Medien

Debattenschau № 78: Vier Jahre Sperre: „Antirussische Hysterie“?

Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio wird es wohl keine Athleten unter russischer Flagge geben. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hat Russland wegen Doping für vier Jahre gesperrt. Damit hielt sich die WADA an die Empfehlung der unabhängigen Prüfkommission CRC. Einzelne russische Sportler können unter bestimmten Voraussetzungen allerdings unter neutraler Flagge an den Spielen teilnehmen. Auch die Fußball-EM 2020 wird weiterhin mit der russischen Mannschaft und teilweise in Russland stattfinden, da die UEFA den WADA-Code nicht unterzeichnet hat und die EM zudem als „kontinentales“ Sportereignis gilt.

Hintergrund der Sperre ist, dass Russland die Manipulation von Dopingtests nachgewiesen wurde. Der russische Sportminister bestritt die Vorwürfe. PremierministerDer Premierminister oder Ministerpräsident ist nach dem Präsidenten die zweite Amtsperson im russischen Staat. Er ist vor allem für Wirtschafts- und Finanzpolitik verantwortlich. Mehr dazu in unserer Gnose MedwedewDimitri Medwedew ist seit Januar 2020 stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrates. Er war von 2012 bis 2020 Premierminister und bekleidete von 2008 bis 2012 das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation. Medwedew gehört zu den engsten Vertrauten von Präsident Putin und nimmt, nicht zuletzt als Vorsitzender der Regierungspartei Einiges Russland, eine wichtige Rolle im politischen Systems Russlands ein. Mehr dazu in unserer Gnose räumte zwar Probleme mit Doping ein, sprach angesichts der vierjährigen Sperre allerdings von „antirussischer Hysterie“. Russland will nun beim Internationalen Sportgerichtshof Einspruch einlegen.

Nicht nur kremlnahe, sondern auch liberale Stimmen äußern sich kritisch über die WADA-Entscheidung. Die vierjährige Sperre Russlands: Ausdruck einer antirussischen Haltung? Werden die Falschen bestraft? Oder ist es eine gerechtfertigte Maßnahme? dekoder bringt Ausschnitte aus der Debatte in russischen Medien.

Quelle dekoder

Facebook / Sergej Medwedew: Je schlimmer, desto schlimmer

Der Schlag, den die WADA Russland verpasst hat, sei viel schwerer als all die politischen SanktionenAls Reaktion auf die Annnexion der Krim und Russlands militärisches Eingreifen in der Ostukraine beschlossen sowohl die USA als auch die EU im Jahr 2014 wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland. Im Juli 2017 beschlossen die USA zudem, Russland für die Angliederung der Krim, die mutmaßliche Einmischung in den US- Präsidentschaftswahlkampf und für die Unterstützung Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg zu bestrafen. Die neuen beziehungsweise modifizierten Sanktionen können bei voller Umsetzung nachhaltig Russlands Rohstoffgeschäft schädigen (das einen großen Teil des Staatshaushalts ausmacht). Mehr dazu in unserer Gnose . Das meint der kremlkritische Historiker und Publizist Sergej MedwedewSergej Medwedew (geb. 1966) ist ein russischer Politikwissenschaftler und Historiker. Er ist Professor an der renommierten Moskauer Higher School of Economics, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört vor allem die russische Zeitgeschichte. Medwedew schreibt regelmäßig Artikel für unabhängige Medien, in den liberal-demokratischen Kreisen gilt seine Stimme als sehr gewichtig. auf Facebook:

Deutsch
Original
Im Weltsport – anders als in der Weltpolitik – zeigen Sanktionen genaue, automatische und schmerzliche Wirkung. Atomwaffen und Staatengröße sind keine Argumente: Aus der UNO wird Russland nicht rausgeschmissen, aus Olympia aber ohne mit der Wimper zu zucken.

Und es soll bitte niemand sagen, es sei eine politische Entscheidung gewesen – ja, sie hat enorme politische Wirkung, aber zunächst einmal ist das Ganze rein technisch: Russland (beziehungsweise der, der die Datenbank frisiert hat) hat WADA überhaupt keine Chance gelassen.
Fehl am Platz ist auch das typische russische „Je schlimmer, desto besser“. Nein: je schlimmer, desto schlimmer – der russische Sport hat voll eins in die Fresse bekommen [...] und damit wir alle: Ein Schlag gegen das Humankapital, die Soft Power, die Gesundheit und Freude der Nation, oder was auch immer noch von diesen Begriffen übrig ist. Sport ist das, wo Russland bislang zumindest ein bisschen (und verdientermaßen) stark war.

В мировом спорте, в отличие от мировой политики, санкции работают четко, автоматически и болезненно. Тут ядерное оружие и территория не аргумент: из ООН Россию не выгонят, а с Олимпиады — запросто.
И не надо говорить, что это решение политическое — да, оно имеет огромные политические последствия, но в основе своей оно чисто техническое: Россия (вернее, те, кто зачищал базу данных) не оставила ВАДА никакого выбора.
И не надо тут типично русской Schadenfreude, «чем хуже, тем лучше».  Нет, чем хуже, тем хуже — нанесен зубодробительный удар по российскому спорту и в итоге — по нам всем, по человеческому капиталу, мягкой силе, здоровью и радости нации, что бы там от этих понятий ни оставалось. Спорт — то немногое, в чем Россия до сих пор была хоть немного (и заслуженно) сильна.

Original, veröffentlicht am 09.12.2019

Facebook / Wladislaw Inosemzew: Neues Schäbigkeits-Level

Der Ökonom und Publizist Wladislaw InosemzewWladislaw Inosemzew (geb. 1968) ist ein bekannter russischer Wirtschaftswissenschaftler und Publizist. Er schreibt regelmäßig für Republic, Vedomosti, RBC und andere russische Medien. Inosemzew ist Mitglied im regierungsnahen Wissenschaftsrat für internationale Beziehungen. 2010 unterschrieb er die Petition Putin muss weg, die eine Reihe von oppositionellen Organisationen initiiert hatte. Inosemzew ist Autor von mehr als 1400 Publikationen, die in Russland, Frankreich, Großbritannien, den USA und China veröffentlicht wurden.  fragt auf Facebook nach den strukturellen Ursachen der russischen Doping-Politik:

Deutsch
Original
Das aktuelle System des Weltsports ist in der Epoche der Machtkämpfe und der militärpolitischen Konkurrenz entstanden und hat diese Prozesse mitentwickelt und ergänzt.  
Das schäbige Bild des modernen Russlands nach der Entscheidung der WADA spiegelt in erster Linie wider, wie unangemessen diese veralteten politischen Interessen sind sowie ihre Kollision mit den Interessen der Sportler. Diese müssen mit Fans und Zuschauern die einzigen wichtigen Akteure des globalen Sports sein.
Современная организация мирового спорта родилась в эпоху суверенитетов и военно-политического соперничества, став развитием и дополнением этих процессов. Убогость образа современной России после решения ВАДА отражает прежде всего неадекватный характер устаревшей трактовки политических интересов и их столкновение с интересами спортсменов, которые – наряду с фанатами и зрителями – должны быть единственными значимыми акторами глобального атлетического движения.

Original, veröffentlicht am 09.12.2019

Facebook / Iwan Preobrashenski: Geiseln der Drecksäcke 

Auch für den liberalen Politikwissenschaftler Iwan Preobrashenski werden die russischen Sportler zu Opfern des Systems:

Deutsch
Original
Mein Beileid den russischen Sportlern, die zu Geiseln der Drecksäcke geworden sind.
Мои соболезнования российским спортсменам, которые оказались заложниками подонков.

Original, veröffentlicht am 09.12.2019

Erster Kanal: Unangemessen, unlogisch und unverhältnismäßig

Der Vorsitzende des Russischen Olympischen Komitees Stanislaw Posdnjakow protestiert auf dem staatlichen Ersten KanalDer Erste Kanal gilt aufgrund seiner hohen Reichweite als das wichtigste Massenmedium des Landes. Seit dem Ende der Sowjetunion war er stets mehrheitlich im Staatsbesitz – wenn auch seit 1994 unter Beteiligung von Großunternehmern. Er ist ein zentrales Instrument der politischen Kommunikation des Kreml. Mehr dazu in unserer Gnose gegen den Olympia-Ausschluss: 

Deutsch
Original
Die Position des Russischen Olympischen Komitees bleibt unverändert: Die Sanktionen sind unangemessen, unlogisch und unverhältnismäßig. Und wir werden alles Mögliche tun, damit die russische Olympiamannschaft in Japan unter den Farben der russischen TrikoloreDer Begriff Trikolore bezeichnet die heutige Nationalflagge Russlands mit den Farben weiß, blau und rot. Sie wurde bereits in vorrevolutionärer Zeit verwendet, darunter von Zar Peter I., außerdem nach dem Sturz der Zarenfamilie im Februar 1917 inoffiziell von der eingesetzten Provisorischen Regierung bis zur Oktoberrevolution. Symbolisch steht sie für ein eigenständiges Russland. Präsident Jelzin machte sie 1993 zur Staatsflagge der Russischen Föderation, während die Trikolore schon seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre immer stärker die Symbolik eines Sieges der „Demokraten“ angenommen hatte.  antritt.
Позиция ОКР остается неизменной — санкции носят неадекватный, нелогичный и чрезмерный характер. И мы сделаем все от нас зависящее, чтобы олимпийская сборная выступила в Японии под цветами российского триколора.

Original, veröffentlicht am 09.12.2019

Kremlin.ru: Gesetzeswidrige Kollektivhaftung

Auf seiner Pressekonferenz nach dem Gipfel im Normandie-Format in Paris äußerte sich Wladimir Putin auch zu der WADA-Entscheidung: 

Deutsch
Original
[...] jegliche Strafe, so schon im Römischen Recht verankert, muss individuell verhängt werden, ausgehend davon, was die eine oder andere Person getan hat. Strafen können nicht kollektiv verhängt werden und für Menschen gelten, die mit dem konkreten Verstoß nichts zu tun haben. 
[...] любое наказание, так повелось еще со времен Римского права, должно быть индивидуально и исходить из того, что содеяно тем или иным лицом. Наказания не могут носить коллективного характера и распространяться на людей, которые к определенным нарушениям не имеют никакого отношения.

Original, veröffentlicht am 10.12.2019

Vedomosti: Zweite Chance für Russland

Bei den Olympischen Winterspielen 2018 sind russische Sportler bereits unter neutraler Flagge angetreten. Auch diesmal sind die WADA-Sanktionen ähnlich. Die Redaktion der Tageszeitung Vedomosti fragt, ob die zweite Chance denn verdient sei:

Deutsch
Original
Die Reaktion der russischen Politiker und Beamten bietet bislang keinen Anlass zu Optimismus. Premierminister Dimitri Medwedew hat die WADA-Sanktionen schon als „antirussische Hysterie“ bezeichnet, das Außenministerium – als „skrupellose Konkurrenz“. Nachdem im Dezember 2017 der russischen Mannschaft verboten wurde, unter eigener Flagge bei der Winterolympiade anzutreten, hat der Kreml Fingerspitzengefühl bewiesen: hat das Doping-Problem eingestanden und den Sportlern erlaubt, in Pyeongchang unter neutraler Flagge zu starten. Doch Worte sind hier ganz bestimmt nicht das Wichtigste: Russland hat schon bewiesen, dass es fähig ist, gegebene Versprechen zu brechen und gegen selbst auferlegte Verpflichtungen zu verstoßen. Wenn auch die wiederholten Sanktionen es nicht schaffen, Russland von Doping und von Manipulationen der Proben abzubringen, dann kann es sein, dass es keine dritte Chance bekommen wird. 
Реакция российских политиков и чиновников пока не дает повода для оптимизма. Премьер Дмитрий Медведев уже назвал санкции WADA «антироссийской истерией», а МИД — «недобросовестной конкуренцией». В декабре 2017 г. после лишения российской сборной флага на зимней Олимпиаде — Кремль продемонстрировал сдержанность: признал наличие допинговой проблемы и разрешил атлетам отправиться в Пхенчхан в нейтральном статусе. Но слова тут в любом случае не главное: Россия уже доказала, что способна нарушать данные обещания и не выполнять взятые на себя обязательства. Если и повторные санкции не заставят Россию на самом деле отказаться от допинга и махинаций с пробами, третьего шанса ей могут и не дать.

Original, veröffentlicht am 09.12.2019

Republic: Die Grünen MännchenAls kleine grüne Männchen, manchmal auch höfliche Menschen, werden euphemistisch die militärischen Spezialkräfte in grünen Uniformen ohne Hoheitsabzeichen bezeichnet, die Ende Februar 2014 strategisch wichtige Standorte auf der Krim besetzt haben. Bestritt Moskau zunächst jegliche direkte Beteiligung und verwies auf „lokale Selbstverteidungskräfte“, so gab Präsident Putin später zu, dass es sich dabei um russische Soldaten gehandelt hat. Die grünen Männchen sind inzwischen zu einem kulturellen Symbol geworden. Mehr dazu in unserer Gnose des Sports

Zwischen den beiden Möglichkeiten „Lass dich nicht erwischen“ und „Löffel die Suppe aus, die du dir eingebrockt hast“ wird Russland nun eine dritte wählen – prognostiziert Andrej Sinitsyn auf Republic:

Deutsch
Original
Wladimir Putin (wer, wenn nicht er?) könnte sich aus reiner Gewohnheit fürs Nichtstun plus Propaganda entscheiden. Ja, wir befinden uns unter dem Beschuss der Russophobie, aber wir wissen doch, dass es eben unsere Sportler sind, die da unter neutraler Flagge eine neutrale Hymne singen, wir wissen, welche echte Flagge sie in der geballten Faust in ihrer Tasche haben und welche echte Hymne sie singen, bevor sie schlafen gehen im Olympischen Dorf. Sie werden zu den „Es-gibt-dort-KeineTrotz zahlreicher Indizien dafür, dass offizielle russische Einheiten 2014 die ukrainische Halbinsel Krim besetzten, stritt der Kreml zunächst jede Beteiligung ab und sprach davon, dass es sich um lokale Selbstverteidigungsmilizen handelte. Auch die Frage nach der Beteiligung russischer Streitkräfte am Krieg im Osten der Ukraine wird von offizieller russischer Seite oft mit „sie sind da nicht“ beantwortet. Eine ähnliche Antwort erfolgt oft standardmäßig auf die Frage, ob russische Söldnertruppen am Syrien-Krieg teilnehmen. “, den „höflichen MenschenAls kleine grüne Männchen, manchmal auch höfliche Menschen, werden euphemistisch die militärischen Spezialkräfte in grünen Uniformen ohne Hoheitsabzeichen bezeichnet, die Ende Februar 2014 strategisch wichtige Standorte auf der Krim besetzt haben. Bestritt Moskau zunächst jegliche direkte Beteiligung und verwies auf „lokale Selbstverteidungskräfte“, so gab Präsident Putin später zu, dass es sich dabei um russische Soldaten gehandelt hat. Die grünen Männchen sind inzwischen zu einem kulturellen Symbol geworden. Mehr dazu in unserer Gnose “ und der Gruppe WagnerTschWK Wagner ist die Bezeichnung eines inoffiziellen privaten Militärunternehmens, das nach dem Funkrufnamen des Gründers und Kommandeurs benannt wurde. Es nimmt mutmaßlich an den Kriegshandlungen in der Ostukraine und in Syrien teil. des Sports. Und den russischen Fans wird stets bewusst sein, wen sie da anfeuern – und den Gegner werden sie zehn Mal heftiger verfluchen.
[...] Владимир Путин (а кто, если не он?) может по привычке выбрать [...] ничегонеделание плюс пропаганда. Да, мы под огнем русофобии, но мы же знаем, что под нейтральным флагом поют нейтральный гимн именно наши спортсмены, мы знаем, какой у них настоящий флаг зажат фигой в кармане и какой настоящий гимн они поют перед сном в Олимпийской деревне. Они станут спортивными «ихтамнетами», «вежливыми людьми» и спортротой ЧВК Вагнера, и российские болельщики будут всегда знать, за кого болеть. А соперника они станут проклинать в десять раз сильнее.

Original, veröffentlicht am 10.12.2019

dekoder-Redaktion

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Spartak Moskau

Als im Oktober 2011 die Website Spartak ohne Trophäe online ging, die die Tage und Jahre der Mannschaft ohne Titel zählt, war die populärste Fußballmannschaft Russlands bereits acht Jahre erfolglos. Die Durststrecke sollte noch lange anhalten, ehe sich Spartak Moskau im Mai 2017 – nach 16 Jahren – souverän die russische Meisterschaft sicherte – drei Spieltage vor Saisonende und mit zehn Punkten Vorsprung. Damit endete eine Phase, die für viele Spartak-Fans schmerzhaft war: Schließlich hatte ihr Team den russischen Fußball in den 1990er Jahren dominiert. Es spielt heute mit vier Sternen auf dem Logo, wobei ein Stern für je fünf gewonnene Meisterschaften seit 1936 steht. Spartak Moskau ist aber mehr als Russlands erfolgreichste Fußballmannschaft. Mit dem Namen Spartak sind zentrale Ereignisse der sowjetischen und russischen Fußballkultur verbunden.

Nach 16 Jahren feiert Spartak im Mai 2017 wieder den Gewinn der Meisterschaft / Foto © Dimitri Korotajew/Kommersant

Die im Jahr 1922 gegründete Mannschaft wird von vielen ihrer Anhänger als „narodnaja komanda“, als „Mannschaft des Volkes“ bezeichnet. Dieses Image Spartaks geht bis in den 1930er Jahre zurück.

Der Mythos der „Mannschaft des Volkes“

Das Team lieferte sich in der 1936 gegründeten sowjetischen Fußballliga packende Duelle mit Dinamo Moskau. Das Geheimpolizei-Team Dinamo gewann 1937 Meisterschaft und Pokal. Spartak dominierte 1938 und 1939. Mindestens 60.000 Zuschauer verfolgten in diesen Jahren das Lokalderby der beiden Teams im brandneuen Dinamo-Stadion. Spartak, ehemals eine kleine Stadtteilmannschaft aus Krasnaja PresnjaKrasnaja Presnja ist eine Straße in Moskau. Sie befindet sich östlich vom Kreml im Stadtteil Presnenski (bis 1991 Krasnopresnenski), der oft auch als Krasnaja Presnja bezeichnet wird. Die Fußballmannschaft Spartak, die in dem industriell geprägten Stadtteil 1922 gegründet wurde, trug bis 1934 ebenso den Namen Krasnaja Presnja., trotzte der großen Dinamo-Sportorganisation. Spartak verzauberte damals viele Moskauer, egal wo sie lebten und arbeiteten.

Spartak-Gründer Nikolaj Starostin und seine drei Brüder waren das Herz dieser Mannschaft. Sie gerieten im Zuge der Erfolge zunehmend unter Druck. Zur Zeit des Großen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose in Moskau sahen sie sich mit Hetzkampagnen in der Presse und mit Polizeigängelung konfrontiert. Nach Verhaftung 1942, Haft und Verbannung kehrte Nikolaj Starostin erst 1954 nach Moskau zurück. Als im TauwetterBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. Mehr dazu in unserer Gnose eine zaghafte Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Terror einsetzte, erinnerten sich Spartaks Anhänger. Der Mythos der heldenhaften „Mannschaft des Volkes“, die der Geheimpolizei die Stirn bot, war geboren.

Spartak tastete sich schon vor Starostins Rückkehr wieder an die großen Konkurrenten der Armee- und Polizeimannschaften CDKA/CSKA und Dinamo heran. Das Team war 1952 und 1953 Meister geworden und wiederholte diese Erfolge 1956 und 1958. Vor 1961 hatten nur Moskauer Mannschaften die sowjetische Meisterschaft gewonnen. In den 1960er Jahren forderten Mannschaften aus anderen Sowjetrepubliken, insbesondere Dinamo Kiew, die Moskauer Dominanz heraus.

Geburt der Fanbewegung

Spartaks Fangemeinde war Taktgeber der sowjetischen Fankultur. Fernsehübertragungen brachten seit den 1960er Jahren auch Bilder westlicher Fankultur in sowjetische Wohnzimmer. Erste Transparente fanden daraufhin den Weg zu Spielen der obersten sowjetischen Fußballliga. Eine informell organisierte Fankultur entstand indes erst, nachdem 1976 Ungeheuerliches geschehen war: Der große Spartak war abgestiegen. In seiner einzigen Zweitliga-Saison erfuhr Spartak ungeahnte Unterstützung durch jugendliche Fans, die selbstgestrickte Fanschals mitbrachten und Fangesänge organisierten.

Diese Fanbewegung, die Fanatskoje Dwishenije, war zunächst ein normales Phänomen sowjetischer Freizeitkultur der BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. Mehr dazu in unserer Gnose -Jahre. Doch sie provozierte Anhänger anderer Moskauer Mannschaften, die sich ebenfalls zu organisieren begannen. Auswärtsfahrten von Spartak-Fans inspirierten Zuschauer auch in anderen sowjetischen Städten. Fanaty von Dinamo Kiew etwa führen die Entstehung ihrer Fanbewegung um 1980 auf das Vorbild Spartaks zurück.1

Radikalisierung der Fankultur

In den frühen 1980er Jahren radikalisierte sich die Fankultur im Kampf der Fangruppen unter­einander und in ersten Auseinandersetzungen mit der Miliz. Spartaks Anhänger standen erneut im Mittelpunkt. Am 20. Oktober 1982 kam es im Moskauer Leninstadium in LushnikiDas Moskauer Olympiastadion Lushniki ist mit 81.000 Plätzen das größte Stadion Russlands. Der Stadionbau des Lushniki wurde 1956 im gleichnamigen Moskauer Stadtteil fertiggestellt. Seither war das Stadion Austragungsort zahlreicher Großereignisse, wie der Olympischen Sommerspiele 1980 oder des Champions League Finalspiels 2008. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 werden sowohl das Eröffnungs- als auch das Finalspiel im Lushniki ausgetragen. zur Katastrophe: Spartak traf an diesem Abend im UEFA-Pokal auf den niederländischen HFC Haarlem. Bereits während des Spiels kam es auf den Tribünen zu Auseinandersetzungen zwischen Fans und Miliz. Nach dem Spiel gab es im Treppenhaus ein Gedränge, in dessen Folge mindestens 67 zumeist jugendliche Fans von Spartak Moskau starben.

Fankreise machten die Miliz verantwortlich, die nur einen von drei möglichen Ausgängen geöffnet habe. Sowjetische Behörden unterdrückten in den folgenden Jahren das Gedenken an die Opfer. Erst 1989, die PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose war weit fortgeschritten, erschien der erste größere Artikel zur Stadionkatastrophe.2 Spartak gegen Dinamo, freies Volk gegen sowjetische Sicherheitskräfte: Die Tragödie fügte sich nahtlos ein in den Mythos Spartaks.

Spartaks zwei Gesichter

Spartak und seine Fans haben zwei Gesichter: Offenheit und Toleranz, aber auch Ausgrenzung und Rassismus. Das Team war stets offen für Spieler anderer Nationalität. Selbst im xenophoben Klima des Spätstalinismus spielten bei Spartak Spieler anderer (sowjetischer) Nationalität, wie der Este Igor Netto oder der Armenier Nikita Simonjan. Spartak repräsentierte für die einen das Zentrum der ungeliebten Sowjetunion – Moskau. Für die anderen aber stand es für Toleranz, Vielfalt und Freiheit.

Seit den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose entstanden auch Verbindungen einzelner Fangruppierungen ins rechtsradikale Lager. Als etwa Spartak-Fan Jegor SwiridowJegor Swiridow (1982–2010) war ein Moskauer Fan der Fußballmannschaft Spartak. Im Dezember 2010 wurde er bei einer Schlägerei mit kaukasischstämmigen jungen Männern getötet. Nationalisten vermuteten, dass das Verbrechen von der Polizei verheimlicht worden sei. Aus Protest marschierten am 11. Dezember einige tausend Menschen auf dem Manegenplatz auf. Es kam zu massiven Ausschreitungen; Maneshka, eigentlich eine Abkürzung für den Manegenplatz, wird seitdem auch als Gattungsname für nationalistische Ausschreitungen verwendet. am 6. Dezember 2010 „bei einer Schlägerei mit Kaukasiern“, wie es in den Medien hieß,3 ums Leben kam, versammelten sich fünf Tage später zunächst mehr als 10.000 Menschen, unter ihnen viele Fans von Spartak, an der Metrostation Wodny Stadion in Moskau, um seiner friedlich zu gedenken. Am frühen Nachmittag kam es zu Ausschreitungen auf dem ManegenplatzDer Manegenplatz liegt im Stadtzentrum Moskaus: Im Osten steht der Kreml, im Norden das ehemalige Hotel Moskwa und im Süden die namensgebende Manege. Der Platz ist ein Kristallisationspunkt der Geschichte, ein Schauplatz wichtiger politischer Auseinandersetzungen und ein Gedächtnisort in der Erinnerungskultur Russlands. Die Verkleinerungsform Maneshka steht heute aber vor allem für die nationalistischen Ausschreitungen, die sich in den Jahren 2002 und 2010 auf dem Platz abspielten. Mehr dazu in unserer Gnose in unmittelbarer Kremlnähe. Die Krawalle verlagerten sich alsbald in die Metro und in andere Stadtteile.

Attacken auf GastarbejterySpätestens seit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 2000er ist Russland ein attraktives Ziel für Wanderarbeiter aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere aus Zentralasien. Die Wirtschaftskraft dieser Länder hängt zum Teil erheblich von Rücküberweisungen aus Russland ab. Jüngste Verschärfungen des russischen Migrationsrechts haben Einreise und Arbeitsaufenthalt der Gastarbajtery jedoch erschwert. Mehr dazu in unserer Gnose folgten. Versuche der einflussreichen informellen Spartak-Fanbewegung Fratria, diese Ausschreitungen im Vorfeld zu unterbinden, waren gescheitert.

Sportliche Gegenwart

So bewegt die Geschichte seiner Fankultur ist, so unbeständig ist auch die sportliche Gegenwart Spartaks. Noch in den 1990er Jahren dominierte der Verein, da der Hauptwettbewerber Dinamo Kiew nachdem  Ende der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose in der ukrainischen Liga spielte. Zwischen 1991 und 2001 gewann Spartak neun Mal in der Russischen Premier-Liga und holte dreimal den Pokal nach Moskau. Im Übergang von Sozialismus zu Kapitalismus war das Team an den Trainer und ehemaligen Spieler Oleg Romanzew gefallen, der ab 1993 auch als Manager Spartaks fungierte.

In den 2000er Jahren vergrößerte sich die Konkurrenz in der russischen Premier-Liga merklich. Neue Sponsoren traten hinzu. GazpromsGazprom ist das international größte Erdgasunternehmen: Auf Gazprom entfallen rund 69 Prozent der russischen und 12 Prozent der weltweiten Gasförderung. Die Aktienmehrheit gehört dem russischen Staat. Das Unternehmen beschäftigt knapp eine halbe Million Menschen und ist der größte Gas-, Strom-, und Wärmelieferant in Russland.  Mehr dazu in unserer Gnose Mittel für den FC Zenit aus Sankt Petersburg halfen etwa, eine europäische Spitzenmannschaft aufzubauen. 2004 änderten sich auch die Eigentumsverhältnisse bei Spartak. Der Vizepräsident von LukoilLukoil ist der einzige private Ölkonzern Russlands und weltweit der drittgrößte private Erdölproduzent. Im Gegensatz zu dem privaten Ölunternehmen Yukos, das 2004 zerschlagen wurde, hat das Management gute Beziehungen zu den Staatsorganen. Gleichwohl hat es weite Teile seiner Ölproduktion und -verarbeitung ins Ausland verlagert – nicht zuletzt, um Steuern zu sparen. Mehr dazu in unserer Gnose , Leonid Fedun, erstand die Mehrheit der Aktien Spartaks. Dies stabilisierte den Klub, der in der Folge fünfmal Vizemeister wurde, gleichwohl an frühere Erfolge nicht anknüpfen konnte.

Auch während der erfolgreichsten Jahren in Russland waren die Ergebnisse bei internationalen Europa-Spielen eher bescheiden. Der Höhepunkt war bereits 1990/91 erreicht, als Spartak gegen Real Madrid im Viertelfinale der Champions League (0:0/1:3) gewann. Im Halbfinale verlor die Moskauer Mannschaft beide Spiele gegen Olympique Marseille (1:3/1:2). 1998 erreichte Spartak nochmals das Halbfinale des UEFA-Pokals, verlor aber wiederum beide folgenden Spiele, diesmal gegen Inter Mailand (1:2/1:2).

Die Meisterschaft 2017 ist der erste große Titel Spartaks seit dem Pokalsieg 2002. Es ist auch der erste Titel, den Spartak in der Otkrytye Arena feiert – dem 2014 eröffneten ersten eigenen Stadion der Klubgeschichte.

In den 1970er Jahren gab es einen Spruch, wonach sich im Lande noch keine Mannschaft gefunden habe, die besser wäre als Spartak. Das stimmt nun wieder – zumindest für ein Jahr.


1.Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Dissertationsprojekts zu Zuschauersport und Fankultur in der Sowjetunion führte ich 2007 und 2008 rund 30 Interviews mit Fußballfans in Moskau und Kiew durch. Der Untersuchungszeitraum umfasste die 1950er bis 1980er Jahre, sodass ich auch Interviews mit frühen Mitgliedern der Fanbewegungen in Moskau und Kiew durchführte. Die Vorstellung von Spartak als Vorbild begegnete mir in zwei Interviews in Kiew.
2.Mikulik S./Toporov S. (1989): Černaja tajna Lužnikov, in Sovetskij Sport, 08.07.1989, S. 1
3.vgl.: Kommersant: Narodnomu gnevu našli organizatorov: „Tausende Fußballfans und mitfühlende Bürger fanden sich zu Spontanaktionen zusammen, um dem Spartak-Fan Jegor SwiridowJegor Swiridow (1982–2010) war ein Moskauer Fan der Fußballmannschaft Spartak. Im Dezember 2010 wurde er bei einer Schlägerei mit kaukasischstämmigen jungen Männern getötet. Nationalisten vermuteten, dass das Verbrechen von der Polizei verheimlicht worden sei. Aus Protest marschierten am 11. Dezember einige tausend Menschen auf dem Manegenplatz auf. Es kam zu massiven Ausschreitungen; Maneshka, eigentlich eine Abkürzung für den Manegenplatz, wird seitdem auch als Gattungsname für nationalistische Ausschreitungen verwendet. zu gedenken, der in der Nacht auf den 6. Dezember [2010] Opfer eines Angriffs von Kaukasiern aus Dagestan und Kabardino-BalkarienKabardino-Balkarien ist eine Teilrepublik Russlands. Sie liegt im Nordkaukasus und hat rund 860.000 Einwohner. Über 70 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Islam. wurde.“ In der Folge wurde von den Medien allerdings versucht, den nationalen Gegensatz zu entschärfen. Vergleiche die Dokumentation auf dem Perwyj Kanal.
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