
„Menschen sind das neue Öl“: Dieser Spruch wurde in Russland schon 2018 populär, als das Renteneintrittsalter und die Mehrwertsteuer erhöht wurden, um den Staatshaushalt zu entlasten. Noch vor der russischen Vollinvasion in die Ukraine folgten weitere Runden Sozialabbau und Steuererhöhungen. Heute verschlingt der Angriffskrieg bereits über ein Drittel des Staatshaushalts, die Einnahmen für Rohstoffe sind wegen der westlichen Sanktionen gesunken, die Wirtschaft kollabiert zusehends, die Ukraine verstärkt die Angriffe auf die russische Öl-Infrastruktur … Das Haushaltsloch wird indes durch Steuerhöhungen und Sozialabbau gestopft, geschröpft wird der Mensch, „das neue Öl“. Doch trotz Verarmung – „das Volk bleibt stumm“.
Warum? Dubinka ist eine häufige Antwort – der Schlagstock: Repressionen nehmen zu, die Menschen haben Angst. Ideologie ist ebenfalls eine Erklärung: Die Menschen glauben an die Notwendigkeit, den Gürtel enger zu schnallen, weil alle Welt sich angeblich gegen Russland verschworen habe.
Was aber, wenn das nicht reicht? Immer wieder flammen in Russland vereinzelte Proteste auf, doch bislang scheinen die Behörden die Unzufriedenheit dämmen zu können. Wie das ablaufen kann, hat sich eine Korrespondentin von Bereg im sibirischen Dorf Kosicha angeschaut: Anfang März haben dort Dorfbewohner angefangen, gegen die Behörden zu protestieren, die die Zwangskeulung aller Klauentiere – Kühe, Schafe und Schweine – angeordnet hatten.
Kosicha liegt 80 Kilometer von Nowosibirsk entfernt, es hat rund 800 Einwohner. Seit Anfang März 2026 steht an der Ortseinfahrt ein Checkpoint. Polizisten kontrollieren die Papiere – und wer nicht hier gemeldet ist, kehrt um. Der Grund ist die Quarantäne wegen einer „besonders gefährlichen Krankheit“.
Die regionalen Behörden behaupten, in Kosicha, einem der Dörfer mit der meisten Viehzucht in der Region, gehe die Pasteurellose um. Laut Dorfbewohnern gibt es hier mindestens 30 landwirtschaftliche Betriebe mit Kühen, Schafen, Schweinen und anderen Tieren.
„Als müssten wir uns durch Feindesland kämpfen“
Journalisten hegen den Verdacht, dass die Nutztiere in der Oblast Nowosibirsk nicht an Pasteurellose erkrankt sind, sondern an Maul- und Klauenseuche. Dies teilten Auskunftspersonen aus dem regionalen Agrarwirtschaftssektor auch der Novaya Gazeta Europe mit. Pasteurellose lässt sich im Unterschied zur Maul- und Klauenseuche gut mit Antibiotika behandeln, und um eine Verbreitung zu vermeiden, ist eine Tötung der Tiere nicht nötig. Die Maßnahmen gegen Maul- und Klauenseuche sind viel drastischer – so wie jene, die derzeit angesichts dieser „höchst gefährlichen Krankheit“ in der Oblast Nowosibirsk ergriffen werden.
Öffentlich von einer Tierseuche, also der massenhaften Verbreitung der Maul- und Klauenseuche zu sprechen, wäre für die Behörden ungünstig: Dieses Virus schließt die Grenzen für den Export von Fleisch- und Milchprodukten aus Russland.
Die Sicherheitsbehörden und der Veterinärdienst versuchen, die ländliche Bevölkerung in der Oblast Nowosibirsk dazu zu bringen, der Konfiszierung ihrer Tiere freiwillig zuzustimmen. Gesetzlich gedeckt ist die Abschlachtung der Tiere allerdings nicht. Die Einwohner von Kosicha bestätigen in Videobotschaften, dass ihre Tiere alle gesund sind. Sie fürchten, ihr Vieh könne ihnen gewaltsam entzogen werden. So erging es bereits Swetlana Panina, einer Bäuerin in Nowokljutschi, Bezirk Kupino: Während sie außer Haus war, wurden rund 200 Tiere aus ihrem Betrieb getötet.
Die Dorfbewohner sind überzeugt, dass der Nachbarort Werch-Irmen unangetastet bleibt, weil dort der Zuchtbetrieb Irmen steht. Diesen leitet Oleg Bugakow, ein Abgeordneter der Partei Jedinaja Rossija in der gesetzgebenden Versammlung der Oblast Nowosibirsk.
Die Fahrt von Nowosibirsk nach Werch-Irmen dauert mehr als eine Stunde. Vor der Abzweigung nach Werch-Irmen hält unser Fahrer an: Um in das Dorf hineinzufahren, brauchen wir einen anderen Chauffeur, mit einem Meldezettel von hier. Kurz darauf klopft Olga ans Fenster, die die nächste Etappe übernimmt.
Olga bittet uns, auf der Rückbank Platz zu nehmen – hinten sind die Scheiben getönt. Sie will ihren Dorfleuten in Kosicha helfen und hofft, dass Medienberichte das Vorgehen der Behörden beeinflussen. Es geistern Gerüchte um, dass die Beschlagnahmung von Rindern aus Privatbetrieben schon morgen beginne, am 21. März.
Die Quarantäne erfordert Schneehaufen
An der Einfahrt nach Werch-Irmen liegt eine temporäre, handbetriebene Schranke quer über der Straße, daneben stehen Menschen in weißen Schutzoveralls. Einer macht sich daran, die Autoreifen mit Desinfektionsmittel zu besprühen, ein anderer beugt sich zu Olga.
„Was wollen Sie, den Pass?“, fragt sie beinah aufsässig und wedelt mit dem Dokument im Ledereinband.
„Ah, passt schon, hab dich erkannt.“
Olga fährt weiter, durch die Heckscheibe sehen wir, wie einer im Schutzanzug zu einem anderen etwas sagt und dabei auf uns deutet. Im Rückspiegel bemerkt Olga einen schwarzen Jeep, der uns folgt. Sie parkt vor irgendeinem Haus – der Jeep fährt zwei Häuser weiter, bleibt ein paar Sekunden stehen, wendet und kommt zurück.
Olgas Plan war, uns am Rand von Werch-Irmen aussteigen zu lassen, an der Straße nach Kosicha. Die Abzweigung wurde absichtlich mit einem Haufen Schnee zugeschüttet, um eine Forderung der Quarantäne zu erfüllen: alle Zufahrten mit Ausnahme der Hauptstraße zu sperren. Wir sollten über den Schneeberg klettern, 300 Meter die verschneite Straße entlangstapfen, und dort würde ein Bewohner von Kosicha mit dem Auto auf uns warten.
Doch der Jeep durchkreuzt diesen Plan – wir müssen wohl versuchen, unbemerkt auszusteigen und uns heimlich zu Fuß nach Kosicha durchzuschlagen.
Das Dorf in der Ferne zeichnet sich am Horizont ab, am Nachthimmel funkeln die Sterne. Aus einem Pkw, der am Straßenrand parkt, steigt ein Mann mit einem Funkgerät – misstrauisch schielt er zu uns herüber, geht aber vorbei.
Vor uns zeichnet sich ein hoher Schneehügel ab, der die Ausfahrt aus Werch-Irmen Richtung Kosicha blockiert. Olga verabschiedet sich von uns.
Der Schnee liegt so hoch, dass die Straße spurlos verschwunden ist – ein einziges endloses Feld. Wir versinken bis zu den Knien, ein eisiger Wind pfeift uns um die Nasen.
„Als ob wir uns durch Feindesland kämpfen müssten“, platzt der Nowosibirsker Journalist heraus. „Dabei ist das Russland, verdammt, wir sind hier zu Hause!“
Nach einer halben Stunde erkennen wir schemenhaft ein Auto. Vom Fahrersitz springt uns eine hochgewachsene männliche Gestalt entgegen.
„Ich hab mir fast ins Hemd gemacht, ich hatte so Angst! Mein Herz klopft immer noch wie verrückt.“
Vor uns sehen wir einen mehr als mannshohen Schneewall – damit blockieren die Behörden die Einfahrt nach Kosicha aus der Richtung Werch-Irmen. Durch diesen Wall ist ein Tunnel gegraben, der gerade mal so breit ist wie ein Pkw. Der Fahrer erklärt uns, sie wären nachts mit dem Traktor gekommen, um den Journalisten einen Weg zu bahnen.
Wir biegen in den Torbogen eines Hofs ein. Durch das Gebüsch blitzen die Scheinwerfer eines Autos – sie suchen die Fremden, die da über Werch-Irmen nach Kosicha gekommen sind.

„Das ist reine Willkür, ich weiß überhaupt nicht weiter“
In der Nacht vor der Ankunft der Veterinärmediziner – oder „Strafbrigaden“, wie man sie hier nennt – kann Michail Alschanski nicht einschlafen. Er ist froh über Besuch. Auf dem Tisch stehen Samogon, Aprikosenkompott, Speck und Käse, alles selbstgemacht.
Er betreibt zusammen mit seiner Frau Larissa, die gerade nach Nowosibirsk gefahren ist, eine Landwirtschaft mit elf Rindern. Alle sind gesund, sagt Michail. Eine junge Kuh hat er heute für den eigenen Verzehr geschlachtet.
„War eine feine Kalbin, gut beisammen. Schade drum, aber was soll’s? Diesen Deppen alles abgeben will ich ja auch nicht.“
In der Männerrunde gibt sich Alschanski entschlossen: Er sagt, er wird die „Strafbrigaden“ nicht auf sein Grundstück lassen und sein Eigentum verteidigen bis zum Letzten.
Als die anderen schlafen gehen und Michail mit der Bereg-Korrespondentin allein bleibt, ändert sich seine Stimmung deutlich: Er wird traurig, der Zweifel steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Das ist reine Willkür, ich weiß überhaupt nicht weiter“, sagt er ganz verloren. „Die haben uns gesagt, wenn wir unser Vieh nicht freiwillig vernichten lassen, kommen sie am nächsten Tag mit einem Gerichtsbeschluss, und wir kriegen gar keine Entschädigung dafür.“
Michail zweifelt, ob er die Kühe überhaupt noch melken soll
Eine ausgewachsene Kuh wiegt im Schnitt eine halbe Tonne. Ohne Subventionen bekommt der Besitzer maximal 85.500 Rubel [derzeit rund 970 Euro] für sie. Eine lebendige Milchkuh kann, abgesehen von den Haltungskosten, jeden Monat ungefähr dieselbe Summe einbringen.
Wer an alldem schuld ist, weiß Michail nicht, also kriegen alle ihr Fett weg: der Präsident und der Gouverneur für ihre Gleichgültigkeit, die Regionalverwaltung für ihre Unfähigkeit, mit den Leuten zu reden.
Unmerklich nähert sich der Morgen, eigentlich würden die Kühe jetzt gemolken. Michail zweifelt, ob er sie überhaupt noch melken soll: Sie werden heute sowieso geschlachtet, und die Milch wird konfisziert.
Seine Überlegungen werden unterbrochen – eine Nachbarin ruft an. Sie hat mitbekommen, dass die Polizei in der Nacht nach den auswärtigen Journalisten gefahndet hat, und rät ihm, uns woanders hinzubringen. Und zwar vor Tagesanbruch, meint sie: Später würden Patrouillen durch die Straßen fahren (unbekannte Autos ohne Kennzeichen rollen seit Anfang März durchs Dorf, doch in den letzten Tagen wurden sie deutlich mehr).
Iwan, ein anderer Nachbar von Michail, arbeitet in Kosicha als Wachmann im Landwirtschaftsbetrieb Wodolei (dt. Wassermann), in dem tags zuvor ausnahmslos alle Tiere vernichtet wurden – 600 Kühe und 220 Schafe. Sie seien einzeln getötet worden, erzählen Dorfbewohner. Nach einer Spritze aus der Injektionspistole des Tierarztes seien ihnen fast sofort die Beine weggerutscht, sie seien hingefallen, hätten im Krampf noch gezappelt und seien bald gestorben. Daraufhin seien sie auf der Kadaverdeponie verbrannt worden. In manchen Dörfern der Oblast Nowosibirsk sei den Kühen keine ausreichende Dosis des Präparats gespritzt worden, sodass sie nur gelähmt waren. Die seien dann lebendig verbrannt worden.
Der Novaya Gazeta Europe liegen Daten vor, dass ab Anfang Februar 2025 tatsächlich einige Agrarholdings der Region bei ihren Tieren Maul- und Klauenseuche festgestellt und den Empfehlungen des Landwirtschaftsministeriums entsprechend „den ganzen Infektionsherd vernichtet“ hätten, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Die Zeitung schrieb, in großen Betrieben seien die Tiere zu Tausenden vernichtet worden. Die Besitzer hätten aber nichts nach außen dringen lassen und die staatlichen Entschädigungen waren unter der Hand ausgemacht.
„Wir sind umzingelt“
Die 45-jährige Gulnara Scharopowa, zu der Alschanski uns bringt, lässt ihr Handy gar nicht mehr los und weint fast vor Hilflosigkeit.
Im Morgengrauen fahren tatsächlich immer mehr fremde Autos durch das Dorf, genau wie Michails Nachbarin angekündigt hat. Aus den Autos steigen junge Männer in Zivil, die vor den Häusern stehenbleiben und sich umsehen. Gulnara ist sichtlich nervös: Sie fragt sich, was von denen zu erwarten ist.
Gulnara und ihr Mann Farruch haben einen der größten Landwirtschaftsbetriebe in Kosicha – mit 57 Nutztieren, davon 19 Milchkühe, die täglich mindestes 150 Liter Milch geben. Die Familie lebt vom Verkauf von Milch, Smetana, Quark und anderen Produkten.
Ihren Betrieb öffneten Gulnara und Farruch im Jahr 2020. Damals nahmen sie Schulden auf und kauften sich eine Kuh mit einem Kalb. Der Kuh gaben sie den Namen Rjabuschka, dem Kalb – Tjulpana. Tjulpana hat Farruch besonders gern, sie ist seine leistungsstärkste Kuh. Vor sechs Jahren war sie noch so klein, dass Farruch sie beim Autofahren auf dem Rücksitz im Arm hielt.
Allmählich wacht Kosicha auf. In den Chatgruppen des Dorfes wird diskutiert, wann wohl die Polizei und die Tierärzte kommen.
Gulnaras Nachbar Alexander kommt in die Garage – um seine Freunde zu unterstützen, sagt er. Er arbeitet als Wachmann in der Dorfschule und hat, erzählt er, ebenfalls einen kleinen Bauernhof – mit 18 Schweinen. Auch sie wollen die Behörden abschlachten: Mit der „höchst gefährlichen Krankheit“ können sich ihrer Meinung nach alle landwirtschaftlichen Nutztiere anstecken.
„Sollen sie doch kommen und mich umbringen mitsamt meinen Kühen!“
„Na, wann kommen sie denn jetzt endlich?“, schreit Gulnara fast. „Sollen sie doch kommen und mich umbringen mitsamt meinen Kühen!“
Einer schreibt in den Dorfchat, ein Polizeikonvoi sei in Kosicha angekommen. Der Jurist, der die Dorfleute berät, bleibt dabei, sie sollen der Konfiszierung ihrer Tiere bloß nicht freiwillig zustimmen.
Gulnara ist überzeugt, dass keiner mit den Dorfleuten reden wird – sie werden einfach reingehen und die Tiere töten, und wer sich wehrt, kommt vor Gericht.
Der Jurist beteuert, dass das Gesetz auf der Seite der Dorfbewohner stehe: Ohne Gerichtsbeschluss dürfen Polizei und Veterinärdienst ein privates Grundstück nur mit Erlaubnis des Besitzers betreten. „Das müsst ihr euch einprägen und darauf bestehen!“, erklärt er. „Ihr müsst laut und deutlich aussprechen, dass ihr ihnen das Betreten eures Grundstücks verwehrt. Und nicht etwa ihnen helfen.“
Mit jeder Wiederholung dieser Anleitung wird Gulnara sicherer. Jetzt schickt sie selbst Sprachnachrichten in den Chat und gibt ihren Nachbarn Verhaltenstipps.
Da Gulnara jetzt wieder Zuversicht geschöpft hat, verabschiedet sich Alexander und geht nach Hause. Bis zur Ankunft der „Strafbrigaden“ will er noch ein paar Schweine schlachten, damit ihm wenigstens ein bisschen Fleisch bleibt.
Andere Bewohner von Kosicha schreiben in den Chat, dass im hiesigen Kulturhaus eine Versammlung mit Vertretern der Behörden anberaumt sei. Sie würden versuchen, die Leute von der freiwilligen Herausgabe ihrer Tiere zu überzeugen.
Doch Gulnara hat nicht vor, da hinzugehen. Zusammen mit Farruch spannt sie eine Schnur um ihr Grundstück und filmt ihre Kühe mit dem Handy. Mit diesem Video wollen die Scharopows vor Gericht beweisen, dass ihr Vieh keine Krankheitssymptome zeigt. Das Haus wird immer noch von Unbekannten in Autos beobachtet.
„Sie schläfern die Tiere in der Kirche ein!“
Im Dorfchat erscheint eine Warnung: Der Veterinärdienst sei da, mit schwerem Gerät, und fahre in Richtung Erzengel-Michael-Kloster.
„Nicht mal Gott fürchten sie! Tiere in der Kirche einschläfern!“, empört sich Gulnara. Die Tiere befinden sich nicht direkt im Gotteshaus, sondern im Gebäude gegenüber – einem Wirtschaftskomplex, der zu dem Kloster gehört. Die Geistlichen haben widerstandslos ihre Zustimmung zur Vernichtung der Tiere gegeben. Die Leute in Kosicha sagen, sie hätten weder öffentlich noch in privaten Gesprächen Kritik am Vorgehen der Behörden geäußert.
Nach der Versammlung suchen Beamte Gulnara persönlich auf und wollen sie „im Guten“ dazu bringen, ihre Kühe herzugeben. Das Gespräch vor dem Haus dauert ungefähr 20 Minuten, manchmal hören wir die Schreie einer Frau bis nach drinnen. Dann kommt Gulnara wieder herein und erzählt: Sie hätten ihr eingeredet, wenn ihre Tiere andere Tiere anstecken, drohe ihr strafrechtliche Verfolgung. Beweise, dass ihre Tiere infiziert sind, hätten sie ihr nicht vorgelegt.

Anfang März hat Gulnaras und Farruchs Vieh die reguläre Impfung gegen Maul- und Klauenseuche bekommen, und sichtbare Anzeichen dieser Infektion wie etwa Blasen im Mund oder am Euter seien nicht aufgetreten, ist Gulnara überzeugt.
Doch laut WHO kann die Infektion manchmal einen leichten oder schlicht symptomfreien Verlauf nehmen – dann kann man sie nur anhand von Blutproben diagnostizieren. Auf Anweisung der Behörden entnahm der Veterinärdienst Blutproben, verweigerte den Landwirten jedoch den Einblick in die Befunde.
„Für die ärgsten Drogendealer liegen nicht so viele Fahnder auf der Lauer.“
Die Unbekannten, die vor Gulnaras Hof im Auto sitzen, richten Ferngläser auf das Haus. Gulnara zieht die Vorhänge vor.
„Ich kann doch meine Mädels nicht verraten“
Eine Bekannte ruft an und fragt Gulnara, ob sie Fleisch auf einen Markt in Nowosibirsk liefern kann. „Nein, wir sind umzingelt“, antwortet diese lachend und stellt auf Lautsprecher. „Für die ärgsten Drogendealer liegen nicht so viele Fahnder auf der Lauer wie bei uns hier.“
Gulnaras Bekannte fängt an, über Politik und die Wahlen zur Staatsduma im Herbst zu reden.
„Wir müssen hingehen und einfach irgendeine Partei wählen, nur nicht Jedinaja Rossija!“
„Die wählt sowieso keiner“, winkt Gulnara ab. „Aber sie gewinnen trotzdem.“
Gegen Abend wird bekannt, dass die Regionalverwaltung beschlossen hat, für alle, die ihr Vieh freiwillig schlachten lassen, die Entschädigung zu erhöhen – pro Stück 30.000 Rubel [rund 340 Euro] zusätzlich. Die Scharopows bezweifeln, dass dieses Geld tatsächlich je ausbezahlt wird. Doch sogar wenn dieses Versprechen eingehalten würde, wäre Gulnara nicht bereit, ihre Tiere herzugeben.
„Ich kann doch meine Mädels nicht verraten“, sagt sie. „Ich bleibe bei ihnen, bis zum Schluss.“
Am Morgen des 22. März kreist ein Hubschrauber über Kosicha: Gouverneur Andrej Trawnikow kommt zu Besuch. Es gibt noch 14 Familien hier, die sich weigern, die Einwilligung zur Vernichtung ihres Viehs zu unterschreiben. Michail Alschanski und seine Familie gehören nicht mehr dazu: Sie haben freiwillig zugestimmt.
Am Abend des 22. März halten nur noch sieben Familien an ihren Tieren fest. Am Morgen des 23. März sind es nur noch zwei, die Scharopows und noch eine. Doch am Abend geben auch sie nach.
Am 24. März unterschreibt die letzte Familie von Kosicha mit dem Namen Wjalow die Einverständniserklärung zur freiwilligen Beschlagnahmung und Vernichtung ihres Viehs. „Wir sind keine Helden, wir sind ganz normale Menschen, die aufgeben mussten“, postet Tochter Darja Mironenko in ihren sozialen Medien.
Bereg, dessen Korrespondentin zu diesem Zeitpunkt Kosicha bereits verlassen hatte, versuchte zu erfahren, warum Michail Alschanski und die Familie Scharopow der Tötung ihrer Tiere dann doch noch zugestimmt hätten – doch die Landwirte antworteten nicht mehr. Ein Mann aus Kosicha gab an, dass die Behörden sie unter Druck gesetzt und Probleme für ihre Verwandten angekündigt hätten. Beide Familien haben Verwandte, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind.
Am 26. März wurde in der Republik Altai, in der Region Altai, in Transbaikalien, Kalmückien, Tschuwaschien, Jakutien sowie in den Oblasten Omsk, Orenburg, Pensa, Samara, Swerdlowsk und Tomsk von Viehschlachtungen berichtet. Die massenhafte Verbreitung der Maul- und Klauenseuche in Russland wurde noch immer nicht öffentlich bestätigt.