Interview: „Belgorod interessiert keinen“ (2/2)

Schäden an einem Belgoroder Wohnhaus durch ukrainische Drohnenangriffe im Juli 2025 / Foto © Anadolu Agency/Imago
Schäden an einem Belgoroder Wohnhaus durch ukrainische Drohnenangriffe im Juli 2025 / Foto © Anadolu Agency/Imago

Belgorod, Stadt und Region im Süden Russlands, ist Ausgangspunkt und zunehmend auch Zielscheibe im Russisch-Ukrainischen Krieg. Was Russlands Krieg gegen die Ukraine für die südrussische Grenzregion Belgorod und die dortige Bevölkerung bedeutet, verfolgt jenseits der russländischen Staatsmedien besonders detailliert der Telegram-Kanal Pepel Belgorod (dt. Asche Belgorod). Der Kanal meldet Ereignisse realitäts- und zeitnah; Zensur und Repressionen zum Trotz.

Pepel Belgorod entstand im Herbst 2022 und wächst seitdem stetig (aktuell mehr als 140.000 Abonnent:innen). Chefredakteur Nikita Parmjonow gilt in Russland als „ausländischer Agent“, lebt im Exil, koordiniert aber weiterhin das von ihm gegründete Medium und behält Belgorod im Auge.

Im Interview mit Sewer Realii reflektiert Parmjonow über die Kriegsentwicklungen und die paralysierende Kriegsmüdigkeit der Belgoroder Bevölkerung.

Das Gespräch gehört zu einem Bericht von Sewer Realii (Radio Swoboda) über den Krieg in der Oblast Belgorod. Dekoder veröffentlicht diesen in zwei Teilen.

Teil eins – Belgorod: Russlands Krieg kehrt heim (1/2)


Nikita Parmjonow, in was für einer psychischen Verfassung sind die Menschen in der Oblast Belgorod heute, Ihrer Wahrnehmung nach? Wie verstehen und interpretieren sie das Geschehen?

Generell sind sie heute alle ausschließlich mit dem Überleben beschäftigt. Tiefgründige Reflexionen, die in eine kriegsgegnerische Haltung münden würden, gibt es nicht. Die Angriffe führen nicht zu abstrakten Überlegungen – die Leute denken an ganz bodenständige Dinge: Wo sie ihr Handy aufladen können, ob es Wasser gibt, wie sie bei Drohnenangriffen ihre Kinder in den Kindergarten bringen sollen, ob die Heizung funktioniert.

Irgendwelche Fragen, die man sich vielleicht in Moskau stellt, kommen hier gar nicht auf – aus dem einfachen Grund, dass die Leute keine Kapazitäten dafür haben. Weder emotional noch zeitlich.

Mittlerweile macht sich eine sehr starke Müdigkeit breit. Sie wird zum simplen Wunsch nach einem Kriegsende – egal zu welchen Bedingungen. Ob Trumps, Selenskys oder Putins Plan – den Leuten ist es komplett egal, was für ein Plan, solange Belgorod bei Russland bleibt und die Kämpfe ein Ende haben. Auf diesem Niveau verläuft die Wahrnehmung.

Nikita Parmjonow (Telegram-Kanal Pepel Belgorod)

Was halten die Menschen angesichts der Blackouts und der infrastrukturellen Probleme von der Regionalverwaltung?

Die Blackouts erzeugen sehr viel Misstrauen gegenüber den Behörden und sorgen für Empörung. Einerseits hat sich viel aufgestaut, andererseits hängt es stark vom konkreten Handeln der Beamten ab.

Als zum Beispiel während eines Blackouts auch das Wasser abgedreht wurde und sich keiner um die Organisation von Lieferungen gekümmert hat, ist die Entrüstung, milde gesagt, ziemlich „hochgekocht“. Der Gouverneur [Wjatscheslaw Gladkow – dek] hat damals ordentlich sein Fett weggekriegt – die Leute nahmen kein Blatt vor den Mund und äußerten ihren Unmut ganz direkt.

Trotzdem hält sich das Vertrauen in den Gouverneur insgesamt, weil er vor Ort ist, weil er selber hier wohnt und genauso betroffen ist. Obwohl, wie gesagt, die Blackouts und die infrastrukturellen Probleme dieses Vertrauen untergraben – die Beschwerden werden immer mehr. Das ist eine dynamische Geschichte.

Im Großen und Ganzen sind die Leute sehr wütend und überdrüssig, und jeder neue Blackout verstärkt diesen Zustand. Als zum Beispiel verkündet wurde, dass es wegen Raketeneinschlägen in der ganzen Stadt kein Warmwasser geben würde, waren die Reaktionen sehr heftig: „Warum habt ihr diesen Scheißkrieg überhaupt angefangen?“ Putin wird regelmäßig an seine „Action“ erinnert – in der Oblast Belgorod ist das schon zur gängigen Formel geworden: „Na, wie läufts mit der Action? Vielleicht bald mal Zeit, sie zu beenden?“

Und wie nehmen die Menschen das föderale Zentrum und Moskaus Reaktionen darauf wahr, was in der Region passiert?

Dem föderalen Zentrum vertrauen die Menschen nicht, und sie erwarten sich nichts davon. Sie sehen keine Unterstützung, aber das ist ihnen im Grunde scheißegal – sie haben andere Sorgen.

Niemand hier erwartet, dass Wladimir Putin an sie denkt oder dass der Perwy Kanal einen langen Beitrag über die Probleme in Belgorod bringt. Während man sich 2022–2023 noch darüber aufregte, dass Belgorod in den föderalen Nachrichten gerade mal 30 Sekunden Sendezeit abkriegte, wissen heute alle: Belgorod interessiert keinen, und keiner wird ernsthaft darüber berichten. Daher das Gefühl, sich selbst überlassen zu sein.

Ljudi Baikala

„Alles hier ist durchdrungen von Leichengeruch“

Eine Turnhalle in der russischen Region Burjatien: Angekündigt ist die Trauerfeier für einen Soldaten, in der Halle stehen aber vier Särge. Das Lokalmedium Ljudi Baikala recherchiert zu toten russischen Militärs aus dem Krieg gegen die Ukraine – trotz harter Zensurgesetze. Und fragt auch: Bewirken die eintreffenden Särge ein Umdenken bei den Menschen in Russland?

In Gesellschaft von

Pepel ist eines der wenigen, wenn nicht das einzige Medium, in dem man Informationen über Belgorod lesen kann, die von der offiziellen Linie der Regierung abweichen. Wie stehen die Belgoroder zu Ihrem Medium? Gilt Pepel nicht als „Verräter“?

Die Propaganda wirkt sehr stark. Der Gouverneur sagt öffentlich, dass wir westlichen Geheimdiensten zuarbeiteten. Das behauptet er in seinen sozialen Medien, die zu den wichtigsten regionalen Informationsquellen gehören.

Angriffe gibt es täglich: Man beschuldigt uns, „Raketen zu lotsen“, und so weiter. Ein mächtiger Schwall an Desinformation, der bestimmt eine Menge Leute gegen uns aufbringt.

Doch zugleich gibt es das paradoxe Phänomen, dass unser „ausländisches AgentenmediumPepel eine wichtige Informationsquelle für die ganze Region ist. An erster Stelle stehen die offiziellen Kanäle des Gouverneurs, dann kommt der starke Propaganda-Kanal Shest Belgorod (dt. etwa: Krass Belgorod), und an dritter Stelle stehen wir.

Wir verzeichnen ein hohes Maß an Vertrauen. Pepel genießt echte Autorität: In etlichen Fällen haben unsere Publikationen zur Entlassung von Beamten geführt; wir können auf konkrete Probleme der Menschen während des Kriegs Einfluss nehmen.

Unsere Leser sind Soldaten, Z-Publikum, Liberale, Leute ohne ausgeprägte Haltung, Beamte, Polizisten. Eigentlich die ganze Oblast. Wir sind in der Region das einzige Medium, das weiter wächst. Die großen Regionalsender bekommen pro Jahr einen Zuwachs von ein paar Tausend Zuschauern, wir haben allein seit Jahresbeginn 30.000 neue Abonnenten. Dieser Trend hält an. Und das sagt einiges über das Vertrauen uns gegenüber aus. Außerdem lesen uns viele auch ohne Abo, weil sie Angst haben.

Wie kommen Sie trotz Zensur und Repressionen an Informationen? 

Die politischen Repressionen sind bei uns genauso wie überall sonst in Russland, ich würde nicht sagen, dass sie grundsätzlich strenger sind. Es gibt jedoch eine wichtige Besonderheit: Der FSB hat es durch den unkontrollierten Waffenumschlag in der Oblast Belgorod leichter. Viel Militär, viel Waffenhandel, und die Silowiki haben gelernt, politische Gerichtsverfahren zu fabrizieren, indem sie einem Sprengkörper, Waffen, Patronen unterschieben. Solche Prozesse sind schnell verhandelt, die Angeklagten bekommen echte Haftstrafen.

Es gibt auch Repressionen gegen Aktivisten und Freiwillige, die während der Rückeroberung der Oblast Charkiw ukrainischen Zivilisten halfen, durch den Grenzübergang Kolotilowka (der mittlerweile zerstört ist) in die Ukraine zu gelangen: Zu den bekanntesten Fällen gehören Alexander Dimidenko, der in der Untersuchungshaft Selbstmord beging, und Nadeshda Rossinskaja, die wegen Landesverrat verurteilt wurde.

Sonst gibt es in der Region praktisch keinen Aktivismus mehr. Keine Proteste, keine unabhängigen Medien, alles unterliegt der Zensur. Alternative Meinungen existieren einfach nicht, daher braucht es auch keine Massenrepressionen.

Aber wir setzen unsere Arbeit fort. Wir haben unsere Leute hier und da – ich darf nicht sagen, wie viele und wer sie sind, aber es gibt sie, und sie helfen uns nach wie vor. Bewohner von Belgorod – aus der Verwaltung, Krankenhäusern, der Polizei, dem Militär oder der Energiewirtschaft. Sie arbeiten nicht direkt für Pepel, aber liefern uns regelmäßig Informationen. Dank ihnen gibt es uns immer noch, und dank ihnen können wir tun, was wir tun.

Bukowyna

Zwischen Front und Fakes

Russlands Krieg stellt den Journalismus in der Ukraine vor existenzielle Probleme. Chefredakteur Wadym Pelech von der Lokalzeitung Bukowyna aus Tscherniwzi fasst die Lage ukrainischer Medienschaffender 2025 zusammen. 

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