
Seit Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine überfordern die steigenden Zahlen verwundeter Soldaten zunehmend die Militärkrankenhäuser Russlands. Das Verteidigungsministerium lässt zwar alte Militärkliniken umfunktionieren und neue bauen, vermehrt werden aber auch zivile Krankenhäuser zweckentfremdet.
Schon lange vor dem Krieg steckte das russische Gesundheitssystem in einer massiven Krise. Matwej Lejbin fragt nun für die Novaya Gazeta Europe, wie sich der wachsende Behandlungsbedarf für Militärs auf die Gesundheitsversorgung der Zivilbevölkerung auswirkt.
Ende 2025 ließen die Behörden der Oblast Omsk eine gynäkologische Ambulanz schließen. Das regionale Gesundheitsministerium investierte fast zwei Millionen Rubel [rund 22.000 Euro – dek.] in die Renovierung der Räumlichkeiten. Dann übernahm das Verteidigungsministerium die Zuständigkeit und richtete dort eine Poliklinik für Kriegsverletzte ein, in erster Linie für Teilnehmer am Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Die benachbarte Omsker Geburtsklinik Nr. 5 hatte ein ähnliches Los schon früher ereilt: Im April 2022 erfuhr dessen medizinisches Personal bei einer Teamsitzung, dass die Klinik bald geschlossen würde. Die Gerüchte bestätigten sich, und am 11. November desselben Jahres wurde das Haus geschlossen. Heute erklärt der Omsker Gesundheitsminister Dimitri Markelow die Schließung der Geburtsklinik mit demografischen Problemen in der Region, aufgrund derer der Bedarf an Geburtshilfe sinke. „Wenn in einer Geburtsklinik, die auf Hunderte Entbindungen pro Monat ausgerichtet ist, nur ein Bruchteil davon stattfindet, kommt es zu einer qualitativen Systemkrise“, sagte der Politiker zu Journalisten des lokalen Omsker Online-Mediums NGS55.ru. Laut Mitarbeitern der nunmehr geschlossenen Geburtsklinik Nr. 5 wurden dort allerdings jährlich rund 2500 Babys geboren.
„Die Klinik war natürlich in keinem sehr guten Zustand mehr und hätte saniert werden müssen“, erfährt die Novaya Gazeta Europe von Daniil Tschebykin, dem Gründer der Menschenrechtsorganisation Omskoje grashdanskoje objedinenije (dt. Omsker Bürgervereinigung). „Zunächst war sie zwecks Renovierung geschlossen worden, doch dann stellte sich heraus, dass statt der Geburtsklinik ein Krankenhaus für Veteranen der ‚militärischen Spezialoperation’ (‚SWO‘) hineinkommt.“
Investitionen in „SWO“-Militärmedizin
2024 wurden 400 Millionen Rubel [rund 4 Millionen Euro – dek.] aus dem staatlichen Budget in die Renovierung und Einrichtung des Gebäudes gesteckt. Weitere 500 Millionen Rubel [rund 5 Millionen Euro – dek.] legte die Oblast Omsk aus dem Regionalbudget drauf. Danach ordnete Premierminister Michail Mischustin an, das Krankenhaus für 385 Millionen Rubel [rund 4,5 Millionen Euro – dek.] mit 513 medizinischen Geräten auszustatten.
Zum Abschluss der Bauarbeiten wurde die Fassade in den Farben der russischen Trikolore getäfelt. „Immerhin sollen hier Veteranen und Teilnehmende der SWO medizinisch versorgt werden“, hörten die Journalisten vom regionalen Gesundheitsministerium. Im November 2025 dann berichteten lokale Medien, dass in einer Abteilung die ersten Patienten aufgenommen wurden.
Abgesehen von dem neuen Krankenhaus im Gebäude der ehemaligen Geburtsklinik Nr. 5 gibt es in der Region bereits zahlreiche weitere medizinische Zentren exklusiv für Militärangehörige. Schon seit Sowjetzeiten ist in Omsk eine Klinik für Kriegsverletzte in Betrieb und während der Covid-Pandemie setzte das Verteidigungsministerium dem Widerstand des Allrussischen Vereins für den Schutz historischer und kultureller Denkmäler zum Trotz durch, dass auf dem Gelände eines alten Friedhofs aus dem 18. Jahrhundert ein Infektionskrankenhaus für die Armee aus dem Boden gestampft wurde. Derzeit wird dort ein neues Gebäude angebaut, in dem insbesondere Teilnehmende am Krieg in der Ukraine behandelt werden sollen.
Der Aktivist Tschebykin bezeichnet diese Menge an Militärkrankenhäusern in seiner Region im Gespräch mit der Novaya Gazeta Europe „Omsker Anomalie“.
„Jetzt scheinen Verwundete wirklich vor allem nach Omsk gebracht zu werden“, sagt er. „Vielleicht soll Omsk die Hauptstadt der Militärmedizin werden, weil es abseits liegt von anderen russischen Großstädten und nicht von Raketen und Drohnen erreicht wird.“
Krankenhäuser als Korruptionsgoldgruben
Tschebykin meint, die Omsker Regionalpolitiker seien froh, dass das Verteidigungsministerium bei ihnen Krankenhäuser baue. Sie förderten neue Projekte dieser Art auf jede erdenkliche Weise, da dieser Bereich enorme Korruptionsmöglichkeiten biete. Seit Beginn der vollumfänglichen Invasion Russlands in der Ukraine gab es einige spektakuläre Strafverfahren, weil bei der Ausführung von Aufträgen des Verteidigungsministeriums über Sanierung, Bau oder Ausstattung seiner Krankenhäuser Gelder veruntreut worden waren. Wie die Ermittlungen ergaben, wurde bei der Sanierung eines Garnisonskrankenhauses in Perm eine Summe von 35 Millionen Rubel [rund 470.000 Euro – dek.] abgezweigt.
Die Erhöhung der militärmedizinischen Kapazitäten in der Oblast Omsk begann schon, als Alexander Murachowski dort [in den Jahren 2020–2023 – dek.] regionaler Gesundheitsminister war. Zuvor war Murachowski Chefarzt am Omsker Notfallkrankenhaus Nr. 1 gewesen, in das 2021 Alexej Nawalny nach seiner Nowitschok-Vergiftung eingeliefert wurde. Damals stellten sich die Ärzte rund 24 Stunden lang gegen eine Freigabe Nawalnys zur Behandlung in Deutschland und behaupteten, in diesem Zustand sei der Transport für den Politiker lebensgefährlich. Murachowski hatte erklärt, Nawalny leide an einer Stoffwechselstörung. 2025 übernahm Murachowski dann einen leitenden Posten im neuen „SWO“-Krankenhaus in der ehemaligen Geburtsklinik.

„Eine sehr lukrative Branche, in der man immer vom Budget abzwacken kann. Das ist das Interessante für Murachowski und alle anderen, die auf staatlicher Ebene den Bau neuer Krankenhäuser vorantreiben“, erklärt Daniil Tschebykin.
Die Situation der medizinischen Versorgung in der Oblast Omsk ist bei Weitem kein Einzelfall. So wurde zum Beispiel 2023 in Moskau die einzige Klinik für Patienten mit der seltenen erblichen Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose zu einem Krankenhaus für Frontkämpfer umgewidmet. 2024 traf die Geburtsklinik Nr. 5 in Rostow am Don dasselbe Schicksal.
Privilegierter Zugang zu medizinischer Versorgung für Militärangehörige
Gesetzlich ist vorgesehen, dass die medizinische Versorgung der Bevölkerung aus dem Topf der allgemeinen Krankenversicherung finanziert wird. Die Behandlung von Militärangehörigen hingegen wird direkt aus dem Staatshaushalt bezahlt, ihre Krankenversicherung wird während der Dienstzeit ausgesetzt. Wie die Anwältin Walerija Wetoschkina der Novaya Gazeta Europe erläutert, sind Militärbedienstete und ihnen gleichgestellte Personen berechtigt, nicht nur in militärmedizinischen Zentren behandelt zu werden. Wenn es dort an Platz oder Personal mangelt, können sie sich auch an zivile Krankenhäuser und Polikliniken wenden. Im November 2022 ordnete Wladimir Putin an, die Zusammenarbeit von Verteidigungs- und Gesundheitsministerium bei der medizinischen Versorgung von Kriegsbeteiligten zu verbessern.
„Im Grunde sieht das Gesetz ganz klar vor, dass Militärangehörige in Einzelfällen auch abseits militärischer Einrichtungen behandelt werden dürfen. Das ist dann aber nicht über die allgemeine Krankenversicherung zu finanzieren, In der Regel werden die Kosten aus dem föderalen Budget erstattet – entweder direkt vom Verteidigungsministerium oder über Budgettransfers, Subventionen oder Sonderabkommen“, so Wetoschkina.

Artjom Klyga, Leiter der juristischen Abteilung der Dwishenije sosnatelnych otkastschikow (dt. Bewegung der Kriegsdienstverweigerer) machte die Novaya Gazeta Europe darauf aufmerksam, dass laut aktueller Gesetzgebung nicht nur aktive Armeebedienstete im Gesundheitswesen bevorzugt werden, sondern auch Mitglieder von Freiwilligen-Bataillons und Familienangehörige von Offizieren der russischen Armee. Umgekehrt können Menschen, die nicht in der Armee dienen, natürlich nicht in den Einrichtungen des Verteidigungsministeriums versorgt werden.
Obwohl immer neue Kliniken gebaut und nicht-behördliche Krankenhäuser für die Behandlung von Verwundeten umgewidmet werden, hat das Verteidigungsministerium nicht genug Plätze für die stationäre Aufnahme aller Frontkämpfer. Deswegen kommen viele von ihnen in gewöhnliche städtische Krankenhäuser, in denen auch zivile Patienten liegen. Manchmal gibt es für die Armeebediensteten eigene Stationen, manchmal teilen sie sich die Zimmer mit Zivilisten.
Es gab ein großes Aufatmen, als die Radaubrüder weg waren
Manche Kliniken machen öffentlich bekannt, dass sie Militärangehörige behandeln. Das städtische Mariinskaja-Krankenhaus in Sankt Petersburg beispielsweise führte im Jahr 2025 mehr als 2000 Operationen an Soldaten durch. Und im Unfallkrankenhaus des Petersburger Dshanelidse-Forschungsinstituts gratulierte am 23. Februar Gouverneur Alexander Beglow den Militärangehörigen, die dort auf Reha waren, zum Tag der Vaterlandsverteidiger.
Eine ehemalige Krankenschwester des Dshanelidse-Instituts erzählt der Novaya Gazeta Europe, bei ihnen habe es eine extra Abteilung für im Ukraine-Krieg Verwundete gegeben.
„Man hängt die Zahl der ‚SWO‘-Patienten nicht an die große Glocke, weil keiner öffentlich zugeben will, dass das so verdammt viele sind, dass man sie in den Militärkrankenhäusern nicht unterbringen kann“, sagt die junge Frau. Ihr zufolge seien jetzt viele Patienten aus der Armee in ein Militärkrankenhaus in Seweromorsk, Oblast Murmansk, verlegt worden, weil sie fast alle Antibiotika und Materialvorräte aufgebraucht hätten, die man dringend für die Behandlung der Zivilbevölkerung benötigt hätte.
„Formal müsste es für die Soldaten in den Einrichtungen des Gesundheitsministeriums eine eigene Finanzierung geben, aber tatsächlich greift man zunehmend auf Ressourcen des zivilen Gesundheitssystems zu“, erklärt Anwältin Walerija Wetoschkina der Novaya Gazeta Europe.
Die ehemalige Krankenschwester des Dshanelidse-Instituts meint weiter, sowohl Personal als auch Patienten seien erleichtert gewesen, als die Verwundeten nach Seweromorsk verlegt wurden.
„Als sie weg waren, gab es ein großes Aufatmen, weil das solche Radaubrüder waren. Schon klar, alle traumatisiert, aber das war zu viel: Sie beschafften sich permanent Alkohol, die Müllcontainer quollen über vor Flaschen, auf Krankenschwestern und Ärzte hörten sie nicht … Und überall standen Marihuanaschwaden“, erzählt sie der Novaya Gazeta Europe.
„Kein Platz! ‚SWO‘ … Sie verstehen“
Im Februar 2025 sprach Gesundheitsminister Michail Muraschko in der Staatsduma von einem Mangel an medizinischem Personal: Dem Land würden 23.300 Ärzte sowie 63.600 Personen mit mittlerer medizinischer Ausbildung fehlen. Aufgrund dieser Personalkrise gebe es für die Bevölkerung lange Wartezeiten – für alle außer die Kriegsteilnehmer. Die müssen seit 2023 außer der Reihe behandelt werden.
„Während Krankenhäuser in kleineren Städten geschlossen werden und im Gesundheitssystem Personalmangel herrscht, führt die Regierung eine prioritäre medizinische Versorgung für Frontkämpfer ein“, sagt der Omsker Aktivist Tschebykin. „Eine Menge Leute haben keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung und müssen in anderen Städten Hilfe suchen oder überhaupt in Omsk, der Hauptstadt der Oblast.“
„Wenn ihr immer noch glaubt, vom Krieg nicht betroffen zu sein, solltet ihr wissen, dass ihr mit einem eitrigen Bein für einen Monat aus dem Krankenhaus nach Hause geschickt werden könnt. Und dann sterbt ihr an Staphylokokken (die man seit einem Jahr nicht findet), weil ‚SWO-Patienten‘ gebracht wurden und kein Platz ist“, schreibt eine Nutzerin im sozialen Netzwerk Threads über die medizinische Versorgungslage in Omsk. „Da habt ihr eure hochgelobte kostenlose Medizin. So geht’s meiner Mutter, die nach drei massiven Abszessen, megakomplizierten Operationen, Intensivstation etc. einfach nicht stationär aufgenommen wird … Die Leitung sagt: ‚Kein Platz! S–W–O … Sie verstehen doch wohl.‘“