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Wolgograd (Stalingrad)

Die südrussische Stadt Wolgograd ist als Stalingrad durch das Inferno im Zweiten Weltkrieg in die Weltgeschichte eingegangen, hatte jedoch im Zarenreich einen anderen Namen tatarischen Ursprungs. Heute wird versucht, wieder stärker an die sowjetische Vergangenheit der Stadt anzuknüpfen, vor allem dadurch, dass die Stadt zu bestimmten Feiertagen wieder Stalingrad heißen darf.

Der Name Stalingrad ist zu einem Synonym für den Zweiten Weltkrieg geworden. Allerdings wird man auf heutigen Landkarten vergeblich nach der „Stadt Stalins“ (grad ist ein altrussisches Wort für Stadt) suchen, da sie 1961 in Wolgograd umbenannt wurde. Stalingrad war aber nicht der ursprüngliche Name der Industriestadt an der unteren Wolga: In der ersten urkundlichen Erwähnung wurde die Siedlung 1589 als Zarizyn bezeichnet. Der Name Zarizyn hatte nichts mit den Zaren zu tun, sondern leitete sich aus dem tatarischen Namen eines Nebenflusses der Wolga ab.

Im Zuge landesweiter topographischer Umbenennungen bekam die Stadt zu Ehren Stalins, der hier im Bürgerkrieg als Armeekomissar gedient hatte, 1925 den Namen Stalingrad. In die Weltgeschichte ist die Stadt vor allem durch die Vernichtung der deutschen 6. Armee im Zweiten Weltkrieg eingegangen, was nach gängigen Deutungen als ein historischer Wendepunkt gilt. Während der Schlacht 1943 wurde die Stadt fast vollständig zerstört.1

Nach dem Tod Stalins begann mit dem TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. eine neue Periode in der sowjetischen Geschichte. Die stalinistischen Verbrechen wurden von ChruschtschowNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. angesprochen, die Lager wurden geöffnet und kritische Meinungen zum Erbe des Stalinismus konnten geäußert werden.2 Im Zuge der Entstalinisierung wurde auch Stalingrad umbenannt. Allerdings entschied man sich nicht für den historischen Namen, sondern für eine Neuschöpfung, die die Bedeutung der Lage an der Wolga unterstreichen sollte. Seit 1961 heißt die Stadt deshalb Wolgograd.

In jüngster Zeit wird im Zuge eines zunehmenden Patriotisierungskurses versucht, auf die sowjetische Vergangenheit der Heldenstadt Bezug zu nehmen. So wurde die Stadt zum 70. Jubiläum des Tags des SiegesDer Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen. im Großen Vaterländischen KriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. auf Beschluss der städtischen DumaAls Staatsduma wird das 450 Abgeordnete umfassende Unterhaus der Föderalen Versammlung Russlands bezeichnet. Im Verhältnis zu Präsident und Regierung nimmt die Duma verfassungsmäßig im internationalen Vergleich eine schwache Stellung ein. Insbesondere das Aufkommen der pro-präsidentiellen Partei Einiges Russland führte dazu, dass die parlamentarische Tätigkeit zunehmend von Präsident und Regierung bestimmt wurde. für einen Tag in Stalingrad umbenannt. Diese Aktion soll nun zu den kriegsbezogenen Feiertagen wiederholt werden. Eine Petition, die Stadt wieder nach Stalin zu benennen, wurde von mehr als 50.000 Personen unterzeichnet, jedoch wird diese Idee von den lokalen Behörden und Präsident Putin derzeit nicht unterstützt.3

Die Statue Mutter-Heimat vor der Kulisse Wolgograds. Foto - Mamaev kurgan (ОКН) © volganet.ru unter CC BY 3.0

1.vgl. von Scheliha, Wolfram (2003): „Stalingrad“ in der sowjetischen Erinnerung, in: Jahn, Peter (Hrsg.): Stalingrad Erinnern: Stalingrad im deutschen und im russischen Gedächtnis [Ausstellung 15. November 2003 – 29. Februar 2004], Berlin, S. 24–32; zu der Schlacht um Stalingrad siehe Ueberschär, Gerd R. (1993): Stalingrad – eine Schlacht im Zweiten Weltkrieg, in: Wette, Wolfram (Hrsg.): Stalingrad: Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht, Frankfurt am Main, S. 18–41
2.vgl. zum Beispiel Kozlov, Denis (2006): Naming the Social Evil: The Readers of Novyi mir and Vladimir Dudintscev's Not By Bread Alone: 1956–1959 and beyond, in: Jones, Polly (Hrsg.): The Dilemmas of De-Stalinization: Negotiating cultural and social change in the Khrushchev Era, London, S. 80–98
3.The Guardian: Stalingrad name may return to city in wave of second world war patriotism
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