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Mit den Schafen – the Grand Tour

Zweimal im Jahr gehen sie auf große Tour: Die Schafe und der Schäfer. Milana Masajewa hat sie für Takie Dela in Dagestan begleitet – auf einem Extremweg in einem Leben ohne Schnickschnack.

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Von Machatschkala bis zum Winterquartier der Schafherde sind es zwei Stunden Taxifahrt. Von der asphaltierten Straße fahren wir auf einen Kiesweg, auf dem wir etwa eine Stunde lang dahinrumpeln. Bis zu unserem Zielort, dem Dorf Tamasatjube, will der Fahrer uns mit seinem Lada Priora nicht bringen: „Da gibt es keinen Weg, ich habe meinen Wagen auf der Fahrt hierher schon genug durchgerüttelt.“ Wir bitten den Schäfer Chalitbej, uns entgegenzufahren. Er kommt in einem alten Lada Niva ohne Rücksitz. Das Auto ist nur dazu da, die Schafe zu begleiten. Wir setzen unseren Fotografen in den Kofferraum und fahren noch etwa eine halbe Stunde.

Vater und Sohn

Drei Sofas, ein Ofen, der mit Dung geheizt wird, eine kleine Kochplatte mit angeschlossener Gasflasche, ein Tisch, Stühle und ein Fernseher – das ist die Wohnstätte, in der der Schäfer Chalitbej mit Frau und Sohn von Oktober bis Mai gelebt hat. Sein Helfer schläft in einem anderen Raum, noch bescheidener als der erste. 
Wir sind am letzten Tag des Winterquartiers hergekommen. Die Frau ist bereits zur Bergstation gefahren, um das Sommerhaus herzurichten. Der 19-jährige Sohn schläft im Auto, um für uns Platz zu machen. 
„Setzt euch, nehmt und esst. Gebratenes Hackfleisch, gekochtes Fleisch, Hauswurst, Käse. Alles von uns. In den Bergen gemacht“, sagt der Schäfer und häuft die restlichen Sachen zusammen, die sich morgen mit uns auf eine neuntägige Reise begeben werden. 

Der Schäfer Chalitbej / Foto © Jewgenija Shulanowa

„Ich bin als Schafzüchter und Hirte zur Welt gekommen. Mein Vater, Großvater, Urgroßvater, alle waren Schäfer. Außer mir machen das in der Familie auch noch zehn meiner Cousins. Ich will und kann jetzt gar nichts anderes, aber meinem Sohn wünsche ich etwas anderes. Dieses Leben ist hart. Man hat kein Wochenende und keine Ferien, keinen Urlaub. Außerdem: Schafhirte kann er ja immer noch werden, das kann er ja schon. Ich möchte, dass er studiert.“ Changirej, der Sohn des Schäfers, am Telefon / Foto © Jewgenija Shulanowa

Auftrieb der Herde / Foto © Jewgenija Shulanowa

Changirej trägt ein müdes Lamm / Foto © Jewgenija Shulanowa

„Esst noch was und schlaft dann gut, wir brechen um vier Uhr früh auf“, sagt Chalitbej. Um ein Uhr nachts schaltet er das Licht aus. Sein Helfer sieht noch einmal nach der Herde. Um halb vier – ich kriege kaum die Augen auf – stelle ich fest, dass schon alle auf den Beinen sind.   

Ökonomie der Schafherde

Für eine tausendköpfige Schafherde braucht man zwei, drei Leute. Zum Auftrieb der Herde hat Chalitbej einen Schaftreiber angeheuert. Er wird die Schafe, die am Weg auseinanderstieben, zusammenhalten. Der Schäfer zahlt ihm 1000 Rubel  [knapp 15 Euro – dek] pro Tag. Der Helfer hat einen noch verantwortungsvolleren Job. Er wird für ein ganzes Jahr angestellt und mit drei Schafen pro Monat entlohnt. Während des Auftriebs geht er voraus und führt die Herde an. Obwohl Chalitbej die ganze Zeit über bei den Schafen ist, kommt er nicht ohne Gehilfen aus. In unserer Runde ist der Helfer, ein Darginer, Chalitbej, ein Aware, und der Treiber, ein Kumyke. Sie haben alle verschiedene Muttersprachen, die sich stark voneinander unterscheiden, also sprechen sie miteinander Russisch. 

Der Auftrieb der Herde vom Tal in die Berge dauert acht bis zehn Tage, manchmal länger – je nach Wetter. Der Winterstall von Chalitbej befindet sich im Dorf Tamasatjube, die Sommerweide hoch in den Bergen, nicht weit von der Siedlung Gagatli. Wenn der Frost hereinbricht, legen die Hirten denselben Weg in die andere Richtung zurück. 

Der Helfer Magomed bewacht die Herde / Foto © Jewgenija Shulanowa

„Mein Cousin kauft sich für den Sommer tschetschenische Berge. Er zahlt mit Schafen“, erzählt der Schäfer. „Ich habe mir für die Sommerzeit eine Hochebene in der Nähe meines Heimatdorfs ausgesucht. Wenn ich eigenen Grund hätte, könnte ich mehr Schafe halten. Diese Option habe ich nicht. Ich muss für jeden Flecken zahlen.“  

Das Winterquartier der Schafherde hat eine Fläche von 250 bis 300 Hektar. Für den ganzen Winter zahlt der Schäfer 100.000 Rubel [knapp 1500 Euro – dek] an den Grundbesitzer, plus zehn Schafe für die Hütte. In der kalten Jahreszeit wächst kein Gras. Die Herdenbesitzer kaufen Heu dazu oder mähen in den Bergen Gras, um einen Vorrat anzulegen.  

Es gibt spezielle Schafe und Hammel, die für den Verkauf gemästet werden. Ihr Fleisch wird meist nach Moskau oder Sankt Petersburg geliefert. Früher wurden die Tiere einfach auf KAMAZ-Laster geladen und erst dort geschlachtet, jetzt darf man nur noch Fleisch transportieren. 
 „Wir verkaufen das Fleisch für 200 bis 220 Rubel [rund 3 Euro – dek] pro Kilo, die Zwischenhändler verkaufen es für 250 [3,60 Euro – dek], manchmal sogar 350 Rubel [rund 5 Euro – dek]. Das heißt, wir arbeiten das ganze Jahr über im Regen, im Schnee, und sie schlagen in ein oder zwei Stunden mehr heraus als wir. Ein Jammer ist das, aber was soll man machen? Das ist der Preis, teurer kriegen wir es nicht verkauft.“

Changirej und Bek treiben ein Schaf / Foto © Jewgenija Shulanowa

Am Morgen des ersten Auftriebtages legt Chalitbej Geschirr, Kleidung und Decken auf das Autodach, zieht eine Plane darüber und zurrt sie mit einem Strick fest. Der Kofferraum des Niva ist ebenfalls voll mit Sachen, doch in der rechten Ecke gibt es einen Spezialplatz, dort stellt der Schäfer eine leere Holzkiste hin: „Das ist die Rettung für meine Lämmer“, erklärt er, „heute machen sich ja nicht nur erwachsene Schafe auf die Reise, sondern auch kleine, die erst ein oder zwei Tage alt sind. Die sind noch ganz schwach. Wenn ich sehe, dass ein Schäfchen weit zurückbleibt und nicht laufen kann, dann setze ich es in diese Kiste.“ 
Während der Schäfer alles zusammenpackt, machen sich sein Sohn, sein Helfer und der Schaftreiber auf den Weg: Sie treiben die Herde aus dem Stall. Zwei Hunde gesellen sich dazu. 

Der Schäfer Chalitbej trägt ein müdes Lamm / Foto © Jewgenija Shulanowa

Chalitbej vertreibt seinen Hengst von einem fremden Pferd / Foto © Jewgenija ShulanowaUnsere tausendköpfige Herde läuft auf einem von anderen Herden ausgetrampelten Pfad. Links ein kleiner Kanal, in dem ein Bach fließt, rechts der Abstieg zu den Wiesen, auf denen die Schafe während der Rastpausen weiden können. Die restliche Zeit lässt man sie nicht ans Gras, „sonst dauert unser Umtrieb einen Monat“, lacht der Helfer.

Chalitbej ist 50 Jahre alt. Zwei Monate im Jahr wohnt er im Winterquartier im Tal, dann fährt er kurz in die Berge auf Heimaturlaub, dann wieder zurück zur Herde. 
„Hin und her, hin und her ... So geht es das ganze Leben ... Wenn ich zu Hause bin, denke ich die ganze Zeit, wie es wohl meinen Schafen geht. Mache mir Gedanken, wie ich alles am besten mache mit dem Futter, mit dem Schutz vor Krankheiten ...“, sagt der Schäfer leise, wie zu sich selbst, doch plötzlich besinnt er sich. „Denken Sie nicht, dass ich jammere. Auf keinen Fall. Das ist mein Leben, und ich bin froh, dass ich es habe.“  Die Badestelle der Schafe / Foto © Jewgenija Shulanowa

Die Schafherde beim Baden / Foto © Jewgenija Shulanowa

Die Herde kehrt aus den Bergen zurück / Foto © Jewgenija Shulanowa

Terroristen auf der Weide

Während die Herde sich langsam vorwärtsbewegt, geht der Schäfer herum und schaut, welche Lämmer er in den Kofferraum setzen muss. Er findet vier. Zwei setzt er in die „Wiege“, zwei beim Schaftreiber in die Satteltaschen. 
Chalitbej füttert seine Hunde Rex und Linda mit Brot, das seine Frau gebacken hat. „Waffen dürfen wir nicht mitnehmen, die Hunde sind der einzige Schutz vor wilden Tieren.“ Auf meine Frage, ob es Fälle gegeben hat, wo sie eine Waffe gebraucht hätten, erinnert sich der Schäfer an eine Begebenheit. 

 „Unser Dorf Gagatli liegt direkt an der Grenze zu Tschetschenien. 1999 haben Terroristen versucht, meinen Aul zu überfallen. Wir waren ihr erstes Hindernis auf dem Weg nach Dagestan. Wir hatten wenig Waffen, nur ein paar Maschinenpistolen, die wir damals auf dem Schwarzmarkt wiederum Tschetschenen abgekauft hatten. Dieser Markt war die Grenze zwischen unserem Dorf und Tschetschenien. Die Pistolen hatten wir gegen Schafe eingetauscht. So erfuhren wir, dass es in Tschetschenien sehr viele Waffen gibt. 

Changirej / Foto © Jewgenija Shulanowa

Ruhepause während des Auftriebs / Foto © Jewgenija Shulanowa

Gewichte werfen während des Auftriebs / Foto © Jewgenija Shulanowa

Als wir rauskriegten, dass Terroristen an die Grenze unseres Dorfes heranrückten, beschlossen wir Dorfbewohner, ein paar Stützpunkte mit sieben, acht Leuten aufzuschlagen. Terroristen gab es etwa zehnmal so viele. Wir schossen aus allem, was wir hatten, weil sie uns umzingelten und  den Kreis enger zogen. Im Gegenzug schossen sie aus Maschinengewehren und AGS – das ist so ein automatischer Granatwerfer. Wir hielten uns zwei, drei Tage, bis die Soldaten kamen. Dann bewachten wir bis Ende Dezember zusammen mit ihnen das Dorf. Wir haben durchgehalten“, beendet der Schäfer seine Erzählung.

Die ersten vier Tage des Auftriebs durchwandern wir eine Ebene. Am ersten Tag legen wir etwa 30 Kilometer zurück, in den nächsten Tagen 20 bis 25. Am dritten Tag kommen wir in Chassawjurt an. Hier gibt es spezielle Bäder für Schafe. Sie werden in Wasser gebadet, in das ein Zeckenmittel gemischt ist, das die Herde den ganzen Sommer über schützt. 
Die Entfernung, die wir vom Winterquartier bis zur Sommerweide zu Fuß zurücklegen müssen, beträgt 176 Kilometer. Der Auftrieb geht manchmal langsam, manchmal schnell voran. Mittagspause ist um elf oder zwölf Uhr.   

Schwierigkeiten im Schäferleben

Der Schäfer, der Sohn, der Helfer und der Schaftreiber tischen auf: ein großes Stück Käse, frisches Brot, Trockenfleisch und Hauswurst. Ein bisschen Gemüse gibt es, aber das wird kaum eines Blickes gewürdigt. „Wozu Gemüse, wenn es so gutes Fleisch gibt?“, lacht der Schäfer. „Meine Frau schimpft immer, dass ich mir mit lauter Fleisch und Teig den Magen verderbe, aber ich sage immer: ‚50 bin ich geworden, ohne je über den Magen zu klagen!‘ Und weißt du, was das Geheimnis ist? Ich liege nicht auf der Couch. Wenn man viel arbeitet, ist der Körper gesund, dazu muss man nicht unbedingt Gemüse essen. Schlecht geht es mir, wenn ich zu lange zu Hause bin. Aber hier fühl ich mich wohl, unterwegs bin ich nie krank.“

Changirej ruht sich aus / Foto © Jewgenija Shulanowa

Schaftreiber Bek schläft / Foto © Jewgenija Shulanowa

Magomed und Linda erholen sich / Foto © Jewgenija Shulanowa

Den Weg, über den der Schäfer seine Herde führt, hat sein Großvater schon vor der Revolution ausgewählt, als er noch ganz jung war. In der Sowjetzeit war der Viehtrieb über diese Route verboten, den Transport der Schafe vom Tal in die Berge und zurück hat die Kolchose erledigt, mit einer speziellen Technik. Heute kann man sich auch einen KAMAZ mieten, die Herde aufladen und hinauffahren, aber das ist für Chalitbej unerschwinglich.   

Changirej / Foto © Jewgenija Shulanowa

Bek treibt ein Schaf / Foto © Jewgenija ShulanowaDass sich die Regierung nicht kümmert, ist dem Schäfer egal: „Natürlich wäre es wünschenswert, dass es staatliche Unterstützung gäbe, ich würde Schäfer einstellen und hätte selbst Zeit für andere Dinge, doch es ist auch so nicht schlecht. Meine Vorfahren haben früher ohne staatliche Hilfe Schafe gezüchtet.“

Der Tag eines Schäfers geht so früh zu Ende, wie er beginnt. Schon gegen sechs Uhr abends bereiten wir das Nachtlager unter freiem Himmel vor. Der Schäfer spannt eine Plane über Holzpfähle, der Sohn zündet ein Feuer an, der Helfer stellt Essen und Geschirr bereit, der Treiber hält die Herde zusammen und spannt die Pferde aus. 

Die Herde / Foto © Jewgenija Shulanowa

Der Verlust der ersten drei Tage: ein braunes Schaf. Der Schäfer hat es fast die ganze Strecke im Kofferraum transportiert, doch es ist nicht wieder auf die Beine gekommen. Er nimmt es vorsichtig auf den Arm und berät sich mit seinen Begleitern, was man da machen soll. Sie kommen zu dem Schluss, dass das Schaf den nächsten Morgen nicht erlebt. Um es von seiner Qual zu erlösen, bringt es der Schäfer hinter die Felswand und schneidet ihm dort die Kehle durch. Er begräbt es gleich dort und kommt zurück. Seine Laune ist sichtlich getrübt. Wir sitzen am Feuer und spülen das Fleisch mit Tee hinunter.  

„Was ist das Schwerste am Schäferleben?“, frage ich.
„Wenn ein Schaf stirbt. Du siehst, wie es leidet, Schmerzen hat, und kannst nichts tun. Es bleibt dir nichts anderes übrig als das, was ich heute getan habe. Nicht, weil es mir leid um das Geld wäre, das ich mit ihm hätte verdienen können, das ist etwas anderes. Viel Gewinn hab ich sowieso nicht. Mit dem Geld, das ich mit dem Verkauf von Schaffleisch verdiene, kaufe ich Heu und Gerste. Ich versorge die Familie mit Essen und Wohnraum und versorge die Herde – das ist schon mein ganzer Gewinn.“ 
Chalitbejs Familie ist nach hiesigen Maßstäben klein: ein Sohn, zwei Töchter. Er hatte noch einen Sohn, einen älteren. Der starb mit 16 Jahren infolge einer Fehldiagnose. Seine Frau, die Mutter seiner Kinder, starb ebenfalls, 2009 an Krebs. „Meine erste Frau hat oft mit mir zusammen Schafe gehütet. Sie ging in die Berge und ins Tal. Die jetzige unterstützt mich auch in allem. Ich verstehe schon, dass es nicht leicht ist, die Frau eines Schäfers zu sein, aber ohne ihre Unterstützung würde ich nicht zurechtkommen.“  

Changirej sieht im Nebel nach den Schafen / Foto © Jewgenija ShulanowaIm Dorf Gagatli hat Chalitbej ein Haus, in dem er ganz wenig Zeit verbringt. Während der Weidezeit im Sommer holt er von Gagatli Lebensmittel, oder er fährt hin, wenn jemand heiratet oder begraben wird. Im Aul leben gut 1000 Menschen: Fast alle sind mit Chalitbej verwandt und betreiben Viehzucht. Früher fuhren viele für Zuverdienstmöglichkeiten in den Norden oder auf Baustellen, doch jetzt macht kaum jemand einen Nebenjob. „Die Bewohner meines Dorfes sind mal nach Sotschi gefahren, als dort die Olympischen Spiele vorbereitet wurden. Haben irgendwas gebaut. Haben ein paar Monate gearbeitet und dann keinen Lohn bekommen. Der Brigadier ist mit dem Geld durchgebrannt, hat ihnen die Leitung erklärt. Sie konnten nichts machen, seitdem fahren unsere Männer nicht mehr auf Baustellen. Da sind sie lieber zu ihren Schafen zurückgekommen“, lacht der Schäfer.  

Ein Rudel Schakale und ein einsamer Wolf

Die fünfte Nacht des Auftriebs bricht am Fuße der Berge über uns herein. Wir übernachten wieder unter freiem Himmel, neben uns rauscht ein breiter Fluss. Der Wind ist deutlich stärker und kälter als in der Ebene. Die Plane, die als Dach dient, reißt es ständig herunter, und plötzlich beginnt es, wie aus Eimern zu schütten. Die Fotografin und ich dürfen uns im Auto verkriechen, die anderen achten nicht auf den Regen.  

Wegen des Regens wird im Zelt zu Abend gegessen / Foto © Jewgenija Shulanowa

Schäfer Chalitbej / Foto © Jewgenija Shulanowa

 

Ziegen / Foto © Jewgenija ShulanowaDa dringt vom nahen bewaldeten Hügel ein Bellen herüber, wie von Hunden. Man hört, dass es ein großes Rudel sein muss. Unsere Gruppe lässt sofort alles fallen und horcht konzentriert auf. Wieder hört man das Bellen. Als erstes echot der Schäfer. Er formt die Hände zu einem Trichter und gibt genau denselben Laut von sich, in die Richtung gewandt, woher das Bellen kommt. Nach ihm wiederholen sein Sohn, der Schaftreiber und der Helfer genau dieselben Laute. Diese Rufe gehen ein paar Minuten so weiter. Als sie sicher sind, dass das Rudel in den Bergen nicht mehr zurückbellt, widmen sich die Leute wieder ihren Beschäftigungen. 

Da haben die Schakale den Geruch der Schafe gewittert und überprüft, ob die Herde bewacht ist. Wenn man die nicht abschreckt, ihnen nicht zeigt, dass viele Menschen bei den Schafen sind, greifen sie möglicherweise an. Schakale sind schwächer als Wölfe, aber wenn es viele sind, sind sie gefährlicher. Wölfe greifen einzeln an, höchstens zu zweit. Sie machen das leise. Manchmal sieht man erst bei Tagesanbruch die gerissenen Schafe. Das Gefährliche am Wolf ist, dass er bei einem Angriff mehrere Schafe reißen kann. Eines nimmt er mit, und ein paar lässt er tot liegen. Er beißt direkt in die Kehle, die Schafe bekommen nicht einmal mit, was geschieht. Die Schakale hingegen sind immer laut, man kann sie mit Lärm auch abschrecken.  

Übernachtung im Schäferhaus / Foto © Jewgenija Shulanowa

6. Tag: Das gefährlichste Stück Weg

Am sechsten Tag des Auftriebs sind wir in den Bergen. Und zwar ganz plötzlich: Die ganze Zeit gingen wir eben dahin, und auf einmal tut sich ein steiler Abhang vor uns auf, und ein ebenso steiler Aufstieg führt auf den Berg daneben. Zwischen den Bergen fließt ein Bach, über den, unten angekommen, zuerst der Helfer springt, woraufhin ihm die ganze Herde folgt. Aufstieg wie Abstieg sind schwierig. Der Nebel bringt Feuchtigkeit, wie nach einem Regenschauer. Der Abstieg erscheint fast vertikal, man kann jeden Moment abrutschen und in die Tiefe stürzen. Festen Halt gibt es keinen, und das einzige, worauf du dich verlassen kannst, ist der Wanderstock. Der muss so stabil sein, dass er einen ganzen Menschen aushält. Wir steigen hintereinander hinab. Keine Sicherung. Am Grund der Schlucht kommt es uns vor, als sei das Schlimmste vorbei, denn der Aufstieg ist nicht so steil. Die Knie schlottern nach dem Abstieg, die Hände sind müde vom andauernden Aufstützen auf den Stock. Beim Aufstieg haben wir Angst zurückzublicken.

 Die Schafherde / Foto © Jewgenija Shulanowa

Ein krankes Schaf / Foto © Jewgenija Shulanowa

Am schnellsten überwinden die Schafe die Strecke. Der Schäfer sagt, das sei nur am Anfang der Wanderung so, später würden auch die Schafe müde. So ist es dann auch. Am zweiten Gipfel angekommen, sehe ich, wie sich die Schafe auf dem Plateau verteilen und im Stehen einschlafen.

„Wir müssen uns beeilen. Wenn sich der Nebel senkt, stecken wir lange fest“, mahnt Chalitbej zur Eile, und der Nebel lässt nicht auf sich warten. Er ist so dicht, dass man auf ein, zwei Meter Entfernung nichts mehr sieht. Die Herde kommt jetzt nur ganz langsam voran. Die Schafe können sich im Nebel verlaufen oder in Büschen stecken bleiben und verloren gehen. Wenn sie in den Nebel eintauchen, verlassen sich die Schäfer nur auf ihre Intuition. 

Als wir durch das Nebelfeld hindurch sind, stehen wir wieder vor einem Berg. Er ist nicht so steil, dafür viel höher als die ersten beiden. Oben verspricht man uns die langersehnte Rast und ein Nachtlager. Die Bezwingung dieser Höhe nimmt weitere eineinhalb Stunden in Anspruch. 

Auf 2700 Metern

Die Nacht in den Bergen ist ganz anders als im Tal und sogar im Vorgebirge. Hier hängen die Sterne tiefer, es sind mehr, die Luft ist sehr dünn, und die Übelkeit wird zum ständigen Begleiter. Mitten in der Nacht kommt starker Wind auf, der fast unser Zelt in den Abgrund trägt.

Die Müdigkeit ist so bleiern, dass man weder Kälte noch Höhenangst verspürt. Man findet sich damit ab, dass man jederzeit fallen kann, verlässt sich vollkommen auf den Wanderstock, steigt gemächlich von einem Berg auf den nächsten. Die Ziegen klettern hier wirklich über Felsen, auf denen fast keine Vorsprünge sind, die Schafe können diagonal auf einem Berg stehen.

Dann hast du es bis zum Weideplatz geschafft, denkst daran, dass du 176 Kilometer hinter dir hast und bist stolz. 

Chalitbej treibt die Herde / Foto © Jewgenija Shulanowa

Chalitbej / Foto © Jewgenija Shulanowa

Der Schäfer atmet indessen erleichtert auf und beginnt, die Sachen auszupacken. Hier wird er fast fünf Monate verbringen, und man sieht, er ist glücklich. Er hat inzwischen noch zwei Lämmer verloren, die zu klein für einen so schwierigen Weg waren. 
Chalitbej lässt den Helfer bei der Herde und fährt mit dem Schaftreiber nach Gagatli. Dort wartet heißes Chinkal auf ihn, Tschudu und ein Bad. 
Bevor wir gehen, machen wir ein gemeinsames Foto und lassen Schlafsack und Thermosflasche zurück für die, die sie notwendiger brauchen.
„Kommt im Herbst wieder, runter geht’s leichter als hoch“, sagt der Schäfer lachend zum Abschied.  

Text: Milana Masajewa
Fotos: Jewgenija Shulanowa
Übersetzung: Ruth Altenhofer
erschienen am 17.04.2019

 

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Tschetschenien

Im Laufe der Geschichte war das Gebiet des heutigen Tschetscheniens von verschiedenen Imperien beherrscht und unterlag dabei wechselnden kulturellen, religiösen und politischen Einflüssen.1 Die Wainachen, eine ethnologische Gruppe, zu der Tschetschenen und Inguschen gehören, brachten keine eigene Geschichtsschreibung hervor. Daher beruht die Quellenlage vor dem 19. Jahrhundert vor allem auf der Rekonstruktion der Geschichte anhand archäologischer Funde. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert christianisierte Georgien einen Teil der wainachischen Bevölkerung, die bis dahin einer Naturreligion anhing.2 Nach der mongolischen Eroberung Ende des 14. Jahrhunderts begann der allmähliche Übertritt zum Islam, der sich über mehrere Jahrhunderte hinzog.

Kolonialisierung

Die Beziehungen zwischen Russen und Tschetschenen sind geprägt von Kolonialisierung und reichen bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. Damals trafen die Kosaken Iwans des Schrecklichen mit der Bevölkerung der Siedlung Tschetschen-Aul zusammen. Nach dem Namen dieser Siedlung wurden die Bewohner der Region in der Folgezeit Tschetschenen genannt. Selbst nennen sie sich Nochtschi. 
Während der Smuta zog sich Russland zunächst weitgehend aus dem Kaukasus zurück, bevor es 1739 den Kampf gegen die Bergvölker eröffnete. Die eigentliche Kolonialisierung begann aber 1817 mit dem Kaukasuskrieg. Russland gründete 1818 die Festung Grosnaja (dt. die Furchtgebietende, 1870 ging daraus die heutige Hauptstadt Grosny hervor) und stellte sich den Truppen von Imam Schamil – ein Dagestaner, der von 1834 bis 1859 den militärischen Widerstand anführte und dabei auch brutal gegen Stämme vorging, die ihm ihre Loyalität verweigerten. Er wurde später deshalb zur nicht unumstrittenen legendären Identifikationsfigur für Tschetschenen. Der Krieg dauerte bis 1864, viele Historiker beschreiben den Widerstand als den vehementesten in der russischen Kolonialgeschichte. Hunderttausende Menschen starben, schätzungsweise über eine halbe Million Menschen wurden vertrieben. 

In dieser Zeit ging Tschetschenien in die russische Literatur ein – etwa bei Alexander Puschkin, Michail Lermontow oder Lew Tolstoi. Ähnlich wie im Westeuropa dieser Zeit entstanden dabei orientalistische Narrative, die zwischen Romantizismus und Überlegenheitsgefühl schwankten: Kaukasier galten darin einerseits als eine Art „edle Wilde“, andererseits aber auch als solche „Wilden“, die es zu „zivilisieren“ gilt. Dieser Orientalismus führte bei vielen in Russland zur Herausbildung einer Distinktion: Kaukasier wurden zu den „Anderen“.3 
  

Verfolgung und Diskriminierung

Im Ersten Weltkrieg kämpften tschetschenische und inguschische Heere schon zusammen auf der Seite Russlands. Doch nach der Oktoberrevolution proklamierte die Bergrepublik im Mai 1918 ihre Unabhängigkeit. Im März 1920 eroberte die Rote Armee Grosny. Tschetschenien wurde sowjetisch und zusammen mit Inguschetien in die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik eingegliedert – Gorskaja ASSR. 
In den folgenden Jahrzehnten gab es vereinzelt Aufstände gegen die Besatzungsmacht, die stets niedergeschlagen wurden. Wie auch in der übrigen Sowjetunion wurde zudem die religiöse Infrastruktur weitgehend zerstört, auch der Klerus wurde verfolgt.

Aus der 1818 gegründeten Festung Grosnaja ging Tschtscheniens heutige Hauptstadt Grosny hervor / Foto © Alexxx Maleev/flickrWährend des Großen Vaterländischen Krieges war ein Teil des Kaukasus von deutschen Truppen besetzt. Stalin diente dieser Umstand als Vorwand, mehrere kaukasische Völker wegen ihrer teilweisen Kollaboration mit den Faschisten kollektiv zu bestrafen. Am 23. Februar 1944 begann die nahezu vollständige Deportation von fast 500.000 Tschetschenen und Inguschen in Viehwaggons nach Zentralasien. Zehntausende überlebten die Deportation und die folgenden Jahre der Verbannung nicht. Die Republik wurde am 7. März 1944 aufgelöst, ihre Geschichte umgeschrieben, nationale Denkmale und Archive vernichtet und das entvölkerte Land mit Menschen aus anderen Regionen besiedelt. 
Diese Verfolgung trug letztendlich aber „zur Schärfung eines ‚ethnischen‘ Bewußtseins der Tschetschenen bei. Die Gewalt, die ihnen angetan worden war, wurde unter dem Schlagwort des ‚Genozids‘ zum Kristallisationspunkt ihres kollektiven Gedächtnisses.“4 

Obwohl der Oberste Sowjet der UdSSR 1957 die Verbannung aufhob und die Rückkehr der Deportierten erlaubte, wurden Tschetschenen auch in der wiederhergestellten Tschetschenisch-Inguschischen Sowjetrepublik diskriminiert. Dies betraf auch die Bereiche Bildung und Arbeit, so waren die wichtigsten Ämter wesentlich von Vertretern der slawischen Elite dominiert. Wegen mangelnder Verdienstmöglichkeiten nahm in den 1980er Jahren die Arbeitsmigration nach Südrussland, die beiden Hauptstädte  und in die Erdölgebiete Sibiriens zu. Dadurch entstand in der Russischen Sowjetrepublik eine große tschetschenische Diaspora.

Erster Tschetschenienkrieg

Nach dem gescheiterten Augustputsch gegen Gorbatschow nutzte der tschetschenische General Dschochar Dudajew das Machtvakuum der Perestroika und stürzte die lokale Führung in Grosny. Im November 1991 erklärte er die Unabhängigkeit Tschetscheniens. 
Dudajews Unterstützung in der Gesellschaft war gering, um so mehr, als er die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Landes nicht lösen konnte. Verschiedene Lager stritten um die Macht, Moskau unterstützte die Opposition mit dem Ziel, Dudajew zu stürzen und Tschetschenien wieder in den russischen Einflussbereich zu bringen. Es begann ein Propagandakrieg, der auf der einen Seite die Erinnerung an die traumatischen Kolonisationserfahrungen reaktivierte und auf der anderen Seite auf die territoriale Einheit Russlands, die Menschenrechtsverletzungen des Dudajew-Regimes und die drohende Gefahr für die innere Sicherheit Russlands setzte. 
Dies war eine der Ursachen für den Ausbruch des Konflikts: Am 11. Dezember 1994 marschierten russische Streitkräfte in Tschetschenien ein, der Erste Tschetschenienkrieg begann. Aus dem geplant schnellen Sieg und der Absetzung Dudajews wurde für die schlecht ausgerüstete Wehrpflichtigenarmee Russlands ein Fiasko: Allein in den ersten zwei Monaten starben rund 2000 russische Soldaten bei Straßenkämpfen. 
Grosny wurde in Schutt und Asche gebombt, zehntausende Zivilisten, darunter ein hoher Anteil an russischer Bevölkerung, verloren ihr Leben. Die tschetschenischen Kämpfer verließen erst am 23. Februar 1995, dem Jahrestag der Deportation von 1944, die Hauptstadt und stellten sich so symbolisch in die Tradition des Widerstandes gegen die Kolonialmacht Russland. 
Bis März 1995 gelang es den Moskauer Streitkräften, die Kontrolle über Grosny und den nördlichen Landesteil zu gewinnen. Im April 1996 wurde Dudajew durch einen gezielten Raketenangriff von russischer Seite getötet. Doch der Vormarsch stockte, und schon im August 1996 mussten russische Truppen Grosny aufgeben. Russland war gezwungen, ein Waffenstillstandsabkommen zu unterzeichnen und die Truppen zurückzuziehen. Der Erste Tschetschenienkrieg endete. 

Zweiter Tschetschenienkrieg

Im Januar 1997 wurde Aslan Maschadow in den ersten freien Wahlen zum Präsidenten Tschetscheniens gewählt. Russland erkannte die Wahl an, und im Mai unterzeichneten Jelzin und Maschadow einen Friedensvertrag. 
Maschadows Machtposition im kriegszerstörten Land war schwach, zeitweise gab es mehr als 300 Kampfeinheiten, die nicht seinem Befehl unterstanden. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen religiös-extremistischen Kräften und Maschadows Anhängern. Die Ende der 1980er Jahre begonnene Auswanderung der nicht-tschetschenischen Bevölkerung verstärkte sich nun wegen der labilen Sicherheitslage in der Republik zu einem Massenexodus.
Im August/September 1999 drangen Rebellen unter Schamil Bassajew und Emir Ibn al-Chattab nach Dagestan ein, überfielen mehrere Bergdörfer und riefen eine Islamische Republik aus. Kurze Zeit später verübten Unbekannte mehrere Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser in Moskau und anderen Städten, denen hunderte Zivilisten zum Opfer fielen. Viele russische Medien legten die Anschläge sofort Tschetschenen zur Last. Daraufhin folgte eine beispiellose antitschetschenische Hetzkampagne. Von Anfang an gab es jedoch Hinweise auf eine Verwicklung des FSB in die Anschläge.

Im Oktober 1999 marschierten rund 100.000 Soldaten in Tschetschenien ein, der Zweite Tschetschenienkrieg begann. Grosny lag bis Februar 2000 unter schwerem Beschuss, die tschetschenischen Kämpfer verließen die Stadt wieder am symbolträchtigen 23. Februar und zogen sich in die Berge zurück. Die russischen Streitkräfte bombardierten vor allem die Dörfer im Westen der Republik, zu einer besonderen Zielscheibe wurden dabei die Familien der Kämpfer aus dem ersten Krieg. Im März endete die russische Großoffensive. Moskau setzte den ehemaligen Mufti Tschetscheniens, Achmat Kadyrow, als Chef der Verwaltung ein. Dieser hatte sich zuvor auf die Seite Russlands gestellt. 
Im Sommer 2000 änderten die Separatisten ihre Kriegsstrategie, sie setzten nun vor allem auf Terroranschläge gegen die Besatzer und ihre Strukturen. Die russische Streitkraft führte Säuberungsaktionen in den Dörfern durch, verhaftete und verschleppte Menschen. Das Verschwindenlassen von Menschen entwickelte sich dabei zu einer verbreiteten Methode russischer Armeeangehöriger, Lösegeld bei den Angehörigen zu erpressen.5 

Im Oktober 2003 hielt Moskau Wahlen in Tschetschenien ab, bei denen Achmat Kadyrow zum Präsidenten gewählt wurde. Zahlreiche russische und internationale Wahlbeobachter wiesen dabei auf massive Verstöße gegen das Wahlrecht hin. 
Während der Siegesfeier am 9. Mai 2004 wurde Kadyrow bei einem Anschlag getötet. Sein Sohn Ramsan übernahm das Amt des Vizepräsidenten. Neuer Präsident Tschetscheniens wurde zunächst Alu Alchanow, bis er 2007 von Ramsan Kadyrow abgelöst wurde.
Der Präsident der tschetschenischen Exilregierung, Maschadow, wurde im Untergrund aufgespürt und im März 2005 von einem russischen Spezialkommando getötet. Die meisten Mitglieder seiner Regierung leben heute im europäischen Ausland und sind zum Teil als politische Flüchtlinge anerkannt.
Der Zweite Tschetschenienkrieg endete offiziell 2009. Insgesamt haben die Kriege seit 1994 mehr als 100.000 Zivilisten und über 10.000 russischen Armeeangehörigen das Leben gekostet. Seit dem Zweiten Tschetschenienkrieg sind Zehntausende nach Europa geflohen. In Deutschland leben heute rund 40.000 tschetschenische Geflüchtete, von denen nur ein Teil über den Status eines anerkannten Flüchtlings verfügt.

Kadyrow-Regime

Bei zahlreichen Veranstaltungen gedenkt heute die tschetschenische Diaspora am 23. Februar der Deportation. In Tschetschenien selbst wird der Gedenktag seit 2011 dagegen am 10. Mai begangen, dem Tag der Beerdigung von Achmat Kadyrow. Als der bekannte Oppositionspolitiker Ruslan Kutajew 2014 öffentlich das Trauerverbot am 23. Februar kritisierte, wurde er wegen angeblichen Drogenbesitzes verhaftet und zu vier Jahren Haft verurteilt. 
Zahlreiche unabhängige Beobachter stuften den Prozess gegen Kutajew genauso als politisch-motiviert ein, wie auch viele andere Prozesse gegen tschetschenische Oppositionelle. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2007 hat Ramsan Kadyrow mit Hilfe seiner paramilitärischen Sicherheitstruppe Kadyrowzy ein hochrepressives Regime errichtet. Internationale Organisationen berichten regelmäßig über massive Verletzungen der Menschenrechte, darunter auch über die weit verbreitete Anwendung von Folter, das Verschwindenlassen unliebsamer Personen und außergerichtliche Exekutionen. Korruption in Verwaltung, Justiz, Politik und Wirtschaft ist ebenso allgegenwärtig.6 Zudem greift das Regime systematisch in die Privatsphäre der Tschetschenen ein: beispielsweise werden geschiedene Paare unter Druck gesetzt, sich zu versöhnen und wieder zusammenzuleben, mit der Begründung, dass Kinder Geschiedener sich radikalisieren und zu Terroristen würden.7 Im Frühjahr 2017 gab es erstmals Berichte über eine Welle der Verfolgung und Ermordung von LGBT, die zum Jahresbeginn 2019 erneut ausbrach.8 Kadyrow selbst behauptet, es gäbe keine LGBT in Tschetschenien und somit auch keine Verfolgung.  

Mit dem Kaukasuskrieg begann ab 1817 die eigentliche Kolonialisierung Tschetscheniens / „Die Schlacht am Walerik“, Aquarell von M. Lermontow und G. Gargarin, 1840

Entsprechend gibt es in Tschetschenien kaum Pressefreiheit: Während Russland auf der Rangliste von Reporter ohne Grenzen den Rang 148 von insgesamt 180 einnimmt, dürfte Tschetschenien für sich genommen noch weiter unten stehen. Unabhängige Medien gibt es in der Republik faktisch nicht, zahlreiche JournalistInnen wurden wegen ihrer kritischen Artikel ermordet, darunter 2006 die Journalistin der Novaya Gazeta Anna Politkowskaja.
Ebenso gefährdet sind Menschen, die sich für Frauenrechte einsetzen. Frauen werden im vorchristlichen Gewohnheitsrecht  Adat und in der Scharia als sogenannte „Trägerinnen der Ehre“ verstanden und sind einer permanenten sozialen Kontrolle durch Familienangehörige und Männer ausgesetzt. Die Dunkelziffer für Femizide schätzen Menschenrechtler als hoch ein, nicht selten gelten sie als sogenannte Ehrenmorde.9 
Die Verfolgung von Gesetzesverstößen, insbesondere im familienrechtlichen Bereich, wird von den staatlichen Ermittlungsbehörden häufig zurückgewiesen mit der Begründung, es handele sich dabei um Regeln des Adat oder der Scharia. Hingegen werden Gerichte dann aktiv, wenn es darum geht, unliebsame Oppositionelle rechtskräftig zu langjährigen Haftstrafen zu verurteilen. So gab es schon mehrere Prozesse gegen Menschenrechtler; der wohl bekannteste unter ihnen ist der gleichfalls als politisch motiviert eingestufte Prozess10 gegen den Leiter des Memorial-Büros Tschetschenien, Ojub Titijew. Im Januar 2018 wurde er wegen angeblichen Drogenbesitzes verhaftet, inzwischen läuft ein kafkaesker Prozess gegen ihn. Titijews Vorgängerin bei Memorial, Natalja Estemirowa, wurde 2009 von Unbekannten entführt und ermordet.

Staat im Staat

Vor dem Hintergrund der von Putin aufgebauten Machtvertikale stufen zahlreiche Beobachter Tschetschenien als eine Art Staat im Staat ein. Nicht nur das Moskauer Gewaltmonopol gilt hier in vielen Bereichen als unwirksam, auch die Gesetze, die im restlichen Russland noch umgesetzt werden, wurden in Tschetschenien teilweise durch traditionelle Rechtssysteme ersetzt: das vorchristliche Gewohnheitsrecht Adat und die Scharia. 

Kadyrow laviert ständig zwischen Forderungen nach noch mehr Autonomie und häufigen Loyalitätsbekundungen gegenüber Putin / Foto © kremlin.ru CC BY 4.0
Die Mischung aus Traditionalismus und Nationalismus schafft laut Beobachtern eine Illusion von Selbstbestimmung11, also eine Art imaginierte Emanzipation von der Kolonialmacht Russland. Damit bedient Kadyrow moderate separatistische Erwartungen und untermauert seinen Legitimitätsanspruch. Gleichzeitig laviert er ständig zwischen Forderungen nach noch mehr Autonomie und häufigen Loyalitätsbekundungen gegenüber Putin. Während er sich nach Innen also als Garant der Selbstbestimmung darstellt, zeigt er nach Außen, dass gerade dieser populistische Separatismus nötig sei, um Tschetschenien nicht wieder zu einem Pulverfass werden zu lassen. Manche Beobachter meinen, dass Kadyrow für den Kreml damit als Garant der Stabilität erscheine: Als jemand, der einerseits dafür sorgt, dass Tschetschenien formal Teil Russlands bleibt und andererseits Terroranschläge in Russlands Großstädten verhindert. Vermutlich ist das der Grund, weshalb der Kreml diejenigen Silowiki im Zaum hält, die auch in Tschetschenien die Machtvertikale durchsetzen wollen.12 Die Kehrseite davon, so kritisieren Beobachter, sei faktisch eine Carte blanche für das Kadyrow-Regime, an der russischen Verfassung vorbei Adat und Scharia zu etablieren. Wobei allen Rechtssystemen in Tschetschenien gemein ist, dass ihnen weitestgehend die Erzwingungsmacht fehlt: Es gilt somit häufig das Recht des Stärkeren oder reine Willkür.13


Zum Weiterlesen:
Cremer, Marit (2017): Angekommen und integriert? Bewältigungsstrategien im Migrationsprozess, Frankfurt am Main/New York
Cremer, Marit (2012): The Instrumentalization of Religious Beliefs and Adat Customery Law in Chechnya, in: Pickel, Gert/Sammet, Kornelia (Hrsg.): Transformations of Religiosity: Religion And Religiosity In Eastern Europe 1989 – 2010, Wiesbaden, S. 197-212
Cremer, Marit (2007): Fremdbestimmtes Leben: Eine biographische Studie über Frauen in Tschetschenien, Bielefeld

1.ausführlich dazu: Cremer, Marit (2012): The Instrumentalization of Religious Beliefs and Adat Customery Law in Chechnya, in: Pickel, Gert/Sammet, Kornelia (Hrsg.): Transformations of Religiosity: Religion And Religiosity In Eastern Europe 1989 – 2010, Wiesbaden, 197-212 
2.Sarkisyanz, Emmanuel (1961): Geschichte der orientalischen Völker Rußlands bis 1917: eine Ergänzung zur ostslawischen Geschichte Russlands, München, S. 114-140 
3.vgl. relga.ru: Formirovanie obraza Kavkaza v rossijskoj obščestvennoj mysli (konec XVIII – seredina XIX vv.) 
4.Halbach, Uwe (1994): Rußlands Auseinandersetzung mit Tschetschenien, In: BIOst 61, S. 20 
5.Council of Europe (2003): The human rights situation in the Chechen Republic 
6.Memorial Human Rights Center: Bjulleten' Pravozaščitnogo centra «Memorial» Situacija v zone konflikta na Severnom Kavkaze: ocenka pravozaščitnikov Leto 2018 goda 
7.Grozny.tv: Kadyrov prizval duchovenstvo aktivizirovat’ rabotu, napravlennuju na ukreplenie semejnych cennostej 
8.osce.org: OSCE Rapporteur’s Report under the Moscow Mechanism on alleged Human Rights Violations and Impunity in the Chechen Republic of the Russian Federation 
9.taz: Frauenmorde in Tschetschenien: Tödliche Traditionen 
10.Novaya Gazeta: Dur' kakaja-to: Novyj prokol obvinenija: narkotiki v dele Ojuba Titieva – ne narkotiki? 
11.International Crisis Group: Čečnja: vnutrennee zarubež'e, S. ii 
12.ebd. 
13.Halbach,Uwe (2018): Tschetscheniens Stellung in der Russischen Föderation: Ramsan Kadyrows Privatstaat und Wladimir Putins föderale Machtvertikale, S. 6, 21 und osce.org: OSCE Rapporteur’s Report under the Moscow Mechanism on alleged Human Rights Violations and Impunity in the Chechen Republic of the Russian Federation 
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