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Demonstrativ beleidigt

Nach dem Besuch des Duma-Abgeordneten Sergej Gawrilow im georgischen Parlament vergangenen Donnerstag war es in der Hauptstadt Tbilissi zu heftigen Protesten gekommen. Die Demonstranten hielten unter anderem Schilder hoch mit englischsprachigen Aufschriften wie „Stop Russia!“ oder „Russia is occupant“. Die Polizei ging mit alle Härte gegen die Demonstranten vor. 
Nun kriselt es auch in den georgisch-russischen Beziehungen: Wegen der angeblich „russlandfeindlichen Provokation“ während der Proteste verhängte Russlands Präsident Putin am Tag darauf ein Flugverbot, russische Airlines dürfen ab dem 8. Juli keine Flüge nach Georgien mehr anbieten. Dies sei nötig, um die „nationale Sicherheit zu gewährleisten“. 
Dabei sehen Beobachter in der Einladung Gawrilows und im brutalen Vorgehen gegen die Demonstranten vor allem eine Führungsschwäche der georgischen Regierung. Die Einladung stößt auf Unverständnis, zumal der Georgienkrieg von 2008 sowie die starke russische Militärpräsenz in Abchasien und Südossetien im medialen wie öffentlichen Bewusstsein Georgiens sehr präsent sind. 

Doch weshalb reagiert Russland nun so scharf? Was bedeutet das Flugverbot zur Hochsaison tatsächlich für den Tourismus und für die Beziehungen der beiden Länder untereinander? Wjatscheslaw Polowinko und Arnold Chatschaturow haben für die Novaya Gazeta russisches Staatsfernsehen geschaut und unterschiedliche Politologen befragt.

Источник Novaya Gazeta

Die Proteste in Tbilissi, die am 20. Juni begonnen haben, wurden zum gefundenen Fressen für die Propagandamacher des russischen Fernsehens. Bis dato hatten sie noch rund zehn Mal täglich jedwede Neuigkeit aus der Ukraine wiedergekäut. „Neuer Majdan in Tbilissi“ titelte die Sendung 60 Minuten im Fernsehsender Rossija. Artjom Schejnin brachte das georgische Thema in seiner Sendung Wremja pokashet sehr ausführlich und genau, aber mit Standard-Einsprecher: „Die Menschen sind bestimmt nicht von allein auf die Straße gegangen, jemand hat sie instruiert.“

In beiden Sendungen trat der russisch-orthodoxe Kommunist Sergej Gawrilow auf. Während der Interparlamentarischen Versammlung für Orthodoxie hatte er [im Plenarsaal des georgischen Parlaments – dek] auf dem Stuhl des Parlamentspräsidenten Georgiens Platz genommen, was der formale Auslöser für die Proteste war. 
Wie ein Mantra wiederholte Gawrilow, dass die Schuld „auf Seiten der Gastgeber“ liege – alle anderen, angefangen bei  Alexander Chinschtein bis zu Maria Sacharowa, stimmten mit ein: Es sei eine „große zurechtgebastelte Provokation“.
Zu einem gewissen Zeitpunkt schien es, der Kreml selbst glaube die Geschichten, dass die Proteste auf Befehl „englischsprachiger Instrukteure“ begonnen hätten und habe daraufhin entschieden, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Traditionell griff man zu Bomben auf Woronesh: Präsident Wladimir Putin erließ ein Verbot, das russischen Flugzeugen ab dem 8. Juli nicht mehr erlaubt nach Georgien zu fliegen. Bürgern, die schon dort sind, soll die Möglichkeit offen stehen, nach Hause zurückzukehren. 

„Vom Sicherheits-Standpunkt her ist diese Maßnahme womöglich plausibel, aber sie schießt über das Ziel hinaus“, so der Polittechnologe Witali Schkljarow, der auch ein Jahr in Georgien gelebt hat. „Eine andere Frage ist, inwieweit es auch für einen Präsidenten juristisch überhaupt zulässig ist, privaten Airlines zu verbieten, in ein anderes Land zu fliegen.“
Bei den Fluglinien allerdings wurden diesbezüglich keine Fragen laut: Sie murrten zwar ein wenig, stellten aber allesamt am 22. Juni den Verkauf von Flugtickets nach Georgien ein. Doch für die in Tbilissi lebenden Russen war die Entscheidung über die „Evakuierung“ ein echter Schock.  
Aus Sicht des Kreml gibt es hier jedoch keinerlei Unstimmigkeiten, stellt der Polittechnologe Gleb Pawlowski klar: „Die Staatsmacht glaubt aufrichtig, dass sie Gutes tut, wenn all diese Menschen beispielsweise auf die Krim fahren können.“

Viele Wege führen nach Tbilissi

Das Verbot von Flügen nach Georgien ist ein Schlag für die Tourismusbranche des Landes. Nach Angaben russischer Reiseanbieter kommen jährlich im Durchschnitt  5 Millionen Touristen nach Georgien (im vergangenen Jahr waren es insgesamt 8,7 Millionen). Davon sind 1,4 Millionen russische Staatsbürger, mehr Menschen kommen nur aus Aserbaidschan. Im Jahr 2018 stieg die Zahl der russischen Besucher um 24 Prozent.
Allerdings wird durch das Einstellen von Flügen russischer Airlines der Reisebetrieb nach Georgien nicht insgesamt lahmgelegt. Man muss nun Umwege nehmen, aber eine vollständige Blockade gibt es nicht.

„Der Druck auf Georgien ist die Folge einer Kränkung der russischen Machthaber“, meint der Polittechnologe Alexej Makarkin. „Dabei geht es nicht einmal darum, dass der Abgeordnete Gawrilow beleidigt wurde, sondern dass sich die georgischen Machthaber nicht entschuldigt haben.
Regierung und Opposition in Tbilissi sind zerstritten, ihr Problem ist nicht gelöst, aber einen offensichtlichen Konsens gibt es: Gawrilow ist selber schuld. In Russland schmerzt eine solche Position, darum hat man sich überlegt, wie man [zurück]schlägt.“

Georgischen Wein zu verbieten ist sinnlos, das hat schon vor gut zehn Jahren nicht sonderlich gut funktioniert. Also hat man sich jetzt auf die Touristen fokussiert, die sich, vorwiegend wegen der russischen Staatspolitik gegenüber Ägypten und der Türkei in den vergangenen Jahren, nach Tbilissi umorientiert haben: Dort ist es günstig und lecker. 

Die Georgier unterscheiden stets zwischen der russischen Regierung und den russischen Bürgern

In Tbilissi selbst nimmt man die Taktik des Kreml mit Ironie auf: „Es gibt einen ökonomischen Aspekt dabei, ja, der mag unangenehm sein, aber auch nicht wirklich gravierend“, erklärt Jegor Kuroptew, ein russischer Medienmanager, der in Tbilissi arbeitet. „Russische Touristen sind hier sehr beliebt. Die kommen sogar und beobachten die Proteste, finden das interessant, alles ist in bester Ordnung. Daher wirkt es merkwürdig, den eigenen Leuten zu verbieten, irgendwohin zu fliegen. Schade, dass der Kreml mit einer solchen Entscheidung versucht, die Beziehung zwischen den Völkern zu verschlechtern.“  

„Die Georgier unterscheiden stets zwischen der russischen Regierung und den russischen Bürgern. Gegenüber dem Kreml hat das Land sehr klare Vorbehalte: Gespräche mit Politikern darf es nur über eine ,Deokkupation der Gebiete’ [von Abchasien und Südossetien – Novaya] geben“, meint Kuroptew. „Dass sich Gawrilow auf den Stuhl des Parlamentspräsidenten gesetzt hat, das war bloß der Auslöser. Dass überhaupt eine offizielle russische Delegation mit Duma-Abgeordneten kommt, konnte nur so aufgenommen werden“, schließt Kuroptew.

Der Kreml bietet den Menschen wieder das Thema Kampf mit dem äußeren Feind an

Die Idee des Kreml bestehe darin, den Abgeordneten Gawrilow pars pro toto mit den Bürgern Russlands gleichzusetzen, sagt Alexej Makarkin. Georgien sei für den Kreml in vielerlei Hinsicht nebensächlich. Diese Proteste könnten [dem Kreml] aber dazu dienen, neues Leben in die Beziehungen mit einem ganz anderen, einem loyalen, aber mittlerweile unzufriedenen Gegenüber einzuhauchen: „Dieses Verbot und die Informationskampagne zielt auf solche Menschen ab, die sowieso nicht nach Georgien reisen. Die Logik dahinter: Sie schikanieren uns, und wir sollen auch noch dorthin fahren? Wir helfen sowieso allen, uns sind sowieso alle zu Dank verpflichtet. Das Verbot soll gerade die Menschen zusammenschweißen, die so denken“, betont Makarkin. „Früher haben sie traditionsgemäß den Staat unterstützt, dann aber kam die Rentenreform, und die Menschen wollten Gerechtigkeit. Nun bietet man ihnen wieder das Thema Kampf mit dem äußeren Feind an.“

Für den Kreml sei der ganze Vorfall ein unerwartetes Geschenk, meint auch Gleb Pawlowski: „Ein Flugverbot ist in diesem Fall zwar übertrieben, Moskau aber will diese Geschichte aufbauschen. Rein praktisch sind diese Proteste für den Kreml ungünstig, aber gleichzeitig eine passende Gelegenheit, um sich demonstrativ beleidigt zu zeigen und nach Bedarf die Eskalation fortzusetzen“, so Pawlowski. 

Die Beziehungen des Kreml mit den georgischen Machthabern waren in den letzten Jahren durchaus sachlich (soweit das überhaupt möglich ist, wenn die diplomatischen Beziehungen abgebrochen sind). Angesichts der Ergebnisse des ersten Protesttages schrieb aber die georgische Präsidentin Salome Surabischwili auf Facebook, dass die Massenproteste ausschließlich Russland zupass kämen, das „Feind und Besatzer“ sei. Interessant, dass Surabischwili, die die Protestierenden de-facto des Spiels auf der Seite der „Besatzer“ beschuldigt, dabei die Rhetorik der Demonstranten aufgreift.
Solche Slogans wurden übrigens zu einem zusätzlichen Reizfaktor für die russischen Machthaber. Eine Version legt nahe, dass das Verbot gerade dann durchgesetzt wurde, als die Banner-Sprüche gegen Russland und Putin durch die Welt gegangen waren.

Laut Experten wäre es logisch gewesen, bei einer neuerlichen Eskalation im Konflikt zwischen Russland und Georgien gleich am Anfang auf die Bremse zu treten. Nun aber sei das schon sehr schwierig: Jetzt sei der Moment, alle Vorteile aus der aufgeheizten Stimmung bis zum Ende „auszuschöpfen“, meint Gleb Pawlowski.
Außerdem „muss einer den ersten Schritt machen“ zur Versöhnung, ergänzt Witali Schkljarow. Den aber will keiner machen. Und vielleicht kann es auch keiner.  

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Georgienkrieg 2008

In der Nacht auf den 8. August 2008 eskalierte der schwelende Konflikt zwischen Georgien und Russland um die abtrünnige georgische Provinz Südossetien. Der Russisch-Georgische Krieg 2008 war die erste zwischenstaatliche militärische Auseinandersetzung Russlands in der europäischen Nachbarschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Krieg dauerte fünf Tage, seine Bedeutung für die Menschen in der Region wird in Europa bis heute genauso unterschätzt wie seine Bedeutung für die Beziehungen zwischen Russland, dem Westen und Georgien. Im Unterschied zur Krim, die von Russland annektiert wurde, erkannte Russland Abchasien und Südossetien am 26. August 2008 offiziell als unabhängige Staaten an. Allerdings scheint der Unterschied lediglich ein juristischer zu sein: Die abtrünnigen Gebiete sind nämlich im höchsten Maße abhängig von Russland; ihre militärischen, politischen und ökonomischen Strukturen sind weitgehend in die Russische Föderation integriert.

Historische Konfliktlinien

Die Konflikte zwischen Georgien und Südossetien sowie Abchasien bestehen nicht erst seit dem Zerfall der Sowjetunion. Schon in der Zeit der Demokratischen Republik Georgien 1918 bis 1921 kam es im bolschewistisch orientierten Südossetien zu blutigen Aufständen gegen die Herrschaft des menschewistischen Georgiens, die durch das ebenfalls bolschewistische Sowjetrussland unterstützt wurden1; in Abchasien betrachtet man die Eingliederung in die Republik 1918 als Okkupation2. Nach der Besetzung Georgiens durch die sowjetrussische Rote Arbeiter- und Bauernarmee wurde die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik ausgerufen, welche das Südossetische Autonome Gebiet beinhaltete. 1931 wurde Abchasien nach einem Jahrzehnt relativer Unabhängigkeit als autonome Republik in die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik eingegliedert.
Sowjetische und georgische politische Akteure versuchten in der Geschichte wiederholt, Abchasien durch siedlungs- und sprachpolitische Georgifizierung unter die Kontrolle Tbilissis zu bringen.3 Mit dem Zerfall der Sowjetunion kam es 1991 bis 1992 (Südossetien) und 1992 bis 1993 (Abchasien) zu Kriegen zwischen Georgien und den abtrünnigen Gebieten. Allein der Georgisch-Abchasische Krieg kostete schätzungsweise 10.000-15.000 Menschen das Leben. Von den 200.000 Binnenflüchtlingen sind bislang nur einige zehntausend in ihre Heimat zurückgekehrt.4 Seit den Waffenstillständen waren russische Friedenstruppen unter einem GUS-Mandat in den de facto-Staaten stationiert. Von 1992/1993 bis 2008/2009 wachten zudem UN- und OSZE-Missionen über die Einhaltung der Waffenruhe.

Nachkriegszeit und frühe 2000er Jahre

Doch alle Versuche, die Konflikte zu lösen, scheiterten, und bereits Mitte der 2000er Jahre kam es zu wiederholten blutigen Eskalationen zwischen Georgien und Abchasien sowie Südossetien. Auch die georgisch-russischen Beziehungen verschlechterten sich Mitte der 2000er Jahre dramatisch.

2002 (Abchasien) beziehungsweise 2004 (Südossetien) begann Russland mit der sogenannten Passportisierung – der Einbürgerung von Abchasen und Südosseten in die Russische Föderation.5 Die Abchasen profitierten von dieser Maßnahme vor allem durch die Möglichkeit, russische Renten zu beziehen und ins Ausland zu reisen. Einige internationale Beobachter interpretierten die Passportisierung als Abschreckungsstrategie für eine mögliche georgische Intervention.6 Georgien sah in der Passportisierung eine schleichende Annexion.
Im Frühjahr 2008 begann Russland, militärisches Equipment in die umstrittenen Gebiete zu liefern.7 Ende Juli 2008 führte es eine große Militärübung im Nordkaukasus durch. Zur gleichen Zeit absolvierte auch Georgien eine gemeinsame Übung mit rund 1000 amerikanischen Soldaten.

Die Eskalationsspirale wurde zusätzlich angeheizt durch die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am 17. Februar 2008. Russland hielt dem Westen vor, mit dem Vorantreiben der Unabhängigkeit und internationaler Anerkennung des Kosovo die Büchse der Pandora geöffnet zu haben. Der Westen habe einen Präzedenzfall für separatistische Bewegungen geschaffen, die nun viele Regionen weltweit destabilisieren würden, so der Tenor. Doch trotz der massiven Kritik an der Unabhängigkeit bediente sich Russland genau jenen Kosovo-Falls, um die Militäroffensive am 8. August und die spätere Anerkennung abtrünniger Gebiete zu legitimieren.

Russisch-Georgischer Krieg 2008

In der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008 begannen georgische Truppen mit dem Beschuss der südossetischen Hauptstadt Zchinwali. Bereits am 8. August attackierten russische Militärjets die georgische Militärbasis in Gori; in den folgenden Tagen rückten russische Truppen weit auf das zuvor durch den georgischen Staat kontrollierte Territorium vor.
Die georgische Seite hatte sich von der Attacke eine Wiederherstellung der Kontrolle über die Region erhofft. Sie schien keine derartige russische Reaktion erwartet zu haben und hatte zudem mit Unterstützung aus dem Westen gerechnet.8 Diese blieb allerdings weitgehend aus. Am 12. August 2008 verhandelte der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy mit Dimitri Medwedew den Sechs-Punkte-Plan, der den Krieg sogleich beendete.

Der Kreml betrachtet seine Handlungen nicht als kriegerische Intervention, sondern als Friedensmission.9 Um die russische Position zu legitimieren, verglich Putin den georgischen Angriff auf Südossetien mit dem Massaker von Srebrenica.10 Damit bediente er sich ähnlicher Argumentationsmuster wie die deutsche Bundesregierung 1999 bei der NATO-Intervention in Jugoslawien.
Neben dem umgestülpten Kosovo-Argument versuchte Russland, die Offensive auch als Selbstverteidigung zu rechtfertigen – schließlich ging es dabei ja um den Schutz der (zuvor passportisierten) russischen Bürger sowie Soldaten. Ein ähnliches Argument trug der Kreml später bei der Angliederung der Krim vor: Auch hier sei es um Schutz gegangen – Schutz der ethnischen Russen vor ukrainischen „Aggressoren“.

Laut Experten sind die eigentlichen Gründe für die militärische Offensive Russlands jedoch andere: Russland suchte damit in erster Linie die NATO-Mitgliedschaft Georgiens zu verhindern und seine Kontrolle über die Schwarzmeerregion zu sichern. Dies sei für Russland nicht nur militärisch, sondern auch als geopolitisches Instrument zur Festigung der Großmachtidentität bedeutend.11 
Letztlich gibt es Anzeichen dafür, dass der Kreml mit dem Krieg auch die Absetzung des georgischen Präsidenten Saakaschwili suchte, der seinerzeit als Putins Erzfeind galt.12

Direkte Auswirkungen des 2008-Krieges

Laut einer unabhängigen Untersuchungskommission waren weder die georgische Attacke auf Zchinwali noch das Ausmaß der militärischen Antwort Russlands nach internationalem Recht gerechtfertigt. Das beschworene Argument der Selbstverteidigung sei nicht haltbar, die russische Reaktion ging weit darüber hinaus.13

Der Krieg forderte schätzungsweise 850 Tote, knapp 2500 Verletzte und machte rund 100.000 zusätzliche Menschen zu (Binnen-)Flüchtlingen.14 Als Racheaktion für die georgischen Bombardements wurden bis zur Ankunft von internationalen Beobachtern im Oktober 2008 zahlreiche ethnisch georgische Dörfer niedergebrannt und geplündert.15 Ethnische Georgier werden in Abchasien und Südossetien diskriminiert und immer noch kommt es gelegentlich zu Kidnappings oder sogar Morden.

Am 26. August 2008 erkannte Russland Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten an – mit dem besagten Kosovo-Argument. Nur wenige Staaten sind dem russischen Beispiel gefolgt: Venezuela, Nicaragua, Syrien, Tuvalu, Vanuatu und Nauru.

Trotz der Anerkennungen haben sich die russisch-georgischen Beziehungen seit den Parlamentswahlen 2012 und der Abwahl Saakaschwilis 2013 deutlich verbessert. Die georgische Regierung verfolgt seitdem eine Politik der Normalisierung der Beziehungen mit Russland. Die diplomatischen Beziehungen sind weiter ausgesetzt, bilaterale Fragen werden nun aber in den 2012 eingerichteten Karasin-Abaschidse-Gesprächen geklärt. 2013 wurde der russische Markt wieder für alle georgischen Produkte geöffnet, und die georgischen Exporte nach Russland stiegen seitdem um das achteinhalbfache. 2016 kamen über eine Million russische Touristen nach Georgien. Hoffnungen, dass eine Normalisierung der Beziehungen zu einer Lösung der Konflikte beitragen würde, haben sich aber nicht erfüllt.

De facto-Annexion?

Nach dem Krieg baute Russland enge bilaterale Beziehungen zu Abchasien und Südossetien auf. Die 2014/2015 geschlossenen Verträge binden Russland und die de facto-Staaten politisch, militärisch, ökonomisch und sozial noch enger aneinander und beschränken den Entscheidungsspielraum der abtrünnigen Gebiete enorm.16
Auch die Militärpräsenz Russlands in Abchasien und Südossetien wurde enorm verstärkt und die Bewachung der de facto-Grenzen offiziell an den russischen Geheimdienst FSB übergeben. Der sogenannte  Prozess der Borderisation ist mit zahlreichen negativen Konsequenzen für die im Grenzgebiet wohnenden Menschen verbunden.17

Obwohl Russland hohe Summen in den Wiederaufbau Abchasiens und Südossetiens investiert18, ist die sozioökonomische Lage in den de facto-Staaten bisweilen schlecht. Während es in Abchasien laut Meinungsumfragen durchaus Widerstand gegen die Integration in die Russische Föderation19 und den Wunsch nach tatsächlicher Unabhängigkeit gibt, wünscht sich die Mehrheit der Südosseten auch eine formelle Eingliederung.20

Internationale Konfliktbearbeitung

Mit seinem Beharren auf der Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens sorgte der Kreml 2008/2009 dafür, dass die Beobachtermissionen der UN und OSZE beendet wurden. Seit September 2008 beobachtet die European Union Monitoring Mission (EUMM) an den de facto-Grenzen, der Zugang nach Abchasien und Südossetien wird ihr allerdings verwehrt.
Seit dem 15. Oktober 2008 kommen die EU, UN und OSZE sowie Georgien, Russland und die USA regelmäßig zu den Genfer Gesprächen zusammen, bei denen Abchasien und Südossetien nicht als gleichberechtigte Teilnehmer anerkannt sind. Im Februar 2009 einigten sich die Parteien auf den Incident Prevention and Response Mechanism (IPRM), der dazu dient, konfliktbezogene Vorfälle zu prüfen und schnell auf sie zu reagieren. Neben einigen humanitären Fortschritten haben die Gespräche bis heute ansonsten kaum Ergebnisse hervorgebracht.21

Westliches Engagement und georgische Friedensinitiative

Im Dezember 2009 lancierte die EU ihre Politik von Engagement ohne Anerkennung, die verstärktes europäisches Engagement in den de facto-Staaten vorsieht und gleichzeitig die Souveränität Abchasiens und Südossetiens ausschließt. Seit 2010 finanziert die EU das Programm Confidence Building Early Response Mechanism (COBERM), das vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen umgesetzt wird und zivilgesellschaftliche Projekte zur Vertrauensbildung fördert. Aufgrund der stark eingeschränkten Möglichkeiten für zivilgesellschaftliches Engagement in Südossetien konnte Engagement ohne Anerkennung allerdings hauptsächlich in Abchasien, und dort ebenfalls nur begrenzt umgesetzt werden.22 Nach einigen anderen positiven, aber bedingt erfolgreichen, Schritten stellte die georgische Regierung am 4. April 2018 eine neue Friedensinitiative vor. Diese soll unter anderem ermöglichen, dass Abchasen und Südosseten von den Abkommen zu Visafreiheit und Freihandel profitieren, die Georgien 2014 mit der EU schloss. Die Reaktionen aus den de facto-Staaten waren jedoch negativ.23


1.Tuathail, Gerard Toal (2008): Russia's Kosovo: A Critical Geopolitics of the August 2008 War over South Ossetia, in: Eurasian Geography and Economics, 49:6, S. 670-705 
2.Blauvelt, Timothy (2007): Abkhazia: Patronage and Power in the Stalin Era, in: Nationalities Papers, Vol. 35, No. 2, S. 203-232 
3.Akaba, Natella/Khintba, Iraklii (2011): Transformation of the Georgian-Abkhaz Conflict: Rethinking the Paradigm: Conciliation Resources; Blauvelt, Timothy (2007) 
4.International Committee of the Red Cross (1999): People on War: Country Report Georgia/Abkhazia 
5.Fischer, Sabine (2016): Nicht eingefroren. Die ungelösten Konflikte um Transnistrien, Abchasien, Südossetien und Berg-Karabach im Lichte der Krise um die Ukraine, SWP-Studie. Berlin, Stiftung Wissenschaft und Politik 
6.Nagashima, Toru (2017): Russia’s Passportization Policy toward Unrecognized Republics. Abkhazia, South Ossetia & Transnistria, in: Problems of Post-Communism, 13. Dezember 2017 
7.Abramashvili, I. & Koiava, R. (2018): 25 Years of Georgia’s Peace Policy, Tbilisi, Caucasian House 
8.Antonenko, Oksana (2008): A War with No Winners, in: Survival, 50:5, S. 23-36 
9.Allison, Roy (2009): The Russian case for military intervention in Georgia: international law, norms and political calculation, in: European Security, 18:2, S. 173-200 
10.Samokhvalov, Vsevolod (2017): Russian-European Relations in the Balkans and Black Sea Region. Great Power Identity and the Idea of Europe. Basingstoke: Liege 
11.Samokhvalov, Vsevolod (2017) 
12.Samokhvalov, Vsevolod (2017) 
13.Independent International Fact-Finding Mission on the Conflict in Georgia (2009): Report, Volume I 
14.Independent International Fact-Finding Mission on the Conflict in Georgia (2009) 
15.Sotieva, Larisa (2014): Fieldnotes from a war zone: South Ossetia, September 2008., in: Caucasus Survey, 1:2 
16.Boden, Dieter (2014): The Russian-Abkhaz Treaty. New Tensions in the South Caucasus. Friedrich-Ebert-Stiftung 
17.German, Tracey (2016): Russia and South Ossetia: conferring statehood or creeping annexation?, in: Southeast European and Black Sea Studies, 16:1 
18.International Crisis Group (2018): Abkhazia and South Ossetia: Time to Talk Trade, in: Europe Report N°249 
19.Boden, Dieter (2014) 
20.Kolossov, Vladimir/O'Loughlin, John (2011): After the Wars in the South Caucasus State of Georgia: Economic Insecurities and Migration in the "De Facto" States of Abkhazia and South Ossetia, in: Eurasian Geography and Economics, 52:5, S. 631-654 
21.Abramashvili, Ivane & Kovaia, Revaz (s.o.); Samokhvalov, Vsevolod (s.o.) 
22.Freedom House: Freedom in the World 2017: South Ossetia; Macharashvili, Nana/Basilaia, Ekaterine/Samkharade, Nikoloz (2017): Assessing the EU's conflict prevention and peacebuilding interventions in Georgia, in: “Whole-of-Society Conflict Prevention and Peacebuilding” (WOSCAP), Ivane Javakhishvili Tbilisi State University, S. 40 
23.Menabde, Giorgi (2018): Abkhazia and South Ossetia Reject Georgia’s Peace Plan, in: Eurasia Daily Monitor, Volume: 15, Issue: 59 
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