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Politische Talkshows

18 Uhr auf dem größten Sender Russlands: In einer politischen Nachrichtensendung soll ein ukrainischer Experte vor laufenden Kameras bekennen, dass die Krim schon immer russisch gewesen sei. Als er sich weigert, stellt der Moderator dem völlig verdutzten Gast einen vorbereiteten Eimer mit Fäkalien vor die Füße, das Studiopublikum klatscht begeistert. Ein Einzelfall? Keineswegs! Skandale wie dieser, fliegende Fäuste, persönliche Beleidigungen und geschmacklose Unterhaltung stehen im Zentrum eines neuen Typs gesellschaftspolitischer Talkshows in den russischen Staatssendern.

Wie überall auf der Welt werden auch in Russland Talkshows als eine Mischung aus Unterhaltung und Informationen dem sogenannten Infotainment zugeordnet. Nach Aussage einer Produzentin des Perwy kanal sollen jedoch auch die Politshows ihres Senders die Zuschauer nicht primär wegen ihres Informationswerts ansprechen, sondern vor allem aufgrund der Emotionen, die sie hervorrufen.1 

Arenen der Emotionen

Russische Polit-Talkshows, wie sie von staatlichen und staatsnahen Sendern produziert werden, sind offensichtlich ein Erfolgsrezept. Aufgrund ihrer Vielfalt, der oftmals obszönen und vulgären Sprache2 sowie der geladenen Gäste sprechen sie unterschiedliche Bevölkerungsschichten und Generationen an – Umfragen zufolge sehen über 60 Prozent der russischen Bevölkerung mindestens einmal pro Woche eine politische Talkshow.3
Emotionale Steigerungen werden in solchen Talkshows unter anderem mithilfe von lautem Brüllen, verbalen oder physischen Attacken4, Schockbildern oder Gräuelgeschichten erzeugt. Diese Taktiken dienen nicht nur als Attraktionen, sondern auch der Verstärkung von Feindbildern, die in den Talkshows transportiert werden: Liberal-oppositionell gesinnte Diskutanten treffen in diesen Shows auf patriotisch-konservative Gäste. Letztere dominieren die Shows, diffamieren ihre Kontrahenten und gehen, wie beispielsweise in der Sendung Pojedinok (dt. Duell), meist als „Sieger“ hervor. Politische Talkshows wirken emotional unterstützend auf eine bereits vorherrschende Stimmung, die durch Nachrichten und Politiker geschaffen wurde und beeinflussen die öffentliche Meinung.5 

Polit-Talkshows – ein Phänomen der Perestroikazeit 

In Russland etablierten sich Talkshows erst während des Zusammenbruchs der Sowjetunion und stehen in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen und Veränderungen dieser Zeit.6 Als Diskussions- und Gesprächsplattform stellte die Talkshow in einer Periode der angestrebten Transparenz, Offenheit und Meinungsfreiheit das geeignete Format dar, um politische oder gesellschaftliche Fragen öffentlich zu diskutieren. Neue TV-Formate wurden zunächst aus dem westlichen Fernsehen übernommen, wobei sich Talkshows aufgrund ihres hohen Massenanreizes und der relativ niedrigen Produktionskosten besonders gut für das russische Fernsehen eigneten.7 Insbesondere waren es jedoch die politischen Talkshows nach US-amerikanischem Vorbild, die übernommen wurden. Eine der ersten Ende der 1980er Jahre entstandenen Talkshows und Symbole der Perestroika war die von dem 1995 erschossenen Journalisten Wladislaw Listjew moderierte Sendung Wsgljad (dt. Blick), in der neben der Diskussion der Wochennachrichten erstmals auch zeitgenössische Popmusik aus dem Ausland und Musikclips westlicher Popstars zu hören und sehen waren.8 Aus dieser Zeit stammt auch der heute im Russischen gebräuchliche Terminus tok-schou, eine direkte lexikalische Entlehnung des englischen Begriffs Talk Show.9 

Weiterentwicklung der Talkshows bis heute

Bis zur Jahrtausendwende entwickelte sich eine eigenständige Form der russischen Polit-Talkshows, zu deren Gründungsvätern neben Listjew auch der bis heute als Moderator tätige Wladimir Posner zählte. Während einige Polit-Talkshows, die sich anfangs vor allem mit dem Wechsel der politischen Elite beschäftigten, zu „Instrumenten innerer Informationskriege“10 wurden, hatten andere Sendungen eine wichtige aufklärerische Funktion. So thematisierte beispielsweise die Talkshow Nesawissimoje rassledowanije (dt. Unabhängige Untersuchung) auf NTW die Rolle des FSB bei der Serie von Bombenanschlägen in Moskau im August und September 1999.11

NTW nahm ab Beginn der 2000er Jahre eine führende Rolle bei der Produktion politischer Talkshows ein,12 beispielsweise wurde auf diesem Sender die von Jewgeni Kisseljow moderierte Talkshow Glas naroda (dt. Stimme des Volkes) ausgestrahlt. 
Seit dem Amtsantritt Wladimir Putins wurde oftmals auf die zunehmende Entpolitisierung des Fernsehens hingewiesen, da die Anzahl politischer Talkshows ab Beginn der 2000er Jahre zurückgegangen war.13 

Die Ukrainekrise 2014 stellte jedoch einen Wendepunkt dar. Seitdem lässt sich eine erneute Zunahme politischer Talkshowreihen im russischen Fernsehen beobachten, die zudem einen neuen Stil repräsentieren.14 So kamen im Herbst 2014 auf dem Perwy kanal die beiden Polittalkshows Struktura momenta (dt. Struktur des Augenblicks) und Tolstoi. Woskressenje (dt. Tolstoi. Sonntag) neu ins Abendprogramm. Auch ins Nachmittagsprogramm wurde mit Wremja pokashet eine Polit-Talkshow integriert und damit Politik und Propaganda für Hausfrauen und Rentner aufbereitet. Von Wremja pokashet werden inzwischen drei Sendungen täglich produziert und ausgestrahlt. Damit kommt der populärste Sender Russlands heute auf circa 9 Talkshowsendungen mit jeweils circa 30 bis 60 Minuten täglich, davon mindestens drei mit politischer Thematik. 

Auch auf Rossija-1, NTW und TWZ wurden ab 2014 vermehrt politische Talkshows neu ins Programm aufgenommen. Die meisten konzentrierten sich auf ein Thema: die Ereignisse in der Ukraine. Dabei kam es neben teilweise sehr emotionalen Diskussionen auch zu Schlägereien: So wurde in einer Sendung von Prawo golosa (dt. Stimmrecht) auf TWZ ein Teilnehmer zunächst von anderen Gästen angeschrien und schließlich verprügelt.15 Obwohl die Folge wegen des Handgemenges nicht ausgestrahlt wurde, illustriert sie, dass das „Recht auf die eigene Stimme“ in solchen Talkshows de facto nicht viel zählt, beziehungsweise vor allem der Polarisierung, Skandalisierung und Erregung der Aufmerksamkeit der Zuschauer dient. 

Im September 2016 startete auf Rossija-1 zudem die Polit-Talkshow 60 minut, die mittlerweile im Nachmittags- sowie Abendprogramm gesendet wird. Kennzeichnend für diese Show sind neben persönlichen Beleidigungen und Anfeindungen der Gäste vor allem Diffamierungen des ukrainischen Staates.16 Bezeichnend dafür ist, dass das Moderatorenpaar dem Politiker Wladimir Shirinowski zu seinem 73. Geburtstag eine Torte in Form der Ukraine schenkte, welche er schließlich mit einem Messer entzwei teilte.17  
     
Die russische Außenpolitik, die historische Glorifizierung Russlands, die Abwertung anderer Staaten wie der Ukraine oder der Konkurrenzkampf mit dem Westen sind beliebte Themen in diesen Talkshows. Es geht dabei vor allem um Selbstaufwertung und das Schaffen von Feindbildern – was von innenpolitischen und sozial brisanten Fragen ablenkt, die in diesen Shows nicht aufgegriffen werden. 

Zentrale Instanz – der Moderator 

Zu den zentralen Charakteristika von Talkshows generell zählt neben der vermeintlichen Leichtigkeit des Gesprächs, der Anwesenheit eines Publikums und der Präsenz von Gästen sowie Experten die Wortgewandtheit des Moderators.18 Letzterer ist gleichzeitig Markenkern und Aushängeschild der Talkshow, sein Familienname figuriert oftmals als Teil des Talkshownamens. Die Moderatoren sind es schließlich auch, die den Unterschied zwischen russischen und US-amerikanischen Talkshows ausmachen, da russische Hosts im Gegensatz zu US-Moderatoren teilweise ihre persönliche Meinung äußern und aktuelle Ereignisse interpretieren.19 
Ein besonders grelles Beispiel dafür ist Artjom Scheinin, der 2016 mit der Moderation von Wremja pokashet und seiner eigenen Talkshow Perwaja studija (dt. Erstes Studio) auf dem Perwy kanal einem breiteren Publikum bekannt wurde. Von seinen Kollegen hebt er sich durch seine platte und politisch unkorrekte Ausdrucksweise sowie die Verwendung von Mat ab.20 Scheinin provoziert bewusst in seinen Talkshows – sei es mit der Verharmlosung der Tötung von Menschen21 oder mit einem Eimer Fäkalien.22


Moderator Artjom Scheinin stellt einem verdutzten Gast einen Eimer Fäkalien vor die Füße, weil der sich weigert, die Krim als russisch anzuerkennen
Ein weiteres Beispiel ist der 2006 mit der TEFI-Prämie ausgezeichnete Andrej Norkin, der sein Publikum in der Talkshow Mesto vstretschi (dt. Treffpunkt) auf NTW mit anzüglichen Witzeleien23 oder Anekdoten über Juden24 unterhält und auch schon während der Sendung Gäste unsanft aus seinem Studio geschmissen hat. 

Wiederkehrende Gesichter und Meinungen

Obwohl die teilweise unzensierte Sprache der Moderatoren den Anschein von Live-Sendungen vermittelt, sind die meisten von ihnen inszeniert und folgen einem vorgefertigten Drehbuch.25 Speziell in russischen Talkshows werden  immer wieder dieselben Gäste und sogenannten Experten eingeladen, damit sie eine bestimmte Position – Freund oder Feind Russlands – vertreten. 
So mimt beispielsweise der gebürtige Amerikaner Michael Bohm regelmäßig den westlichen Feind Russlands, tingelt durch die verschiedenen Sendungen und Fernsehkanäle und wird dafür sehr gut bezahlt.26 Darin besteht auch der Unterschied zu den Polit-Talkshows der 1990er Jahre: Waren damals die Talkshows und Moderatoren noch um einen gewissen Meinungspluralismus bemüht, sind heute diejenigen erfolgreich, die am lautesten schreien, geschmacklose Witze vorbringen, raufen, den Gegner verbal niedermachen und mit allen Mitteln polarisieren.


1.vgl. Komsomol’skaja pravda: Tok-šou – ėto vojna 
2.vgl. Novaja gazeta: Govorit i pokazyvaet podvorotnja 
3.vgl. Levada-Centr: Rossijskij medialandšaft – 2017 
4.vgl. Ok.ru: Šejnin napal na Majkla Boma 
5.vgl. The Washington Post: Russia’s TV talk shows smooth Putin’s way from crisis to crisis 
6.vgl. Kozlova/Bondarev (2011): Nacional’nye osobennosti razvitija žanra obščestvenno-političeskogo tok-šou na rossijskom televidenii, in: Vestnik VolGU, 8 /10, S.119f. 
7.vgl. Hutchings/Rulyova (2009): Television and culture in Putin’s Russia. Remote control, London/New York, S. 90 
8.vgl. Lenta.ru: « Ėto norma»: Kak Pervyj kanal zadaval ton otečestvennomu TV 
9.vgl. Kozlova/Bondarev (2011), S.120 
10.vgl. Dolgova (2017): Social’naja i političeskaja tematika v obščestvenno-političeskich tok-šou 2014-2015 gg, in: Tichonova: Social’nye aspekty sovremennogo veščanija v Rossii, Vypusk II, Moskva, S. 17 
11.vgl. Youtube: Popytka vzryva doma FSB ili učenija? Nezavisimoe rassledovanie 
12.vgl. Novikova (2008): Sovremennye televizionnye zrelišča: istoki, formy i metody vozdejstvija, Sankt Peterburg, S. 195 
13.Hutchings/Rulyova (2009), S. 94 
14.vgl. Dolgova (2015): Fenomen populjarnosti obščestvenno-političeskich tok-šou na rossikskom TV osen’ju 2014 goda – vesnoj 2015 goda, in: Vestnik MGU serija 10, Žurnalistika 6, S. 163 
15.vgl. TVC: Draka v programme “Pravo golosa” ↑
16.vgl. currenttime.tv: V Latvii zapretili telekanal ‘Rossija‘ za razžiganie nenavisti k ukraincam 
17.vgl. Youtube: ‘Ukraina’ - podarok Žirinovskomu na den’ roždenija! 60 minut ot 26.04.19 
18.vgl. Kuznecov (2004): Tak rabotajut žurnalisty TV: 2-e izdanie, pererabotannoe, Moskva, S. 29-31 
19.vgl. Kozlova/Bondarev (2011), S.121 
20.vgl. Interfax.ru: Televeduščego Šejnina nakažut za mat v ėfire 
21.Moskovskij Komsomolez: «Ja ubival»: Veduščij «Pervogo kanala» sdelal priznanie v efire 
22.vgl. Youtube: Vedro govna v studiju 
23.vgl. Yandex zen: Televidenie perechodit na žargon i pochabnye anekdoty 
24.Radio Svoboda: Teledemony revoljucii 
25.vgl. Timberg et al. (2002): Television Talk: A History of the TV Talk Show, Austin, S.5f. 
26.vgl. The Insider: Ispoved’ propagandista 
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Dimitri Kisseljow

Der Journalist Dimitri Kisseljow spielt im gelenkten russischen Staatsjournalismus eine zentrale Rolle. 2008 wurde er Vizedirektor der staatlichen Medienholding WGTRK. Seit 2014 leitet er die staatliche Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja.

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