Dossier

Archipel Gulag-FSIN

Der Strafvollzug war eine tragende Säule des sowjetischen Staates. Und er ist es für die Staatsmacht im heutigen Russland und Belarus.

Sein Aufbau, die Kontroll-, Überwachungs- und Bestrafungsmechanismen, der Umgang mit politischen Häftlingen, die allgemeinen Haftbedingungen bis hin zu Zwangspsychiatrie und Zwangsarbeit … – die Liste der Kontinuitäten ist lang.

Die Gefängnisse und Strafkolonien Russlands prägen die russische Gesellschaft. Seit Jahren machen russische Strafvollzugsanstalten immer wieder durch Folterskandale von sich reden.

Russlands Krieg gegen die Ukraine verändert die Struktur des Gefängnissystems FSIN (Föderaler Strafvollzugsdienst): In Russland selbst werden Kriegsgegner schon für kritische Meinungsäußerungen inhaftiert, jedoch verurteilte Verbrecher zum Kriegsdienst mobilisiert. In den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten und den angrenzenden russischen Oblasten wachsen bestehende und entstehen neue Straflager für Widerständler und Kriegsgefangene.

Spätestens seit den von Lukaschenkos Sicherheitskräften zerschlagenen Protesten gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen 2020 sind die Gefängnisse des DIN (Abteilung [des Innenministeriums] für Strafvollzug) auch in Belarus das Kernstück des Repressionsapparates. Tausende wurden seit 2020 aus politischen Gründen festgenommen. Unter den aktuell inhaftierten 1300 (Stand Ende Januar 2025) politischen Gefangenen sind auch namhafte Persönlichkeiten wie Maria Kolesnikowa und Viktor Babariko. Selbst deren Anwälte werden verfolgt. Sie alle instrumentalisierte Lukaschenko jüngst für seine „Wahl-Show“ 2025. Einige wurden entlassen, andere Regimegegner verhaftet, bekannte politische Gefangene präsentierte man nach fast zwei Jahren ohne Lebenszeichen der Öffentlichkeit.

Wie funktionieren diese postsowjetischen Haftsysteme? Wie sind sie entstanden und wie entwickeln sie sich in der Gegenwart? Dieses Dossier ergründet den „Archipel Gulag-FSIN“ – unterstützt von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.


  • Unmoral als System

    Eigentlich sollte Politik auf menschlichen Werten basieren, die russische Politik speist sich aber aus der Ablehnung solcher Werte – meint Andrej Archangelski und sucht nach dem Ausstieg aus diesem Widerspruch.  

    In Politik von

  • Entfesselte Gewalt als Norm

    Irpin, Butscha, Mariupol … Die beispiellose Gewalt, die die russische Armee auf dem Gebiet der Ukraine sät, so schreibt der Historiker Sergej Medwedew auf Holod, hat ihre Wurzeln in der russischen Gesellschaftsstruktur.(Archiv-Text vom Juni 2022)

    In Gesellschaft von

  • „Man hat das Gefühl, das Leben eines Menschen ist nichts wert“

    Russland überzieht die Ukraine mit einem Krieg, der zerstörte Städte, tausende Tote, Verletzte, Hunger und Leid bedeutet. Viele russische Soldatenmütter fragen sich, ob ihre Söhne daran beteiligt sind, denn die russische Führung hält sich mit Informationen zu den Soldaten meist bedeckt. Ein Interview mit dem Komitee der Soldatenmütter über mütterliche Ohnmacht und die eingeschränkten Möglichkeiten zu helfen.

    In Gesellschaft von

  • Gnose

    Memorial

    Memorial ist eine unabhängige, international aktive russische Menschenrechtsorganisation mit zahlreichen, teils eigenständigen Zweigstellen und Organisationen. Ihre Ziele sind die historische Aufarbeitung politischer Repressionen und soziale Fürsorge für Überlebende sowjetischer Zwangsarbeitslager (Gulag) sowie die Wahrung und Durchsetzung von Menschenrechten in Russland. 2016 als „ausländischer Agent“ gebrandmarkt, 2021 von Russlands Oberstem Gericht aufgelöst. Am 9. April 2026 von Moskau als „extremistische Organisation“ eingestuft.

    Von

    Zehntausende unterstützten die Unterschriftenaktion zur Gründung von Memorial und die damit verbundene Forderung nach einem angemessenen Gedenken / Foto – Kundgebung in Moskau 1988/© Archiv Memorial Moskau, M1_141a
  • „Ich soll dich mit allen Mitteln brechen“

    Immer wieder wird von Misshandlungen in russischen Gefängnissen berichtet. Nun gelangten Videos an die Öffentlichkeit, die auch eine mutmaßliche Vergewaltigung in einem Gefängniskrankenhaus in Saratow zeigen. Drastische Szenen von Folter und Gewalt beschreibt außerdem ein ehemaliger Häftling in einem Augenzeugenbericht, den Mediazona veröffentlicht hat – der meistgelesene Text im Russland-dekoder 2021.

    In Gesellschaft von

  • Gnose

    Gulag-Literatur

    Die Erzählung Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von Alexander Solschenizyn markierte 1962 den Beginn der öffentlichen Auseinandersetzung mit Stalinismus und Gulag. Die Tauwetterperiode währte jedoch nur kurz, erst im Zuge der Perestroika bekam man aus den literarischen Zeugnissen der politischen Repressionen ein umfassendes Bild über die Verbrechen des Stalinismus. 

    Von

  • Operation Entmenschlichung

    Solschenizyn, Schalamow, Limonow – das ureigen russische Genre Gefängnis- oder Lagerliteratur ist reich an Beispielen. Auch Oleg Senzow gehört dazu, er wurde im Herbst 2019 aus einem russischen Gefängnis entlassen und schreibt über Gefängnisse im Norden – errichtet einzig, um die Menschen zu brechen.

    In Gesellschaft von