„Das ist doch nicht mein Krieg!“

Viele Russen und Belarussen weisen die Verantwortung für den Krieg gegen die Ukraine von sich
Ein sogenanntes „unsterbliches Regiment“ feiert am 9. Mai 2025 in Berlin den „Tag des Sieges“ über das NS-Deutschland. Der damalige Kampf gegen den Faschismus will auch dem russischen Krieg gegen die Ukraine Legitimität verleihen / Foto © lookby.media

Die Entmündigung des Bürgers gehört zum Wesenskern diktatorischer Regime. Autoritäre Systeme setzen gezielt darauf, die Gesellschaft zu depolitisieren und apolitisch zu halten: „Ihr mischt euch nicht in die Politik ein, dafür sichern wir euer Auskommen“, lautet eine häufige Grundregel, auch in Russland und Belarus.

Die politische Apathie hält sich, sowohl in Russland als auch in Belarus, obwohl hier die Gesellschaft mit den Massenprotesten von 2020 eindrücklich ihren Emanzipationswillen gezeigt hat.

Viele in diesen Gesellschaften weisen dementsprechend auch ihre Verantwortung zurück, wenn es etwa um den russischen Angriffskrieg in der Ukraine geht oder um die Gewalt des Lukaschenko-Regimes: „Ich interessiere mich nicht für Politik. Was habe ich denn damit zu tun!?“, so eine häufige Replik.

Der belarussischen Journalistin Olga Loiko stinkt diese Verdrängungshaltung gewaltig. In einem krachigen Kommentar für das Onlinemedium Plan B. schreibt sie sich ihre Wut von der Seele.


„Mir ist schleierhaft, wie Menschen, die auf ein und demselben Planeten leben, einander derart hassen können“, wundert sich eine Belarussin. Sie hatte nur etwas über einen Freund aus Russland gepostet, der sich seit dem russischen Angriffskrieg nicht mehr bei ihr meldet. Und kein Mitgefühl geerntet. Sondern das Gegenteil. Auch wenn russische Touristen von Belarus schwärmen, ernten sie dafür nicht selten Shitstorms von den Belarussen.

Kollektivverantwortung ist umstritten und unbeliebt. Soll doch bitteschön für Krieg und Repressionen den Kopf hinhalten, wer angefangen hat und daran teilnimmt! Wir, wir meinen es doch gut. Wir sind für Frieden und Wohlergehen. Und da wird plötzlich auf die nettesten, herzallerliebsten Posts von uns sympathischen, gebildeten Menschen mit Aggression, Beleidigung und Drohungen reagiert.

Du bist verantwortlich!

Individuelle Verantwortung ist die Grundlage des modernen Strafrechts. Ein Mensch darf nicht für die Taten eines anderen bestraft oder aufgrund von Herkunft oder Nationalität seiner Rechte beraubt werden. Oder weil Putin und Co. einen Krieg losgetreten haben und Lukaschenko Repressionen. Der normale Mensch kotzt sich aufs Hemd und will, dass alles wieder so ist wie früher. Dass niemandem vor seinem Pass graut, sondern alle munter Visa einkleben, dass Flugzeuge fliegen und alle rundherum bereit sind, wieder Russisch zu sprechen, das jedem einfachen Menschen leicht über die Zunge geht.   

Na, was denn?! Schuld muss schließlich individuell nachgewiesen werden. Putin (Lukaschenko) war’s, der hat angefangen – fragt doch ihn. Aber wir mögen bitte Freunde sein. Der Sohn haftet nicht für den Vater. Und ich für Pu/kaschenko auch nicht!

asdpoluytrew: Ich bin aus Belarus und muss offenbar in der Hölle schmoren, weil ich was über einen Freund aus Russland gepostet habe, der sich seit dem Angriffskrieg nicht mehr bei mir meldet. Mir ist schleierhaft, wie Menschen, die auf ein und demselben Planeten leben, einander derart hassen können. Ich weiß, Gehirnwäsche ist nicht zu unterschätzen, aber dass es so krass ist? Ihr kennt doch nicht mal mehr eure Wurzeln. Vielleicht waren die, die ihr so verabscheut, eure Vorfahren und haben euch Hornochsen das Leben geschenkt. Mögen doch Liebe und Vernunft die Welt regieren.   

Aus dem Social Media-Netzwerk Threads

Selbstreflexion ist in der heutigen Zeit ein mühseliges Unterfangen. Hannah Arendts Betrachtungen – gegen kollektive Schuld, aber für kollektive Verantwortung – führen uns zu lauter unbequemen Entdeckungen. Dass nämlich die Zugehörigkeit zu einer Gruppe Verantwortung erzeugt. Und dass wir, wenn wir zu den guten einfachen Menschen gehören wollen, als allererstes aufhören müssen, unerfreuliche Nachrichten auszublenden. Denn erfreuliche gibt es nicht.          

Zu wissen, was im eigenen Land passiert, ist das Mindeste. Zu wissen, was die Firma produziert, bei der du arbeitest. Und warum gegen sie Sanktionen verhängt wurden. Worüber deine Zeitung schreibt. Wofür Menschen verknackt werden. Und erst recht musst du wissen, unter welche Posts du ein Like setzen musst, um strafrechtlich belangt zu werden. Für welche Banküberweisung ein dir Unbekannter ins Gefängnis kommen kann. Wie Gerichtsprozesse ablaufen. Alle hinter verschlossenen Türen? Und warum? Ja, das geht uns alle an.

„Keiner hat hier [in Auschwitz – dek] was gemacht“, sagte Richter Hofmeyer. „Der Kommandant war nicht da, der Schutzhaftlagerführer war nur so anwesend, der Beauftragte der Politischen Abteilung kam nur mit den Listen, der andere kam nur mit den Schlüsseln.“

Hannah Arendt in: Vorwort zu Bernd Neumann, Wir Juden

Denken müssen wir jetzt, die Vergangenheit neu interpretieren, uns auf Lustrationen vorbereiten, auf Restitutionen, Reparationen. Auf die Rückgabe von Eigentum, die Kompensation von Schäden, die Reformierung von Institutionen.

08_1964: Ich liebe Belarus sehr, und meine Schwester wohnt in Brest, aber wenn ich die Kommentare hier lese, wird mir klar, dass die Belarussen die Russen genauso hassen wie die Ukrainer. Ich bin entsetzt. Obwohl wir uns alle seit Langem mischen, viele Russen leben in Belarus, viele Belarussen in Russland. Warum jetzt sowas?

Aus dem Social Media-Netzwerk Threads

Und dabei ist die strafrechtliche Verantwortung noch nicht einmal berücksichtigt, zu der tatsächlich nur einzelne Bürger herangezogen werden, die kriminelle Befehle erteilt und ausgeführt haben.  

Woher kommt der Hass?

Politische Verantwortung trifft immer den Einzelnen. Hoffentlich finden irgendwann speziell dafür ausgebildete Kräfte heraus, wie man so was ermittelt und gebührend bestraft. Und wenn in der Zukunft die Lehrbücher umgeschrieben werden, werden wir vielleicht sogar unsere Fehler bekennen. Aber das ist nicht sicher. Die Siege sind schließlich unsere gemeinsamen Erfolge, nationale. Fehler hingegen sind was Persönliches, Individuelles. Und natürlich – nicht unsere Fehler.

Und unterdessen staunen die Guten: Woher kommt dieser Hass? Warum erzählt die ukrainische Mama ihren Kindern so scheußliche Dinge über Putin? Was soll die Schadenfreude über Benzinmangel auf der besetzten Krym? Und nennenswertes Mitleid für „eure Jungs“, die sich an der Front eine goldene Nase verdienen wollten, haben nicht mal die Belarussen, die ihr für eure kleinen Brüder haltet. Was sie in Rage bringt. Genau wie die belarussische Sprache und dass man euch permanent an die korrekte Bezeichnung des Landes erinnern muss: Belarus. 

daryakadr: Ich öffne jetzt das Tor zu Hölle, aber ich will wirklich Meinungen hören, möglichst von allen Seiten, wie Russen und Ukrainer in der heutigen Zeit miteinander kommunizieren sollen. Situation: meine Tochter, 6,5 Jahre, Portugal, normale öffentliche Schule. In der Klasse sitzen Kinder neun verschiedener Nationen, darunter ein Mädchen aus der Ukraine. Natürlich sind sie und meine Tochter befreundet, beide haben Russisch als Muttersprache.
Die dritte handelnde Person ist die Mutter dieses ukrainischen Mädchens, die mit aufsteigendem Bullshit-Faktor: a) Russisch spricht, aber uns gegenüber immer zu Ukrainisch wechselt (meinetwegen), b) ihrer Tochter „Freundschaft mit Russinnen“ verbietet und sie daher nicht zum Geburtstag meiner Tochter kommen lässt und sie auch umgekehrt zu ihrem nicht einlädt, [] ihrer Tochter erzählt, dass Russland die Ukraine bombardiert, Russlands Präsident dies macht und jenes, man mit Russinnen nicht redet und so weiter und so fort, was ihre Siebenjährige täglich (buchstäblich täglich) meinem Kind weitererzählt (und mein Kind wiederum mir) … 

Aus dem Social Media-Netzwerk Threads

Wir begegnen häufig Ukrainerinnen und Ukrainern, in allen Ländern der Welt. Das Gespräch (meistens auf Englisch) mit dem „Glaubensbekenntnis“ jedes vernünftigen Menschen zu beginnen, ist ein Anfang: Die Krym ist ukrainisch. Putin hat einen blutigen Krieg in der Ukraine begonnen und muss dafür die Verantwortung tragen. Ich unterstütze diesen Krieg nicht und weiß genau, wer ihn vom Zaun gebrochen hat. Mir ist bewusst, dass ich als belarussische Staatsbürgerin für die Mitwirkung meines Landes an diesem Krieg Verantwortung trage. Und ich weiß, von wo aus die russischen Truppen am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert und sie mit Raketen beschossen haben. Dann können wir zu Russisch wechseln, wenn sich alle Gesprächsteilnehmende damit wohlfühlen. Wir können auch auf Englisch weitersprechen, auf Ukrainisch und Belarussisch, wie es uns beliebt. Wir stehen auf derselben Seite. Auf der, wo man nicht seine Nachbarn bedroht, wo man nicht mit Oreschnik-Raketen herumwedelt, wo man sich nicht herausnimmt, seinem Nachbarland vorzuschreiben, ob es Mitglied der EU oder der Eurasischen Wirtschaftsunion sein darf. Wo man fremde Sprachen und die freie Wahl respektiert.