
Benz, Gucci Cap, Knarre in der Hand: Der ukrainisch-deutsche Musiker Capital Bra rappt über Wladimir Putin, dessen Macho-Image sich perfekt in die Welt des Gangsterrap einfügt. Der Song Wladimir Putin hat sowohl auf Spotify als auch auf YouTube über zehn Millionen Aufrufe – mehr als die drei Singleauskopplungen des Albums, auf dem der Song 2016 erschienen ist. Schon zwei Jahre zuvor kommentierte Kollegah in seinem Lied Der Putin Putins Krieg in der Ostukraine: „Ich kann tun und lassen, was ich will, suka-bljat / Was will die UNO machen? / Ich hab’ Superwaffen und die sind feuerbereit / Gib mir ‘nen Freundschaftsbeweis / Oder die Spätaussiedler stimmen ab und Deutschland ist meins.“
Der Kremlchef ist längt zum beliebten Protagonisten im Rap geworden – und genießt da auch außerhalb Russlands zweifelhaftes Ansehen.
Schon sehr früh bemüht sich Putin darum, die Hip-Hop-Szene unter seine Kontrolle zu bringen: 2018 lädt der Kreml Rapper zu einem runden Tisch mit Duma-Abgeordneten ein und fordert sie unverhohlen zur Selbstzensur auf, was sogar den beiden anwesenden, eher Putin-freundlichen Musikern Ptacha und Schigan missfällt.
Vorausgegangen waren dem Treffen reihenweise Schikanen gegenüber kremlkritischen Rappern. Polizei und Geheimdienste setzten Veranstalter unter Druck, geplante Konzerte abzusagen. Wer daraufhin in eine andere Halle auswich, dem wurde der Strom abgedreht. Als sich der Rapper Husky über ein solches Vorgehen hinwegsetzt und auf ein Auto steigt, um von dort aus für sein Publikum zu rappen, wird er verhaftet. Zahlreiche Künstler fordern mit einem Benefizkonzert Huskys Freilassung.
Mit solchen Aktionen bewirkte der Kreml das Gegenteil von dem, was er erreichen wollte. Der Nachrichtensender CNN formuliert treffend: Putins Kampf gegen den Rap bringt Russlands Hip-Hop-Künstler nur näher zusammen.
Plötzlich Putin? – eine Rap-Lyrics-Analyse
Jener runde Tisch war dann für die russische Rap-Szene der Höhepunkt einer langen Auseinandersetzung zwischen der Subkultur und dem Kreml. Schon vor 2018 erwähnten Rapper im In- und Ausland Putin häufig in ihren Lyrics, seither avanciert der russische Staatschef aber geradezu zum Dauerbrenner für Hip-Hop-Texte. Stimmen und Kontexte könnten dabei unterschiedlicher kaum sein.
Für die folgende Analyse wurden 91 Rap-Songs ausgewertet, in denen Wladimir Putin vorkommt. Neben russischen und deutschen Liedern wurden auch solche aus Polen, Belarus, der Ukraine und anderen europäischen Staaten sowie Australien berücksichtigt. Die Auswahl erfolgte per Schlagwortsuche auf gängigen Streaming-Seiten und einer Lyrics-Suchmaschine. Daraus ergab sich ein umfassendes Bild aller Rap-Songs, die in Sprachen mit kyrillischem und lateinischem Alphabet verfasst und im Internet zu finden sind.
Demnach erschien 2006 der erste Rap-Track, der Putin erwähnte. Der russische Künstler Guf erinnert sich an das Jahr 2000 und rappt in Mein Spiel, einem gemeinsamen Track mit Basta:
Ich schau Nachrichten, Putin ist gerade an die Macht gekommen / Und plötzlich heißt es: „Nehmen Sie doch bitte Platz, hallo.“
Das lyrische Ich verbindet seine überraschende Zwangseinweisung in die Psychiatrie mit Putins Amtseintritt – und konnotiert den russischen Präsidenten somit negativ.
In den folgenden sieben Jahren erscheinen insgesamt elf Tracks von russischen Rappern, die Putin in ihren Texten kritisieren. Dazu gehören neben einem weiteren Lied von Basta und Guf (2010) auch Songs von Vitya Classic (2009), Noize MC (2010, 2012 und 2013), 25/17 (2011), Krovostok (2012) und Gamora (2012). Auch zwei nicht-russische Rapper sprechen in diesem Zeitraum über Putin. UNNV (Ubity No Ne Vami) aus Belarus rappen in What the Fuck (2010):
Malinowka, Süden, Westen, Kyjiw, Schewtschenko-Boulevard / Wir breiten uns aus ohne Verbote, aber das ist verboten / Gestern hat Wolodja Putin zurückgerufen, verdammt besoffen war der.
Zwei Jahre später rappt das Deutschrap-Duo Ćelo und Abdï in Parallelen, einem gemeinsamen Track mit Haftbefehl:
Parallel dazu unterzeichnet Putin / Parallel dazu Unschuldige bluten, / verhungern und verdursten, viele, die umkommen.
Das Lied erscheint in einer turbulenten Zeit: 2012 war Präsidentschaftswahl in Russland, ein Sieg Putins bereits im Vorfeld erwartet worden. Die russische Zivilgesellschaft protestiert auf dem Bolotnaja-Platz, im Februar wird die Band Pussy Riot für ihren Auftritt in einer Moskauer Kirche verhaftet. Putin lässt die Demonstrationen niederschlagen, erklärt den Westen zum Schuldigen und vollzieht damit eine außenpolitische Wende hin zur Konfrontation.
Die Gewaltbereitschaft des russischen Staatschefs kumuliert 2014 im Überfall auf die Krym. Seitdem taucht Putin als Sujet auch im ukrainischen Rap auf. Der Kyjiwer Rapper und YouTuber CheAnD veröffentlichte im selben Jahr das zweisprachige Video Ich, der Patriot, in dem er sich erst auf Ukrainisch und dann auf Russisch direkt an Putin wendet. Das Video hat rund 680.000 Klicks auf YouTube gesammelt:
Ich hab versucht, mich in diesen Krieg nicht einzumischen, / Aber du, Putin, versteh doch das Problem, / Du kannst die Ukraine und die ganze Welt nicht besetzen, / Mit einem Messer im Bauch wirst du wie Hitler enden.
Zwischen 2016 und 2021 springen neben weiteren Rappern aus Belarus und der Ukraine – wie Chaz Guapo mit Popuskalowo und Yung Lev mit Putin – die polnischen Künstler Solar, Białas, Beteo, Quebonafilde und TOMB in ihrem gemeinsamen Track Wladimir Putin auf den Trend auf.
Rappen gegen den Staat
In Russland etabliert sich derweil Noize MC als starke Stimme gegen Putins zunehmend autoritären Kurs. Mit Ne Nado Bylo (dt. Wäre nicht nötig gewesen) und Come $ome All veröffentlicht er kurz hintereinander zwei Lieder gegen Putin. In beiden vergleicht Noize MC den Kremlchef mit sowjetischen Diktatoren und prangert die Krym-Annexion an als Versuch, die UdSSR wiederherzustellen. Bis zur russischen Vollinvasion in der Ukraine folgen von Noize MC noch drei weitere einschlägige Lieder.
Doch Noize MC ist nicht der Einzige aus dem Hip-Hop-Milieu, der sich in Russland gegen das Regime stellt. Die Rapper Slava KPSS und Husky treten – letzterer insbesondere nach seiner Verhaftung – kritisch hervor. In Sedmoje Oktjabrja (Re-Work) (dt. Siebter Oktober (Re-Work)) bereitet Husky anlässlich Putins 67. Geburtstags 2019 dessen kriminelle Vergangenheit in der Sankt Petersburger Unterwelt der 1990er Jahre auf. Das Video hat heute über 7,3 Millionen Views und zeigt den Verwesungsprozess eines Putin-Porträts. Die Idee ist angelehnt an den Roman Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde, in dem der Protagonist einen teuflischen Pakt eingeht: Er erwirbt ein Porträt von sich, das ihm das Altern und die Zeichen seiner Sünden abnimmt. Während Dorian Gray immer grausamer wird und dabei jugendlich und schön bleibt, verkommt das Porträt zu einer hässlichen Fratze und Gray verbannt es in den hintersten Winkel seines Dachbodens.
Diese Entwicklung spiegelt sich nicht nur visuell, sondern auch inhaltlich in Sedmoje Oktjabrja wider, denn die benannten Ereignisse aus Putins Vergangenheit können als Aufzählung seiner Sünden verstanden werden. In Verbindung mit dem verwesenden Bild entsteht eine Analogie, die darauf hinweist, dass Putin sich seinen Glanz – angeblich bestätigt durch wahnwitzige Wahlergebnisse – nur erschlichen hat und seine Verbrechen vertuscht werden.
Im Jahr darauf folgen zwar mit Na tschto ja drotschu (dt. Worauf ich mir einen runterhole) und Luzifer zwei Songs, die Putin kritisieren. Dennoch befürwortet Husky die Annexion ukrainischer Ostgebiete durch Russland und gibt Konzerte sowohl auf der annektierten Krym als auch im besetzten Donezk.
Anders als Husky – dessen Songs oft düstere, sphärische Klänge unterlegen – begleitet Slava KPSS in Anarchoputin seine zynischen Lyrics mit einem fröhlich tanzbaren Beat:
Als all die tollen Ideen sich als Mist erwiesen, / Als der Modernismus verreckte, an einer Plastiktüte erstickte, / Sagten wir: „Anarchoputin, erwache!“ / Die Ordnung brauchen wir nicht mehr.
„Im Tanktop aus dem Fitnessstudio direkt zum Präsidenten“
Mit Ponty (dt. Flexen), einem Track des Rappers Timati, passiert 2013 ein Stimmungswandel im russischen Rap. Unverhohlen heißt Timati dort Putins homophobe Politik gut:
Und sollen sie mich doch für konservative Ansichten kritisieren. / Ich bin froh, dass Putin die Gay-Parade verboten hat! / Ich bin ein reines Phänomen, wie Schnee auf Jamaika / Im Tanktop aus dem Fitnessstudio direkt zum Präsidenten!
Herrschten bis 2013 negative Töne gegenüber dem russischen Präsidenten vor, scheint dieser nun einige Künstler um sich geschart zu haben. Die Rezeption ist gut: Das Video zu Ponty wurde auf YouTube bisher über 77 Millionen Mal angeschaut.
Beliebt wird Putin als Protagonist für Rap-Songs nun auch im Ausland: 2014 kommt er zum ersten Mal in einem Track außerhalb des ehemaligen sowjetischen Raums vor. Die Zagreber Crew KUKU$ und ihr Lied Putin erreichen sogar ohne ausgefeiltes Video bei YouTube über 970.000 Views. In den Lyrics der kroatischen Rapper erscheint Putin als der ultimative Warlord, was am Ende eine Hommage an sein machohaftes Verhalten und seine aggressive Außenpolitik ist:
Ich bin oberkörperfrei – Wladimir Putin / Du schweigst und arbeitest, / Du arbeitest und schweigst, / Panzer, Uzis – Wladimir Putin, / Auf der Krym, in Georgien – Wladimir Putin, / Ich töte einen Bären – Wladimir Putin, / Ich liebe Medwedew – Wladimir Putin, / Ich bin Wladimir Putin, / Komm her, damit ich dich erschieße / […] / Wladimir Putin für immer, keine Regierung, / KUKU$, High5, ich herrsche hier, 36 / Versace, Versace, Givenchy und Prada, / Wladimir Putin bis zum Weltuntergang, ja!
Rapper bauen Putin nun verstärkt in ihre patriarchalen Weltbilder ein: Alle vier der 2015 erschienenen Rap-Songs, die den russischen Präsidenten thematisieren, bewerten ihn darin positiv. Der bärenreitende Gewaltherrscher fügt sich perfekt in die Kultur des Battle-Rap ein, deren Teilnehmer Autorität oft über Sexismus, Homophobie und Brutalität einfordern.
Auf diese Weise ist auch der Mythos Kollegah entstanden. Der hessische Rapper steht im deutschsprachigen Raum für Misogynie und Antisemitismus, Putin ist in Kollegahs Lyrics ein wiederkehrendes Sujet. So rappt er in Der Putin aus der Perspektive des Kremlchefs:
Es ist Wladimir Putin, gegen mich war Stalin ‘ne Pussy.
In Kalter Krieg zeichnet der Rapper das glorifizierte Bild eines Mafiabosses als stereotypisch russisch, preist den KGB, „Weiber aus Wolgograd“, einen „Nobelpuff Moskowskaja“ und lässt nach der ersten Hook sogar Dimitri Medwedew per O-Ton zu Wort kommen, der die Rückkehr Putins ins Präsidentenamt 2012 kommentiert:
„Unser Kandidat liegt zuversichtlich in Führung, und ich habe keinen Zweifel daran, dass wir gewinnen werden.“
Im selben Jahr erscheinen auch in Russland drei pro-Putin Tracks: VladiMir mit Pismo Presidentu (dt. Brief an den Präsidenten), Karmanny Kasach (dt. Hosentaschenkasache) von Sqwoz bab und Go Hard Like Vladimir Putin von AMG K. King und Beni Maniaci. Letzterer sticht heraus: K. King und Beni Maniaci sind ein kenianisch-simbabwisches Rap-Duo, das Anfang der 2000er nach Russland gezogen ist. Ihr Song geht viral, viele veröffentlichen in Internet-Flashmobs ihre eigenen Versionen, in denen sie ihr Kind singen lassen, das Lied cool mit Sonnenbrille performen oder in auffälligen Kostümen dazu tanzen. In einem Interview mit BBC Trending erzählen die Interpreten, das Lied solle aufbauend sein: „Im Leben musst du dich anstrengen, um deine Träume und Ziele zu erreichen. Und die einzige Person, die uns eingefallen ist, die das wirklich tut – war Wladimir Putin“, sagt King. Maniaci fügt hinzu: „Ich mag den Typen. Die meisten [westlichen] Präsidenten sind Marionetten… Putin ist männlich.“
Sieben Jahre später veröffentlicht die multilinguale Crew aus Moskau das passende Musikvideo zum Track – direkt am Tag nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine. Seitdem steht der YouTube-Kanal der Musiker still.
Nach dem Hit von AMG bringen deutsche Rapper – neben Kollegah gehören dazu Capital Bra und Miami Yacine – mehr putinfreundliche Songs heraus. Doch nicht nur hier, auch in anderen Ländern gewinnt Putin an Beliebtheit und findet in den Lyrics von YNG Martyr aus Australien, P Loco aus Großbritannien, Raus aus Nordmazedonien und Devito aus Serbien Anerkennung.
„Fick dich für den Krieg in der Ukraine!“
Jedenfalls bis Russland seinen Krieg auf die gesamte Ukraine ausweitet. Drei Viertel der Tracks, die nach Februar 2022 veröffentlicht werden und Putin berappen, richten sich gegen den Krieg, gegen den Präsidenten, oder gegen beides. Die meisten kritischen Stimmen stammen von russischen Rappern, darunter wieder Slava KPSS und Noize MC, aber auch andere wie Oxxxymiron, MACAN, Slimus & brazilets, Pascha Technik, Zink Urodov oder Garri Topor.
Weitere kritische Songs kommen aus der Ukraine, unter anderem von Danylo, Mishanya, Taras Keen und jockii druce. Den international wohl populärsten Song schuf der polnische Rapper Cypis, der auf YouTube 19,8 Millionen erreichte. Bei Putin handelt es sich um einen klassischen Diss-Track, der mittels Beleidigungen und Flüchen versucht, den Gegner verbal fertigzumachen:
Fick dich, Putin, die russische Kreatur, / Fick dich, leck das Zepter bis es wehtut, / Fick dich für den Krieg in der Ukraine, du Hurensohn! / Verpiss dich! Fick dich, kein Mitgefühl!
Der Künstler hat den Liedtext in der Videobeschreibung aus dem Polnischen ins Russische und Englische übersetzt und verstärkt so seine Absicht, Putin direkt zu dissen. Unter dem Video finden sich viele Kommentare, darunter einige aus der Ukraine, die sich für die Unterstützung bedanken.
Offenkundigen Support dagegen erhält Putin hauptsächlich aus dem russischen Rap. Trotz des andauernden brutalen Kriegs in der Ukraine finden sich seit 2022 zwei Tracks nicht-russischer Interpreten, die weiterhin überzeugt hinter Putin stehen: Tovaritch aus Frankreich erreicht mit Wladimir 2022 rund 740.000 Aufrufe, das griechisch-albanische Trio Leaderbrain, Spize und Sanko kann mit Putin vier Jahre später über 435.000 Streams auf Spotify generieren.
Im Deutschrap bleibt Putin als Protagonist bis heute eine vorwiegend positiv besetzte Bezugsperson. So äußert sich etwa der bekannte Berliner Rapper Capital Bra über Putin und dessen Angriffskrieg positiv und greift in seinen Texten immer wieder Kremlnarrative auf, um Putins Handeln zu verteidigen. Kritik am russischen Präsidenten sucht man im Deutschrap auch außerhalb des Mainstreams vergebens. Ras und Crackwerts Track Verpiss dich, Putin, der 2022 erschien, erzielte knapp unter 10.000 Views auf YouTube.
Auffällig ist, dass sich in Russland, wo Rapper zensiert und staatlich verfolgt werden, die Mehrheit kritisch über Putin äußert. In Deutschland jedoch – weit weg von den konkreten Auswirkungen des russischen Regimes und möglicherweise von der Kremlpropaganda geblendet – sehen Künstler in Putin eine positive Identifikationsfigur. Das russische Staatsoberhaupt ist hier am zweithäufigsten Protagonist in Rap-Liedern – und damit häufiger als in der Ukraine. Diese befindet sich zusammen mit Rappern aus Polen und Belarus auf der Seite derer, die sich konsequent gegen das Kreml-Regime stellen, weil sie die Folgen der imperialistischen Außenpolitik erfahren.