
Mit seiner Kunst hat Alhierd Bacharevič der belarussischen Literatur zur Geltung verholfen und sie somit sichtbarer gemacht. Für sein Grenzen sprengendes Epos Europas Hunde wurde er 2025 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Seine Romane sind mittlerweile in viele Sprachen übersetzt.
Nun hat er einen neuen Roman veröffentlicht, vorerst allerdings nur auf Belarussisch. Aus diesem Anlass hat Franak Dubouski für das Onlinemedium Zerkalo mit Bacharevič gesprochen. In dem Gespräch geht es nicht nur um sein neues Buch, sondern um die Herausforderungen des Belarussisch-Seins zwischen Repression, Exil und Krieg sowie um die Frage, was der Westen bei Osteuropa immer noch lernen muss.
Zerkalo: Im neuen Roman Padzemnyja pierachody (Unterführungen) verlässt die Protagonistin Ahnia Bortnik, eine Dichterin, gemeinsam mit ihrem Mann Raman Nekraschewitsch Belarus, woraufhin Umsiedler aus Russland ihren Platz und ihre Namen einnehmen. Die echte Ahnia lebt nun in Berlin und verdient ihr Geld mit Lyrikpublikationen und Auftritten. In Belarus wäre das kaum möglich, die Honorare für Lesungen sind erbärmlich. Kann man in Deutschland davon leben? Oder müssen Sie neben der Literatur noch anderen Tätigkeiten nachgehen?
Alhierd Bacharevič: Ich lebe, genau wie Ahnia, in Berlin, und verdiene mein Geld ausschließlich mit Literatur. So lebe ich übrigens schon sehr lange, auch in Belarus habe ich so gelebt – ich führe ein bescheidenes Schriftstellerleben und kann mir, ehrlich gesagt, auch nichts anderes vorstellen. Literatur ist das Einzige, was mich wirklich interessiert, meine Luft zum Atmen, das, was ich kann und kenne, ein geheimnisvolles Land, in dem mein Streben, meine Ängste, meine Träume und meine Freiheit leben. Es ist das, was von mir bleiben wird. Früher haben mir Literaturstipendien geholfen, aber die letzten Jahre lebe ich einfach von den verkauften Büchern, hauptsächlich den deutschen Übersetzungen und den belarussischen Originalen, und von Auftrittshonoraren. Ich halte das für ein Wunder und ein großes Glück, denn nur wenige Schriftsteller können von ihrem Schaffen leben. Schon gar nicht, wenn sie im Exil leben, aber weiterhin in ihrer Sprache schreiben (die zudem nicht zu den bekanntesten der Welt gehört). Ich kann sagen, dass es ein zwar instabiles, aber wirklich freies Leben ist.
Leider war und bleibt Russland für viele Belarussen das einzige Fenster zur Welt, ebenso die russische Sprache.
Hinzu kommen noch Theaterstücke und Übersetzungen in andere Sprachen. Übersetzer sind für mich ohnehin Helden. Für Schriftsteller im Exil ist ihre Rolle von unschätzbarem Wert, da wir in der Fremde erst dank ihrer Übersetzungen als Autoren existieren können. Deutschland ist übrigens ein Land, in dem unglaublich viel Literatur übersetzt wird und viele Exilliteraten aus der ganzen Welt leben.
In den vergangenen Jahren sind Sie häufig umgezogen, hatten verschiedene Literaturstipendien in Deutschland und Österreich. Nun leben Sie bereits seit einiger Zeit in Berlin. Warum?
In den ersten Jahren des Exils lebten meine Frau, die Schriftstellerin Julia Cimafiejeva, und ich in Österreich und der Schweiz, dann folgte Hamburg, und schließlich haben wir uns in Berlin niedergelassen. Berlin war für mich schon immer ein besonderer Ort, eine meiner zwei Lieblingsstädte. Nicht umsonst war es die erste westeuropäische Stadt in meinem Leben, und auch später verbrachte ich dort häufig Zeit. Ich kenne die Geschichte dieser Stadt sehr gut, lese Buch um Buch über sie und studiere nun auch die Stadt selbst Tag um Tag wie ein Buch, in ihr schlägt das Herz Europas. Es ist eine Stadt, die ich verstehe. In Berlin ist es ganz natürlich, fremd zu sein, hier leben Menschen aus 190 Nationen, die mehr als 150 Sprachen sprechen. Ich habe lange davon geträumt, in Berlin zu wohnen, aber es war gar nicht so leicht, das zu verwirklichen. Ich werde nicht müde, Julia dafür zu danken: Sie hatte ein Literaturstipendium bekommen, das uns erlaubte, nach Berlin zu ziehen – und danach mussten wir einfach nur weitermachen, glücklicherweise fanden wir eine Mietwohnung (eine sehr komplizierte Sache für Emigranten) und endlich kann ich mir und der Welt sagen: „Ich bin ein Berliner.“
Im Roman Europas Hunde beschrieben Sie 2019 die Vision, dass Belarus in der Zukunft Teil eines Russischen Reichs und ein Eiserner Vorhang Belarus vom Westen trennen wird. In gewissem Maße ist diese schreckliche Prognose eingetroffen. Im Jahr 2026 schreiben Sie nun in Padzemnyja pierachody, wie Belarus per Staatsprogramm mit Umsiedlern aus der russischen Provinz bevölkert wird, die die Identitäten von emigrierten Belarussen annehmen: Name, Pass, Wohnung. Was hat Sie dazu inspiriert, dieses noch postapokalyptischere Bild zu entwerfen? Was muss passieren, damit es nicht wirklich dazu kommt?
In letzter Zeit leben wir alle in einer Epoche der neuen Großen geografischen Entdeckungen und der neuen Großen Völkerwanderungen. Der Westen hat mit Staunen die Ukraine und Belarus entdeckt, die vorher für ihn nicht existierten (sondern nur ein großer Kontinent namens Russland, der den Menschen im Westen monolithisch, homogen und einsprachig zu sein schien). Millionen Menschen migrieren in andere Länder, vertrieben von der großen Geschichte. Natürlich lese ich Nachrichten aus Belarus, lese und höre, was die Belarussen erzählen, die im Land bleiben. Ich lese auch sehr aufmerksam, was die Russen schreiben, die in Massen nach Belarus gezogen sind. Ich lese von ihren Eindrücken, Problemen, Träumen, von ihren Zielen und Motivationen … Und mir scheint, dass sie eine wichtige Tatsache nicht verstehen. Wie man es auch dreht, die massenweise Ansiedlung in einem Land, das aus politischen Gründen einen riesigen Bevölkerungsschwund erlebt, sieht nach einem böswilligen Ersetzen der „Entlaufenen“ durch „Normale“ aus – denn natürlich nehmen die Russen die Plätze jener hunderttausenden Belarussen ein, die das Land gezwungenermaßen verlassen haben.
„Gezwungen“ ist in diesem Kontext ein wichtiges Wort. Die Mehrheit der Belarussen im Exil hat Belarus nicht auf eigenen Wunsch verlassen. Verstehen die Umsiedler aus Russland, wo sie sich da niederlassen? Jede Immigration verändert ja das Land, in dem die Menschen sich ansiedeln, und Belarus war auch vorher schon überschwemmt mit russischer Kultur, russischer Sprache, russischem Pop. Leider war und bleibt Russland für viele Belarussen das einzige Fenster zur Welt, ebenso die russische Sprache. Früher träumte ich davon, dass mein Belarus Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt sein könnte. Stattdessen ist etwas ganz anderes passiert: Belarus wird zu einer Art billigem, zugänglichen Europa für die Russen, zum Bungalow des Imperiums: Hübsch ist es dort im Sommer auf dem Land …
Die Belarussen und Russen haben einen ähnlichen kulturellen Code, nicht denselben, aber leider ist er verwandt, denn das Imperium hatte hier ausreichende Wirkung – und so wird aus der Migration als sozialer Frage ein Problem von historischem, zivilisatorischem Ausmaß. Die meisten von denen, die aus Russland nach Belarus kommen, haben natürlich nichts von Repressionen und Russifizierung gehört, schlimmer noch, sie machen sich lustig über belarussische Wörter wie malako. Überlegen Sie mal, was im Kopf eines Menschen vorgeht, der sich über das Wort malako lustig macht? Auf die Frage, was man dagegen tun kann, wiederhole ich die alte Antwort: Belarussisch sprechen, Belarussisch schreiben, Belarussisch lesen, die eigene Andersartigkeit zeigen. Wir wiederholen ja nicht ohne Grund seit Jahrzehnten dieses gemarterte wie heilige Wort mova (belarus. Sprache). Wir tun das nicht aus rituellen Gründen, sondern aus pragmatischen. Die Sprache ist tatsächlich das wirkmächtigste Mittel im Kampf gegen die Assimilation.

In Padzemnyja pierachody zeichnen Sie alle östlichen Nachbarn in tiefschwarzer Farbe. Die Russin Ahnia schreibt mit fürchterlichen Grammatikfehlern. Der Russe Raman schreckt scheinbar auch vor Mord nicht zurück, sein Bruder kämpft im Krieg gegen die Ukraine. Wie sehen Sie perspektivisch die Koexistenz mit Russland und den Russen – in der Zukunft, in Friedenszeiten? Die Grenze zu Russland wird ja nicht verschwinden.
Farben gibt es bei mir sehr viele verschiedene und ich spiele mit ihren Schattierungen. Der falsche Raman (ein russischer Übersiedler, der den Namen eines Belarussen bekommen hat, Anm. d. Red.) hat ein aufrichtiges Interesse, die Stadt und das Land, in die er gekommen ist, zu verstehen. Er beginnt sogar, unsere Sprache zu lernen. Er will den Belarussen helfen. Auch die falsche Ahnia ist kein Monster, sondern einfach eine unglückliche Frau. Beiden ist wichtig, dass sie gekommen sind, um „Menschen zu retten“, sie haben eine „Mission“, es ist mehr als: „Wie gut, dass die Besitzer erschossen wurden.“
Ja, politisch betrachtet ist Padzemnyja pierachody ein Roman über die Russen, durch die die Belarussen ersetzt werden sollen. Aber das wäre zu einfach, so simple Narrative sind für mich nicht interessant genug. Ich schreibe über Erinnerung und Zeit, über Schuld und Rechtfertigung, ich schreibe darüber, warum es so wichtig ist, das wir wir sind, warum uns unsere Vergangenheit so viel bedeutet, warum es wichtig ist, den eigenen Namen und die Biografie zu bewahren, selbst zu erleben, was kein anderer für uns erleben kann. Ich schreibe über die Unterführungen zwischen Leben, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Städten, Sprachen, Geschichten, zwischen Leben und Tod, zwischen Menschen, die sich nie begegnet wären, gäbe es die große Geschichte nicht. Einer der Protagonisten des Romans kommt zu dem Schluss, dass die Bevölkerung einer Stadt nicht nur aus jenen besteht, die jetzt dort leben, sondern auch aus allen, die jemals dort gelebt haben und leben werden. Darin stimme ich mit ihm überein.
Im Roman gibt es viel Bosheit und Kränkung. Sie erwähnen mit viel Ironie die „belarussischen Schreiberlinge der älteren Generation“, kritisieren die Exilschriftsteller (darunter auch die Nobelpreisträgerin), und stellen fest, dass nur jene Schriftsteller in Belarus geblieben sínd, „die wir einst eher freudlos hinnahmen“. Sind Sie wirklich der Ansicht, dass niemand Respektables mehr in Belarus ist? Befürchten Sie nicht, damit die Schriftsteller zu beleidigen, die noch im Land leben?
Die Person Raman spricht aus und spitzt zu, was viele Menschen heute nicht wagen, offen auszusprechen. Es ist eine Aufgabe der Literatur, Dinge auszusprechen, die andere sich schämen oder fürchten zu sagen. Die Fragen nach dem „Hier“ und dem „Dort“ verschwindet nicht, sowohl hier als auch dort gibt es Kränkung, gibt es Schmerz, gibt es eine Distanz, die mit jedem Jahr wächst, und so schwindet auch das Verständnis. Ich habe mich mit der Geschichte des Exils, besonders des literarischen, befasst und weiß, dass dies ein natürlicher, wenngleich schmerzhafter Prozess ist. Es nützt nicht, den Anschein zu erwecken, dass wir alle, Dort und Hier, einig und zusammenstehen, dass wir auf beiden Seiten der Grenze für die eine Sache kämpfen, wie gern gesagt wird, „zum Wohl des Vaterlandes“. Das ist Selbstbetrug. Irgendwann kommt der Point of no Return.
Das Einzige, was uns noch verbindet, Dort und Hier, ist die Sprache. Ansonsten leben wir völlig verschiedene Leben und verstehen einander nicht, das ist gesetzmäßig so. Ein Künstler sollte von niemandem Verständnis erwarten, und man muss auch nicht den Anschein erwecken, als existierten wir alle gleichzeitig dort und hier. Das funktioniert nicht. Und so ist eine der zentralen Fragen des Romans: Was tun wir, wenn wir unsere Vergangenheit in unterirdischen Durchgängen wiedertreffen, also auf dem Friedhof? Was sagen wir einander dann?
Der Protagonist von Padzemnyja pierachody spricht voller Empörung über die belarussischen Emigrant:innen, die ihre Herkunftssprache nur auf dem A2-Niveau beherrschen, obwohl sie C2-Level benötigen würden, um die zeitgenössische belarussische Literatur zu lesen. Ihr Lesepublikum hat sich doch seit 2020 gerade durch diese russischsprachigen Leser:innen, die nun Belarussisch lernen, erweitert. Sind Sie darauf vorbereitet, durch Ihre Kritik einen Teil Ihrer Leserschaft zu verlieren?
Aber ist es denn nicht so? Ich stimme Raman völlig zu. Kann man die belarussische Übersetzung der Ilias lesen, wenn man die Sprache nur auf A2-Niveau beherrscht? Oder Borges und Joyce?
Aber ich schreibe für die Belarussen, aus irgendeinem Grund glaube ich daran, dass sie ihre Sprache lesen können, welche auch sonst. Ich treffe meine belarussischsprachigen Leser sehr oft. Leute, die noch vor Kurzem komplett russischsprachig waren, fragen mich manchmal: Wie können wir Belarussisch lernen? Und ich antworte: Lest belarussische Bücher. Irgendwann habe auch ich auf diese Weise Belarussisch gelernt. Literarische Werke zu lesen ist eine gewaltige Arbeit, ähnlich fast, wie welche zu schreiben. Um Bücher zu lesen, braucht es so manche Anstrengung – intellektuell, psychologisch, sogar körperlich. Wenn ich ein Buch in die Hand nehme, muss ich die Sprache in einem ausreichenden Maße beherrschen, um es zu verstehen. Keinesfalls muss der Autor so einfach wie möglich schreiben, um mir entgegenzukommen.
Wo sehen Sie Ihre Zukunft und die Zukunft der belarussischen Literatur in zehn Jahren?
Es gibt ein bekanntes Gedicht von Janka Kupala, Pierad budučyniaj (Im Angesicht der Zukunft), in dem er 1922 beschrieb, wie wir vor der Zukunft stehen und „voller Angst und ahnungslos mit dem Flügeln schlagen“. Es ist eine schwierige Frage, wie es mit uns weitergeht – zunächst einmal deshalb, weil wir selbst nicht definiert haben, was wir als belarussische Literatur bezeichnen. Was sind die Kriterien für das Belarussischsein – in Sprache, Themen, nationaler Zugehörigkeit – was noch? Belarussische Literatur wird heute nicht nur in belarussischer Sprache geschaffen – man kann sieben oder acht Sprachen aufzählen, in denen belarussische Schriftsteller schreiben: Deutsch, Englisch, Trassjanka, Polessisch, Balbuta (eine Sprache, die Bacharevič für seinen Roman Europas Hunde entwickelt hat, Anm. d. Red.). Von Russisch ganz zu schweigen.
Ob die heutigen Belarussen genügend Beharrlichkeit, Glauben und Widerstandsbereitschaft haben, weiß ich nicht. Ich hoffe es.
Wenn wir doch einmal annehmen, dass belarussische Literatur vor allem die belarussischsprachige meint, dann wird es interessant. Die Situation des Exils, der Emigration, in der sich ein Großteil der belarussischen Literatur heute befindet, hat uns die große Welt eröffnet – riesige Möglichkeiten, von dieser Welt endlich wahrgenommen und gelesen zu werden. Die belarussische Literatur war noch nie in ihrer Geschichte in solchem Maße international, derart im Austausch, derart gelesen. Die Art und Weise, wie wir diese Möglichkeiten nutzen, hängt von uns Schriftstellern ab, von unserer Freiheit und unserer Lernfähigkeit: Nicht „ahnungslos mit den Flügeln schlagen“, sich nicht im Ghetto verkriechen, sondern über das Eigene schreiben und gleichzeitig die ganze Weltkultur in sich aufnehmen, weltoffen sein.
Ob Schriftsteller weiterhin auf Belarussisch schreiben werden, hängt ausschließlich von den Lesern ab. Davon, ob in zehn Jahren Menschen Bücher in dieser Sprache lesen werden. In dieser Sprache zu sprechen und zu lesen war niemals bequem, leicht und sicher. Ob die heutigen Belarussen genügend Beharrlichkeit, Glauben und Widerstandsbereitschaft haben, weiß ich nicht. Ich hoffe es. Ich selbst habe diese Sprache damals auch zu einem Zeitpunkt gewählt, als sie nur Probleme bereitete. Wenn man sich für diese Sprache entschied, musste man bereit sein, sich der Mehrheit entgegenzustellen. Vielleicht ist das heute anders?
Die Zukunft ist eine dunkle Unterführung, in die wir hinabgehen auf den Stufen der Zeit. Und den Stimmen nach zu urteilen, die aus der Dunkelheit heraufdringen, ist dort unten jemand.
Hinweis: Am 7. und 8. Oktober ist dekoder auf der Frankfurter Buchmesse. Am Donnerstag um 15 Uhr stellen wir uns in einer kurzen Präsentation vor. Kommt vorbei – wir freuen uns auf euch! Halle 3.1, Stand A 58