Der fliegende Tod

Russlands kleine, billige Kamikaze-FPV-Drohnen sind für ukrainische Kleinstädte der fliegende Tod.
Eine russische Kamikaze-Drohne ist der Schutzpatrouille in Cherson buchstäblich ins Netz gegangen. Aus der schwarzen Spule zieht sich das kilometerlange Glasfaserkabel, das den russischen Streitkräften zur Datenverbindung und Steuerung der Drohne dient. / Foto © Gerd Waliszewski

Alles, was unter freiem Himmel passiert, muss schnell gehen: der Weg zum Supermarkt oder zur Bushaltestelle, das Abladen von Trümmern auf einer Schuttdeponie, ja sogar Beerdigungen auf dem aus weiter Ferne gut einsehbaren Friedhof der südukrainischen Großstadt Cherson.

Ein ständiger Wettlauf, denn der fliegende Tod lauert überall. Die russischen Truppen am gegenüberliegenden Dnipro-Ufer attackieren mit ihren kleinen, wendigen FPV-Drohnen, beladen mit Sprengsätzen, rund um die Uhr jede alltägliche und noch so zivile Bewegung.

Diese russische Menschenjagd begann vor guten zwei Jahren hier in Cherson. Seitdem breitet sie sich überall da aus, wo die russische Armee mit ihren Kurzstreckendrohnen ukrainische Siedlungen erreichen kann: in Isjum und Sumy, in Saporishshja, Nikopol und bereits in den nordöstlichen Stadtteilen von Charkiw.

Gegen Sommerende verstärkt Russland zusätzlich seine Luftangriffe mit Raketen und Lenkbomben auf Strom- und Heizkraftwerke. Speziell Cherson verfügte laut Regionaler Militärverwaltung schon Anfang September nur noch über „so viel Strom wie ein einziger Supermarkt in Kyjiw“. Für den Winter rechne man mit Stromausfällen, die weit über einzelne Tage oder Stunden herausreichten. Evakuierung wird empfohlen, für immer mehr Bezirke verpflichtend.

Die Reporterin Lieselotte Hasselhoff und der Fotojournalist Gerd Waliszewski dokumentieren in dieser Foto-Reportage den Sommeralltag der ukrainischen Frontstadt Cherson unter Russlands Drohnenterror für eine Vielzahl von Lebensbereichen: vom Spielplatz bis zum Grab.


Vater Wassyl verabschiedet in einer verkürzten Zeremonie die Tote in einem umgebauten Transporter vor der Einfahrt zum Friedhof mit religiösen Gesängen. Wegen der vielen russischen Drohnen sind sogar Beerdigungsrituale in Cherson stark reduziert und finden oft, wie in diesem Fall, ohne Anwesenheit der Familie statt. / Foto © Gerd Waliszewski

Die Steppe blüht unter der südukrainischen Sonne. Das schwarze Gewand des Priesters weht im Wind, der über die Gräser streift. Pater Wassyl steht hinter dem umgebauten Van, in dem ein mit rosa-goldenem Samt überzogener, offener Sarg liegt. Ein junger Mann in kugelsicherer Weste hält die Tür fest, die im Wind immer wieder zuzuschlagen droht, während der Priester singend sein Weihrauchfass über der Toten schwenkt. Außer ein paar Totengräbern kann ihr hier draußen niemand das letzte Geleit geben. Denn vor den russischen FPV-Drohnen, die ständig über der Steppe rund um Cherson kreisen, sind selbst die Toten nicht mehr sicher.

Straßenszene in Cherson: Menschen warten ungeschützt im Stadtteil Dnipro an einer Bushaltestelle, während um sie herum Drohnen surren. / Foto © Gerd Waliszewski

Durch die Stadt Cherson verläuft die sogenannte Killzone – jener rund 25 Kilometer breite Streifen entlang beider Seiten der russisch-ukrainischen Front, in dem jede menschliche Bewegung durch feindliche Drohnen registriert und attackiert wird. Seit Jahren setzt Russlands Armee zunächst hier seine Artillerie und Scharfschützen und heute seine Drohnen nicht nur gegen ukrainisches Militär, sondern auch gezielt gegen die Zivilbevölkerung ein. Zerstörung und Entvölkerung ist Teil der russischen Kriegstaktik, um ukrainische Städte leichter einzunehmen.

Dennoch leben in Cherson von einst 280.000 heute noch rund 64.000 Menschen. Die meisten in den Wohnblöcken nordwestlich vom Zentrum, die lange als relativ sicher galten. Und dank der Menschen lebt die Stadt, kann den russischen Belagerern standhalten. Doch mit technologischen Fortschritten dehnt sich die Todeszone immer weiter aus. Dörfer und Wohnviertel entlang des Dnipro-Ufers liegen verlassen. In dieses Herz der Killzone wagen sich kaum mehr Polizei oder städtische Rettungsdienste hinein. Russische Drohnen liegen hier ständig auf der Lauer und verbreiten permanente Todesangst.

Der Leichnam, den der Freiwillige Andrii aus dem zerfetzten Autowrack hebt, ist verkohlt und leicht. Das angegriffene Auto steht auf einer Landstraße. Rund herum erstreckt sich bis zum Horizont die Steppe, in der die Drohne ihr Opfer leicht erspähen konnte.

Das war vor drei Tagen. Andriis Kollege Rostyslaw zeigt die Videoaufnahme auf seinem Handy. Jetzt ist Sonntagmittag und Rostyslaw verschnauft in einem Café. Er ist gerade von seiner zweiten Evakuierung heute zurückgekommen. Beide aus Dörfern in der Killzone.

„Sieben Drohnen flogen auf uns zu. Noch drei Stunden danach hatte ich Adrenalinschübe, mein Herz flatterte unkontrollierbar. Nur Idioten haben keine Angst.“

Rostyslaw, ehrenamtlicher Evakuierungshelfer

Rostyslaws Kleinbus ist gepanzert. Unter der Windschutzscheibe stehen – aufgereiht für sämtliche Funkfrequenzen – Detektoren, die piepen, sobald sich Drohnen nähern. Im Fußraum liegt eine Schrotflinte, mit der sie diese notfalls abschießen können. Rostyslaw und Andrii holen nicht nur Familien oder Verletzte aus der Todeszone, sondern auch die Toten, die später auf dem einsamen Friedhof in der Steppe bestattet werden.

Rostyslaw (rechts mit Handy) und sein Team evakuieren eine Familie aus dem Dorf Komyschany, westlich von Cherson. Ein Leben dort ist wegen der ständig umherschwirrenden Drohnen nicht mehr möglich. / Foto © Gerd Waliszewski

„Einmal, auf dem Rückweg von einer Evakuierung hinter Antoniwka, wurden wir von unserem Militär angerufen“, erzählt Rostyslaw. Es war zu gefährlich, sie mussten warten. „Nur fünf Minuten, die mir wie Stunden vorkamen. Ich sah das russisch besetzte Flussufer und wusste, wir könnten jeden Moment tot sein.“ Kurz darauf wieder ein Anruf: „Sieben Drohnen flogen auf uns zu.“ Rostyslaw erinnert sich: „Noch drei Stunden danach hatte ich Adrenalinschübe, mein Herz flatterte unkontrollierbar. Nur Idioten haben keine Angst.“

Wie Raubvögel über der Savanne kreisen die Drohnen über Chersons Dächern. Die Bewohner huschen durch die Straßen und erstarren an einer Hauswand oder unter einem Baum, sobald das Surren der ferngesteuerten Jäger naht: FPV-Drohnen, deren Piloten ihre Ziele per Kamera genau sehen und anpeilen können. Die Chersoner nennen es Human Safari – Menschenjagd.

Im Jahr 2024 haben die Russen diese Menschenjagd explizit eröffnet: Damals erklärten russische Blogger und Militärs in ihren Telegram-Kanälen ein 60 Quadratkilometer großes Gebiet um Cherson zur roten Zone. Ein Trainingsgelände für russische Drohnen-Piloten, in dem jedes Auto und die kritische Infrastruktur zu legitimen Kriegszielen erklärt wurden. Im Klartext heißt das: auch private Pkw, Busse, Krankenhäuser und Supermärkte. Während schon diese Angriffe auf zivile Objekte per Kriegsrecht verboten sind, gehen die russischen Soldaten noch weiter und verfolgen und töten auch einzelne Passanten auf der Straße.

Laut Vertretern der ukrainischen Armee können Drohnen inzwischen bei Distanzen von bis zu 25 Kilometern effektiv operieren. Vom russisch besetzten Ufer des Dnipro bis zu den letzten Häusern im Norden Chersons sind es rund 12 Kilometer.

Der letzte Wachmann vom Yachthafen, Ihor (rechts), muss nach einer russischen Drohnenattacke im Krankenhaus behandelt werden. / Foto © Gerd Waliszewski

Ihors wilder Bart erinnert an einen Seemann. Er war Anfang April noch der letzte Wachmann eines Yachthafens auf der Fluss-Halbinsel Korabel (dt. Schiff). Als er die Drohne bemerkte, die ihn verfolgte, war es bereits zu spät. Nun sitzt Ihor auf seinem Bett im Chersoner Regionalkrankenhaus im nördlichen Teil der roten Zone. Derzeit zählt die Klinik rund 200 Patienten, zwanzig davon sind Drohnen-Opfer.

Ihors Augen blicken ruhig, aber erschöpft, als er sich an die Verfolgungsjagd erinnert. „Ich versteckte mich unter einem Baum“, erzählt er, „aber die Drohne folgte mir. Dann sah ich einen Schutzbunker auf der anderen Straßenseite, ich rannte hinüber, aber die Drohne war schneller.“ Die Bombe, die sie trug, explodierte neben ihm, außer Ihor wurden noch drei andere Menschen verletzt.

Der Hafen-Stadtteil Korabel verdankt seinen Namen dem Schiffbau, der einst Anlass für die Stadtgründung vor fast 250 Jahren war, und der Cherson bis in die Gegenwart prägt. Noch bis zur russischen Invasion 2022 liefen in den Hallen der Kherson-Shipyard-Gesellschaft Frachter und Tanker für Kunden aus aller Welt vom Stapel. Doch heute droht von der geschichtsträchtigen Stadt nichts mehr zu bleiben, außer Ruinen.

Die wichtigsten Versorgungslinien der Stadt funktionieren dennoch – Strom, Wasser, Busse, Krankenhäuser. Die Bewohner sagen: Solange es diese Dinge gibt, lebt die Stadt. Gärtner mähen die Grünstreifen, damit sich Drohnen nicht darin verstecken können. Und damit man abgeworfene Tretminen notfalls besser erkennen kann.

An einer Kreuzung, schräg gegenüber von der zerbombten Chersoner Regionalverwaltung, befindet sich ein großer Silpo-Supermarkt. Schnell verschwinden die wenigen Passanten mit ihren Einkaufstaschen darin. Denn draußen herrscht in der gleißenden Mittagssonne ein fast lautloser Krieg, sobald das dumpfe Donnern der fernen Artillerie, die das Bewusstsein längst ausgeblendet hat, einmal schweigt. Dann wird es ganz still in Cherson.

In einem Hinterhof blüht ein Jasmin-Busch, der in der warmen Sonne seinen süßlichen Duft verbreitet, Amseln flöten, Tauben gurren, zwei Mütter gehen mit ihren Kinderwagen spazieren. Eine Drohne surrt über den Hof – so plötzlich, dass kaum Zeit für Flucht bleibt, und so sachte, dass die Vögel nicht einmal vor Schreck verstummen. Wenige Tage später explodiert in einem solchen Hinterhof der Sprengsatz einer Drohne neben einer Familie. Der Vater liegt sofort tot in seiner Blutlache, die Mutter und ihre beiden Mädchen kommen schwer verletzt ins Krankenhaus. In Cherson kommt der Tod oft leise und blitzschnell.

Im Leichenschauhaus türmen sich auch darum die Leichen, der Gestank nach Verwesung strömt aus der baufälligen Baracke in den Hof. Hier bringt auch Rostyslaw die Toten hin, die er aus der Killzone geborgen hat.

Die Gerichtsmedizinerin Tetjana vor dem Leichenschauhaus, in dem kaum Ruhe einkehrt / Foto © Gerd Waliszewski

Im Mai wurden insgesamt zehn Menschen in Cherson durch russische Angriffe getötet, mehr als 200 verletzt. Die meisten durch FPV-Drohnen. Im Juli lag Cherson schon auf Platz zwei der ukrainischen Städte mit den höchsten zivilen Opferzahlen durch russische Luftangriffe. Mehr gab es nur in der Hauptstadt Kyjiw durch Russlands Langstreckendrohnen, Marschflugkörper und Raketen.

Unter den frontnahen Städten verzeichnet Cherson die meisten zivilen Opfer: 34 Tote und über 420 Verletzte, gefolgt von Saporishshja (27/280) und Sumy (20/152) allein im Juli. Alle drei Großstädte sind mittlerweile erreichbar für russische FPV-Drohnen. Die Zahlen belegen, dass sich die Attacken stark intensivieren: 2024 und 2025 starben in Cherson noch im gesamten Jahr jeweils 37 und 42 Menschen durch Drohnen.

Ein Stück Hauswand ragt aus einem Schutthaufen des „Häuserfriedhofs von Cherson“. Diese Deponie besteht aus über 10.000 Tonnen Trümmern, entstanden durch jahrelangen russischen Beschuss der Stadt. Wegen der hohen Drohnenaktivität kann die Deponie den Schutt nicht weiterverwerten, da das Maschinen und Mitarbeiter auf dem offenen Feld zu einem einfachen Ziel machen würde. / Foto © Gerd Waliszewski

Die materiellen Überreste der zerbombten Stadt türmen sich weit weg vom Fluss Dnipro, ganz im Norden von Cherson, wieder draußen in der Steppe. Dort verlieren sich die dichten Wohnviertel in kleine, von bepflanzten Gärten umgebene Datschen. Dahinter lagern inmitten eines mit Klatschmohn rot getupften Meeres aus wildem Weizen plötzlich Berge aus Mauerresten, Styropor, Glaswolle, Möbeln und anderen Wohnungseinrichtungen: „Bis jetzt mehr als 10.000 Tonnen Schutt“, sagt Deponie-Leiter Serhii.

Nach dem Abzug der Russen im Herbst 2022 hatte man den Schutt hier draußen zusammengetragen, erzählt Serhii. Dann kamen 2023 die Ruinen der Häuser, die nach der Explosion des Kachowka-Staudamms oberhalb von Cherson davon gespült wurden. Außerdem immer mehr Trümmer aus der wachsenden Killzone.

Deponieleiter Serhii prüft mit seinem Detektor, wo genau die nächste Drohne kreist. / Foto © Gerd Waliszewski

Serhii steht neben seinem Pkw am Rande dieses „Häuserfriedhofs“. Auf der Motorhaube steht sein Drohnen-Detektor. Serhii ist 46 Jahre alt und trägt ein T-Shirt, auf dem ein Raubvogel über einer Berglandschaft schwebt. Plötzlich piept der Detektor. Der Bildschirm zeigt den Stadtrand und den Beginn der Steppe mit der Mülldeponie – genau das, was auch der russische Drohnen-Pilot gerade sieht.

Serhii drängt sich schnell in einen der kargen Büsche, wo er minutenlang reglos verharrt. Er deutet auf die Akku-Anzeige auf dem Bild im Detektor: „Gleich wird sich der Pilot ein Ziel suchen, bevor die Batterie der Drohne leer ist.“ Dann folgt in einiger Entfernung die Explosion.

Vielleicht wurde genau dort in diesem Moment wieder ein Mensch getötet oder verwundet? Trotzdem macht sich Erleichterung breit: Der fliegende Tod hat sich diesmal ein anderes Opfer gesucht.

Vor dem Friedhof steigt Vater Wassyl nun in den Laderaum des Vans. Mit dem Weihwasser aus einer Plastikflasche und geweihter Erde aus einem Frischhaltebeutel segnet er die Tote im Sarg. Dann wird die Tür geschlossen, der Van fährt durchs Friedhofstor aufs offene Feld.

In den hintersten Grab-Reihen ist die Erde frisch aufgeschüttet, Dutzende neue Gräber schon vorbereitet. Eilig lassen die Totengräber den Sarg ins nächste freie Loch rumpeln. Staub wirbelt auf, während sie keuchend Erde auf den Sarg schaufeln. Für Feierlichkeit ist hier ohnehin keine Zeit.

Schnell verlassen der Priester und die Totengräber nach dem hastigen Begräbnis den Friedhof auf offenem Feld. Die russischen Drohnenattacken machen sogar das Sterben zum Stress. / Foto © Gerd Waliszewski

Die Steppe blüht. Still ruhen die Gräber in den Wogen der glänzenden Gräser. Gräber, die mit ihren wie Segel aufgerichteten Kreuzen an die Schiffe der stillgelegten, zerschossenen Werft erinnern. Und die täglich mehr werden durch den fliegenden Tod, der vom anderen Flussufer aus immer näherkommt.