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Stalins Tod

Der Tod Stalins am 5. März 1953 löste im ganzen Land Bestürzung aus. Niemand wusste, was der Tod des Diktators bedeuten würde. Fabian Thunemann zeichnet die Ereignisse vom März 1953 nach.

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Felix Edmundowitsch Dsershinski

Von den einen als „eiserner“ Held verehrt, von den anderen hingegen als grausamer Mörder verabscheut: Felix Dsershinski. Der einstige Chef der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka ist im Vergleich zu Lenin oder Stalin im heutigen Russland eher eine historische Randfigur. Von größerer Bedeutung als der Täter Dsershinski ist die Debatte um sein Denkmal vor dem KGB-Gebäude in Moskau – Ende Februar war sie erneut entflammt.

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Warlam Schalamow

Im heutigen Russland ist Warlam Schalamows Name nicht mehr wegzudenken aus der Erinnerung an das von Kriegen, Revolution, Terror und Gewalt zerrissene 20. Jahrhundert russischer Geschichte. 
Die Menschenrechtsorganisation Memorial machte seinen Namen auch im Moskauer Stadtraum sichtbar: Sie organisierte Straßenausstellungen und Vorträge, gab einen Stadtführer zu Schalamows Moskau heraus, und richtete im Online-Projekt Topographie des Terrors eine Schalamow-Themenseite ein. 
Mittlerweile finden sich Zitate aus seinen Werken neben denen von Alexander Solschenizyn – in großen historischen Ausstellungen. Und dies nicht nur im Moskauer Gulag-Museum, sondern auch in propagandistischen Ausstellungen, wie etwa der multimedialen Schau Von großen Erschütterungen zum Großen Sieg. 1914–1945, die vom Kulturrat des Patriarchats der Orthodoxen Kirche mit Unterstützung der Stadt Moskau in der Manege organisiert und später auf dem WDNCh-Gelände stationiert wurde. 
Eine derartige Präsenz von Schalamow im öffentlichen Raum war lange nicht selbstverständlich, sagt allerdings nur wenig darüber aus, ob und wie seine Werke im gegenwärtigen Russland gelesen werden.

Zu seinen Lebzeiten (1907–1982) litt Schalamow sehr darunter, dass seine Lyrik bis auf wenige, schmale Bändchen unveröffentlicht blieb und seine Prosa nur in den informellen Kommunikationskreisen des Samisdat kursierte. Sein Hauptwerk, die sechs Zyklen der Kolymskije rasskasy (dt. Erzählungen aus Kolyma), an dem er zwischen 1954 und Anfang der 1970er Jahre arbeitete, konnte in der Sowjetunion erst nach seinem Tod, Ende der 1980er Jahre erscheinen. Er selbst sprach früh von deren grundlegendem literarischen Neuwert. All seine Schilderungen des buchstäblich am eigenen Leibe Durchlebten führen auf die Frage hin, mit der er eine ethische und eine ästhetische Herausforderung verband: Wie konnten Menschen, die über Generationen in den Traditionen der humanistischen Literatur des 19. Jahrhunderts erzogen worden waren, Auschwitz, Kolyma, Hiroshima hervorbringen?

Den Himmel erstürmen

Dabei hatte der junge Schalamow einen anderen Traum von seiner Zukunft als Dichter. In einem Brief vom 1964 vermerkte er „Ich schreibe Gedichte seit meiner Kindheit, in meiner Jugend wollte ich Shakespeare werden oder, zumindest, Lermontow, und ich war überzeugt, die Kraft dafür zu besitzen“. Der 17-jährige, als Sohn eines orthodoxen Geistlichen in der nordrussischen Provinzstadt Wologda aufgewachsene Schalamow, bricht 1924 nach Moskau auf, um, wie er Jahrzehnte später schrieb, „den Himmel zu erstürmen“. Moskau scheint ihm alle Wege zu öffnen, um am revolutionären Aufbruch in eine neue Welt teilhaben zu können. Sei es durch die, wie er hoffte, bei Dichtern der linken Avantgarde erlernbare Schärfung des eigenen poetischen Wortes, sei es durch politisches Handeln.

Auf die Euphorie folgte schon bald die Ernüchterung: Führende Vertreter der Linken Front der Künste (LEF) wie Wladimir Majakowski, Ossip Brik oder Sergej Tretjakow, denen er sich in ihrer politischen Parteinahme verbunden fühlte, schürten jedoch durch ihre rigorose Abkehr vom herkömmlichen Dichten und Erzählen zunächst Zweifel an der Notwendigkeit von Dichtung in Zeiten des revolutionären Umbruchs. Auch seine politischen Aktivitäten, die ihn in die Reihen der linken studentischen Opposition führten, hatten für den Studenten des „sowjetischen Rechts“ an der Moskauer Universität ein gänzlich anderes, als das ersehnte Ergebnis: Erst wurde er wegen Verbergens seiner sozialen Herkunft aus der Universität ausgeschlossen, dann 1929 in einer illegalen Druckerei verhaftet und wegen „konterrevolutionärer Agitation und Propaganda“ als „sozial schädliches Element“ zu drei Jahren Haft im „Konzentrationslager“ verurteilt. Dies war auch seine erste Begegnung mit dem Gulag-System.

Überleben als Zufall

1932 kehrte er nach Moskau zurück, arbeitete als Journalist, erlebte erste literarische Publikationen. Der Neuanfang währte nur kurz: Im Januar 1937 wurde er zum zweiten Mal verhaftet. Wegen „konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit“ verurteilte man Schalamow zu fünf Jahren Haft und verbannte ihn in die Zwangsarbeitslager am Kältepol der Erde, in die fernöstliche Kolyma-Region um den gleichnamigen Fluss. Da die Region damals einzig mit dem Schiff von Wladiwostok aus erreichbar war, wurde sie im allgemeinen Sprachgebrauch einer Insel gleichgesetzt und dem übrigen Territorium als dem ‚Festland‘ gegenübergestellt. Schalamow wurde noch im Lager (Mai 1943) denunziert, der „konterrevolutionär-trotzkistischen defätistischen Agitation“ angeklagt und durch ein Militärtribunal zu weiteren zehn Jahren Lagerhaft verurteilt.

Sein Überleben im Lager hielt der Schriftsteller Warlam Schalamow für das Ergebnis glücklicher Zufälle / Foto © gemeinfrei

Sein Überleben unter extremen Bedingungen im Lager hielt er für das Ergebnis glücklicher Zufälle. Ein solcher Zufall bildet den Hintergrund der Erzählung Die Juristenverschwörung: Im Dezember 1938 verhaftete man ihn im Zusammenhang mit einer angeblichen Verschwörung und brachte ihn ins Untersuchungsgefängnis nach Magadan. Die Anklage platzte, da jene, die sie angestrengt hatten, selbst in die Mühlen des Großen Terrors gerieten.

Als Glücksfall bezeichnete Schalamow später auch seine Einweisung ins Lagerkrankenhaus. Dort konnte er sich nicht nur etwas erholen, sondern lernte auch Ärzte bzw. Arzthelfer (meist Häftlinge) kennen, die ihn fortan unterstützten. Einer der Ärzte schickte ihn 1946 auf einen Arzthelferlehrgang. Der Lehrgang bedeutete einen Wendepunkt, denn danach verbesserten sich seine Lebensbedingungen.1 Die Lagerhaft endete 1951, im November 1953 durfte er die Region an der Kolyma verlassen. Aber erst ab 1956 war es ihm erlaubt, wieder nach Moskau zurückkehren.2

Schreiben als Teilhabe am Leben

Der (Wieder-)Eintritt ins Leben war ein Schritt hin zum Schreiben. Jorge Semprúns grundsätzliche Frage „Schreiben oder Leben“ stellte sich Schalamow nie in der gleichen Weise. Leben war für ihn identisch mit Schreiben. Und Schreiben bedeutete unmittelbare Teilhabe am Leben. Er setzte sein bezeugendes literarisches Wort wider das staatlich verordnete Vergessen.

Alles, was er in den 14 Jahren Haft in den Straflagern der Kolyma-Region durchleben musste, hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt und seiner bisherigen Sicht auf den Menschen und die Welt für immer den Boden entzogen. Inhumane Bedingungen (eisige Kälte, schwere physische Arbeit bei bis zu minus 55 Grad, Hunger und Schläge) reduzierten den Menschen binnen weniger Wochen auf ein animalisches, biologisches Wesen. Die Errungenschaften unserer in Jahrhunderten gewachsenen Kultur und Zivilisation erwiesen sich als äußerst fragil.

Eingedenk dieser existentiellen Erfahrungen bedeutete für ihn jeder Versuch, das Grauen in den Lagern sprachlich zu fassen, ein doppeltes Wagnis. Einerseits hieß Schreiben über die Kolyma, sich selbst gleichsam noch einmal dem Tod auszuliefern und dem Leser die extremen negativen Erfahrungen aufzubürden, von denen dieser eigentlich überhaupt nichts wissen sollte. Andererseits ging Schreiben nach der Kolyma mit der Gefahr einher, den eigenen Authentizitätsanspruch durch literarisches „Wortgerassel“ (Schalamow) aufs Spiel zu setzen.

In der Konsequenz forderte er eine Abkehr von gewohnten Sujets und literarischen Charakteren. Darstellungsverfahren der klassischen realistischen Erzählliteratur – vor allem der russischen mit ihrem Hang zum Moralisieren – versagten aus seiner Sicht angesichts dieser Aufgabe.3

Erzählungen aus Kolyma

In seinen autobiographisch grundierten Erzählungen aus Kolyma wandte er sich poetischen Verfahren der Avantgarde (wie dem Montageprinzip) zu, verzichtete auf psychologische Charakterstudien. So wird der Einzelfall überhöht und als einer von Tausenden erkennbar. Menschen tauchen wie aus dem Nichts auf und verschwinden wieder, die meisten von ihnen spurlos, einige treten unverhofft erneut ins Blickfeld des Erzählers, aber in einer anderen Erzählung, wobei auch die Erzählerfigur durchaus eine andere sein kann. Tritt ein Ich-Erzähler auf, so unter verschiedenen Namen, vereinzelt auch unter dem des Autors. Reales mischt sich mit Fiktivem. Motive wandern von einer Erzählung in eine andere, Episoden werden mehrfach erzählt, aber aus unterschiedlichen Perspektiven, oder sie betreffen verschiedene Personen. 

Die Erzählungen aus Kolyma führen dem Leser jenen Raum der Willkür und Unberechenbarkeit vor Augen, in den der Einzelne in der Kolyma-Region geriet. Schalamow vertraute der Wirkmacht des literarischen Wortes. Erklärtes Ziel war „das Wiedererwecken des Gefühls“: Der Leser sollte nachempfinden, was geschieht, wenn sich der Mensch im Lager buchstäblich auflöst, wenn ihm Vergangenheit und Zukunft entgleiten und er sich nur noch im Jetzt an die schwächer werdende Hoffnung klammern kann, den Tag, die Stunde oder den Augenblick zu überleben. 

Es ist unbestritten, auch für Schalamow selbst, dass ihm in den Erzählungen aus Kolyma die konsequenteste Umsetzung seiner ästhetischen Maximen gelang. „Jede meiner Erzählungen“, notierte er 1971, „ist eine Ohrfeige für den Stalinismus, und wie jede Ohrfeige gehorcht sie reinen Muskelgesetzen …“

Schalamows Werk auf eine politische Abrechnung mit dem stalinistischen Terrorsystem zu reduzieren, hieße aber, die philosophische Tiefe seines Nachdenkens über den Menschen zu verkennen. Hierin liegt seine – bisweilen erschreckende – Aktualität: Und diese darf man angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht verkennen.

Aus der Erinnerung an Krieg und Terror in Russland ist sein Name nicht wegzudenken - heute ist Warlam Schalamow auch im städtischen Raum sichtbar / Foto © Alexander Spiridonow/Wikimedia unter CC BY-SA 3.0

Schalamow heute

Wie aber wird Schalamow heute in Russland gelesen, und vor allem, wer liest ihn? Das lässt sich nur schwer sagen. Seine Werke werden verlegt. In Vorbereitung ist eine zweibändige Ausgabe seiner Gedichte, die viele bisher unveröffentlichte enthält. Für Abiturienten, die sich 2018 an der Philologischen Fakultät der MGU bewerben, zählen immerhin drei Erzählungen Schalamows zur Pflichtlektüre. Dennoch sind junge Menschen bei Veranstaltungen meist kaum anwesend. Auch die anhaltenden Kontroversen um Schalamow werden eher von Vertretern älterer Generationen ausgefochten. Sie betreffen nicht nur weiterhin Schalamows literarischen wie menschlichen Streit mit Solschenizyn oder etwa seine Religiosität. In jüngster Zeit gibt es Tendenzen, Schalamows Treue zu den revolutionären Idealen seiner Jugend als Argument für eine neue Heroisierung der Sowjetepoche zu instrumentalisieren und damit ins Fahrwasser der neuen patriotischen Propaganda zu geraten.

Umso wichtiger sind alle Initiativen, die die Menschen veranlassen könnten, selber zum Buch zu greifen und seine ebenso lakonische wie berührende Prosa der Erzählungen aus Kolyma, seine Gedichte und autobiographischen Werke zu lesen.

 

1. vgl. den Band Schalamow, Warlam (2018): Über die Kolyma: Erinnerungen, aus dem Russischen von Gabriele Leupold, herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein, Berlin
2. in: Schalamow, Warlam (2007): Durch den Schnee: Erzählungen aus Kolyma 1, aus dem Russischen von Gabriele Leupold, herausgegeben und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein, Berlin
3. vgl.: Thun-Hohenstein, Franziska (2011): Überleben und Schreiben: Varlam Šalamov, Alkesanr Solženicyn, Jorge Semprún, in: Schmieder, Falko (Hrsg.): Überleben: Historische und aktuelle Konstellationen, München, S. 123-145
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