
Immer mehr ukrainische Städte und Fernstraßen werden mit Schutznetzen überspannt, um die Menschen vor russischen Drohnenangriffen zu bewahren. Begonnen hat diese Praxis im südukrainischen Cherson, wo die russische Armee die Zivilbevölkerung schon seit über zwei Jahren mit Kurzstreckendrohnen jagt. „Human Safari“ wird das oft genannt. Wie sieht nun der Alltag mit den Anti-Drohnen-Netzen aus? Wer baut und wartet sie, woher kommt das Material?
Darüber berichtet Lieselotte Hasselhoff im zweiten Teil ihrer dekoder-Kolumne Popry wse*. Diesmal direkt aus Cherson.
*ukr. trotz alledem
Auf einem Lagerplatz am Stadtrand von Cherson riecht es nach Meer. Nicht nach der frischen Salzluft, die der Wind vom offenen Wasser herüberträgt. Sondern nach den Lkw-Ladungen alter Fischernetze aus Europa, die sich auf dem Platz stapeln. Unter der brennenden Sonne steigt von ihnen der betäubende Geruch von Seetang und verwesenden Meerestieren auf. Anstelle von Fischen sollen sich darin bald die russischen FPV-Drohnen verfangen, die in Cherson täglich Jagd auf Menschen machen.
Denn die südukrainische Stadt am unteren Lauf des Dnipro ist noch die einzige Großstadt inmitten der sogenannten „Kill zone“. Jenem von der unscharfen Kontaktlinie aus in beide Richtungen gut 20 Kilometer reichenden Geländestreifen, der mittlerweile die russisch-ukrainische Front darstellt und den Drohnen unterschiedlicher Größen, Stärken und Reichweiten kontrollieren. Damit die Drohnen ihre Sprengsätze nicht in der Nähe von Fußgängern, fahrenden Autos oder kritischer Infrastruktur explodieren lassen können, spannen die Bewohner von Cherson Netze über ihre Stadt. Ebenso wie mittlerweile in den Städten Isjum und Kramatorsk im Osten und an den Hauptverkehrsstraßen rund um Charkiw, Sumy, Saporishshja und östlich von Dnipro.
Der fliegende Tod
Das Leben in Cherson erinnert ein bisschen an die Fernsehserie „The Walking Dead“ – nur, dass man sich in den beschädigten, fast menschenleeren Straßenzügen der Innenstadt nicht vor Untoten, sondern vor Drohnen fürchtet, die mit leisem Surren jederzeit plötzlich über dem eigenen Kopf auftauchen können.
An anderen Frontabschnitten ist diese Todeszone deshalb praktisch wie ausgestorben. Doch in Cherson gibt es Supermärkte, Krankenhäuser, Busse, Taxis, Fitnessstudios und – weiter weg vom Fluss und der natürlichen Frontlinie zur russischen Besatzung am östlichen Ufer – Bars und Cafés.
Vor allem leben hier noch immer rund 64.000 Menschen. Doch ihr Leben mussten sie in weiten Teilen der Stadt von den Straßen in die Hinterhöfe oder ins Innere der Häuser verlagern.

Die Straßenarbeiter
Im gefährlichsten Teil der Stadt, der sogenannten „roten Zone“, die vom Flussufer bis hinauf zum Bahnhof rund zwei Drittel der Stadt ausmacht, trifft man außer vor Läden oder Bushaltestellen kaum Passanten an. Lediglich Soldaten und Arbeiter, deren Erscheinungsbild sich auf groteske Weise in diese vor-apokalyptische Szenerie einfügt:
Da ist eine Gruppe Gärtner, die in einer fast menschenleeren Straße das Grün aus den Ritzen zwischen den Bordsteinplatten wegschneiden: damit man Tretminen gut erkennen kann, die die russischen Drohnen regelmäßig verstreuen. Da sind die Soldaten mit Schrotflinten oder Maschinengewehren, die die Drohnen vom Himmel schießen. Und da ist ein Straßenkehrer, der mit Splitterschutzweste bekleidet, nach erfolgreichem Abschuss die Überreste aufsammelt: verbrannte Batterien, Plastik und die filigranen, fast unsichtbaren Glasfaserkabel, die in Bäumen und Büschen hängen bleiben.
Und dann ist da auch der Chef des städtischen Bauamtes, der mittlerweile Experte für Anti-Drohnen-Fischernetze geworden ist: Ihor Swantschuk fährt regelmäßig hinaus zum nach Hafen riechenden Lagerplatz in der trockenen Steppe, die Cherson umgibt. Dort inspiziert er neue Netzlieferungen. Die Grobmaschigen, ursprünglich für den Fang großer Thunfische oder Seelachse produziert, sind besonders geeignet gegen die größeren Molnija-Drohnen, erklärt er. Aber mit ihren Flugzeug-gleichen Flügeln können die die Netze leicht zerschneiden. Die feinmaschigeren Netze hingegen schützen gut vor den kleineren Propeller-Drohnen.
Die tödlichsten aller Insekten
Wie gewaltige Moskitonetze spannt die Stadt, wo sie nur kann, diese luftigen Maschengewebe. Mit nervenaufreibendem Summen schwirren die Drohnen darüber umher wie große Insekten, bis sie von Zeit zu Zeit doch ein Schlupfloch finden. Besonders weil die russischen Soldaten inzwischen massenhaft Glasfaser-Drohnen einsetzen. Diese brauchen keine Funkverbindung und können niedrig genug fliegen, um einfach von der Seite unter die Netze zu kriechen. Manche von ihnen, sogenannte Shdun-Drohnen können sogar stundenlang am Straßenrand „hocken“ und warten, bis sie sich auf ein vorbeifahrendes Auto stürzen (daher der Name – vom russischen Wort für warten shdat).
„Wir könnten auch an den Seiten Netze spannen, aber dann gäbe es keine Fluchtwege mehr von der Straße weg“, sagt Swantschuk. „Und die Leute müssen ja auch irgendwo die Straßen überqueren.“

Dank der bis zu 20 Kilometer langen Glasfasern dringen diese Drohnen immer tiefer in die Stadt ein. Selbst in Stadtteilen nördlich der roten Zone surren schon manchmal Drohnen um die Häuser. Wer morgens zur Arbeit aufbricht, checkt besser erst die Infokanäle auf Telegram, um zu erfahren, wo aktuell Shdun-Drohnen auf der Lauer liegen und welche Wege über Nacht frisch vermint wurden.
„Wenn du dein Fahrzeug auf dem Bildschirm siehst, kannst du nur noch wegrennen“
135 Angestellte arbeiten in Swantschuks Team – viel zu wenige, sagt er, um die wachsende Zahl an nötigen Schutznetzen zu installieren und täglich die entstandenen Löcher in den schon verbauten Netzen zu flicken. Aber wegen der Mobilisierung gibt es in Cherson wie in allen anderen Städten zu wenige Bauarbeiter.
Ihre Hubwagen stehen an den staubigen Kreuzungen der Hauptstraßen und unter den ausladenden, grünen Alleen im Zentrum. Manchmal greifen die Drohnen immer wieder dieselbe Stelle an, um sich Zugang zu verschaffen: Die ersten zerstören das Netz, die Nachfolger dringen durch das Loch ein, um Menschen oder Gebäude zu attackieren.
Swantschuks Reparatur-Teams werden deshalb von Männern mit Gewehren bewacht. Wenn sie mit dem Auto zum Einsatz fahren, haben sie Drohnen-Detektoren dabei. Geräte, die die Funkdaten feindlicher Drohnen abfangen und auf einem Bildschirm anzeigen. Man kann darauf sehen, was der russische Pilot sieht, der die Drohne in dem Moment steuert.
„Aber wenn du dann dein eigenes Fahrzeug schon auf dem Bildschirm siehst, ist alles, was du tun kannst, nur noch Wegrennen“, sagt Ihor Swantschuk. Schon vier Fahrzeuge hat er auf diese Weise verloren. Zwei der verbrannten Karosserien liegen am hinteren Ende seines Netzlagers draußen vor der Stadt.

Über 500 vernetzte Frontkilometer
Aber nicht nur an Arbeitern mangelt es für den Netzebau, sondern auch an Netzen. Beim Bau der Schutzvorrichtungen müssen sie priorisieren, erklärt Swantschuk: erst Kraftwerke, Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude und wichtige Hauptstraßen, danach müssen sie weitersehen. Denn auch in anderen Städten gehen Russlands kleine, wendigere FPV-Drohnen inzwischen auf Jagd. Der Netzebedarf steigt.
Insgesamt mehr als 500 Kilometer Anti-Drohnen-Netze wurden laut Verteidigungsministerium im vergangenen Jahr in sämtlichen Regionen entlang der Front installiert. Davon gut 95 Kilometer in der Oblast Cherson.
Netze für weitere Kilometer lagern noch auf dem Platz bei Cherson. Ihr Fisch-Geruch hat ein Rudel Straßenhunde angelockt. Kläffend versuchen sie die Menschen zu verjagen – nicht ahnend, dass die alten Netze anstatt fischreicher Beute jetzt russische Drohnen fangen sollen.