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Jewgeni Prigoshin

„America First“ – diese Formel gilt in gewisser Weise auch im Russland der frühen 1990er Jahre: Wenn Hilfe von außen erwartet wird – dann vor allem von den USA. Wenn nach einem Land gefragt wird, mit dem Russland in erster Linie zusammenarbeiten sollte – auch dann werden die Vereinigten Staaten genannt. In Meinungsumfragen sehen Mitte der 1990er Jahre nur rund sieben Prozent der Befragten die USA als Feind.1

Neben Coca Cola und Burgern repräsentieren auch Hotdogs für viele in Russland den American Way of Life. Es ist also ein unternehmerisch kluger Schritt von Jewgeni Prigoshin (geb. 1961), auf diesen Zug aufzuspringen und 1990 den – nach Eigenaussage – ersten Hotdog-Stand Leningrads aufzumachen. Senf ist immer noch defizit, also muss der Jungunternehmer zu Hause selbst anmischen. Es gelingt Prigoshin so gut, dass er in kürzester Zeit eine kleine Hotdog-Kette betreibt. Prigoshins Unternehmen expandiert, hinzu kommen eine Supermarktkette und Restaurants. Der Aufstieg des Jungunternehmers aus Leningrad gleicht einem American Dream. 28 Jahre später wird Prigoshin von der US-Justiz angeklagt – der Unternehmer soll sich in den US-amerikanischen Wahlkampf eingemischt haben. Ein Würstchenverkäufer, der Trump zum US-Präsidenten macht?

Angeblich und mutmaßlich

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Jewgeni Prigoshin tatsächlich eines Tages als Trumps Königsmacher dastehen wird. Zu undurchsichtig sind seine Machenschaften, ohnehin müssten fast alle seiner Attribute mit einem „angeblich“ oder „mutmaßlich“ versehen werden. Da er 1979 vom sowjetischen Unrechtssystem zu insgesamt zwölf Jahren Haft verurteilt wurde, ist er angeblich ein Betrüger, Räuber und Zuhälter von Minderjährigen. Da er in den 2000er Jahren laut Eigenaussage rehabilitiert wurde, hat er eine angeblich weiße Weste. 
© Juri Martjanow/KommersantDie Liste ließe sich fortführen, fest steht jedenfalls, dass Prigoshin 1988 begnadigt wird, 1990 ist er wieder in Leningrad. Dort zieht er innerhalb kürzester Zeit ein kleines Hotdog-Imperium auf, kauft Supermärkte und Restaurants. In dieser Zeit lernt er angeblich Wladimir Putin kennen, der in der Stadtverwaltung unter anderem für Glücksspiel-Lizenzen zuständig ist. Prigoshin engagiert sich auch im Casino-Business, und dem soll angeblich die frische Männerfreundschaft mit Putin förderlich sein. Jedenfalls isst Putin oft in Prigoshins Restaurants, und aus dem Wirt wird alsbald ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Er baut einen Catering-Service auf, betreibt prestigeträchtige Wirtshäuser und das Schiffrestaurant New Island, wo Putin unter anderem mit George Bush und Gerhard Schröder speist. Im Restaurant Staraja Tamoshnja, das ebenfalls Prigoshin gehört und als eine der ersten Adressen Sankt Petersburgs gilt, feiert Putin seine Geburtstage, Prigoshin betreibt das einzige private Restaurant im russischen Weißen Haus und hat seinen Spitznamen weg – Putins Koch.

Russlands Cheftroll

Den Grundstein für seinen zweiten Spitznamen soll Prigoshin bereits zu einer Zeit gelegt haben, als der Begriff Internet Trolling noch gar nicht richtig geläufig war. 2011 beklagen sich Eltern aus Sankt Petersburg und Moskau im Netz über das Schul-Essen ihrer Kinder. Prigoshins mit Catering beauftragte Mischholding Concord steht am Netzpranger. Der Gastronom engagiert angeblich Trolle, die das Netz mit Lobliedern auf das Schul-Essen fluten. Das Prinzip funktioniert – die kritischen Kommentare der Eltern werden entweder auf die Schippe genommen oder gehen einfach in der Flut unter. Concord-catering wird zum Quasi-Monopolisten für Schulessen in Russlands Hauptstädten und sorgt auch für über 90 Prozent der Verpflegung russischer Streitkräfte.2​

Rund zwei Jahre nach dem Vorfall mit dem Schulessen wird zum ersten Mal über die sogenannte Trollfabrik gemunkelt. Vor dem Hintergrund des Euromaidan nimmt sie mutmaßlich unter dem Dach der Agentur für Internet-Recherchen in der Petersburger Uliza Sawuschkina Fahrt auf. 2015 wird die Agentur in Glawset unbenannt, angeblich soll diese „Nachrichtenagentur“ Teil einer Medienholding sein, die wiederum angeblich Jewgeni Prigoshin gehört. Sie heißt übersetzt Föderale Nachrichtenagentur (FAN), wurde 2014 gegründet und schaffte es innerhalb kürzester Zeit in die Top Ten der am meisten zitierten russischen Medien. Oft heißt die FAN schlicht Medienfabrik, laut einer investigativen Recherche von RBC ging sie aus der Trollfabrik hervor.3
Beobachter vermuten, dass diese Trollfabrik hinter den russischen Netz-Angriffen im französischen Wahlkampf steckte oder auch hinter der auffallenden Menge russlandfreundlicher Social-Media Kommentare zu Themen wie dem Krieg im Osten der Ukraine. Auch das Fluten von Angela Merkels Instagram-Account im Jahr 20154 soll aus dem unscheinbaren Gebäude an der Uliza Sawuschkina in Sankt Petersburg erfolgt sein. Da die FAN keine Gewinne erwirtschaftet, gilt sie Vielen als eine „patriotische Holding“, ein ehemaliger FAN-Redakteur meinte: „Gewinn wird nicht immer dort gemacht, wo auch Inhalte gemacht werden.“5

Die Hinweise, dass Prigoshin hinter der Trollfabrik stecken könnte, verdichteten sich im Zuge einer weiteren investigativen Recherche von RBC. Im Oktober 2017 veröffentlichte die Nachrichtenplattform einen Bericht, in dem zahlreiche Hinweise aufgeführt werden, dass die Trollfabrik die US-Wahl 2016 manipulierte. Sie fragte rhetorisch, ob das Ausmaß der Auslandstätigkeit der Trollfabrik jene Hysterie rechtfertige, die in den USA darum entstanden ist. Gestützt wurden diese Hinweise von US-amerikanischen Geheimdiensten. Auf deren Grundlage wurde schließlich im Februar 2018 eine Anklage gegen 13 Bürger Russlands erhoben, darunter Prigoshin.6

Ein Patriot

Schon seit Dezember 2016 steht Prigoshins Name auf einer US-Sanktionsliste, seit 2017 auch seine weiteren Unternehmen, wegen Beteiligung am Krieg im Osten der Ukraine. Auf dieselbe Liste kam 2017 auch das private militärische Unternehmen TschWK Wagner, das laut Fontanka mit Prigoshin in Verbindung steht7. Wer der tatsächliche Besitzer von TschWK Wagner ist, ist weiterhin unklar, man munkelt: „angeblich“, „mutmaßlich“ sei es Prigoshin.
  
Prigoshin quittierte die Sanktionen gegen ihn süffisant als Auszeichnung: „Danke den geehrten amerikanischen Kameraden. Ich bin froh darüber, meiner Heimat nützlich zu sein.“8


1.polit.ru: Lev Gudkov: Otnošenie k SŠA v Rossii i problema antiamerikanizma
2.ru.krymr.com: „Bol’shoe Menju“ ljubimogo povara Putina   
3.rbc.ru: Rassledovanie RBK: Kak iz „fabriki trollej“ vyrosla „fabrika media“
4.Frankfurter Allgemeine Zeitung: Russische Trolle gegen Angela Merkel
5.rbc.ru: Rassledovanie RBK: Kak iz „fabriki trollej“ vyrosla „fabrika media“
6.justice.gov: Case 1:18-cr-00032-DLF Document 1 Filed 02/16/18 
7.fontanka.ru: Kuchnja častnoj armii
8.zitiert nach ria.ru: Prigožin o sankcijach SŠA protiv ego firmy: rad, čto polezen svoej rodine
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