
Ethnische Nichtrussen waren in Russland und in der Sowjetunion schon immer Menschen zweiter Klasse. Im Sowjetmythos der Brudervölker lebten alle angeblich in Gleichheit und Eintracht – in Wirklichkeit dominierten stets die Russen: politisch, kulturell und wirtschaftlich. Ganz unten in der Hierarchie stehen die Nichtslawen, unter anderem ethnische Minderheiten und indigene Völker.
Heute zählt das russische Recht 47 indigene Völker mit jeweils weniger als 50.000 Angehörigen. Auf dem Papier haben sie besondere Minderheitenrechte, im vergangenen Jahr hat Putin für sie einen neuen Feiertag gestiftet. Obwohl mehr als 80 Prozent des geförderten Erdgases Russlands aus ihren traditionellen Gebieten stammt, gehören sie zu den Ärmsten in Russland und haben den schlechtesten Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Dies ist einer der Gründe, warum Indigene im Vergleich zur Bevölkerung Moskaus ein bis zu 20 mal höheres Risiko haben, in Russlands Krieg zu sterben: Zwischen Armut und Sterben im Krieg besteht in Russland eine enge Korrelation. Ein weiterer Grund liegt in der Kriegspropaganda, die im Zusammenhang mit der Rekrutierung etwa Stereotype über indigene Völker als „geborene Krieger“ verbreitet.
Versuche zur Bewahrung einer selbstbestimmten Identität verfolgen die Behörden dagegen zunehmend als Separatismus. Goworit Nemoskwa hat mit Andrej Danilow gesprochen, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Samen-Parlaments auf der Halbinsel Kola. Danilow lebt im Exil, weil er sich dagegen einsetzte, dass das indigene Volk der Samen in Russland sein Land, seine Sprachen und seine Menschen verliert.
Im Flur von Andrejs Wohnung stehen Angelruten: Bis zum Riskafjord sind es nur fünf Minuten, bis zum Forellensee zehn. Der Pilz- und Beerenwald beginnt praktisch vor der Haustür. Der Regen hat gerade aufgehört, das Wasser perlt glitzernd von den Blumen im Garten. Wir befinden uns im Südwesten Norwegens, im Dorf Hommersåk. Der Fjord ist hier recht schmal, und die windgeschützte Bucht in der Norwegischen See dient als „Schlafplatz“ für Boote und Kutter.

Fünf Tage die Woche besucht Andrej einen Sprachkurs, um anschließend in seine Wohnung zurückzukehren, die ihm die Gemeinde Sandnes zur Verfügung stellt. In dem dreistöckigen Haus mit Aufzug leben neben Andrej und seiner Frau elf ukrainische Kriegsvertriebene (auch Andrejs Frau ist Ukrainerin). Jede Familie bewohnt eine eigene möblierte Wohnung mit Dusche, Toilette, Fernseher und Waschmaschine.
„Außerdem bekomme ich eine Art Stipendium, damit es mir an nichts fehlt, während ich die Sprache lerne. Es ist zwar nicht viel, aber so kann ich sorgenfrei leben, ohne mir Gedanken über den nächsten Tag zu machen. Ich habe wie ein norwegischer Staatsbürger das Recht auf medizinische Versorgung und Sozialleistungen. Wenn ich etwas brauche oder in Geldnot bin, kann ich mich an den Staat wenden, und er wird sich um meine Probleme kümmern.“
Andrej Danilow ist Same und gehört damit zu einer der ethnischen Minderheiten in Russland. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Samen-Parlaments der Halbinsel Kola. Sein momentanes Leben könnte einem erschöpften, überreizten Russen wie das reinste Paradies vorkommen, aber für Andrej ging es erst im August bergauf, als Norwegen ihm einen Aufenthaltstitel erteilte und persönlichen Schutz wegen Gefahr für Leib und Leben gewährte.
Der samische Nawalny
So wurde Andrej Danilow von manchen Journalist:innen in der Oblast Murmansk bezeichnet. Geboren ist er in Lowosero, dem Zentrum der samischen Kultur und überhaupt des samischen Lebens in Russland. Hier wurden und werden traditionell Rentiere gezüchtet, Fische gefangen und Moltebeeren gesammelt. Seine Mutter ist Russin, sein Vater Same.

Andrej hatte die Wahl zwischen zwei Identitäten, und er entschied sich für den „samischen Geist“ und das „samische Blut“. Und für den Kampf. Seine Facebook-Seite, die er aktiv betreibt, bringt seine Haltung mit einem eindeutigen Slogan zum Ausdruck: „Keep fighting!“ Von diesem Motto der Ureinwohner:innen der USA hatte ihm ein Native American erzählt.
„Ich trete in niemandes Fußstapfen, ich bin, wer ich bin. Aber wenn jemand einen anderen in mir sieht … Solange es kein schlechter Mensch ist, kein Putin, soll mir das recht sein. Ich nenne mich Andrej, Aktivist und Kämpfer für die Rechte meines Volks. Andere bezeichnen mich als Skandal-Aktivist. Weil die Behörden, besonders die russischen, Leute mit eigener Meinung, die für ihre Rechte kämpfen, nicht mögen.
Ich bin mit legalen Mitteln für meine Rechte eingetreten, habe Gerichtsprozesse gewonnen, Briefe geschrieben, nicht lockergelassen. Natürlich gefiel das den Behörden nicht. Sie mögen lieber brave Bürger, die immer Ja sagen und sich an der kurzen Leine führen lassen. Aber ich bin laut, und auf eine Art freut es mich sogar, als Skandal-Aktivist zu gelten, das ist noch milde ausgedrückt.“

Andrej zitiert oft einen Vierzeiler des samischen Dichters Askold Baschanow, dessen Heimatdorf Ristikent nach dem Bau eines Wasserkraftwerks geflutet wurde:
Wenn alles schwer wird und du spürst,
dass du im Kampf den Halt verlierst,
bedenk: Du herrschst im ew’gen Tundra-Land,
nicht in der Hütte, alt, verbannt!
Heute wird der Schnee in der Tundra zu Matsch. Bereits im 20. Jahrhundert ist das natürliche Habitat der Rentiere um 70 Prozent geschrumpft. Durch die Industrie werden Weideflächen reduziert und zersplittert, die Wanderrouten der Rentiere blockiert, und die Menschen verlieren den Zugang zu ihren heiligen Stätten.
„Zum Beispiel Olenegorsk. Das Kombinat Olkon hat dort längst alles zerstört. Das ist ein Bergbau- und Aufbereitungskombinat des Unternehmens Sewerstal. Sie haben aus den Seen Mülldeponien gemacht, laden dort ihre Abfälle ab. Oder nehmen wir Montschegorsk mit dem Bergbauunternehmen Nornikel. Dort fließt die Montscha – auf Samisch bedeutet das Wort ‚schön‘. Aber jetzt gibt es dort im Umkreis von 30 Kilometern keinen Wald, keine Wiesen, keine Felder mehr. Nichts mehr. Ein Alptraum. Es ist verboten, Pilze und Beeren zu sammeln, so vergiftet ist der Boden.
Oder die Siedlung Nikel in Sapoljarny – das gehört ebenfalls zu Nornikel – da sieht es genauso aus. Jetzt wird dort Lithium abgebaut, in der Lagerstätte Kolmoser – der größten in Russland, 86 Kilometer von Lowosero entfernt. Wir indigenen Völker sind erst Ende der 1980er Jahre aus dem Untergrund getreten, haben angefangen frei zu leben, unsere Stimme zu erheben – und jetzt werden wir wieder unterdrückt, die Vertreter der indigenen Völker werden ins Gefängnis gesteckt, weil sie sagen: ‚Unsere Länder werden zerstört.‘“

Man bekommt Andrej Danilow oft in traditioneller samischer Tracht zu sehen, ungewöhnlich für einen Stadtbewohner: ein leuchtend blaues Hemd mit kunstvollen Stickereien. Das wirkt wie ein Statement: Handwerkskunst von gebrechlichen, alten Frauen gegen die Maßanzüge und Krawatten der Industriemagnaten.
„Diese samische Tracht hat die berühmte Hüterin unserer Handwerkskunst Anastassija Jelissejewna Mosolewskaja genäht, vor ungefähr zwölf Jahren. Das war eine riesige Arbeit, auch mit Archivarbeit verbunden. Zusammen mit Larissa Pawlowna Awdejewa hat sie dieses Einzelstück im Einklang mit den Traditionen der samischen Kultur, meinen Geburtssymbolen und meinem Stammbaum angefertigt. Später wurden viele Elemente samischer Kleidung auf Basis dieses traditionellen Designs nachgebildet. Junge Samen nähen ihre Tracht nach diesen Vorlagen selbst. Alles dank diesem Projekt. Das ist mehr als Kleidung, das ist die Lebensader unserer Kultur.“

Beide Künstlerinnen sind bereits verstorben. Nach einem langen Leben: Larissa Pawlowna hat noch ihren 100. Geburtstag gefeiert. Aber nicht nur die Menschen verschwinden. Es gibt diese schockierende Zahl: 44 Prozent aller Sprachen der Erde sind vom Aussterben bedroht, und angeführt wird diese traurige Liste von den Sprachen zahlenschwacher indigener Völker. Wie steht es um die samische Sprache, die ganze elf Untergruppen einschließt?

„Meine Generation, geboren Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre, ist für die samische Sprache verloren, weil wir dafür gedemütigt wurden, dass wir Samen sind. Für jedes samische Wort bekamen wir einen Klaps auf den Mund. Da spreche ich gar nicht von Russland, wo das gang und gäbe war. In Norwegen war das genauso, es gab in Norwegen, Finnland und Schweden sogar einen Genozid an den Samen. Im Gegensatz zu Russland erkennen diese Staaten ihre historische Schuld allerdings an. Hier gibt es Hochschulen, an denen man Samisch lernen kann. Wir bewahren unsere Sprache nicht nur innerhalb unseres Volkes, da sind auch Wissenschaftler, Forscher, die uns helfen. Auch im Samen-Parlament gibt es ein Komitee für den Erhalt der Sprache.
In den vier Ländern, in denen heute Samen leben, gibt es nicht nur samisches Radio, sondern sogar Sendungen in den Untergruppen der Sprache. Im russischen Lowosero wird die eine Hälfte des Programms auf Nordsamisch gesendet, die andere auf Russisch. Sitz des Senders ist ein Gebäude, das einem Lavvu nachempfunden ist – der traditionellen nomadischen Hütte der Samen.

Andrej gibt zu, dass es bei ihm selbst um das Samische „nicht besonders gut“ steht. Er hat ein dickes rotes Buch – das „Wörterbuch Samisch-Russisch“, herausgegeben 1985 von Rimma Kurutsch.
Samen in Sápmi
Die Samen sind ein halbnomadisches, transnationales Volk mit geringer Bevölkerungszahl, das zwar eine Hymne und eine Flagge, aber nie einen eigenen Staat hatte. Heute leben sie in vier Ländern – Norwegen, Schweden, Finnland und Russland. Ihre Geschichte ist geprägt von Kolonialisierung, in deren Folge die Samen immer weiter nach Norden zurückgedrängt wurden. Aber vor Alexander Newski konnten sie nicht fliehen. Im Jahr 1251 schloss Newski einen Pakt mit Norwegen, der es sowohl Weliki Nowgorod als auch dem Königreich Norwegen ermöglichte, einen festen Zoll von den „Lappen“ zu erheben – fünf Eichhörnchenfelle pro Jäger.
„Wir selbst bezeichnen uns als Samen, von anderen werden wir ‚Lappen‘ genannt – ein abwertendes Wort für unser Volk. Als wären wir schmutzig und würden am Rande der Welt leben.
Wir Samen haben keine Landesgrenzen. Wir sind ein Volk, das kraft historischer Ereignisse durch Grenzen getrennt wurde. Wir waren schon vor der Entstehung der Staaten hier und werden auch weiterhin als ein gemeinsames Volk in unserer Heimat leben, die wir Sápmi nennen. Und natürlich nicht Lappland.“

Warum kursieren so viele unterschiedliche Zahlen? Das hängt mit den Feinheiten der Selbstidentifikation zusammen: Die Einen sprechen kein Samisch mehr, die Anderen leben schon lange in der Stadt und sind keine Jäger und Fischer mehr. In manchen Gebieten wurden die Zahlen in den Rentierzüchtergemeinschaften erhoben, in anderen die Wählerlisten für die samischen Parlamente herangezogen. In Russland stammt die Zahl 1530 aus einer Volkszählung von 2020. Andrej Danilow zieht sie in Zweifel, er spricht von aktuell 1363 Samen.
„Seit in den 2000er Jahren unser Selbstbewusstsein gestiegen ist, schämt sich niemand mehr, ein Same zu sein. Niemand wendet sich von seinem Volk ab. Das heißt, dass unsere Zahl tatsächlich gesunken ist. Man braucht uns nicht zu zählen. Wir sind sehr wenige, wir kennen uns alle persönlich. 2010 lebten in der Region Murmansk 1599 Samen. Jetzt sind es 236 weniger. Fast 15 Prozent unseres Volks sind innerhalb eines Jahrzehnts verschwunden.
Meines Wissens sind mindestens sieben junge Samen im Krieg gegen die Ukraine ums Leben gekommen. Sieben Menschen sind für uns schon ein großer Verlust. Auf [der Halbinsel] Taimyr werden an den Fachhochschulen ab diesem Jahr Lehrgänge in Drohnentechnik, Erdölförderung und Fischzucht angeboten … Man erzeugt einen schönen Schein für die Jungen. Aber das ist nur ein Trick, um sie in militärische Berufe zu locken und von dort aus einfach in den Krieg zu schicken.“
Um von der Kola-Halbinsel ganz im Westen Russlands auf die im äußersten Norden gelegene Halbinsel Taimyr zu gelangen, muss man 4000 Kilometer auf dem Landweg zurücklegen. Auch auf Taimyr gibt es kleine indigene Völker: die Nganasane, die Nenzen, die Ewenken und die Enzen. Sie machen ein Drittel der insgesamt 30.000 Bewohner:innen der Halbinsel aus. Die Enzen sind eine winzige Volksgruppe – 102 Männer und 101 Frauen. Man kann sie sich kaum mit Drohnenfernsteuerungen in den Händen vorstellen.
„Was das Öl angeht, so habe ich selbst in einem Industriebetrieb gearbeitet. Ich glaube, wenn die Ureinwohner die Arbeitsabläufe kennenlernen, den Beruf erlernen und zu echten Fachkräften werden, können sie von innen heraus Einfluss auf die Branche nehmen, Ölkatastrophen und Emissionen reduzieren und ihre Rechte besser verteidigen. Das funktioniert wie Spionage, ein Eigener unter Fremden. Aber das ist ein zweischneidiges Schwert, womöglich würden sie dann in die Drohnenproduktion abgeworben und in den Krieg geschickt.“
Der Aufstand von Kautokeino
Die Samen hatten nie eine Armee. Sie bevorzugten es, Streit und Skandale zu vermeiden und zogen lieber weiter – bis hinter den Polarkreis. Friedliebend, still, gut- und sogar demütig – so wurden sie von Reisenden und Erforschern des Nordens beschrieben.
„Früher lebten wir in einem größeren Gebiet, aber unter dem Druck anderer Völker zogen wir uns einfach immer weiter bis an den Rand der Welt zurück; weiter ging es nicht mehr, und hier sind wir nun. Aber wir haben immer wieder andere Völker aufgenommen. Vor etwa 200 Jahren kamen die Komi-Ischemzen in unsere üppigen Flechtengebiete; bei ihren Rentieren war die Infektionskrankheit Nekrobazillose ausgebrochen, die Leute verhungerten, weil ein Großteil der Herden verendet war – im Grunde war ihre Existenz bedroht; wir haben sie aufgenommen, und sie sind bei uns geblieben. Wir leben gemeinsam auf der Kola-Halbinsel.“
Es ist nur ein einziger dokumentierter Fall bekannt, in dem die Samen Gewalt gegen die Obrigkeit angewendet haben, und zwar 1852 im norwegischen Kautokeino. Diese Geschichte zeigt anschaulich, wie indigene Minderheiten weltweit ausgebeutet werden.
Kautokeino Mitte des 19. Jahrhunderts – das ist nicht einfach nur ein Dorf im Norden Norwegens, sondern eine gefährliche Schuldenfalle, ein regelrechtes Spinnennetz. Die Spinne ist der schwedische Kaufmann Carl Johan Ruth, der Mehl und Alkohol im Tausch gegen Rentierfleisch und Fisch anbietet und sich eine goldene Nase daran verdient. Der Alkohol ist Währung und Waffe zugleich. Viele Samen verfallen der Sucht, verschulden sich. An Ruths Seite steht der Sheriff Lars Johan Bucht, ein aus Schweden geflüchteter Verbrecher, der den lukrativen Handel deckt und die Samen bei jedem Versuch aufzubegehren, weiter in die Schuldenfalle treibt.
Als sich abstinente Samen zu einer eigenen Religionsgemeinschaft zusammenschließen, die sich zunehmend radikalisiert, kommt es schließlich zum Aufstand. Abstinenz ist für Ruths Geschäftsmodell naturgemäß eine Bedrohung. Es kommt zu gewaltsamen Ausschreitungen, in die auch der Priester involviert ist. 22 Samen werden verhaftet. Das Gericht verurteilt sie zur Konfiskation ihrer Rentiere, die wiederum an den Kaufmann Ruth gehen. Auf diese Weise wird das Gesetz zum Instrument der Enteignung.
Am 8. November 1852 ziehen 35 mit Messern und Gewehren bewaffnete Samen nach Kautokeino. Sie sind gekommen, um zu töten. Ruth versteckt sich auf einem Dachboden – sie finden und erstechen ihn. Auch der Sheriff Johan Bucht wird an Ort und Stelle gelyncht. Die Staatsmacht reagiert auf die Rebellion rasch und öffentlichkeitswirksam: Die beiden Rädelsführer werden zum Tode verurteilt und geköpft. Alle anderen landen in Gefängnissen im Süden von Norwegen, wo viele von ihnen an Krankheiten und Heimweh nach der Tundra sterben.
Vor dem Motto „Keep fighting!“ hatte Andrej Danilow ein anderes: „Sag die Wahrheit, auch wenn es keine Hoffnung gibt“ – ein Zitat aus dem Film Die Rebellion von Kautokeino von 2008. Die Filmmusik stammt von der legendären samischen Sängerin Mari Boine; eine der Hauptrollen spielt die samische Schauspielerin Anni-Kristiina Juuso, die das russische Publikum als junge Rentierzüchterin in Alexander Rogoshkins Film Kukuschka (dt. Kuckuck) kennt. Seit 2022 ist Juuso Sekretärin der Kommission zur Wahrheitsermittlung und Versöhnung des samischen Volkes. Außerdem gibt es in Kautokeino heute eine samische Hochschule.
Das Machtorgan der Samen
In Norwegen, Schweden und Finnland sind die samischen Parlamente (Sameting) bereits seit mehreren Jahrzehnten das offizielle Vertretungsorgan des indigenen Volkes. Sie verabschieden zwar keine Gesetze, aber ohne ihre Zustimmung wird in diesen Ländern kein einziger Beschluss zu Sprache und Kultur, Rentierzucht oder anderen traditionellen Handwerken gefasst. Sie verfügen über ein Budget und Abgeordnete, die von der samischen Bevölkerung gewählt werden. Die Koordination auf internationaler Ebene hat der 1956 gegründete Samenrat (Saami Council) inne.
Auf der Halbinsel Kola wurde das samische Parlament nie offiziell anerkannt; jegliche Versuche, in einen Dialog mit der russischen Regierung zu treten, blieben ohne nennenswerte Ergebnisse. Innerhalb von 21 Jahren wurden drei verschiedene samische Vertretungsorgane gegründet, wobei jede neue Struktur immer stärker durch den Staat kontrolliert wurde.
De facto wurde das samische Parlament jedoch nie aufgelöst, sondern einfach durch eine neue Organisation ersetzt, sodass Andrej Danilow sich weiterhin als stellvertretender Parlamentsvorsitzender betrachtet.
„Sie haben den Samenrat der Oblast Murmansk gegründet, also eins zu eins unseren Namen kopiert. Vor Kriegsbeginn 2022 gingen die Behörden immer härter gegen uns vor. Unsere Versammlungen durften zwar noch stattfinden, aber nur unter strenger Aufsicht der Behörden – sie überwachten die Organisation der Sitzungen, die Aufstellung der Delegierten und die Aufstellungsbedingungen. 2022 machten sie den Samenrat dann einfach mundtot, indem sie ihre handzahmen Vertreter versammelten, die so abstimmten, wie sie es brauchten. ‚Gut gemacht, der Rat hat seine Aufgabe erfüllt! Jetzt können wir ihn schließen.‘
Natürlich stehen wir jetzt, im Exil, am Scheideweg. Was andere angeht, weiß ich nicht, viele sind ja in Russland geblieben, aber Walentina Sowkina, die Vorsitzende des samischen Parlaments, ist jetzt ebenfalls in Norwegen. Ich glaube daran, dass Russland frei sein wird und wir unser Parlament, das vom samischen Volk und nicht von Handlangern des Staates gewählt wird, irgendwann wiederaufnehmen werden. In diesem Sinne verstehe ich mich als stellvertretenden Vorsitzenden des samischen Parlaments der Halbinsel Kola, denn es gibt keinen gewählten Nachfolger. Wir sind nicht aktiv tätig, treten aber als Aktivisten und Experten für die Rechte unseres Volkes auf.“
Es gibt uns
Danilow überlegt, ein Buch über die komplizierte, provokative, manchmal heimtückische Geschichte der samischen Repräsentation zu schreiben. Jetzt hätte er dafür Zeit. Die Entscheidung, Russland zu verlassen, musste schnell getroffen werden.
„Ich war auf dem Weg von Russland nach Kirkenes in Norwegen, zu einer Veranstaltung des internationalen Samenrats. Am Morgen des 24. Februar 2022 war ich gerade in Moskau und wusste sofort: Wenn das jetzt losgeht, der Krieg, dann werden alle international verbrieften Rechte mit Füßen getreten, in Russland wird keiner mehr irgendwelche Rechte haben, und mich werden sie nie wieder in Ruhe lassen. Jetzt zeigen sie ihr wahres Gesicht, es folgt die endgültige Vernichtung. Wie wir dann ja auch gesehen haben.
Am 26. Februar traf ich meine Entscheidung, am zweiten März flog ich von Kirkenes nach Oslo und beantragte in Norwegen Asyl. Es war ein sehr schmerzhafter Schritt, mein Volk zu verlassen. Aber ich wusste, nur wenn ich am Leben bleibe, kann ich den Kampf fortsetzen. Das war meine größte Motivation.“
Die Hälfte von Danilows spärlichem Gepäck machten 120 Seiten dokumentierte Drohungen gegen ihn aus. Und Zeugnisse eines Falls, den Regionalmedien der Oblast Murmansk hochgeschraubt haben. Andrej war beim Einlass zu einem Wikinger-Festival in Montschegorsk festgenommen worden, weil er angeblich ein Messer und Alkohol dabei hatte. Festivalgäste aus Moskau oder Sankt Petersburg würden lachen – dort legt man so etwas einfach auf den Tisch neben den Metalldetektor und geht durch.
„Ich bekam fünf Tage Haft wegen Widerstands gegen die Polizei. Dabei hatte ich mich gar nicht gewehrt, Videobeweise gab es keine. Aber die Polizisten behaupteten, ich hätte Widerstand geleistet. Und was meinen die mit Messer? Ich habe immer samisches Kunsthandwerk im Rucksack, so eine Mini-Ausstellung, weil die Leute mich oft fragen, wer die Samen sind. Und zwei Flaschen Bier hatte ich. Wenn ich nur ansatzweise betrunken gewesen wäre, hätten sie einen Test gemacht, aber sie machten keinen.“
2022 sperrte Roskomnadsor Danilows persönlichen VKontakte–Account, Ende Mai 2026 die Gruppe der Bewohner:innen von Lowosero in der Oblast Murmansk, die Danilow moderierte. Sie hatte 3000 Mitglieder.
Zur selben Zeit, am 27. Mai 2026, wurde der 23-jährige Rafael Mamedow wegen Staatsverrats und Teilnahme an einer terroristischen Organisation zu 15 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Er ist ethnischer Aserbaidschaner, studierte an der Universität der Arktis Murmansk und betrieb den Telegram-Kanal Swobodnaja Laplandija (dt. Freies Lappland), wo er Informationen zur Geschichte der Halbinsel Kola und zur Dekolonisierung der Region publizierte. Er hatte rund 300 Abonnent:innen. Einheimischen geht es um die Bewahrung ihrer angestammten Länder, Handwerke und Kulturen, während die Behörden immer öfter von „Separatismus“ sprechen.
„Separatismus – so ein Unsinn. Ich sag’s noch einmal: Wir sind ein friedliebendes Volk. Wir bestehen seit Jahrtausenden und werden noch Jahrtausende bestehen, weil wir unsere Strategie haben. Wir haben eine eigene Methode, unsere Rechte zu verteidigen, wir berufen uns auf die Gesetze des Staates, in dem wir leben. Auch wenn diese Gesetze und sogar die Staaten sich ändern. Das moderne Norwegen gibt es erst seit 1905, aber wir waren immer schon hier, ohne Abspaltung, ohne Kampf, haben nur unsere Rechte und Länder behauptet. Vielleicht gibt es uns deswegen noch, trotz unserer geringen Zahl hier im hohen Norden. Vielleicht ist das unsere besondere Methode. Sie funktioniert jedenfalls. Tatsache. Es gibt uns.“
Signal zum Schweigen
Heute schreibt Andrej Danilow viel über Darja Jegerewa und Natalja Leongardt. Sie sitzen in U-Haft, ihnen drohen bis zu 20 Jahre Gefängnis wegen Mitgliedschaft in einer „terroristischen Vereinigung“. Damit ist das Aborigen Forum gemeint, ein informelles Expert:innennetzwerk über kleine Völker im Norden, in Sibirien und im Fernen Osten. Keine Maschinenpistolen oder Bomben, keine illegalen Zellen oder Sturmhauben, die das Gesicht verhüllen. Jegerewa ist Repräsentantin der Selkupen, Expertin für die Rechte indigener Völker und für Klimapolitik. Leongardt hat 20 Jahre dem juristischen Schutz und der Unterstützung indigener Völker gewidmet.
Über hundert internationale Organisationen fordern die sofortige und bedingungslose Freilassung der beiden Frauen, die Danilow persönlich kennt.

„Für mich war ihre Inhaftierung ein Schock. Sie haben immer im Rahmen internationaler Rechtsnormen agiert und den Dialog mit dem Staat gesucht. Ihr Weg war nicht Konfrontation, sondern die Suche nach Lösungen für die bestehenden Probleme. Es ist schwer nachvollziehbar, warum sie jetzt hinter Gitter sitzen. Natalja Leongardt und Darja Jegerewa haben sich niemals so verhalten, dass man sie radikal oder provokativ hätte nennen können. Natalja und ich waren uns in vielen Fragen uneinig, haben auch gestritten. Aber das Recht auf Meinungen und Diskussionen ist Teil des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Daher habe ich den Verdacht, dass es hier nicht nur um diese zwei konkreten Aktivistinnen geht.
Diese Verhaftungen sind ein Signal an die ganze Community: Schweigt lieber. Das ist das Beunruhigende daran. Nach diesem Vorfall habe ich meine Einstellung zu vielen Dingen geändert. Und wir sehen, wie die ganze Welt gegen diese Haftstrafen aufsteht.“
Am 17. Dezember 2025, dem Tag der Verhaftung von Darja Jegerewa und Natalja Leongardt, erfolgten zeitgleich bei 17 Aktivist:innen für die Rechte indigener Völker in acht Regionen der Russischen Föderation Hausdurchsuchungen: In den Oblasten Murmansk, Tomsk, Kemerowo, den Regionen Altai und Krasnojarsk, den Republiken Altai und Sacha, in Moskau und Sankt Petersburg.
Zaubergarten
Das ist der Blick aus Andrej Danilows Fenster in Hommersåk – ein Garten voll bunter Blumen, deren Zauber man sich kaum entziehen kann. Hier unterhält sich Andrej gern mit seinem Vermieter – nicht nur, um sein Norwegisch zu verbessern, sondern auch, weil sie Freunde geworden sind. Mal wird zusammen gegrillt, mal fährt man ins benachbarte Stavanger. Das ist Norwegens Erdöl-Hauptstadt: Großkapital und Naturwunder in einem. Es gibt ein Erdöl- und ein Konservenmuseum, die kleinen Gassen der Altstadt, die älteste Kirche Norwegens und ganz in der Nähe die Felsplattform Preikestolen, auf der man Selfies machen kann: Im Vordergrund man selbst, im Hintergrund der zwischen Felswänden eingeklemmte Steinblock, darunter der Abgrund und das Meer. Der reinste Nervenkitzel.
Die Reißfestigkeit von Danilows Nerven wurde drei Jahre lang in einem Mottak auf die Probe gestellt, einer norwegischen Flüchtlingsunterkunft. Sie befand sich in einem Dorf namens Melbu, das genau wie sein Heimatort Lowosero nördlich des Polarkreises liegt. Einsamkeit, Ungewissheit, nicht immer genug zu essen.
„Manchmal war ich traurig, deprimiert. Dann bin ich rausgegangen und Menschen begegnet, die ich zum ersten Mal im Leben sah. Sie kamen trotzdem auf mich zu und grüßten. Das hat mir geholfen. Na ja, es war natürlich trotzdem sehr schwer. Ich gebe zu, das Schwerste waren nicht die Lebensbedingungen. Die spielen keine so große Rolle. Aber der Gedanke, mich eigentlich in meiner Heimat zu befinden, in Sápmi, dem Land meiner Vorfahren, und einen fremden Staat um Erlaubnis bitten zu müssen, hier sein zu dürfen. Obwohl mich die norwegischen Samen freundlich aufgenommen und dafür gesorgt haben, dass ich Asyl bekomme. Sie waren verwundert, dass die Entscheidung so lange dauern kann.
Ich glaube, das war der erste solche Fall in der Geschichte der indigenen Völker. Es ist doch unser Land. Vielleicht sollte es ein Gesetz geben, das die Samen dazu berechtigt, sich in ihrer historischen Heimat Sápmi über die Staatsgrenzen hinweg frei zu bewegen und sich den Wohnort selbst auszusuchen.“
Heute sprechen viele vom „wunderschönen Russland der Zukunft“, malen sich Bilder aus. Andrej scheint es bereits gesehen zu haben. Vielleicht würde er noch Schnee hinzufügen, den er so sehr vermisst.
„Manchmal denke ich, dass Hommersåk, wo ich jetzt lebe, und Lowosero einander ähneln. Obwohl Lowosero in der Arktis liegt und Hommersåk weiter südlich. Hier wie dort gibt es freundliche Menschen, die einem helfen. Die Natur ist ähnlich. Die kleinen Häuser. Vielleicht ist Hommersåk die Zukunft von Lowosero, weil die Menschen hier an ihre Zukunft glauben. Sie überlegen nie, ob sie nicht doch lieber verkaufen sollen und was in zehn Jahren wird. Sie haben Vertrauen in sich selbst, in ihren Staat, in dessen Fürsorge, dass ihre Kinder eine Ausbildung erhalten. Das ist genau die Zukunft, von der ich immer geträumt habe, und hier kann ich sie sehen.“