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Entstalinisierung unter Chruschtschow

Als die Kommunistische ParteiDie Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war die zentrale Machtstruktur im Einparteiensystem der Sowjetunion. Ihr Vorläufer, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, wurde 1898 gegründet. In der Zeit ihres Bestehens bis 1991 vertrat die Partei unterschiedliche Strömungen: vom (Marxismus-)Leninismus bis zum (Neo-)Stalinismus. Das Zentralkomitee (ZK) der Partei bildete das oberste Entscheidungsgremium. Das daraus gewählte Politbüro und dessen Vorsitzender – der Generalsekretär der KPdSU – war der faktisch deckungsgleiche Führungskern von Partei und Staat. im Februar 1956 im Kreml in Moskau zusammenkam, war dies der erste Parteitag nach Stalins TodDer sowjetische Diktator Josef Stalin (geb. 1878) erlag Anfang März 1953 einem Schlaganfall. Da das totalitäre Regime im höchsten Maße personalisiert war, stürzte sein Tod die Sowjetunion in allgemeine Orientierungslosigkeit. Ein Außenseiter kam an die Macht und brach drei Jahre später offiziell mit dem Personenkult um Stalin.  Mehr dazu in unserer Gnose knapp drei Jahre zuvor. Das Plenum des XX. Parteitags lauschte den Rechenschaftsberichten und anderen wegweisenden Beiträgen der Parteiführung, wählte Gremien und verabschiedete Beschlüsse. Ein letzter Vortrag des Generalsekretärs der Partei, Nikita ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew., stand am 25. Februar auf der Tagesordnung. In einer nicht-öffentlichen Sitzung vor 1436 Mitgliedern der Partei sowie einigen Hundert internationalen Gästen kommunistischer Parteien anderer Länder sprach er über Stalins VerbrechenAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose und seinen Personenkult. In der Rede thematisierte er die Parteisäuberungen, Stalins massive Fehler als oberster Kriegsherr und dessen despotische Art zu regieren. Diese Geheimrede ist ein zentraler Baustein der Sowjetepoche, die als Beginn der Entstalinisierung gilt und als TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. Mehr dazu in unserer Gnose in die Geschichte einging.

Als Chruschtschow seine Rede beendet hatte, soll tosender Applaus aufgebrandet sein. So steht es zumindest in den 1989 veröffentlichten Stenogrammen des Parteitags.1 Zeitgenossen wie Wladimir Semitschastni hingegen berichteten von einer tödlichen Stille, die anschließend geherrscht haben soll.2 So oder so hatte die Rede einschlagende Wirkung, auch als Chruschtschow wenige Tage später eine parteiinterne Veröffentlichung befahl. Jedes der über zehn Millionen Parteimitglieder wurde somit zu einem potenziellen Multiplikator der Kritik an Stalin; die Rede oder zumindest ihr Inhalt war de facto öffentlich.3

Erzählungen aus dem Lager

Die ersten Anzeichen einer Entstalinisierung zeigten sich jedoch bereits unmittelbar nach Stalins Tod. Wenige Tage nach dem 5. März 1953 erließ Lawrenti BerijaGeboren 1899 in Sochumi im heutigen Georgien (Abchasien), wurde Lawrenti Berija im Jahr 1938 zum Volkskommissar des Inneren ernannt. Ihm unterstanden die sowjetischen Geheimdienste und das Straflagersystem Gulag. Er gilt als einer der grausamsten Repräsentanten des staatlichen Gewaltapparates. Unter seiner Aufsicht wurden etwa 1,5 Millionen Menschen innerhalb der Sowjetunion deportiert, wobei hunderttausende ums Leben kamen., Chef der sowjetischen Geheimpolizei, die erste Amnestie für inhaftierte Parteimitglieder. In den folgenden Monaten kam wohl mehr als die Hälfte aller GulagDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. Read more in our Gnose -Häftlinge frei. Über eine Reintegration in die sowjetische Gesellschaft hatte sich jedoch keiner Gedanken gemacht, sodass vielerorts ein Anstieg von Diebstählen, Vergewaltigungen und Morden zu verzeichnen war.4
 
Die entlassenen Häftlinge aber brachten vor allem die Erzählungen aus den Lagern mit – haarsträubende Erlebnisse, über die zwar nicht offen geredet wurde und die nicht gern gehört wurden. Doch die Gerüchte reichten aus, damit Chruschtschow einen Vorstoß zur Aufklärung der Verbrechen wagte. Er beauftragte den ehemaligen PrawdaDie Prawda (dt. Wahrheit) ist eine russische Tageszeitung, die 1912 von Lenin aus dem Exil gegründet wurde. Sie sollte eine Zeitung von Arbeitern für Arbeiter sein und war in der Sowjetunion das Parteiorgan der KPdSU. So war die Prawda mit einer offiziellen täglichen Auflage von elf Millionen Exemplaren die größte Zeitung der Sowjetunion. Nach dem Zerfall der Sowjetunion geriet sie allerdings in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1996 eingestellt, bevor sie im April 1997 als Organ der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation unter Chefredakteur Alexander Ilin neu gegründet wurde. Seit 2009 ist Boris Komozki Chefredakteur der Zeitung.-Chefredakteur und ZKDas Zentralkomitee (ZK) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) war das eigentliche Machtorgan der UdSSR. Es bestand unter anderem aus dem Politbüro, dem Sekretariat und dem Apparat des ZK. Der Apparat bündelte zum Teil dieselben Kompetenzen wie der Ministerrat der UdSSR – die formale Regierung des Landes.-Sekretär Pjotr Pospelow mit der Gründung einer neuen Kommission. Diese sollte untersuchen, welches Ausmaß die Parteisäuberungen in den 1930er Jahren hatten. Seine Erkenntnisse nahm Chruschtschow als Grundlage für seine Geheimrede.

Rückkehr zum „Leninistischen Prinzip“

Diese zeigte bald Wirkung. Im ganzen Land diskutierten die Menschen über die Schlüsse, die sie aus der Rede ziehen sollten. Chruschtschow forderte eine Abkehr vom Personenkult Stalins, gleichzeitig setzte er LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. Mehr dazu in unserer Gnose als Gründungsvater der sozialistischen Revolution erneut gekonnt in Szene. Die Partei sollte nach Leninistischer Tradition wiederauferstehen und von Stalins Untaten unbeschädigt bleiben. Doch wie war das umzusetzen?
 
Sechs Wochen später kamen die Parteisekretäre der Unionsrepubliken zusammen und besprachen die Fragen, die ihnen auf Parteiversammlungen gestellt wurden. Was bedeutete das „Leninistische Prinzip“, wenn doch Stalin die längste Zeit die Partei und ihre Geschichte zwischen 1927 und 1953 bestimmt hatte? Warum blieben überall die Stalinbüsten und -portraits hängen? Musste StalingradDie südrussische Stadt Wolgograd ist als Stalingrad durch das Inferno im Zweiten Weltkrieg in die Weltgeschichte eingegangen, hatte jedoch im Zarenreich einen anderen Namen tatarischen Ursprungs. Heute wird versucht, wieder stärker an die sowjetische Vergangenheit der Stadt anzuknüpfen, vor allem dadurch, dass die Stadt zu bestimmten Feiertagen wieder Stalingrad heißen darf. Read more in our Gnose nun umbenannt werden? Warum druckte die Prawda nicht genaue Anleitungen, wie nun der Personenkult zu überwinden sei? Und wo machte die Überwindung des Personenkults halt, oder galt sie auch für den eigenen herrischen Fabrikdirektor?5
 
Es blieb nicht bei Fragen: Aufgebrachte ArbeiterInnen jagten tatsächlich vereinzelt Fabrikdirektoren auf die Straße, und in etlichen Städten stürzten wütende Menschen Büsten und setzten Portraits in Brand. Dem konnte die Partei nicht tatenlos zusehen und ließ solchen Protest gegen den Personenkult als Chuliganstwo (dt. „Rowdytum“) verfolgen und verurteilen.6 
Doch weit höher schlugen die Wellen in den sozialistischen Bruderländern. Im polnischen Poznan begannen im Juni 1956 ArbeiterInnen für einen politischen Kurswechsel und gegen die Mangelversorgung zu streiken. Die polnische Armee schlug die Proteste blutig nieder, 57 Menschen starben, etwa 600 wurden verletzt. Dramatischer wurde die Situation in Ungarn. Der dortige Aufstand gegen die kommunistische Partei wurde im Herbst des Jahres von sowjetischen Truppen niedergeschlagen. 2500 Menschen starben, 350 Personen wurden später als Rädelsführer hingerichtet. In der DDR fand nichts dergleichen statt – hier waren die Erfahrungen des niedergeschlagenen Aufstands vom 17. Juni 1953 noch zu frisch.7

Reformen und Begleiterscheinungen

So unbedarft die Parteiführung den Reaktionen auf die Enthüllungen der Geheimrede entgegensah, so schnell schien sie die Deutungshoheit nach wenigen Wochen wiedergewonnen zu haben. Zugute kam Chruschtschow dabei grundsätzlich das Ende der spätstalinistischen Agonie. Stillschweigend verschwanden die Schriften Stalins aus den Bibliotheken und seine Zitate aus den Zeitungen und der Fachliteratur. Die sogenannte Tauwetter-Phase erlaubte eine deutliche Liberalisierung des Kulturbereichs. Dabei war jedoch klar: Konstruktive Kritik am Personenkult war akzeptiert und gewollt, doch durfte sich daran keine generelle Kritik am sozialistischen Projekt entwickeln.
 
Gleichzeitig verfolgte Chruschtschow seit Stalins Tod eine Vielzahl von Reformprojekten, die allerdings wenig durchdacht waren. Die Wohnungsnot wollte er über eine radikale Wende im BauprogrammAuf dem Kongress der Baufachleute 1954 verordnete Chruschtschow eine radikale Umkehr, weg von neoklassizistischen Prachtbauten hin zu sparsamen Dimensionen, neuen Materialien und Großtafeln, die auf der Baustelle nur noch montiert werden mussten. Das war die Geburtsstunde der Platte. Mit seiner Wohnungsbaukampagne wollte Chruschtschow die Bevölkerung für die „Erneuerung des Sozialismus nach Stalin“ mobilisieren – und setzte eine Massenbewegung in Gang: Zwischen 1955 und 1970 zogen 132 Millionen Sowjetbürger in eine neue Wohnung. Mehr dazu in unserer Gnose bekämpfen, was zunächst zu ersten Erfolgen führte. Doch die neue massenweise Produktion billiger, vorgefertigter Bauteile war von miserabler Qualität. Einerseits konnte die Eroberung des WeltraumsDas Raumfahrtprogramm der UdSSR startete am 4. Oktober 1957 mit einem Satelliten, der später als Sputnik (dt. u. a. Weggefährte) in die Geschichte eingegangen ist. In der darauffolgenden Dekade überholte die Sowjetunion sichtbar die USA und wies viele spektakuläre Erfolge auf: Erster Mensch im Kosmos, die erste Raumsonde Richtung Mars, die Installation des ersten meteorologischen Satelliten, der erste Satellit zur Fernsehübertragung, der erste Ausstieg eines Menschen ins freie All etc. Das Raumfahrprogramm war ein starkes propagandistisches Mittel, das die Überlegenheit des kommunistischen Systems deutlich machen sollte. Gleichzeitig bedeutete das Programm auch ein Wettrüsten, an dessen Kosten nicht zuletzt die Sowjetunion zugrunde gehen sollte. Mehr dazu in unserer Gnose gefeiert und der ideologische Erzfeind USA damals noch deutlich auf den 2. Platz verwiesen werden. Doch versprochene Lohnerhöhungen blieben aus und gegen Ende der 1950er Jahre verschärfte sich der Versorgungsmangel. Andere Reformen sollten die innerparteiliche Demokratie stärken, doch nach anfänglicher Begeisterung über neue Partizipationsmöglichkeiten stellte sich alsbald Verdruss über konkurrierende Kompetenzbereiche und festgefahrene bürokratische Strukturen ein.

Das Ende des Staates

Zu guter Letzt wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion während des XXII. Parteitags 1961 der Leichnam StalinsNach Stalins Tod im Jahr 1953 wurde sein Leichnam einige Jahre neben Lenin im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau aufgebahrt. Im Zuge der Entstalinisierung ließ Chruschtschow 1961 den Leichnam aus dem Mausoleum entfernen und auf dem Ehrenfriedhof hinter dem Mausoleum begraben. aus dem Mausoleum entfernt. Die Straßen und Plätze, die seinen Namen trugen, wurden umbenannt. Auf diesem Parteitag versprach Chruschtschow auch, dass der Kommunismus zum Greifen nah sei – binnen einer Generation werde er erreicht. In dem dort beschlossenen, neu formulierten Parteiprogramm malte er aus, welche Planzahlen die sowjetische Wirtschaft in Zukunft erfüllen würde. Die Ideen von MarxEnde des 19. Jahrhunderts wurde Karl Marx in Russland zu einem der einflussreichsten Philosophen. Schon bald nach der deutschen Erstausgabe von 1867 gab es sein Kapital auch auf Russisch. Das Werk fand in Russland ein weitaus lebhafteres Echo als in Deutschland oder irgendwo sonst in Europa. Nach der Oktoberrevolution wurde ein vermeintlich texttreuer, dogmatischer Marxismus zu einer dominierenden und schließlich sogar absolut gesetzten Ideologie. Read more in our Gnose und Lenin versuchten das Programm zu konkretisieren: Am Ende des Kommunismus stehe schließlich die Abschaffung des Staates selbst; der Partei käme nur noch verwaltende Funktion zu. Ein erster Schritt sollte das Rotationsprinzip sein, in dessen Rhythmus jeder Parteiposten alle paar Jahre wechseln sollte.8
 
Damit griff Chruschtschow zwar einen kommunistischen Kerngedanken auf, aber vor allem zielte er auf die Pfründe der NomenklaturaNach der lateinischen Wortherkunft bezeichnet der Begriff ein Namensregister. Er wurde speziell in den sozialistischen Parteienstaaten verwendet für ein Register, in dem die Inhaber von Führungspositionen gelistet waren. Es hat sich aber etabliert, mit dem Begriff die Gesamtheit der Personen, also die politische und wirtschaftliche Elite der jeweiligen Länder zu bezeichnen. Das Wort wurde – oft auch abwertend – für die in sich abgeschlossene herrschende Klasse verwendet. (wobei er sich selbst dabei natürlich vornehm herausnahm).9 Diese konnte das nicht akzeptieren und reagierte. Mit Verweis auf Chruschtschows chaotischen Führungsstil, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung und nicht zuletzt die außenpolitische Beinahe-Katastrophe der Kuba-Krise setzte das Zentralkomitee ihn im November 1964 als Generalsekretär ab.
 
Doch wo 25 Jahre zuvor nachts der NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag. unliebsam Gewordene abholte, folterte, ins Lager sperrte oder erschoss, geschah nun – nichts. Das ZK-Plenum teilte Chruschtschow die Entscheidung am 14. Oktober 1964 mit und schickte ihn in Pension auf seine DatschaDie Datscha ist ein Sommerhaus im Umfeld der großen Städte. Das Wort geht auf das russische Verb dawat (dt. geben) zurück und bezeichnet ursprünglich eine „Land-Gabe“ des Zaren an den Adel. Im Unterschied zur „großen“ Urlaubsreise bewirkte die Nähe zur Stadt die spezifische Form der lockeren Geselligkeit im Austausch mit Freunden und Bekannten. Die Datscha steht seit jeher für die kleine Flucht aus Stadt und Alltag. Trotz oder wegen ihrer Randlage steht die Datscha auch oft im Zentrum der großen Politik: Von Stalin über Chruschtschow bis Gorbatschow lebte und regierte die Polit-Prominenz in ihren Staatsdatschen. Mehr dazu in unserer Gnose : „BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. Mehr dazu in unserer Gnose legte ihm die Höhe der Pensionsansprüche, die Wohnung, Datscha, Krankenversorgung, den Kantinenzugang und Autotyp fest und bat ihn, sich nicht mehr in Moskau blicken zu lassen.“10 Am Ende gelang es Chruschtschow sogar, heimlich seine Memoiren auf Tonband aufzunehmen und von der Partei unbemerkt in den Westen zu schmuggeln. War das also nun Entstalinisierung, dass die in Ungnade Gefallenen nicht erschossen wurden?11

Entstalinisierung oder Goldene Stagnation?

Auf Chruschtschows Absetzung folgte sein früherer Schützling Leonid Breshnew. Dem Netzwerker gelang binnen zwei Jahren eine Restauration der Macht- und Parteienstruktur in der Sowjetunion. Er benannte den Posten des Ersten ZK-Sekretärs zurück in Generalsekretär und vereinte diesen mit dem des Regierungschefs.
 
Breshnews Ära gilt den einen als die der StagnationDer Begriff sastoi, zu Deutsch Stagnation, meint die Periode zwischen der Absetzung des Parteichefs Nikita Chruschtschow im Jahre 1964 bis zum Beginn der Reformpolitik unter Gorbatschow im Jahre 1985. Diese Phase zeichnete sich durch fehlende politische und wirtschaftliche Dynamik aus. In der engeren Deutung wird die Bezeichnung sastoi auf die Amtszeit von Leonid Breshnew (1964–1982) angewandt. Mehr dazu in unserer Gnose , anderen als das sogenannte goldene Zeitalter der sowjetischen Geschichte. Die Versorgung der Bevölkerung stabilisierte sich auf niedrigem Niveau, doch die liberalen Lockerungen der vorangegangenen Jahre wurden wieder eingeschränkt. Zwanzig Jahre nach Kriegsende rückte auch die Erinnerung an den Sieg im Großen Vaterländischen KriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Read more in our Gnose wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Stalins Rolle (Stichwort: Generalissimus) wurde dabei sukzessive wieder positiv umgedeutet. Machtpolitisch war es ein autoritäres Patronagesystem,12 das vor allem von westlichen Beobachtern mitunter als NeostalinismusDer Terminus Neostalinismus wurde bereits Ende der 1940er Jahre geprägt und in den 1950er und 1960er Jahren dazu verwendet, die Politik sowjetischer, chinesischer und osteuropäischer Parteidiktaturen zu beschreiben. Read more in our Gnose gelabelt wurde. Doch das Günstlingsnetzwerk innerhalb der Führungselite deutet weniger auf eine Restauration des Stalinismus unter Breshnew hin, sondern „bloß“ auf ein autoritäres Regime, das sich mit Ritualen und Inszenierungen seiner selbst stetig vergewisserte und dabei den Kontakt zur Gesellschaft vollends verlor. Von einer Rückkehr des stalinistischen Terrors blieb sie verschont.

Auch wenn die Sowjetunion Zeit ihres Bestehens eine Diktatur blieb, so änderte sie nach Stalins Tod deutlich ihr Antlitz. Auch nach 1953 blieb die Repression ein wichtiges Instrument der Systemstabilisierung, doch der omnipräsente Terror und die Millionen Toten sollten der Vergangenheit angehören. Auch wenn die Chruschtschow-Zeit als Entstalinisierung gilt, fand eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den stalinistischen Verbrechen nicht statt und hat es seitdem nicht nennenswert in das kollektive Gedächtnis geschafft.


1.O kul'te ličnosti i ego posledstviach: Doklad XX s''ezdu KPSS, in: Izvestija CK KPSS (3/1989), S. 132-158. Die 1956 im Anschluss veröffentlichten Stenogramme enthielten lediglich den Titel des Vortrags: XX s''ezd kommunističeskoj partii Sovetskogo Sojuza, 14-25 fevralja 1956 goda: Stenografičeskij otčet, Tom II, Moskva 1956, S. 498 
2.Taubman, William (2005): Khrushchev: The Man and His Era, London, S. 273 
3.dazu auch: Aksjutin, Jurij (1990): Nikita Chruschtschow: „Wir müssen über den Personenkult die Wahrheit sagen“, in: Nikita Sergejewitsch Chruschtschow: Skizzen zur Biografie, Berlin, S. 40-52 
4.Dobson, Miriam (2006): „Show the Bandit-Enemies no Mercy!“: Amnesty, Criminality and Public Response in 1953, in: Jones, Polly (Hrsg.): The Dilemmas of De-Stalinization: Negotiating Cultural and Social Change in the Khrushchev Era, New York, S. 21-40 
5.Jones, Polly (2006): From the Secret Speech to the Burial of Stalin: Real and Ideal Responses to De-Stalinization, in: dies. (Hrsg.): The Dilemmas of De-Stalinization: Negotiating Cultural and Social Change in the Khrushchev Era, New York, S. 41-63 
6.ebd. 
7.vgl. 1956 and Its Legacy, in: Europe-Asia Studies 58, 8/2006 
8.Programa kommunističeskoj partii Sovetskogo Sojuza: Prinjata XXII s''ezdom KPSS 31 oktjabrja 1961 goda: Na nemeckom jazyke, Moskva, 1961 
9.Merl, Stephan (2012): Politische Kommunikation in der Diktatur: Deutschland und die Sowjetunion im Vergleich, Göttingen, S. 118-119 
10.Schattenberg, Susanne/Lehmann, Maike (2014): Stabilität und Stagnation unter Breschnew, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Sowjetunion II: 1953-1991 
11.Baberowski, Jörg (2012): Wege aus der Gewalt: Nikita Chruschtschow und die Entstalinisierung 1953-1964, in: Bielefeld, Ulrich/Bude, Heinz /Greiner, Bernd (Hrsg.): Gesellschaft - Gewalt - Vertrauen: Jan Philipp Reemtsma zum 60. Geburtstag, Hamburg, S. 401-437 
12.Oberender, Andreas (2008): Die Partei der Patrone und Klienten: Formen personaler Herrschaft unter Leonid Brežnev, in: Annette Schuhmann (Hrsg.): Vernetzte Improvisation: Gesellschaftliche Subsysteme in Ostmitteleuropa und in der DDR, Köln/Weimar/Wien, S. 57-76 
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