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Auf in die Zukunft mit Lew Tolstoi!

Der Sozialismus ist nicht mehr, die Zeit der Heilsversprechen ist vorbei. Die Entzauberungwelle nach dem Ende der Ideologien ebbe aber immer noch nicht ab, schreibt Maxim TrudoljubowMaxim Trudoljubow (geb. 1970) ist ein russischer Journalist und ehemaliger Redakteur der Tageszeitung Vedomosti. Er ist Mitglied der US-amerikanischen Forschungseinrichtung Kennan Institute, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Religion, Architektur und politische Prozesse im gegenwärtigen Russland. Trudoljubow veröffentlicht regelmäßig Artikel in unabhängigen Medien. auf Inliberty. Seit den 1990er Jahren erschallen in Russland Rufe nach Visionen. Die Politik des Kreml quittiere diese aber höchstens mit ideologischen Versatzstücken aus der Mottenkiste, und im Ergebnis braue sich in den Köpfen ein höllischer Brei zusammen, kritisiert etwa der Journalist Andrej LoschakAndrej Loschak (geb. 1972) ist ein bekannter und mehrfach ausgezeichneter russischer Journalist. Er moderierte eine Sendung auf dem Fernsehkanal NTW, von 2013 bis 2015 war Loschak beim unabhängigen Internet-Fernsehsender Doshd. 2015 war er einer der Gründer von Takie Dela (dt. „So ist es“) – eine unabhängige und unpolitische Onlinezeitschrift, dessen Redaktion Loschak bis 2016 leitete..

Wie ist dieser Orientierungslosigkeit beizukommen? In einer Inliberty-Serie über das Comeback TolstoisLew Tolstoi (1828–1910) war einer der bedeutendsten Schriftsteller der russischen Literatur. Sein literarisches Schaffen umfasst drei große Romane (Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung), viele Erzählungen, Dramen und religionsphilosophische Traktate. Während er in der Literatur als von allen geliebter Superlativ gilt, wurde seine religiöse Lehre stark kritisiert und ihm selbst Moralismus und Utopismus vorgeworfen. Mehr dazu in unserer Gnose meint Maxim Trudoljubow, die Antwort genau bei jenem Klassiker der russischen Literatur gefunden zu haben.

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Will ich zu Tolstoi vordringen, erwische ich mich häufig bei dem beruhigenden Gedanken: Das ist ist ja alles auf Russisch geschrieben und gar nicht anstrengend. Doch es ist anstrengend. Von den Themen, um die es geht – Mensch, Leben, Schicksal der politischen Gesellschaft – trennen uns heute dicke Schichten wissenschaftlicher Formeln, Termini, Ziffern und Daten. Die sowjetischen Formulierungen sind noch nicht aussortiert und oben auf dem Stapel häufen sich chaotisch Lehnbegriffe wie „Ressourcen-Fluch“, „hybride Systeme“ und „extraktive Insitutitionen“.

Bei Debatten über Politik und Gesellschaft geht es meist nicht um Werte, sondern um Techniken. Was nicht überraschend ist, denn die Auffassung von Politik als einem technischen Prozess, für den es Ingenieure und keine Ideologen braucht, war eine Reaktion auf das Scheitern des sowjetischen Systems. 
Kaum jemand bedauert den Verlust der Ideologie, dennoch haben wir ein Trauma davongetragen und ein gemeinsames zukunftsgerichtetes Koordinatensystem eingebüßt: An die Stelle der marxistisch-leninistischen Geschichtsphilosophie mit einem materialistischen Ziel und Schritten, die eine Gesellschaft dorthin führen sollen, traten PolittechnologienPolittechnologija bezeichnet in Russland und anderen postsowjetischen Staaten ein Menü von Strategien und Techniken zur Manipulation des politischen Prozesses. Politik – als Theater verstanden – wird dabei als virtuelle Welt nach einer bestimmten Dramaturgie erschaffen. Politische Opponenten werden mit kompromittierenden Materialien in den Medien bekämpft, falsche Parteien oder Kandidaten lanciert oder ganze Bedrohungsszenarien eigens kreiert. Read more in our Gnose – eine Ansammlung von Instrumenten, die nicht dazu dienen, eine Gesellschaft voranzubringen, sondern sich allein um eines zu drehen – die Macht. 

Prognosen, Umfragen, PR-Strategien

Wir betrachten das gesellschaftliche Leben nicht mehr als eine Etappe auf dem Weg zu etwas, sondern als ein Spielfeld, auf dem es ein System, Spieler, Prognosen, Umfragen, die Türme des KremlGemeint ist die gängige Vorstellung, nach der die verschiedenen Türme des Kreml unterschiedliche politische Lager repräsentieren und sich gegenseitig bekämpfen. Mit dieser Metapher werden oft Konflikte innerhalb der Regierung und der Präsidialadministration beschrieben, die zwar in den Medien präsent sind, deren Hintergründe aber unklar bleiben. und PR-Strategien gibt. Der heutige Publizist und seine Leser bleiben oft bei der Diskussion eines Schemas hängen, ohne zum Wesentlichen vorzudringen: dem Leben der Menschen und ihrem Umfeld. So wurden beispielsweise die Bürgermeisterwahlen und die Niederlagen der Kremlkandidaten 2018 größtenteils als Siege und Niederlagen von Polittechnologen diskutiert. 

Sogar dort, wo wir nicht durch die Zensur oder die zunehmenden juristischen Hürden für Medien eingeschränkt sind, sogar dort, wo wir uns nicht auf die Diskussion ein und derselben Politmühle beschränken müssten, sind wir durch Autoritäten beschränkt. Und da sich die meisten von ihnen jenseits der Grenzen der russischen Gesellschaft befinden, ist das heutige Russland provinzieller und beschränkter als das Russland vor 150 Jahren, in dem die Romane von TurgenjewIwan Turgenjew (1818–1883) ist einer der größten russischen Schriftsteller der Mitte des 19. Jahrhunderts. Er zählt zu den Klassikern der russischen Literatur, seine Werke wie Väter und Söhne prägten diese nachhaltig und beeinflussten viele nachfolgende russische sowie ausländische Autoren. Read more in our Gnose , DostojewskiFjodor Dostojewski (1821–1881) gehört zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern. Viele seiner Werke gelten als Klassiker der Weltliteratur, etwa Die Brüder Karamasow, Verbrechen und Strafe oder Der Idiot. Mit seinen erzählerischen Perspektiven, die verschiedene Interpretationen erlauben, entwickelte er eine allgemeine Charakteristik des modernen Romans., GontscharowIwan Gontscharow (1812–1891) war ein russischer Schriftsteller und Literaturkritiker. Zu seinen bekanntesten Werken gehört der 1847 bis 1859 geschriebene Roman Oblomow. Darin geht es um den gleichnamigen russischen Adligen, der sich vor allem durch Apathie und Faulheit auszeichnet. Zugleich zeichnete Gontscharow seinen Oblomow als einen bedächtigen und herzensguten Menschen. Der auch heute in Russland gängige Begriff Oblomowschtschina (dt. „Oblomowtum“) vereint diese Eigenschaften und gilt für viele Menschen als ein russisches Mentalitätsmerkmal. und Tolstoi entstanden. 

Ideologiefetzen, Ablagerungen gesellschaftswissenschaftlicher Vorstellungen, Zitate einflussreicher Meinungen – das alles bildet ein geistiges Sediment, das man erst einmal durchstoßen muss, um zu Tolstoi zu gelangen. Zugegeben, das gilt nicht nur für Russland. Aber in der russischen Situation zeigen sich gewisse Vorgänge besonders deutlich. Wobei ein schmerzlicher Umgang mit den Ergebnissen einer rapiden Modernisierung und das Trauma durch den Verlust einer Zukunftsvision sowohl uns als auch den westlichen Kulturen eigen ist.   

Fast das ganze 20. Jahrhundert hindurch gab es auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs sehr verschiedene Zukunftsvisionen, doch mit dem Fall der Mauer verschwanden die Perspektiven hier wie dort. Nicht nur Russland, sondern die ganze Welt ist am Ende eines langen Weges angelangt, auf dem Autoritäten und eine Expertenindustrie dafür zuständig waren, Ziele wie Entwicklung und Fortschritt durchzusetzen – unabhängig davon, wie diese Ziele in der jeweiligen Ideologie aussahen. 
Es wäre jedoch falsch anzunehmen, dass dieser Weg irgendwann in ruhigen und stabilen alten Zeiten begonnen habe. Genau wie wir heute, durchlebte die damalige Gesellschaft tiefgreifende Umbrüche und das Trauma des Verlusts eines einheitlichen Weltbildes. 

Tolstoi, der in den ewig gestrigen Zeiten der 1820er Jahre geboren wurde, erlebte die Erfindungen des Grammophons, des Automobils, des Flugzeugs und die Entstehung des russischen Parlamentarismus. Er war Zeuge der industriellen Revolution und wissenschaftlicher Entdeckungen, die die Vorstellung vom Leben von Grund auf umkrempelten. Vor seinen Augen vollzogen sich die Bauern- und RechtsreformenAls Reformen Alexanders II. (auch: die Großen Reformen) wird ein Bündel von Gesetzesänderungen bezeichnet, von denen die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 als die wichtigste gilt. Durch weitreichende Strukturreformen sollte das Russische Reich auf die neuen Herausforderungen der Industrialisierung vorbereitet und weiter an europäische Normen herangeführt werden. Mehr dazu in unserer Gnose , sowie administrative und andere Reformen, die den russischen Staat modernisierten. 

Ende der 1850er Jahre erscheint Darwins Entstehung der Arten, in den 1860ern veröffentlicht MarxEnde des 19. Jahrhunderts wurde Karl Marx in Russland zu einem der einflussreichsten Philosophen. Schon bald nach der deutschen Erstausgabe von 1867 gab es sein Kapital auch auf Russisch. Das Werk fand in Russland ein weitaus lebhafteres Echo als in Deutschland oder irgendwo sonst in Europa. Nach der Oktoberrevolution wurde ein vermeintlich texttreuer, dogmatischer Marxismus zu einer dominierenden und schließlich sogar absolut gesetzten Ideologie. Mehr dazu in unserer Gnose Das Kapital und MendelejewDimitri Mendelejew (1834–1907) war ein russischer Chemiker. 1896 stellte er als erster das Periodensystem der Elemente auf und wies damit den Zusammenhang zwischen den Atommassen und den Eigenschaften der chemischen Elemente nach. Außerdem sagte Mendelejew die Existenz von drei bis dahin nicht gefundenen Elementen voraus.    entdeckt die periodische Gesetzmäßigkeit. Die Welt lässt sich immer besser erklären und man kann förmlich dabei zusehen, wie sie in ihre Einzelteile zerlegt wird. 

Die Welt, in ihre Einzelteile zerlegt

In den 1860er und 1870er Jahren erscheint sukzessive die Bibel in moderner russischer Sprache. Der Haupttext der Christenheit hatte bis dahin nur auf der Sprache der Geistlichkeit existiert und wird so erstmals den breiten Massen zugänglich.

In der Nähe von Jasnaja PoljanaDas 220 Kilometer südlich von Moskau gelegene Landgut Jasnaja Poljana war der Geburts- und Wohnort von Lew Tolstoi. Dort befindet sich auch das Grab des Schriftstellers. 1921 wurde auf dem Landgut das Tolstoi-Museum eröffnet. verläuft die Tschugunka – die erste Eisenbahn. Die Zeitungen berichten von Weltausstellungen und sagenhaften Innovationen, die schnell auch Russland erreichen. In den 1880ern gab es erstmals elektrisches Licht: elektrische Straßenlaternen, beleuchtete Rampen im Theater, angestrahlte Gebäude. Alles Zeichen eines immer schnelleren Fortschritts, der das Denken der Bildungsschicht über die Gegenwart und Zukunft maßgeblich mitbestimmt. Die meisten Intellektuellen jener Zeit waren Fortschrittsoptimisten, dabei sahen insbesondere deutsche Denker den Staat als Triebkraft des Fortschritts.
Tolstois Antwort, die ihn sofort zu einem Außenseiter im Kreis der europäischen Intellektuellen machte (wobei er natürlich nicht völlig allein dastand, man denke nur an Schopenhauer oder Proudhon), war: dem „progressiven“ Geschichtsbild zu widersprechen, sprich im Staat keine modernisierende Kraft, sondern einen Unterdrückungsapparat zu sehen und die sich rapide in Spezialgebiete auseinanderdividierende Wissenschaft abzulehnen. 

„Ich sehe überhaupt keine Notwendigkeit, in der Geschichte nach allgemeingültigen Gesetzen zu suchen, ganz abgesehen davon, daß dies ja unmöglich ist. […] Das Gesetz des Fortschritts beziehungsweise der Vervollkommnung ist einem jeden Menschen in die Seele geschrieben und wird nur irrtümlich auf die Geschichte übertragen“ (Der Fortschritt und die Definition der Bildung, 1862/1863).

Gegen Ende seines Lebens formuliert Tolstoi seine Auffassung von wahrer Wissenschaft folgendermaßen: „Wissen, was man tun und was man lassen soll. Darin, und nur darin, bestand und wird die echte, die wahre Wissenschaft auch weiterhin bestehen. Diese Wissenschaft ist wirkliche Wissenschaft, d. h. ein Konglomerat aus Erkenntnissen, die sich dem Menschen nicht von selbst erschließen.“ (Über die Wissenschaft (Antwort an einen Bauern), 1909). Tolstoi konzentriert sich nicht darauf, wie das Leben im materiellen und sozialen Sinne beschaffen ist, sondern darauf, wie der einzelne Mensch sein Leben führt und was ein richtiges oder falsches Leben ausmacht. 

Weltumspannender Umsturz statt Revolution

In dem Traktat Das Ende des Jahrhunderts verallgemeinert Tolstoi seine Ablehnung des liberalen und des sozialrevolutionären Fortschritts und nennt die für ihn einzig zulässige Form historischer Entwicklung: von einer Welt der Nötigung durch den Staat oder die Revolution hin zu einer Welt, in der sich die Menschen gegenseitig verpflichtet sind und die auf der Befolgung von Lebensregeln gründet, welche von Gelehrten des Christentums, Buddhismus und Konfuzianismus aufgestellt worden sind. Dieser „große weltumspannende Umsturz“ müsse von Russland ausgehen, denn das russische Volk kenne, so Tolstois Überzeugung, besser als alle anderen Völker die gewaltsame Natur des Staates, weil er sie im verheerenden JapankriegDer Krieg zwischen dem russischen und dem japanischen Kaiserreich (1904–1905) endete für Russland in einer verlustreichen Niederlage. Hintergrund war die Konkurrenz beider Länder um Gebiete in China und Korea sowie der Versuch der russischen Führung, die Bevölkerung von innenpolitischen Problemen abzulenken. Innenminister von Plewe erklärte im Januar 1904, ein „kurzer, siegreicher Krieg“ könne eine Revolution verhindern. Stattdessen beschleunigte die sich abzeichnende Niederlage die revolutionären Ereignisse der Jahre 1905–1907. gezeigt habe. 

Das Ende dessen, was zu Tolstois Zeiten begann, haben wir miterlebt. Russland hat ein wahnwitziges politisches und menschliches Experiment durchlaufen, dessen Initiatoren an ein allgemeingültiges Gesetz der Geschichte glaubten. Die Kommunisten schufen einen Apparat physischer und moralischer Gewalt, wie ihn die Geschichte nicht kannte, und der die Menschen dazu brachte, an ein gemeinsames historisches Ziel für alleVom Idealmenschen zum untertänigen Opportunisten: Der einst utopische Begriff des Sowjetmenschen erfuhr nach der Perestroika eine komplette Umpolung. Soziologen erklären mit dem Phänomen die politische Kultur der UdSSR – aber auch Stereotypen und Überzeugungen von heute. Mehr dazu in unserer Gnose zu glauben. Dieser Apparat, der Sowjetstaat, hat alle Ziele, für die er erschaffen worden war, überdauert. 

Alle halbherzigen, unentschlossenen Versuche, diesen Staat von kommunistischen auf liberal-demokratische Ziele auszurichten, sind erwartungsgemäß gescheitert. Der Staat, der – ich sage es nochmal – für die Lösung einer großen historischen Aufgabe entwickelt worden war, ist zum Selbstzweck geworden und wird von der gegenwärtigen Regierung zähnefletschend verteidigt. Dieser Gewaltstaat, der das Volk zu keinem historischen Ziel führt, sondern nur im Kreis, um sich selbst herum, hat seine wahre Natur unverkennbar gezeigt. Etwas Ähnliches würde Tolstoi wohl sagen, würde er von Zauberhand in unsere Zeit befördert.
Heute kann man sich bei den großen Lebensfragen nur schwer eine solche intellektuelle und spirituelle Unbefangenheit vorstellen, wie sie Tolstoi an den Tag legte. Aber man muss mit Tolstoi nicht in allem übereinstimmen, um von ihm zu lernen, wie man jene Schicht aus wissenschaftlichen Formeln und einflussreichen Zitaten durchbricht und anfängt selbst zu denken.

Heute stehen wir da mit Tolstoi „nach dem Fortschritt“, auf den Trümmern des Gebäudes, vor dessen Errichtung er warnte. Wir befinden uns immer noch im Zeitalter der „großen Entzauberung“: Wir durchleben verschiedene Formen der Erschöpfung, Empörung und Ignoranz gegenüber gesellschaftlichen Prozessen. Die Entscheidung der russischen Führung für die PolittechnologiePolittechnologija bezeichnet in Russland und anderen postsowjetischen Staaten ein Menü von Strategien und Techniken zur Manipulation des politischen Prozesses. Politik – als Theater verstanden – wird dabei als virtuelle Welt nach einer bestimmten Dramaturgie erschaffen. Politische Opponenten werden mit kompromittierenden Materialien in den Medien bekämpft, falsche Parteien oder Kandidaten lanciert oder ganze Bedrohungsszenarien eigens kreiert. Read more in our Gnose und gegen die Ideologie ist nachvollziehbar und unter den gegebenen historischen Umständen sogar unumgänglich. Zudem wurden sogar mehrfach Versuche unternommen, etwas wie eine Ideologie zu erschaffen. Diese Versuche wurden von der Gesellschaft weder angenommen noch begrüßt. Die russische Gesellschaft besteht aus Menschen mit verschiedenen Überzeugungen und lehnt offenbar schon die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunftsvision ab.  

Bei seiner Warnung vor dem Glauben an einen linearen Geschichtsverlauf, sagte Tolstoi im Wesentlichen, dass ein Staat keine Zukunftsvision für alle schaffen könne, das könne nur der einzelne Mensch für sich selbst. Die Fokussierung auf das individuelle Leben und die Erforschung dessen, was richtig und was falsch ist, waren die Stärke des Denkens in Tolstois Russland. Wir können in diese Zeit nicht zurückkehren, das müssen wir auch nicht. Es genügt, wenn wir von unseren Vorfahren lernen, die eigene Erfahrung selbstständig zu reflektieren. 

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Iwan Turgenjew

„Vom Gipfel der europäischen Zivilisation aus kann man wohl auch ganz Russland überblicken.“ Iwan Turgenjews Werk prägte viele russische und ausländische Autoren – heute wäre er 201 Jahre alt geworden. 

Polittechnologie

Polittechnologija bezeichnet in Russland und anderen postsowjetischen Staaten ein Menü von Strategien und Techniken zur Manipulation des politischen Prozesses. Politik – als Theater verstanden – wird dabei als virtuelle Welt nach einer bestimmten Dramaturgie erschaffen. Politische Opponenten werden mit kompromittierenden Materialien in den Medien bekämpft, falsche Parteien oder Kandidaten lanciert oder ganze Bedrohungsszenarien eigens kreiert.

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Lew Tolstoi

Während einer Vorlesung über russische Literatur „ging Vladimir NabokovVladimir Nabokov (1899–1977) war einer der berühmtesten russischen Schriftsteller, die nach der Oktoberrevolution nach Deutschland und später in die USA ausgewandert sind. Er ist insofern eine Ausnahmeerscheinung, als dass er seine Spuren nicht nur in der russischen, sondern auch in der amerikanischen Literatur hinterließ. Weltbekannt ist er seit der Veröffentlichung und Verfilmung des Romans Lolita (1955). Er gilt als hervorragender Stilist und Meister des Sujets., ohne ein Wort zu sagen, über das Podium zur rechten Wand und schaltete die drei Deckenlampen aus. Dann zog er schweigend die Rollos der großen Fenster im Hörsaal hinunter und lief zurück zu den Lichtschaltern“, erinnerte sich ein Student: „,Am Firmament der russischen Literatur‘, verkündete Nabokov, ,ist das hier Puschkin!‘ Er schaltete die Lampe in der linken Ecke unseres Planetariums wieder an. ,Das hier ist GogolNikolaj Gogol (1809–1852) war ein ukrainisch-russischer Schriftsteller. Er gilt als einer der wichtigsten Klassiker russischer Literatur, seine Werke wie Der Mantel, Der Revisor oder Die Toten Seelen werden von Literaturwissenschaftlern als wegweisend für viele nachfolgende Autoren gewertet. !‘ Die Lampe in der Mitte leuchtete auf. ,Das ist TschechowAnton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken. !‘ Die Lampe rechts erleuchtete. Dann löste Nabokov das Rollo, das mit einem lauten Knall in die Höhe schnellte. Ein breiter, heller Sonnenstrahl brach in den Hörsaal, Nabokovs Stimme donnerte los: ,Und das, das ist Tolstoi!‘“1

Mit Licht, Glück und ethischer Bestimmtheit wandte sich Lew Tolstoi in seinen Werken gegen das Motiv des Leids – und somit gegen seine Epoche. Denn die russische Literatur des 19. Jahrhunderts war vom Motiv der Leiderfahrung durchzogen. DostojewskiFjodor Dostojewski (1821–1881) gehört zu den bedeutendsten russischen Schriftstellern. Viele seiner Werke gelten als Klassiker der Weltliteratur, etwa Die Brüder Karamasow, Verbrechen und Strafe oder Der Idiot. Mit seinen erzählerischen Perspektiven, die verschiedene Interpretationen erlauben, entwickelte er eine allgemeine Charakteristik des modernen Romans. etwa enthüllte die Fragmentiertheit des menschlichen Bewusstseins mit seinen tiefen und dunklen Schichten und führte seine Protagonisten durch die Erfahrung der Sünde und des Leidens zur Wahrheit. Bei Tolstoi dagegen ist der Mensch in erster Linie ein ungeteiltes und glückliches Wesen, und „das menschliche Leben, soweit wir es kennen, ist eine Welle, die völlig in Glanz und Freude gehüllt ist“2. Als eine Art Gegenentwurf zu Dostojewski tritt bei Tolstoi ein intensives moralisches Empfinden an die Stelle der Sünde. Auch Tolstois eigenes Leben war das Produkt eines solchen Empfindens.

Leben und Wirken

Lew Tolstoi wurde am 28. August (9. September) 1828 auf dem Familiengut Jasnaja PoljanaDas 220 Kilometer südlich von Moskau gelegene Landgut Jasnaja Poljana war der Geburts- und Wohnort von Lew Tolstoi. Dort befindet sich auch das Grab des Schriftstellers. 1921 wurde auf dem Landgut das Tolstoi-Museum eröffnet. geboren, etwa 200 Kilometer entfernt von Moskau. Er gehörte dem Adelsgeschlecht der Grafen von Tolstoi an und wuchs in einer aristokratischen, von literarischem Schaffen weit entfernten Umgebung auf.

Er studierte Östliche Philologie und Rechtswissenschaften an der Universität KasanKasan ist die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tatarstan. Die Stadt mit rund 1,2 Millionen Einwohnern liegt rund 800 Kilometer östlich von Moskau. Wegen der gut erhaltenen Altstadt und des UNESCO-Weltkulturerbes Kasaner Kreml gilt Kasan für viele als eine der schönsten Städte Russlands., leistete seinen Wehrdienst, war in den Jahren 1854 und 1855 während des KrimkriegsDer Krimkrieg (1853–1856) war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und einer Koalition aus dem Osmanischen Reich, Frankreich, Großbritannien sowie Piemont-Sardinien, die aus konkurrierenden Territorialansprüchen in Südosteuropa entstand. Russland erlitt eine verlustreiche Niederlage, die der Staatsführung die technologische und soziale Rückständigkeit des Landes vor Augen führte. Gleichwohl werden mit dem Krimkrieg bis heute heroische Motive der aufopfernden Verteidigung der Stadt Sewastopol verknüpft. Read more in our Gnose an der Verteidigung von SewastopolSewastopol ist mit rund 440.000 Einwohnern die größte Stadt auf der Krim. Seit 2014 ist Sewastopol ein international nicht anerkanntes Föderationssubjekt Russlands. Die Stadt ist seit dem 18. Jahrhundert Hauptstützpunkt der russischen/sowjetischen Schwarzmeerflotte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war Sewastopol deshalb ein häufiger Konfliktpunkt in den Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine. beteiligt, wurde mit dem Tapferkeitsorden der heiligen Anna ausgezeichnet und bewegte sich fern jeglicher literarischer Kreise.

So kam es völlig unerwartet, als Anfang der 1850er Jahre im Journal Sowremennik die Erstschrift eines bislang unbekannten Autors erschien, der sich hinter dem Kürzel L. N. verbarg. Es war der erste Teil von Tolstois biografischer Trilogie Kindheit, Knabenjahre, Jugendzeit. Sie begründete den Ruhm Tolstois.

Bereits zu Lebzeiten ein anerkannter Klassiker der russischen Literatur – Lew Tolstoi

Der Protagonist der Trilogie, Nikolenka Irtenjew, der drei Stadien des Erwachsenwerdens durchläuft, gleicht dem Autor. Allerdings nicht im biografischen Sinne, sondern der psychologischen Erfahrung nach. Diese steht über viele Jahre im Mittelpunkt von Tolstois Werken: in seinen drei großen Romanen Woina i Mir Krieg und Frieden ist einer der bekanntesten Romane von Lew Tolstoi (1828–1910). Er beschreibt die russische Gesellschaft in der Zeit der napoleonischen Kriege 1805–1812. Den Sinn seines Romans sieht der Autor darin, die Menschen „dazu zu bringen, das Leben in all seinen unzähligen und unerschöpflichen Erscheinungen zu lieben“. (dt. Krieg und Frieden, 1865–1869), Anna KareninaAnna Karenina ist einer der bekanntesten Romane von Lew Tolstoi (1828–1910). Darin erzählt er von der tragischen Liebe der Protagonistin Karenina zum Offizier Wronski. Der Roman gilt auch als eine Studie der Moral von adliger Gesellschaft in Moskau und St. Petersburg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Anna Karenina verkörpert laut Tolstoi das Leben „mit all der unausdrückbaren Kompliziertheit von allem Lebendigen“. (1875–1877) und Woskressenije (dt. Auferstehung, 1899), in einer Vielzahl von Erzählungen, Dramen, publizistischen Essays und religionsphilosophischen Traktaten. Immer beschäftigt sich Tolstoi mit dem Finden der Wahrheit, die im Menschen verborgen und nur dadurch zu erkennen ist, dass man das Wesen des Menschen in seinem konkreten Sein ergründet.

Tolstois Anthropologie

„Der Mensch ist Alles und ein Teil von Allem“ – das ist die Kernthese der tolstoischen Anthropologie. Den Sinn seines Romans Krieg und Frieden sieht der Autor darin, die Menschen „dazu zu bringen, das Leben in all seinen unzähligen und unerschöpflichen Erscheinungen zu lieben“. Anna Karenina verkörpert laut Tolstoi das Leben „mit all der unausdrückbaren Kompliziertheit von allem Lebendigen“.

Der zweite Grundpfeiler in Tolstois Anthropologie ist das intensive moralische Empfinden. Alles im Leben wird als gut oder schlecht wahrgenommen. Dabei ergeben sich grundlegende Probleme, die es zu klären gilt: Was genau ist das Gute und das Schlechte? Was ist charakteristisch nur für mich und was ist charakteristisch für den Menschen allgemein? Was sind die Grenzen der Selbsterkenntnis? Das sind die Fragen, die sich Konstantin Lewin in Anna Karenina stellt, aber auch andere Protagonisten, die als „tolstoische Menschen“ bezeichnet werden.

Weltanschauliche Sinnkrise

Tolstoi selbst dachte über all diese Fragen sein ganzes Leben lang nach. All das findet sich in den Tagebüchern wieder, die er von der frühen Jugend an bis zu seinem Tod führte. Ende der 1870er, Anfang der 1880er Jahre durchlebte Tolstoi eine tiefe weltanschauliche Sinnkrise. In einer Reihe von religionsphilosophischen Werken suchte er nach theoretischen Begründungen für seine neuen Sichtweisen zu den Themen Religion, Moral, Kunst, Politik und Zivilisation. In dieser Zeit begann er, sich nicht mehr in erster Linie als Künstler zu begreifen, sondern als Religionsphilosoph. In seinen Traktaten erklärt Tolstoi, dass er zwar der Verkündigung Jesu glaube, nicht jedoch der Institution Kirche, in der der Glaube durch Ritualismus ersetzt würde. Das führte zu seinem Ausschluss aus der KircheDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. Mehr dazu in unserer Gnose , der bis heute nicht aufgehoben wurde.

Schriftsteller, Moralist und Philosoph

Während der Schriftsteller Tolstoi bereits zu Lebzeiten ein anerkannter Klassiker der russischen Literatur war, erfuhr der Religionsphilosoph starken Gegenwind. Seine späten Werke, vor allem die religionsphilosophischen Traktate und der Roman Woskressenije mit ausführlichen Zitaten aus dem Neuen Testament, wurden massiv kritisiert. Tolstoi sah sich mit Vorwürfen des Moralismus und Utopismus konfrontiert. Es gab heftige Kritik an seiner religiösen Lehre sowie an der um Tolstoi in den 1880er Jahren gegründeten Bewegung Tolstowstwo. Unter anderem solche Philosophen wie Iwan IljinDer russische Religionsphilosoph Iwan Iljin (1883–1954) gehört zu den Säulenheiligen der neuen konservativen Staatsideologie in Russland. Seine autoritäre und monarchistische Gesellschaftskonzeption wird in der Ära Putin für die Legitimierung der Vertikale der Macht eingesetzt. Iljin hatte aber auch ein gehaltvolles theologisches Werk vorgelegt, das heute von der politischen Vereinnahmung überschattet wird. Read more in our Gnose oder Nikolaj BerdjajewNikolaj Berdjajew (1874–1948) war ein russischer Philosoph mit weltweiter Wirkung. Zunächst marxistisch beeinflusst, stellte er sich noch vor der Oktoberrevolution gegen den Atheismus der Kommunisten und wurde 1922 ausgewiesen. Seine christlich-existenzialistische Philosophie stellt die Freiheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, zielt dabei aber auf eine geistige Erneuerung der Gemeinschaft. Die religiöse Rückbesinnung in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beruft sich vielfach auf Berdjajews Denken. Read more in our Gnose traten damit hervor.

In seinen Tagebüchern bemerkte Tolstoi, dass er zunehmend darunter gelitten habe, nicht im Einklang mit seinen Überzeugungen gelebt zu haben. Der berühmte Literaturkritiker Viktor SchklowskiViktor Schklowski (1893–1984) war ein Literatur- und Filmkritiker und Schriftsteller. Seit 1916 war er aktives Mitglied der Gesellschaft zum Studium der poetischen Sprache (OPOJAS), die sich mit der Entwicklung des Formalismus in der Literaturwissenschaft beschäftigte. Neben Sachbüchern zu Schriftstellern wie Laurence Sterne und Lew Tolstoi oder zu den Regisseuren Charlie Chaplin und Sergej Eisenstein, schrieb Schklowski auch historische Romane und autobiographische Essays. vertrat die These, Tolstoi sei „Gewissen und Spiegel“ seiner Epoche zugleich gewesen. In seinen Werken habe er schließlich auch die eigenen Laster verteufelt.

Ein großer Teil der Rezeption sieht in Tolstois Verzweiflung darüber, den eigenen moralischen Ansprüchen nicht zu genügen, den Grund für sein tragisches Ende. In der Nacht auf den 28. Oktober (10. November) verließ Tolstoi unbemerkt Jasnaja PoljanaDas 220 Kilometer südlich von Moskau gelegene Landgut Jasnaja Poljana war der Geburts- und Wohnort von Lew Tolstoi. Dort befindet sich auch das Grab des Schriftstellers. 1921 wurde auf dem Landgut das Tolstoi-Museum eröffnet.. Wenige Tage später bekam er eine Lungenentzündung, die ihn zwang, seine Reise an der Bahnstation Astapowo zu unterbrechen. Nach einer Woche schweren Leidens starb er am 7. (20.) November im Haus des Leiters der Bahnstation.


1.zit. nach: Boyd, Brian (1991): Vladimir Nabokov: The American Years, Princeton, S. 221-222
2.Tagebucheintrag vom 27. Mai (8. Juni) 1884: Tolstoj, Lev (1952): Polnoe sobranie sočinenii, Moskau, Bd. 49, S. 98
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Nikolaj Berdjajew

Nikolaj Berdjajew (1874–1948) war ein russischer Philosoph mit weltweiter Wirkung. Zunächst marxistisch beeinflusst, stellte er sich noch vor der Oktoberrevolution gegen den Atheismus der Kommunisten und wurde 1922 ausgewiesen. Seine christlich-existenzialistische Philosophie stellt die Freiheit des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, zielt dabei aber auf eine geistige Erneuerung der Gemeinschaft. Die religiöse Rückbesinnung in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beruft sich vielfach auf Berdjajews Denken.

Nikolaj Nekrassow

Nikolaj Alexejewitsch Nekrassow war ein Autor, Kritiker und einflussreicher Publizist, der insbesondere in politisch-revolutionär gesinnten Kreisen eine breite Anhängerschaft fand. Im westlichen Ausland kaum bekannt, gilt Nekrassow in Russland als Nationalheld der Literatur des 19. Jahrhunderts und als moralische Instanz der Kulturgeschichte. Nekrassow begriff Literatur in erster Linie als Medium zum Ausdruck sozialer und politischer Belange.

Wassili Aksjonow

Heute vor 87 Jahren wurde Wassili Aksjonow geboren. Er gilt als einer der wichtigsten, vielleicht der wichtigste, russische Autor der Nachkriegszeit. Im Tauwetter als Kultautor einer neuen Generation verehrt, unter Breshnew repressiert und schließlich des Landes verwiesen, durchlief Aksjonow das klassische Drama des sowjetischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert. Torben Philipp über Leben und Wirken des Bestsellerautors.

Russki Mir

Das Konzept der Russischen Welt (russ. russki mir) wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten. 

Russisch-Orthodoxe Kirche

Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint.

Kasimir Malewitsch

Heute vor 84 Jahren starb Kasimir Malewitsch. Sein Name ist untrennbar mit seinem größten Coup verbunden – dem Schwarzen Quadrat (1915, Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau). Sein im doppelten Sinn ikonisches Gemälde stellt eine Tabula rasa für das Medium Malerei dar und bildet gleichzeitig den Ausgangspunkt für die Entwicklung einer gegenstandslosen Abstraktion, die bis heute andauert.

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