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„Kronos' Kinder“ von Sergej Lebedew

Auf der Frankfurter Buchmesse hat Sergej Lebedew seinen neuesten Roman vorgestellt: Kronos' Kinder erzählt die Geschichte des jungen Russen Kirill, der sich auf die Spuren seiner Ahnen macht. Erst als Erwachsener hatte er erfahren, dass sie Deutsche waren.

In großen Teilen ist es auch Lebedews eigene Geschichte und die seiner Vorfahren: 1993, er war schon Anfang 20, da hat Sergej Lebedew von seiner Großmutter erfahren, dass seine Vorfahren Deutsche waren. „Die Nachricht war ein Schock“, erzählt Sergej Lebedew im Gespräch mit dekoder. „Plötzlich wusste ich, es gibt ein Netz an Menschen und Geschichten, die ich alle nicht kenne.“
In seinem Roman heißt es an einer Stelle, der Protagonist Kirill (Lebedews Alter-Ego) war während der Sowjetzeit „geschützt durch das absolute Fehlen einer Biografie“.
Wie gefährlich es mitunter war, die falsche Biografie zu haben, das zeichnet Kronos' Kinder anhand der Familiengeschichte der Familie Schwedt nach. Lebedew ist dafür nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland gereist. Er fuhr nach Halle und Leipzig, hat in den Archiven nach Dokumenten der eigenen Vorfahren gesucht. Und weil doch viele Leerstellen blieben, ist es ein Roman geworden, keine Dokumentation. Sein Buch, sagt Lebedew, das sei nun auch der Versuch, mit diesem Schock fertig zu werden, plötzlich eine Biografie zu haben. 

In seinen beiden vorherigen Romanen Der Himmel auf ihren Schultern (2013) und Menschen im August (2015) setzt sich Lebedew vor allem mit der Stalinzeit auseinander. Ins Deutsche gebracht wurden die Bücher von Franziska Zwerg, die auch Kronos' Kinder übersetzte.

Im Ausschnitt unten beschreibt der Protagonist Kirill eine Szene aus seiner Kindheit, als er von seinen deutschen Vorfahren noch nichts ahnte. Der Ganter Fritz, so auch der Originaltitel des Buches, hatte seinen deutschen Namen vom Dorfbewohner Spieß bekommen. Immer an einem bestimmten Tag im Juli besoff Spieß sich besinnungslos.


dekoder verlost 2 Exemplare von Kronos' Kinder. 

Beantworten Sie dazu bis einschließlich Montag, 29. Oktober, folgende Frage:
Wie ist der frühere Name des Dorfes, in dem Kirill die Szene mit Spieß und den Gänsen beobachtet?

Sie finden die richtige Antwort im Text unten, schreiben Sie diese bis einschließlich Montag, 29. Oktober, an verlosung@dekoder.org

Betrunken war Spieß an jenem Julitag, an dem ihm, der damals flach am Boden gekrochen war, ein deutscher Splitter den Hintern aufgeschlitzt hatte. Er trat vors Tor, starrte die Kinder an, und schon verging dem „Lenker“ die Lust, den Lastwagen zu ziehen. Spieß kam auf sie zu, besah sich die Disposition, brummte – Scheißpartisanen –, schaute von einem zu anderen. Er mochte keine Kinder, nannte sie Pest, verfluchtes Elend; aber er rührte sie nie an. Zum ersten Mal bemerkte Kirill, was für riesige Hände Spieß hatte, als seien sie für einen Zweimeterriesen gemacht und Spieß im Hospital angenäht worden; er sah das graue Wolfshaar, das ihm auf den Fingern wuchs, die dicken, gelben Nägel. 
„Husch, haut ab!“, kommandierte Spieß. Alle Freunde von Kirill verdrückten sich zum Zaun, die Straßengräben entlang; er aber musste in die andere Richtung, zögerte ein wenig, und Spieß hatte sich bereits abgewandt in der Gewissheit, dass seine Worte alles und jeden hinwegfegten. 
Kirill verzog sich zum Sandhaufen. 
Spieß ging indes zum Teich, und wieder sah Kirill seine riesigen Hände, die in Taschen wohl kaum Platz gefunden hätten; nicht menschlich waren sie, sondern bullig, bärenhaft. 
Auf dem Teich schwammen die Gänse der Fedossejewna; Fritz stolzierte am morastigen Ufer entlang, bewachte die das Wasser erforschenden Gänsejungen. Als er Spieß sah, drehte sich der Ganter um und ging ihm entgegen; er zischte, seine Augen waren wütend, er erkannte seinen Beleidiger, Spieß hatte ihn, auch nüchtern, oft geärgert. Man hätte meinen können, Spieß weiche zurück, drehe sich weg, laufe sogar davon, denn ein Betrunkener konnte es mit dem schlauen und wendigen Ganter nicht aufnehmen, und Spieß’ Bosheit war matt, verfault, wie eine Salzgurke vom Vorjahr; der Ganter hingegen voll reiner, triumphierender Wut, als sinne er schon lange auf Revanche.
Aber Spieß schien nur auf den Angriff des Ganters gewartet zu haben. Mit einer unmerklichen Bewegung des Arms, der auf einmal allzu lang, teleskopisch geworden war, packte er den Ganter beim Hals, hob ihn hoch, presste die Hand zusammen, sperrte ihm die Luftzufuhr. Der Ganter zappelte, schlug mit den Flügeln, er war an die fünfzehn Kilo schwer – wie konnte man ein solches Gewicht mit ausgestrecktem Arm halten? Aber Spieß hielt ihn, und Kirill begriff, welche Kraft im Körper des Alten wohnte, eine zähe, klammernde Kraft, wie bei einem Schraubstock; das begriff er, als sei er selbst jener Ganter, als fühle er stählerne Finger an seinem Hals.
Der Ganter sackte zusammen, die Flügelenden zitterten leicht. Seine Augen, aus denen die Wut des Angriffs gewichen war, wurden sanft, rollten weg; und Spieß strich dem Ganter mit der linken Hand über den Kopf und sprach dabei:
„Das war’s nun, Fritz. Reingefallen. Schluss und aus, Fritz, wehr dich nicht. Das macht’s nur schlimmer. Das war’s Fritz, deine Zeit ist um, vorbei.“
Spieß schaute dem Ganter direkt in die Augen, und Kirill wurde klar, dass Spieß gerade keinen Vogel sah, sondern irgendeinen deutschen Gefreiten, einen Militärkoch oder einen jungen Adjutanten, der unglücklicherweise im falschen Moment aus der Deckung getreten war. Still musste dieser kleine
 Deutsche sterben – er war nutzlos, von niederem Rang –, durfte nicht schreien, nicht aufschluchzen, und deswegen begleitete Spieß den kleinen Deutschen in den Tod, flüsterte seine Worte fast zärtlich, damit dieser sich auf dem Totenweg nicht verirrte, keine Sekunde lang zurückwollte, gehorsam und diszipliniert starb, ohne unnötigen Aufruhr.
Kirill wollte hervorspringen, sich an Spieß’ Hand klammern, den Ganter befreien. Aber er fühlte, Spieß würde auch ihn, den Jungen, für jemand anderen halten: in diesem Moment sah Spieß weder Teich noch Gänse oder Dorfhäuser, er war ganz und gar dort, im Krieg, in den Sümpfen am Dnjepr oder in irgendeiner zerschossenen, deutschen Kleinstadt. Es gab keine Möglichkeit, ihn von dort herauszuholen, denn alles in seinem Kopf war verrückt; und wenn er an Kirills Stelle einen Kindersoldaten des Volkssturms sah, dann war das wirklich so; dann sah er ihn nicht unklar wie in einem trügerischen Traum, sondern mit letzter Gewissheit, und seine Erinnerung kleidete Kirill um, veränderte sein Gesicht, drückte ihm eine Panzerfaust in die Hand.
Furchtsam war Kirill schon immer gewesen, aber so fürchtete er sich zum ersten Mal. Er merkte, dass er sich eingenässt hatte. Der König aller Ängste war in Gestalt von Spieß gekommen und würgte den Ganter Fritz. Spieß glaubte, er töte einen leibhaftigen Deutschen; und der Schrecken bestand in der Möglichkeit selbst, dass so etwas geschehen konnte, denn das hieß, es gab keine Grundfeste, keine Gesetze zwischen den Menschen.
Spieß hatte Fritz mit beiden Händen beim Hals gepackt und zugedrückt. Der Kopf des Ganters begann sich zu drehen. Erst jetzt hörte Kirill, wie der Ganter schrie – nicht zischte, nicht schnatterte, sondern schrie. Der Laut ähnelte der menschlichen Rede, als mühe sich der Ganter zu erklären, er sei kein deutscher Soldat und riefe die Welt als Zeugen an. Aber der Kopf bewegte sich schon unnaürlich, wie Lebendiges sich nicht bewegen kann. Dann knirschte es, das raue Lebensfädchen riss, der Kopf kippte zur Seite; grüner Magensaft tropfte aus dem Schnabel.
Spieß legte den Ganter vorsichtig auf der Erde ab, stand da, starrte den verendeten Vogel an. Dann ließ er seinen Blick umherstreifen, erblickte wie von Neuem die anderen Gänse, die sich um den Teich drängten und leise schnatterten. Fritz’ Sohn, dem Alter nach der zweite Ganter der Herde, trieb sie zusammen und stellte sich ein winziges Stück voran, um seine Anführerschaft zu bezeichnen, Spieß dabei aber nicht mit Kühnheit zu reizen.
Kirill wollte rufen – fliegt, lauft weg, rettet euch! – aber es hatte ihm die Sprache verschlagen. Und Spieß murmelte mit kaltem Eifer:
„Die Fritzen! Uuuh, wie viele ihr seid! Die Fritzen!“ Er ging zu seinem Haus, wiederholte nur „Uuuh! Uuuh!“, nicht wie ein Mensch oder ein kleines Waldtier, sondern als habe sich in ihm ein tiefer, fleischfressender Abgrund von der Größe eines Dinosauriermagens aufgetan, aus dem dieses Uuuh nun drang.
Kirill hatte ein wenig gehofft, Spieß würde noch ein Glas trinken gehen, und dann hätte er die Gänse ins Gebüsch, ins Schilf gejagt oder jemanden von den Erwachsenen gerufen. Spieß war im Haus verschwunden; Kirill wollte weglaufen, aber in ihm erwachte gleichsam ein Soldatengespür, das sagte: ruhig, versteck dich. Und richtig – Spieß kam mit seinem Jagdkarabiner auf die Veranda, darauf steckte ein Visier. Er hockte sich an den Zaun, schob den Lauf zwischen die Latten hindurch, schaute durch das Visier. Kirill glaubte, es würde ihm die Gänse näher bringen, Spieß’ Auge schärfen – die Optik, reines Glas konnte ja nicht lügen – und dann käme Spieß zu sich, würde begreifen, gegen wen er kämpfte an diesem heißen Julitag, wer sich am Teich verschanzte, die weißen Hälse reckte. Auf einmal bemerkte Kirill, dass Spieß’ Hosentaschen ausgebeult waren, vollgestopft mit Ersatzpatronen.
Der erste Schuss klang wie der Hieb einer Hirtenpeitsche. Die spitz zulaufende Karabinerkugel durchschlug den Ganter; Schuss, Schuss, Schuss, – die Gänse fielen, blutige Federbüschel wirbelten umher; Spieß schoss nicht daneben. Dann verklemmte sich der Karabiner, seine Finger ließen ihn im Stich, gehorchten nach dem Brandwein nicht mehr, luden die Patronen schief. Spieß rüttelte am Magazin und erstarrte – als sei vom Widerstand des störungsfreien Mechanismus auch in ihm etwas verrutscht.
Die Fedossejewna kam angelaufen, stürzte zu den Gänsen; die lagen im Gras, eine zuckte mit dem Flügel, Spieß hatte ein wenig danebengeschossen. Das Blut war aus der Ferne nicht zu sehen, aber man merkte, dass sie tot waren. Ein Mensch kann auch im Tod lebendig aussehen, ein Vogel hingegen liegt da wie ein Sack, alles hat ihm die Kugel genommen – die Anmut, den Charakter.
Spieß stand auf, drehte sich um – und schaute direkt zu Kirill, der sich hinter dem Sandhaufen versteckte. Kirill wollte sich im Sand vergraben, wusste aber, es war zu spät – Spieß hatte ihn entdeckt, mit jenem Blick entdeckt, der Gänse in Deutsche verwandelte. Kirill fühlte sich wieder als Ganter Fritz, spürte Hände an seinem Hals. Und er wusste, Spieß würde ihn töten, er unterschied nicht zwischen einem Jungen und einer Gans.
„Was hast du getan, Herodes! Herodes!“, die Fedossejewna stürzte sich auf Spieß und trommelte gegen seine Brust. „Herodes! Herodes! Herodes!“
Herodes; dieses Wort, das Kirill nicht kannte, versetzte Spieß einen Schlag, drang in seinen trunkenen Kopf. Vielleicht hatte er sich als Kind die Worte des Popen eingeprägt, schließlich hieß das Dorf früher nicht Tschapajewka, sondern Tschassownaja, nach der Kapelle über der Quelle und der Kirche, in der sich nun ein Lagerraum der Kolchose befand.
Kirill meinte, Spieß würde die Fedossejewna niederschlagen.
Niemand durfte ihn anrühren, und sie hatte ihn am Hemdkragen gepackt. Aber Spieß setzte sich auf die Stämme nieder, schüttelte den Kopf, und dann kippte er zur Seite um. Die Fedossejewna vergaß die Gänse, rannte ins Haus, wobei ihr unreiner Unterrock von den abgetragenen Absätzen hochgeworfen wurde. Sie kam mit einem Eimer wieder und übergoss Spieß schwungvoll mit Brunnenwasser, eiskalt.
Er kam zu sich. Die Leute lugten hinter ihren Zäunen hervor, traten aber nicht auf die Straße, wussten, dass die beiden die Sache unter sich ausmachten. Spieß schüttelte angewidert seine nassen Ärmel, schaute sich um, als wisse er nicht, wer und wo er sei. Er sah die Fedossejewna mit dem Eimer und fragte friedlich, nur etwas befremdet:
„Bist du übergeschnappt, Alte? Das ist mein Tag heute. Mein Recht zu trinken.“
Spieß war so leise geworden, dass Kirill hinter dem Sandhaufen hervorkam, um ihn besser zu sehen: Wo war der Mörder, der drei Minuten zuvor auf Gänse geschossen hatte? Da saß ein harmloser Alter, trocknete sich in der Sonne, und Kirill meinte, einen schlechten Traum gehabt zu haben, der sich nicht wiederholen würde.
Aber dann begriff Kirill: Er würde sich wiederholen. Es käme ein Tag, ebenso klar, nichts Böses verheißend, und Spieß träte heraus, wirr vom Brandwein, und wen er auch träfe – einen Hofhund, ein Milchkalb, einen Elektriker mit Leiter – jeder wäre ein Faschist. Und wieder würde er, Kirill, es nicht schaffen zu fliehen, weil die anderen pfiffiger, schlauer, mutiger waren, er aber jener, der für Spieß’ Gemetzel herhalten musste, dazu verdammt war, der Ganter zu sein.
Für dieses Wissen begann Kirill Spieß zu hassen, es würde ihm von nun an keine Ruhe mehr lassen; als sei sein ganzes Leben im Voraus bestimmt.
Spieß bemerkte inzwischen die toten Gänse. Er schwieg, dann fragte er die Fedossejewna düster:
„War ich das?“
„Du“, antwortete die Fedossejewna und fing auf einmal an zu weinen, nicht so wie sonst, mit faden Tränen, sondern schluchzend, bitter und hilflos. Selbst ein Kleinkind hätte begriffen, dass sie Spieß liebte.
Spieß hickste, einmal, zweimal, dreimal, als hätten ihn die großen Dämonen bereits freigegeben, und nun kämen kitzelnde Dämonenjungen aus seinem Mund gekrochen, harmlos, aber zudringlich wie Fliegen; immer noch schluchzend klopfte ihm die Fedossejewna auf den Rücken und greinte:
„Nicht du, nicht du warst das! Das ist der verfluchte Krieg, der in dir sitzt!“
Kirill fühlte, dass die Fedossejewna Spieß verziehen hatte, voll und ganz, und dass sie ihm noch Dutzende Male verzeihen würde, selbst wenn er das ganze Dorf in Brand steckte, alles unschuldige Vieh abschlachtete. Und würde Spieß ihn, Kirill, niederschießen, dann würde die Fedossejewna um ihn weinen – aber verzeihen.
Spieß’ Schluckauf verging. Er umarmte die Fedossejewna leicht, brachte sie ins Haus, ließ jedoch nicht den Blick von den getöteten Gänsen, als wolle er sagen – meine Schuld, das weiß ich, aber anschuldigen lasse ich mich nicht.


Ausschnitt aus dem Roman Kronos' Kinder von Sergej Lebedew, ins Deutsche übersetzt von Franziska Zwerg. Erschienen im S. Fischer Verlag, 2018.


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Der Große Vaterländische Krieg in der Erinnerungskultur

Als es der Roten Armee gelungen war, die deutsche Wehrmacht bei StalingradDie südrussische Stadt Wolgograd ist als Stalingrad durch das Inferno im Zweiten Weltkrieg in die Weltgeschichte eingegangen, hatte jedoch im Zarenreich einen anderen Namen tatarischen Ursprungs. Heute wird versucht, wieder stärker an die sowjetische Vergangenheit der Stadt anzuknüpfen, vor allem dadurch, dass die Stadt zu bestimmten Feiertagen wieder Stalingrad heißen darf. Mehr dazu in unserer Gnose einzukesseln, markierte dies einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Der Schriftsteller und Korrespondent Wassili GrossmanWassili Grossman (1905–1964) war ein sowjetischer Schriftsteller und Journalist. Während seine Reportagen aus dem Großen Vaterländischen Krieg in der Armeezeitung Krasnaja Swesda (dt. Roter Stern) gedruckt wurden, blieben die meisten seiner Nachkriegswerke in der Sowjetunion unveröffentlicht. Sein in den 1950er Jahren entstandenes – und später auch ins Deutsche übersetzte – Hauptwerk Leben und Schicksal erschien in der Sowjetunion erst 1989.  schrieb, dass die deutschen Soldaten und Offiziere in der schrecklichen Kriegssituation bei Stalingrad nicht nur die eigenen Kräfte, sondern auch die Staatspolitik, die Gesetze, die Verfassung, die Zukunft und die Vergangenheit des eigenen Volkes zunehmend in Frage stellten. 

Bei den sowjetischen Truppen sei genau das Gegenteil passiert: Der erste Sieg im Großen Vaterländischen KriegAls Vaterländischer Krieg ging Napoleons gescheiterter Feldzug gegen Russland im Jahr 1812 in die russische Geschichtsschreibung ein. Die russische Armee, für die der Überfall unerwartet kam, unternahm einen über mehrere Wochen dauernden Rückzug bis in die Tiefe des Landes hinein. Die erste große und blutige Schlacht, die für den Ausgang des Krieges entscheidend zu sein schien, fand in Borodino bei Moskau statt. Zwar hat die Grande Armée taktisch gesiegt und im Anschluss Moskau besetzt, jedoch waren die Verluste so groß, dass Napoleon bald selbst den Rückzug antreten musste. Im Dezember 1812 wurde Napoleons Armee an der russischen Grenze nahezu vollständig vernichtet. Mehr dazu in unserer Gnose Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Mehr dazu in unserer Gnose nach vielen Niederlagen hat die sowjetische Staatsführung gerechtfertigt. Die Frage aber, ob das Volk wegen oder trotz der Regierung siegte, blieb offen. Der Sieg bei Stalingrad bestimmte, so Grossman, den Ausgang des Kriegs, „aber der stumme Streit zwischen dem siegreichen Volk und dem siegreichen Staat ging weiter“.1 

Und dieser Streit ist noch immer nicht zu Ende. Das einst „siegreiche Volk“ streitet nun aber nicht nur mit dem Staat, sondern auch mit sich selbst und mit den späteren Generationen, die den Krieg nur in seiner medialen Gestalt wahrnehmen und beurteilen können. 

Im heutigen Russland gibt es kein homogenes „kollektives Gedächtnis“ an den Krieg, sondern mehrere mit-, neben-, und gegeneinander existierende und agierende Bilder der Kriegserinnerung. Die Verflechtung des politischen und individuellen Gedächtnisses ist das Spezifikum russischer Erinnerungskultur, zu welcher sowohl Siegesstolz als auch Trauer gehören.

Das heroische Bild vom Krieg spiegelte sich in den gigantischen Denkmal-Anlagen wider / Foto © CC0/Public Domain

Einen Konsens gibt es nicht einmal bei der Frage nach den Kriegsopferzahlen. Seit dem Kriegsende gehört die Arithmetik der Verluste zum Gegenstand der aktiven offiziellen Geschichtspolitik. Stalin wies sieben, später zehn Millionen aus – das Land durfte keine größeren Menschenverluste als die Kriegsgegner erlitten haben. „Der Preis des Sieges“ stieg auf 20 Millionen in den späten 1950ern, auf 27 Millionen in den 1980ern, bis im Februar 2017 der DumaAls Staatsduma wird das 450 Abgeordnete umfassende Unterhaus der Föderalen Versammlung Russlands bezeichnet. Im Verhältnis zu Präsident und Regierung nimmt die Duma verfassungsmäßig im internationalen Vergleich eine schwache Stellung ein. Insbesondere das Aufkommen der pro-präsidentiellen Partei Einiges Russland führte dazu, dass die parlamentarische Tätigkeit zunehmend von Präsident und Regierung bestimmt wurde. Mehr dazu in unserer Gnose -Abgeordnete Nikolaj Semzow mit Verweis auf geheime Daten der staatlichen Plankommission der UdSSR eine weitere Zahl verkündete: 42 Millionen.2
 
Allein die Zahl von 27 Millionen, die in der Geschichtswissenschaft verankert ist, zeugt von der unvergleichlichen Dimension der Leid- und Opfererfahrung in den Ländern, die von Krieg und deutscher Besatzung betroffen waren. Der Krieg hat tiefe Spuren im Gedächtnis der Generationen hinterlassen: Es gibt kaum eine Familie im heutigen Russland und auch in der Ukraine, Belarus und anderen postsowjetischen Ländern, die vom Krieg unberührt geblieben ist. 
Die gesellschaftliche Verankerung des Themas auf der einen Seite und die übergeordnete Bedeutung der Kriegserinnerung für den Staat auf der anderen Seite bedingten die Entstehung einer vielschichtigen und dynamischen Erinnerungskultur.

Unheroischer Krieg

Auf der Ebene der privaten, familiären, alltäglichen Erinnerung war das Bedürfnis der Trauer Raum zu geben von Anfang an da. So entstand seit dem Kriegsende in jeder sowjetischen Stadt und in jedem Dorf an einer prominenten Stelle ein Denkmal, um den nicht zurückgekehrten Soldaten zu gedenken. Schlichte Obelisken oder Granitstelen waren oft anonyme Stätten privater Trauerarbeit. 
Ab den späten 1960er Jahren wurden Ehrenmale des Unbekannten Soldaten und Anlagen mit ewigem Feuer angelegt, das Gedenken an diesen Orten wurde offizieller und staatstragender. Zugleich haben diese Orte ihre Bedeutung für die gesellschaftliche Trauerarbeit nicht verloren. 
Auch in der sowjetischen Zeit war der unheroische Krieg vor allem durch den künstlerischen Diskurs wahrnehmbar, durch Literatur, Film und Musik. Der Film Die Kraniche ziehen von Michail KalatosowMichail Kalatosow war ein sowjetischer Regisseur (1903–1973), der gebürtig aus Georgien stammte. Sein 1930 erschienener Film Das Salz Swanetiens gilt als wegweisend für die spätere sowjetische Dokumentarfilmschule. Als einziger Filmemacher der sowjetischen Geschichte bekam er 1958 die Goldene Palme beim Film-Festival in Cannes für seinen Film Die Kraniche ziehen. zeigte, dass nicht alle Frauen auf ihre Geliebten warteten, und dass ein Rotarmist auch fallen kann, ohne vorher eine Heldentat zu vollbringen. 
Der Protagonist der Erzählungen von Bulat Okudshawa Bulat Okudshawa (1924–1997) war ein sowjetischer Dichter und Liedermacher. Er gilt als einer der Begründer des sowjetischen Autorenliedes – ein Barden-Genre, das er von den 1960er bis 1980er Jahren maßgeblich mit prägte. Nach der Perestroika war Okudshawa einer der Mitbegründer des Autorenverbands P.E.N. in Russland. Er engagierte sich in der demokratischen Bewegung und war eine gewichtige Stimme bei der Aufarbeitung stalinistischer und leninistischer Verbrechen.  will im Krieg nur überleben.3 Wassil BykauWassil Bykau (1924–2003) war ein sowjetischer und belarussischer Schriftsteller. Bekannt geworden ist er vor allem wegen seiner zahlreichen Erzählungen, in denen er den Großen Vaterländischen Krieg verarbeitete. Nach dem Zerfall der Sowjetunion engagierte er sich in der belarussischen demokratischen Bewegung. Die Behörden erließen ein Publikationsverbot seiner Werke, Bykau emigrierte zuerst nach Finnland, später nach Deutschland.  schilderte in seinen Erzählungen den Krieg als eine existenzielle Erfahrung, in der es keine Sieger geben kann.4 Ales AdamowitschAliaksandr (Ales) Adamowitsch (1927–1994) war ein sowjetischer und belarussischer Schriftsteller und Drehbuchautor. Er schrieb mit am Szenario für den international gefeierten Antikriegsfilm Komm und sieh, der 1985 in die Kinos kam. Einige seiner Werke, in denen er vor allem den Großen Vaterländischen Krieg thematisierte, wurden auch ins Deutsche übersetzt. beschrieb in seinen Novellen die Gewalt der deutschen Besatzer auf den okkupierten Gebieten5 und zusammen mit Daniil GraninDer sowjetisch-russische Schriftsteller Daniil Granin (1919–2017) schrieb zahlreiche fiktionale, autobiographische und essayistische Texte über die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Große Bekanntheit erlangte er als Mitherausgeber des  Blockadebuchs (Blokadnaja kniga), welches erstmals persönliche Erinnerungen von Überlebenden der Blockade Leningrads einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte. Eine wichtige Säule in Granins Werk stellt die Auseinandersetzung mit der Frage nach der gesellschaftlichen und ethischen Verantwortung des Einzelnen dar, der er in zahlreichen Prosatexten am Beispiel von Wissenschaftlerfiguren nachgeht. Mehr dazu in unserer Gnose im Blockadebuch6 – die unvorstellbare Opfererfahrung und das Hungersterben in LeningradBlokadniki ist eine Bezeichnung für die Opfer und die Überlebenden der Leningrader Blockade. Während der Belagerung der Stadt vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 durch die deutsche Wehrmacht kamen über eine Million Leningrader ums Leben. Die meisten Menschen verhungerten oder erfroren, viele starben im Bomben- und Artilleriebeschuss. Mehr dazu in unserer Gnose .
 
In den frühen 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose dominierte das Bild des schrecklichen Krieges in öffentlichen Präsentationen: Zum Thema wurden die verheerenden Niederlagen der ersten Kriegsmonate, die doppelte Opfererfahrung sowjetischer Kriegsgefangener, die Not der Veteranen. Der 22. Juni, Tag des deutschen Überfalls 1941, ist seit 1996 ein staatlich anerkannter „Tag des Gedenkens und der Trauer“. An den Kriegsdenkmälern und auf den Ehrenfriedhöfen finden Gedenkzeremonien statt, die Staatsfahnen werden gesenkt und die Staatssender zeigen keine Unterhaltungssendungen.
Nicht der Sieg, sondern der „Preis des Sieges“ schien für eine kurze Zeit im Zentrum der offiziellen Erinnerungspolitik zu stehen. Auch wenn die schreckliche Erfahrung des Krieges als Diskurs an seiner dominierenden Position inzwischen stark einbüßte, existiert diese Perspektive auf den Krieg auch heute im liberalen Diskurs.7 

Staatliche Heroisierung

Der ideologische Bezug auf den Großen Vaterländischen KriegAls Vaterländischer Krieg ging Napoleons gescheiterter Feldzug gegen Russland im Jahr 1812 in die russische Geschichtsschreibung ein. Die russische Armee, für die der Überfall unerwartet kam, unternahm einen über mehrere Wochen dauernden Rückzug bis in die Tiefe des Landes hinein. Die erste große und blutige Schlacht, die für den Ausgang des Krieges entscheidend zu sein schien, fand in Borodino bei Moskau statt. Zwar hat die Grande Armée taktisch gesiegt und im Anschluss Moskau besetzt, jedoch waren die Verluste so groß, dass Napoleon bald selbst den Rückzug antreten musste. Im Dezember 1812 wurde Napoleons Armee an der russischen Grenze nahezu vollständig vernichtet. Mehr dazu in unserer Gnose in der Sowjetzeit lässt sich mit dem Begriff des Massenheroismus zusammenfassen. Seit der Oktoberrevolution 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. Mehr dazu in unserer Gnose war der Heldenkult ein fester Bestandteil der sowjetischen Ideologie. In der zukunftsgerichteteten sozialistischen Weltanschauung hatte das Trauern um Opfer „historischer Prozesse“ – Revolutionen, Kriege, politische Säuberungen – keinen Platz. Die Helden, die zu ehren waren, mussten im Krieg ihr Leben opfern, besonders heldenhaft für das Vaterland sterben, wie etwa der Rotarmist Alexander MatrossowAlexander Matrossow (1924–1943) war während des Großen Vaterländischen Kriegs ein sowjetischer Soldat. Berühmt geworden ist er durch seine Selbstaufopferung, die von der sowjetischen Kriegspropaganda zur Heroisierung der Roten Armee genutzt wurde: Demnach habe Matrossow die Schießscharte eines deutschen Maschinengewehr-Bunkers mit seiner Brust verdeckt und damit das Leben seiner Kameraden gerettet. Der Ausspruch grudju na ambrasuru (dt. mit der Brust vor die Schießscharte) wurde zum geflügelten Wort, der mit nur 19 Jahren Verstorbene bekam posthum den höchsten Ehrentitel des Landes – Held der Sowjetunion., der sich auf eine Schießscharte warf, oder die Partisanin Soja KosmodemjanskajaSoja Kosmodemjanskaja (1923–1941) war während des Großen Vaterländischen Krieges eine Soldatin der Roten Armee. 1941 wurde sie als eine Diversantin (Saboteurin) ins von Deutschen besetzte Hinterland entsandt, wo sie deutsche Stützpunkte zerstören sollte. Der Auftrag gelang Kosmodemjanskaja nur zum Teil, im November 1941 wurde sie verhaftet und hingerichtet. Nach ihrem Tod wurde sie von der sowjetischen Kriegspropaganda zu einer Heldin stilisiert, ihr Name wurde in zahlreichen Liedern, Filmen und Büchern zur Heroisierung der sowjetischen Widerstands genutzt. , die auch unter der Folter ihre Mitkämpfer nicht verriet und hingerichtet wurde. 
Das heroische Bild vom Krieg spiegelte sich in den gigantischen Denkmal-Anlagen wider. Für den siegreichen Kampf stehen zum Beispiel die 85 Meter große Skulptur Mutter Heimat auf dem Mamaj-Hügel in Wolgograd (1967) und das 48 Meter große Monument Den heroischen Verteidigern LeningradsDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt. in St. Petersburg (1974–75).

In der postsowjetischen Zeit fand der heroisierende Diskurs vor allem in der Moskauer Denkmalanlage Park des SiegesDer Park des Sieges ist eine Gedenkstätte im Westen Moskaus. Auf dem weiträumigen Gelände befinden sich zahlreiche Statuen und Denkmäler, ein Museum sowie weitere Sehenswürdigkeiten, die an den Großen Vaterländischen Krieg erinnern. Die Parkalage hat sich nicht nur zu einem zentralen Gedächtnisort für die Feierlichkeiten am 9. Mai entwickelt, sondern ist auch als Touristenattraktion und Erholungspark bei den Moskauern sehr beliebt. Mehr dazu in unserer Gnose (1995) seine monumentale Form. Im Zentrum steht hier eine 141,8 Meter hohe Stele – zur Erinnerung an die 1418 Kriegstage – an ihrer Spitze schwebt die Siegesgöttin Nike und an ihrem Fuß bekämpft der Heilige Georg den Drachen. Zahlreiche Namen der Helden der SowjetunionHeld der Sowjetunion war die höchste Auszeichnung des Landes. Der Ehrentitel wurde 1934 eingeführt. Mit seiner Verleihung zeichnete der Staat insgesamt 12.776 Menschen für ihren Heroismus aus. Als Propaganda-Motiv sollte der Ehrentitel zur Nachahmung animieren. Seit den 1960er Jahren bekamen auch einige Städte die Auszeichnung Heldenstadt sind an den Wänden im Gedenkraum des Museums eingraviert. 
Im heutigen offiziellen Gebot zu erinnern spielt der Aufruf, den gefallenen Helden würdig zu sein, nach wie vor eine große Rolle. In der aktuellen russischen Geschichtspolitik, die selektiv auf die stolzen Kapitel der „tausendjährigen Geschichte“ zurückgreift, ist es der militärische Ruhm. Das heroische Pathos ist die gegenwärtige Tonlage, in der die offiziellen Medien und die Regierung über den Krieg sprechen. 

Emotionalisierung und Kommerzialisierung

Die heutige Entwicklung der Kriegserinnerungskultur zeichnet sich zum einen durch Emotionalisierung, zum anderen durch Kommerzialisierung der Erinnerung aus. Durch überzeichnete Emotionalisierung und Effekthascherei verliert der Krieg – wie er etwa im Film (Stalingrad, 2013) oder im historischen ReenactmentAls Reenactment bezeichnet man die möglichst authentische Neuinszenierung historischer Ereignisse. Es ist zentraler Teil einer spezifischen Theorie der Geschichtsschreibung, die darauf abzielt, Gedanken und Absichten der historischen Akteure durch ein Nachstellen der Ereignisse nachzuvollziehen. Dabei geht es im klassischen Reenactment nicht nur um das Nachstellen militärischer Schlachten, sondern auch um zivile historische Inszenierungen. (nachgestellte Szenen der Einnahme Berlins) dargestellt wird – an Faktizität und Authentizität. Die präsentierten Inhalte werden zunehmend mythen-gesättigter wiedergegeben, das Kriegsgeschehen wird immer stärker zum Mythos.  
 
Gerade weil die Kriegserinnerung auf der privaten Ebene eine sehr wichtige Rolle spielt, wird sie zunehmend als Kontext für kommerzielle Projekte genutzt. Filmproduzenten, Museumsmacher und Event-Veranstalter knüpfen daran an – in der Gewissheit, dass das Kriegsthema Aufmerksamkeit findet und sich gut verkaufen lässt. So beispielsweise im bislang teuersten russischen Film StalingradDer 2013 veröffentlichte Film Stalingrad des Regisseurs Fjodor Bondartschuk war der erste russische Film, der in 3D und Imax-Technik gedreht wurde. Der Film, der vom Kulturministerium und von der VTB Bank finanziert wurde, handelt von der Liebe eines Soldaten der Roten Armee zu einem jungen Mädchen vor dem Hintergrund der Schlacht um Stalingrad im Zweiten Weltkrieg. Eine kleine Gruppe russischer Armeeangehöriger verteidigt darin ein strategisch wichtiges Wohnhaus in der Stadt. Die Kritiken des Films fielen oft negativ aus, da es viele historische Ungereimtheiten gebe und die Handlung nicht besonders durchdacht sei. (Fjodor BondartschukFjodor Bondartschuk (geb. 1967) ist ein russischer Schauspieler und Regisseur. Der Sohn des Regisseurs Sergej Bondartschuk (Ein Menschenschicksal, 1959; Der stille Don, 1994) ist Vorstandsvorsitzender der Produktionsfirma Lenfilm. Seinen Durchbruch als Regisseur erlebte er 2005 mit dem mehrfach ausgezeichneten und auch international erfolgreichen Film The 9th Company (russ. 9 Rota). Sein Kriegsfilm Stalingrad, der 2013 als erster russischer Film in 3D-Technik veröffentlicht wurde, handelt von einem jungen Mädchen, das sich während der Schlacht um Stalingrad im Zweiten Weltkrieg in einen Soldaten der Roten Armee verliebt. In der Kritik fiel der Film aufgrund vieler historischer Ungenauigkeiten der Handlung durch.), der komplett in 3D gedreht wurde, in dem die Straßen- und Häuserkampfszenen im Herbst 1942 wie ein effektvoller Blockbuster inszeniert wurden und der einer Computerspiel-Ästhetik ähnelt.

Privates Gedenken im öffentlichen Raum

Aus dem Bedürfnis der Gesellschaft heraus, eigenständige Formen und Praktiken der Erinnerung zu entwickeln, entstand 2012 in der sibirischen Großstadt Tomsk die Aktion Das Unsterbliche RegimentEine Aktion, die im Jahr 2012 im sibirischen Tomsk ihren Anfang nahm: Bei den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges präsentieren Menschen in einer Prozession Portraits von Verwandten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Der Name der Aktion spielt auf die Bezeichnung einer militärischen Einheit an: Unsterbliches Regiment. Mittlerweile finden ähnliche Aktionen auch in anderen Ländern statt – nicht nur im postsowjetischen Raum..8 Bei dieser Aktion tragen Menschen über Straßen und Plätze Porträts ihrer Verwandten, die am Großen Vaterländischen KriegAls Vaterländischer Krieg ging Napoleons gescheiterter Feldzug gegen Russland im Jahr 1812 in die russische Geschichtsschreibung ein. Die russische Armee, für die der Überfall unerwartet kam, unternahm einen über mehrere Wochen dauernden Rückzug bis in die Tiefe des Landes hinein. Die erste große und blutige Schlacht, die für den Ausgang des Krieges entscheidend zu sein schien, fand in Borodino bei Moskau statt. Zwar hat die Grande Armée taktisch gesiegt und im Anschluss Moskau besetzt, jedoch waren die Verluste so groß, dass Napoleon bald selbst den Rückzug antreten musste. Im Dezember 1812 wurde Napoleons Armee an der russischen Grenze nahezu vollständig vernichtet. Mehr dazu in unserer Gnose teilgenommen haben.9 
Diese Präsenz des privaten Gedenkens im öffentlichen Raum ist das tatsächlich Neue an den Feiern des Kriegsendes. 
Viele Russen teilten in den letzten Jahren Kurzberichte über die Kriegswege ihrer Großeltern in sozialen Netzwerken, viele davon – unzensierte Familiengeschichten, also Erzählungen „jenseits“ des tradierten, heroischen Narrativs. 
Es geht nun nicht mehr darum, ein Zeichen der Zugehörigkeit zur „Wir-Gemeinschaft“ der Erinnernden zu setzen, sondern um die Stärkung der Kommunikation von privaten, familienbezogenen Erinnerungen an den Krieg.

 

Das persönliche Gedenken als Mobilisierungsressource – der Fernsehsender SwesdaDer Fernsehsender Swesda (dt. Stern) ist Teil einer Rundfunkanstalt, die vom russischen Verteidigungsministerium betrieben wird. Seit 2006 ist er in ganz Russland verfügbar. Hauptsächlich strahlt er Dokumentationen zu Themen aus Politik, Geschichte und Wissenschaft aus; ein Schwerpunkt liegt auf Berichten über die russische Armee. Dabei vertritt er „patriotische“ Standpunkte, positioniert sich also positiv zur aktuellen politischen Führung. zeigt Bilder vom Marsch des Unsterblichen Regiments

Diese neue Form des Gedenkens wird von der staatlichen Seite in letzter Zeit verstärkt auch als Mobilisierungressource genutzt.10 Sie existiert gleichzeitig mit den großen Inszenierungen, die auf Stabilitätssicherung und Patriotismus-Stiftung ausgerichtet sind. Während der Feierlichkeiten rund um den Tag des SiegesDer Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen. Mehr dazu in unserer Gnose am 9. Mai selbst agiert die Gesellschaft manchmal mit, oft aber auch neben oder gegen die staatlichen Deutungsvorschriften. Nicht immer sind Interessen des Staates und der Gesellschaft hinsichtlich der Form des Gedenkens deckungsgleich – und der Streit zwischen dem siegreichen Volk und dem siegreichen Staat geht weiter.


1.Grossman, V. (1984): Leben und Schicksal, München, S. 686
2.Novaya Gazeta: Pobeda pred“avljaet sčet
3.vgl. die Erzählung Bud’ zdorov, školjar (1961) von Bulat Okudžava, in der es um Erfahrung eines jungen Soldaten geht.
4vvgl. die Erzählung Sotnikov (1971) von Vassil Bykov.
5.vgl. die Erzählungen Chatynskaja povest’ (1971) und Ja iz ognennoj derevni (1977) von Ales Adamowitsch
6.Ales Adamowitsch arbeitete zusammen mit Daniil Granin am Blockadebuch in den späten 1970er Jahren. Das Buch, das Interviews mit Blockadeüberlebenden beinhaltet, wurde 1984 veröffentlicht.
7.So im Projekt Cena pobedy (dt. Der Preis des Sieges) auf dem Radiosender Echo Moskvy und in der Zeitschrift Diletant. Siehe z. B. den Beitrag Soldatskaja pamjat’ o vojne vom 14.5.2017.
8.Die Formen der sozialen Gedenkpraxis „von unten“ wurden im Projekt „Sieg—Befreiung—Besatzung: Kriegsdenkmäler und Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im postsozialistischen Europa“ untersucht, das von der Autorin zusammen mit Mischa Gabowitsch und Cordula Gdaniec geleitet wurde. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sind in einem vor kurzem erschienenen Sammelband dokumentiert: Gabowitsch, M., Gdaniec, C., Makhotina, E. (Hrsg.) (2017): Kriegsgedenken als Event: Der 9. Mai im postsozialistischen Europa, Paderborn
9.Eine lokale, gesellschaftliche Initiative, ins Leben gerufen von Journalisten der nichtstaatlichen Tomsker Mediengruppe. Webseite des Archivs mit Familiengeschichten
10.Wie schon so oft in der Geschichte, erkannte die politische Führung schnell die symbolische Wirkungsmacht dieser neuen Erinnerungsform. Zugleich brachte die Popularität des individualisierten Gedenkens auch in die staatliche Erinnerung einen neuen Inhalt ein. Aufschlussreich ist die Teilnahme Putins an der Aktion Das Unsterbliche Regiment, und noch mehr – die Veröffentlichung seiner „Erinnerungen“ an die Kriegserzählungen der Eltern in der Zeitschrift Russki Pionier. Ein Effekt davon ist die „emotionale Aktualisierung“ der Geschichte. Dadurch versucht der Staat, das Gedenken anschlussfähig zu halten.
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Tag des Sieges

Der Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen.

Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

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