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Revolutionäre Grüße aus dem Jahr 1917

Ansichtskarten gelten als banale Reiseandenken, die allenfalls zur Übermittlung von Grüßen dienen. Doch am Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Postkarte zeitgleich zum Bau der Eisenbahnen, die Menschen und Dinge mobil machten. In einer Zeit vor Telefon und Email eroberte sie sich ganz unterschiedliche Funktionen. Die Ansichtskarte wurde zum Nachrichtenmedium, das erinnerungswürdige Ereignisse dokumentierte und verbreitete.

Viele wichtige Ereignisse der russischen Geschichte Anfang des 20. Jahrhunderts wurden von fotografischen wie auch grafischen Postkarten begleitet. Die Revolution von 1905, der Erste Weltkrieg und natürlich die revolutionären Ereignisse von 1917 wurden zu Postkartenmotiven. Der Informationshunger war so groß, dass sich damit viel Geld verdienen ließ. Das nutzten verschiedene revolutionäre Gruppen für ihre Finanzierung.

Ab 1907 wieder von der zaristischen Zensur unterdrückt, blühte das Genre nach der Februarrevolution 1917 erneut auf, als Propagandawerkzeug, um die Monarchie zu verspotten – und um bestimmte Deutungen der politischen Ereignisse zu etablieren.1

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Die Postkarten zeigen 1917 als Jahr vielfältiger revolutionärer Ereignisse und Demonstrationen.

Die Idee der Postkarte war eigentlich die eines amtlichen Formulars für einen Kurzbrief. Erst in den 1870er Jahren eroberten Bilder die Rückseite dieses Formulars, auf dem vorne ursprünglich nur die Adresse stand.

In Russland hatte die Regierung das Postmonopol und ließ erst 1898 die St. Jewgenia-Gesellschaft (der Verlag des Roten Kreuzes) für die Herstellung von Postkarten zu. Bis dahin war der russische Postkarten-Markt von Importen aus Westeuropa bestimmt. 1905 erhielt Alexej Suworin, Besitzer einer der größten Verlage, eine russlandweite Lizenz für die Bahnhofskioske, die auch Postkarten verkauften.

Revolutionäre Ereignisse im Postkartenformat

Die zeitgenössischen Postkarten zeigen 1917 als Jahr vielfältiger revolutionärer Ereignisse und Demonstrationen. Nach der Februarrevolution entfiel die Zensur, und Postkarten wurden von einer neuen Vielzahl größerer und kleinerer Hersteller und in- und ausländischer Verlage angeboten. Fotografen dokumentierten die Ereignisse und gaben häufig selbst Postkarten heraus. Teilweise erschienen dieselben Fotografien in der Presse und als Postkarten, auch bei unterschiedlichen Herstellern. Erst Anfang 1918 brachten die Bolschewiki den Markt unter ihre Kontrolle.

Die Februarrevolution erscheint auf den Karten als Volksaufstand mit Menschenmassen in den Straßen Petrograds und abgebrannten Gebäuden in Moskau. Nach der Februarrevolution waren die Opfer und ihre Begräbnisse eines der ersten Motive der politischen Fotografie der neuen Machthaber. Allein anhand der Begräbnispostkarten ließe sich eine Chronologie der Ereignisse erstellen.

Der Tod und die Toten sind kein Tabu

Im März dokumentierten Postkarten die Toten und vor allem Prozessionen, welche die Form politischer Kundgebungen annahmen und die Särge zu feierlichen Begräbnissen in Gemeinschaftsgräbern auf dem Marsfeld begleiteten. Im Juli zirkulierten Postkarten mit Begräbnisprozessionen der im Zuge der bolschewistischen Juliaufstandes getöteten Kosaken mit ihren Pferden, und im November solche der (weniger zahlreichen) Opfer der Oktoberrevolution
Aufnahmen von Begräbnissen waren ein gängiges Motiv auch in der russischen Bildkultur des frühen 20. Jahrhunderts. Es war üblich, den Toten im Sarg mit der um ihn versammelten Familie für das Album zu fotografieren. In der professionellen Begräbnisfotografie wurden vor allem bei Soldatenbegräbnissen alle Stationen und Handlungen der Beisetzung dokumentiert.2 Hier wird die Postkarte zum Nachrichtenmedium. Der Tod und die Toten sind kein Tabu.

Ikonographie der Massen

Andere Karten zeigen politische Demonstrationen, etwa für die Rechte der Frauen oder die Unabhängigkeit Estlands. Auf den Bannern stehen als häufigste Losungen: „Es lebe die demokratische Republik!“, „Es lebe die Internationale!“ oder „Es lebe der Sozialismus“.

Für die dargestellten „Massen“, Arbeiter, Soldaten, Frauen, war es das erste Mal, dass ihnen sichtbar Macht zugeschrieben wurde. Der Umfang der Massen suggerierte eine Art Naturgewalt, die traditionelle Orte der Macht (öffentliche Straßen und Plätze im Zentrum, Regierungsgebäude) einnahm.3

Der 1. Mai war der erste revolutionäre Feiertag, der durch die Provisorische Regierung legalisiert wurde. Er wurde mit zahlreichen politischen Kundgebungen als Volksfest begangen. Die Regierung versuchte offenbar nicht, die zentralen Prospekte und Plätze der Stadt mit ihren eigenen Anhängern zu besetzen und sich dadurch zu legitimieren. Es ist nicht einmal klar, wer die Umzüge in Petrograd am 1. Mai 1917 organisierte. Menschenmengen mit Bannern, die Aufschriften wie Semlja i Wolja (Land und Freiheit) oder Sozialismus trugen, bewegten sich durch die Stadt und über die zentralen Plätze. Die Massen blieben auf den Postkarten führerlos, keine bekannten Revolutionäre oder Politiker tauchten auf, und die individuellen Züge der Menschen waren schwer auszumachen.

Diese Postkarten erschienen häufig in nummerierten Serien, sie wurden zu Bildstrecken, bei denen die Bilder durch ihre Anordnung eine Geschichte erzählten. Die genauen Datierungen in den Bildunterschriften etablierten eine Chronologie bedeutender Ereignisse.4 Die Massen lassen sich nur selten bestimmten politischen Strömungen zuordnen.

Kampf um Deutungshoheit und Ikonographie der Mächtigen

Die Postkarten als niedrigschwelliges Nachrichtenmedium waren nicht monopolisiert und bieten somit unterschiedliche Perspektiven auf die Ereignisse. Von verschiedenen Seiten herausgegeben eröffnen sie den Kampf um Deutungshoheit.

Die Postkarten mit bewegten Massen suggerieren die tiefe Verwurzelung des Sowjets in der Bevölkerung, Schwung und Tatkraft. Zugleich wird hier die Aneignung eines alten Ortes der Macht (Parlament) durch die neue Bewegung symbolisch ins Bild gesetzt – der Sowjet tagte in einem Flügel des Taurischen Palais, die Provisorische Regierung im anderen.

Die Provisorische Regierung stellte den revolutionären Narrativen ihre eigene Deutung der Ereignisse gegenüber. Sie war aber in sich zerstritten und hatte keine konsistente Kultur- und Pressepolitik. 1917 erschienen dennoch mehrere Postkarten mit Porträts der Regierungsmitglieder. Bald konzentrierten sich die Postkartenhersteller auf die charismatische Persönlichkeit Kerenskis. Glaubt man den zeitgenössischen Postkarten, wandelte sich sein öffentliches Image vom verehrten Staatsmann über den volksnahen Kriegsminister in einfacher Soldatenuniform hin zum arroganten, von seiner Macht korrumpierten Politiker, der die Privilegien des Palastlebens genoss.5

Oktoberrevolution als Leerstelle

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass es zum Staatsstreich im Oktober keine dokumentierende Postkarte gibt. Die Oktoberrevolution bleibt zunächst in der visuellen Kultur eine Leerstelle. Die Bolschewiki inszenierten ihren Staatsstreich als Gründungsmythos, der aber erst anhand der Prozessionen zum ersten Jahrestag der Revolution 1918 sichtbar wird.6

Von der Eroberung der Macht wurden später pseudo-dokumentarische Bilder hergestellt, die besser waren als die Wirklichkeit, da sie stürmende Massen zeigten wo es keine gegeben hatte. In einem Bildband zum fünften Jahrestag der Oktoberrevolution wurde ein Foto des „Sturms auf das Winterpalais“ veröffentlicht, das offensichtlich retuschiert war. Es handelte sich um die Aufnahme einer Probe für ein Massenspektakel, das 1920 zum Jahrestag der Oktoberrevolution am Originalschauplatz aufgeführt wurde. Aus der Aufnahme wurden die Zuschauer und der Regieturm wegretuschiert, aber der Sowjetstern über dem Portal verrät die nachträgliche Inszenierung.7 Die Unterscheidung zwischen Leben und Theater verwischte im Sowjetregime. Das gilt auch für Sergej Eisensteins Film Oktober. Gedreht zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution, wurden die nachgestellten Aufnahmen später als authentisch wahrgenommen und zu Ikonen der Revolution. 

Postkarte aus der Serie „Tage der Februarrevolution“. Abgebrannte Gebäude des politischen Gefängnisses „Litauer Schloss“ in Petrograd. Viele Postkarten dieser Serie haben auf der Rückseite keinen Aufdruck und sind von Hand beschriftet.
„Prächtige Bergäbnisse der Revolutionsopfer“. Trauerprozession auf dem Newski-Prospekt in Petrograd. Nach der Februarrevolution waren die Opfer und ihre Begräbnisse eines der ersten Motive der politischen Fotografie der neuen Machthaber. Allein anhand der Begräbnispostkarten ließe sich eine Chronologie der Ereignisse erstellen.
„Prächtige Begräbnisse der Revolutionsopfer. Gemeinschaftsgrab auf dem Marsfeld“ in Petrograd. Für die Revolutionäre sind die Begräbnisse die Möglichkeit, öffentliche Räume zu besetzen. So bestatten sie ihre Toten nahe den Orten der Macht: in Gemeinschaftsgräbern auf dem Marsfeld in Petrograd oder an der Kremlmauer in Moskau.

Die Provisorische Regierung am Gemeinschaftsgrab auf dem Marsfeld in Petrograd. Begräbnisse bieten die Gelegenheit, die Opfer für sich und die Ziele der eigenen Bewegung zu reklamieren und zu Märtyrern zu machen.
Begräbnisprozession der „Kämpfer für die Freiheit“ in Petrograd. Die Überschrift auf dem Gebäude des Gostini Dwor„Ihr seid als Opfer gefallen” weist auf ein Revolutionslied hin.

Tote sind für die Postkarten kein Tabu.
(Postkarte aus der Sammlung Familie Gribi, Büren a. A.).
„Imposante Frauendemonstration vor der Staatsduma“. In Petrograd markiert eine Demonstration zum Internationalen Frauentag den Auftakt zur Februarrevolution. Die Frauen fordern Brot und Frieden, daneben klagen sie aber auch grundlegende Rechte ein, wie das Wahlrecht.
Revolutionäre Ereignisse erschüttern nicht nur Petrograd, sondern auch Moskau. Zum gewöhnlichen Postkartenmotiv der Serie „Moskau in den Tagen der Revolution“ werden abgebrannte und zerstörte Gebäude sowie die Parade auf dem Roten Platz. Diese Postkarte zeigt die „Ankunft [General] Grusinows mit seinem Stab bei der Parade“.
Eine Massendemonstration vor dem Hotel Metropol in Moskau am 12.3.1917, während der Februarrevolution. Weitere Karten mit demselben Motiv auf anderen zentralen Plätzen der Stadt zeigen die große Beteiligung an den Aufständen.
Revolution bedeutet auch Umwälzungen an der Peripherie des Russischen Reiches. Viele nationale Minderheiten gehen ebenso auf die Straße und fordern Unabhängigkeit. Auf der Postkarte ist eine estnische Kundgebung am 26. März 1917 in Petrograd zu sehen. „Es lebe die demokratische Republik und das autonome Estland“ steht auf dem Plakat.
Demonstrationen mit den Bannern „Es lebe die Republik Russland, es lebe die Internationale!“ finden auch in Kleinstädten und Dörfern statt. Bilder von politischen Demonstrationen in Kleinstädten der Provinz sollen die Verwurzelung der Sowjets belegen und die neuen Machthaber legitimieren. Die Verankerung ihres Herrschaftsanspruchs jenseits der Zentren ist für die Bolschewiki in den ersten Jahren ein zentrales Problem.
Der 1. Mai ist der erste revolutionäre Feiertag, der durch die Provisorische Regierung legalisiert wurde. Er wird mit zahlreichen politischen Kundgebungen als Volksfest auf den wichtigsten Schauplätzen der revolutionären Ereignisse begangen.
1. Mai 1917 auf dem Schlossplatz: Auf den Bannern steht „Es lebe die demokratische Republik“ und „Es lebe der Sozialismus“. Die leuchtende Zukunft wird – im Einklang mit der sozialistischen Ikonografie – von einer Frau vor aufgehender Sonne verkörpert.
Politische Demonstration am 18. Juni 1917 in Petrograd.
Viele Postkarten haben eine satirische Funktion. Auf dieser Postkarte wird die Monarchie verspottet. Im Luftraum über einer Schar Soldaten schwebt das hineinmontierte Konterfei des letzten Zaren Nikolaus II.. Ein Soldat hält ein ebenfalls nachträglich hineinmontiertes Banner mit der Aufschrift: „Weg mit der Monarchie, es lebe die Revolution!“, während der Zar „zum Wohle der Menschheit auf den Thron verzichtet“. Die Karte wurde von einem vermutlich belgischen Verlag Somville herausgegeben.
Sitzung der Provisorischen Regierung in Petrograd. Die wohlgeordneten Reihen, die Kleidung und die Porträts an den Wänden bezeugen: Hier tagt eine politische Elite.
Im selben Gebäude tagt auch der zweite „Flügel“ der Doppelherrschaft – der Petrograder Sowjet der Arbeiter und Bauern-Deputierten. Hier gibt es scheinbar deutlich mehr Volksnähe als in den Reihen der „kapitalistischen Minister”. 
(Postkarte aus der Sammlung Familie Gribi, Büren a. A.).
Die Köpfe der Provisorischen Regierung vom Februar 1917 in Petrograd.
1917 erscheinen dennoch mehrere Postkarten mit Porträts der Regierungsmitglieder. Bald konzentrieren sich die Postkartenhersteller auf die charismatische Persönlichkeit Kerenskis.
Nach dem Oktoberumsturz nutzen die Bolschewiki die Postkarten als wichtiges Propagandamedium. Hier haben wir es mit einer der ersten solcher Postkarten zu tun. Das Ausscheiden Russlands aus dem Krieg war eines der ersten Dekrete Lenins. Die Postkarte mit den Soldaten, die jubelnd ihre Mützen schwenken dürfte gestellt sein. Die Retusche blendet den Hintergrund aus und malt einem der Soldaten eine leuchtend rote Fahne in die Hand. Die Karte wurde von Hand mit den Losungen „Fort mit dem Krieg“ und „Alle Macht den Sowjets!“ beschriftet. Auf der Adress-Seite sind, als Zeichen der staatlichen Aneignung des Postkarten-Diskurses, das Staatsemblem der RSFSR  sowie ein Emblem der Post abgedruckt. Damit wird der offizielle Status der Karte betont. Das alles weist auf eine höhere Auflagenzahl hin.
Diese Postkarte zeigt Umzüge am ersten Jahrestag der Oktoberrevolution. Hier ist der Schlossplatz im Bild, der nach dem ermordeten Vorsitzenden der Tscheka in Urizki-Platz umbenannt worden ist. So werden systematisch die zentralen Orte der Macht angeeignet und besetzt, durch Umbenennungen, Dekorationen, sowie auch durch Menschenmassen.
Aufnahme von Revolutionsführer Wladimir Lenin am Schreibtisch, die Prawda lesend. Die eigentliche Lenin-Ikonografie gewinnt erst während seiner Krankheit und nach seinem Tod an Bedeutung, also ab 1922 bzw. 1924.
Die Aufnahme von Lenin auf der Rednertribüne aus dem Jahr 1920 hat es aus mehreren Gründen zu einiger Berühmtheit gebracht. Erstens zeigt sie Lenin in einer ikonischen Pose, die Mütze in der Hand, als Redner und aktiven Anführer der revolutionären Massen: Diese erscheinen auf zahlreichen Postkarten des Revolutionsjahres führerlos, hier gelingt nun die visuelle Verbindung der Menschenmenge mit einer visionären Führerpersönlichkeit in idealer Weise. Wegen seiner Ausdrucksstärke wurde das Bild zum Teil der kanonisierten Lenin-Ikonografie. Weil auch die Fotografie häufig reproduziert wurde, fanden mit der Zeit einige Retuschen statt, mit deren Hilfe etwa der in Ungnade gefallene Trotzki von der Treppe entfernt wurde.
(Postkarte aus der Sammlung Familie Gribi, Büren a. A.).
Feiern des fünften Jahrestages der Oktoberrevolution 1922 auf dem Roten Platz in Moskau. Für die Parade werden „Dreadnought“-Schiffe der Marine nachgebaut, um die sowjetische Flotte zu repräsentieren. Der Aufdruck auf der Adress-Seite offenbart den wohltätigen Zweck der Postkarte: Sie dient dem Allrussischen Hilfs-Komitee für Kranke und Verletze der Roten Armee und der Kriegsinvaliden. Damit läuft der Zweck der Karte dem heroischen Narrativ auf der Vorderseite entgegen: Es tut sich ein Riss auf zwischen den heroischen Soldaten auf ihren Artillerieschiff-Attrappen während der Parade und der ernüchternden Realität des Kriegselends.

Text: Monica Rüthers
Veröffentlicht am 01.11.2017

Die Postkarten wurden von den Sammlern Michail Woronin (St. Petersburg) und Familie Gribi (Büren a. A.) dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.​


Zum Weiterlesen:
Rowley, Alison  (2013): Open Letters: Russian Popular Culture and the Picture Postcard 1880-1922, Toronto
Hoerner, Ludwig  (1987): Zur Geschichte der fotografischen Ansichtspostkarte, in: Fotogeschichte, Heft 26, S. 29-44
Tropper, Eva (2015):  Kontakte und Transfers: der Ort der gedruckten Fotografie in einer Geschichte der Postkarte, in: Ziehe, Irene/Hägele,Ulrich (Hrsg.): Gedruckte Fotografie: Abbildung, Objekt und mediales Format, Münster, S. 216-234

1.bridgeman blog: The Russian Revolutions of 1917
2.Bojcova, Ol’ga (2012): Ne smotri ich, oni plochie: fotografii pochoron v russkoj kul’ture, in: Antropologičeskij Forum № 12/2012, S. 327-330 und S. 442-463, hier S. 451
3.Rowley, Alison (2013): Open Letters: Russian Popular Culture and the Picture Postcard 1880–1922, Toronto, S. 214
4.Rowley, Open letters, S. 214
5.Rowley, Open letters. S. 218-219
6.Es existieren allerdings Bildpostkarten von Begräbnissen der Opfer in einem Gemeinschaftsgrab im Park des Forstinstitutes
7.Neue Zürcher Zeitung: Das Verschwinden des Theaters: Wie sich eine Retusche am Bild der Oktoberrevolution als politische Allegorie lesen lässt
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Oktoberrevolution 1917

Eine Woche vor jenem Ereignis, das als „Oktoberrevolution“ in die Geschichte eingehen sollte, notierte der Schriftsteller Maxim Gorki: „Eine unorganisierte Menge, die kaum weiß, was sie will, wird sich auf die Straße wälzen, und in ihrem Gefolge werden Abenteurer, Diebe und professionelle Mörder ‚die Geschichte der russischen Revolution machen‘.“1 Gorkis Furcht vor einer Gewaltexplosion sollte sich bewahrheiten. Die Geschichte der russischen Revolution und des daraus resultierenden Bürgerkriegs war eine Geschichte blutiger Konflikte und brutaler Auseinandersetzungen.

Die radikalsten unter den russischen Sozialisten, die Bolschewiki unter ihrem Führer Wladimir Lenin, waren dabei die treibenden Kräfte. Ihr Staat, die Sowjetunion, entstand aus der erbarmungslosen Gewalt, mit der sie ihren Herrschaftsanspruch durchsetzten und die Bevölkerung des Vielvölkerreichs unterwarfen. Ungeachtet dessen verbanden Menschen in aller Welt mit dem Staatsbildungsprojekt der Bolschewiki das Versprechen auf eine bessere Zukunft. In dieser Perspektive markierte die Oktoberrevolution den Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Zu Beginn des Jahres 1917 befand sich das Russische Imperium in einer tiefen Krise. Der seit 1914 andauernde Erste Weltkrieg überforderte das Land in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht. Im Februar gingen in der russischen Hauptstadt Petrograd die Menschen auf die Straße und forderten eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln. Die Unruhen weiteten sich rasch aus und führten innerhalb weniger Tage zum Sturz des letzten russischen Zaren: die Februarrevolution in Russland. Nach der Abdankung Nikolaus‘ II. etablierte sich in Petrograd die sogenannte „Doppelherrschaft“. Formal übernahm eine Provisorische Regierung die Amtsgeschäfte, bis eine konstituierende Versammlung über die Zukunft des Reiches entscheiden sollte. Doch die Regierung war abhängig von den Räten der Arbeiter und Soldaten, den Sowjets. Diese verstanden sich als Vertreter jener, die die Revolution „gemacht“ hatten.

Im Verlaufe des Jahres 1917 radikalisierten sich die Sowjets zusehends angesichts der immer weiter um sich greifenden sozialen und militärischen Krise. Die Bolschewiki, die vor dem Ausbruch der Februarrevolution noch eine wenig bedeutende radikale Splittergruppe waren, profitierten davon. Ihre klaren Forderungen nach Brot, Frieden und Land wirkten anziehend auf viele, deren Hoffnungen sich nach der Februarrevolution nicht erfüllt hatten. Gleichzeitig wurden sie immer wieder als Handlanger der Deutschen bezeichnet; ein Verdacht der durch die spektakuläre Reise Lenins in einem verplombten Waggon durch die feindlichen Linien erhärtet wurde. Doch die öffentliche Meinung interessierte Lenin wenig. Er setzte auf den gewaltsamen Umsturz.

Mythos vom Ansturm auf das Winterpalais

Am 7. November 1917 war es soweit. Nach mehreren Tagen kaum verhüllter Vorbereitungen besetzten Soldaten und bewaffnete Arbeiter strategisch bedeutende Gebäude in der russischen Hauptstadt. Die Provisorische Regierung gebot schließlich nur noch über das Winterpalais am Ufer der Newa. Anders als die bildstarke Mythologisierung durch Sergej Eisensteins Film Oktober nahelegt, gab es keinen Ansturm der revolutionären Massen auf das Gebäude. Die wenig motivierten Verteidiger des Gebäudes ließen sich ohne große Gegenwehr entwaffnen. Lenin proklamierte vor dem in der Nacht zusammengetretenen Zweiten Allrussischen Sowjetkongress die Sowjetmacht. Denjenigen moderaten Sozialisten, die gegen diese Anmaßung protestierten, rief Leo Trotzki hinterher, sie sollten dorthin gehen, wo sie hingehörten: „Auf den Kehrichthaufen der Geschichte.“

Der Bolschewik, Ölgemälde von Boris Kustodijew (1920) © Gemeinfrei

In ihren ersten Beschlüssen griff die neue Regierung, der sogenannte Rat der Volkskommissare populäre Forderungen auf. Die bolschewistischen Machthaber erklärten sich zu sofortigen Friedensverhandlungen ohne jede Vorbedingung mit den Mittelmächten bereit, sie verfügten, dass der Boden jenen gehören sollte, die ihn bearbeiteten, und sie sprachen den Nationalitäten des russischen Imperiums das Recht auf Selbstbestimmung zu. Einige Zeit später wurden überdies die Nationalisierung der Banken sowie die Einführung der Arbeiterkontrolle in den Fabriken dekretiert. Indes verschärfte sich die Krise immer mehr: Der Krieg mit den Mittelmächten dauerte an, die Wirtschaft lag am Boden und die staatliche Ordnung war in weiten Teilen des Imperiums zusammengebrochen. Die Erosion etablierter Hierarchien führte in die Anarchie. Wie Gorki es prophezeit hatte, versank Russland in einem Chaos aus Gewalt, unkontrollierter Massenmigrationen, Epidemien, Versorgungsschwierigkeiten und militärischen Rückschlägen. Rasch wurde die Lage zu einer Bedrohung für die Bolschewiki selbst. Für die meisten Zeitgenossen im In- und Ausland stand deshalb fest, dass die neue Regierung bald der Vergangenheit angehören würde.

Doch die Bolschewiki konnten sich behaupten, weil sie radikaler und entschlossener als ihre Gegner vorgingen. Die im Januar 1918 zusammengetretene Verfassunggebende Versammlung ließen sie bereits nach einem Tag schließen, unliebsame Zeitungen wurden verboten und gegen massiven Widerstand in den eigenen Reihen war Lenin sogar bereit, den Mittelmächten weitreichende territoriale Zugeständnisse zu machen, um eine „Atempause“ für den Kampf im Inneren zu gewinnen. Das Regime errichtete eine brutale Gewaltherrschaft, die sich gegen tatsächliche und imaginierte Feinde richtete. Abertausende Menschen fielen dem Roten Terror zum Opfer und die Angst vor Repressionen trieb unzählige Angehörige der ehemaligen Eliten in die Emigration. Rücksichtslosigkeit war schließlich auch der Schlüssel für den Sieg im 1918 ausbrechenden Bürgerkrieg, der drei Jahre dauerte.  

Handelte es sich beim Umsturz der Bolschewiki um eine Revolution oder war er nichts anderes als ein Putsch? Der Streit darüber ist so alt, wie das Ereignis selbst und er ist bis heute mehr als ein akademisches Problem: Hängt doch die Legitimität des gesamten sowjetischen Projekts nicht zuletzt von der Antwort auf diese Frage ab. Für die sowjetische Geschichtsschreibung war die Sache klar. Hier resultierte die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ zwingend aus der Februarrevolution und markierte den Beginn einer neuen Ära in der Menschheitsgeschichte; den Triumph der unterdrückten Klassen über die kapitalistischen Ausbeuter. Dagegen wurde mehrfach eingewandt, dass der Oktober eine radikale Abkehr von den demokratischen Prinzipien des Februars darstellte und direkt in die Diktatur der Bolschewiki führte. Weitere Forschungskontroversen um die Revolutionen von 1917 entzündeten sich unter anderem daran, ob das Ende des Imperiums systemisch bedingt oder ob der Erste Weltkrieg entscheidend für die Ereignisse von 1917 war. In jüngerer Zeit sind die beide Revolutionen des Jahres 1917 zudem als Teil eines „Kontinuums der Krise“ (Peter Holquist) zwischen 1914 und 1921 interpretiert worden.2 In dieser Perspektive waren die Revolutionen eine Zeit kurzlebiger Hoffnungen und Utopien, vor allem aber waren sie Teil einer umfassenden sozialen und kulturellen Krise.„Doch die Bolschewiki konnten sich behaupten, weil sie radikaler als ihre Gegner vorgingen.“ © Gemeinfrei


1.Gorki, Maxim (1972): Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution, Frankfurt/Main, S. 87
2.Holquist, P. (2002): Making War, Forging Revolution. Russia’s Continuum of Crisis, 1914-1921, Cambridge
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