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Wladimir Majakowski

Mindestens vierfach lebensgroß blickt Wladimir Majakowski als bronzenes Denkmal über das tägliche Treiben zu seinen Füßen. Sechs Jahrzehnte steht er nun schon im Zentrum Moskaus. Alles an ihm zeigt Elan, die Hände, die legeren Hosen, das offene Jackett, bei aller Mächtigkeit – ein lässiger Dichter-Titan, der hier auf ewig bereit scheint, den „Großen OktoberAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang.“ zu preisen. Mitte der 1930er Jahre, als Majakowskis posthume Kanonisierung und endgültige staatliche Vereinnahmung ihren Anfang nahm mit Stalins Statement „Majakowski war und bleibt der beste, der begabteste Dichter unserer Sowjetepoche“, hatte man den Platz nach dem Dichter benannt. 1958 dann bekam der zum Klassiker erklärte „Sänger des Kommunismus“, der selbst als radikaler Denkmalstürzer angetreten war, dort sein Standbild.

Der reale Prototyp des Bronzegiganten allerdings war bei Platzbenennung und Denkmalerrichtung längst ohne Mitspracherecht. Schon Monate bevor er unter seine Lebensgeschichte den immer wieder angekündigten „Kugel-Punkt“ setzte,1 hatte der auch international äußerst populäre Kulturbotschafter der jungen Sowjetunion an der Richtung zu zweifeln begonnen, in die sich das von ihm so enthusiastisch begrüßte Gesellschaftsexperiment bewegte. Am 14. April 1930 nahm sich der erst 36-Jährige in Moskau das Leben.

Der „unmarxistische“ Freitod

Der „unmarxistischeEnde des 19. Jahrhunderts wurde Karl Marx in Russland zu einem der einflussreichsten Philosophen. Schon bald nach der deutschen Erstausgabe von 1867 gab es sein Kapital auch auf Russisch. Das Werk fand in Russland ein weitaus lebhafteres Echo als in Deutschland oder irgendwo sonst in Europa. Nach der Oktoberrevolution wurde ein vermeintlich texttreuer, dogmatischer Marxismus zu einer dominierenden und schließlich sogar absolut gesetzten Ideologie.“ Freitod war nicht das einzige Problem, das der Dichter für die anlaufende stalinistische Propagandamaschinerie Ende der 1920er Jahre darstellte. Schon in den Monaten zuvor hatten die ideologischen Hardliner begonnen, Majakowski den Erfolg, seine Privilegien, seine Frauengeschichten offen zu neiden. Er war nicht länger die Nummer Eins, sondern auf einmal nur ein angeblich ideologisch zweifelhafter Mitläufer. Ins Ausland durfte er schon im Herbst 1929 nicht mehr reisen. Die „Bärtigen“ (Majakowski) hatten ihm ihre Gunst entzogen und seine Ausstellung zum 20-jährigen Werkjubiläum Anfang 1930 ignoriert, mit der er sich noch einmal als treuer Stoßarbeiter auf Parteilinie hatte beweisen wollen.2

Erste Ahnungen möglicher SäuberungenAls Stalinsche Säuberungen wird die unter Stalin durchgeführte Repressionswelle gegen mutmaßliche Regime-Feinde bezeichnet. Allein während des Großen Terrors – Höhepunkt der Säuberungswelle – wurden in den Jahren 1937/38 Schätzungen zufolge rund eineinhalb Millionen mutmaßliche Feinde verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, man geht jedoch davon aus, dass etwa 700.000 Menschen exekutiert wurden. Insgesamt fielen den Stalinschen Säuberungen drei bis 20 Millionen Menschen zum Opfer. streiften den Dichter. Keine der Geliebten konnte ihm aus der Einsamkeit helfen, und die innere Krise verschärfte sich. Nicht nur der Dichter, auch seine Dichtung war längst in die Kritik geraten. Das Idol der Revolutionsjahre sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, unverständlich für die Massen zu sein, selbst sein Publikum begann ihn anzugreifen. Böse Stimmen wurden laut, die ihm einen mythengeeigneten Freitod nahelegten. Mit den Errungenschaften des Futurismus, für die Majakowski stand, war unter der ab 1927 etablierten Alleinherrschaft Stalins kein neuer Staat mehr zu machen.

Zukunftsstürmer

Dabei hatte die Karriere des Dichters genau damit begonnen: Eine neue, revolutionäre Dichtkunst sollte in eine gerechte, eine sozialistische Zukunft führen! Geboren am 19. Juli 1893 im georgischen Dorf Bagdady, war der 13-jährige Gymnasiast nach dem plötzlichen Tod des Vaters mit Mutter und Schwestern nach Moskau gekommen. 1910 nimmt der junge Rebell erst einmal ein Studium der Malerei auf und trifft unter den Kommilitonen den Maler und Dichter David Burljuk. Über ihn findet er Anschluss an die Moskauer Futuristen-Kreise und wird Mitglied in der „linksten“ der literarischen Gruppierungen, der Gruppe Gileja (Hyläa-Gruppe), deren Kopf Welimir Chlebnikow ist und die David Burljuk organisiert. Sie nennen sich Budetljane (dt. etwa „Zukünftler“) und propagieren in der aktuellen Kampfarena diverser avantgardistischer Richtungen den Kubofuturismus. Ende 1912 gibt die Gruppe den Band Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack heraus, in dem Majakowski sein Debüt als Dichter hat.Wladimir Majakowski  / Foto © Kommersant/Archiv

Geschichte sollte der Band vor allem aber mit dem dort abgedruckten, gleichnamigen Manifest machen: Die Kubofuturisten forderten, sich radikal von der literarischen Tradition loszusagen und die Klassiker Puschkin, DostojewskiFjodor Dostojewski (1821–1881) gehört zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern. Viele seiner Werke gelten als Klassiker der Weltliteratur, etwa Die Brüder Karamasow, Verbrechen und Strafe oder Der Idiot. Mit seinen erzählerischen Perspektiven, die verschiedene Interpretationen erlauben, entwickelte er eine allgemeine Charakteristik des modernen Romans. und TolstoiLew Tolstoi (1828–1910) war einer der bedeutendsten Schriftsteller der russischen Literatur. Sein literarisches Schaffen umfasst drei große Romane (Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung), viele Erzählungen, Dramen und religionsphilosophische Traktate. Während er in der Literatur als von allen geliebter Superlativ gilt, wurde seine religiöse Lehre stark kritisiert und ihm selbst Moralismus und Utopismus vorgeworfen. vom Dampfer der Gegenwart zu stoßen. Auf deren Platz hatte es in der Folge vor allem einer der jungen Zukunftsstürmer, der Autor der Gedichtsammlung Ich, abgesehen. Dessen erstes Bühnenstück hatte in typischer futuristischer Selbstüberhöhung Wladimir Majakowski geheißen.

Sprache der Straße

In Majakowskis Dichtung kollidiert das Alte mit dem Neuen, das Etablierte mit dem Exkludierten, Worte „kullern“ aus dieser Welt „heraus wie nackte Nutten / aus flammenden Freudenhäusern“ (Wolke in Hosen, Übersetzung: Alexander Nitzberg). Der junge Dichter, der zu Beginn der 1910er Jahre lautstark Furore machte, arbeitete mit dem Sprachmaterial, das auf der Straße lag. Er hörte und sah, er „las“ die moderne Großstadt wie ein Buch (An die Ladenschilder, „Man lese in Büchern vom Stahle!“, Übersetzung: Alexander Nitzberg), allerdings eine vom tödlichen Ende der überkommenen Epoche affizierte Lektüre.

Im Gedicht Einige Worte über mich selbst (1913), das mit dem provokativen Vers einsetzt „Ich liebe es, zu sehn wie Kinder sterben“, ist es ein „Sarg-Buch“ im „Lesesaal der Straßen“, in dem der Dichter das Schreckbild der Stadt des anbrechenden 20. Jahrhunderts entziffert. Reklame, elektrisches Licht, neue Fortbewegungsmittel und andere technische Neuerungen, Geschwindigkeit und Gewalt, der Aufstand der Dinge – das alles inszenieren sprachlich ungewöhnlich, in formal innovativer Vers- und Strophenform, aber vor allem in den unkonventionellen Bildern die frühen Gedichte Majakowskis.

Deutsch
Original
Die Hölle der Stadt haben Fenster zerschlagen
In klitzekleinen Höllchen, noch säugend vom Licht.
Rothaarige Dämonen, bäumten sich die Wagen
Und ballerten Hupen am Ohr ganz dicht.
[…]
In den Brüchen der Hochhäuser mit glühendem Erz
Und eisernen Säulen von Zügen rief
Ein Flugzeug jäh und fiel abwärts,
wo der verwundeten Sonne das Auge auslief.

(Die Hölle der Stadt, 1913, Übersetzung: Alexander Nitzberg)

Адище города окна разбили
на крохотные, сосущие светами адки.
Рыжие дьяволы, вздымались автомобили,
над самым ухом взрывая гудки.
[...]
В дырах небоскребов, где горела руда
и железо поездов громоздило лаз —
крикнул аэроплан и упал туда,
где у раненого солнца вытекал глаз.

(Адище города, 1913)

In dieser Hölle hilft auch die Liebe nur für eine gewisse Zeit, und so ist Majakowski im Leben wie in den Gedichten ein großer, aber immer zerrissener Liebender: „Die Liebe ist das Leben, ist das Wesentliche. Aus ihr entfalten sich die Verse, die Taten und alles Übrige. Die Liebe ist das Herz des Ganzen“, notiert er Anfang 1923. Da hatte er in großer Verzweiflung die berühmten Liebespoeme für Lilja Brik verfasst. In ihr wollte er die Liebe wie in einer Bank bewahren, den „Herzklumpen“ zu schwer, um ihn wieder zurückzunehmen, und doch wohnt selbst in der Liebe der Tod immer schon gleich um die Ecke.

Deutsch
Original
Apostelgleich
will meine Liebe ich predigen,
komm ich auf tausend Straßen gezogen,
und dich mit der zeitlosen Krone entschädigen
drin mein Poem aufzuckt als Regenbogen.
[…]
Weh mir!
jetzt rasch zum nächsten Kanal,
ihm meinen Kopf in den Rachen zu stecken.

(Wirbelsäulenflöte, 1915, Übersetzung: Kurt Drawert)

Любовь мою,
как апостол во время оно,
по тысяче тысяч разнесу дорог.
Тебе в веках уготована корона,
а в короне слова мои —
радугой судорог.
[…]
Теперь
такая тоска,
что только б добежать до канала
и голову сунуть воде в оскал.

(Флейта позвоночник, 1915)

Am Ende sind es andere aus den „randlosen Reihen meiner Geküssten“, die ihn in die Verzweiflung treiben. Keine aus dem „Dutzend Frauen“, wie er sein nicht realisiertes autobiographisches Romanprojekt nennen wollte, konnte ihm die Familie sein, die er so suchte.3

In der Menge der heulenden Spießbürger

Und immer wieder verspottet der Dichter die Spießbürger, die „Besitzer von Badezimmern und geheizten Klosetten“, die „Weiberhelden, Fresssäcke“, überhaupt die Alltagsroutine, die Norm, die Welt von gestern. Die gewaltige Publikumsbeschimpfung Vam! (dt. Euch!, 1915) klagt die hedonistischen Bohemiens und satten Bürger an, es sich auf Kosten der Soldaten des Ersten WeltkriegesRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. bequem zu machen. Die Zuhörer reagierten erschüttert, die Damen fielen „sogar in Ohnmacht“, wie Anna AchmatowaAnna Achmatowa (1889–1966) war eine russische Dichterin und Übersetzerin. Sie gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Gedichte werden zur Stilrichtung des Akmeismus gezählt. Ihr Schlüsselwerk, das Poem Rekwijem (dt. Requiem), ist auch Widerhall ihres tragischen Lebens: 1921 wurde ihr früherer Ehemann, der Dichter Nikolaj Gumiljow (1886–1921), hingerichtet, ihr dritter Ehemann Nikolaj Punin (1888–1953) wurde mehrmals inhaftiert und starb 1953 im Lager. Ihr einziger Sohn, der Historiker Lew Gumiljow (1912–1992), hat mehr als zehn Jahre im Lager verbracht. einen legendären Rezitationsabend im Cabaret Streunender Hund im Februar 1915 erinnert. Nur Majakowski blieb ruhig, während es um ihn schrie und heulte: „[...] unbeweglich rauchte er eine riesige Zigarre … Ja. So habe ich ihn in Erinnerung behalten, sehr gut aussehend, sehr jung, einer mit großen Augen, in der Menge der heulenden Spießbürger“.4


Und immer wieder verspottet der Dichter die Spießbürger, die Alltagsroutine, die Norm, die Welt von Gestern. Wladimir Majakowski als Schauspieler im Film Baryschnja i chuligan (dt. Die Dame und der Hooligan, 1918)

Majakowski selbst lebte alles andere als ein spießbürgerliches Leben. Nachdem man ihn als unzuverlässiges Element nicht hatte in den Krieg ziehen lassen, siedelt der Dichter 1915 in die damalige Hauptstadt PetrogradDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt. über, wo er auf Lilja und Ossip Brik trifft, mit denen er eine ungewöhnliche Beziehung eingehen wird. In Ossip Brik findet Majakowski seinen frühen Impressario und Freund. Mit ihm gibt Majakowski Anfang der 1920er Jahre die Zeitschrift LEF heraus. Das Organ der Linken Front der Künste ist eines der wichtigsten der damaligen Zeit, hier erscheint zum ersten Mal Majakowskis großes Poem über die Liebe Pro eto (dt. Darüber, 1923), Alexander RodtschenkosAlexander Rodtschenko (1891–1956) war ein sowjetischer Maler, Fotograf und Grafiker. Er gilt als einer der Begründer des Konstruktivismus und als Urvater der sowjetischen Grafik und Werbung. Rodtschenkos Kunst wurde auch zu Propagandazwecken eingesetzt. Später fiel er in Ungnade: So war er 1951–1954 aus der sowjetischen Künstlervereinigung ausgeschlossen – wegen seiner angeblichen „Abkehr vom Sozialistischen Realismus“. Fotomontagen werden hier gedruckt, Sergej EisensteinsSergej Eisenstein (1898–1948) war ein sowjetischer Regisseur und wurde bereits zu Lebzeiten zum Klassiker. Der Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin (1925) begründete seinen Ruhm. Zu seinen wichtigsten Filmen zählen außerdem Oktober (1927–28), Alexander Newski (1938) und der unvollendete Iwan der Schreckliche (1945–1948). Obwohl Eisenstein unter starkem Druck durch die politische Führung und Zensur stand, gilt er bis heute als Visionär der Filmgeschichte. Theorie der Attraktionsmontage, Isaak BabelsIsaak Babel (1894–1940) war ein Schriftsteller und Journalist. Neben seinem vielbeachteten Band Die Reiterarmee publizierte er viele kleinere Texte. 1940 fiel Babel den Stalinschen Säuberungen zum Opfer. Er wurde hingerichtet, und seine Werke wurden verboten. Nach der Rehabilitation im Jahr 1954 wurden viele seiner Bücher wieder neu aufgelegt. Erzählungen über BudjonnysSemjon Budjonny (1883–1973) war während des Großen Vaterländischen Krieges Marschall der Sowjetunion – bis 1945 oberster militärischer Rang der Sowjetunion (mit der Einführung des Rangs Generalissimus für Stalin rutschte der Rang in der Hierarchie auf den zweiten Platz). Bereits nach dem Bürgerkrieg (1917–1922/1923), dessen Verlauf Budjonny mit prägte, wurde seine Figur zu einem gängigen Propaganda-Motiv: Bis in die 1970er Jahre wurde sein Name in zahlreichen Liedern, Filmen und Büchern zur Heroisierung der Sowjetarmee genutzt. Budjonny wurde dreimal als Held der Sowjetunion ausgezeichnet.  Reiterarmee.

Mindestens so wichtig an der Begegnung mit den Briks aber ist Ossips Ehefrau Lilja. Sie wird für ein Dutzend Jahre die Frau, auf die hin Majakowski sein Leben ausrichtet und der er die meisten seiner Gedichte widmet, ob agitatorische Großdichtung oder intimes Liebesgedicht. Zu dritt leben die Briks und Majakowski zuerst in Leningrad, dann ab 1919 in Moskau und werden mit ihrem freizügigen Beziehungsmodell zum Sinnbild der neuen sozialistischen Moral der frühen 1920er Jahre. Die für eine kurze Zeit öffentlich diskutierte sexuelle Revolution wird allerdings bald von repressiven Modellen abgelöst,5 die aus der freien Liebe eine einzige Liebe für den großen Vater der Völker machten.

Eine ungewöhnliche Beziehung – Majakowski (rechts) mit Ossip und Lilja Brik / Foto © Kommersant Archiv

Sprachrohr der Masse

Enthusiastisch verschrieb sich Majakowski 1917 den revolutionären Ereignissen. Seine Dichtung war von nun an ein Hohelied der Industrialisierung, Staudämme und Fabriken, der neuen Gesellschaftsordnung und ihres Anführers LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen. . Er hatte in seinen Versen seit dem „Roten Oktober“ die Matrosen und andere Revoluzzer weltweit „links, links, links“ marschieren lassen und seine Dichterperson, Lenin und die Sowjetinsignien in vielen tausend Verszeilen hymnisch gepriesen.

Deutsch
Original
Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!
Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst …
Woll’n den Schinder zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!

(Linker Marsch, 1918, Übersetzung: Hugo Huppert)

Разворачивайтесь в марше!
Словесной не место кляузе.
Тише, ораторы!
Ваше
слово,
товарищ маузер.
Довольно жить законом,
данным Адамом и Евой.
Клячу историю загоним.
Левой!
Левой!
Левой!

(Левый марш, 1918)

Um die Massen für das neue Regime zu gewinnen, reist der Dichter durch das Land, gefeiert von Fabrikarbeitern und der Jugend. Zigtausende strömen zu seinen Lesungen. Im revolutionären Agitationskampf macht sich der „Schreihals-Offizier“ (Aus vollem Hals, 1930) zum Sprachrohr dieser Masse, den 150 Millionen, wie im gleichnamigen Poem.

Deutsch
Original
150 000 000
heißt dieser Dichtung Meisterverfasser
Geschoßrhythmus
Reime wie Flammen.

(150 000 000, 1921, Übersetzung: Alfred E. Thoss)

150 000 000
мастера этой поэмы имя.
Пуля — ритм.
Рифма — огонь из здания в здание.

(150 000 000, 1921)

Notiert ist 150 000 000, wie viele Gedichte dieser Periode, in der für Majakowski typischen „Treppen-Form“, die als instrumentierte Partitur den deklamatorischen Duktus samt Pausen und Betonung vorgibt.

Sein graphisches und dichterisches Talent in Kombination stellte Majakowski noch auf andere Weise in den Dienst der Sache. In Moskau begann er 1919 für die Revolutionäre Nachrichtenagentur Sowjetrusslands ROSTA zu arbeiten. Anstelle der Leere in den Auslagen brachte man damals große Plakate in den Schaufenstern der staatlichen Geschäfte an, hergestellt von Hand und mit Hilfe von Schablonen lithographisch vervielfältigt. In Bildergeschichten wurden mit diesen sogenannten ROSTA-FensternROSTA-Fenster war eine Serie von zumeist satirischen Propaganda-Plakaten, die in den Jahren 1919–1921 von Künstlern der sowjetischen Nachrichtenagentur ROSTA herausgebracht wurde. Die lakonischen Plakate thematisierten vor allem aktuelle Ereignisse und dienten der Volksaufklärung. Sie waren oft im Stil der russischen Avantgarde gestaltet und wandten sich an ein Publikum, das zumeist nicht lesen konnte.   tagesaktuelle Nachrichten, politische Losungen und die neue Moral unter das in weiten Teilen des Lesens noch unkundige Volk gebracht. Mehr als 3000 solcher comicartigerComics waren in der Sowjetunion allgemein als ein feindliches Phänomen diskreditiert. Die sowjetische Kultur war allerdings voll mit Bildern, Karikaturen und Comicstrips, die als Propaganda und Kinderliteratur kursierten. Eine eigenständige russische Comic-Industrie war erst nach der Perestroika möglich; sie entwickelte sich jedoch nur schleppend. Dies hing einerseits mit der mangelnden Nachfrage zusammen, andererseits mit alten Vorurteilen gegenüber Comics. Neben Comics mit westlichen und japanischen Stilmerkmalen entwickelten sich in Russland spezifische Genres, wie zum Beispiel die dokumentarisch-journalistische Graphic Reportage Panels hat Majakowski gezeichnet und getextet.6 Er definierte damit nicht nur den „revolutionären StilDie Oktoberrevolution markierte eine Zäsur in der Kunstproduktion Russlands und anderer Regionen des ehemaligen Russischen Reichs. Viele avantgardistische Künstler engagierten sich für die bolschewistische Revolution. Sie verarbeiteten das Thema in ihrer Kunst, stellten ihr Schaffen in den Dienst des staatlichen Agitprop und betätigten sich aktiv in der Kulturpolitik. Andere Künstler sahen dagegen mit der Revolution ihre Schaffensgrundlage gefährdet und emigrierten ins westliche Ausland.“ der avantgardistischen Plakatkunst, er stand auch an den Wurzeln der sowjetischen Reklame. Hunderte von Werbesprüchen pro Jahr für staatlich produzierte Artikel wie Nudeln, Autoreifen oder Babyschnuller verfasste er: „Für Magen, Leib und Geist das Drumherum, Du kriegst es bestens alles im GUM“ oder „Gelöst die Weltprobleme, wie Sie’s gern hätten, mit den besten am Ort – Diplomatenzigaretten“.7

Sowjetischer Dandy

Auch sich selbst hat Majakowski von Anfang an zum Markenzeichen gemacht. Als junger Dichter noch war er „Futurist mit der gelben Bluse“, einem auffällig gelb-schwarz gestreiften Blouson, der Schrecken aller auf Etikette erpichten Türsteher im vorrevolutionären Russland gewesen. Lilja Brik hat dem „schönen, finster blickenden jungen Mann mit dem Bass eines Protodiakons und den Fäusten eines Boxers“ (Boris Pasternak) dann nicht nur Zähne verpasst, sondern auch aktiv an seinem Image eines sowjetischen Dandys mitgearbeitet. Und während seine avantgardistischen Mitstreiterinnen Warwara Stepanowa und Ljubow Popowa dabei waren, für den neuen sowjetischen Alltag aus den erhältlichen Materialien ein angemessenes konstruktivistisches Design zu entwerfen, kaufte der Dichter unter Anleitung der ihn umgebenden Frauen seine britischen Wollpullis, teuren Lederschuhe und pastellfarbenen Hemden auf den zahlreichen Auslandsreisen in den Pariser Boutiquen Grande Chaumière, Old England und in Übersee.8

„Auch mir wächst die Agitpropkunst zum Halse heraus …“

Der ästhetische Umstürzler, der Kämpfer gegen Spießbürgertum und Alltagskonventionen, der mit seinem Dichten den Plan des Alltags verwischen wollte, war dabei, sich im Dickicht von Anforderungen, Normen und Bequemlichkeiten eines neuen Establishments zu verlaufen. Schon 1922/23 im Poem Darüber, an dem er nach einem Zerwürfnis mit Lilja Brik über Wochen arbeitete, beschrieb Majakowski die Gefahr, der „Schindmähre Alltag“ zu erliegen:

Deutsch
Original
Werde starr im Erkennen,
plattgedrückt, still.
Schneide Phrasen nach dem Radauschnitt zu.

(Darüber, 1923, Übersetzung: Alexander Nitzberg)

Застыл в узнаваньи,
расплющился, нем,
фразы крою́ по выкриков выкройке.

(Про это, 1923)

Im letzten seiner Gedichte wird er noch deutlicher werden:

Deutsch
Original
Mir hängt
zum Halse
der Agitprop. […]
Ich aber
zügelte
mich,
bin grob
meinem Lied
auf die Kehle getreten.

(Aus vollem Hals, 1930, Übersetzung: Alexander Nitzberg)

И мне
агитпроп
в зубах навяз, […]
Но я
себя
смирял,
становясь
на горло
собственной песне.

(Во весь голос, 1930)

Boris Pasternak erklärte sich Majakowskis Freitod aus einer unerträglichen Einsicht: „weil er in sich […] etwas verurteilte, mit dem sich seine Eigenliebe nicht abzufinden vermochte.“9 Und so mag die Verszeile im Abschiedsbrief Majakowskis „das Boot meiner Liebe am Alltag zerschellt“ nicht nur das persönliche Drama meinen, sondern auch das der gescheiterten Utopie und ihres glühenden Verkünders.


Wladimir Majakowskis Stimme:

A wy mogli by (dt. Und könnten Sie?)

Posluschajte (dt. Hören sie zu)


1.Schon im Prolog seines Hits von 1915 Die Wirbelsäulenflöte hatte Majakowski sein emotionales Panorama in ganzer Bandbreite zwischen Zukunft und Vergangenheit aufgespannt. In direkter Nachbarschaft heißt es da: „Immer öfter denk ich – ob’s nicht besser wär’, einen Kugel-Punkt an sein Ende zu böllern. (…) Erinnerung! (…) Schmücke die Nacht mit gewesenen Hochzeitsfeiern. Von Körper zu Körper fließe Lust. Niemand soll diese Nacht versäumen. Ich spiele heute die Flöte just / auf meiner Wirbelsäule.“ (Übersetzung: Karl Dedecius)
2.Gillen, Eckhart (Hrsg., 1976): Majakowski – 20 Jahre Arbeit [Katalog], Berlin: „[…] daß nicht bloß der Achtstundentag, sondern der Sechzehn- und der Achtzehnstundentag für den Poeten gang und gäbe ist, wenn er die ungeheuren Aufgaben lösen will, die jetzt vor unserer Republik stehen. Ich habe zu zeigen, daß wir momentan keine Zeit zum Ausruhen haben, weil wir Tag für Tag mit unserer Feder werken und wirken müssen.“
3.sh. Bykov, Dmitrij (2016): 13-j apostol: Majakovskij: Tragedija-buff v šesti dejstvijach, Moskva, S. 124
4.Arzamas.academy: Achmatova i Majakovskij: vragi ili druzja?
5.Karasik, Michail/Kharmsizdat (Hrsg., 1997): Sovetskij ėros 20–30-ch godov: Sbornik materialov., Sankt-Peterburg
6.Bykov, S. 389
7.zit. nach Plessix Gray, Francine du (2008): Majakowskis letzte Liebe, Berlin, S. 31
8.Majakovskij „haute couture“: iskusstvo odevat’sja [Katalog] Moskva, 2015
9.Pasternak, Boris (1959): Über mich selbst: Versuch einer Autobiographie, (Übersetzer: Reinhold von Walter). Frankfurt a. M., S. 68
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