Ukrainer in belarussischen Gefängnissen

Ukrainer als politische Gefangene in belarussischer Haft / Collage © Zmina

Das Lukaschenko-Regime steckt nicht nur belarussische Staatsbürger aus politischen Gründen in Gefängnisse, sondern auch Ausländer. Laut dem belarussischen Menschenrechtszentrum Wjasna betrifft das seit 2020 bereits über 100 Personen aus verschiedenen Ländern, darunter aktuell Litauen und Lettland, Frankreich, Polen und sogar Russland. 61 gelten als „ehemalige politische Gefangene“, 29 sind begnadigt und aus Belarus abgeschoben worden.

Reform meldete für Januar 2026, dass über 20 ausländische Staatsbürger:innen in Belarus als politische Gefangene festgehalten wurden. Vorgeworfen wird ihnen zumeist Spionagetätigkeit, die „Diskreditierung“ von Belarus, Unterstützung extremistischer oder terroristischer Vereinigungen.

Unter den Betroffenen sind immer wieder auch ukrainische Staatsbürger: Im Sommer 2025 befanden sich 15 Ukrainer in belarussischer Polithaft, aktuell sind es noch fünf. Manchen der ukrainischen politischen Gefangenen wird auch ihre Teilnahme an den Protesten gegen Lukaschenkos gefälschte Wiederwahl 2020 vorgeworfen. Für das ukrainische Menschenrechteportal Zmina verfolgt die Journalistin Tetiana Zhukova aufmerksam deren Schicksal.

Wjasna hat jüngst außerdem die Erfahrungen des im Winter freigelassenen und in die Ukraine abgeschobenen Ilja dokumentiert, die auch mit den speziellen Repressionen gegen das Online-Netzwerk Hajun zu tun haben.


Im Frühjahr 2026 veröffentlichte das Menschenrechtsbüro der Vereinten Nationen eine deutliche Einschätzung zu den Haftbedingungen in Belarus: „Todesfälle in Haft in Verbindung mit mutmaßlicher Isolation, Verweigerung medizinischer Versorgung und Vorenthaltung von Informationen gegenüber den Angehörigen geben Anlass zu schwerwiegenden Bedenken im Hinblick auf das Völkerrecht, darunter das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit sowie das Recht auf Gesundheit und das Verbot von Folter und gewaltsamem Verschwinden“, heißt es in einer Pressemitteilung

Dies betrifft laut Wjasna-Angaben aktuell (Stand Ende Juli 2026) 864 als politische Gefangene eingestufte Inhaftierte in Belarus; seit den Protesten 2020 insgesamt mehr als 4730 Menschen. Ein ukrainischer Pass macht es für die Betroffenen oft nur noch schlimmer, berichtet Zmina. Ukrainer würden in belarussischen Gefängnissen oft als „Agenten“ bezeichnet, unter Gewaltanwendung zu Falschaussagen gezwungen und häufig misshandelt.  

Die aktuell mindestens fünf aus politischen Gründen in Belarus inhaftierten Ukrainer stellt Zmina einzeln vor. Auffällig ist, dass sie stets alle in unterschiedlichen Gefängnissen festgehalten werden. 

Serhii and Pawlo Kabartschuk (Vater und Sohn)

Vater und Sohn verbüßen eine Gesamtfreiheitsstrafe von 40 Jahren.

Der 61-jährige ehemalige ukrainische Grenzsoldat Serhii Kabartschuk und sein 31-jähriger Sohn Pawlo waren im Februar 2024 in der südbelarussischen Region Homel, nahe der Grenze zur Ukraine, festgenommen worden. Im Oktober 2024 befand ein Gericht beide für schuldig, „Mitglieder einer Sabotage- und Aufklärungsgruppe zu sein, die auf Anweisung des Sicherheitsdienstes der Ukraine Sprengstoff transportierte, der für künftige Terroranschläge in Russland und Belarus bestimmt war“. Ihnen wurden die Vorbereitung einer terroristischen Straftat (Artikel 13 Absatz 1 und Artikel 289 Absatz 3), der illegale Umgang mit Schusswaffen, Munition und Sprengstoff im Rahmen einer organisierten Gruppe (Artikel 295 Absatz 4), Spionagetätigkeit (Artikel 358-1) sowie des illegalen grenzüberschreitenden Transports von giftigen Stoffen, Schusswaffen, Munition und Sprengstoff (Artikel 333-1 Absatz 3) zur Last gelegt. Sie wurden jeweils zu 20 Jahren Haft in einer Hochsicherheitsstrafkolonie sowie zu einer Geldstrafe von 28.000 belarussischen Rubel verurteilt.

Während der Untersuchungshaft wurde bei Serhii Kabartschuk Krebs diagnostiziert; er verbüßt seine Strafe derzeit in der Strafkolonie Nr. 8 in Orscha (Region Wizebsk). Pawlo Kabartschuk wurde im Untersuchungsgefängnis des belarussischen KGB gefoltert und ausgehungert; er wird aktuell in der Strafkolonie Nr. 4 in Homel festgehalten.

Serhii Boiko 

Der 39-jährige ist seit drei Jahren im belarussischen Gefängnis. Er lebte in Narowlya. Im Sommer 2023 wurde er wegen angeblicher Spionagetätigkeit zu sieben Jahren Haft verurteilt. Außerdem wurde er als Extremist eingestuft. Derzeit befindet er sich in der Strafkolonie Nr. 1 in Nawapolazk (Region Wizebsk).

Wjatscheslaw Borodii

Der 44-Jährige wurde 2024 im belarussischen Bezirk Jelsk festgenommen, der an die ukrainische Region Schytomyr grenzt. Im Dezember 2024 wurde er wegen „Spionagetätigkeit“ (Artikel 358-1 des belarussischen Strafgesetzbuchs), „illegalen Umgangs mit Schusswaffen“ (Artikel 295 Absatz 4), „illegalen Überschreitens der Staatsgrenze“ (Artikel 371 Absatz 3) und weiteren angeblichen Straftaten zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ein belarussischer Propagandafilm behauptet, Borodii sei vom ukrainischen Militärgeheimdienst ausgebildet worden und habe mit dem Innengeheimdienst SBU zusammengearbeitet. Borodii befindet sich derzeit in der Strafkolonie Nr. 17 in Schklou (Region Mahiljou).

Iwan Lycholat

Der Ukrainer lebt seit 2013 in Belarus und hat mit seiner belarussischen Frau verheiratet mehrere minderjährige Kinder. Im Oktober 2024 stand er gemeinsam mit den beiden belarussischen Staatsangehörigen Barys Puchalski und Iwan Barodytsch wegen angeblicher „Vorbereitung eines Bombenanschlags auf eine Eisenbahnstrecke“ vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft warf Lycholat vor, „Kontakt zum Sicherheitsdienst der Ukraine aufgenommen zu haben, der ihn anwies, Zuggleise zu sprengen. Dazu habe er seinerseits Barodytsch und Puchalski rekrutiert, die über „Fachkenntnisse im Bereich Sprengstoff verfügten“. Lycholat wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, sein derzeitiger Haftort ist unbekannt.

Wjasna meldete Ende Juni außerdem die Inhaftierung des Ukrainers Bohdan Herysch, festgenommen demnach bereits Anfang Mai bei der Ausreise aus Belarus nach Polen, festgehalten in U-Haft in Hrodna. Offiziell wurde er für 15 Tage festgesetzt, solange konnte er offenbar seine Angehörigen informieren. Seit Ende Mai ist der Kontakt abgebrochen. 

Euroradio

Zwischen den Fronten

Haft in Belarus, Kampf auf Seiten der Ukraine, schließlich Festnahme in Vietnam und Auslieferung an das Lukaschenko-Regime – die Geschichte von Wassil Werameitschyk und seiner Frau Jauhenija, die für die Freilassung ihres Mannes kämpft.

In Politik von

Bei mehreren Gefangenenfreilassungen der letzten Jahre sind auch ukrainische politische Gefangene aus belarussischen Haftanstalten freigekommen: 2024 wurden fünf Zivilisten freigelassen, im Jahr 2025 im November 31 und im Dezember weitere fünf.  

Unter den Freigelassenen im November 2025 war auch das Ehepaar Olha* und Mykola*, die während eines halben Jahres in belarussischer Untersuchungshaft speziell als Paar Folter und psychische Manipulation durchleben mussten. Wjasna hat ihr Erlebnisse ausführlich dokumentiert

Im Dezember 2025 kam auch Illja* frei. Er war in den 2010er Jahren aus einer Stadt in den heute durch Russland besetzten Gebieten der Ukraine zu seiner belarussischen Frau gezogen. Als dann Russland die Ukraine 2022 vollumfänglich und über belarussisches Territorium angriff, spielte er dem belarussischen Widerstandsnetzwerk Hajun Informationen zu russischen Militärbewegungen zu. Mehrmals wurde er festgenommen – erst wegen kriegskritischer Online-Kommentare, später wegen der Datenübermittlung. 

Ein Gerichtsverfahren bekam er nie. Stattdessen verschleppte man ihn in einer Winternacht aus der Untersuchungshaft und schob ihn in die Ukraine ab: In seinen ausführlichen Aussagen gegenüber Wjasna erinnert er sich, wie er erwartet habe, einfach im Dunkel erschossen zu werden. Stattdessen übergab man ihn an der Grenze ukrainischen Sicherheitsbehörden.  

„Niemand hatte mir gesagt, dass ich befreit werden würde. Ich begriff erst, was vor sich ging, als ich Kyrylo Budanow sah und mich auf ukrainischem Gebiet wiederfand“, berichtet Illja. „Der Kleinbus hält an, die Türen öffnen sich, sie nehmen uns die Kapuzen und das Klebeband ab. Ich steige aus – und da steht Kyrylo Budanow, umringt von Journalisten und Ärzten. Mir wurde klar, dass ich zu Hause war. Durch den plötzlichen Freudenschub und den Stress bekam ich starke Kopfschmerzen – man musste sogar einen Arzt rufen.“ 

* Diese Namen sind aus Sicherheitsgründen geändert.

Der ganze Beitrag von Zmina:

– im Original auf Ukrainisch vom 22. Mai 2026
– übersetzt auf Englisch vom 20. Juni 2026

Außerdem lesens- und wissenswert sind diese Beiträge von Wjasna (auf Englisch) konkret über politische Gefangenschaft in Belarus während des Russisch-Ukrainischen Krieges.

Special

FAQ #5: Welche Rolle spielt eigentlich Belarus im Ukraine-Krieg?

Im Krieg gegen die Ukraine steht der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko an der Seite des russischen Präsidenten Putin. Doch bislang sind keine seiner Truppen beteiligt. Warum hilft er Putin? Was hat er zu gewinnen, was zu verlieren? Und was bedeutet das für seinen eigenen Machterhalt?