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Erdöl – kulturhistorische Aspekte

Erdöl war die Grundlage der Wirtschaft in der UdSSR und ist es im heutigen Russland immer noch. Metaphorisch auch als „Blut der Erde“ oder „Schwarzes Gold“ bezeichnet, gilt es nicht nur als wichtigste Energiequelle, sondern auch als Motor der Geschichte insgesamt. Ilja Kalinin über kulturhistorische Aspekte des Erdöls. 

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Politische Talkshows

18 Uhr auf dem größten Sender Russlands: In einer politischen Nachrichtensendung soll ein ukrainischer Experte vor laufenden Kameras bekennen, dass die KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. Mehr dazu in unserer Gnose schon immer russisch gewesen sei. Als er sich weigert, stellt der Moderator dem völlig verdutzten Gast einen vorbereiteten Eimer mit Fäkalien vor die Füße, das Studiopublikum klatscht begeistert. Ein Einzelfall? Keineswegs! Skandale wie dieser, fliegende Fäuste, persönliche Beleidigungen und geschmacklose Unterhaltung stehen im Zentrum eines neuen Typs gesellschaftspolitischer Talkshows in den russischen Staatssendern.

Wie überall auf der Welt werden auch in Russland Talkshows als eine Mischung aus Unterhaltung und Informationen dem sogenannten Infotainment zugeordnet. Nach Aussage einer Produzentin des Perwy kanalDer Erste Kanal gilt aufgrund seiner hohen Reichweite als das wichtigste Massenmedium des Landes. Seit dem Ende der Sowjetunion war er stets mehrheitlich im Staatsbesitz – wenn auch seit 1994 unter Beteiligung von Großunternehmern. Er ist ein zentrales Instrument der politischen Kommunikation des Kreml. Mehr dazu in unserer Gnose sollen jedoch auch die Politshows ihres Senders die Zuschauer nicht primär wegen ihres Informationswerts ansprechen, sondern vor allem aufgrund der Emotionen, die sie hervorrufen.1

Arenen der Emotionen

Russische Polit-Talkshows, wie sie von staatlichen und staatsnahen Sendern produziert werden, sind offensichtlich ein Erfolgsrezept. Aufgrund ihrer Vielfalt, der oftmals obszönen und vulgären Sprache2 sowie der geladenen Gäste sprechen sie unterschiedliche Bevölkerungsschichten und Generationen an – Umfragen zufolge sehen über 60 Prozent der russischen Bevölkerung mindestens einmal pro Woche eine politische Talkshow.3
Emotionale Steigerungen werden in solchen Talkshows unter anderem mithilfe von lautem Brüllen, verbalen oder physischen Attacken4, Schockbildern oder Gräuelgeschichten erzeugt. Diese Taktiken dienen nicht nur als Attraktionen, sondern auch der Verstärkung von Feindbildern, die in den Talkshows transportiert werden: Liberal-oppositionell gesinnte Diskutanten treffen in diesen Shows auf patriotisch-konservative Gäste. Letztere dominieren die Shows, diffamieren ihre Kontrahenten und gehen, wie beispielsweise in der Sendung Pojedinok (dt. Duell), meist als „Sieger“ hervor. Politische Talkshows wirken emotional unterstützend auf eine bereits vorherrschende Stimmung, die durch Nachrichten und Politiker geschaffen wurde und beeinflussen die öffentliche Meinung.5

Polit-Talkshows – ein Phänomen der Perestroikazeit

In Russland etablierten sich Talkshows erst während des Zusammenbruchs der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose und stehen in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen und Veränderungen dieser Zeit.6 Als Diskussions- und Gesprächsplattform stellte die Talkshow in einer Periode der angestrebten TransparenzGlasnost ist ein politisches Schlagwort, das Transparenz, Informationsfreiheit und das Fehlen von Zensur bezeichnet. Michail Gorbatschow (geb. 1931) führte den Begriff 1986 ein und stellte damit die Weichen für mehr Meinungs- und Redefreiheit.  , Offenheit und Meinungsfreiheit das geeignete Format dar, um politische oder gesellschaftliche Fragen öffentlich zu diskutieren. Neue TV-Formate wurden zunächst aus dem westlichen Fernsehen übernommen, wobei sich Talkshows aufgrund ihres hohen Massenanreizes und der relativ niedrigen Produktionskosten besonders gut für das russische Fernsehen eigneten.7 Insbesondere waren es jedoch die politischen Talkshows nach US-amerikanischem Vorbild, die übernommen wurden. Eine der ersten Ende der 1980er Jahre entstandenen Talkshows und Symbole der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose war die von dem 1995 erschossenen Journalisten Wladislaw Listjew moderierte Sendung Wsgljad (dt. Blick), in der neben der Diskussion der Wochennachrichten erstmals auch zeitgenössische Popmusik aus dem Ausland und Musikclips westlicher Popstars zu hören und sehen waren.8 Aus dieser Zeit stammt auch der heute im Russischen gebräuchliche Terminus tok-schou, eine direkte lexikalische Entlehnung des englischen Begriffs Talk Show.9

Weiterentwicklung der Talkshows bis heute

Bis zur Jahrtausendwende entwickelte sich eine eigenständige Form der russischen Polit-Talkshows, zu deren Gründungsvätern neben Listjew auch der bis heute als Moderator tätige Wladimir PosnerWladimir Posner (geb. 1934) ist einer der erfahrensten Fernsehmoderatoren in Russland. In Frankreich geboren und in den USA aufgewachsen, war er in den 1980er Jahren der Organisator und Moderator der U.S.-Soviet Space Bridge, einer Art Videokonferenz zwischen den USA und der UdSSR. Zurück in Russland wurde er in den 1990er und 2000er Jahren zu einem der berühmtesten Interviewer. Seine Sendung, die seit 2008 im Ersten Kanal gezeigt wird, ist eine der wenigen Sendungen im Staatsfernsehen, in der kritische Fragen unter anderem an hohe Beamte gestellt werden dürfen. zählte. Während einige Polit-Talkshows, die sich anfangs vor allem mit dem Wechsel der politischen Elite beschäftigten, zu „Instrumenten innerer Informationskriege“10 wurden, hatten andere Sendungen eine wichtige aufklärerische Funktion. So thematisierte beispielsweise die Talkshow Nesawissimoje rassledowanije (dt. Unabhängige Untersuchung) auf NTWNTW ist einer der quotenstärksten TV-Kanäle Russlands. Er besteht seit 1993 und gehörte bis 2001 zur Holding des damaligen Medienmagnaten Wladimir Gussinski (geb. 1953). Dieser nutzte seine Medien auch zur politischen Einflussnahme. Vor allem NTW, das für viele als anspruchsvoll und innovativ galt, entwickelte sich zu einer Art Sprachrohr von Gussinksi, der damit auch die autoritäre Konsolidierung unter Putin kritisierte. Laut Beobachtern soll NTW 2001 vor allem wegen dieser Kritik von der staatsnahen Holding Gazprom-Media übernommen worden sein. die Rolle des FSBFSB (Federalnaja slushba besopasnosti, dt. Föderaler Sicherheitsdienst) ist der Inlandsgeheimdienst Russlands. Er ging aus dem sowjetischen Geheimdienst KGB hervor, der nach dem Ende der Sowjetunion zerschlagen wurde. Heute gehören Spionageabwehr, Terrorismusbekämpfung, aber auch organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität zum Arbeitsgebiet des FSB. Schätzungsweise rund 350.000 Menschen arbeiten heute für die Behörde. Mehr dazu in unserer Gnose bei der Serie von Bombenanschlägen in MoskauIm September 1999 erschütterten mehrere nächtliche Explosionen die Städte Bujnaksk, Moskau und Wolgodonsk. Die Bomben detonierten in großen Wohnblöcken, über 300 Menschen wurden getötet. Die Ermittler gingen von Terroranschlägen tschetschenischer Separatisten aus, in Gerichtsprozessen wurden einige Personen verurteilt, andere in Tschetschenien von Spezialkräften getötet. Die Anschlagsserie war einer von mehreren Anlässen für den Zweiten Tschetschenienkrieg – noch im September ordnete Ministerpräsident Putin die Bombardierung Grosnys an. Von Beginn an gab es Vermutungen, der russische Geheimdienst könnte an den Aktionen beteiligt gewesen sein. Eine unabhängige Kommission aus Parlamentariern konnte die Vorfälle nicht aufklären, da die Regierung Auskünfte verweigerte. Zwei Mitglieder der Kommission sind seitdem Mordanschlägen zum Opfer gefallen, ihr Anwalt wurde zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. im August und September 1999.11

NTW nahm ab Beginn der 2000er Jahre eine führende Rolle bei der Produktion politischer Talkshows ein,12 beispielsweise wurde auf diesem Sender die von Jewgeni KisseljowDer Fernsehjournalist Jewgeni Kisseljow war bis zur Auflösung der NTW-Redaktion Generaldirektor und Chefredakteur dieses bis dahin regierungskritischen TV-Senders. Nach eigener Aussage ist Kisseljow 2008 aufgrund politischen Drucks in die Ukraine ausgewandert. Hier ist er in mehreren Medienformaten beschäftigt, unter anderem führt er seine Sendung Nawerchu (dt. Oben) fort – eine Diskussionsrunde zu aktuellen politischen Ereignissen, die auf NTW in den Jahren 1994 bis 2001 unter dem Namen Itogi (dt. Bilanz) hohe Einschaltquoten erreichte. moderierte Talkshow Glas naroda (dt. Stimme des Volkes) ausgestrahlt.
Seit dem Amtsantritt Wladimir Putins wurde oftmals auf die zunehmende Entpolitisierung des Fernsehens hingewiesen, da die Anzahl politischer Talkshows ab Beginn der 2000er Jahre zurückgegangen war.13

Die UkrainekriseDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits mehr als 12.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden. Mehr dazu in unserer Gnose 2014 stellte jedoch einen Wendepunkt dar. Seitdem lässt sich eine erneute Zunahme politischer Talkshowreihen im russischen Fernsehen beobachten, die zudem einen neuen Stil repräsentieren.14 So kamen im Herbst 2014 auf dem Perwy kanal die beiden Polittalkshows Struktura momenta (dt. Struktur des Augenblicks) und TolstoiLew Tolstoi (1828–1910) war einer der bedeutendsten Schriftsteller der russischen Literatur. Sein literarisches Schaffen umfasst drei große Romane (Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung), viele Erzählungen, Dramen und religionsphilosophische Traktate. Während er in der Literatur als von allen geliebter Superlativ gilt, wurde seine religiöse Lehre stark kritisiert und ihm selbst Moralismus und Utopismus vorgeworfen. Mehr dazu in unserer Gnose . Woskressenje (dt. Tolstoi. Sonntag) neu ins Abendprogramm. Auch ins Nachmittagsprogramm wurde mit Wremja pokashetWremja pokashet (dt. Die Zeit wird es zeigen) ist eine politische Talkshow des staatlichen Fernsehsenders Erster Kanal. Die Sendung läuft im Nachmittagsprogramm, seit 2017 wird sie vom Journalisten Anatoli Kusitschew (geb. 1969) moderiert. Der von 2016 bis 2017 hauptverantwortliche Moderator Artjom Schejnin (geb. 1966) vertritt Kusitschew urlaubs-  und krankheitsbedingt.  eine Polit-Talkshow integriert und damit Politik und Propaganda für Hausfrauen und Rentner aufbereitet. Von Wremja pokashet werden inzwischen drei Sendungen täglich produziert und ausgestrahlt. Damit kommt der populärste Sender Russlands heute auf circa 9 Talkshowsendungen mit jeweils circa 30 bis 60 Minuten täglich, davon mindestens drei mit politischer Thematik.

Auch auf Rossija-1Ein staatlicher Fernsehsender, der zusätzlich zu seinem Hauptprogramm noch 80 Regionalsender unterhält. Er gehört zur Allrussischen Staatlichen Fernseh- und Radiogesellschaft (WGTRK)., NTW und TWZTWZ ist ein Fernsehsender im Besitz der Moskauer Stadtverwaltung, der vor allem regionale Sendungen für verschiedene russische Großstädte produziert. wurden ab 2014 vermehrt politische Talkshows neu ins Programm aufgenommen. Die meisten konzentrierten sich auf ein Thema: die Ereignisse in der Ukraine. Dabei kam es neben teilweise sehr emotionalen Diskussionen auch zu Schlägereien: So wurde in einer Sendung von Prawo golosa (dt. Stimmrecht) auf TWZTWZ ist ein Fernsehsender im Besitz der Moskauer Stadtverwaltung, der vor allem regionale Sendungen für verschiedene russische Großstädte produziert. ein Teilnehmer zunächst von anderen Gästen angeschrien und schließlich verprügelt.15 Obwohl die Folge wegen des Handgemenges nicht ausgestrahlt wurde, illustriert sie, dass das „Recht auf die eigene Stimme“ in solchen Talkshows de facto nicht viel zählt, beziehungsweise vor allem der Polarisierung, Skandalisierung und Erregung der Aufmerksamkeit der Zuschauer dient.

Im September 2016 startete auf Rossija-1 zudem die Polit-Talkshow 60 minut, die mittlerweile im Nachmittags- sowie Abendprogramm gesendet wird. Kennzeichnend für diese Show sind neben persönlichen Beleidigungen und Anfeindungen der Gäste vor allem Diffamierungen des ukrainischen Staates.16 Bezeichnend dafür ist, dass das Moderatorenpaar dem Politiker Wladimir ShirinowskiWladimir Wolfowitsch Shirinowski (geboren 1946 als Wladimir Eidelstein) ist Gründer und Vorsitzender der nationalistischen Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR). Seine Auftritte zeichnen sich durch extrem populistische Rhetorik, antisemitische Stereotype und regelmäßige Handgreiflichkeiten vor laufenden Kameras aus. Zudem hat er wiederholt zu militärischer Gewalt gegen westliche Staaten aufgerufen. Shirinowski ist als zuverlässig Grenzen überschreitender Polit-Clown ein essentieller Bestandteil des russischen öffentlichen Lebens. Mehr dazu in unserer Gnose zu seinem 73. Geburtstag eine Torte in Form der Ukraine schenkte, welche er schließlich mit einem Messer entzwei teilte.17

Die russische Außenpolitik, die historische Glorifizierung Russlands, die Abwertung anderer Staaten wie der Ukraine oder der Konkurrenzkampf mit dem Westen sind beliebte Themen in diesen Talkshows. Es geht dabei vor allem um Selbstaufwertung und das Schaffen von Feindbildern – was von innenpolitischen und sozial brisanten Fragen ablenkt, die in diesen Shows nicht aufgegriffen werden.

Zentrale Instanz – der Moderator

Zu den zentralen Charakteristika von Talkshows generell zählt neben der vermeintlichen Leichtigkeit des Gesprächs, der Anwesenheit eines Publikums und der Präsenz von Gästen sowie Experten die Wortgewandtheit des Moderators.18 Letzterer ist gleichzeitig Markenkern und Aushängeschild der Talkshow, sein Familienname figuriert oftmals als Teil des Talkshownamens. Die Moderatoren sind es schließlich auch, die den Unterschied zwischen russischen und US-amerikanischen Talkshows ausmachen, da russische Hosts im Gegensatz zu US-Moderatoren teilweise ihre persönliche Meinung äußern und aktuelle Ereignisse interpretieren.19
Ein besonders grelles Beispiel dafür ist Artjom Scheinin, der 2016 mit der Moderation von Wremja pokashet und seiner eigenen Talkshow Perwaja studija (dt. Erstes Studio) auf dem Perwy kanal einem breiteren Publikum bekannt wurde. Von seinen Kollegen hebt er sich durch seine platte und politisch unkorrekte Ausdrucksweise sowie die Verwendung von MatMat ist die Bezeichnung für die russische Vulgärsprache, die deutlich stärker tabuisiert ist als deutsche Kraftausdrücke. Der Mat besteht aus wenigen Wortwurzeln, die ursprünglich die Geschlechtsteile und den Geschlechtsakt bezeichnen und in anderen Bereichen des Lebens verwendet werden, um eine besondere (positive oder negative) Ausdruckskraft zu erreichen. Die Benutzung von Mat ist in den russischen Medien gesetzlich verboten, einzelne Buchstaben werden oft mit Sternchen („p***a“) oder Punkten („ch…“) ersetzt. Mehr dazu in unserer Gnose ab.20 Scheinin provoziert bewusst in seinen Talkshows – sei es mit der Verharmlosung der Tötung von Menschen21 oder mit einem Eimer Fäkalien.22


Moderator Artjom Scheinin stellt einem verdutzten Gast einen Eimer Fäkalien vor die Füße, weil der sich weigert, die Krim als russisch anzuerkennen
Ein weiteres Beispiel ist der 2006 mit der TEFI-Prämie ausgezeichnete Andrej Norkin, der sein Publikum in der Talkshow Mesto vstretschi (dt. Treffpunkt) auf NTW mit anzüglichen Witzeleien23 oder Anekdoten über Juden24 unterhält und auch schon während der Sendung Gäste unsanft aus seinem Studio geschmissen hat.

Wiederkehrende Gesichter und Meinungen

Obwohl die teilweise unzensierte Sprache der Moderatoren den Anschein von Live-Sendungen vermittelt, sind die meisten von ihnen inszeniert und folgen einem vorgefertigten Drehbuch.25 Speziell in russischen Talkshows werden immer wieder dieselben Gäste und sogenannten Experten eingeladen, damit sie eine bestimmte Position – Freund oder Feind Russlands – vertreten.
So mimt beispielsweise der gebürtige Amerikaner Michael Bohm regelmäßig den westlichen Feind Russlands, tingelt durch die verschiedenen Sendungen und Fernsehkanäle und wird dafür sehr gut bezahlt.26 Darin besteht auch der Unterschied zu den Polit-Talkshows der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose : Waren damals die Talkshows und Moderatoren noch um einen gewissen Meinungspluralismus bemüht, sind heute diejenigen erfolgreich, die am lautesten schreien, geschmacklose Witze vorbringen, raufen, den Gegner verbal niedermachen und mit allen Mitteln polarisieren.


1.vgl. Komsomol’skaja pravda: Tok-šou – ėto vojna
2.vgl. Novaja gazeta: Govorit i pokazyvaet podvorotnja
3.vgl. Levada-Centr: Rossijskij medialandšaft – 2017
4.vgl. Ok.ru: Šejnin napal na Majkla Boma
5.vgl. The Washington Post: Russia’s TV talk shows smooth Putin’s way from crisis to crisis
6.vgl. Kozlova/Bondarev (2011): Nacional’nye osobennosti razvitija žanra obščestvenno-političeskogo tok-šou na rossijskom televidenii, in: Vestnik VolGU, 8 /10, S.119f.
7.vgl. Hutchings/Rulyova (2009): Television and culture in Putin’s Russia. Remote control, London/New York, S. 90
8.vgl. Lenta.ru: « Ėto norma»: Kak Pervyj kanal zadaval ton otečestvennomu TV
9.vgl. Kozlova/Bondarev (2011), S.120
10.vgl. Dolgova (2017): Social’naja i političeskaja tematika v obščestvenno-političeskich tok-šou 2014-2015 gg, in: Tichonova: Social’nye aspekty sovremennogo veščanija v Rossii, Vypusk II, Moskva, S. 17
11.vgl. Youtube: Popytka vzryva doma FSB ili učenija? Nezavisimoe rassledovanie
12.vgl. Novikova (2008): Sovremennye televizionnye zrelišča: istoki, formy i metody vozdejstvija, Sankt Peterburg, S. 195
13.Hutchings/Rulyova (2009), S. 94
14.vgl. Dolgova (2015): Fenomen populjarnosti obščestvenno-političeskich tok-šou na rossikskom TV osen’ju 2014 goda – vesnoj 2015 goda, in: Vestnik MGU serija 10, Žurnalistika 6, S. 163
15.vgl. TVC: Draka v programme “Pravo golosa”
16.vgl. currenttime.tv: V Latvii zapretili telekanal ‘Rossija‘ za razžiganie nenavisti k ukraincam
17.vgl. Youtube: ‘Ukraina’ - podarok Žirinovskomu na den’ roždenija! 60 minut ot 26.04.19
18.vgl. Kuznecov (2004): Tak rabotajut žurnalisty TV: 2-e izdanie, pererabotannoe, Moskva, S. 29-31
19.vgl. Kozlova/Bondarev (2011), S.121
20.vgl. Interfax.ru: Televeduščego Šejnina nakažut za mat v ėfire
21.Moskovskij Komsomolez: «Ja ubival»: Veduščij «Pervogo kanala» sdelal priznanie v efire
22.vgl. Youtube: Vedro govna v studiju
23.vgl. Yandex zen: Televidenie perechodit na žargon i pochabnye anekdoty
24.Radio Svoboda: Teledemony revoljucii
25.vgl. Timberg et al. (2002): Television Talk: A History of the TV Talk Show, Austin, S.5f.
26.vgl. The Insider: Ispoved’ propagandista
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Dimitri Kisseljow

Der Journalist Dimitri Kisseljow spielt im gelenkten russischen Staatsjournalismus eine zentrale Rolle. 2008 wurde er Vizedirektor der staatlichen Medienholding WGTRK. Seit 2014 leitet er die staatliche Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja.

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Selbstgedreht, 1987, Foto © Gennady Bodrov/The Lumiere Brothers Center for Photography (All rights reserved)