
Napoleon und Hitler sind gescheitert, also sei Russland allein schon wegen der territorialen Ausmaße unverwundbar: Obwohl dies ein alter Propagandahut ist (siehe etwa Erster Weltkrieg, Japan-, Finnland-, Kalter Krieg etc.), wähnten sich bis vor Kurzem viele Menschen in Russland weit weg von dem Krieg.
Seit immer mehr ukrainische Drohnen und Raketen verteidigungsstrategisch die russische Nachschub- und Logistikinfrastruktur lahmlegen, dürften sich auch mehr Menschen fragen, warum die Benzinkrise eigentlich schon das ganze Land erfasst hat, die Inflation steigt und der Urlaub flachfällt.
Die Häufigkeit und die Reichweite der ukrainischen Angriffe nimmt dabei ständig zu, und die territoriale Größe Russlands wird damit vom vermeintlichen Segen zum Fluch: „So wie die Dinosaurier mit ihren riesigen Körpern, scharfen Zähnen, ihrer gepanzerten Haut (und ihren kleinen Gehirnen) in der geologischen Neuzeit zum Aussterben verurteilt waren, wird auch Russland mit seinem schwerfälligen Territorialkörper das Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr erleben. Und der Krieg beschleunigt diesen Prozess der Dekolonisierung und des räumlichen Kontrollverlusts nur noch.“ Ein Kommentar von Sergej Medwedew auf Radio Svoboda.
Am 3. Juni wurde in Sankt Petersburg das Internationale Wirtschaftsforum (SPIEF) eröffnet. Es stand unter dem Motto Pragmatischer Dialog ist der Weg in eine stabile Zukunft. Schon am frühen Morgen desselben Tages kam die Zukunft in Form von ukrainischen Drohnen in die Stadt geflogen. Dutzende Drohnen hatten problemlos ihren Weg über mehr als tausend Kilometer russisches Territorium und durch den „undurchdringlichen“ Luftverteidigungsgürtel der nördlichen Metropole gefunden und griffen Infrastrukturobjekte im Marinehafen Kronstadt sowie den Bezirken Kirowski- und Krasnosselski an. In Kronstadt trafen die Drohnen die Кorvette Boiki, ein Träger für gelenkte Raketenwaffen, der noch kurz zuvor die Tanker der russischen Schattenflotte durch den Ärmelkanal begleitet hatte. Und im zentralen Petersburger Hafenareal attackierten sie das Ölterminal, den größten Ölumschlagkomplex im Nordwesten der Russischen Föderation.
Trotz des Verbots, Videos der Drohnenangriffe in den Medien zu veröffentlichen, finden sich überall in den sozialen Netzwerken spektakuläre Aufnahmen der brennenden Terminals, auf denen die begeisterten Flüche der Schaulustigen zu hören sind. (Die Tonspuren der Videos, die ukrainische Drohnen in russischen Städten zeigen, sind ein Thema für sich: Die meist männlichen Kommentatoren klingen so begeistert, als ob sich der Angriff auf einer Kinoleinwand abspielen würde und nicht ihnen selbst gelte. Hier haben wir es offenbar mit einer schweren Form von Infantilismus zu tun.) Der Himmel ist durch den schwarzen Rauch düster, vor diesem Hintergrund heben sich die weißen Architektursymbole des neuen Sankt Petersburg besonders markant ab: der Gazprom-Wolkenkratzer Lachta-Zentrum und die filigranen Hochstraßen des Autobahnrings. Doch auch die alte Isaakskathedrale gibt vor der Kulisse aus schwarzen Wolken, beleuchtet von blitzartigem Feuerschein, kein schlechtes Bild ab.
Ukrainische Drohnen schreiben das Drehbuch der russischen Politik um
Enorm beeindruckend sind die Videos, die die auf den umliegenden Dächern stationierten Luftabwehreinheiten ins Netz gestellt haben: Den jungen Kämpfern gefällt ganz offensichtlich, was da geschieht; sie posieren vor dem Hintergrund brennender Terminals. Die ukrainische Drohnenshow hat Putin nicht nur seinen liebsten Feiertag sondern auch das wichtigste Happening des Jahres hoffnungslos ruiniert. Schon wird gewitzelt, Wolodymyr Selenski habe die Durchführung des Forums – wie schon die Feier zum 8. Mai – per Dekret am genannten Ort genehmigt, unter der Bedingung, dass alle Diskussionen simultan ins Ukrainische gedolmetscht werden. Doch Scherz beiseite: Im Jahr 2026 verändern ukrainische Drohnen nicht nur den Kriegsverlauf, sie schreiben auch das Drehbuch der russischen Politik um.
Ebenso wirken sich die Drohnen auch auf die Urlaubspläne der russischen Bevölkerung aus: Die gesamte Schwarzmeerküste hat mit den Folgen von Drohnenangriffen zu kämpfen – von Ölregen, Heizölunfällen und geschlossenen Stränden in den Badeorten Tuapse und Anapa bis zur „Benzindürre“ auf der Krym, wo die Ukraine laut ihrem Verteidigungsminister Mychailo Fedorow zu einer Strategie der „logistischen Isolation“ übergegangen ist: Eine neue, mit Komponenten für maschinelles Sehen und künstliche Intelligenz ausgerüstete Generation von US-Drohnen fliegt Angriffe auf Tanklastwagen und andere LKW, die die annektierte Halbinsel beliefern, und hat die Autobahn P-280 Noworossija in eine Straße des Todes verwandelt. An den Straßenrändern liegen Dutzende ausgebrannte Lastwagen, viele LKW-Fahrer sind selbst für dreifachen Lohn nicht bereit, sich auf die Strecke zu wagen, und die wenigen Tankfahrzeuge, die in Kamikaze-Einsätzen bis auf die Krym schaffen, werden mit Applaus und Hurrarufen begrüßt.
Benzin ist auf der Krym praktisch nicht mehr zu bekommen. Die gedruckten Benzin-Bezugsscheine (für 20 Liter pro Tag) sind Makulatur, vor den wenigen noch geöffneten Tankstellen stehen kilometerlange Schlangen. Damit ist eine der wichtigsten symbolischen Errungenschaften Russlands in diesem Krieg, der Landkorridor zur Krym, faktisch zunichte gemacht. Und das betrifft nicht nur die Bevölkerung der Halbinsel und die tausenden Urlauber, die dort festsitzen. Auch die 150.000 Mann starken russischen Truppeneinheiten Dnipro und Wostok in den Regionen Cherson und Saporishshja sind von der Versorgung abgeschnitten, sodass die gerade erst gestartete „Sommeroffensive“ auf dem Höhepunkt ausgebremst wird.
Die Krym wird einmal mehr zur belagerten Festung, wie schon während der 350-tägigen Belagerung von Sewastopol im Krymkrieg und der 250-tägigen im Zweiten Weltkrieg (1941–1942). Diesmal wird die Halbinsel vom Meer, vom Land und aus der Luft belagert – nach dem Abzug des größten Teils der Schwarzmeerflotte nach Noworossijsk liegen die restlichen Schiffe in der Bucht von Sewastopol fest. Und in der Tat: Die Krym ist Russlands Insel des Pechs, der wunde Punkt des Imperiums, ein Ort, den Russland in seiner über dreitausend jährigen schriftlich bezeugten Geschichte nur 171 Jahre besaß , – von 1783 bis 1954 –, und dabei immer wieder verteidigte und verlor. Nichts spricht dafür, dass Russland die Krym diesmal halten kann: Das Ende der Besatzung ist nur eine Frage der Zeit.
Alles in allem haben die ukrainischen Drohnen im Laufe des letzten Monats drei wichtige symbolische Erfolge von Putin-Russland torpediert: Die Siegesparade am 9. Mai, die zu einer kleinmütigen, ramponierten „Niederlagenparade“ geriet, Putins geliebtes Petersburger Wirtschaftsforum und die „Straße des Lebens“ zur annektierten Krym. Auch die Häufigkeit und Reichweite der ukrainischen Angriffe nimmt ständig zu (mittlerweile sind bereits das gesamte europäische Territorium Russlands und der Ural bedroht).
All das zusammengenommen wirft die Frage auf, wie es prinzipiell um die strategische Stabilität Russlands innerhalb seinen derzeitigen Grenzen bestellt ist. Jahrhundertelang herrschte im Einklang mit den klassischen Militärtheorien und geopolitischen Vorstellungen die Überzeugung, dass gerade die ungeheuren territorialen Ausmaße und die strategische Tiefe des russischen Imperiums, das Land quasi unverwundbar machten. Verstärkt wurde diese Überzeugung der Unverwundbarkeit durch Faktoren wie das raue Klima, die Unwegsamkeit und Unterentwicklung des Raums sowie den Mangel an Straßen und Infrastruktur. Die Niederlagen der Armeen Napoleons und Hitlers galten als der beste Beweis dafür.
Russland hat den Krieg mit der Besetzung von Territorien begonnen und wird diese im Endeffekt verlieren.
Doch in Zeiten neuer Technologien wie Drohnen, autonomen Waffen, Satellitenkommunikation und künstlicher Intelligenz schrumpfen Entfernungen. Der Raum wird durchsichtig, durchlässig und verwundbar – und je weiter der Raum, desto verwundbarer ist er. Russlands riesiger, über einen Zeitraum von fünfhundert Jahren herangewachsener Territorialkörper, in dessen Namen unzählige Opfer gebracht wurden, ist nicht länger ein Vorteil, sondern wird zur Schwäche: Es lässt sich praktisch nicht schützen und verteidigen. Die über das ganze Land verteilte Öl- und Gasinfrastruktur, die langen Verkehrswege, inklusive dem schmalen Band der Transsibirischen Eisenbahn mit ihren hunderten von Brücken, die sich an der chinesischen Grenze entlangzieht, die verstreute Rüstungsindustrie (als Erbe der planwirtschaftlichen sowjetischen Produktionsverteilung), die Militärlager und Flugplätze, (die als Erbe der Konfrontation mit der gesamten übrigen Welt an entlegenen Orten errichtet wurden) – all das ist den Angriffen durch unauffällige, geräuschlose Drohnen, die überallhin vordringen können, praktisch schutzlos ausgeliefert. Und wie die jüngsten ukrainischen Angriffe gezeigt haben, sind selbst die besonders geschützten Gebiete wie Moskau und Petersburg nicht mehr unverwundbar.
Der Krieg beschleunigt die Dekolonisierung
Auch die Exklaven bereiten zunehmend logistische Schwierigkeiten: Nach Kaliningrad muss man jetzt in einem komplizierten Bogen durch neutrale Ostseegewässer fliegen, und die annektierte Krym droht völlig isoliert zu werden. Kurz: Das Land trägt die Bürde eines gigantischen, unwirtschaftlichen und schutzlosen Territoriums, das es nicht weiter ins 21. Jahrhundert mitschleppen kann. So wie die Dinosaurier mit ihren riesigen Körpern, scharfen Zähnen, ihrer gepanzerten Haut (und ihren kleinen Gehirnen) in der geologischen Neuzeit nicht mithalten konnten und zum Aussterben verurteilt waren, wird auch Russland mit seinem schwerfälligen und unflexiblen Territorialkörper das Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr erleben. Und der Krieg beschleunigt diesen Prozess der Dekolonisierung und des räumlichen Kontrollverlusts nur noch.
Russland hat den Krieg mit der Besetzung von Territorien begonnen und wird diese im Endeffekt verlieren – und zwar nicht nur die, die es in den Jahren 2014 und 2022 besetzt hat, sondern auch die, die es sich in den vergangenen Jahrhunderten angeeignet hat. So gesehen bot das Bild, das am Eröffnungsmorgen des Petersburger Forums in der Stadt zu sehen war, in der Tat einen Ausblick auf Russlands Zukunft: inmitten von schwarzem Rauch und blutrotem Feuerschein.