Der KGB will dich anwerben – was tun? 

Collage © Mediazona Belarus 

Was in unseren Breiten wie aus einem Hollywood-Streifen scheint, ist in der belarussischen Welt bittere Realität. Die Silowiki und KGB-Geheimdienstler des Lukaschenko-Regimes versuchen immer intensiver, Menschen zu rekrutieren – sowohl im Land selbst als auch unter den Emigrierten, die in Litauen, Polen oder auch in Deutschland leben. Sie bedrohen Angehörige, rufen von fremden Telefonen aus an, melden sich via Mail oder über andere Kanäle und fordern Zusammenarbeit „hier und jetzt“.

Die Redaktion von Mediazona Belarus erklärt gemeinsam mit Menschenrechtsaktivisten und Sicherheitsexperten, wie man sich bei einem Anwerbungsversuch verhalten sollte, wie man sich im Voraus auf einen möglichen Kontakt vorbereiten kann und was zu tun ist, wenn etwas schiefgeht.


Anwerbung 

„Anwerbung“ – das ist der Versuch von Geheimdiensten, eine Person für die Kooperation zu gewinnen, um so an Informationen zu kommen, um jemanden zu diskreditieren oder Misstrauen in einer Community zu erzeugen. In letzter Zeit ist die Anwerbung in Belarus und im Exil zur gängigen Praxis geworden. Jeder Fall hat seine Besonderheiten, universelle Antworten gibt es nicht. Aber es gibt ein paar Grundregeln, mit denen man das Risiko für sich selbst und andere senken kann.

Wie reagieren? 

  • Keine Panik. Die erste Reaktion ist die wichtigste: Sie bestimmt den Ton für das gesamte weitere Gespräch. 
  • Versuchen Sie nicht, den/die Werber:in auszutricksen – das ist sein Spezialgebiet, mit Manipulation hat er weit mehr Erfahrung. Denken Sie daran: Die Interessen, die er verfolgt, sind Ihnen fremd – aber nicht umgekehrt. Er verhält sich verwerflich, nicht Sie.
  • Reduzieren Sie den Kontakt auf ein Minimum. Wenn Sie im Ausland sind und der KGB schreibt Ihnen oder ruft Sie an – machen Sie Screenshots und blockieren Sie ihn sofort. Wenn Sie in Belarus sind, bitten Sie um Bedenkzeit, berufen Sie sich auf Ihr Befinden, auf Arbeitsauslastung oder private Angelegenheiten, stellen Sie Rückfragen („Wie kann ich überprüfen, ob Sie tatsächlich vom KGB sind?“,und „Was, wenn ich für die Erfüllung Ihrer ‚Aufgaben‘ festgenommen werde?“). Seien Sie ein:e möglichst unbequeme:r und aussichtslose:r Gesprächspartner:in.
  • Je länger der Kontakt anhält, desto mehr Material für Manipulation hat der/die Werber:in in der Hand und desto schwerer kann man Ihnen helfen. Informieren Sie daher sofort Ihre Kolleg:innen und Ihre Familie und suchen Sie Unterstützung, bleiben Sie nicht allein mit diesem Problem. 

Wenn Silowiki oder Geheimdienste Sie über die Handynummer Ihrer Eltern oder sonstiger Angehöriger in Belarus kontaktieren (sich also mit denen direkt in Kontakt gesetzt haben), antworten Sie nicht auf Nachrichten und heben Sie möglichst nicht ab. Wenn Sie doch abheben, bleiben Sie höflich, verweigern Sie das Gespräch nicht vehement, und sprechen Sie nur über Dinge, die ohnehin öffentlich sind. Man wird Sie vielleicht unter Druck setzen und drohen, wenn Sie nicht kooperieren, werde es „allen schlecht ergehen“. Was Sie darauf antworten, ist absolut unerheblich. Sie können zustimmen oder ablehnen – und in weiterer Folge den Kontakt vermeiden.

Geben Sie unter keinen Umständen Bestätigungs-Codes an Geheimdienste weiter, die Sie eventuell auf Telegram oder andere Messengerdienste geschickt bekommen.

Nach einem erzwungenen Gespräch können Sie die Nummern Ihrer Angehörigen blockieren, um solche Anrufe in Zukunft zu verhindern.

Wie man sich im Voraus vorbereitet 

  • Vereinbaren Sie im Vorhinein mit Ihren Freund:innen und Angehörigen ein Codewort oder eine Frage-Antwort-Folge, mit der Sie Ihnen unauffällig verständlich machen können, dass Silowiki anwesend sind oder sie unter Druck setzen. Überlegen Sie sich auch eine alternative Kontaktmöglichkeit, um in einer solchen Situation sichergehen zu können, dass bei Ihren Lieben alles in Ordnung ist.
  • Bedenken Sie, dass jegliche Art von Aktivismus früher oder später die Aufmerksamkeit der Geheimdienste auf sich zieht. Vergangenes lässt sich nicht verbergen – machen Sie sich das bewusst und handeln Sie in der Gegenwart danach.
  • Gehen Sie mit Ihrer öffentlichen Sichtbarkeit bewusst um: Welche Informationen können Sie verschweigen oder beschränken, ohne davon berufliche Nachteile zu haben? Und halten Sie sich konsequent daran. Wenn Sie zum Beispiel anonym arbeiten und keine Interviews geben, dann treten Sie auch nicht im Namen Ihrer Organisation auf Konferenzen auf.
  • Erzählen Sie Ihrer Familie und ihren Freund:innen in Belarus nicht von Ihrem Aktivismus, genau wie zufälligen Bekanntschaften – Taxifahrer:innen, Handwerker:innen und dergleichen. Halten Sie eine neutrale Antwort auf die Frage parat, was Sie von Beruf sind, zum Beispiel „Jurist“ statt „Menschenrechtsaktivist“ oder „ich schreibe und redigiere Texte“ statt „ich bin Journalistin“. Bewahren Sie sich ein ruhiges, aber konsequentes Misstrauen gegenüber Leuten, die Sie nicht gut kennen.
  • Machen Sie sich Ihre wunden Punkte bewusst – sexuelle Orientierung, Eigentum, Verwandte in Belarus – und überlegen Sie im Vorhinein, wie Sie sie schützen können.
  • Achten Sie darauf, dass weder bei Ihnen selbst noch bei Ihren Verwandten in Belarus verbotenes Material zu finden und Ihr Handy immer „sauber“ ist.
  • Entwickeln Sie auf Organisationsebene eine eigene Strategie und entsprechende Anweisungen und bestimmen Sie eine Kontaktperson, an die man sich wenden kann, wenn es zu einer Kontaktaufnahme durch Silowiki kommt. Verbindungen zu Menschen zählen in einer solchen Situation zu den wertvollsten Ressourcen.

Wenn etwas schiefgeht

Wenn Sie anders reagiert haben, als Sie wollten – kein Grund zur Verzweiflung. Versuchen Sie, den Schaden zu minimieren: Erzählen Sie möglichst schnell der Leitung Ihrer Organisation oder jenen, die betroffen sein könnten, von dem Vorfall. So etwas passiert, und es ist nicht das Ende.

Wenn Sie mit einem Anwerbungsversuch konfrontiert waren und nicht wissen, was Sie tun oder wem Sie vertrauen sollen, bleiben Sie mit diesem Thema nicht allein. Die Menschenrechtsexpert:innen von Wjasna helfen Ihnen gern beim Einordnen der Situation und können Ihnen Tipps zum weiteren Vorgehen geben. Sie sind im Chat auf Telegram erreichbar.

Wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen wollen oder eine Frage zu Mediazona haben – schreiben Sie jederzeit an unsere Redaktion.