Kriegstraining in der Ukraine: „Wir lehren den Umgang mit Waffen zur Verteidigung“

Lwiwer Schüler beim Taktik-Training / Foto © Anna Subenko/Frontliner
Lwiwer Schüler beim Taktik-Training / Foto © Anna Subenko/Frontliner

In der Ukraine gibt es immer mehr Kriegstrainings für die Zivilbevölkerung. Hier lernt man medizinische Notversorgung, bis der Rettungsdienst kommt. Und den Umgang mit Sicherheitsgefahren im Internet sowie OSINT-Recherchen und Drohnen-Kunde, aber auch den praktischen Umgang mit Schusswaffen und Grundlagen im Häuserkampf.

Seit Russlands Vollinvasion 2022 sind viele dieser Kenntnisse und Fähigkeiten für die ukrainische Gesellschaft überlebenswichtig. Aufgrund ständiger russischer Luftangriffe tragen in der östlichen Hälfte des Landes viele Menschen tagtäglich Tourniquets bei sich, um Angriffsopfern bei zu hohem Blutverlust an Gliedmaßen das Leben retten zu können, noch bevor der Notarzt eintrifft. Immer wieder warnen auch Geheimdienste vor einer möglichen russischen Offensive aus dem Norden gen Kyjiw.

Man kennt die Berichte über die Militarisierungslager für Jugendliche in Russland und den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten. Umso mehr betonen die ukrainischen Trainer:innen die Bedeutung und den Nutzen der Übungen speziell für die Selbstverteidigung sowie nicht-militärische Extremsituationen im Allgemeinen.

Auch für Jugendliche in den höheren Schulklassen werden solche Kriegstrainings angeboten, wie am Wolja-Zentrum in Lwiw. Die Reporterinnen von Frontliner haben ein solches Training besucht und dokumentiert.


In einem geräumigen Klassenraum einer Lwiwer Schule steht für die Schüler der Oberstufe eine besondere Morgenübung auf dem Plan: Auf Kommando drehen sich die Jugendlichen so lange um die eigene Achse, bis ihnen schwindlig wird. „Achtung, Verletzung am rechten Bein!“, ruft Ausbilderin Nadija plötzlich.

Die Tourniquet-Stressübung zieht sich durch den gesamten Trainingstag. / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Alle werfen sich auf den Boden und müssen innerhalb weniger Sekunden fachgerecht ein Tourniquet anlegen. Nadija überprüft anschließend, wie gut sie die Aufgabe bewältigt haben.

Anstelle der regulären Schulglocke erklingt heute über Lautsprecher ein traditionelles Frühlingslied. Statt Mathematik und Literatur stehen Übungen in taktischer Erster Hilfe, Lasertag und Gespräche über Freiwilligenarbeit im Unterricht zur staatsbürgerlichen Bildung auf dem Stundenplan.

Nadija Tkatschyk ist Ausbilderin für taktische Erste Hilfe und Einsatzmedizin. / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Als 2022 Russlands Vollinvasion gegen die Ukraine begann, studierte Nadija Tkatschyk gerade im zweiten Jahr Architektur. Sie begriff, dass sie in Kriegszeiten woanders gebraucht wird: engagierte sich als Freiwillige, besuchte Lehrgänge und beschäftigte sich intensiv mit taktischer Einsatzmedizin. Später wurde sie Trainerin und bildet seitdem unterschiedliche zivile Gruppen auf Übungsplätzen und Trainings in verschiedenen Städten aus. So wie hier am Zentrum für national-patriotische Erziehung Wolja [dt. Freiheit] an einer Lwiwer Schule.

„Das braucht man nämlich nicht nur an der Front, sondern auch bei Unfällen, im Alltag oder in Gefahrensituationen.“

Nadija „Kolibri“ Tkatschyk

„Mir gefällt es, Jüngeren etwas beizubringen, denn ich weiß, dass ich ihnen Werte vermittle, die sie später selbst durchs Leben tragen. In diesem Alter lassen sie sich leicht von Erwachsenen beeinflussen, darum müssen wir sie zu verantwortungsbewussten Bürgern erziehen und in taktischer Erster Hilfe schulen. Das braucht man nämlich nicht nur an der Front, sondern auch bei Unfällen, im Alltag oder in Gefahrensituationen“, erklärt Nadija Tkatschyk, Rufname „Kolibri“.

Während der gesamten Unterrichtsstunde üben die Jugendlichen, einander Tourniquets anzulegen. Dabei sind neben Witzen auch kurze Schmerzensschreie zu hören. Doch Nadija beruhigt sie: Die blauen Flecken seien nach ein paar Tagen wieder weg.

„Wir müssen regelmäßig üben, denn nur so lernt man diese Fähigkeiten so gut, dass man in einer Extremsituation handlungsfähig bleibt und nicht die Nerven verliert“, erklärt Dmytro Djatlow, Ausbildungsassistent für taktische Einsatzmedizin.

Dmytro Djatlow ist Ausbildungsassistent für taktische Einsatzmedizin. / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Dmytro arbeitet bereits seit zwei Jahren am Wolja-Zentrum in Lwiw. Er engagiert sich als Freiwilliger, hat Erfahrung in taktischer Einsatzmedizin und half mit seinem eigenen Abschleppwagen dabei, in der Ostukraine liegen gebliebene Fahrzeuge zu Werkstätten zu bringen. Bis heute ist Dmytro Teil einer Gruppe, die kaputte Fahrzeuge aus dem Frontgebiet in den Regionen Charkiw, Dnipropetrowsk, Cherson und Donezk evakuiert.

„Ich habe eine siebenjährige Tochter und weiß, wie wichtig es ist, Kindern ein gutes Vorbild zu sein. Wenn ich als gutes Beispiel vorangehen kann, sollte ich das auch tun. Außerdem inspiriert mich der Austausch mit jungen Menschen: Sie interessieren sich nicht nur für Fragen, bei denen ich ihnen als Ausbildungsassistent helfen kann, sondern auch für technische Dinge, Logistik und Freiwilligenarbeit“, erzählt Dmytro Djatlow.

Er spüre, dass die Mädchen und Jungen seine Arbeit schätzten, denn im Unterricht trainieren sie Fähigkeiten, die Leben retten können. „Im März konnte eine Elftklässlerin, die bei uns Kurse besucht, nach einem Luftangriff auf Lwiw einer verletzten Person vor dem Eintreffen des Rettungswagens ein Tourniquet anlegen“, ergänzt Djatlow.

„Wir bilden hier keine Sturmeinheiten aus. Wir bringen jungen Menschen Fähigkeiten bei, die man während eines Krieges zum Überleben braucht.“

Olexii Sopilko

Das Wolja-Zentrum entstand im Mai 2024, mittlerweile gibt es in Lwiw 15 solcher Zentren. Leiter Olexii Sopilko berichtet, dass dort nach einem Pilotproramm unterrichtet wird: Schüler und Schülerinnen der Oberstufe lernen Grundlagen der Informationssicherheit, OSINT-Recherche, trainieren Schießen sowie den Umgang mit Luftdruckwaffen. Hinzu kommen taktische Erste Hilfe nach dem MARCH-Schema, Einsatzmedizin etc.

„Wir bilden hier keine Sturmeinheiten aus. Wir bringen jungen Menschen bei, sich im Gelände zu orientieren, mit Funkgeräten und Karten umzugehen, sowie weitere Fähigkeiten, die man während eines Krieges zum Überleben braucht“, sagt Olexii Sopilko. Häufig lädt das Zentrum aktive Soldatinnen und Veteranen ein, damit sie von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Auch er selbst teilt gern, was er in 26 Jahren bei den Streitkräften und anschließend bei seiner Arbeit in einem Zentrum für Kinder- und Jugendtourismus erlebt hat.

Olexii Sopilko ist Leiter des Lwiwer Wolja-Zentrums. / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Während des russischen Angriffskrieges kämpfte Olexii Sopilko zwei Jahre in den Regionen Donezk und Luhansk. Als man ihm die Leitung eines Zentrums für national-patriotische Erziehung anbot, sagte er zu, weil er das Gefühl hatte, hier etwas bewirken zu können. Patriotismus sei für ihn kein Lippenbekenntnis, sondern bedeute, seine Arbeit gut und ehrlich zu machen sowie sich selbst und anderen in schwierigen Situationen helfen zu können.

„Am schwierigsten ist die Ungewissheit. Deshalb bringen wir Kindern bei, sich im Gelände zurechtzufinden, Schutz zu suchen und nicht in Panik zu geraten. Medizinische Kenntnisse werden nicht nur an der Front benötigt, sondern auch im Hinterland. Das alles vermitteln wir durch Spiele und Aufgaben. Das ist kein militärischer Drill, schließlich arbeiten wir mit Kindern. Die finden das interessant, und die Ausbilder und Assistenten sind selbst gute Vorbilder für national-patriotische Erziehung“, sagt Sopilko.

Auf dem Stundenplan steht heute auch taktische Grundausbildung. Ausbildungsassistentin Wira Chrystoforowa bringt den Jungen und Mädchen den Umgang mit Waffen bei. Wira arbeitet seit einigen Monaten mit Kindern. 2024 floh sie aus dem besetzten Luhansk. Zunächst arbeitete sie im Gastgewerbe, später organisierte sie als Freiwillige Spendenaktionen für die Armee und fuhr häufig zu Übungsplätzen und Lehrgängen.

„Sie marschieren nicht und singen nicht Katjuscha, wie ich damals in der Schule, sondern lernen, sich selbst und ihren Liebsten zu helfen. Damit fördern wir ihr nationales Bewusstsein.“ 

Wira Chrystoforowa

„Ich möchte, dass die Kinder verstehen, was passiert. Es gibt heute viele Erwachsene, die nicht mitbekommen, was im Krieg gerade los ist, und mich zum Beispiel oft fragen, ob Luhansk wirklich schon seit 2014 besetzt ist. Die Kinder müssen, während sie älter werden, den Preis dessen verstehen, was passiert. Sie marschieren nicht und singen nicht Katjuscha, wie ich damals in der Schule, sondern lernen, sich selbst und ihren Liebsten zu helfen. Damit fördern wir ihr nationales Bewusstsein“, sagt Wira Chrystoforowa.

Wira Chrystoforowa trainiert die Lwiwer Schüler:innen. / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Am Nachmittag verwandelt sich der Schulhof in ein Kampfgebiet. Die Teilnehmenden werden in zwei Teams aufgeteilt und spielen Lasertag. Dabei versuchen sie, einander mit Laserstrahlen zu treffen. Am wichtigsten sind dabei Teamarbeit und die Fähigkeit, einander zu unterstützen.

Sopilko verfolgt das Spiel und registriert, wer „verwundet“ wurde. Die Betroffenen müssen dann ein Tourniquet anlegen oder eine Wunde tamponieren. Nach knapp einer halben Stunde intensiven Spiels werten Ausbilder und Assistentin mit den Teilnehmenden Fehler und die Qualität der Zusammenarbeit aus.

Anschließend geht ein Teil der Jugendlichen zum Schießstand, wo Veteran Wassyl Rudezky unterrichtet. Rudezky war 2024 aus dem Dienst ausgeschieden und gibt sein Wissen nun in der Arbeit mit jungen Menschen weiter: „Wir vermitteln den Kindern die Grundlagen: wie man auf eine Zielscheibe schießt, was ein Sturmgewehr und was ein Magazin ist. Das ist aber keine militärische Grundausbildung. Wir lehren die Kinder den Umgang mit Waffen in erster Linie zur Selbstverteidigung. Das Wichtigste ist allen beizubringen, wie man in schwierigen Situationen zurechtkommt“, sagt Wassyl Rudezky.

Der Veteran Wassyl Rudezky gibt nun Schießunterricht. / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Aber nicht nur Taktik- und Erste-Hilfe-Unterricht sollen den jungen Menschen dabei helfen, im Leben zurechtzukommen. Psychologe Olexandr Mitin bespricht im Unterricht verschiedenste Themen: von Schäden durch Drogenkonsum bis hin zur Bedeutung von freiwilligem Engagement in der heutigen Welt. Ein großes Augenmerk liegt auf der Frage des sozialen Umgangs mit Soldaten und Veteranen, insbesondere denen mit Prothesen oder Behinderungen.

Olexandrs Vater war an der Front und ist zurückgekehrt, weshalb er das Thema nicht nur aus der Theorie, sondern auch aus eigener Erfahrung kennt. „Ich lege Wert auf Aufklärung: Als Zivilist sollte man wissen, dass es nicht ,Karren‘, sondern ,Rollstuhl‘ heißt. Für mich ist das wichtiger, als zu lernen, wie man ein Sturmgewehr hält. Wenn jemand später zur Armee geht, wird er oder sie das dort lernen, doch ethisches Verhalten muss man schon in der Schule vermittelt bekommen“, sagt Mitin.

Seiner Ansicht nach ist die wichtigste Aufgabe des Zentrums, verantwortungsbewusste Menschen zu erziehen. In seinem Unterricht möchte Olexandr den Kindern beibringen, bewusste Patrioten zu sein: den Staat nicht nur kritiklos zu lieben, sondern ihn auch zu kontrollieren und die Handlungen der Behörden kritisch zu hinterfragen. Man sollte die Gesetze kennen, bürgerliche Rechte und Pflichten verstehen und sich aktiv dafür einsetzen, das Land zu verbessern.

Gnose

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Was meinen die Jugendlichen?

Die Kinder stehen dem Unterricht im Zentrum unterschiedlich gegenüber. Das zeigt sich schon an ihrer Vorbereitung: Während einige in Uniform mit Namensaufnähern erscheinen, kommen andere mit frisch lackierten Nägeln und weißen Hosen, mit denen das Training, insbesondere Lasertag, nicht leichtfallen wird.

Andrii Jeroschko sieht seine Zukunft beim Militär. Deshalb trainiert er mit Enthusiasmus das Zerlegen und Zusammenbauen des Sturmgewehrs und übernimmt beim Lasertag oft eine Führungsrolle. Der Junge sagt, ihm gefalle besonders die Atmosphäre im Unterricht und der Austausch mit engagierten Gleichgesinnten.

Andrii Jeroschko übt das Zusammensetzen eines Sturmgewehrs. / Foto © Anna Subenko/Frontliner 

Doch nicht alle Schülerinnen und Schüler, die diese Kurse besuchen, sehen ihre Zukunft beim Militär. Olexii Sopilko berichtet, dass mehrere Mädchen Medizin studieren möchten. Ein Junge träumt vom Studium an einer Theaterhochschule, bringt sich im Unterricht aber trotzdem aktiv ein.

Wolodymyr Banas möchte nach der Schule Priester werden. Trotzdem besucht er die Kurse, weil er meint, dass man Kenntnisse in Erster Hilfe auch in der Kirche brauchen kann. Außerdem möchte er seine Schuljahre sinnvoll nutzen. Die Ausbildenden sind für ihn Kameraden und Vorbilder dafür, wie ein verantwortungsbewusster Mensch sein sollte.

Andrii Jeroschko spart schon auf ein eigenes Tourniquet. / Foto © Anna Subenko/Frontliner 

Rostyslaw Maharewytsch hält die Fähigkeit, ein Tourniquet anzulegen, für das Wichtigste im Unterricht. Zu seinem Geburtstag wünscht er sich ein eigenes Tourniquet, für das er bereits spart. „Mir gefällt es sehr, dass unsere Ausbilder für uns nicht einfach nur Lehrer sind, sondern wie Freunde, mit denen man über unterschiedliche Themen sprechen kann und mit denen es immer interessant ist“, sagt Rostyslaw.

Schülerinnen besprechen ihre Ergebnisse vom Schieß-Training. / Foto © Anna Subenko/Frontliner 

Im Mai fahren diese Kinder mit ihren Ausbilderinnen und Ausbildern in die Karpaten, um ihr Wissen praktisch anzuwenden: „Wir können Kindern zwar beibringen, wie man kocht, Wäsche wäscht und Geschirr spült. Aber was tun sie, wenn der Feind kommt? Man muss auch lernen zu schießen, sich selbst zu schützen, im Team zu arbeiten und auf Herausforderungen vorbereitet zu sein“, sagt Olexii Sopilko.

Als er noch in der Sowjetzeit zur Schule ging, sah die patriotische Erziehung ganz anders aus: „Ich kann den Unterricht zu meiner Schulzeit nicht mit dem heutigen vergleichen. Zwar sind die Waffen, Kompasse und die Grundlagen des Schießens dieselben geblieben, doch der historische Hintergrund ist ein völlig anderer. Wir leben im Krieg, und es gibt moderne Technologien. In der Sowjetunion gab es die Partei und ihre Ideologie; unser Ziel ist heute unser Überleben und der Schutz unseres Landes.“