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Erdöl – kulturhistorische Aspekte

Erdöl war die Grundlage der Wirtschaft in der UdSSR und ist es im heutigen Russland immer noch. Metaphorisch auch als „Blut der Erde“ oder „Schwarzes Gold“ bezeichnet, gilt es nicht nur als wichtigste Energiequelle, sondern auch als Motor der Geschichte insgesamt. Ilja Kalinin über kulturhistorische Aspekte des Erdöls. 

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Iwan Iljin

Der russische Religionsphilosoph Iwan Iljin (1883–1954) gehört zu den Säulenheiligen der neuen konservativen Staatsideologie in Russland. Seine autoritäre und monarchistische Gesellschaftskonzeption wird in der Ära Putin für die Legitimierung der Vertikale der MachtDie Machtvertikale ist ein wichtiger Aspekt der autoritären Konsolidierung Russlands seit den frühen 2000er Jahren. Gemeint ist vor allem eine Rezentralisierung des föderalen Aufbaus in Form von föderaler Vertikale und Vertikalisierung der Demokratie in Form von gelenkter Demokratie. Seit Mitte der 2000er Jahre fordern konservative Politiker und Medien außerdem eine nationale Vertikale. Im multiethnischen Staat solle der russischen Ethnie die Rolle des primus inter pares zukommen, so die Forderung. eingesetzt. Iljin hatte aber auch ein gehaltvolles theologisches Werk vorgelegt, das heute von der politischen Vereinnahmung überschattet wird.

NachIwan Iljin, gemalt von Nesterow im Jahr 1921 © Gemeinfrei einem Rechtsstudium bereitete sich Iwan Iljin im vorrevolutionären Moskau auf eine Universitätskarriere vor. 1918 erschien seine Arbeit Hegels Philosophie als Lehre über die Konkretheit Gottes und des Menschen, mit der er gleichzeitig die akademischen Grade eines Magisters und eines Doktors erhielt. Nach der MachtergreifungAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. Mehr dazu in unserer Gnose der BolschewikiDie Bolschewiki (dt. etwa: Mehrheitler) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki (dt. etwa: Minderheitler) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  profilierte er sich schnell als Gegner des neuen Systems, wurde sechs Mal verhaftet und schließlich zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde jedoch nicht vollstreckt: 1922 musste er Sowjetrussland auf einem der PhilosophenschiffeAls Philosophenschiff wird eine Aktion der bolschewistischen Führung Sowjetrusslands im Jahr 1922 bezeichnet, bei der mehr als 160 russische Intellektuelle auf zwei Schiffen zwangsabgeschoben wurden. Die Aktion war Teil des von Lenin ausgerufenen Kampfes gegen sogenannte Andersdenkende.   verlassen (gemeinsam mit Nikolaj BerdjajewNikolaj Berdjajew (1874–1948) war ein russischer Philosoph mit weltweiter Wirkung. Zunächst marxistisch beeinflusst, stellte er sich noch vor der Oktoberrevolution gegen den Atheismus der Kommunisten und wurde 1922 ausgewiesen. Seine christlich-existenzialistische Philosophie stellt die Freiheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, zielt dabei aber auf eine geistige Erneuerung der Gemeinschaft. Die religiöse Rückbesinnung in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beruft sich vielfach auf Berdjajews Denken. Mehr dazu in unserer Gnose , Sergej Trubezkoi und Simon Frank). Im Berlin der Weimarer Republik begann er als Professor am Russischen Wissenschaftlichen Institut zu arbeiten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten konnte er in Deutschland nicht mehr öffentlich auftreten und publizieren.

Zum Hitlerregime hatte Iljin ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits begrüßte er den Widerstand gegen den Bolschewismus, andererseits lehnte er das totalitäre und antichristliche Gewaltregime der Nazis ab. 1938 siedelte er in die Schweiz über. Er ließ sich mit finanzieller Unterstützung des Komponisten Sergej Rachmaninow in Zollikon nieder und publizierte religionsphilosophische Schriften im rechtskonservativen Schweizer Ähren-Verlag. 1938 entwarf er eine Verfassung für einen postkommunistischen Staat, der Putins Vorstellungen recht nahe kommt.1 Der russische Präsident beschwor in seiner föderalen Botschaft am 4. Dezember 2014 den Schulterschluss von Bürgern und Staatsführung und beglaubigte die Einheit von Volk und Regierung durch ein Iljin-Zitat.

Iljin hielt eine Demokratie in Russland für schädlich: Sein Heimatland brauche eine autoritäre Staatsform, deren Legitimation sich aus der Religion und Geschichte speise. Dem westlichen Modell insbesondere der Weimarer Erfahrung einer politischen Zersplitterung hielt er das Ideal einer Monarchie entgegen.

Als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal zwischen Monarchie und Republik nannte Iljin das grundsätzliche russische Vertrauen in die Macht, die keine checks and balances2 brauche. Aus demselben Grund lehnte er auch demokratische Grundprinzipien wie eine parlamentarische Repräsentation der Wähler oder eine Vielfalt von politischen Parteien ab. Allerdings gestand Iljin dem Monarchen keine absolute Macht zu, sondern wies ihn in die Schranken des Rechts. Mehr noch: Der Monarch folge einer Berufung und einer Verpflichtung zur Herrschaft. In diesem Sinn betrachtete Iljin die Machtausübung des Herrschers als Dienst am Volk.

Im Oktober 2005 wurden – auf Initiative des konservativen Regisseurs Nikita MichalkowNikita Michalkow (geb. 1945) ist der jüngere Bruder von Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Michalkow ist ein bekannter Schauspieler und Regisseur; für seinen Film Die Sonne, die uns täuscht gewann er 1995 den Oscar. Michalkow gilt als lautstarker Unterstützer des Präsidenten Putins: So startete er 2007 mit einigen anderen Kulturschaffenden einen flammenden Aufruf an Putin, eine dritte Amtszeit als Präsident anzutreten. Die Verfassung Russlands erlaubt demgegenüber nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten. – Iljins sterbliche Überreste aus der Schweiz nach Moskau überführt und im Donskoi-Kloster erneut beigesetzt. Präsident Putin war bei dieser Zeremonie persönlich zugegen. Auch Iljins Nachlass wurde mit Mitteln des OligarchenAls Oligarchen werden Großunternehmer bezeichnet, die starken Einfluss auf die Politik nehmen. In Russland, aber auch in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen Wirtschaft und Politik sehr eng verwoben sind, stellen sie ein zentrales Charakteristikum des politischen Systems dar. Mehr dazu in unserer Gnose Viktor Wexelberg aufgekauft und der Moskauer UniversitätDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus. Mehr dazu in unserer Gnose übergeben. Mittlerweile gehört Iljin zu den kanonischen Autoren der russischen Geistesgeschichte, deren Texte beim zentralen russischen Abitur eingesetzt werden.


1.Il’in, Ivan A.: Osnovy gosudarstvennogo ustrojstva. Proekt Osnovnogo Zakona Rossii
2.Institutionelle Kontrollen zur Verhinderung von Machtmissbrauch.
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Selbstgedreht, 1987, Foto © Gennady Bodrov/The Lumiere Brothers Center for Photography (All rights reserved)