„Ein Umbruch in Russland ist möglich, wenn der Alltag schlimmer wird als die Angst zu verlieren“

Der Krieg in Russlands Alltag: Ein Mann besucht im November 2025 eine historische Militärausstellung auf dem Roten Platz in Moskau, die an den Zweiten Weltkrieg erinnert. © Evgeny Biyatov/SNA/Imago
Der Krieg in Russlands Alltag: Ein Mann besucht im November 2025 eine historische Militärausstellung auf dem Roten Platz in Moskau, die an den Zweiten Weltkrieg erinnert. © Evgeny Biyatov/SNA/Imago

Russlands Gesellschaftsvertrag bröckelt, die Wirtschaft steht ganz im Namen des Krieges, doch in der Armee wie im Land herrschen Korruption und Repressionen. Dennoch steht Russland weder vor einem nahen Kollaps, noch kann das Land seinen Angriffskrieg im Westen unendlich so weiterführen, sagt Ljubow Zybulska.

Zybulska ist eine renommierte ukrainische Expertin für strategische Kommunikation und hybride Bedrohungen. Sie ist Gründerin und Leiterin des Zentrums für strategische Kommunikation und Informationssicherheit SPRAVDI–Stratcom Centre am ukrainischen Ministerium für Kultur und Informationspolitik und ehemalige Leiterin der Hybrid Warfare Analytical Group des Ukraine Crisis Media Center. Zybulska ist außerdem Beraterin des Außenministeriums der Ukraine und des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine.

Seit dem vollumfänglichen Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 verfolgen und analysieren Zybulska und ihr Team die kriegsrelevanten Entwicklungen in Russland. Viele Details sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, doch schon die allgemeineren Informationen liefern ein Bild, das den radikalsten westlichen Einschätzungen klar widerspricht.

Das ukrainische Onlineportal Texty.org.ua hat Ende 2025 Zybulskas Analyse zur Kriegslage in Russland, zur Stimmung in den Regionen und in der russischen Armee veröffentlicht.


Seit Jahrzehnten beruht die politische Stabilität Russlands auf einer ungeschriebenen Vereinbarung: Der Kreml garantiert Ordnung, bestimmte wirtschaftliche Freiheiten und physische Sicherheit; im Gegenzug halten sich die Bürger aus der Politik heraus und zeigen uneingeschränkte Loyalität. Diese Formel prägt das heutige Russland stärker als jede Ideologie.

Seit der Vollinvasion der Ukraine erodiert dieser Gesellschaftsvertrag jedoch. Der Staat garantiert nun weniger Sicherheit, weniger Stabilität und weniger Wohlstand, verlangt aber gleichzeitig mehr Loyalität und Opferbereitschaft. Ganz aufgekündigt ist die Vereinbarung jedoch nicht, sondern besteht weiter, da sich die russische Gesellschaft, geprägt durch Angst und Unsicherheit, an die Umstände anpasst.

Russland wird durch den Krieg nachhaltig geschwächt

Im Westen bestimmen zwei Narrative die Einschätzungen zu Russlands Verfasstheit im Krieg:

  • Russland ist stark und geeint genug, um den Krieg noch jahrzehntelang fortzusetzen.
  • Russland ist derart geschwächt, dass es kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Erstere Lesart führt zu Ohnmacht, zweitere zu übertriebener Hoffnung.

Die Wahrheit ist, dass der Krieg Russland sowohl auf wirtschaftlicher Ebene als auch bezüglich seiner menschlichen Ressourcen kontinuierlich schwächt. Doch dank noch immer unzureichender Sanktionen und neuer Partner wie Indien und China kann dieser Niedergang noch eine ganze Weile andauern, bevor es wirklich kritisch wird.

Russland hat in den letzten drei Jahren ein Prozent seiner Bevölkerung für 1,45 Prozent des ukrainischen Territoriums eingetauscht.

Mögen die Russen nach Außen hin auch selbstbewusst auftreten – es ist klar, dass sie bluffen. Denn das Verhalten der russischen Diplomatie und Innenpolitik ist bekannt: bis zum Äußersten mit den Muskeln spielen, niemals den Stand der Dinge anerkennen und mit Gewalt einschüchtern. Doch wie jüngst The Economist feststellte, hat Russland in den letzten drei Jahren ein Prozent seiner Bevölkerung für 1,45 Prozent des ukrainischen Territoriums eingetauscht, das es erobern konnte. Bei diesem Tempo bräuchten sie noch Jahre, um die Grenzen zu erreichen, die sie in den Verhandlungen einfordern.

Der Zusammenhalt des russischen Systems speist sich heute eher aus Trägheit denn aus Zuversicht. Nirgendwo zeigt sich diese Fragilität deutlicher als innerhalb der russischen Armee.

Russlands Militär weist Abnutzungserscheinungen auf

Die russische Armee ist nicht nur personell geschwächt, sondern auch systemisch überdehnt. Ein langjähriges Monitoring verschiedener Teilbereiche der Streitkräfte zeigt ein konsistentes Muster tiefer, aufgestauter Entkräftung. [Im Herbst – dek] 2022 mobilisierte Russland etwa 300.000 Männer und konnte damit die Front vorübergehend stabilisieren, was jedoch viele Russen schockierte und zu einer massiven Flucht aus dem Land führte. In den folgenden Jahren vermied der Kreml öffentliche Mobilisierungskampagnen und griff stattdessen auf verdeckte Rekrutierung, Vertragsmodelle sowie regionale Freiwilligenbataillone zurück. Insgesamt wurden mehr als 50 solcher Bataillone in ganz Russland aufgestellt.

Um bei der derzeitigen Abnutzung das Tempo aufrechtzuerhalten, benötigen die Russen jedoch deutlich mehr Personal. Hierfür ist eine Generalmobilmachung erforderlich. Doch das will Putin unbedingt vermeiden, da der politische Preis zu hoch sein könnte.

In wohlhabenden Regionen melden sich nur wenige Freiwillige, während die Hauptlast unverhältnismäßig stark auf ärmere Regionen fällt.

Die Personalreserven gehen zur Neige. All jene, die aus finanziellen Gründen bereit waren zu kämpfen, haben sich inzwischen vertraglich verpflichtet. Die regionalen Rekrutierungsdaten zeigen klare Grenzen dieses Ansatzes: In wohlhabenden Regionen melden sich nur wenige Freiwillige, während die Hauptlast unverhältnismäßig stark auf ärmere Regionen mit hohem Anteil ethnischer Minderheiten wie Burjatien oder Baschkortostan fällt.

Zur Stabilisierung der Lage greift der Kreml auf halbherzige Maßnahmen zurück. In den vergangenen Monaten wurden Anpassungen am Mobilisierungsprozess vorgenommen. Präsident Putin unterzeichnete ein Dekret zur Einberufung von Reservisten zum Militärdienst für das Jahr 2026, in dem zwei Abschnitte als geheim eingestuft sind. Zudem soll die Einberufung ab dem 1. Januar ganzjährig erfolgen und nicht mehr – wie bislang – nur in festgelegten Zeitfenstern.

Dies ist ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer Generalmobilmachung. In den vergangenen vier Jahren gab es lediglich zwei Ereignisse, die die russische Gesellschaft nachhaltig erschütterten und zugleich die Fragilität des Regimes offenlegten: die Mobilisierungskampagne im Herbst 2022 und der gescheiterte Aufstand Prigoschins [im Jahr 2023 – dek].

Russische Soldaten fürchten eigene Kommandeure mehr als das Schlachtfeld

Innerhalb der russischen Armee äußern Soldaten offen den Wunsch nach einem Kriegsende. Gleichzeitig versichern sie „bis zum Ende zu kämpfen“ – nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor ihren eigenen Kommandeuren, die sie mehr fürchten als das Schlachtfeld selbst. Zugleich überwiegt die Erwartung, dass politische Entscheidungen im Ausland und nicht in Moskau darüber bestimmen werden, wann sie nach Hause zurückkehren können. Ein Frieden oder Waffenstillstand wird eher vom Handeln Trumps als von Putin erwartet.

Diese Gewaltpsychologie verweist auf ein zentrales Muster: Der Krieg wird nicht aus Loyalität oder Überzeugung geführt, sondern aus Mangel an denkbaren Alternativen. Dazu kommt, dass die finanziellen Anreize schwinden.

Der Krieg wird nicht aus Loyalität oder Überzeugung geführt, sondern aus Mangel an denkbaren Alternativen.

Geld ist zum wichtigsten Instrument der Mobilisierung des Kreml geworden. Die Gehälter der Vertragssoldaten betragen durchschnittlich 210.000 Rubel [ca. 2230 Euro] pro Monat – für Menschen in armen Regionen eine enorme Summe. Neben dem regulären Sold werden für die Vertragsunterzeichnung auch solide Prämien gezahlt, deren Höhe bis 2025 immer weiter anstieg. Die Höhe dieser Zahlungen variiert je nach Region. Der Kreml setzt verbindliche Rekrutierungsquoten fest, die von den Regionen zu erfüllen sind. Anfang 2025 erreichten die regionalen Verpflichtungsprämien noch einen Höchststand, doch seitdem sinken sie drastisch:

  • Region Samara: von 3,61 Mio. auf 2,1 Mio. Rubel, zuletzt auf 400.000 Rubel
  • Tatarstan: von 2,7 Mio. auf 1,5 Mio., zuletzt auf 400.000 Rubel
  • Baschkortostan: von 1,6 Mio. auf 1 Mio., mit lokalen Abweichungen
  • Region Nischni Nowgorod: von 2,6 Mio. auf 1,1 Mio.; im Sommer teils nicht ausgezahlt
  • Sankt Petersburg: kommunaler Rekrutierungsbonus von 1,6 Mio. Rubel vollständig gestrichen

In vielen Regionen wurden die Zahlungen gekürzt, da die Kriegskosten die regionalen Haushalte überfordern. Mehrere regionale Haushaltsdefizite haben sich binnen eines Jahres verdreifacht. So weist Tatarstan ein Defizit von 31 Milliarden Rubel aus, Baschkortostan 28 Milliarden und der Autonome Kreis der Jamal-Nenzen 42,3 Milliarden.

Wo früher Geld der Hauptmotivationsfaktor war, versucht der Staat zunehmend, lediglich die Illusion finanzieller Belohnung aufrechtzuerhalten. Innerhalb der Armee ist die Lage noch angespannter. Soldaten berichten, dass sie 50 bis 80 Prozent ihres Soldes für den Kauf von Grundausstattung wie Drohnen, Uniformen, Treibstoff und sogar Lebensmittel aufwenden müssen. Wer kein Geld in die „Kasse” gibt, landet entweder zur Strafe im Erdloch, oder wird zu Sturmangriffen eingeteilt. Für unerlaubte Abwesenheit gibt es brutale Strafen von Schlägen über Karzer bis Sturmeinsatz. Die Korruption ist so tief verankert, dass viele Soldaten angeben, sie würden lieber bezahlen, um die Front verlassen zu können.

Alle Aspekte des Gesellschaftsvertrags werden nach und nach ausgehöhlt

Der Kreml verlässt sich weiterhin auf die alte Formel: Solange das Leben erträglich ist, bleiben die Menschen politisch passiv. Gleichzeitig untergräbt er beständig jeden Aspekt der Vereinbarung.

Putin führte die Russen nach den chaotischen 1990er Jahren als Retter in das neue Jahrtausend. Dieses Narrativ wirkt in vielen Regionen weiterhin nach: „Wir leben doch besser als in den 90er Jahren!“ Die Propaganda bespielt gezielt das Narrativ, indem sie den Krieg für die Russen existenziell erscheinen lässt: Eine Niederlage würde Russland zu Fall bringen und in Zustände zurückwerfen, die schlimmer seien als die 1990er Jahre.

Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert.

Die Angriffe ukrainischer Drohnen tief im Landesinneren haben das Sicherheitsgefühl auch in Regionen erschüttert, die zuvor nicht vom Konflikt betroffen waren.

Die wirtschaftliche Planbarkeit ist verschwunden.

Für das Jahr 2026 sind rund 40 Prozent des Staatshaushalts für Militär, Polizei und Sicherheitsdienste vorgesehen. Dies ist ein klares Signal, dass zivile Belange kaum noch Priorität besitzen.

Die regionale Stabilität bröckelt.

Familien aus der Region Kursk, die fast ein Jahr lang keine Entschädigung für ihre zerstörten Häuser erhielten, gingen schließlich zu öffentlichem Protest über, und das in einer der loyalsten Regionen Russlands. In Burjatien wandten sich Ehefrauen eingezogener Männer trotz der Gefahr von Repressionen öffentlich gegen lokale Behörden.

Dabei handelt es sich hier noch nicht um politische Aufstände. Doch sie markieren Bruchlinien des Gesellschaftsvertrags: „So war das nicht abgemacht.“

Russlands Militär als Spiegel der Regimefragilität

Der deutlichste Indikator für die Fragilität des russischen Systems ist derzeit das Militär. Basierend auf einem System aus Angst, finanziell ausgelaugt und ohne klares Ziel kämpfend, stellt die russische Armee keine stabilisierende Institution mehr dar, sondern spiegelt die Schwächen des gesamten Apparats wider.

Unsere Untersuchungen zeigen:

  • Soldaten erwarten eher Bestrafung als Rückhalt.
  • Viele sehen keine persönliche Zukunft außerhalb des Krieges.
  • Korruption bestimmt über das Überleben in der Truppe.
  • Versuche, sich vom Dienst zu entfernen, sind verbreitet; gefasste Deserteure werden brutal misshandelt und als Kanonenfutter in Richtung Front geschickt.
  • Ein Großteil der Soldaten glaubt, dass der Krieg durch politische Veränderungen im Westen und nicht durch ein Einlenken Moskaus beendet wird.
  • Was nach Stabilität aussieht, ist vielfach nur noch ein Überbleibsel von Angst und Gewohnheit.

Sukzessive zerfällt der Gesellschaftsvertrag

Der russische Gesellschaftsvertrag bricht nicht abrupt. Er zerfällt schrittweise und zwar auf allen Ebenen: in ausgelaugten Armeeeinheiten, in bankrotten Regionalhaushalten, in Familien, die vergeblich auf Entschädigungszahlungen warten, und bei Soldaten, die lieber ihre Vorgesetzten bestechen, als zu kämpfen.

Jede solche Vereinbarung hat einen Kipppunkt: Ein Umbruch in Russland ist genau dann möglich, wenn der Alltag schlimmer wird als die Angst davor [den Krieg – dek] zu verlieren. Die Stimmung innerhalb des Militärs, die finanziellen Verwerfungen und die wachsende Verzweiflung deuten in diese Richtung.

Wir spielen auf einem multidimensionalen Schachbrett. Sich nur auf einer Ebene oder entlang eines Pfades zu bewegen, birgt das Risiko zu verlieren. Erforderlich ist ein paralleles Vorgehen, das keinen relevanten Bereich außer Acht lässt.

Nach außen demonstriert Russland weiter Stärke, doch die Zahlen unter der Oberfläche erzählen eine andere Geschichte: Der Staatsapparat ist überdehnt, die Armee erschöpft und der Gesellschaft wird zunehmend bewusst, dass der einstige Vertrag nicht mehr gilt.

Um einen echten Umbruch herbeizuführen, bevor unsere eigenen Kräfte vollständig erschöpft sind, müssen wir noch erhebliche Anstrengungen unternehmen: Wir spielen auf einem multidimensionalen Schachbrett. Sich nur auf einer Ebene oder entlang eines Pfades zu bewegen, birgt das Risiko zu verlieren. Erforderlich ist ein paralleles Vorgehen, das keinen relevanten Bereich außer Acht lässt: das Geschehen auf dem Schlachtfeld ebenso wie die Schwächung der Energie- und Raffineriekapazitäten tief im russischen Hinterland, die Verschärfung der Sanktionen, den Druck auf die Schattenflotte sowie gezielte Informationsmaßnahmen gegenüber der russischen Bevölkerung.

Wir müssen die Russen erreichen, in den Regionen und in der Armee, und in ihnen das Gefühl der Ungerechtigkeit verstärken; darauf zeigen, dass das Regime seinen Teil der Vereinbarung aufkündigt. Nur ein koordiniertes Vorgehen auf allen Ebenen kann langfristig zum Zusammenbruch des russischen totalitären Regimes führen.

  1. 1.000.000 Rubel entspricht aktuell, Stand Januar 2026, umgerechnet rund 10.872 Euro – dekoder ↩︎