
Seit einem guten Monat zerstören russische Luftangriffe in hoher Frequenz ein ukrainisches Lagerzentrum nach dem anderen und setzen die ukrainischen Handelsstrukturen unter Druck. In den Supermärkten zeigen sich Lieferausfälle durch leere Theken, aber aufmunternde Schildchen der Marktleitung erinnern daran, dass die Händler in mehr als viereinhalb Jahren Krieg gelernt haben, kreative Lösungen zu finden.
Lieselotte Hasselhoff berichtet in ihrer aktuellen dekoder-Kolumne Popry wse*, wie die ukrainische Logistik unter Dauerbeschuss weiter Ladenregale befüllt.
*ukr. trotz alledem
Wo zum Teufel ist das Mehl?! – Anders als noch vor vier Wochen ist das Regal im Supermarkt Silpo zwar nicht mehr komplett leer, aber mittendrin, beim Mehl, klafft eine große Lücke.
Vor rund einem Monat hat Russland damit begonnen, systematisch und großflächig ukrainische Lebensmittellager zu zerstören. Schnell herrschte tagelang gähnende Leere in den Obst- und Gemüsetheken und den Regalen für Konserven und Grundnahrungsmittel wie Buchweizen oder Salz. „Wir werden alles neu beschaffen. Das ist nicht das erste Mal. Wir kriegen das auch diesmal hin“, stand auf den orangefarbenen Zetteln, die stattdessen in Kühlregalen und auf Auslagen klebten.
Und tatsächlich: Irgendwie schaffen es die ukrainischen Geschäfte, Online-Händler und auch die Post mitten im größten europäischen Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg nun schon über Jahre zu verhindern, dass Versorgungsmängel den Alltag lahmlegen.
Selbst in der südukrainischen Stadt Cherson, die unmittelbar an der Kontaktlinie zu den russischen Truppen liegt, und wo russische FPV-Drohnen täglich Jagd auf Zivilisten machen, gibt es mitten im weitgehend menschenleeren Stadtzentrum in der sogenannten roten Risiko-Zone einen betriebsamen Silpo-Markt. Von außen ist er kaum zu sehen: Die großen Fenster sind mit Spanplatten verrammelt, vor dem Eingang steht eine hohe Barriere aus mit Sand oder Erde gefüllten Gittern, die die Kunden vor lauernden Drohnen abschirmen sollen. Der Laden wurde schon mehrfach durch nahe Einschläge russischer Gleitbomben beschädigt.
Doch drinnen sieht es aus, wie in jedem westlichen Supermarkt der höheren Preiskategorie: In schicken Auslagen locken exotische Früchte, frischer Fisch, unzählige Käsesorten, Veggie-Produkte und internationale Weine. All diese Waren werden täglich von Lkw über die gefährlichen, mit Anti-Drohnen-Netzen überspannten Zufahrtsstraßen in die Stadt geliefert.
Für alles andere wie Handy-Ladekabel, Schuhe oder einen neuen Balkon-Tisch wird man im Internet fündig. Beim Online-Händler Prom oder Rosetka, dem ukrainischen Pendant zu Amazon. Versendet werden viele Waren über die kommerzielle ukrainische Post Nova Poshta, die Briefe und Pakete auch mitten im Krieg meist innerhalb von 24 Stunden zustellt – egal ob nach Kyjiw, Lwiw oder in die östliche Frontstadt Kramatorsk.
Eskalation gegen Logistik und Kyjiw
Doch mit einem Mal ist all das nicht mehr selbstverständlich. Derzeit prügelt Russland mit seinen Drohnen und Raketen immer wilder auf das bisher so resiliente ukrainische Logistiknetz ein. Seit Tagen brennen in Kyjiw und anderen Landesteilen die großen Lagerhallen und Verteilzentren, in denen Waren gesammelt, sortiert und aufbewahrt werden.
Die Luftwaffe und ihre Flugabwehr hat diese Lager bisher weitgehend schützen können: Doch seitdem die USA in den Krieg mit dem Iran eingetreten sind, mangelt es weltweit an Munition für das amerikanische Flugabwehrsystem Patriot – besonders in der Ukraine, die sich ohne Patriot (noch) nicht zuverlässig gegen Russlands ballistische Mittelstrecken-Raketen verteidigen kann. Und die attackieren speziell die größten Lagerzentren. Es heißt, Russland habe seine alljährliche Herbstoffensive im Luftkrieg auf den Sommer vorverlegt.
Russland eskaliert. Tag und Nacht heult in Kyjiw der Luftalarm, rattern die Maschinengewehre der Verteidiger. Explosionen erschüttern die Stadt mit einer Wucht, die durch Mark und Bein geht.
Allein seit Juli hat Russland rund 400.000 Quadratmeter Lagerfläche zerstört – fast die Hälfte der rund eine Million Quadratmeter, die seit Beginn der Großinvasion 2022 insgesamt zerstört wurden.
Wenn man mit dem Bus durch den Osten der Stadt fährt, wo besonders viele Lagerhallen die Ausfahrtsstraße säumen, sieht man Rauchwolken aufsteigen. Ein Roshen-Süßwarenlager brennt mehrere Tage. Immer wieder zerstören Einschläge oder Druckwellen auch Wohnhäuser. In den Dörfern zwischen den Industriegebieten hoffen die Menschen zitternd, dass der nächste Treffer nicht das eigene Haus sein wird.
Anfang August brannte nach dem Treffer einer ballistischen Rakete das Hauptverteilzentrum von Rosetka nieder, wo täglich mehr als 100.000 Bestellungen bearbeitet wurden. Allein im gesamten August wurden landesweit acht große Sortierzentren und Lager von Nova Poshta getroffen. Zu den Hauptangriffszielen gehören auch Lager und Filialen der Baumarktkette Epizentr, des Maschinenbauers Bosch und des Elektronikriesen Comfy.
Aber auch Lager für Medikamente und humanitäre Hilfsgüter greift Russland gezielt an, darunter ein Großlager in Dnipro, das als eines der größten in der Ukraine Intensivstationen, OPs, Rettungsdienste und das Internationale Rote Kreuz versorgte. In einem Hilfsgüterlager der WHO verbrannten Vorräte im Wert von 500.000 Dollar.
Die Lücken bleiben
Besonders konzentriert sich Moskau auf die Nahrungsmittellogistik. Normalerweise quellen im Spätsommer die Obst- und Gemüseregale in ukrainischen Supermärkten förmlich über. Allein die rund zehn verschiedenen Tomaten-Sorten füllten eine eigene Abteilung. Denn rund 80 Prozent aller Waren werden in der Ukraine produziert: Getreide, Obst, Gemüse, aber auch verarbeitete Lebensmittel wie Konserven oder Süßwaren.
Doch nach der Nacht vom 4. auf den 5. August war von all dem plötzlich vieles nicht mehr da: In dieser Nacht gehen durch russische Luftangriffe vier Großlager der führenden Supermarktketten Silpo und Fora sowie eines der Kette Novus in Flammen auf. Am Morgen danach hängt der Geruch von verbranntem Fleisch und Plastik über der Stadt.
Die Leere in den Regalen macht zunächst ungläubig, erstaunt. Dann stellt sich ein Gefühl düsterer Vorahnung ein, gegen das auch die optimistischen, orangefarbenen Botschaften auf den nackten Kühlregalböden und das stoische Lächeln der Verkäuferinnen wenig ausrichten können. Früher begann Russland um diese Zeit, die Strom- und Wärmeversorgung für den Winter zu zerstören, jetzt also auch Lebensmittel.
Insgesamt wurden laut Agrarministerium im August 90 Prozent der gesamten Lebensmittelverteilzentren zerstört. Firmen wie Rosetka erlitten Millionenschäden, es kam zu Lieferengpässen bei den Produkten, die in den Lagern verbrannt waren.
Trotzdem gab es keinen Totalausfall der Infrastruktur: Rosetka wich zeitweilig auf seine rund 50.000 Partnerhändler aus, die ihre Waren – statt über den zerstörten Logistikhub – direkt aus eigenen Zwischenlagern per Nova Poshta zustellten. Wie bei Amazon können auch bei Rosetka externe Händler ihre Produkte über die Plattform verkaufen. Nova Poshta hat indes ihre Zustellungskette stark dezentralisiert. Statt über zentrale Hubs werden Pakete nun über kleinere lokale Zwischenstationen geleitet. Die Post kommt an, braucht aber wegen der Umwege länger.
Mittlerweile sind die Supermärkte wieder mit Waren bestückt. Doch Lücken sind geblieben. Dabei produzieren die ukrainischen Bauern mehr als genug. Aber zu den seit Juli zerstörten Lagerflächen gehören eben auch etwa 100.000 Quadratmeter Kühllager, die nicht einfach ersetzt werden können. Erhebliche Teile der Ernte werden wahrscheinlich einfach verderben.
Und so fehlt nun in den Supermärkten an manchen Tagen das Mehl, an anderen die Eier oder Tomaten. Oder es gibt von einer Ware nur bestimmte Marken: die besonders teuren oder die besonders schlechten, die sonst niemand will – wie die harten Pfirsiche ohne Geschmack, die viel zu früh geerntet wurden, um länger haltbar zu sein. Manchmal sehen die Regale aus, als habe jemand Reste aus den Lagern zusammengeklaubt. Man sieht den Mangel.
Trotz allem halten die Läden, wie Silpo auf orangefarbenen Zetteln verspricht: „Wir kriegen das hin.“ Vorerst zumindest.