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Iwan Turgenjew

Der Literaturkritiker und Sozialist Dimitri Pissarjew kochte nach der Lektüre von Turgenjews Roman Rauch („Dym“, 1867) vor Wut. Er fragte den Autor, warum die russische Gesellschaft in dem Werk aus dem Blickwinkel eines zivilisierten Europäers bewertet werde – und nicht aus dem eines radikalen russischen Nihilisten, dessen Bild Turgenjew in seinem vorangegangenen Großwerk Väter und Söhne („Otzy i Deti“, 1861) geschaffen hatte: „Sie stellen sich zwecks Übersicht und Orientierung auf diesen kleinen, kümmerlichen Ameisenhaufen, während Ihnen ein baumlanger Kerl zur Verfügung steht, den Sie ja selbst entdeckt und beschrieben haben.“ Turgenjew antwortete für seine Verhältnisse ungewöhnlich kategorisch: „ … ich habe meines Erachtens keinen ganz so kleinen Haufen ausgesucht, wie sie behaupten. Vom Gipfel der europäischen Zivilisation aus kann man wohl auch ganz Russland überblicken.“
Die europäische Zivilisation war für Turgenjew bei der Beschreibung Russlands der wichtigste Bezugspunkt und die russische Kultur ihr essentieller Bestandteil.

ПО-РУССКИ

In den Biografien der meisten großen russischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts wimmelt es vor eindrucksvollen Ereignissen: Puschkin und Lermontow waren in den kaukasischen Kriegen und beide starben im Duell; Dostojewski wäre beinahe erschossen worden und kam dann in die Strafkolonie, Tolstoi nahm in jungen Jahren am Krimkrieg teil, im Alter wurde er zum Begründer einer eigenen religiösen Lehre. Iwan Turgenjew (1818–1883) wirkt vor diesem Hintergrund blass, sein Leben langweilig und ereignisarm.

Langweilige Biografie

Turgenjew studierte lange in Russland und in Deutschland, arbeitete kurze Zeit als kleiner Beamter und widmete sich danach fast ausschließlich der Literatur. Er machte keine weiten Reisen, schlug sich nicht in Duellen, war nicht Teil irgendwelcher Geheimbünde.

Sogar Konflikte mit der Regierung waren bei Turgenjew unkompliziert und nicht weiter interessant: Wegen seines Nachrufs auf Gogol, in dem der verstorbene Schriftsteller nach Meinung des Zensors übertrieben gelobt wurde, wurde Turgenjew wegen Umgehung der Zensur verhaftet und auf sein Gut Spasskoje Lutowinowo verbannt. Später interessierte sich die Regierung für die Kontakte des inzwischen im Ausland lebenden Schriftstellers mit politischen Emigranten. Turgenjew wurde verhört – schlimme Folgen hatte dies jedoch nicht.

Auch das Werk Turgenjews gilt häufig als weniger brilliant als das von Tolstoi oder Dostojewski. Der Schriftsteller Turgenjew ist eher zurückhaltend und versucht nicht, dem Leser seinen Gedanken aufzudrängen.

Und dennoch ist Turgenjew einer der größten Schriftsteller der Mitte des 19. Jahrhunderts – wohl die Blütezeit der russischen Prosa. Sein Werk ist sehr breit und umfasst Arbeiten beinahe aller Genres dieser Epoche: Er schrieb Gedichte (darunter Nebliger Morgen, grauer Morgen(„Utro tumannoje, Utro sedoje“), das zu einem der wichtigsten russischen Kunstlieder wurde), Poeme, Essays, Erzählungen, Komödien, Erinnerungen. Turgenjews berühmteste Werke sind seine sechs Romane, in denen es vorwiegend um das Leben der russischen Gesellschaft seiner Zeit geht: Rudin (1856), Das Adelsnest („Dworjanskoje Gnesdo“, 1858), Am Vorabend („Nakanune“, 1859), Väter und Söhne („Otzy i Deti“, 1861), Rauch („Dym“, 1867) und Neuland („Now“, 1878).

Nihilist, überflüssiger Mensch und Turgenjewsches Mädchen

Eines der wichtigsten Themen in den Werken Turgenjews ist das Aufeinanderprallen von Individuum, Gesellschaft und Geschichte. In Turgenjews Prosa erkannte sich die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wieder – Literaturkritiker schrieben über seine Protagonisten gewöhnlich sofort wie über reale Menschen. Einzelne Wörter und Wendungen aus seinen Werken finden bis heute Verwendung, um charakteristische gesellschaftliche oder psychologische Typen zu bezeichnen, die sich in dieser Epoche herausgebildet haben. Das berühmteste ist das Wort „Nihilist“, das in dem Roman Väter und Söhne verwendet und umgehend zum Gegenstand wildester Polemik wurde.

Es war derart aktuell, dass es lange Zeit benutzt wurde, um jeden beliebigen politischen Radikalismus zu bezeichnen. Als beispielsweise Zar Alexander II. von revolutionären Terroristen ermordet wurde, wurden sie von den erschütterten russischen Journalisten „Nihilisten“ genannt, das Wort Terrorist gab es damals noch nicht.
Turgenjew bezeichnete Menschen als Nihilisten, die alle in der Kultur verankerten Konventionen und Übereinkünfte ablehnen. Der Hauptheld seines Romans Väter und Söhne, der Adelige Jewgeni Basarow, wendet keine Zeit auf, um sich anständig anzuziehen, höflich Konversation zu betreiben, schwierige romantische Gefühlszustände durchzumachen, den Normen seines Standes zu entsprechen – Basarow strebt danach, etwas real zu tun und versucht, für sich eine entsprechende Betätigung zu finden. Unter den historischen Bedingungen im Russland des 19. Jahrhunderts ist das eine überaus schwierige Aufgabe, wie sich zeigt.

Eine anderer Turgenjewscher Begriff ist der „überflüssige Mensch“, der erstmals in seiner Novelle Tagebuch eines überflüssigen Menschen („Dnewnik lischnego Tscheloweka“, 1849) auftaucht und der offenbar wichtig ist für das Verständnis der meisten von Turgenjews Protagonisten.
Der „überflüssige Mensch“, der mit Bildung, Empfindsamkeit und einem großen Hang zur Güte ausgestattet ist, ist dem Nihilisten erstaunlich ähnlich: Er versucht, im Leben eine praktische Betätigung, starke Gefühle oder eine moralische Grundlage zu finden, ist dazu aber nicht fähig, angesichts der historischen Umstände und angesichts dessen, wie unvorbereitet er ist.
Wobei der „überflüssige Mensch“ in keiner Weise schwach und faul sein muss. Mit diesem Begriff charakterisiert Turgenjew zum Beispiel seinen nahen Bekannten Michail Bakunin, einen Revolutionär und Mitbegründer des Anarchismus, der dem Protagonisten des Romans Rudin in vielem ähnelt.

Wie viele seiner Zeitgenossen war Turgenjew offen für die Ideen der Emanzipation. Das beeinflusste viele seiner Frauenfiguren, die innerlich unabhängig und stark waren und gleichzeitig entsprechend ihrem eigenen sehr strengen Moralkodex lebten. In der russischen Kritik werden sie oft als „Turgenjewsche Mädchen“ bezeichnet.

Obere Reihe (v.l.n.r.): Lew Tolstoi, Dimitri Grigorowitsch; untere Reihe (v.l.n.r.): Iwan Gontscharow, Iwan Turgenjew, Alexander Drushinin, Alexander Ostrowski

Existentialist des 19. Jahrhunderts

Wie auch viele andere Schriftsteller seiner Zeit, schrieb Turgenjew ständig über den Tod, aber auch das tat er auf seine Art. Turgenjew versuchte nicht, über das Hier und Jetzt hinauszuschauen, zu beschreiben, was ein Sterbender fühlt oder sieht (wie Tolstoi das oftmals tat, zum Beispiel in Der Tod des Iwan Iljitsch („Smjert Iwana Iljitscha“, 1886)), oder geradeheraus zu sagen, was den Menschen nach dem Tod erwartet (wie das die Helden von Dostojewski und der Autor selbst tun). Der Tod von Turgenjews Helden ist oftmals absurd und fast zufällig.
Insarow, der Protagonist in dem Roman Am Vorabend, widmet beispielsweise sein gesamtes Leben dem Streben, Bulgarien von der türkischen Herrschaft zu befreien, und stirbt an Tuberkulose, noch bevor er in Bulgarien angekommen ist.

In diesem Punkt ähnelt Turgenjew gar nicht so sehr seinen Zeitgenossen als vielmehr den Existenzialisten des nächsten Jahrhunderts: Für ihn ist nicht das Sterben als solches wichtig und auch nicht das, was danach kommt – vielmehr geht es ihm um die prinzipielle Endlichkeit der menschlichen Existenz, mit der die Helden irgendwie umgehen müssen. Entsprechend ist in Bezug auf die Helden nicht wichtig zu wissen, was genau sie im Sterben erleben, sondern, ob sie die Kraft in sich finden, sich ihre Sterblichkeit einzugestehen und mit diesem Wissen zu leben.

Turgenjew baut die Handlung seiner Werke gewöhnlich um Liebesbeziehungen seiner Protagonisten herum, und es scheint, als sei das Wichtigste in seiner Prosa die Liebe. Allerdings finden wir bei ihm fast kein bourgeoises Entzücken und durch das Liebesgefühl hervorgerufene Rührseligkeiten. Wahrscheinlich deswegen hat Leopold von Sacher-Masoch ausgerechnet in Turgenjews Beschreibungen von Liebesgefühlen Inspiration gefunden.

Turgenjews Prosa ähnelt keinem Melodram starker Leidenschaften. Die Liebe ist in seinen Werken eine große Kraft, aber eine eher beängstigende Kraft. Interessant an der Liebe findet Turgenjew gar nicht so sehr, was seine Helden erleben, fühlen oder an Emotionen durchmachen, sondern eher das Aufeinanderprallen des Menschen mit dem Irrationalen, sich jenseits seines Verstehens Befindlichen.
Liebe und Tod hängen für den Autor auf merkwürdige Art zusammen. Und diese Verbindung wird in einigen Werken, besonders in den späten Novellen, wie zum Beispiel Klara Militsch, fast als übernatürlich, und in anderen als alle gesellschaftlichen Regeln und Normen sprengend behandelt.

„Unverbesserlicher Westler“

In der künstlerischen Welt Turgenjews sind Geschichte, Liebe und Tod gewaltige übermenschliche Kräfte, angesichts derer der Turgenjewsche Protagonist versucht, er selbst zu bleiben.
Die Unabhängigkeit der Persönlichkeit, die versucht, die innere Würde zu bewahren, galt zu Zeiten Turgenjews als offensichtlich „westliches“ Problem. Für die gebildete russische Gesellschaft war zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein Ideen-Konflikt konstitutiv: zwischen den Slawophilen, die die Idee eines russischen Sonderwegs vertraten und den Westlern, die Russland als Teil der europäischen Welt verstanden. Turgenjew zählte sich eindeutig zu den Letzten.
Für seine betonte Treue gegenüber den westlichen Werten wurde Turgenjew oft kritisiert. Auch er selbst bezeichnete sich unverhohlen als „unverbesserlichen Westler“. Gleichzeitig verspürte der Schriftsteller manchmal das Bedürfnis, Europa aus einem russischen Blickwinkel zu betrachten. Dabei war sein Blick nicht immer begeistert. In Erinnerungen des Literaten Wladimir Sollogub ist eine Anekdote überliefert, in der Turgenjew darüber erzählte, wie er in einen englischen Klub mit einer unglaublich prüden Dienerschaft geriet: „Mich packte plötzlich eine dermaßene Wut, dass ich so laut es ging mit der Faust auf den Tisch haute und wie ein Verrückter losbrüllte:

‚Redka! Tykwa! Kobyla! Repa! Baba! Kascha! Kascha!‘“ (dt. „Rettich! Kürbis! Stute! Rübe! Weib! Grütze! Grütze!“) 

Diese grob und hart klingenden einfachen russischen Wörter klangen dem Schriftsteller mit einem Mal vertrauter als die gesamte englische Zivilisation.

Mittler zwischen Russland und Europa

Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte Turgenjew hauptsächlich im Ausland: In Deutschland (vor allem in Baden-Baden) und in Frankreich (in Paris und Bougival), wo er darauf aus war, die Rolle eines besonderen Mittlers zwischen Russland und Westeuropa zu erfüllen.
In dieser Zeit führte er einen umfangreichen Briefwechsel, unter anderem mit englischen, französischen und deutschen Schriftstellern und Übersetzern sowie mit russischen Literaten und Kritikern. 18 Bände seines Gesamtwerks stellen diese Briefwechsel dar, mehr als die Vielzahl seiner künstlerischen Werke zusammengenommen.

Turgenjew empfahl Werke aus der russischen Literatur zur Übersetzung in westeuropäische Sprachen, machte Vorschläge, wie der eine oder andere Ausdruck in andere Sprachen zu übertragen sei. Gleichzeitig unterstützte er russische Übersetzer und übersetzte selbst aus dem Französischen, unter anderem die Werke von Flaubert.
Auch dank Turgenjew wurden viele Werke aus der westeuropäischen Literatur in russischen Zeitschriften gedruckt und gelesen. Sein umfassendes Wissen half Turgenjew, diese Rolle zu erfüllen: Er verfolgte aufmerksam die neue Literatur auf Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch. 

Man kann sagen, dass Turgenjew tatsächlich über die gesamte Dauer seines literarischen Schaffens ein solcher Mittler war. Nicht umsonst heißt einer der wichtigsten Artikel Turgenjews, der viel über sein Werk erklärt, Hamlet und Don Quichote. Hierin heißt es, dass die literarischen Protagonisten und realen Menschen in jeweils unterschiedliche sozialpsychologische Typen einzuteilen seien, die aus Shakespeare und Cervantes entliehen sind.

Diese ganz eigene Position als Mittler zwischen Russland und dem Westen hat das  Schaffen des Schriftstellers stark geprägt: Die russische Gesellschaft sah sich in seinen Werken durch das Prisma der westeuropäischen Literatur und Kultur.


In der Gnose wurde ein Ausschnitt aus dem Kunstlied Utro tumannoje, utro sedoje, gesungen von Dimitri Chworostowski, zitiert. 
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