Ich setzte mich mit dem Thema auseinander und merkte, dass ich bisexuell bin, fand das aber alles falsch, nur konnte ich nichts dagegen tun.  

Homosexualität war nirgendwo akzeptiert. Mein eigener Vater sagte, Schwule gehörten umgebracht. Ich las Naziliteratur, in der beschrieben wurde, wie die Nazis Schwule in Konzentrationslager gesteckt hatten. Mit doppeltem Eifer und doppelter Wut stürzte ich mich darauf, diesen ganzen Kram durchzuarbeiten, um in mir selbst zu vernichten, was nicht richtig war. 

Ich merkte, dass ich bisexuell bin, fand das aber alles falsch

Gegen Ende der Schulzeit begann ich mit einem Kumpel die Planung einer eigenen Nazi-Organisation. Wir wollten eine auf Propaganda und direkte Aktionen spezialisierte Zelle gründen. Alle Skins verprügelten damals Nichtrussen, zur Abschreckung. Die Logik ist einfach: Angst hindert einen daran, sich zu Hause zu fühlen. Wir fanden das richtig so. Schlussendlich wären sie alle eingeschüchtert und würden abhauen, dachten wir, während wir uns nach der Schule auf der Straße herumtrieben. Wir waren eine ganz normale Gang, ein Trüppchen angefressener Halbstarker, die ein bisschen gemein waren und über die Großtaten in der Zukunft schwadronierten. Und dann begegneten wir echten Skinheads.   

Wir trafen sie auf einem Platz, wo Freaks aller Art rumhingen. Ich weiß noch, wie sie näherkamen und auf mich aufmerksam wurden. Ich hatte mir an dem Tag eine Glatze rasiert. Ich trug eine Bomberjacke, Springerstiefel und ein Shirt mit dem Reichsadler. Sie taxierten mich, ich durfte mitkommen. Alle hatten eine Glatze, Bomberjacken, Doc Martens. Sehr cool, wie aus dem Bilderbuch. 

Wir machten uns auf den Weg rund um den Platz – hielten Ausschau nach Nichtrussen oder Antifaschisten. Fanden auch welche. Wir fielen mitten auf der Straße im Rudel über sie her, vermöbelten einen Tadshiken und besprühten ihn mit Pfefferspray. Ich fühlte mich damals einfach unendlich stark. Die Skinheads luden mich ein, mit ihnen abzuhängen. Da waren auch Mädchen dabei. An diesem Tag war ich glücklich. Endlich hatte ich das Gefühl, dass ich gefunden hatte, was ich suchte.

Unsere Freundschaft währte nicht lange. Ein paar Wochen später brachte einer von ihnen einen Kirgisen um. Er wurde eingesperrt, und die Behörden knöpften sich unsere Gang vor. Wir alle tauchten ab und hielten die Füße still. Ich war wieder allein, aber jetzt wusste ich, was ich wollte, und begann, im Internet nach Skinheads zu suchen. 

Wir vermöbelten einen Tadshiken und besprühten ihn mit Pfefferspray. Ich fühlte mich damals einfach unendlich stark

Ein paar Monate später kam einer meiner rechten Kumpel von der Armee zurück – ein Gopnik, der nach Begriffen lebte. Er trat unserer winzigen Organisation bei, und wir begannen, weitere Mitglieder anzuwerben. Wochenlang lernten wir ständig neue Leute kennen, tauschten uns aus, tüftelten daran herum, wie die Organisation funktionieren sollte, und schmiedeten Pläne. Es hatte sich schon ein ganzer Haufen Schüler und Freaks gefunden, die mitmachen wollten.    

Ich war zu der Zeit mit der Schule fertig und ging zur Berufsschule. Studieren wollte ich nicht. Von klein auf hatte ich daran gedacht, Regisseur zu werden oder Drehbuchautor, aber für die Filmhochschule hatten meine Eltern kein Geld, und mein Schulabschluss war nicht so berauschend ausgefallen. Ich sah keine Perspektive, schwänzte den Unterricht und konzentrierte mich auf die Nazibewegung. Da taten sich auch Wege auf. Ich hatte für die Zukunft drei Szenarien im Kopf: Ich komme in den Knast, ich werde umgebracht oder es bricht endlich der Rassenkrieg aus. Das Gefängnis schreckte mich nicht ab: Bei Ultrarechten tragen Knastis den Ehrentitel Gesinnungshäftlinge und werden als Helden gefeiert. Für sie legen alle zusammen und schicken ihnen Päckchen ins Gefängnis. So ein Häftling zu sein, verschafft einem in der Szene ordentlich Ansehen. Deswegen wünschten sich viele ein solches Schicksal, und ich habe mir oft ausgemalt, wie ich mich verhalten würde, wenn mich das Gericht zu einer Haftstrafe verurteilt. 

Ich hatte für die Zukunft drei Szenarien im Kopf: Ich komme in den Knast, ich werde umgebracht oder es bricht endlich der Rassenkrieg aus

Unsere Gang wuchs, wir bekamen immer mehr Mitglieder. Manchmal gingen wir „angeln“, wie wir das nannten. Wir suchten auf den Straßen Nichtrussen und attackierten sie. Uns schlossen sich Leute an, die ich vom Sehen schon lange kannte. Auch Skinheads aus den Vorstädten trafen wir damals. Das waren knallharte Typen. Die kauften sich Schraubenzieher und Hammer und machten sich allen Ernstes ans Ermorden von Tadshiken. 

Mit bestialischem Hass droschen sie auf Nichtrussen ein. Sprangen auf ihre Köpfe, stachen mit Schraubenziehern auf sie ein. Sie machten mir Angst, aber bis zu einem gewissen Grad beneidete ich sie auch: Sie waren gnadenlos in ihrem Kampf, und ich konnte das nicht. Mir taten die Menschen leid, die wir angriffen. Da hatte wohl die Erziehung gegriffen. Es war schwer, jemanden einfach niederzuschlagen. Mir reichte es schon, jemandem einen Fußtritt zu verpassen, dass er zu Boden fiel, und wegzulaufen. Schon in der Schule hatte ich gedacht, das sei meine Weichheit und Sentimentalität – alles Zeichen von Schwäche und Feigheit. Dass alle meine Probleme daher rührten, dass ich nicht hart sein kann. Und immer wieder versuchte ich, das aus mir rauszukriegen, und es stresste mich, dass ich es auch hier nicht schaffte, in letzter Konsequenz meiner Ideologie zu folgen. 

Zu diesem Zeitpunkt war ich von meiner Rolle als Organisator der Gang auf eine zweitrangige Position herabgesunken. Mein Freund aus der Armee führte eine militärische Ordnung ein: mit Disziplin, Befehlen und absolutem Gehorsam. Er war kein Unmensch, griff selbst nur selten jemanden an, aber er machte Gruppentrainings mit uns, brachte uns Nahkampftechniken bei und leitete uns zum Kraftaufbau an. Wer es wagte, seine Befehle zu überhören, bekam ein paar Schläge von den Kameraden – zur Mahnung.

Ich dachte, dass alle meine Probleme daher rührten, dass ich nicht hart sein kann

Ich konnte mich an so etwas nicht gewöhnen und weigerte mich irgendwann, seinen Anweisungen zu folgen. Das war einmal meine Organisation gewesen, ich war der Meinung, wir wären auf Augenhöhe. Da passten mich ein paar Kameraden hinter den Garagen ab und hauten mir voll in den Magen. Da beschloss ich zu gehen. Und bald zerfiel und zerstreute sich auch der Rest der Gang. 

Allein blieb ich nicht. Die harten Skins aus den Vorstädten, die in unsere vorherige Gang nie aufgenommen worden waren, wurden nun meine Freunde. Wir hatten eine eigene kleine Bande, sie machten Angriffe und Aktionen, während ich weiterhin Ideen sammelte und vorantrieb und den einen oder anderen prominenten Nazi kennenlernte.   

Meine Überzeugung von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges geriet erstmals ins Wanken, als ich einen der wichtigsten russischen Nazis kennenlernte – Roman Shelesnow. 

Suchel, wie er in der Bewegung genannt wurde, biederten sich alle an, aber mich stieß seine Persönlichkeit von Anfang an ab: sein dämlicher, watschelnder Gang, seine Großtuerei, der Riesenwind, den er um sein Messer machte. Ständig erzählte er Schauermärchen, wie er einen Tadshiken geköpft hatte, und dauernd prahlte er damit, dass er als Arbeitsloser mit Knastvergangenheit von Abgeordneten Geld kriegt. Shelesnow machte kein Hehl daraus, dass er und seine Freunde von Leuten aus Parlamentsparteien finanziert wurden. Genauso wie der ganze Rest der Bewegung – BORN, DPNI, die Slawische Union und andere Organisationen, die als extremistisch eingestuft und jetzt auf dem Gebiet der Russischen Föderation verboten sind.  

All das stand in scharfem Kontrast zu dem, was auf seiner Website stand und was er seinen Anhängern öffentlich vermittelte. Ich konnte das Bild des flammenden Orators vom Russischen Marsch nicht mit diesem Prahlhans in schicken Klamotten von Thor Steinar und Stone Island zusammenbringen.     

2013 war die Bewegung im Aufschwung. Täglich entstanden neue Organisationen. Ständig fanden rechte Veranstaltungen, Konzerte und Russische Märsche statt. Auf dem regimenahen Forum Seliger versammelten sich Mitglieder der Partei Anderes Russland, die eng mit der Naziszene verbunden ist. Sie posierten dort mit Flaggen der Volksrepublik Donezk – 2013 schon, ein Jahr vor der offiziellen Gründung von Noworossija.  
Während ich die Bewegung von innen betrachtete und analysierte, hinterfragte ich immer öfter, was wir da tun. Mir war es immer unangenehm gewesen, Leute zu verprügeln, aber ich glaubte daran, dass das notwendig sei für die Rassenhygiene. Ich glaubte daran, dass wir eine politische Kraft sind, dass wir die Welt verändern. Als ich Verdacht schöpfte, dass die Skinheads benutzt werden, zweifelte ich immer mehr am Sinn unseres „Angelns“. Bei allem, womit ich mich beschäftigte, drängten sich mir immer mehr Fragen auf. Tatsächlich waren die Skinheads – Verteidigung und Stütze der weißen Rasse – selbst nicht die besten Vorbilder.   

Für mich waren die Nazis eine Hochburg der Sittlichkeit in einer fauligen Welt. Ich glaubte, sie würden für traditionelle Werte eintreten: Familie, Kinder und so was. Doch in der Nazibewegung gab es diesbezüglich viel Scheinheiligkeit.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich im Großen und Ganzen nur mehr aus Gewohnheit dabei war, vor allem wegen meiner Freunde. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, schworen einander ewige Bruderschaft, feierten Feste, machten einander Geschenke. Wir nannten einander Familie: Wir begingen Verbrechen, spielten Videospiele, machten zusammen Kampftraining und fuhren gemeinsam in den Urlaub.     

Ich glaubte aufrichtig, sie seien meine Freunde. Ich hatte immer Sehnsucht nach ihnen. Ich dachte, es gäbe keine besseren Menschen auf der Welt, doch eines Tages brach alles zusammen.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich im Großen und Ganzen nur noch aus Gewohnheit dabei war

Es heißt, es gibt zwei Dinge auf der Welt, die das Schlimmste sind, was passieren kann: Nicht zu kriegen, was man will, und zu kriegen, was man will.

Ich träumte von einer großen, schönen Liebe. Von einem Mädchen. Und sie trat in mein Leben. Sie war auch Nazi. Ich war 19, sie 24. Sie war Witwe und hatte ein Kind. Ich liebte sie von ganzem Herzen. Wir hatten leidenschaftlichen Sex, und ich dachte, wir würden eine richtige Familie.  
Ihr konnte ich alles erzählen. Ich vertraute ihr an, dass ich nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Männer stehe. Erstaunlicherweise nahm sie das gelassen zur Kenntnis und versprach mir, mein Geheimnis für sich zu behalten. Die Möglichkeit, mich nicht zu verstecken und ganz offen zu sein, stieg mir zu Kopf. Zum ersten Mal im Leben konnte ich mich jemandem anvertrauen und war richtig glücklich. Ich ging so aus mir heraus, dass ich ihr meinen Wunsch gestand, mit einem anderen Mann zu schlafen. Ich weiß auch nicht, wie es dazu kam. Ich war wie betrunken. Stellt euch mal vor: Das ganze Leben kriegt ihr zu hören, dass etwas schlecht ist, und ihr träumt immer davon, es auszuprobieren.

Sie sagte, sie würde sich freuen für mich, und so fasste ich den Entschluss. Ich fand einen Mann außerhalb der Szene, der mit mir schlafen wollte, und machte sogar ein paar Beweisfotos. Mannomann, die Fotos waren heiß. Dagegen kann man nichts sagen. Sie meinte, sie hätte nie etwas Erregenderes gesehen, und wir unterhielten uns noch endlos lang über mein und ihr Leben.  

Nach gar nicht allzu langer Zeit war meine Liebe aus meinem Leben verschwunden. Wir hatten wegen irgendeinem Quatsch gestritten und den Kontakt abgebrochen, und von gemeinsamen Bekannten erfuhr ich, dass sie einen anderen hatte. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich wieder meinen Nazisachen zu widmen, aber jetzt schon als ganz anderer Mensch. 

Ich fühlte mich leer, hatte zu nichts Lust, wollte einfach alles hinschmeißen und alles überdenken, meine Gedanken ordnen. Mein Leben als Nazi machte mir keinen Spaß mehr, außerdem waren meine Eltern drauf und dran, sich scheiden zu lassen, und meine Mutter beschwerte sich über meinen Vater und jammerte, dass ich auch keine Zukunft haben würde. Ich bat sie, die Familie zu erhalten, meinen Vater nicht zu verlassen, ich liebte sie beide und versprach, mit meinem bisherigen Leben Schluss zu machen.

Mein Leben als Nazi machte mir keinen Spaß mehr

Ich sagte meinen Freunden, dass ich die Bewegung verlasse und fuhr zur Abschiedsfeier. An dem Tag hatte ich nichts Richtiges zum Anziehen gefunden. Ich hatte nur Skinhead-Klamotten. Ich hatte den Schrank durchwühlt und einen alten Mantel, Schuhe und eine dämliche Hose gefunden, die ich schon in der Schule getragen hatte. In dem Aufzug fuhr ich zum Treffpunkt, dachte darüber nach, dass es peinlich werden würde, aber wir sind Freunde und werden mit allem fertig. Ich wusste, dass sie mich verstehen würden. In erster Linie waren sie ja keine Nazis, sondern gute Menschen. 

Wir trafen uns wie immer auf der Straße, eine große Schar, begrüßten einander mit Handschlag. Sie wollten in einen Hof gehen. Ich ging mit, und da fiel das ganze Rudel über mich her. Sie prügelten auf mich ein, traten mich, einer verdrehte mir die Arme auf dem Rücken, ein anderer wollte mir in mein Tattoo am Bein „Schwuchtel“ einritzen. Ich fiel in den Sand, wand mich und schrie vor Schmerz. Unter ihnen war auch dieses Mädchen. Sie hatte allen meine Fotos gezeigt, und jetzt versprachen mir meine „Freunde“, mir das Leben zur Hölle zu machen, es zu zerstören. Sie versprachen, dass diese Fotos alle meine Bekannten und Verwandten sehen würden. Und nannten mich natürlich Schwanzlutscher. Päderast. Untermensch.  

Als ich nach Hause kam, lief mein Nachrichteneingang schon über vor Drohungen und Beleidigungen. Meine Nacktfotos mit dem Schwanz im Mund machten in allen Nazigangs der Stadt die Runde. Mein Nazi-Mitschüler schrieb mir, er würde mir die Eier abschneiden, wenn er mich das nächste Mal im Unterricht sieht. Einer fand sogar meine Festnetznummer raus und rief mich auch dort an. 

Ich war geschockt und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich kann mich erinnern, dass ich sofort meine Seite löschte, den Computer ausschaltete, meine Wunden mit Panthenol bestrich und einfach die Decke über den Kopf zog. So lag ich mehrere Tage. Ich zitterte, ich konnte nichts tun. Mein Leben war zu Ende. Ich wartete nur mehr darauf, dass mein Vater alles erfährt und mich umbringt. 

Meine ‚Freunde‘ versprachen, mir das Leben zur Hölle zu machen, es zu zerstören

Drei Wochen verbarg ich erfolgreich vor meinen Eltern, dass ich schwänzte. Auf der Straße zu sein war furchtbar. Ich hatte immer das Gefühl, verfolgt zu werden. Zu Hause war es noch immer still. Mama war die erste, der ich alles in allen Details erzählte. Sie war entsetzt, aber ließ sich eine Version für den Vater einfallen: Wir erzählten ihm, dass sie mich in Verruf bringen wollten, weil ich die Nazigang verlassen hatte. Deswegen hätten meine ehemaligen Freunde Fotos von mir genommen und mir einen Schwanz in den Mund gephotoshoppt. Mein Vater ist bei den Spezialeinheiten. Ich glaube nicht, dass er diesen Unsinn glaubte. Eher hat er alles ganz und gar durchschaut – aber wollte unsere Version einfach glauben.

Die Ausbildung habe ich abgebrochen. Mein Alter schimpfte mich einen Feigling und bestand darauf, dass ich zur Armee ging und endlich „ein richtiger Mann“ werde. Ich hatte nichts dagegen: Irgendwo musste ich schließlich anfangen. Nach der Grundausbildung wurde ich nach Armenien geschickt, auf die russische Militärbasis, wo mein Freund früher gedient hatte. 

Als ich zurückkam, sann ich auf Rache, wollte sogar Ermittler werden, um sie alle einzusperren. Aber das Leben schaffte es auch ohne mein Zutun. Die einen kamen ins Gefängnis, andere in die Irrenanstalt, die dritten wurden im Donbass zu Dünger. Na ja, und alle anderen haben kein Leben mehr, sondern fristen ihr Dasein. Was auf dem Maidan geschah, hat die Nazibewegung in zwei feindliche Lager gespalten. Und im Donbass sind sie Stirn an Stirn aneinandergekracht, haben einander niedergemetzelt, der eine auf der einen, der andere auf der anderen Seite der Front. Wieder andere wurden im Zuge der Nazi-Razzien 2015 bis 2017 eingesperrt. Die Machthaber brauchten keine Nazis mehr und wollten sie schnell loswerden. 

Einst hatte ich geglaubt, die Nazis seien eine riesige, starke Bewegung mit sehr vielen Anhängern. In Wirklichkeit sind sie eine Bande von Außenseitern. Zahlenmäßig schwach und machtlos. Eine Hetzjagd innerhalb so kleiner Gruppen, in denen sowieso nie mehr als 500 Leute sitzen, nehme ich nicht ernst und ist nicht das Ende meines Lebens. Allerdings habe ich nach diesem Mädchen nie wieder jemandem vertraut. Vertrauen fällt mir jetzt schwer, meine Vorsicht grenzt an Paranoia, und ich kann mich nicht mal wirklich nahen Menschen gegenüber öffnen. Aber im Großen und Ganzen ist das alles, was ich von jenem Leben mitgenommen habe. Sogar mein Tattoo habe ich überdeckt, jetzt ist über dem Symbol schwarze Farbe.       

Ich bin durchaus ein glücklicher Mensch, habe Geld und Pläne für die Zukunft. Vor der Pandemie bin ich sogar durch Europa gereist. Ich hatte schon viele verschiedene Jobs. Ich war Ladearbeiter in einer Brotfabrik, Verkäufer beim Mobilfunkanbieter MTS, Werbetexter und Schweißer auf einer Baustelle. Jetzt schreibe ich Drehbücher. Meine politischen Ansichten sind, wie Krowostok singen: „Keine Freiheit für Feinde der Freiheit.“

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Arbeitsmigration in Russland

Trotz der anhaltenden Rezession bleibt Russland ein Magnet für ausländische Arbeitskräfte und reihte sich im vergangenen Jahrzehnt stets in die Top-Fünf der Rangliste von Ländern mit der größten Anzahl von Immigranten ein.1 Die Mehrheit dieser Einwanderer stammt aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. Arbeitsmigranten aus Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan fanden in Zeiten des Gas- und Ölbooms der 2000er Jahre Anstellung im Baugewerbe, dem Straßenbetrieb und dem Dienstleistungssektor. Doch die anhaltende wirtschaftliche Flaute stellt viele dieser, mit dem deutschen Lehnwort als Gastarbaitery bezeichneten, Migranten vor eine schwierige Wahl.
Die schwache heimische Wirtschaft und die autokratischen Regime Zentralasiens geben wenig Anlass zur Rückkehr. Gleichzeitig lassen die komplexe Rechtslage, der anhaltend schwache Rubel und oftmals miserable Arbeitsbedingungen das Arbeiten in Russland immer weniger lohnend erscheinen.

Der Zerfall der Sowjetunion brachte nicht nur die Entstehung von 15 unabhängigen Nationalstaaten mit sich, sondern verwandelte die vormals bloß verwaltungstechnischen Abgrenzungen zwischen den Ex-Sowjetrepubliken in konkrete Staatsgrenzen. Das GUS-Abkommen ermöglichte ehemaligen Sowjetbürgern, diese neuen Grenzen zu überqueren und sich bis zu drei Monate ohne Visum in anderen GUS-Mitgliedsstaaten aufzuhalten. Die schnell voranschreitende Deindustrialisierung, in Verbindung mit rasantem Bevölkerungswachstum in der Peripherie des früheren Sowjetreichs, machte aus diesem Recht auf Freizügigkeit häufig sogar eine Notwendigkeit.

Eine neue Generation postsowjetischer Bürger, zum Großteil aus dem ökonomisch hart getroffenen Zentralasien, versuchte im wirtschaftlich boomenden Russland der 2000er Jahre als Wanderarbeiter ihr Glück. Groß angelegte Bauprojekte und der zunehmende Bedarf an Serviceleistungen der neuen russischen Mittelschicht, sorgten für eine hohe Nachfrage nach ungelernten Arbeitskräften, die Russlands schrumpfende Bevölkerung selbst nicht befriedigen konnte.

ABHÄNGIG VON RÜCKÜBERWEISUNGEN

Dabei lassen sich allerdings nur die wenigsten der geschätzten vier bis fünf Millionen Saisonarbeiter aus Zentralasien dauerhaft in Russland nieder. Während der Wintermonate kehren viele Migranten zu ihren Familien zurück, die oft wirtschaftlich völlig von dem Einkommen aus der Saisonarbeit abhängig sind. Dementsprechend hoch ist der Anteil von Geldsendungen am Bruttoinlandsprodukt Zentralasiens. Rücküberweisungen von Migranten entsprachen zu Zeiten des russischen Wirtschaftswunders der Hälfte des BIP im ökonomischen Schlusslicht der ehemaligen UdSSR: Tadschikistan. Ähnlich in Kirgistan – hier entsprachen die Heimatüberweisungen nahezu einem Drittel des BIP.2

Dementsprechend hart traf der wirtschaftliche Abschwung im Zuge fallender Ölpreise und westlicher Sanktionen gegen Russland die zentralasiatischen Volkswirtschaften. Ähnlich schnell wie der Rubelkurs fielen auch die Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten. In US-Dollar gemessene Geldsendungen nach Tadschikistan brachen 2016 auf weniger als 50 Prozent des Vorkrisenniveaus ein; für Usbekistan liegt dieser Wert bei 40 Prozent.3
Jüngste Reformen im russischen Arbeits- und Migrationsrecht haben zudem den Erwerb einer Arbeitserlaubnis erheblich verkompliziert und verteuert. Einwanderer müssen seit 2015 innerhalb eines Monats nach Ankunft einen russischen Geschichts- und Sprachtest ablegen, ein Gesundheitszertifikat erwerben und einen Nachweis über Krankenversicherung vorlegen, bevor sie sich um die gebührenpflichtige Arbeitserlaubnis bemühen können.4
Kirgistans Bürger allerdings profitieren seit dem Eintritt in die Eurasische Wirtschaftsunion im August 2015 von der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb des Staatenverbunds und sind von diesen Auflagen befreit. So wurde Kirgistan weniger hart von der Krise getroffen – was der Regierung des widerwilligen Beitrittskandidaten Tadschikistan sicherlich nicht entgangen ist.

VERSCHÄRFTE GESETZE

Die Reformen im russischen Migrationsrecht waren ursprünglich dazu gedacht, Arbeitsmigranten, die oft unter prekären Bedingungen in einer rechtlichen Grauzone arbeiten, einen regulären Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Doch es bestehen weiterhin Zweifel am Erfolg dieser Maßnahmen. So befinden sich mehrere hunderttausend Ausländer auf der sogenannten schwarzen Liste der russischen Migrationsbehörde. Ihnen wird aufgrund von Vergehen gegen das Aufenthaltsrecht oder anderer Gesetzesverstöße die erneute Einreise nach Russland für drei bis fünf Jahre untersagt. 

Migranten im Mediendiskurs

Nachdem der Ukraine-Konflikt lange Zeit das russische Fernsehen dominiert hatte, drohten 2017 wieder Migranten aus Zentralasien verstärkt zur Zielscheibe medialer Stigmatisierung zu werden. Nach dem tragischen Anschlag in der Sankt Petersburger U-Bahn, dessen mutmaßlicher Täter aus Kirgistan stammte, mehrten sich Stimmen, die ein „Russland für Russen“ fordern. Obwohl die fremdenfeindlichen Stimmungen in der russischen Gesellschaft seit 2016 rückgängig sind, sind sie immer noch auf einem sehr hohem Niveau.5 Auch vonseiten der russischen Regierung ist mit verschärften Kontrollen und größerer Überwachung zu rechnen, da nach Einschätzung des FSB Arbeitsmigranten aus GUS-Staaten zu den Hauptdrahtziehern der in Russland aktiven Terrororganisationen gehören.6

Die fremdenfeindliche Atmosphäre schreckt jedoch nur wenige ab, auch der krisenbedingte Rückgang der Zuwanderungszahlen war nur von kurzer Dauer. Von 2016 bis 2019 stiegen diese mitsamt der Heimatüberweisungen in die zentralasiatischen Länder auf neue Rekordhöhen7. 2019 betrug die Gesamtsumme der Rücküberweisungen von Migranten aus Russland laut Weltbank8 22,2 Milliarden US-Dollar – rund 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Russlands. 
Das Corona-Jahr 2020 stoppte diese Entwicklung weitgehend: Verglichen mit dem Vorjahr reisten von Januar bis November  nur halb so viele Ausländer nach Russland ein9, in Moskau lebten offiziellen Angaben zufolge rund 40 Prozent weniger Gastarbaitery als 2019. Viele von ihnen wurden arbeitslos10, ihre ohnehin schwierige Lebenslage in Russland wurde noch prekärer11
Zu Hause erwartet die zentralasiatischen Gastarbeiter aber eine kaum bessere Situation. Das insbesondere in Usbekistan und Tadschikistan von Repressionen geprägte politische Klima und die trüben wirtschaftlichen Aussichten werden trotz der schwächelnden russischen Wirtschaft und Corona wohl dafür sorgen, dass das Phänomen von Gastarbaitery in Russland auf absehbare Zeit bestehen bleibt.

aktualisiert am 19.01.2021


1.migrationpolicy.org: Russia: A Migration System with Soviet Roots 
2.The World Bank: Personal remittances, received (% of GDP) 
3.Cbr.ru: Statistika 
4.Aljazeera America: Ruble ripple: New Russian laws make Life difficult for migrant workers​ 
5. levada.ru: Ksenofobija v 2017 godu 
6.Echo.msk.ru: Direktor FSB A.Bortnikow: Trudovyje migranty načinajut sostavljat osnovnoj kostjak terrorističeskich grupp v Rossii 
7.oxussociety.org: Introducing the Central Asia Migration Tracker 
8.The World Bank: Migration and Remittances Data 
9.Ministerstvo vnutrennich del Possijskoj Federazii: Svodka osnovnych pokazatelej dejatel'nosti po migrazionnoj situazii v Rossijskoj Federazii za janvar' – nojab' 2020 goda 
10.RBK: Gastarbajtery podveli perevozku i dostavku 
11.Human Rights Watch: As Russia Faces an Economic Downturn, Migrant Workers are Paying the Price 

 

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Russische Wirtschaftskrise 2015/16

Die Wirtschaftskrise im Herbst 2014 hatte Russland ökonomisch vor eine unsichere Zukunft gestellt. Drei unabhängige Entwicklungen setzten die russische Wirtschaft gleichzeitig unter Druck: der Einbruch des Ölpreises, wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland sowie strukturelle Probleme, das heißt fehlende Anreize zu Investitionen und zur Steigerung der Produktivität. Erst mit der Erholung des Ölpreises 2017 kam es wieder zu einem leichten Wirtschaftswachstum.

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Stabilisierung

Die Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse war in den 2000er Jahren das erklärte Hauptziel der russischen Politik. Tatsächlich verbesserte sich die wirtschaftliche Lage des Landes in den ersten zwei Amtszeiten Putins erheblich. Die Stabilisierung als politisches Projekt ging jedoch mit einer Konzentration der Macht in den Händen des Präsidenten einher.

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