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Reise nach Tuwa

TuwaDie Republik Tuwa ist ein Föderationssubjekt Russlands im südlichen Sibirien, an der Grenze zur Mongolei. Hier leben auf einer Fläche, die in etwa der Hälfte des Gebiets von Deutschland entspricht, rund 320.000 Menschen. (oder Tywa, beide Namen exististieren parallel) gelang es über mehrere Jahrhunderte, sowohl Teil von China als auch – als unabhängige Republik – ein Teil der Sowjetunion zu sein. Sie trat als eine der letzten 1944 in die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR) ein.

Heute ist Tuwa eine der ärmsten und unzugänglichsten Regionen Russlands: Die turksprachige Republik ist mit dem übrigen Russland im Grunde nur über eine Autostraße verbunden, laut RosstatDer Föderale Dienst für staatliche Statistik (kurz: Rosstat) ist für die Durchführung von statistischen Erhebungen zuständig, unter anderem zu Parametern der ökonomischen, sozialen und demografischen Lage im Land. Im April 2017 wurde Rosstat in das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung eingegliedert. Experten befürchten seither eine Einflussnahme des Ministeriums auf die Berechnungen der Statistikbehörde. Im Dezember 2018 wurde Pawel Malkow neuer Leiter von Rosstat. Er hatte zuvor die Abteilung für Öffentliche Verwaltung beim Wirtschaftsministerium geleitet und kündigte kurz nach seinem Amtsantritt an, die Qualität der statistischen Erhebungen zu verbessern. lebten hier im Jahr 2017 40 Prozent der Einwohner unter dem ExistenzminiumDas seit 1997 staatlich festgelegte Existenzminimum entspricht in Russland der Armutsgrenze. Diese ist regional unterschiedlich, im Durchschnitt lebten laut russischer Statistikbehörde Rosstat im Jahr 2017 rund 20 Millionen Menschen unter der damaligen Armutsgrenze in Höhe von etwa 10.000 Rubel (rund 140 Euro). Die Anzahl der Armen ist im Vergleich zu 2013 um drei Prozentpunkte auf rund 14 Prozent der Bevölkerung gestiegen. Nach Definition der WHO lebt in Russland rund jeder Zweite in relativer Armut – nämlich mit einem Einkommen unter 50 Prozent des Durchschnitts..

Wie die turbulente politische Geschichte sich auf den Alltag der Tuwinen ausgewirkt hat, zeigt der Fotograf Max SherMax Sher (geb. 1975) ist ein russischer Fotograf aus Sankt Petersburg. Er wurde 2008 für die KLM Paul Huf Awards nominiert, eine niederländische Auszeichnung für Fotografen. Beim Cord Prize, mit dem Arbeiten der zeitgenössischen Fotografie auszeichnet werden, kam er 2013 ins Finale. auf Zapovednik.

Quelle dekoder

Die Turkstämme, die auf dem Gebiet des modernen Tuwa lebten, gerieten im 13. Jahrhundert unter mongolische Herrschaft. Als die Mongolei im 17. und 18. Jahrhundert langsam der chinesischen Qing-Dynastie unterworfen wurde, kam auch das Gebiet des heutigen Tuwa unter chinesische Herrschaft.
Während der chinesischen Revolution im Jahre 1911 und 1912 zerfiel das Reich. Tuwa (damals trug es den mongolischen Namen Uranchai) wurde von China abgespalten und dann zum russischen Protektorat namens Urjanchaiski Krai. Als solches existierte es nur einige Jahre, denn das Russische Reich zerfielAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. Mehr dazu in unserer Gnose ebenfalls. 
Im Jahr 1921 wurde die Unabhängigkeit der Tuwinischen Volksrepublik ausgerufen. In Tuwa existiert bis heute die Meinung, dass die hinter den Kulissen getroffene Entscheidung der Regierungsclique, Teil der UdSSR zu werden, gesetzeswidrig gewesen sei, denn es gab kein Referendum, ja nicht einmal eine parlamentarische Abstimmung.

Anerkannt wurde die Sowjetrepublik allerdings nur von der UdSSR und der benachbarten Mongolei; die wiederum wurde in diesem Moment nur von der Sowjetunion als unabhängiger Staat anerkannt. Für die übrigen blieb Tuwa, wie auch vorher, eine chinesische Provinz. Die Mongolei machte sich derweil für ein Referendum in Tuwa stark, bei dem es um den Beitritt zur Mongolei gehen sollte. Dabei berief man sich auf Gemeinsamkeiten bei Bräuchen und Glauben, wie auch darauf, dass das chinesische Qing-Imperium Tuwa nicht direkt, sondern über einen mongolischen Statthalter verwaltet hatte.
China, das die Unabhängigkeit der Äußeren Mongolei, seiner ehemaligen Provinz, im Jahr 1949 anerkannt hatte, sagte sich nie offiziell von seiner Oberhoheit über Tuwa los.

Foto © Max Sher

Der Blick vom Gebirgspass Noljowka im SajangebirgeDas Sajangebirge ist ein Hochgebirge in Russland und in der Mongolei. Die höchste Erhebung im russischen Teil beträgt rund 3100 Meter.  auf die Turan-Ujuk-Senke – dieser Blick eröffnet sich als Erstes, wenn man über den historischen Us-Trakt nach Tuwa hineinfährt. Die Berge des Sajangebirges dienen als natürliche Grenze, die Tuwa eine relativ isolierte Lage gewährleistet. Im rechten Teil des Bildes ist der Ussinski Trakt zu sehen, die Autostraße Jenissei R257. Es ist die einzige Transport-Ader, die Tuwa mit dem übrigen Russland verbindet.

Foto © Max Sher

Die Stadt Turan wurde 1885 von russischen Umsiedlern gegründet, als Tuwa noch zu China gehörte.

Foto © Max Sher

Das Zentrum von Kysyl, der Hauptstadt von Tuwa, mit ungefähr 117.000 Einwohnern

Foto © Max Sher

Buddhistischer Stupa Dupten-Scheduplin in der Nähe der Siedlung Sug-Aksy im Westen von Tuwa, erbaut 2010. Ein Stupa entspricht einer Kapelle, gewöhnlich markiert er einen bedeutenden Gedenkort. Im Hintergrund das Alasch-Hochland

Foto © Max Sher

Boris Erentschinowitsch Sodunam, oder einfach Baschky (tuwinisch für Lehrer), gründete 1990 die erste buddhistische Gemeinde in Tuwa

Foto © Max Sher

Das Portrait des Dalai Lama, geschmückt mit Gebetsbändchen und -fahnen (Chadak), aufgestellt in der Ruine des Ustuu-Churee-Klosters in der Nähe der Stadt Tschadan im Westen Tuwas.

Nach einem Umsturz durch die Stalinisten wurde das Kloster zerstört und die Mönche verfolgt. Im Jahr 2008 wurde das Kloster mit Unterstützung des gebürtigen Tschadaners Sergej SchoiguSergej Schoigu (geb. 1955) ist ein russischer Politiker und Armeegeneral. Seit 2012 ist er Verteidigungsminister. Zuvor leitete er ab 1994 das Katastrophenschutzministerium (MTschS). wiederaufgebaut.

Foto © Max Sher

Owaa-Khoomeishi: Der Platz für Riten und Feierlichkeiten mit dem Tuwinischen Kehlkopfgesang (Khoomej) am Ufer des JenisseiDer Jenissei ist sowohl in Hinsicht des Wasserreichtums als auch der Länge der fünftgrößte Fluss der Erde. Er schlängelt sich entlang des 90. Längengrades durch Sibirien: von Russlands Grenze zur Mongolei bis zum Polarmeer. im Zentrum von Tuwa

Foto © Max Sher

„Schamanismus ist keine Religion, sondern die Grundlage aller Religionen“, sagt der Schamane Dugar-Sjurjun Oorshak. „Gott ist eine allumfassende Energie. Buddha, Jesus und alle anderen sind nur Bilder.“ Einst künstlerischer Leiter am Theater von Tuwa, gründete er 1990 nach der Einführung von Glaubens- und Religionsfreiheit die erste schamanische Gemeinschaft in Tuwa.

Foto © Max Sher

2014 wurde am Zusammenfluss von Großem und Kleinem Jenissei im Zentrum von Kysyl das Denkmal „Mittelpunkt Asiens“ mit skytischen und chinesischen Motiven errichtet. Warum ausgerechnet dieser Ort das Zentrum Asiens sein soll, ist allerdings nicht bekannt.

Foto © Max Sher

Nach dem Bau des Sajano-Schuschensker Wasserkraftwerks am Jenissei in den 1980er Jahren hat sich das Klima laut Bewohnern und Umweltschützern drastisch verändert: Es wurde wärmer und feuchter mit häufigen Starkregen.

Foto © Max Sher

Schimizi Chumbun (in der Mitte mit roter Jacke, auf dem Schoß sitzt ihre Urenkelin Santschira) wurde in dem schwer zugänglichen Tal des Flusses Katschyk geboren und hat dort ihr ganzes Leben lang gelebt. Sie hat 16 Kinder, 90 Enkel und 19 Urenkel.

Foto © Max Sher

Valentina Kenden melkt ein Yak auf der Nomaden-Weide ihrer Eltern im Flusstal des Katschyk. Valentina lebt in dem 120 Kilometer entfernten Ersin und arbeitet dort als Krankenschwester. Nach Katschyk kommt sie in den Ferien, um Eltern und Bruder in der Landwirtschaft zu helfen. 

Foto © Max Sher

Bajyr-Kys Bantschyk (links) und Valentina Sambyr zeigen das traditionelle Gerben von Kuhhaut, aus der anschließend Schuhe gemacht werden.

Der Ort Katschyk liegt 3 Kilometer von der mongolischen Grenze entfernt, bis zur nächsten Bezirksstadt sind es 120 Kilometer über Bergwege, die im Winter oft unbefahrbar sind. Die Bewohner, die Tuwinisch, Mongolisch und Russisch sprechen, erzählen, dass die Grenze bis in die 2000er Jahre nicht markiert war, weswegen sich die Bewohner der grenznahen Gebiete problemlos besuchen konnten und sich gegenseitig Vieh klauten. In dem Gebiet wohnen knapp über 300 Menschen, teils im Ort, teils auf nomadischen Weiden in den angrenzenden Tälern. Es gibt hier weder Polizei noch Ärzte noch Läden noch eine stabile Telefonverbindung. Strom gibt es nur abends über einen tragbaren Generator, dafür aber eine Schule und Internet. 

In den 1960er Jahren wurden mehrere ländliche Ortschaften zusammengelegt, alle Bewohner Katschyks wurden 100 Kilometer westlich nach Naryn umgesiedelt. Doch über die letzten 30 Jahre ist Katschyk wiederauferstanden. Kürzlich wurde ein eigener Sumon (dt. Gebiet) Katschyk gegründet.

Foto © Max Sher

Die Teilnehmer des jährlichen Fests Naadym bauen eine Jurte für den traditionellen Wettbewerb um das schönste Interieur. Naadym ist ein wichtiges Element der modernen tuwinischen Identität; bei dem Fest finden vielerlei Wettbewerbe statt.

Foto © Max Sher

Sieger-Jurte beim Wettbewerb um das schönste Interieur

Foto © Max Sher

Start des 15-Kilometer-Wettritts. Zum Wettkampf werden Jockeys ab 6 Jahren zugelassen.

Foto © Max Sher

Autos von Zuschauern und Teilnehmern an den Wettkämpfen des Naadym

Foto © Max Sher

Junge Einwohner von Kysyl vor dem städtischen Theater. Von den 322.000 Einwohnern bezeichneten sich bei der Volkszählung von 2010 82 Prozent als Tuwinen und 16 Prozent als Russen.

Foto © Max Sher

Das Portrait von Sergej Schoigu am Ortseingang der Stadt Tschadan im Westen von Tuwa. Schoigu wurde 1955 in Tuwa geboren als Sohn der Viehzucht-Spezialistin Alexandra Kudrjawzewa aus Luhansk und des Parteifunktionärs Kushuget Schoigu.

Sergej Schoigu ist der erste gebürtige Tuwiner, der eine politische Karriere jenseits der Grenzen der Republik gemacht hat. Nachdem Schoigu zum Verteidigungsminister ernannt worden war, begann in Tuwa ein Persönlichkeitskult um ihn: In Tschadan gibt es eine Sergej-Schoigu-Straße, in seinem Elternhaus wurde ein Museum eröffnet.

Ein Bewohner Tschadans, der einige Jahre in Moskau studiert hat, erzählt, welch einzigartige Schutzfunktion seine Meldeadresse in der Sergej-Schoigu-Straße für ihn hatte: Die Polizei hielt ihn einmal an, um „die Dokumente zu prüfen“. Als sie seine Adresse sahen, gaben sie ihm den Pass sofort zurück und ließen ihn weiterfahren.

Text und Fotos: Max Sher
Übersetzung: dekoder-Redaktion
Veröffentlicht am 24.07.2019

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Arbeitsmigration in Russland

Trotz der anhaltenden Rezession bleibt Russland ein Magnet für ausländische Arbeitskräfte und nimmt, nach den USA und Deutschland, Platz drei in der Rangliste der Länder mit der größten Anzahl von Immigranten ein.1 Die Mehrheit dieser Einwanderer stammt aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ZentralasiensMit Zentralasien wird hier jene Region bezeichnet, in der sich heute die Staaten Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan befinden. Die Region wurde vom russischen Imperium bis zum Ende der 1860er Jahre unterworfen. Die heutigen Staatsgrenzen gehen weitgehend auf die Gründung nationaler Republiken in der Sowjetunion im Jahr 1924 zurück.. Arbeitsmigranten aus Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan fanden in Zeiten des Gas- und Ölbooms der 2000er Jahre Anstellung im Baugewerbe, dem Straßenbetrieb und dem Dienstleistungssektor. Doch die anhaltende wirtschaftliche Flaute stellt viele dieser, mit dem deutschen Lehnwort als Gastarbajtery bezeichneten, Migranten vor eine schwierige Wahl.
Die schwache heimische Wirtschaft und die autokratischen Regime Zentralasiens geben wenig Anlass zur Rückkehr. Gleichzeitig lassen die komplexe Rechtslage, der anhaltend schwache Rubel und oftmals miserable Arbeitsbedingungen das Arbeiten in Russland immer weniger lohnend erscheinen.

Der Zerfall der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose  brachte nicht nur die Entstehung von 15 unabhängigen Nationalstaaten mit sich, sondern verwandelte die vormals bloß verwaltungstechnischen Abgrenzungen zwischen den Ex-Sowjetrepubliken in konkrete Staatsgrenzen. Das GUS-Abkommen ermöglichte ehemaligen Sowjetbürgern, diese neuen Grenzen zu überqueren und sich bis zu drei Monate ohne Visum in anderen GUSDie Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) wurde mit der Auflösung der Sowjetunion am 8. Dezember 1991 gegründet und umfasste zunächst alle Nachfolgestaaten der Sowjetunion mit Ausnahme des Baltikums. Die GUS ist ein loser Staatenverbund, der trotz breiter Kooperationsziele kaum wirkliche Integration geschaffen hat. Wichtiger wurden im Laufe der Zeit andere Projekte, wie etwa die Eurasische Wirtschaftsunion. Mehr dazu in unserer Gnose -Mitgliedsstaaten aufzuhalten. Die schnell voranschreitende Deindustrialisierung, in Verbindung mit rasantem Bevölkerungswachstum in der Peripherie des früheren Sowjetreichs, machte aus diesem Recht auf Freizügigkeit häufig sogar eine Notwendigkeit.

Eine neue Generation postsowjetischer Bürger, zum Großteil aus dem ökonomisch hart getroffenen Zentralasien, versuchte im wirtschaftlich boomenden RusslandDie Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse war in den 2000er Jahren das erklärte Hauptziel der russischen Politik. Tatsächlich verbesserte sich die wirtschaftliche Lage des Landes in den ersten zwei Amtszeiten Putins erheblich. Die Stabilisierung als politisches Projekt ging jedoch mit einer Konzentration der Macht in den Händen des Präsidenten einher. Mehr dazu in unserer Gnose der 2000er Jahre als Wanderarbeiter ihr Glück. Groß angelegte Bauprojekte und der zunehmende Bedarf an Serviceleistungen der neuen russischen Mittelschicht, sorgten für eine hohe Nachfrage nach ungelernten Arbeitskräften, die Russlands schrumpfende Bevölkerung selbst nicht befriedigen konnte.

ABHÄNGIG VON RÜCKÜBERWEISUNGEN

Dabei lassen sich allerdings nur die wenigsten der geschätzten vier bis fünf Millionen Saisonarbeiter aus Zentralasien dauerhaft in Russland nieder. Während der Wintermonate kehren viele Migranten zu ihren Familien zurück, die oft wirtschaftlich völlig von dem Einkommen aus der Saisonarbeit abhängig sind. Dementsprechend hoch ist der Anteil von Geldsendungen am Bruttoinlandsprodukt Zentralasiens. Rücküberweisungen von Migranten entsprachen zu Zeiten des russischen Wirtschaftswunders der Hälfte des BIP im ökonomischen Schlusslicht der ehemaligen UdSSR: Tadschikistan. Ähnlich in Kirgistan – hier entsprachen die Heimatüberweisungen nahezu einem Drittel des BIP.2

Dementsprechend hart traf der wirtschaftliche Abschwung im Zuge fallender Ölpreise und westlicher SanktionenAls Reaktion auf die Annnexion der Krim und Russlands militärisches Eingreifen in der Ostukraine beschlossen sowohl die USA als auch die EU im Jahr 2014 wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland. Diese umfassen zunächst nur Einreiseverbote für unmittelbar in den Konflikt involvierte russische Politiker und Wirtschaftsführer sowie das Einfrieren von Vermögenswerten. Wegen russischer Unterstützung für die in der Ostukraine kämpfenden Milizen erließ die EU Ende Juli und im September 2014 ein separates Sanktionenpaket. Es besteht aus dem Finanzierungsstopp russischer Staatsbanken, Öl- und Rüstungskonzerne, sowie aus verschiedenen Handelsbeschränkungen. Im Juli 2017 beschlossen die USA zudem, Russland für die Angliederung der Krim, die mutmaßliche Einmischung in den US- Präsidentschaftswahlkampf und für die Unterstützung Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg zu bestrafen. Die neuen beziehungsweise modifizierten Sanktionen können bei voller Umsetzung nachhaltig Russlands Rohstoffgeschäft schädigen (das einen großen Teil des Staatshaushalts ausmacht). Mehr dazu in unserer Gnose  gegen Russland die zentralasiatischen Volkswirtschaften. Ähnlich schnell wie der Rubelkurs fielen auch die Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten. In US-Dollar gemessene Geldsendungen nach Tadschikistan brachen 2016 auf weniger als 50 Prozent des Vorkrisenniveaus ein; für Usbekistan liegt dieser Wert bei 40 Prozent.3
Jüngste Reformen im russischen Arbeits- und Migrationsrecht haben zudem den Erwerb einer Arbeitserlaubnis erheblich verkompliziert und verteuert. Einwanderer müssen seit 2015 innerhalb eines Monats nach Ankunft einen russischen Geschichts- und Sprachtest ablegen, ein Gesundheitszertifikat erwerben und einen Nachweis über Krankenversicherung vorlegen, bevor sie sich um die gebührenpflichtige Arbeitserlaubnis bemühen können.4
Kirgistan, dessen Bürger seit dem Eintritt in die Eurasische WirtschaftsunionDie Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) ist das jüngste und bisher umfassendste Integrationsprojekt zwischen den großen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Bereits in den 1990er Jahren wurde im Rahmen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und der Gemeinschaft Integrierter Staaten, später dann als Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft (EURASEC) das Ziel einer engeren politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit verfolgt. Im Vergleich zu diesen Unionsbemühungen ist die EAWU allerdings mit deutlich tiefer greifenden Veränderungen verbunden. Mehr dazu in unserer Gnose im August 2015 von der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb des Staatenverbunds profitieren und dementsprechend von diesen Auflagen befreit sind, wurde weniger hart von der Krise getroffen – was der Regierung des widerwilligen Beitrittskandidaten Tadschikistan sicherlich nicht entgangen ist.

VERSCHÄRFTE GESETZE

Die Reformen im russischen Migrationsrecht waren ursprünglich dazu gedacht, Arbeitsmigranten, die oft unter prekären Bedingungen in einer rechtlichen Grauzone arbeiten, einen regulären Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Doch es bestehen weiterhin Zweifel am Erfolg dieser Maßnahmen. So befinden sich mehrere hunderttausend Ausländer auf der sogenannten schwarzen Liste der russischen Migrationsbehörde. Ihnen wird aufgrund von Vergehen gegen das Aufenthaltsrecht oder anderer Gesetzesverstöße die erneute Einreise nach Russland für drei bis fünf Jahre untersagt. Sogar mehr als 100.000 kirgisischen Staatsbürgern wird die Wiedereinreise verwehrt, obwohl das Abkommen der Eurasischen Wirtschaftsunion die Personenfreizügigkeit in allen Mitgliedsstaaten garantiert.5

Migranten im Mediendiskurs

Nachdem der Ukraine-KonfliktDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits rund 13.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden. Mehr dazu in unserer Gnose lange Zeit das russische Fernsehen dominiert hatte, drohten 2017 wieder Migranten aus Zentralasien verstärkt zur Zielscheibe medialer Stigmatisierung zu werden. Nach dem tragischen Anschlag in der Sankt Petersburger U-Bahn, dessen mutmaßlicher Täter aus Kirgistan stammte, mehrten sich Stimmen, die ein „Russland für RussenBei einer Umfrage des Lewada-Instituts aus dem Jahr 2013 stimmten rund 66 Prozent der Befragten der Losung „Russland für Russen“ mehr oder weniger zu. Im Jahr 2016 konnten sich rund 52 Prozent der Befragten damit identifizieren. “ fordern. Obwohl die fremdenfeindlichen Stimmungen in der russischen Gesellschaft seit 2016 rückgängig sind, sind sie immer noch auf einem sehr hohem Niveau.6 Auch vonseiten der russischen Regierung ist mit verschärften Kontrollen und größerer Überwachung zu rechnen, da nach Einschätzung des FSBFSB (Federalnaja slushba besopasnosti, dt. Föderaler Sicherheitsdienst) ist der Inlandsgeheimdienst Russlands. Er ging aus dem sowjetischen Geheimdienst KGB hervor, der nach dem Ende der Sowjetunion zerschlagen wurde. Heute gehören Spionageabwehr, Terrorismusbekämpfung, aber auch organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität zum Arbeitsgebiet des FSB. Schätzungsweise rund 350.000 Menschen arbeiten heute für die Behörde. Mehr dazu in unserer Gnose Arbeitsmigranten aus GUS-Staaten zu den Hauptdrahtziehern der in Russland aktiven Terrororganisationen gehören.7

Im Zuge der WirtschaftskriseIm Herbst 2014 wurde Russland von einer Wirtschaftskrise ergriffen. Inflation, Haushaltsdefizit und Rezession entwickelten sich zu einer ernsten Belastungsprobe für den Staat und seine Bürger. Erst mit der Erholung des Ölpreises 2017 kam es wieder zu einem leichten Wirtschaftswachstum. Mehr dazu in unserer Gnose in Russland verließen viele Gastarbeiter das Land. Doch seit 2017 steigen die Heimatüberweisungen in die zentralasiatischen Länder wieder, auch die Einwanderungszahlen nehmen trotz massiver ethnischer Diskriminierung zu. Denn zuhause erwartet die zentralasiatischen Gastarbeiter eine kaum bessere Situation. Das insbesondere in Usbekistan und Tadschikistan von Repressionen geprägte politische Klima und die trüben wirtschaftlichen Aussichten werden trotz der schwächelnden russischen Wirtschaft wohl dafür sorgen, dass das Phänomen von Gastarbejtery in Russland auf absehbare Zeit bestehen bleibt.


1.Migrationpolicy.org: Russia: A Migration System with Soviet Roots
2.The World Bank: Personal remittances, received (% of GDP)
3.Cbr.ru: Statistika
4.Aljazeera America: Ruble ripple: New Russian laws make Life difficult for migrant workers
5.Radio azattyk: Do konca goda iz "černogo spiska" RF dolšny byt´ isklučeny 34 tysjači kyrgyzstanzev
6.levada.ru: Ksenofobija v 2017 godu
7.Echo.msk.ru: Direktor FSB A.Bortnikow: Trudovyje migranty načinajut sostavljat osnovnoj kostjak terrorističeskich grupp v Rossii
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Russische Wirtschaftskrise 2015/16

Die Wirtschaftskrise im Herbst 2014 hatte Russland ökonomisch vor eine unsichere Zukunft gestellt. Drei unabhängige Entwicklungen setzten die russische Wirtschaft gleichzeitig unter Druck: der Einbruch des Ölpreises, wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland sowie strukturelle Probleme, das heißt fehlende Anreize zu Investitionen und zur Steigerung der Produktivität. Erst mit der Erholung des Ölpreises 2017 kam es wieder zu einem leichten Wirtschaftswachstum.

Stabilisierung

Die Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse war in den 2000er Jahren das erklärte Hauptziel der russischen Politik. Tatsächlich verbesserte sich die wirtschaftliche Lage des Landes in den ersten zwei Amtszeiten Putins erheblich. Die Stabilisierung als politisches Projekt ging jedoch mit einer Konzentration der Macht in den Händen des Präsidenten einher.

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