
Russlands Krieg hat tausende ukrainische Familien getrennt. Nicht alle können aus den besetzten Gebieten fliehen, aber Familien wollen in Kontakt bleiben. Russland überwacht jede Kontaktaufnahme mit der Ukraine, schränkt den Internetzugang ein und blockiert Messenger-Dienste. Anrufe von ukrainischen an russische Telefonnummern und Geldüberweisungen zwischen ukrainischen und russischen Konten sind blockiert. Doch hunderttausende Menschen suchen nach Kontaktmöglichkeiten. Jüngst beschrieb auch der deutschsprachige ukrainische Journalist Denis Trubetskoy für den MDR ganz persönlich die Doppelrealität im Kontakt zu seinen noch auf der annektierten Krym verbliebenen Eltern.
Aber die konkreten Kontaktkanäle sind ein heikles Thema: Menschen in dem von der Ukraine kontrollierten Gebiet vermeiden es, weil sie befürchten, die wenigen Kommunikationskanäle zu ihren Angehörigen „auf der anderen Seite“ zu verlieren. Ukrainer:innen in den besetzten Gebieten wollen aus Angst vor Repressionen keine Aufmerksamkeit erregen. Doch einige wenige sind doch bereit zu berichten: überwiegend Menschen, die aus der Besatzung geflohen sind, oder Angehörige von Personen, die unter Besatzung zurückgeblieben sind.
Sie alle berichten von unterschiedlichen Erfahrungen, deren Kern ein gemeinsames Problem ist: Russland zerstört die Möglichkeit normaler zwischenmenschlicher Kommunikation. Manche haben Angst, etwas Verfängliches zu sagen. Andere haben gelernt, nur in Andeutungen zu sprechen. Wieder andere schweigen zu bestimmten Fragen. Und viele haben sich daran gewöhnt, alle paar Tage nur ein kurzes „Mir geht’s gut“ zu schreiben.
Im Laufe des Krieges sind Dutzende unsichtbare Kanäle entstanden, die der russischen Besatzung trotzen: über VPN, eine Vielzahl von Messenger, Bekannte, Nachbarn, Verwandte in Drittländern oder zufällige Vermittler. All dies nur um letztlich, die Stimme eines geliebten Menschen zu hören.
Texty.org.ua berichtet anhand von drei Geschichten, wie der Kontakt zu Menschen unter russischer Besatzung in der Praxis aussieht.
* Die Namen der Protagonist:innen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.
Andriis* Eltern lebten in der Nähe von Pokrowsk [Oblast Donezk – dek]. Als die Russen Ende 2025 in die Vororte der Stadt vordrangen, wurden sie in eine Notunterkunft auf dem Gebiet der sogenannten DNR gebracht. Dort erhielten sie russische Pässe, nun bemühen sie sich um Eigentumsnachweise für ihr zerstörtes Haus. Sie hoffen auf eine Entschädigung durch den Aggressor.
„Meine Eltern sind beide 78 Jahre alt“, erzählt Andrii. „Die Beantragung neuer Dokumente dauert aufgrund ihres Alters und der Umstände lange. Sie sind dann zu Verwandten in die Region Luhansk gefahren, um sich etwas zu erholen“, erzählt er. Andrii erkundigt sich regelmäßig, wie es seinen Eltern geht, möchte jedoch keine konkreten Kommunikationskanäle nennen. „Als Telegram in den besetzten Gebieten noch mehr oder weniger funktionierte, haben wir darüber kommuniziert. Später (als Telegram gesperrt wurde – Texty) begann ich, Client-Programme zu nutzen, die auf anderen Protokollen laufen. Auf diese Weise kann man einfache Telefongespräche vermeiden“, erklärt er vage.
„Ich weiß, dass viele Menschen für die Kommunikation mit den besetzten Gebieten auch BiP, KakaoTalk sowie andere koreanische oder chinesische Anwendungen nutzen.“
Andrii*
Nun nutze er ein Pendant zum Messenger ICQ aus der Frühzeit des Internets: „Ich bin überzeugt, dass diese Art der Kommunikation sicher ist. Wenn man nicht gezielt danach sucht, kann niemand die Endpunkte einsehen. Ich kann mit meinen Eltern sowohl per Audio- als auch per Videoanruf kommunizieren, je nach Internetqualität.“ Die Client-App läuft sowohl auf Smartphones als auch auf Computern. Bekannte, die schon lange im besetzten Teil der Region Donezk leben, hätten seinen Eltern mit der Installation geholfen. „Ich weiß, dass viele Menschen für die Kommunikation mit den besetzten Gebieten auch BiP (populärster Messenger in der Türkei – Texty), KakaoTalk sowie andere koreanische oder chinesische Anwendungen nutzen“, berichtet Andrii.
Geld über Krypto oder Vermittler-Konten
Auch Überweisungen funktionieren für Menschen im besetzten Gebiet nur über Umwege, wie Andrii beschreibt: „In Kryptowährungen kann man Geld praktisch an jeden Ort der Welt überweisen. Vor Ort können die Menschen das dann in Bargeld umtauschen. Ich persönlich nutze das nicht, da es für meine Eltern und ältere Menschen schwierig ist, damit umzugehen. Aber wenn es dort auf der anderen Seite jemanden gäbe, der ihnen das beibringen würde, könnte man künftig auch auf diese Weise Geld überweisen.“
Eine weitere Möglichkeit sind Transfers über Vermittler, von denen es seit Beginn des Vollinvasion viele gibt: Eine Person überweist ukrainische Hrywnja auf die ukrainische Bankkarte eines Vermittlers, und dieser leitet den Betrag nach Abzug einer Provision in Rubel auf die russische Karte des Empfängers weiter. Das Verfahren funktioniert auch in umgekehrter Richtung.
Vereinfacht dargestellt fließt das Geld so:
PrivatBank
(Ukraine)
↓↑
Raiffeisen Bank
(Österreichische Bank, deren Tochtergesellschaften weiter in der Ukraine und Russland aktiv sind – dek)
↓↑
Sberbank
(Russland)
Im Herbst 2023 musste man beispielsweise für eine Überweisung von 3750 Rubel (umgerechnet rund 37 Euro) so 1875 Hrywnja bezahlen. Faktisch betrug der Wechselkurs damals 2:1, was etwa ein Viertel über dem durchschnittlichen Marktwert lag. Somit belief sich die Gebühr bzw. der Aufschlag bei einer solchen inoffiziellen Überweisung auf etwa 25 Prozent.
Kontakte über drei Ecken und einmal um die Welt
Oxana* stammt auch aus der Region Donezk, lebt aber seit Langem in Dnipro. Zunächst kam sie zum Studium, später heiratete sie einen Mann aus der Gegend. Ihre Eltern blieben in ihrer Heimatstadt in der Nähe von Horliwka auf dem Gebiet der sogenannten DNR.
Oxanas Mutter ist vor sieben Jahren gestorben, ihr Vater ist mittlerweile 88 Jahre alt. Die Tochter macht sich große Sorgen um seine Gesundheit, zumal er wegen einer Krebserkrankung operiert werden musste. Die Bankkarte für seine ukrainische Rente ist längst abgelaufen, sodass er keine Sozialleistungen aus der Ukraine mehr erhält.
„Zu Beginn der Vollinvasion hatte ich noch einen Weg gefunden, meinem Vater Geld über die Bekannte einer ehemaligen Nachbarin zukommen zu lassen, die 2014 aus den besetzten Gebieten geflohen war. Heute lebt zwar auch die Nachbarin in Europa, hat aber noch viele enge Bekannte auf der anderen Seite. Doch es ist schwer, unter ihnen diejenigen zu finden, die die Ukraine unterstützen“, sagt Oxana.

Russische Besatzung in der Ukraine
Alle dekoder-Texte darüber, wie Russland mit seiner Ideologie, seiner Verwaltung und seinem Repressionssystem militärisch eroberte ukrainische Gebiete systematisch umgestaltet. Betroffene und Angehörige berichten von Verfolgung und bürokratischer Schikane, von Indoktrinierung und Militarisierung, Diskriminierung und Gewalt bis hin zu Folter und Mord.
Über drei Ecken fand sich schließlich eine vertrauenswürdige Person: Letztlich waren es die Kinder einer ehemaligen Klassenkameradin der Nachbarin, die ihrem Vater das Geld übergeben konnten, das Oxana auf das europäische Bankkonto der Nachbarin überwiesen hatte. Später ergab sich noch ein weiterer Weg: Eine Cousine dritten Grades jener Nachbarin lebt in Amerika, und deren Bruder in Russland. Eine Zeit lang überwies er Oxanas Vater einen Teil seiner Rente in Rubel, während Oxana den entsprechenden Betrag nach Amerika überwies.
Mit der Kommunikation haben es Oxana und ihr Vater etwas leichter: Der Vater hat es trotz seines Alters gelernt, mit Laptop und Smartphone umzugehen. Wenn es also eine stabile Internetverbindung gibt, telefoniert Oxana mit ihm per Video. Von den drei früher verfügbaren Messengern – Viber, WhatsApp und Telegram – sei heute nur noch letzterer nutzbar. Als das alte Smartphone ihres Vaters kaputtging, konnte er auf dem neuen nicht alle Messenger selbst installieren. Aber auch für Telegram braucht man in den besetzten Gebieten ein VPN-Netzwerk, das die Verbindung verschlüsselt, aber gleichzeitig die Geschwindigkeit erheblich reduziert.
„Ich weiß nicht einmal genau, ob er eine russische Rente bekommt oder nicht. Denn auf alle Fragen antwortet er nur: ‚Mir geht es gut.‘“
Oxana*
Oxana kann so immerhin alle paar Tage mit ihrem Vater sprechen. Aber: „Es wird von Tag zu Tag schwieriger. Das Sehvermögen meines Vaters hat sich verschlechtert. Er erkennt die Symbole auf dem Handy kaum noch und kann keine Nachrichten mehr tippen. Er kann auch keine Sprachnachrichten aufnehmen. Und meine kommen einfach nicht an. Es gibt niemanden, der ihm helfen könnte, alternative Messenger-Apps zu installieren, die noch nicht von Russland blockiert werden. Wir haben versucht, das aus der Ferne zu machen, aber es hat nicht geklappt.“
Oxana versucht ihren Vater zu überreden, über Europa nach Dnipro auszureisen, doch er will nicht. Der Weg sei zu lang und zu beschwerlich. Theoretisch wäre es zwar möglich, die Wohnung zu verkaufen und wegzuziehen. Doch ihr Vater hat noch ein weiteres Argument: Die Ukraine wird täglich beschossen, während seine Stadt in all den Kriegsjahren fast unversehrt geblieben sei.
„Mein Vater hat lange keinen russischen Pass angenommen. Erst Jahre nach dem Tod meiner Mutter tat er das, um ihr einen Grabstein zu errichten und die Eigentumsnachweise der Wohnung in Ordnung zu bringen. Doch die Wohnung brauche ich nicht, wenn er irgendwann nicht mehr da ist. Ich weiß nicht einmal genau, ob er eine russische Rente bekommt oder nicht. Denn auf alle Fragen antwortet er nur: ‚Mir geht es gut‘“, sagt Oxana.
Die einzige Person, die Oxanas Vater wahrscheinlich unterstützen oder im Notfall benachrichtigen könnte, ist jene Klassenkameradin der Nachbarin, die Oxana selbst noch nie gesehen hat.
Teure Hilfe und Wechselkurs in Eiern
Natalija* verließ ihre Heimatstadt Donezk bereits 2014, doch ihre Mutter lebt nach wie vor in Horliwka auf dem Gebiet der sogenannten DNR. Bis 2022 hatten sie regelmäßig Kontakt. Problemlos konnten sie über Messenger-Apps kommunizieren und sich sogar gegenseitig besuchen, auch wenn es nicht ganz einfach war. Mit der Vollinvasion änderte sich all das.
„Als Viber gesperrt wurde, sind wir auf WhatsApp umgestiegen. Dann fiel auch dieser Kommunikationskanal weg, und es blieb nur noch Telegram“, erzählt Natalija. „Doch nun funktioniert auch das nur über VPN und mit vielen Unterbrechungen. Früher hatten meine Mutter und ich ein tägliches Ritual, pünktlich um neun Uhr abends zu telefonieren. Jetzt sprechen wir noch zweimal pro Woche miteinander, und auch das nicht immer.“
„Dem Verwandten einer Bekannten haben irgendwelche Gauner mal 5000 Rubel dafür abgenommen, ein kostenloses VPN zu installieren.“
Natalija*
Seit Anfang dieses Jahres schränke Russland die Kommunikation noch stärker ein, sagt Natalija. Populär sei nun der Messenger IMO. Nutzen könnte den aber nur, wer rechtzeitig die App installiert hatte, bevor die russischen Behörden das Internet drosselten. Inzwischen sei es kaum noch möglich, sie in den besetzten Gebieten herunterzuladen.
„Man kann noch Microsoft Teams nutzen. Aber älteren Menschen gelingt es oft nicht, alle Schritte der Registrierung selbstständig zu durchlaufen. Deshalb müssen sie jemanden um Hilfe bitten. Wenn sie keine eigenen Kinder oder Enkelkinder in der Nähe haben, werden Rentner oft Opfer von Menschen, die sie ausnutzen. Dem Verwandten einer Bekannten haben irgendwelche Gauner mal 5000 Rubel [umgerechnet etwa 57 Euro – dek] dafür abgenommen, ein kostenloses VPN zu installieren“, erzählt Natalija.
Natalija muss sich außerdem ständig mit finanziellen Problemen auseinandersetzen, zum Beispiel den Nebenkosten für ihre Dreizimmerwohnung in Donezk: „Wir haben es nicht mehr geschafft, unsere Immobilie zu verkaufen. Als die Vollinvasion begann, brauchte man einen russischen Pass, um das Eigentumsrecht nachzuweisen. Aber den nehme ich aus Prinzip nicht an. Damit die Wohnung nicht wegen Zahlungsrückständen enteignet wird, haben wir nach Alternativen gesucht. Eine Bekannte nutzt die Wohnung nun als Künstleratelier und zahlt im Gegenzug einen kleinen Betrag, der die Nebenkosten deckt.“
Natalija suche all die Besatzungsjahre ständig nach Möglichkeiten, Geld und Hilfe zu schicken, denn auf der anderen Seite seien viele Verwandte, Bekannte und Freunde geblieben. Diese Verbindungen erwiesen sich dann nach der Vollinvasion als nützlich, als auch die letzten offiziellen Kommunikationskanäle fast vollständig wegfielen. „Meine Mutter hat ihr Leben lang an einer Schule gearbeitet. Eine Kollegin von ihr hatte eine betagte Mutter, die in Winnyzja lebte. Also schickte ich ihr ukrainische Hrywnja, und die Kollegin in Horliwka gab meiner Mutter den Betrag in Rubel oder einer anderen Währung zurück“, erinnert sich Natalija.
Manchmal sei es aber auch absurd geworden: Weil US-Dollar in der sogenannten DNR unter den Einheimischen irgendwann an Beliebtheit verloren, begannen die Menschen, den Wechselkurs von Hrywnja zu Rubel in Lebensmittelpreisen zu berechnen, zum Beispiel für eine Packung Eier oder ein Kilo Hühnerfleisch.
Manche bieten auch an, Bargeld von der ukrainischen Karte abzuheben, allerdings gegen eine enorme Gebühr von bis zu 40 Prozent des Betrags.
Natalija*
Natalija beschäftigt es, dass ihre Mutter nicht auf die ukrainische Rente verzichtet, obwohl sie von den Besatzern einen deutlich höheren Betrag in Rubel erhält. Doch das tun die meisten Rentner in den besetzten Gebieten. Viele seien eben der Meinung, dass man das zusätzliche Geld nicht verschmähen sollte, denn man habe es ja „in der Ukraine verdient“. Bis 2022 fuhr Natalijas Mutter auch regelmäßig in von der Ukraine kontrolliertes Gebiet, um ihren Status als Rentnerin zu bestätigen. Auch jetzt würden die Rentenzahlungen weiter gutgeschrieben, doch die Bankkarte kann derzeit nicht zur Auszahlung genutzt werden.
Dafür müsste man sich einer Überprüfung unterziehen und bestätigen, dass man keine russischen Rentenzahlungen erhält. „In den besetzten Gebieten bieten einige Leute Rentnern auch gegen Geld an, bei dieser Überprüfung zu helfen“, erklärt Natalija. „Wenn man einen ukrainischen Reisepass besitzt, kommt man für etwa tausend Rubel am günstigsten weg. Manche bieten auch an, Bargeld von der ukrainischen Karte abzuheben, allerdings gegen eine enorme Gebühr von bis zu 40 Prozent des Betrags. Wie genau das funktioniert, weiß ich nicht, denn die Bankkarte meiner Mutter ist bei mir. Bis vor kurzem habe ich jeden Monat ihre Rente abgehoben und in Dollar umgetauscht“, sagt Natalija und hofft weiter, dass die Mutter irgendwann doch zu ihr ziehen wird.