
Als sich der ukrainische Verteidigungskampf gegen Russlands Angriffskrieg etwa seit 2023 vom Panzerkampf am Boden schnell in einen zunehmenden Drohnenkrieg in der Luft hin wandelte, standen ukrainische Fronteinheiten zunehmend vor Problemen mit dem Munitionsnachschub. Nicht nur, dass ihnen zu wenig Geschosse geliefert wurden. Wenn, dann waren sie immer öfter gar nicht mehr geeignet für den Einsatz mit Drohnen.
Einige Armeeeinheiten begannen also, in vorsichtiger eigener Bastelarbeit, alte, teils noch sowjetische Sprengsätze selbst umzubauen. Manche spezialisieren sich seitdem auf diese Arbeiten und unterhalten an gut versteckten Orten in Frontnähe eigene Munitionswerkstätten.
Die Frontliner-Reporterinnen Alina Jewytsch (Text) und Marharyta Fal (Fotos) haben eine solche Munitionswerkstatt der Drohnen-Spezialeinheit Taifun besucht.
Rund 80 Prozent der Abwurfminen, mit denen die ukrainische Spezialeinheit Taifun russische Besatzer ausschaltet, stammen aus eigener Herstellung. Auch ein Großteil der Munition, die an die Brigade geliefert wird, wird hier umgerüstet. Dazu werden sogar Minen und Artilleriegeschosse aus den 1970ern verwendet.




Mitten im Raum klopft ein Soldat mit Kampfnamen „Waldgeist“ mit einem Hammer auf eine zehn Kilogramm schwere Panzerabwehrmine – vorsichtig und nur entlang des Randes, damit sie nicht explodiert. Er ist vertraut mit dieser filigranen Arbeit: Mehrere Dutzend Sprengkörper zerlegt er pro Tag. Hat er eine Mine in zwei Hälften geteilt, schüttet er den Sprengstoff in einen Eimer. Im Nachbarraum füllen seine Kameraden die Mischung in Plastikzylinder, die später an Drohnen befestigt werden.
„Wenn die Russen von ihren Stellungen flohen, ließen sie uns jede Menge Material zur Weiterverarbeitung zurück“, erklärt „Waldgeist“.




Die Werkstatt der Drohnen-Spezialeinheit Taifun ist voller Sprengstoffe: Er steckt in noch nicht zerlegten Minen und liegt in Blechschüsseln zwischen halbierten Panzerabwehrminen und Artilleriegranaten. Einige Brigaden setzen diese Munition ein, um leicht gepanzerte Fahrzeuge des Feindes zu bombardieren. Doch nicht alle Einheiten verfügen über Drohnen, die so viel Gewicht tragen können. Deshalb dient diese Munition vor allem als Ausgangsmaterial für leichtere, stark nachgefragte Sprengkörper: eben Abwurfminen für Drohnen, die leichter und zugleich tödlicher sind.
Die meisten Abwurfminen der Einheit Taifun werden in Werkstätten nahe der Front hergestellt. Die Ukraine verfügt über Tonnen von Sprengstoff, der jedoch in Minen aus sowjetischer Zeit steckt. Um ihn nutzen zu können, muss die alte Munition zerlegt werden, die im Drohnenkrieg nicht mehr gebraucht wird. Dank zusätzlicher Substanzen richten kleinere Sprengkörper nun denselben Schaden an wie frühere, ein bis zwei Kilogramm schwerere.
„Wenn die Russen von ihren Stellungen flohen, ließen sie uns jede Menge Material zur Weiterverarbeitung zurück“
Soldat „Waldgeist“
Die Sprengkörper wiegen zwischen einem und zwanzig Kilogramm. Für große Drohnen fertigt man etwa Spreng-, Splitter- und thermobarische Munition sowie Loitering Munition [für FPV-Drohnen – dek]. Einige der von Drohnen abgeworfenen Fliegerbomben haben einen Wirkungsradius von bis zu 100 Metern. Für Glasfaserdrohnen entstehen Hohlladungsgeschosse, die weniger als ein Kilogramm wiegen und 1,5 bis 2 Zentimeter dicke Panzerung durchschlagen können.
„Aus einer Panzerabwehrmine lassen sich vier Hohlladungsgeschosse herstellen. Das Pulver, das wir aus den Minen holen, explodiert auch noch nach zehn oder dreißig Jahren, wenn die Munition ordnungsgemäß gelagert wurde. Der Sprengstoff unterliegt keinem Zerfallsprozess und wird nicht schlecht“, erklärt „Waldgeist“.


Qualitativ stehe die selbstgefertigte Munition der industriell hergestellten in nichts nach. Doch nur wenige Soldaten werden an deren Herstellung herangelassen: Sie müssen eine Ausbildung zum Kampfmittelräumer erfolgreich abgeschlossen haben. Erst danach und nach langer Praxis erhalten sie Zugang zur Werkstatt.
„Waldgeist“ arbeitet seit seinem Einsatz in der ATO als Kampfmittelräumer. Auch die meisten seiner Kameraden, die heute in der Werkstatt arbeiten, hatten zuvor mit TNT zu tun. Einige waren Kampfmittelräumer, andere haben in der Infanterie gedient und schwere Gefechte erlebt. Wieder andere sind Drohnen geflogen, bevor sie selbst anfingen, Bomben zu bauen.
„Sprengstoff unterliegt keinem Zerfallsprozess und wird nicht schlecht“
Soldat „Waldgeist“
„Wir sitzen hier auf Tonnen von Sprengstoff. Ohne Vertrauen kann man mit so einer Mischung nicht arbeiten“, sagt „Waldgeist“. „Die Jungs werden zweieinhalb Monate ausgebildet. Dann folgen Praxis und Prüfungen. Und selbst nach den Prüfungen verbringen die Kommandeure noch so manche schlaflose Nacht, bis sie sicher sind, dass die Jungs weder sich selbst noch die ganze Produktion in die Luft jagen. Neulinge stehen anfangs unter strenger Aufsicht ihrer Kameraden. Bereit ist ein Soldat erst, wenn er sich während seiner Schicht entspannen kann.“
Die Umrüstung der Munition verzögert sich, weil Gehäuse aus dem 3D-Drucker fehlen. Die Sprengstoffmischung muss in einen Behälter gefüllt werden, der alle Transportetappen übersteht, sein Ziel erreicht und die Detonation gewährleistet. Dafür werde täglich das knappe Filament benötigt, aus dem Teile für Drohnen oder andere Munition gedruckt werden, sagt ein Soldat mit Kampfnamen „Artist“.




„Um die Abwurfminen effektiver zu machen, haben wir sie von Grund auf neu entwickelt. Manches haben wir von Kollegen übernommen und an unsere Bedürfnisse angepasst. Aber es gibt kein Modell, das wir unverändert gelassen haben. Manchmal ist kaum noch zu erkennen, wie sie ursprünglich aussahen. Die Heckleitwerke zum Beispiel haben sich stark weiterentwickelt. Anfangs haben wir Abwurfminen nach dem Prinzip ‚Sie trifft, wo sie trifft‘ gebaut. Dann bekamen sie Leitwerke, damit sie besser Zentrifugalkraft aufbauen. Jetzt fallen sie präzise und werden nicht vom Wind abgetrieben. Aber die Modelle sind unterschiedlich, und auch der Materialeinsatz ist nicht bei allen gleich“, erklärt „Artist“.
Die Soldaten, die an den Entwicklungen arbeiten, fahren selbst auf Truppenübungsplätze, um zu testen, ob und was noch verändert werden muss. Mit den Drohnenpiloten stehen sie rund um die Uhr in Kontakt. Deshalb stehen die Sprengstoffproduktion und die 3D-Drucker auch nachts nicht still.