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Bystro #5: Schisma in der orthodoxen Kirche?

Ein schneller Überblick über den Wunsch der ukrainisch-orthodoxen Kirche, von Moskau unabhängig zu werden, und über die potentiellen Folgen – in fünf Fragen und Antworten. Einfach durchklicken.
 

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  1. 1. Warum will die ukrainisch-orthodoxe Kirche eigenständig werden? Und was meint „Autokephalie“ überhaupt?

    Es ist nicht so eindeutig, wer genau die Autokephalie – also die kirchliche Eigenständigkeit – möchte. Es gibt nicht die eine ukrainisch-orthodoxe Kirche, sondern drei. 
    Die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK) war bis vor wenigen Tagen die einzige, die von der Welt-Orthodoxie anerkannt war. Sie gehört zum Moskauer Patriarchat, hat jedoch offiziell aktuell keine Unabhängigkeit gefordert. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats (UOK-KP) spaltete sich 1992 von der UOK ab und forderte schon damals die Autokephalie. 
    Die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK) gibt es sogar schon seit den 1920er Jahren: Sie ist im Ausland anerkannt („kanonisch“), in der Ukraine jedoch nicht. 
    Die UOK-KP und die UAOK fordern nun gemeinsam mit vielen Gläubigen der UOK (aber eben nicht mit der UOK selbst) und vielen Politikern eine weltweit anerkannte und von Moskau unabhängige, eigenständige Orthodoxe Kirche. Dadurch wollen sie vor allem den ideologischen Einfluss aus Moskau einschränken und auf eine eigenständige Weise das geistliche Erbe der Kiewer Rus und ihre Gesellschaft gestalten. 

  2. 2. Und was stört das Moskauer Patriarchat daran?

    Die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) stört das Durchgreifen des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel in der Ukraine. Denn seit dem 17. Jahrhundert wurde die Moskauer Zuständigkeit dort immer respektiert. Nachdem Moskau seit 26 Jahren die Lage der ukrainischen Kirchen faktisch ignoriert hat, ist dieses Durchgreifen aber durchaus nachvollziehbar. 
    Nun droht der ROK großer Bedeutungsverlust: Eine unabhängige Orthodoxe Kirche in der Ukraine macht das gesamte Narrativ der Heiligen Rus fragwürdig. Der Moskauer Anspruch auf die politische, moralische und geistliche Deutungshoheit über die Ukraine (und Belarus) wird mit der Autokephalie haltlos. Das Gewicht des Moskauer Patriarchats innerhalb der Welt-Orthodoxie erklärte sich bislang daraus, dass die ROK die relative Mehrheit aller orthodoxen Gläubigen vereinte. Durch das Wegbrechen der ukrainischen Gläubigen wird auch die Bedeutung der ROK abnehmen. 

  3. 3. Kritiker werfen der Russischen Orthodoxen Kirche vor, immer mehr zum Werkzeug des russischen Staates zu werden. Stimmt das?

    Die Situation in der Ukraine zeigt, dass das Moskauer Patriarchat sich dermaßen eng mit dem russischen Staat verstrickt hat, dass es jetzt nur wenig eigenen Entscheidungsspielraum hat. Über viele Jahre und in vielen Bereichen waren sich die Interessen von Staat und Kirche einfach sehr nah und haben sich zum Teil auch ergänzt: So waren die Umsetzung der sogenannten Machtvertikale und der Stabilisierung auch im Interesse der Kirchenführung. Auch bei Feindbildern, moralischem Konservatismus sowie bei Einschränkung von Pluralität passt kaum ein Blatt zwischen Kirchenleitung und Staat. Die ROK hätte Möglichkeiten gehabt, als Mutterkirche selbst die Autokephalie der ukrainischen Kirche zu gestalten, aber eine unabhängige Kirche als Ausdruck einer unabhängigen Ukraine widerstrebt der politischen und ideologischen Linie Moskaus radikal.

  4. 4. Was bedeuten all diese Vorgänge für die Orthodoxe Kirche insgesamt?

    Es ist sicher eine große Krise für die Orthodoxie und zeigt, wie sehr ungeklärte technische Zuständigkeitsfragen sowie die Bindung an nationale Grenzen und Identitäten die Einheit der Kirche gefährden. 
    Der Ökumenische Patriarch Bartholomäus unterstützt das Streben der ukrainischen Gläubigen nach einer eigenständigen Kirche und ebnet kirchenrechtlich den Weg dafür. Deswegen hat das Moskauer Patriarchat nun den Bruch mit Konstantinopel verkündet. Dieser einseitige Bruch ist vor allem für die russischen Gläubigen außerhalb Russlands eine Herausforderung, denn sie dürfen nun nicht mehr in Kirchen des Patriarchats von Konstantinopel an der Eucharistie teilnehmen, und das obwohl es keinen Unterschied in der Glaubenslehre gibt. Sämtliche Dialoge, gemeinsame Gottesdienste und Bischofskonferenzen der orthodoxen Kirchen im Ausland werden ohne Vertreter der ROK stattfinden. Insgesamt bewegt sich die ROK damit in die Isolation. 
    Innerhalb der Orthodoxie ist allerdings nicht absehbar, ob andere Kirchen den Schritten Moskaus folgen werden, und auch das Ökumenische Patriarchat hat die Gemeinschaft mit Moskau nicht beendet.

  5. 5. Droht ein Schisma? Was genau bedeutet das, und was wäre daran so schlimm?

    Das ist schwer abzusehen, bisher ist die Drohung mit dem Schisma eher eine rhetorische Form des Machtkampfes zwischen Moskau und Konstantinopel. Grundsätzlich erfordert ein Schisma genauso wie ein Anathema (ein Kirchenbann) dogmatische Gründe. Nach wie vor geht es hier aber um technische beziehungsweise kirchenrechtliche Probleme, in der Glaubenslehre gibt es dagegen keinen Dissens. 
    Es ist zu hoffen, dass alle Beteiligten dies im Blick behalten, denn ein Schisma ist vor allem eine Tragödie für die Gläubigen sowie für die Glaubwürdigkeit der Kirche.




*Das französische Wort Bistro stammt angeblich vom russischen Wort bystro (dt. schnell). Während der napoleonischen Kriege sollen die hungrigen Kosaken in Paris den Kellnern zugerufen haben: „Bystro, bystro!“ (dt. „Schnell, schnell!“) Eine etymologische Herleitung, die leider nicht belegt ist. Aber eine schöne Geschichte.

Autorin: Regina Elsner
Veröffentlicht am: 17.10.2018

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Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint.

Im zaristischen Russland waren staatliche und geistliche Macht stark miteinander verflochten. So wurden der Herrschaftsanspruch und die Legitimität des Zaren direkt von Gott abgeleitet und der neue Zar entsprechend in festlichen Gottesdiensten in sein Amt eingeführt. Administrativ war die Kirche Teil des Staatsapparats, so wurden etwa die Personenstandsakten von der Kirche geführt. Diese Privilegierung der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) – auch gegenüber anderen Religionsgemeinschaften im multireligiösen Zarenreich – ging dabei Hand in Hand mit zahlreichen Eingriffen in innere Angelegenheiten der ROK. Maßgebliche Kreise der ROK begrüßten daher die Abdankung des Zaren im Februar/März 1917 und sahen darin die Chance für eine größere Autonomie ihrer Kirche.

In der Sowjetunion versuchten die kommunistischen Machthaber zunächst, „fortschrittliche“ Geistliche, die teils für Kirchenreformen stritten, teils auch sozialistischen Ideen anhingen, gegen „reaktionäre“ Geistliche auszuspielen, bevor der Terror in den 1930er Jahren gleichermaßen Anhänger dieser sogenannten „Erneuererbewegung“ wie auch der Patriarchatskirche traf. Trotz dieser katastrophalen Erfahrungen riefen unmittelbar nach dem deutschen Überfall die wenigen überlebenden und noch in Freiheit befindlichen kirchlichen Würdenträger zur Verteidigung des – sowjetischen – Vaterlandes auf und initiierten Spendensammlungen.

Im Herbst 1943 revanchierte sich Stalin mit einer Neuausrichtung der staatlichen Kirchenpolitik, wobei auch außenpolitische Überlegungen zur Neugestaltung Europas maßgeblich waren und der ROK, wie auch anderen Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion, eine Rolle als außenpolitischer Akteur zugedacht wurde. Dies bedeutete, dass nach den massiven Angriffen und Verfolgungen die ROK nun wiederum zu einem Instrument staatlicher Politik wurde und entsprechend gesteuert werden musste.

So wurde im Herbst 1943 – nach mehrjähriger Vakanz – die Wiederwahl eines Patriarchen forciert und zugleich ein staatlicher „Rat für die Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche“ eingerichtet, der als Vermittler der staatlichen Kirchenpolitik galt und zugleich eine Steuerungs- und Kontrollfunktion hatte. Anders als etwa in Polen oder der DDR bot die ROK aufgrund dieser spezifischen historischen Prägungen kein schützendes Dach für etwaige oppositionelle oder dissidentische Aktivitäten. Stattdessen bewegten sich christliche Andersdenkende eher in Strukturen jenseits der ROK.

Nach dem Ende der Sowjetunion erfuhr die ROK als Träger (ethnisch-) russischer Identität sowie moralischer Werte großen Zuspruch. Dem taten auch regelmäßig auftretende Skandale wenig Abbruch, die mit der zeitgleich stark wachsenden engen Verflechtung von Staat und Kirche einhergingen. So galt etwa der seit 2009 amtierende Patriarch Kirill (Gundjajew) in den 1990er Jahren als „Tabak-Metropolit“, der mit dem Verkauf zollfrei importierter Zigaretten zu Reichtum kam.1 Außerdem gehört es zum guten Ton, dass führende Politiker des Landes öffentlichkeitswirksam die Kirche aufsuchen und eigene Gottesdienste zur Amtseinführung des Präsidenten gefeiert werden. Die Russisch-Orthodoxe Kirche bietet in dieser Perspektive der Tradition des russischen Zarenreichs erneut eine nützliche Ideologie, die den Staat zusammenhält.

Vor diesem Hintergrund bewerten viele Beobachter die ukrainischen Bemühungen zu einer Loslösung von der ROK auch als eine Bedrohung für das geopolitische Selbstverständnis des Kreml. Denn mit der Einschränkung der geistlichen Deutungshoheit über die Ukraine wird auch der Anspruch des Kreml auf die eigene „Interessensphäre“ in dem Land zunehmend fraglicher.


1.Neue Zürcher Zeitung: Angekratztes Image. Patriarch Kyrill hat ein Problem
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