Gnose (Was ist das?)

Aufzeichnungen aus Kellerlöchern: Bücher aus den Gefängnissen von Russland und Belarus

Illustration © Ljalja Bulanowa

So wie sich die Haftpraktiken der sowjetischen Gulag-Strafkolonien besonders in Russland und Belarus in die Gegenwart fortsetzen, so erscheinen auch heute wieder aufschlussreiche Bücher, die die Gefängniswelten dieser Gewaltregime aus dem Innern beschreiben und damit in gewisser Weise die historische Tradition der Lagerliteratur von Solschenizyn und Schalamow im Heute fortschreiben. Als ukrainische Dissidentenperspektive empfehlenswert ist an dieser Stelle das ausführliche Werk von Myroslaw Marynowytsch Das Universum hinter dem Stacheldraht (erschienen 2023 bei ibidem). 

Russland und Belarus stützen sich als Repressionsstaaten auf ihre Gefängnisse. Längst kann man kaum mehr von Strafvollzug sprechen, denn mit Rechtsstaatlichkeit und dem Verbüßen von Strafen für bestimmte Gesetzesbrüche hat die Gefangenschaft hier wenig zu tun. Haft ist hier kein Rechtsstaats-, sondern ein Repressionsinstrument

Menschen, die sich auch nur online oder gegenüber Nachbarn kritisch über die herrschende Politik äußern oder Geld an regimekritische Organisationen spenden, werden zu langen Haftzeiten verurteilt. Willkürlich können bestehende Haftzeiten verlängert werden. Besonders in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten lassen die Besatzungsbehörden Menschen verschwinden, stecken sie für unklare Zeiträume in Folterkeller und/oder bringen sie dann über die Grenze nach Russland und in dortige Gefängnisse, ohne Anwälte oder Angehörige zu informieren.  

Was im Haftinnern mit den Menschen geschieht, soll und wird die Öffentlichkeit wohl nie vollständig erfahren. Darin liegt ja der Sinn solcher Haftstrukturen in Gewaltregimen: einen Raum schaffen, indem man unliebsame Personen unter Willkür und Unterdrückung und Folter möglichst unsichtbar für die Außenwelt, besonders die internationale Öffentlichkeit, verschwinden lassen und brechen kann. 

Doch manche freigekommene Häftlinge können dann doch immer die Kraft aufbringen, ihre Erfahrungen und Erlebnisse – manchmal noch hinter Gittern, meistens nach der Befreiung – niederzuschreiben und damit zu dokumentieren, wie hinter den Gefängnismauern und Koloniezäunen vor allem Gewalthierarchien und Willkür herrschen, verbunden mit erniedrigenden Propagandapraktiken und dem Entzug überlebenswichtiger Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten.  

Ob dokumentarische oder literarische Texte, wir stellen vier ganz unterschiedliche, wichtige Bücher aus den „Kellerlöchern“ der russischen und belarussischen Gefängnisse vor, die auch bereits auf Deutsch erschienen sind.

Als das Lukaschenko-Regime Mitte Dezember 2025 123 politische Gefangene freilässt, ist unter den Befreiten auch der Publizist Aljaksandr Fjaduta. Bei der Pressekonferenz am Tag nach der Freilassung im nordukrainischen Tschernihiw sagt er über seine Pläne nach der vierjährigen Gefangenschaft: „Gesundheit, Arbeit und Bücher.“ Seine Manuskripte der Haftjahre seien ihm weggenommen worden, aber: „Ich will noch einige Bücher schreiben, die bleiben, wenn ich nicht mehr da bin. Aber keine politischen.“

Die Gewaltregime Russland und Belarus benutzen ihre Gefängnisse nicht nur zum Strafvollzug für Gesetzesbrecher, sondern auch zum Wegschließen und Mundtotmachen öffentlichkeitswirksamer Persönlichkeiten oder schlichtweg selbstbestimmt handelnder Menschen in der Gesellschaft wie es Aktivist:innen und Lehrkräfte, Journalist:innen und Kunstschaffende, Schriftsteller:innen und Jurist:innen sein können. Der Staat unterdrückt damit die kritischen Stimmen der Gesellschaften.

Gedichte, Erzählungen, Briefe oder gar ganze Bücher aus dem Gefängnis heraus zu schicken und zu veröffentlichen, ist darum meist ein Wagnis. Und schon 2020 erklärte der ukrainische Regisseur Oleh Senzow nach fünf Jahren in russischer Haft: „Es ist verboten, im Gefängnis über das Gefängnis zu schreiben. Sie mögen es nicht, wenn über das Gefängnis geschrieben wird, weil sie nicht wollen, dass die schrecklichen Dinge, die dort geschehen, öffentlich bekannt werden.“

Doch manchmal schaffen es dieses Wissen und dokumentierte Erlebnisse doch aus den Knästen heraus: als authentische Zeugenberichte für brutale Gewaltregime und gleichzeitig handfeste Belege für die Stärke von Überzeugung und Glauben.

Das sind extrem seltene Ausnahmefälle, stellvertretend für zehntausende Betroffene des weiter aktiv zu Repressionszwecken genutzten Polithaftsystems:

Oleh Senzow: Regisseur, Soldat – vier Jahre Haft in Russland wegen Kritik an Krym-Annexion, 2014–2019

„Als ich schon im Gefängnis war, wurde meine Sammlung von Kindergeschichten veröffentlicht. Danach schrieb ich in Jakutien innerhalb von drei Monaten mein zweites Buch, ich schrieb tagelang daran. Dann, ein Jahr später, Anfang 2019, als der Hungerstreik vorbei war und ich nicht wusste, ob ich freikommen würde, begann ich, einige meiner Werke zu veröffentlichen“, erinnert sich Oleh Senzow im Mai 2020 im Interview dem ukrainischen Fernsehsender Suspilne Kultura. In dem Gespräch berichtet er auch darüber, wie genau er im russischen Straflager schreiben und seine Texte dann veröffentlichen konnte. Dafür musste er die Manuskripte digitalisieren lassen. Seine Schreibhefte aus dem Gefängnis schickte er einer Freundin in Moskau, die sie scannte und an seine Assistentin in der Ukraine weitersandte. „Die Zensur hat fast drei Wochen lang gelesen. Ich hatte schon Angst, dass sie etwas finden würden, woran sie sich stören könnten, und den Text zurückweisen würden. Aber das Manuskript kam an“, erinnert er sich.

Senzow saß in Charp/Lapytnangi im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen im Norden des russischen Fernen Ostens ein, wo später auch der russische Oppositionelle Alexej Nawalny zeitweise eingesperrt wurde. „Das Gefängnis ist in diesem Fall eine Strafkolonie, in der die Bedingungen nicht nur in natürlicher Hinsicht nicht besonders gut sind – dort herrschen neun Monate lang Winter, Schnee und Temperaturen von minus 30 bis 40 Grad. Auch die Haftbedingungen sind sehr schlecht, es wird alles getan, um einem das Leben schwer zu machen. Ich hatte dort mehr als ein halbes Jahr lang große Probleme, aber nach meinem Hungerstreik begannen sie mich wohl zu respektieren und hörten auf, mir Steine in den Weg zu legen. Und ich schrieb, wenn ich Zeit hatte, denn eigentlich hat man dort nicht viel Zeit, weil sie versuchen, dich mit irgendwelchem Unsinn zu beschäftigen, dich zu etwas zu zwingen. Es ist sehr schwer zu beschreiben und in Worte zu fassen, sie machen dich zu einer Art ‚Gemüse‘“, erzählt der Autor weiter. „Ich arbeite gerade an einer Erzählung und dem Tagebuch eines Gefangenen. Wenn die Leute das lesen, werden sie, glaube ich, die Bedingungen, die ich erlebt habe, besser verstehen. Und so suchte ich jeden Tag nach etwas Zeit, mal eine Stunde, manchmal auch nur vierzig Minuten. Ich setzte mich hin; dort stand ein kleiner Tisch, auf den gerade ein Notizbuch passte, um mich herum herrschte Lärm und Trubel, aber ich blendete all das aus und schrieb meine Gedanken auf.“

Und mittlerweile sind diese Texte zu lesen, sogar übersetzt ins Deutsche von Claudia Dathe

Oleg Senzow: Haft. Notizen und Geschichten. Dresden/Leipzig, Voland & Quist, 2021

Ende Februar 2022 schloss sich Senzow der Territorialverteidigung und den Befreiungskämpfen gegen die russische Armee in der Region Kyjiw an. Seitdem kämpft er in der ukrainischen Armee gegen Russlands vollumfänglichen Angriffskrieg, seit Herbst 2025 als Leutnant und Kommandeur einer Sturmeinheit. 2025 erschien sein dokumentarischer Frontfilm „Real“, der ungeschnitten eine spielfilmlange Gopro-Camera-Aufzeichnung aus einem Schützengraben im Osten der Ukraine zeigt.

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Mikola Dziadok: Anarchist, Blogger, Journalist – zehn Jahre Haft in Belarus, 2010–2015 und 2020–2025

„Jedes Gefängnis hat einen eigenen Geruch. (…)
Waladarka ist von Sorge durchtränkt. (…)
Das Untersuchungsgefängnis Nr. 8, auch
Shodsina oder Tscherny Bussel genannt, riecht nach Angst. (…)
Das Gefängnis von Mahiljou, offiziell Gefängnis Nr. 4, riecht nach Schlaf. (…) Liegt es vielleicht daran, dass die Hälfte der Gefängnisbewohner aus Leuten besteht, deren Haftstrafen zehn und mehr Jahre betragen? Sie haben es satt, Angst zu haben, sie haben keinen Grund, nervös zu sein, und sie erwarten gar nichts mehr.“

An unzähligen Haftalltagsdetails zeigt Dziadok in seinen Essays über seine Haft zwischen 2010 und 2015 in mehreren belarussischen Haftanstalten, wie das belarussische Gefängnissystem funktioniert: Jeder Moment des Tages, jeder Handgriff und jedes noch so menschliche Bedürfnis sind mit Pflichten und Vorgaben belegt. Jeder Fehler oder Mangel werden hart bestraft. Manchmal gibt’s Strafen auch ohne angebliches Fehlverhalten, einfach weil eine Quote vorgegeben ist.

„Von außen betrachtet, mögen all diese Regeln und Auflagen an und für sich unbedeutend erscheinen. (…) Aber das ist nur auf den ersten Blick so. Das Leben eines Gefangenen setzt sich aus solchen Kleinigkeiten zusammen, und es gibt hunderte davon. (…) Die Logik des Vollzugsregimes zwingt die Insassen, jeden minimalen Komfort und jede Möglichkeit, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, als Privileg wahrnehmen, und damit sie das behalten, müssen sie sich still und gehorsam verhalten. Auf der anderen Seite hat das Vollzugsregime den Zweck, die Gefangenen zu demütigen und ihnen das Gefühl zu geben, rechtlos und von der Vollzugsverwaltung abhängig zu sein, selbst bei der Erfüllung ihrer grundlegendsten Bedürfnisse. Warum, glaubt ihr, gibt es in der Hälfte der U-Haft-Zellen des KGB (Amerikanka) keine Toiletten? (…) Und so ist es mit allem. Ich werde nie vergessen, wie wir uns in der Zelle von Waladarka die Nägel geschnitten haben.“

Dziadok beschreibt die Gesellschaft aus Inhaftierten und Bewachenden, deren Hintergründe und Handlungsspielräume. Er berichtet anschaulich von Aufständen und Widerstand. Und besonders detailliert über die Hierarchien, das sogenannte „Kastensystem“ von der Vollzugsverwaltung bis hin zu den „Unberührbaren“.

„Ich war Insasse von vier Strafkolonien, habe mit gewöhnlichen Bauern und Ganoven, mit Banditen, Drogenabhängigen und Unternehmern, mit ‚Ganoven in Aufsicht‘, die für diese Rolle von einem Dieb im Gesetz bestimmt wurden, mit ‚Ziegenböcken‘ und sogar mit Unberührbaren gesprochen, und natürlich hatte ich sehr viel Gelegenheit, mich mit dem Vollzugspersonal auszutauschen. Nachdem ich viel darüber nachgedacht habe, wie das Strafsystem in Belarus aufgebaut ist und wie es funktioniert, bin ich zu einer eindeutigen Schlussfolgerung gekommen: Das Ganoven- und Polizeisystem, die über Strafanstalten herrschen, sind zwei Säulen, die sich gegenseitig stützen.“

Dziadok schreibt über das belarussische Haftsystem vor der brutalen Niederschlagung der Wahlfälschungsproteste 2020. Noch vor der auf die Riesenproteste folgenden Repressionseskalation von Lukaschenkos Regime. Dziadok beschreibt auch seine Freilassung 2015 – erklärt, wie sich das anfühlte, welche Pressefragen ihn ärgerten, und dass er nichts bereute.

Mikola Dziadok: Die Farben einer parallelen Welt. Haft in Belarus. Berlin, edition.fototapeta, 2021, übersetzt von Wanja Müller

2020 wurde Mikola Dziadok erneut für fünf Jahre ins Gefängnis gesteckt. Er konnte Briefe schreiben, einige davon wurden veröffentlicht. Im September 2025 ist Dziadok im Rahmen einer von der Trump-Administration mit Belarus ausgehandelten Gefangenenfreilassung aus dem Gefängnis entlassen worden, aber auch – wie die meisten anderen seitdem – direkt gen Westen abgeschoben worden. Im April 2026 berichtete er der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Bonn von seiner Geschichte (Vortrag und Video).

Im Mai 2026 erschien Mykola Dziadoks neues Buch „Erzählungen aus den ‚Hosentaschen‘. Hrodnas Hochsicherheitstrakt in Namen und Gesichtern“ bisher nur auf Belarussisch und Russisch.

Stanislaw Assjejew: Journalist – 2,5 Jahre Haft im von Russland besetzten Donezk (Ukraine), 2017–2019

Zehn Jahre, nachdem seine Heimatstadt Donezk von prorussischen und militärisch von Russland unterstützten Gruppierungen besetzt wurde, die sich später als sogenannte „Donezker Volksrepublik“ von Moskau formal annektieren ließen, steht der ukrainische  Journalist Stanislaw Assjejew Ende 2024 nach dem Regimesturz in Syrien in Assads Foltergefängnis Sednaya bei Damaskus und kann direkte Vergleiche ziehen.

Assjejew hatte nach 2014 weiter aus der faktischen russischen Besatzung seiner Heimatregion berichtet. Seine Pressetexte aus dieser Zeit sind 2018 – als der Autor selbst gerade in einer ehemaligen Fabrik, dann Kulturzentrum, unter DNR nun Gefängnis in Donezk festgehalten wurde, das er später selbst als brutalen Folterknast beschreiben wird – in der Sammlung In Isolation erschienen (auf Deutsch 2022).

Nachdem er im Dezember 2019 bei einem Gefangenenaustausch zwischen den DNR-Besatzungsbehörden und Kyjiw freigekommen war, schrieb Assjejew seine Hafterlebnisse und die geheimen Haftstrukturen detailliert auf. Vor Ort hat er nur Notizen machen können, doch dieses Buchprojekt trug auch ihn durch seine Haftzeit.

„In diesem Buch geht es um ein Geheimgefängnis im Zentrum von Donezk. Es wird als ‚Dachau des Donbass‘ bezeichnet. Das Buch handelt nicht einfach von einem Gefängnis. Was in den Wänden der ‚Isolation‘ geschah, sprengt die Grenzen des Verstandes. Seit ein paar Monaten bin ich in Freiheit und frage mich immer noch: Hat das wirklich stattgefunden? (…) Dieses Buch sollte eine Reportage werden: sachlich, ohne Wertungen und Emotionen. Als wäre ich nicht als Häftling, sondern als Journalist in dieses Gefängnis gekommen. (…) Um es zu schreiben musste ich überleben. Um zu überleben, musste ich mir sicher sein, dass ich es schreiben würde. (…) Die ‚Isolation‘ lehrt, dass es keinen absoluten Tiefpunkt gibt: Man kann immer noch tiefer fallen. Es gibt immer jemanden, dem es noch schlechter geht. Auch davon handelt dieses Buch. Versuche ich, diesen Ort – dieses Gefängnis – auf einen einzigen Begriff zu bringen, so lautet er ‚Unausweichlichkeit‘.“

Und so beschreibt Assjejew in trockenen, klaren Worten Arbeitseinsätze, Strom-Folter, Vergewaltigungen und Psychoterror. Und besonders ausführlich den Knastchef Palytsch – der Name klingt im Russischen schon nach palatsch wie Henker –, dessen Prügeleskapaden und auch die Gespräche mit dem brutalen Folterer, der den Kern des russischen Kriegshorrors ab 2014 schnell und zynisch verstanden haben muss:

„Politik war ihm vollkommen egal. ‚Immer schön neutral bleiben‘, sagte er gern. Er hasste uns vielmehr dafür, dass er selbst hier gefangen war. (…) ‚Aber merk dir das‘ – er sprach immer schneller und deutlicher, trotz seiner Trunkenheit – ‚dieser ganze Krieg hängt von Leuten wie mir ab. Von Leuten, die vor nichts Halt machen. (…) Mit jedem Wort wuchs seine Verachtung für diejenigen, die nicht zu bewusstem Sadismus in der Lage sind.‘“

Assjejews Buch erinnert nicht nur wegen seiner wörtlichen KZ-Vergleiche an Beschreibungen der Gewaltausschweifungen der Nationalsozialisten im vergangenen Jahrhundert an Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, politischen Gegnern oder widerständigen Personen aus besetzten Gesellschaften. Assjejew abstrahiert nicht. Seine Reflexion ist so brutal nah an dem Erlebten, wie es sprachlich wohl nur irgend möglich ist.

Stanislaw Assejew: Heller Weg, Donezk. Bericht aus einem Foltergefängnis. Suhrkamp Verlag, 2023, übersetzt von Anselm Bühling, Henriette Reisner und Volker Weichsel

Dokumentarfilm von Iryna Riabenka: Heller Weg (2022)

Über Assjejews Heller Weg hinaus erschien 2020 (direkt auf Ukrainisch und Englisch) außerdem eine ausführliche Recherche der zwei Journalistinnen Iryna Vovk und Daria Bura über die Geheimgefängnisse der russischen Besatzermacht im Donbas basierend auf den Erfahrungen und Erinnerungen Überlebender – von damaligen Kriegsgefangenen bis zu Zivilist:innen in den sogenannten „Volksrepubliken Lugansk und Donezk“.

Iryna Vovk, Daria Bura: Isolation. Secret prisons of Donbas in the stories by people saved from torture and death. Charkiw, Folio, 2020

Maxim Znak: Jurist – fünf Jahre Haft in Belarus, 2020–2025

In Maxim Znaks wirklich sehr kurzen Zekamerone-Kurzgeschichten tauchen Brad Pitt, Robinson Crusoe und Stephen King auf. In den Zellen gibt es das Coronavirus und bunte, wabernde Schimmelpilze.  Es gibt wenig talentierte „Teemeister“ und „Familienessen“:

„Wer was von draußen bekommt, der teilt es, jeder kann sich aus dem Gruppengut bedienen. Wer das nicht will, kann seine Sachen in seiner Tasche verstecken. Und manchmal tut man sich auch in ‚Familien‘ zusammen, kleinere Gemeinschaften, die alles teilen.  (…) Als er die Zwiebel, Wurst und den Speck sah, verstand er endlich und nannte die Nudeln mit Hühnchenaroma ‚ein hervorragendes Familienessen‘.“

Maxim Znak war Jurist und 2020 Anwalt im Team des oppositionellen Präsidentschaftskandidaten Viktar Babaryka, während der Massenproteste im September festgenommen und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Im Zuge der Verhandlungen der USA mit dem Lukaschenko-Regime kam Znak am 13. Dezember 2025 frei, wurde zwangsausgewiesen und lebt aktuell in Polen. Bücher und Geschichten haben Znak durch fünf Jahre im belarussischen Gefängnis begleitet – und er hat es geschafft, seine eigenen Werke raus und in die internationale Öffentlichkeit zu schmuggeln, nachdem er sie schon Mitgefangenen vorgelesen hatte, die doch selbst in ihnen figurieren.

„Sie hörten zu und lachten, wie einst Kafkas Zuhörer lachten über einen Menschen, der in einem System staatlich verwalteter Verzweiflung feststeckte“, beschreibt dies die Dichterin Valzhyna Mort im Nachwort zur deutschsprachigen Ausgabe von Znaks Zekamerone. Und Znak selbst schreibt über die Vorstellungskraft:

„Aus den Geschichten über die Vergangenheit hätte man einen Abenteuerroman zusammenstellen können und aus den Geschichten über die Zukunft eine Science-Fiction-Story. Am liebsten aber diskutierten sie, was jetzt und hier geschehen könnte, wenn sie nur ein klein wenig mehr Glück hätten. (…) ‚Ach, Pizza! Sie sollten uns ab und zu zweimal in der Woche zum Baden lassen. Was kostet sie das?‘ – ‚Sowieso unverständlich, wie man sich hier bessern soll, wenn man so dreckig ist.‘ – ‚Ein Häftling muss leiden!‘ – ‚Wir sind noch nicht verurteilt!‘ – ‚Dann erst recht!“

Die selten mehr als zwei Buchseiten langen Geschichten bestimmt ein liebevoller Ton voller Leichtigkeit, ohne resigniert zu klingen. Die herrschende Gewalt und Sinnlosigkeit – selbst die Schlampigkeit des Wachpersonals – finden scheinbar in einer Parallelwelt statt, die der Autor zwar durchaus deutlich beschreibt, aber die er sich weigert selbst anzunehmen.

„Die Wunder der Gefängnisanatomie: Das Auge befand sich an der Tür und die Wimpern am Fenster. Das Fenster hatte überhaupt einen komplexen anatomischen Aufbau. Erst kamen ein Glas und ein Rahmen – zum Schutz vor der Kälte. Und um die Sammlung der Lebensmittel vor der Kontrolle zu schützen. Auf das Glas folgte ein solides Gitter – gegen dumme Gedanken und falsche Hoffnungen. Und schließlich senkten sich hinter dem Gitter wie pessimistische Jalousien lange, dichte ‚Wimpern‘ aus schweren, breiten Stahlbändern herab. Sie waren aus Fürsorge weiß gestrichen, aber das half nichts: Sogar der gewitzteste Sonnenstrahl konnte die Hütte nicht erreichen.“

Maxim Znak: Zekamerone. Geschichten aus dem Gefängnis. Suhrkamp Verlag, 2023, übersetzt von Henriette Reisner und Volker Weichsel

Hörbuchtipp: Maxim Znak: „Zekamerone


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