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Auf in die Zukunft mit Lew Tolstoi!

Der Sozialismus ist nicht mehr, die Zeit der Heilsversprechen ist vorbei. Die Entzauberungwelle nach dem Ende der Ideologien ebbe aber immer noch nicht ab, schreibt Maxim Trudoljubow auf Inliberty. Seit den 1990er Jahren erschallen in Russland Rufe nach Visionen. Die Politik des Kreml quittiere diese aber höchstens mit ideologischen Versatzstücken aus der Mottenkiste, und im Ergebnis braue sich in den Köpfen ein höllischer Brei zusammen, kritisiert etwa der Journalist Andrej Loschak.

Wie ist dieser Orientierungslosigkeit beizukommen? In einer Inliberty-Serie über das Comeback Tolstois meint Maxim Trudoljubow, die Antwort genau bei jenem Klassiker der russischen Literatur gefunden zu haben.

Source InLiberty

Will ich zu Tolstoi vordringen, erwische ich mich häufig bei dem beruhigenden Gedanken: Das ist ist ja alles auf Russisch geschrieben und gar nicht anstrengend. Doch es ist anstrengend. Von den Themen, um die es geht – Mensch, Leben, Schicksal der politischen Gesellschaft – trennen uns heute dicke Schichten wissenschaftlicher Formeln, Termini, Ziffern und Daten. Die sowjetischen Formulierungen sind noch nicht aussortiert und oben auf dem Stapel häufen sich chaotisch Lehnbegriffe wie „Ressourcen-Fluch“, „hybride Systeme“ und „extraktive Insitutitionen“.

Bei Debatten über Politik und Gesellschaft geht es meist nicht um Werte, sondern um Techniken. Was nicht überraschend ist, denn die Auffassung von Politik als einem technischen Prozess, für den es Ingenieure und keine Ideologen braucht, war eine Reaktion auf das Scheitern des sowjetischen Systems. 
Kaum jemand bedauert den Verlust der Ideologie, dennoch haben wir ein Trauma davongetragen und ein gemeinsames zukunftsgerichtetes Koordinatensystem eingebüßt: An die Stelle der marxistisch-leninistischen Geschichtsphilosophie mit einem materialistischen Ziel und Schritten, die eine Gesellschaft dorthin führen sollen, traten Polittechnologien – eine Ansammlung von Instrumenten, die nicht dazu dienen, eine Gesellschaft voranzubringen, sondern sich allein um eines zu drehen – die Macht. 

Prognosen, Umfragen, PR-Strategien

Wir betrachten das gesellschaftliche Leben nicht mehr als eine Etappe auf dem Weg zu etwas, sondern als ein Spielfeld, auf dem es ein System, Spieler, Prognosen, Umfragen, die Türme des Kreml und PR-Strategien gibt. Der heutige Publizist und seine Leser bleiben oft bei der Diskussion eines Schemas hängen, ohne zum Wesentlichen vorzudringen: dem Leben der Menschen und ihrem Umfeld. So wurden beispielsweise die Bürgermeisterwahlen und die Niederlagen der Kremlkandidaten 2018 größtenteils als Siege und Niederlagen von Polittechnologen diskutiert. 

Sogar dort, wo wir nicht durch die Zensur oder die zunehmenden juristischen Hürden für Medien eingeschränkt sind, sogar dort, wo wir uns nicht auf die Diskussion ein und derselben Politmühle beschränken müssten, sind wir durch Autoritäten beschränkt. Und da sich die meisten von ihnen jenseits der Grenzen der russischen Gesellschaft befinden, ist das heutige Russland provinzieller und beschränkter als das Russland vor 150 Jahren, in dem die Romane von Turgenjew, Dostojewski, Gontscharow und Tolstoi entstanden. 

Ideologiefetzen, Ablagerungen gesellschaftswissenschaftlicher Vorstellungen, Zitate einflussreicher Meinungen – das alles bildet ein geistiges Sediment, das man erst einmal durchstoßen muss, um zu Tolstoi zu gelangen. Zugegeben, das gilt nicht nur für Russland. Aber in der russischen Situation zeigen sich gewisse Vorgänge besonders deutlich. Wobei ein schmerzlicher Umgang mit den Ergebnissen einer rapiden Modernisierung und das Trauma durch den Verlust einer Zukunftsvision sowohl uns als auch den westlichen Kulturen eigen ist.   

Fast das ganze 20. Jahrhundert hindurch gab es auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs sehr verschiedene Zukunftsvisionen, doch mit dem Fall der Mauer verschwanden die Perspektiven hier wie dort. Nicht nur Russland, sondern die ganze Welt ist am Ende eines langen Weges angelangt, auf dem Autoritäten und eine Expertenindustrie dafür zuständig waren, Ziele wie Entwicklung und Fortschritt durchzusetzen – unabhängig davon, wie diese Ziele in der jeweiligen Ideologie aussahen. 
Es wäre jedoch falsch anzunehmen, dass dieser Weg irgendwann in ruhigen und stabilen alten Zeiten begonnen habe. Genau wie wir heute, durchlebte die damalige Gesellschaft tiefgreifende Umbrüche und das Trauma des Verlusts eines einheitlichen Weltbildes. 

Tolstoi, der in den ewig gestrigen Zeiten der 1820er Jahre geboren wurde, erlebte die Erfindungen des Grammophons, des Automobils, des Flugzeugs und die Entstehung des russischen Parlamentarismus. Er war Zeuge der industriellen Revolution und wissenschaftlicher Entdeckungen, die die Vorstellung vom Leben von Grund auf umkrempelten. Vor seinen Augen vollzogen sich die Bauern- und Rechtsreformen, sowie administrative und andere Reformen, die den russischen Staat modernisierten. 

Ende der 1850er Jahre erscheint Darwins Entstehung der Arten, in den 1860ern veröffentlicht Marx Das Kapital und Mendelejew entdeckt die periodische Gesetzmäßigkeit. Die Welt lässt sich immer besser erklären und man kann förmlich dabei zusehen, wie sie in ihre Einzelteile zerlegt wird. 

Die Welt, in ihre Einzelteile zerlegt

In den 1860er und 1870er Jahren erscheint sukzessive die Bibel in moderner russischer Sprache. Der Haupttext der Christenheit hatte bis dahin nur auf der Sprache der Geistlichkeit existiert und wird so erstmals den breiten Massen zugänglich.

In der Nähe von Jasnaja Poljana verläuft die Tschugunka – die erste Eisenbahn. Die Zeitungen berichten von Weltausstellungen und sagenhaften Innovationen, die schnell auch Russland erreichen. In den 1880ern gab es erstmals elektrisches Licht: elektrische Straßenlaternen, beleuchtete Rampen im Theater, angestrahlte Gebäude. Alles Zeichen eines immer schnelleren Fortschritts, der das Denken der Bildungsschicht über die Gegenwart und Zukunft maßgeblich mitbestimmt. Die meisten Intellektuellen jener Zeit waren Fortschrittsoptimisten, dabei sahen insbesondere deutsche Denker den Staat als Triebkraft des Fortschritts.
Tolstois Antwort, die ihn sofort zu einem Außenseiter im Kreis der europäischen Intellektuellen machte (wobei er natürlich nicht völlig allein dastand, man denke nur an Schopenhauer oder Proudhon), war: dem „progressiven“ Geschichtsbild zu widersprechen, sprich im Staat keine modernisierende Kraft, sondern einen Unterdrückungsapparat zu sehen und die sich rapide in Spezialgebiete auseinanderdividierende Wissenschaft abzulehnen. 

„Ich sehe überhaupt keine Notwendigkeit, in der Geschichte nach allgemeingültigen Gesetzen zu suchen, ganz abgesehen davon, daß dies ja unmöglich ist. […] Das Gesetz des Fortschritts beziehungsweise der Vervollkommnung ist einem jeden Menschen in die Seele geschrieben und wird nur irrtümlich auf die Geschichte übertragen“ (Der Fortschritt und die Definition der Bildung, 1862/1863).

Gegen Ende seines Lebens formuliert Tolstoi seine Auffassung von wahrer Wissenschaft folgendermaßen: „Wissen, was man tun und was man lassen soll. Darin, und nur darin, bestand und wird die echte, die wahre Wissenschaft auch weiterhin bestehen. Diese Wissenschaft ist wirkliche Wissenschaft, d. h. ein Konglomerat aus Erkenntnissen, die sich dem Menschen nicht von selbst erschließen.“ (Über die Wissenschaft (Antwort an einen Bauern), 1909). Tolstoi konzentriert sich nicht darauf, wie das Leben im materiellen und sozialen Sinne beschaffen ist, sondern darauf, wie der einzelne Mensch sein Leben führt und was ein richtiges oder falsches Leben ausmacht. 

Weltumspannender Umsturz statt Revolution

In dem Traktat Das Ende des Jahrhunderts verallgemeinert Tolstoi seine Ablehnung des liberalen und des sozialrevolutionären Fortschritts und nennt die für ihn einzig zulässige Form historischer Entwicklung: von einer Welt der Nötigung durch den Staat oder die Revolution hin zu einer Welt, in der sich die Menschen gegenseitig verpflichtet sind und die auf der Befolgung von Lebensregeln gründet, welche von Gelehrten des Christentums, Buddhismus und Konfuzianismus aufgestellt worden sind. Dieser „große weltumspannende Umsturz“ müsse von Russland ausgehen, denn das russische Volk kenne, so Tolstois Überzeugung, besser als alle anderen Völker die gewaltsame Natur des Staates, weil er sie im verheerenden Japankrieg gezeigt habe. 

Das Ende dessen, was zu Tolstois Zeiten begann, haben wir miterlebt. Russland hat ein wahnwitziges politisches und menschliches Experiment durchlaufen, dessen Initiatoren an ein allgemeingültiges Gesetz der Geschichte glaubten. Die Kommunisten schufen einen Apparat physischer und moralischer Gewalt, wie ihn die Geschichte nicht kannte, und der die Menschen dazu brachte, an ein gemeinsames historisches Ziel für alle zu glauben. Dieser Apparat, der Sowjetstaat, hat alle Ziele, für die er erschaffen worden war, überdauert. 

Alle halbherzigen, unentschlossenen Versuche, diesen Staat von kommunistischen auf liberal-demokratische Ziele auszurichten, sind erwartungsgemäß gescheitert. Der Staat, der – ich sage es nochmal – für die Lösung einer großen historischen Aufgabe entwickelt worden war, ist zum Selbstzweck geworden und wird von der gegenwärtigen Regierung zähnefletschend verteidigt. Dieser Gewaltstaat, der das Volk zu keinem historischen Ziel führt, sondern nur im Kreis, um sich selbst herum, hat seine wahre Natur unverkennbar gezeigt. Etwas Ähnliches würde Tolstoi wohl sagen, würde er von Zauberhand in unsere Zeit befördert.
Heute kann man sich bei den großen Lebensfragen nur schwer eine solche intellektuelle und spirituelle Unbefangenheit vorstellen, wie sie Tolstoi an den Tag legte. Aber man muss mit Tolstoi nicht in allem übereinstimmen, um von ihm zu lernen, wie man jene Schicht aus wissenschaftlichen Formeln und einflussreichen Zitaten durchbricht und anfängt selbst zu denken.

Heute stehen wir da mit Tolstoi „nach dem Fortschritt“, auf den Trümmern des Gebäudes, vor dessen Errichtung er warnte. Wir befinden uns immer noch im Zeitalter der „großen Entzauberung“: Wir durchleben verschiedene Formen der Erschöpfung, Empörung und Ignoranz gegenüber gesellschaftlichen Prozessen. Die Entscheidung der russischen Führung für die Polittechnologie und gegen die Ideologie ist nachvollziehbar und unter den gegebenen historischen Umständen sogar unumgänglich. Zudem wurden sogar mehrfach Versuche unternommen, etwas wie eine Ideologie zu erschaffen. Diese Versuche wurden von der Gesellschaft weder angenommen noch begrüßt. Die russische Gesellschaft besteht aus Menschen mit verschiedenen Überzeugungen und lehnt offenbar schon die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunftsvision ab.  

Bei seiner Warnung vor dem Glauben an einen linearen Geschichtsverlauf, sagte Tolstoi im Wesentlichen, dass ein Staat keine Zukunftsvision für alle schaffen könne, das könne nur der einzelne Mensch für sich selbst. Die Fokussierung auf das individuelle Leben und die Erforschung dessen, was richtig und was falsch ist, waren die Stärke des Denkens in Tolstois Russland. Wir können in diese Zeit nicht zurückkehren, das müssen wir auch nicht. Es genügt, wenn wir von unseren Vorfahren lernen, die eigene Erfahrung selbstständig zu reflektieren. 

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Iwan Turgenjew

„Vom Gipfel der europäischen Zivilisation aus kann man wohl auch ganz Russland überblicken.“ Iwan Turgenjews Werk prägte viele russische und ausländische Autoren – heute wäre er 202 Jahre alt geworden. 

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Polittechnologie

Polittechnologija bezeichnet in Russland und anderen postsowjetischen Staaten ein Menü von Strategien und Techniken zur Manipulation des politischen Prozesses. Politik – als Theater verstanden – wird dabei als virtuelle Welt nach einer bestimmten Dramaturgie erschaffen. Politische Opponenten werden mit kompromittierenden Materialien in den Medien bekämpft, falsche Parteien oder Kandidaten lanciert oder ganze Bedrohungsszenarien eigens kreiert.

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Lew Tolstoi

Während einer Vorlesung über russische Literatur „ging Vladimir Nabokov, ohne ein Wort zu sagen, über das Podium zur rechten Wand und schaltete die drei Deckenlampen aus. Dann zog er schweigend die Rollos der großen Fenster im Hörsaal hinunter und lief zurück zu den Lichtschaltern“, erinnerte sich ein Student: „,Am Firmament der russischen Literatur‘, verkündete Nabokov, ,ist das hier Puschkin!‘ Er schaltete die Lampe in der linken Ecke unseres Planetariums wieder an. ,Das hier ist Gogol!‘ Die Lampe in der Mitte leuchtete auf. ,Das ist Tschechow!‘ Die Lampe rechts erleuchtete. Dann löste Nabokov das Rollo, das mit einem lauten Knall in die Höhe schnellte. Ein breiter, heller Sonnenstrahl brach in den Hörsaal, Nabokovs Stimme donnerte los: ,Und das, das ist Tolstoi!‘“1

Mit Licht, Glück und ethischer Bestimmtheit wandte sich Lew Tolstoi in seinen Werken gegen das Motiv des Leids – und somit gegen seine Epoche. Denn die russische Literatur des 19. Jahrhunderts war vom Motiv der Leiderfahrung durchzogen. Dostojewski etwa enthüllte die Fragmentiertheit des menschlichen Bewusstseins mit seinen tiefen und dunklen Schichten und führte seine Protagonisten durch die Erfahrung der Sünde und des Leidens zur Wahrheit. Bei Tolstoi dagegen ist der Mensch in erster Linie ein ungeteiltes und glückliches Wesen, und „das menschliche Leben, soweit wir es kennen, ist eine Welle, die völlig in Glanz und Freude gehüllt ist“2. Als eine Art Gegenentwurf zu Dostojewski tritt bei Tolstoi ein intensives moralisches Empfinden an die Stelle der Sünde. Auch Tolstois eigenes Leben war das Produkt eines solchen Empfindens.

Leben und Wirken

Lew Tolstoi wurde am 28. August (9. September) 1828 auf dem Familiengut Jasnaja Poljana geboren, etwa 200 Kilometer entfernt von Moskau. Er gehörte dem Adelsgeschlecht der Grafen von Tolstoi an und wuchs in einer aristokratischen, von literarischem Schaffen weit entfernten Umgebung auf.

Er studierte Östliche Philologie und Rechtswissenschaften an der Universität Kasan, leistete seinen Wehrdienst, war in den Jahren 1854 und 1855 während des Krimkriegs an der Verteidigung von Sewastopol beteiligt, wurde mit dem Tapferkeitsorden der heiligen Anna ausgezeichnet und bewegte sich fern jeglicher literarischer Kreise.

So kam es völlig unerwartet, als Anfang der 1850er Jahre im Journal Sowremennik die Erstschrift eines bislang unbekannten Autors erschien, der sich hinter dem Kürzel L. N. verbarg. Es war der erste Teil von Tolstois biografischer Trilogie Kindheit, Knabenjahre, Jugendzeit. Sie begründete den Ruhm Tolstois.

Bereits zu Lebzeiten ein anerkannter Klassiker der russischen Literatur – Lew Tolstoi

Der Protagonist der Trilogie, Nikolenka Irtenjew, der drei Stadien des Erwachsenwerdens durchläuft, gleicht dem Autor. Allerdings nicht im biografischen Sinne, sondern der psychologischen Erfahrung nach. Diese steht über viele Jahre im Mittelpunkt von Tolstois Werken: in seinen drei großen Romanen Woina i Mir (dt. Krieg und Frieden, 1865–1869), Anna Karenina (1875–1877) und Woskressenije (dt. Auferstehung, 1899), in einer Vielzahl von Erzählungen, Dramen, publizistischen Essays und religionsphilosophischen Traktaten. Immer beschäftigt sich Tolstoi mit dem Finden der Wahrheit, die im Menschen verborgen und nur dadurch zu erkennen ist, dass man das Wesen des Menschen in seinem konkreten Sein ergründet.

Tolstois Anthropologie

„Der Mensch ist Alles und ein Teil von Allem“ – das ist die Kernthese der tolstoischen Anthropologie. Den Sinn seines Romans Krieg und Frieden sieht der Autor darin, die Menschen „dazu zu bringen, das Leben in all seinen unzähligen und unerschöpflichen Erscheinungen zu lieben“. Anna Karenina verkörpert laut Tolstoi das Leben „mit all der unausdrückbaren Kompliziertheit von allem Lebendigen“.

Der zweite Grundpfeiler in Tolstois Anthropologie ist das intensive moralische Empfinden. Alles im Leben wird als gut oder schlecht wahrgenommen. Dabei ergeben sich grundlegende Probleme, die es zu klären gilt: Was genau ist das Gute und das Schlechte? Was ist charakteristisch nur für mich und was ist charakteristisch für den Menschen allgemein? Was sind die Grenzen der Selbsterkenntnis? Das sind die Fragen, die sich Konstantin Lewin in Anna Karenina stellt, aber auch andere Protagonisten, die als „tolstoische Menschen“ bezeichnet werden.

Weltanschauliche Sinnkrise

Tolstoi selbst dachte über all diese Fragen sein ganzes Leben lang nach. All das findet sich in den Tagebüchern wieder, die er von der frühen Jugend an bis zu seinem Tod führte. Ende der 1870er, Anfang der 1880er Jahre durchlebte Tolstoi eine tiefe weltanschauliche Sinnkrise. In einer Reihe von religionsphilosophischen Werken suchte er nach theoretischen Begründungen für seine neuen Sichtweisen zu den Themen Religion, Moral, Kunst, Politik und Zivilisation. In dieser Zeit begann er, sich nicht mehr in erster Linie als Künstler zu begreifen, sondern als Religionsphilosoph. In seinen Traktaten erklärt Tolstoi, dass er zwar der Verkündigung Jesu glaube, nicht jedoch der Institution Kirche, in der der Glaube durch Ritualismus ersetzt würde. Das führte zu seinem Ausschluss aus der Kirche, der bis heute nicht aufgehoben wurde.

Schriftsteller, Moralist und Philosoph

Während der Schriftsteller Tolstoi bereits zu Lebzeiten ein anerkannter Klassiker der russischen Literatur war, erfuhr der Religionsphilosoph starken Gegenwind. Seine späten Werke, vor allem die religionsphilosophischen Traktate und der Roman Woskressenije mit ausführlichen Zitaten aus dem Neuen Testament, wurden massiv kritisiert. Tolstoi sah sich mit Vorwürfen des Moralismus und Utopismus konfrontiert. Es gab heftige Kritik an seiner religiösen Lehre sowie an der um Tolstoi in den 1880er Jahren gegründeten Bewegung Tolstowstwo. Unter anderem solche Philosophen wie Iwan Iljin oder Nikolaj Berdjajew traten damit hervor.

In seinen Tagebüchern bemerkte Tolstoi, dass er zunehmend darunter gelitten habe, nicht im Einklang mit seinen Überzeugungen gelebt zu haben. Der berühmte Literaturkritiker Viktor Schklowski vertrat die These, Tolstoi sei „Gewissen und Spiegel“ seiner Epoche zugleich gewesen. In seinen Werken habe er schließlich auch die eigenen Laster verteufelt.

Ein großer Teil der Rezeption sieht in Tolstois Verzweiflung darüber, den eigenen moralischen Ansprüchen nicht zu genügen, den Grund für sein tragisches Ende. In der Nacht auf den 28. Oktober (10. November) verließ Tolstoi unbemerkt Jasnaja Poljana. Wenige Tage später bekam er eine Lungenentzündung, die ihn zwang, seine Reise an der Bahnstation Astapowo zu unterbrechen. Nach einer Woche schweren Leidens starb er am 7. (20.) November im Haus des Leiters der Bahnstation.


1.zit. nach: Boyd, Brian (1991): Vladimir Nabokov: The American Years, Princeton, S. 221-222
2.Tagebucheintrag vom 27. Mai (8. Juni) 1884: Tolstoj, Lev (1952): Polnoe sobranie sočinenii, Moskau, Bd. 49, S. 98
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