Gnose (Was ist das?)

Das russische Haftsystem

Sona, die Zone, ist ein russisches Synonym für Gefängnis, Lager. Der Jargon-Begriff geht zurück bis in die Zeit der Stalinschen Gulags. Er steht für die Abgeschlossenheit des Haftsystems mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und sozialen Dynamiken, abgekoppelt vom restlichen Leben der Gesellschaft / Illustration © Ljalja Bulanowa
Sona, die Zone, ist ein russisches Synonym für Gefängnis, Lager. Der Jargon-Begriff geht zurück bis in die Zeit der Stalinschen Gulags. Er steht für die Abgeschlossenheit der Gefängniswelt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und sozialen Dynamiken, abgekoppelt vom restlichen Leben der Gesellschaft / Illustration © Ljalja Bulanowa

Zu den ersten Dingen, die Russland während der Besetzung ukrainischer Gebiete tut, gehört die Errichtung von Haftlagern für militärische und zivile Gefangene: So begann 2014 die Krym-Annexion, so fuhren die russischen Besatzer 2022 zur Etablierung ihres Gewaltregimes in der Ukraine fort.

In Russland selbst leeren sich die Haftanstalten, denn Inhaftierte können sich zur Armee melden. Offizielle Daten werden seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine nicht mehr veröffentlicht. Klar ist aber, dass es im russischen Haftsystem noch nie so wenig Insassen gab: Schätzungsweise 266.000 bis 313.000 Menschen saßen 2025 ein, 2021 waren es noch 480.000. Wie viele von ihnen tatsächlich in den Krieg geschickt wurden, ist nicht bekannt; Schätzungen gehen von Zehntausenden bis über 150.000 aus.

Der russische Strafvollzug ist ein Erbe des Gulag, Gewalt und Entmenschlichung sind integrale Bestandteile des Systems. Auch in der Ukraine setzen die Besatzer systematisch auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Laut dem Ranking von Freedom House gehören die von Russland besetzten Gebiete in der Ukraine zu den repressivsten Regionen der Welt.


Es war nicht einfach für den YouTube-Journalisten Juri Dud, seinem russischsprachigen Publikum das deutsche Strafvollzugssystem zu erklären: Über drei Millionen Menschen haben sein Video vom Juli 2025 angeklickt, in dem es darum geht, „dass die Arbeit mit dem Bösen eine andere sein kann, als wir sie kennen“.

Resozialisierung gibt es in Russland nur auf dem Papier, der Föderale Strafvollzugsdienst FSIN (federalnaja slushba ispolnenija nakasani) ist ausschließlich ein Bestrafungs- und Unterdrückungsapparat, dessen zentrale Logik Dominanz und das Recht des Stärkeren ist.

„Im Prinzip wird in Russland jede Strafanstalt mit dem Ziel errichtet, jemanden zu brechen und zu vernichten, menschliche Körper und Schicksale zu zermalmen. Nur geschieht dies mancherorts auf alltägliche Art, routinemäßig, während es woanders wie am Fließband läuft und ein unvorstellbar perverses Niveau erreicht.“

Als der bei einem Gefangenenaustausch freigekommene ukrainische Regisseur Oleh Senzow 2019 diese Zeilen schrieb, schien weder Nawalnys Ermordung denkbar noch das enorme Ausmaß und die Systematik der russischen Foltergefängnisse und Umerziehungslager in den okkupierten Gebieten der Ukraine. Heute fragen viele, warum Gewalt in Russland eine Norm ist, manche kritische Stimmen führen das unter anderem auf die Verschmelzung der Gefängniskultur mit der politischen Kultur zurück.1

Graty

Besetzte Gefängnisse

Tausende Menschen befanden sich in ukrainischen Haftanstalten jener Gebiete, die Russland im Frühjahr 2022 besetzte. Das ukrainische Onlinemedium Graty verfolgt die Odyssee ukrainischer Gefängnisinsassen, die unter russische Besatzung gerieten. 

In Politik von

Überwachen und Strafen

In Russland gab es noch nie ein einheitliches staatliches Resozialisierungsprogramm oder auch nur eine klare Vorstellung von staatlichen Resozialisierungsmaßnahmen. Die Resozialisierung wird vor allem von NGOs wie Rus Sidjaschtschaja übernommen. Diese erhalten nicht nur wenig bis keine staatliche Unterstützung, sondern werden auch mit bürokratischen Hürden konfrontiert und spätestens seit den Bolotnaja-Protesten 2012 zunehmend kriminalisiert. Seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine sind die meisten Mitarbeitenden im Exil.

Vormals war die Arbeit von NGOs zusätzlich von der weit verbreiteten Praxis der sogenannten Etappierung erschwert: Eine ständige Verlegungs- und Transport-Routine, die laut Rus Sidjaschtschaja keiner besonderen Logik oder Logistik folgt und zu der Insassen systematisch gezwungen werden. Dabei hält der FSIN alle Informationen über die Verlegung von Häftlingen und deren späteren Haftort geheim, weswegen weder die Häftlinge noch deren nahen Verwandte oder Anwälte vor Beginn der Etappierung über das endgültige Ziel informiert werden. Die Gefangenen werden damit praktisch von der Außenwelt abgeschnitten, teilweise bis zu einem Monat oder länger.

Dossier

Archipel Gulag-FSIN

Der Strafvollzug war eine tragende Säule des sowjetischen Staates. Und er ist es für die Staatsmacht im heutigen Russland und Belarus. Sein Aufbau, die Kontroll-, Überwachungs- und Bestrafungsmechanismen, der Umgang mit politischen Häftlingen, die allgemeinen Haftbedingungen bis hin zu Zwangspsychiatrie und Zwangsarbeit…

Während der Überführung befinden sich die Häftlinge oft in überfüllten Spezialwaggons und Gefangenentransportern – sogenannten Stolypin-Waggons –, teils unter grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Bedingungen: Bis zu 16 Menschen können laut Gesetz auf einer Fläche von dreieinhalb Quadratmetern zusammengepfercht werden, Bettwäsche und Matratzen werden nur selten zur Verfügung gestellt. An Zwischenstationen werden die Häftlinge in Transitbereichen in Untersuchungshaftanstalten (SISO) untergebracht, wo sie manchmal wochenlang bleiben, bis sie wieder etappiert werden.

Auf jeder Etappe findet in den Transitgefängnissen eine oftmals erniedrigende körperliche Untersuchung statt. Hinzu kommt, dass vermögende Häftlinge – die sogenannten kabantschiki – nicht selten systematisch auf Reisen geschickt werden, um sie auf jeder Etappe finanziell zu schröpfen. Der FSIN, so heißt es manchmal in diesem Zusammenhang sarkastisch, sei eben ein Konzern – ein gewinnorientiertes Unternehmen.

Häftlinge als „Ressource“

Seit der Gulag-Epoche bleibt der Strafvollzug in Russland ein Staat im Staate: isoliert, unbarmherzig, entmenschlicht.2 Geschaffen wurde das System vor rund 100 Jahren, nur ein Mal wurde es laut Olga Romanowa seitdem reformiert – und zwar 1953, unter Lawrenti Berija.3 

Die Insassen werden in diesem System nicht als Menschen, sondern vielmehr als Arbeitsressource betrachtet. Wie der Gulag damals ist auch der FSIN heute ein geschlossenes System, das fast alle Daten über seine Wirtschaftstätigkeit geheim hält. Die wenigen vorhandenen Informationen stammen von Menschenrechtlern, die vor allem im europäischen Teil Russlands arbeiten.

Das Haft-Wirtschaftssystem umfasst unzählige Agrarbetriebe, Bauunternehmen und Fabriken. Die Insassen fertigen eine breite Palette von Produkten an. Im Jahr 2018 verfügte der FSIN mit umgerechnet 3,5 Milliarden Euro über das europaweit größte Gefängnisbudget. Zugleich hat Russland mit 2,40 Euro die niedrigsten täglichen Ausgaben pro Person4 – im europäischen Durchschnitt sind es 68,30 Euro pro Häftling und Tag. Laut Waleri Maximenko, dem stellvertretenden Direktor des FSIN, wurden die Verpflegungskosten von 24 Milliarden Rubel im Jahr 2012 auf 15 Milliarden Rubel im Jahr 2017 gekürzt.5 Damit kostet die Verpflegung pro Insasse und Tag rund 72 Rubel (damals umgerechnet etwa 1 Euro) – ein Betrag, der laut Maximenko die notwendige Menge an Kalorien decke.

Verbrecherwelten

Rund eineinhalb Jahre nach dieser Rechnung kam Maximenko selbst ins Gefängnis: neun Jahre Haft, offiziell wegen Amtsmissbrauchs und Bestechung. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der eigentliche Grund Verteilungskämpfe innerhalb der Leitung waren: FSIN ist im Grunde ein Verbrechersyndikat, das andere Kriminelle und unschuldig Einsitzende ausbeutet:

Dies geschieht einerseits direkt, etwa indem vom Arbeitslohn der ausgebeuteten Insassen Versorgungsleistungen der Strafkolonie abgezogen werden: In einem besonders krassen Fall bekam ein Insasse der IK-13 in Nishni Tagil laut Lohnabrechnung vom Juli 2015 1,99 Rubel (damals umgerechnet 0,03 Euro).6

Andererseits verdienen Gefängnismitarbeiter an kriminellen Machenschaften der Insassen: So wurde im Juli 2020 beispielsweise im landesweit bekannten Moskauer Untersuchungsgefängnis Matrosskaja tischina (dt. Matrosenruhe) ein Call Center entdeckt, aus dem Betrugsanrufe getätigt wurden. Die Kosten der beschlagnahmten technischen Anlagen wurden dabei auf sieben Millionen Rubel beziffert (damals rund 82.000 Euro).7

Nicht zuletzt werden Häftlinge schlicht geschröpft: Sie selbst oder ihre Verwandten müssen Schutzgeld für erträglichere Haftbedingungen oder für besondere Privilegien zahlen. 

Elitenkonflikte sind in Putins Mafia-Staat systemisch, die russische Kleptokratie hat keinen Verbrecherkodex und frisst sich langsam selbst von Innen auf, sagt zum Beispiel Journalist Michael Naki.8 Da seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nur noch zwei Drittel der „Arbeitsressourcen“ zur Verfügung stehen und dutzende Gefängnisse aufgelöst wurden, dürften die Verteilungskämpfe im FSIN sogar zunehmen. Über massenhafte Versetzungen des Gefängnispersonals in sogenannte Umerziehungslager der okkupierten Gebiete der Ukraine ist nichts bekannt; denkbar ist, dass die Verteilungskämpfe unter anderem dadurch neutralisiert werden, dass der groß angekündigte Bau von 38 „Supergefängnissen“ eigentlich für Raspil vorgesehen war: „Das Geld ist geflossen, aber nicht ein Grundstein wurde je gelegt“, sagt in einem Interview Olga Romanowa von Rus Sidjaschtschaja.

Arten von Zonen

„Die Zone“, sona, so heißt in Russland dieser spezifische Ort der Haft mit seinem streng hierarchischen System und seinen Erniedrigungen. Insgesamt gibt es allerdings acht unterschiedliche Arten von Justizvollzugsanstalten, und nur rund 1300 Menschen saßen 2021 in Gefängnissen ein. Die Gefängnisse sind offiziell nur für besonders schwere Verbrechen wie Terrorismus, Flugzeugentführungen oder etwa Geiselnahme vorgesehen. Genauso wie in sogenannten Spezialkolonien herrschen hier die strengsten Haftbedingungen. 

Am anderen Ende der Skala steht die sogenannte Ansiedlungsstrafkolonie, kolonija posselenije – so etwas wie offener Vollzug. In den Ansiedlungsstrafkolonien befanden sich 2021 rund 30.000 Menschen. 

Ersttäter verbüßen ihre Strafe häufig in den sogenannten Strafkolonien (isprawitelnaja kolonija) mit allgemeinem Regime. Die Unterschiede von diesen zu sogenannten Besserungsarbeitskolonien mit strengem Regime sind nicht allzu groß, sie betreffen vor allem die Anzahl der Besuche und Postpakete sowie der Höhe der Geldsummen, die die Insassen empfangen oder ausgeben dürfen. 2021 gab es insgesamt 670 Straf- und Besserungsarbeitskolonien in Russland, rund 80 Prozent aller Häftlinge saßen hier ein.

Die 209 Untersuchungshaftanstalten Russlands (SISO) dienen in erster Linie der Unterbringung von Beschuldigten. Rund 100.000 Menschen saßen hier 2021 ein. 

Außerdem gab es in Russland 2021 offiziell 18 Erziehungskolonien (wospitatelnaja kolonija), wo damals etwa 1000 Jugendliche ihre Strafen verbüßten. 

Frauen können zur Haft nur in Erziehungskolonien und Medizinischen Justizvollzugsanstalten (letschebnoje ispravitelnoje utschreshdenije) oder in Besserungsarbeitskolonien mit allgemeinem Regime und in einer Ansiedlungsstrafkolonie verurteilt werden.

Umerziehungslager

Gleich zu Beginn der russischen Okkupation in der Ukraine haben die Invasoren angefangen, ukrainische Gefängnisse zu besetzen und neue Haftanstalten zu errichten. Seitdem bilden diese das Rückgrat des Besatzungsregimes: Drei bis fünf Millionen Ukrainer:innen leben derzeit in den von Russland besetzten Regionen, jeder noch so kleine Widerstand gegen die Zwangsrussifizierung kann im Foltergefängnis enden. Lokale Identitäten werden systematisch kriminalisiert, mit willkürlichen Gefangennamen, Verschleppungen und Folter hat Russland ein Schreckensregime errichtet.

Zivilpersonen stehen selten auf den Listen der Gefangenenaustausche. Sie werden oft in schauprozessähnlichen Gerichtsverfahren wegen angeblichen „Terrorismus’“, „Spionage“ oder „Landesverrats“ verurteilt, manche verschwinden spurlos. Sippenhaft ist Teil des Schreckensregimes: Oft trifft sie Frauen, deren Familienmitglieder (angeblich) beim Militär sind. Aus den Folterkolonien gibt es Berichte über Morde durch Gefängnispersonal.

Auch Alexej Nawalny wurde in einem russischen Gefängnis getötet. Vermutlich waren es keine FSIN-Mitarbeiter, solche Aufgaben werden üblicherweise von FSB erledigt. Der Inlandsgeheimdienst betreibt traditionell eigene Geheimgefängnisse und ist auch für die Repressionen an den in FSIN-Lagern einsitzenden Polithäftlingen verantwortlich.

Gewalt als Norm

Seit dem Beginn des russischen Überfalls wurde viel über die Ursachen einer Gewaltdurchtränkung der russischen Gesellschaft geschrieben: (multikausal) von kulturalistischen Erklärungen über Betrachtungen zu historischen Kontinuitäten oder zur Macht der Propaganda. Der permanente Ausnahmezustand ist etwa Thema, auch die Totalitarismusforschung ist ergiebig.

Nicht selten wird die gewaltverherrlichende politische Kultur auch aus der Gefängniskultur erklärt. Hier wie dort ist Dominanz und das Recht des Stärkeren zentral. Auch in der Popkultur ist das Motiv beliebt: Schon zu Zeiten der Sowjetunion wurde die Figur des Kriminellen in Film und Ton romantisiert, unter Putin ist eine ganze Kulturindustrie dazu entstanden, mit Kultfilmen und Evergreens. In seinen Reden gibt sich der Diktator martialisch, lehrt, dass man „die Schwachen haut“ und man „als Erster zuschlagen muss“. Sein Hang zum Gefängnisjargon ist schon seit den frühen 2000er Jahren überliefert. Spätestens seit den Bolotnaja-Protesten gehören Gefängnisjargon und Beleidigungen auch zum festen Repertoire russischer Außenpolitik.

Genauso wie die Erzeugnisse der Kulturindustrie kommt dieses Auftreten in Russland gut an: „Na Berlin“ war schon vor 2014 ein gängiges Meme, die Propaganda-Organe beschreiben die Drohungen russischer Politiker als „Bestrafungen“, die politische Elite pflegt ostentativ Kriminellen-Gehabe, pfeift auf Korruptionsermittler und findet dabei teilweise gerade wegen Machtmissbrauchs Zuspruch in der Gesellschaft (weil „Stärke“).

Kritiker werten den ostentativen Hang zum Kriminellen dagegen als kalkulierten Bruch mit der Zivilisation: Die politische, die Alltags- und die Gefängniskultur seien schließlich zu einem höllischen Brei zusammenbraut. Das Recht des Stärkeren ist die zentrale Norm, Unmoral systemisch. Das russische Gefängnis – ein Spiegel der russischen Gesellschaft.

(aktualisiert am 10. Februar 2026)

  1. prosleduet.media: Wetscher w chatu. Potschemu tjuremnaja kultura objedinila wsech rossijan. ↩︎
  2. Die Ausführungen basieren auf einer Recherche des Magazins Secretmag: Archipelag FSIN: Kak ustroena ėkonomika tjuremnoj sistemy Rossii ↩︎
  3. currenttime.tv: Čto takoe „ėtap“ v Rossii i v kakich uslovijach po nemu povezut Naval’nogo: Ob“jasnjaet Ol’ga Romanova ↩︎
  4. rbc.ru: Sovet Evropy podsčital traty Rossii na zaključennogo v den’ ↩︎
  5. Echo Moskvy: V kruge sveta ↩︎
  6. Secretmag: Archipelag FSIN: Kak ustroena ėkonomika tjuremnoj sistemy Rossii ↩︎
  7. securitylab.ru: V SIZO „Matrosskaja tišina“ obnaružen podpol’nyj koll centr ↩︎
  8. Michael Nacke: PROGNOS Maikla Naki: PRIGOSHIN wissit na woloske! ↩︎